Die österliche Perspektive

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osternIm Nachgang betrachtet von Erwin Peterseil www.atheisten-info.at:

Über die schrieb der Linzer Bischof Manfred Scheuer am 20.4.2019 in den OÖNachrichten. Das war wieder einmal eine Gelegenheit, atheistische Kommentare einzufügen:

Der Weg des Glaubens ist nicht Lebensverneinung, sondern ein Weg in jene Freude, die durch Leben und Bot-schaft Jesu in die Welt kam. Manfred Scheuer zum Osterfest 2019. In einem Gräberfeld bei Lorch nahe Enns – dem römischen Legionslager Lauriacum – wurde 1952 das Grab einer jungen Frau freigelegt. An ihrem Skelett fand sich ein Bronzering, der eine besondere Prägung aufwies. Ein X ist mit einem P verwoben, was den griechischen Buchstaben Chi und Rho entspricht: Es sind die Anfangsbuchstaben des griechischen Wortes Christos. Wir wissen nicht, wer diese Frau war, ob sie hier geboren wurde, ob sie sich zufällig in Lauriacum aufhielt. Fest steht: Sie zählt zu den ersten Zeuginnen der Christenheit in Oberösterreich. Die Frau liegt heute innerhalb der Ba-silika St. Laurenz in Lorch bestattet. Über ihrem steinernen Sarg ist ein Spruch aus dem Buch Hiob eingraviert, das die tiefe Überzeugung ihres Glaubens ausdrückt: "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt." Die Römerzeit in unserem Land ist vor Jahrtausenden zu Ende gegangen. Der Glaube der jungen Lorcher Christin, den sie in Form eines Ringes buchstäblich am Körper getragen hat, ist in den Grundzügen nach wie vor derselbe, wie ihn die Christinnen und Christen 1700 Jahre später in Oberösterreich auch noch bekennen: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt, unser Erlöser lebt.

Ja, das macht Freude! Es gab damals schon echte Christen, die sich über den lebenden Erlöser Jesus freuten! Dabei war der Glaube an die Auferstehung des Jesus schon in der Urkirche ein Problem gewesen – wie in den Schriften des Apostel Paulus, dem tatsächlichen Gründer des Christentums, zu lesen ist, hier schon wieder einmal die Zeilen aus dem ersten Timotheusbrief: "Wenn aber verkündigt wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht? Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos." Der Glaube an die Auferstehung ist also die Grundla-ge des Christenglaubens, laut einer aktuellen Meinungsumfrage1 in Deutschland glauben bei einen Mitgliederanteil von etwas unter 54 % der deutschen Bevölkerung in den beiden christlichen Großkirchen an diese Auferstehung nur noch 18 Prozent. Da liegt die Sinnlosigkeitsquote bei Zweidritteln!

Zu Ostern feiern wir diese christliche Gewissheit, die doch zutiefst eine Frage des Glaubens ist. Wie mag es einer Christin im frühen 4. Jahrhundert mit einem derartigen Bekenntnis in einer Gesellschaft ergan-gen sein, die nicht christlich geprägt war? In der legendenhaften Erzählung über das Martyrium des hl. Florian, des ersten namentlich bekannten Christen in unserem Land, wird folgende Szene überliefert: Florian erwidert dem römischen Statthalter Aquilinus auf dessen Aufforderung, den römischen Göttern zu opfern: "Als ich noch irdi-schen Kriegsdienst versah,habe ich schon im Geheimen meinen Gott verehrt. (…) Bis heute habe ich den Befeh-len der Richter Folge geleistet. Ich habe gehorcht, wie es sich für einen Soldaten gehört. Zu einem Opfer an die Dämonen aber kann mich niemand überreden. Das hilft ihnen ohnedies nichts. Wahngebilde bete ich nicht an."

Die Story vom Heiligen Florian wurde rund 400 Jahre nach dem angeblichen Geschehen niedergeschrieben, von dort stammen auch die obigen Zitate.

Das, was der hl. Florian hier genauso furchtlos wie selbstbewusst vorträgt und was ihn schlussendlich das Leben kostet, ist vermutlich ein Vorwurf, mit dem Christinnen und Christen der Frühzeit wohl selbst vielfach konfron-tiert wurden: Der Glaube an den auferstandenen Christus, der hohe Ethos, das neuartige Phänomen der praktizier-ten Nächstenliebe, die Exklusivität des Anspruchs und der Wille zur universalen Verbreitung des neuen Glaubens – all das machte die Christen für die römischen Zeitgenossen in hohem Maße seltsam.

Im späten 4. Jahrhundert (380) wurde das Christentum im Dreikaiseredikt zur römischen Staatsreligion erklärt und alle anderen Religionen wurden verboten. Da war dann der auferstandene Jesus Glaubenspflicht und es dauerte bis ins Zeitalter der Aufklärung bis an der Jesusauferstehung wieder gezweifelt werden durfte. Das war der hohe Ethos im Zeitalter des Pflichtchristentums.

