Rudolf Burger: „WOZU GESCHICHTE? Eine Warnung zur rechten Zeit“

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Wozu GeschichteRezension von Prof. Anton Grabner-Haider, Religionsphilosoph, Univ. Graz.

 

Das Buch ist eine Neuauflage einer Ausgabe von 2013, es wurde durch ein Vorwort “zur rechten Zeit” aktualisiert. Es sammelt also Ideen und Zeitdiagnosen “aus rechter Sicht” und verpackt sie in den Mantel der Philosophie. Schließlich ist der Autor ein verbeamteter Schulphilosoph. Er schreibt im Geist der Pyrrhonischen Skepsis, doch dabei müsste er bedenken, dass dann alle seine Aussagen und Behauptungen nur einen Wahrheitswert von 50%, also Beliebigkeit erreichen. Zur Platonischen Skepsis konnte er sich nicht durchringen, denn dann würden seine Aussagen höhere oder niedrigere Wahrscheinlichkeit erreichen.

 

Die zentrale Behauptung lautet, wir sollten die “Geschichte” vergessen, weil wir gar nichts aus ihr lernen können. Im Sinne von F. Nietzsche und C. Schmitt wird argumentiert, dass wir aus vergangenen Ereignissen gar nichts für die Gegenwart erkennen können. Dass die Geschichte der Menschen keinen letzten Sinn hat, dass es in ihr keine ewige Wahrheit und innere Logik gibt und dass keine Objektivität in der Geschichtsschreibung möglich ist; das gilt nicht erst seit K.R. Popper in der gesamten Kulturwissenschaft als Binsenweisheit.

 

Der Autor folgert, dass jede Geschichtsdeutung relativ ist (was stimmt) und dass sie immer von politischen Machtverhältnissen bestimmt werde. Aber was ist mit der internationalen Geschichtswissenschaft in demokratischen Staaten, die nachweislich völlig frei ist von politischen Einflüssen? Damit greift der weise Philosoph die gesamte Geschichtswissenschaft an, die global optimale Arbeit leistet. Was würde der Autor sagen, wenn ihm die Historiker völlige Beliebigkeit unterstellten?

 

Rudolf Burger fordert auch, die Memoria-Kultur und Auschwitz-Pädagogik an den Schulen und in der Gesellschaft zu beenden. Die ganze Gedenkkultur und die Aufarbeitung von Schuld, die Trauerarbeit der Psychologen sei völlig sinnlos. Damit entwertet er die umfassende Arbeit der Psychologen und Pädagogen in allen demokratischen Ländern. Mit seiner Behauptung, dass “die Menschen” nichts aus der Geschichte lernen, verhöhnt er die 80 bis 85% der Gesellschaft, die nach eigener Überzeugung seit 60 Jahren viel aus der Geschichte der beiden Weltkriege gelernt haben.

 

Nach K.R. Popper, aber auch nach den Erkenntnissen der Biologie (F. Wuketits) lernen wir Menschen mehrheitlich ständig durch “trial and error”. Darauf basiert die biologische und die kulturelle Evolution. Nur eine kleine Minderheit will nichts aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, aber sie kann nur überleben im Schutz der lernbereiten Mehrheit. Der Autor legte diese Minderheit auf die ganze Gesellschaft um, das sei große Philosophie. Damit hat er sich von der kritischen Philosophie des Sokrates, Aristoteles, Kant und Popper völlig verabschiedet. Was die “rechte Zeit” angeht, sollte er einmal genau hinsehen, was die politische “Rechte” in der Französischen Nationalversammlung von 1789 wirklich angestrebt hat. Aber laut Pyrrhon kommen seine Behauptungen über den Wahrheitswert von 50% nicht hinaus. Für einen Skeptiker wäre eine geistvollere Provokation möglich gewesen.

 

Rudolf Burger: „WOZU GESCHICHTE? Eine Warnung zur rechten Zeit“

Verlag Molden/Styria, Wien 2018, ISBN 978 3233 150272

 

(Prof. Anton Grabner-Haider, Religionsphilosoph, Univ. Graz)

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Eine Antwort auf Rudolf Burger: „WOZU GESCHICHTE? Eine Warnung zur rechten Zeit“

  1. Dass es Menschen gibt, die aus der Geschichte nichts lernen, ist bei Rechtsreaktionären, Rechtsextremisten, bei Freunden von Diktatur und Despotismus sowie bei Verteidigern oder Sympathisanten von Menschenrechtsverletzungen (die es auch auf der vermeintlich linken Seite des politischen Spektrums gibt, insbesondere wenn bestimmte Religionen oder Weltanschauungen im Spiel sind) besonders augenfällig …

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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