Die Unehrlichkeit einer säkularisierten Gesellschaft

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FeiertagMehrheitliches „Ja“ zu kirchlichen Feiertagen…

 

Ausschlafen, Faulenzen, Nichtstun: Die Deutschen lieben ihre Feiertage aus den unterschiedlichsten Gründen. Und sie sind deshalb auch nicht bereit, auf sie zu verzichten. Wenngleich eine immer größer werdende Zahl an Bundesbürgern keiner Religionsgemeinschaft mehr angehört, wünschen sich über 60 Prozent von ihnen die Beibehaltung kirchlicher Feiertage. Das ergab eine Umfrage im Auftrag der Evangelischen Nachrichtenagentur „idea“, die das Markt- und Sozialforschungsinstitut INSA-Consulere durchführte. Nur knapp 20 Prozent der gut 2000 Befragten äußerten demnach die Bereitschaft, auf entsprechende Feiertage ersatzlos verzichten zu wollen.

 

Dabei war unter den jüngeren Menschen die Offenheit größer, kirchliche durch weltliche Feiertage zu ersetzen. Insgesamt schloss sich aber auch dieser Idee nur ein Drittel der Befragten an. Fast die Hälfte der Teilnehmer an der Umfrage betonte, dass das Begehen kirchlicher Feiertage wichtig sei, um die christlich-jüdische Tradition im Land aufrechtzuerhalten. Das verblüfft angesichts der ständig steigenden Zahl an Kirchenaustritten, verdeutlicht aber auch eine gewisse Unehrlichkeit der deutschen Gesellschaft, die sich generell noch immer schwer tut mit ihrer Distanz zur Obrigkeit: Der soziale Druck lässt Menschen, die sich innerlich schon lange von der Kirche verabschiedet haben, auch weiterhin an ihr festhalten.

 

Und so sind selbst die Ergebnisse der genannten Umfrage nicht wirklich verwunderlich: Die Deutschen bangen nicht nur um ihre freien Tage, sie sehen die Kirche auch noch immer als Instanz an, von der man nicht vollkommen ablassen möchte. Wenngleich viele Bürger nicht einmal genau wissen, warum die Gesellschaft Weihnachten, Ostern oder Pfingsten feiert, die willkommene Auszeit an den Feiertagen will kaum jemand aufgeben. Dabei gäbe es genügend weltliche Anlässe, zugunsten derer man einen Feiertag ausrufen könnte. In einer säkularisierten Gesellschaft sind es Werte wie Vernunft, Freiheit und Toleranz, die es zu würdigen gilt – dazu bedarf es weniger Glaubenskraft als einem „König in Windeln“ zu huldigen, dessen Lebensgeschichte zwar eindrücklich sein mag, der gleichsam aber mehr polarisiert, statt eint.

 

Kirchliche Feiertage, sie besitzen nur noch für eine Minderheit der Bevölkerung den Stellenwert, der nötig wäre, um sie weiterhin als allgemeinverbindlich zu rechtfertigen. Doch der politische Wille fehlt, sich an eine Neuorientierung zu wagen: Die Illusion, man benötige die Kirchen, um den eigenen Machteinfluss aufrecht zu erhalten, sie plagt die Parteien auch weiterhin. Deshalb ist nicht damit zu rechnen, dass auf absehbare Zeit einer der kirchlichen Feiertage fällt. Im Gegenteil: In den Köpfen vieler Politiker kreist die Hoffnung, dass die religiöse Rückbesinnung im Land doch endlich einsetzen möge. Immerhin hat man mit den Kirchen einen verlässlichen Partner gefunden, der dem Staat gerade im Sozialwesen merklich unter die Arme greift – wenngleich er sich seine Dienstleistungen ordentlich bezahlen lässt.

 

Die Kirchen zu brüskieren, das wäre das Letzte, was sich manch ein Abgeordneter in den Parlamenten vorstellen kann. Die staatsrechtlich hoch bedenkliche Partnerschaft zwischen Kirche und Staat, sie gedeiht in Deutschland prächtig. Insofern wird es auch weiterhin bei der Fokussierung auf kirchliche Feiertage bleiben. Die Bevölkerung scheint ohnehin keinen großen Handlungsbedarf zu sehen. Man nimmt die die Vorzüge der Freizeit einfach mit, ohne sich dabei Gedanken darüber zu machen, ob einem weltlich orientierten Gemeinwesen das Festhalten an religiösen Festivitäten überhaupt zuzumuten ist. Das Aufoktroyieren christlicher Traditionen dürfte dem Bürger gleichgültig sein, solange ihm aus dem Zwang, aus religiösen Beweggründen heraus einen Ruhetag einlegen zu müssen, keine Nachteile entstehen.

 

Dabei wäre es ein Zeichen fortschrittlicher Aufklärung, wenn Deutschland manch einen kirchlichen Feiertag auf den Prüfstand stellen würde. Die Auswahl an Alternativen ist riesig: Allein das Gedenken namhafter Persönlichkeiten, die sich für Demokratie, Gewaltenteilung und Menschenrechte eingesetzt haben, würde ausreichen, um von Fronleichnam bis zu Allerheiligen mehrere christliche Feiertage zu ersetzen. Die Gemütlichkeit der deutschen Bevölkerung, möglichst nichts am Bestehenden ändern zu wollen, sie zementiert das Festhalten an einem religiös angehauchten Staatswesen, welches nicht mehr repräsentativ für die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse ist. An der Stellschraube der kirchlichen Feiertage zu drehen, es würde bedeuten, das Korsett christlicher Bevormundung zu lösen…

 

Dennis Riehle

Martin-Schleyer-Str. 27

78465 Konstanz

 

Webpräsenz:

www.Dennis-Riehle.de

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