Altern, Sterben und Tod aus Sicht der Naturwissenschaften

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AlternRezension von Siegfried R. Krebs: WEIMAR. (fgw) Vom Theologie-Studenten zum Naturwissenschaftler, diesen nicht ganz alltäglichenWeg ist Oliver Müller (geb. 1965) gegangen. Warum das so war und welche Erkenntnisse er durch diesen fundamentalen Wechsel gewonnen hat, das hat er in seinem Buch „Altern.Sterben.Tod“ aufgeschrieben.

Der inzwischen doppelt promovierte (Dr.rer.nat. und Dr.med.) Professor Müller fand in seinem ersten Studium der evangelischen Theologie, begonnen aufgrund der Indoktrination im schulischen Religions-und Konfirmandenunterricht, nicht die Antworten auf die für ihn besonders wichtige Frage: „Ist das Leben vor dem Tod vielleicht nur eine Art Vorbereitung auf die viel wichtigere Existenz nach dem Tod? (…) Doch je mehr ich mich in das Studium der christlichen Ideen vertiefte, desto mehr erkannte ich, daß man als religiöser Mensch viele teilweise widersprüchliche Prämissen im wahrsten Wortsinne glauben, also unbewiesen übernehmen muß." (S. 16) Also wandte er sich dem Studium der Physiologischen und Bio-Chemie sowie der Medizin zu. Dort habe er „die Moleküle, Zellen und Strukturen sowie die molekularen und zellularen Vorgänge kennen gelernt, die einen lebenden Körper ausmachen." (S. 16-17) Leider seien solche grundlegenden naturwissenschaftlichen Erkenntnisse aber noch nicht bei vielen Menschen angekommen. Daher habe er dieses Buch geschrieben.

Müller hat dieses Buch, man kann es mit Fug und Recht ein Kompendium nennen, in vier eigenständige Kapitel, die auch für den Laien verständlich geschrieben sind, gegliedert. Der Autor faßt darin die jeweiligen wissenschaftlichen Kenntnisse und Erkenntnisse sowie Definitionen zusammen. In Kapitel 1 geht es um Grundlegendes zum Thema Leben, insbesondere dem individuellen menschlichen Leben. Das zweite Kapitel befaßt sich mit organischen Altersprozessen sowie den Alterskrankheiten. Auf beide Kapitel soll hier aber nicht näher eingegangen werden.

Im dritten Kapitel werden schließlich u.a. detailliert die einzelnen Phasen des Sterbeprozesses beschrieben. Für den Inhalt mögen einige weitere Stichworte genügen: „Das Sterblichkeitsparadoxon", Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit und deren Auswirkungen, komplexe Angst vor Sterben und Tod oder Entwicklung der Lebenserwartung.

Jedes individuelle Leben, nicht nur das des Menschen, endet mit dem Tod, den der Autor als einen besonderen Zustand bezeichnet. Diesem Zustand widmet er das vierte Kapitel und beschreibt ihn darin anhand von acht Prinzipien.

In Zusammenhang damit geht Müller in Kapitel 4 neben der Wertung von Nahtod-Erfahrungen eingehend und objektiv argumentierend auch auf christlich-religiöse Dogmen, wie „Leben nach dem Tode", „Seele" und Seelenwanderung" ein. Wissen oder Glauben – was ist richtig?

Zu den vieldiskutierten Nahtoderfahrungen (im christlich geprägten Kulturkreis) schreibt Müller: „Vor allem die Inhalte der Nahtoderfahrungen werden als Einblicke in eine jenseitige oder überirdische Welt interpretiert oder auch als Eindrücke empfunden, die aus einer solchen Welt induziert und beeeinflußt werden. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um subjektive Auslegungen, die auf Wunschvorstellungen oder bereits im Vorfeld etablierten Weltanschauungen beruhen. Ein objektiver Blick auf Nahtoderfahrungen zeigt, daß die meisten Aspekte durch genaue Analyse der jeweiligen Nahtoderfahrung oder auch auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse erklärt werden können." (S.267)

Und obwohl manches an solchen Erfahrungen unerklärlich sei, argumentiert Müller – ganz wissenschaftlich, daß solche Erfahrungen „allerdings noch kein Beweis für eine generelle Weiterexistenz nach dem endgültigen Tode" seien (S.270). Wissenschaft ist eben im Unterschied zu Glauben nichts Statisches, sondern sie lebt davon, daß die Menschen immer wieder neue Erkenntnisse gewinnen bzw. vorhandene Erkenntnisse vertiefen. So würden aufgrund jetzigen Wissens Neurowissenschaftler und Psychologen solche Nahtoderfahrungen grundsätzlich mit anderen intensiv erlebten Träumen gleichsetzen.

Müller seinerseits folgert: „Die Individualität der Nahtoderfahrungen spricht gegen eine einzige jenseitige Welt für alle." Dazu führt er weiter aus: „Ein Ausweg aus dem Konflikt zwischen Individualität der Nahtoderfahrungen und einem Jenseits für alle wäre jeweils ein spezielles Jenseits für eine bestimmte Menschengruppe oder sogar für ein eigenes Jenseits für jeden einzelnen Menschen. Aber das würde zu weiteren Fragen und Ungereimtheiten führen, wie z.B. zu der Frage, ob und wie ein Weiterexistierender in seinem ganz eigenen Jenseits andere Weiterexistierende treffen kann." (S. 271)

In ähnlicher Weise nähert sich der Autor „der alten Menschenheitsfrage: Gibt es ein Leben nach dem Tod?" auf den Seiten 274 – 277 und leitet so zur sogenannten Seelenlehre über. An dieser Stelle bezieht Müller nicht nur das Christentum (nebst älterem Judentum und jüngerem Islam) in seine Betrachtungen ein, sondern kurz auch Hinduismus und Buddhismus. Das aber ist zugleich sein Manko, denn nichtreligiöse Weltanschauungen oder Moralphilosophien (Konfuzianismus) kommen bei ihm leider nicht vor. Da wirkt wohl auch bei ihm als gestandenem Wissenschaftler noch die frühkindliche Indoktrination durch Religionslehrer nach… Dennoch geht er etliche Seiten später auf die Seele aus Sicht der Wissenschaft ein. Die von Theologen behauptete Unsterblichkeit und Körperlosigkeit der Seele werfe, ja provoziere viele Fragen, führt er aus, so z.B. diese vier:

„Warum verläßt die Seele ausgerechnet zum Zeitpunkt des Lebensendes den Körper und existiert dann länger als der Körper, mit dem sie so lange Zeit verbunden war?

Warum ist ausgerechnet die menschliche Seele unsterblich?

Wo waren die Seelen vor der Entstehnung des Menschen?

Wohin gehen die Seelen, wenn es kein Leben mehr geben wird?" (S. 294)

Müller führt dazu u.a. aus: „Zu allererst widerspricht eine körperlose Weiterexistenz der Seele schon der einfachen Logik. (…) Das Gehirn ist nur eines von vielen Organen unseres Körpers. Warum sollte ausgerechnet eine einzige Funktion dieses Organs in Form der Seele unabhängig vom Organ und unabhängig vom restlichen Körper weitergehen?" (S. 295)

Schlußfolgernd schreibt er dann weiter: „Und solange Menschen über das Sterben und den Tod nachdenken, werden sie auch der Seelenlehre und ihren verschiedenen Varianten folgen, um an eine unsterbliche und körperunabhängige Seele glauben zu können. Denn diese Lehre strahlt einfach eine zu große Faszination aus, als daß der Glauben daran 'nur' durch objektive und wissenschaftliche Argumente gelöscht werden kann. Allerdings steht ein solcher Glaube aus heutiger Sicht außerhalb jeder logischen Argumentation und Wissenschaftlichkeit." (S. 298)

In seinen Schlußbemerkungen geht Müller nochmals auf die Grundfrage „Wissen oder Glauben?" ein und antwortet – mit einem Plädoyer für ein erfülltes diesseitiges Leben, daß für das individuelle Wohlbefinden angesichts der naturgegebenen eigenen Sterblichkeit sowohl wissenschaftliche als auch nicht-wissenschaftliche Herangehensweisen ihre Berechtigung bei der Beschäftigung mit dem Komplex Altern, Sterben und Tod hätten. Wichtiger sei es zudem, jedem Menschen ein würdevolles Sterben zu ermöglichen.

Siegfried R. Krebs

 

Oliver Müller: Altern. Sterben. Tod. Die Vergänglichkeit des Menschen aus naturwissenschaftlicher Sicht. 336 S.m.Abb. geb.m.Schutzumschl. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh 2019. 22,00 Euro. ISBN 978-3-579-01471-5

 
13.04.2019

Von: Siegfried R. Krebs

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