Für nicht wenige – vor allem gebildete Römer – waren die Glaubensinhalte der Christen selbst nichts anderes als Wahngebilde. Das betrifft natürlich auch den Glauben an ein Leben nach dem Tod. Auf einem Grabstein aus dem antiken Rom ist folgender Spruch zu lesen:

Wir sind nichts,

waren Sterbliche nur.

Der du dies liest, bedenke:

Vom Nichts ins Nichts

fallen wir in kürzester Zeit.

Für gebildete Römer war die Sache eben klar. Der Grabsteinspruch zeigt eine höchst reale Sicht der Welt und des Daseins, die Christenlehre lehrt heute noch das Gegenteil…

Der Mensch stirbt ins Nichts hinein, so die nüchterne Erkenntnis dieses unbekannten Schreibers. Eine Sicht, die sich in unserer Gegenwart ebenfalls in vielen Spielarten wiederfindet. Ein bekennender Atheist hat das unlängst so formuliert: "Ich beantworte die Frage nach dem Lebenssinn völlig ‚diesseitig‘: Ich strebe nach vorn, nach Glück, nach Momenten der Erfüllung, die mir das Leben selbst bietet. Und wenn es zu Ende ist, ist’s zu Ende. Punkt."

Der zitierte Atheistensatz stammt von Niko Alm, er sagte ihn im Frühjahr 2018 in einem Interview mit der Zeitschrift des Canisiuswerkes "Miteinander"2 zur Frage nach dem Sinn des Lebens.

Tatsächlich wäre unser Glaube ein Wahngebilde, wenn er sich der Realität des Todes verschließen würde. Es ist gerade der Todestag Jesu, der Karfreitag, an dem das verdeutlicht wird. Was tun wir, wenn wir an diesem Tag die Passion hören und das Kreuz verehren? Primär geht es hier nicht um den Tod, sondern um das Leben. Das Sterben und der Tod bündeln die Armut des Lebens. Buchstäblich wird da einem Menschen alles aus der Hand genommen. Der Tod ist dabei nicht bloß ein Ereignis am Ende des Lebens. Nicht erst in Todesgefahr oder in sogenann-ten Grenzsituationen werden wir uns unserer Sterblichkeit bewusst. Es gibt Erfahrungen, in denen sich die Minde-rung des Lebens zeigt und das Sterben ankündigt: Nicht-Angenommensein, Versagen im Beruf, Grenzen in der Leistungsfähigkeit, Misserfolg, Leiden, Krankheit, Enttäuschungen durch liebgewordene Menschen, Zu-kurz-Kommen, notwendige Entscheidungen, die andere Möglichkeiten ausschließen, Mitsein mit schwierigen und be-lasteten Menschen, finanzielle Desaster, Zerbrechen von Ehen und Freundschaften, Überforderung, Tod von Freunden. Überall da kündigt sich an: Du musst selbst sterben. Über diese Erfahrungen kann man sich nicht hin-wegtrösten.

So realistisch darf ein Katholik die Wirklichkeit natürlich nicht sehen. Der Herr Bischof versucht nun dem Tod mit diversen Problemen im Leben zu verbinden. Damit will er natürlich bloß die Verkündigung der christlichen Frohbotschaft vorbereiten.

Mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu jedoch verbindet sich die Hoffnung, dass alle kaputtmachenden Mäch-te und Kräfte, dass jeder Egoismus, dass alle Teufelskreise der Lüge und der Gewalt überwunden werden und dass die angesprochenen Erfahrungen des Todes mitten im Leben nicht das letzte Wort haben. Mit Ostern verbindet sich der Glaube, dass Gott über den Tod hinaus Gerechtigkeit und erfülltes Leben verheißt. Mit Ostern verbindet sich der Glaube, dass die menschliche Existenz nicht vom Tod, sondern von Geburt und Neubeginn her bestimmt werden kann.

Ja, hier ist der Ansatz zur Frohbotschaft, der Tod darf nicht das Ende sein, es muss was Besseres geben!

Die junge Christin von Lorch hat ihr Leben unter diese "neue" österliche Perspektive gestellt, die das Christentum geboten hat. Sie steht in der Linie der Vorfahren im Glauben, die den Glauben an den auferstandenen Jesus wei-tergegeben haben. Wir – die Christinnen und Christen unserer Tage – stehen in derselben Linie. Die Weitergabe unseres Glaubens ist die bleibende Herausforderung der Christen von Generation zu Generation. Gelingen wird es ihnen, wenn sie den Glauben an die befreiende Macht Gottes, der das Leben über den Tod hinaus garantiert, in Wort und Tat plausibel machen können. Gelingen wird es ihnen, wenn sie Perspektiven des Lebens in schier aus-sichtslosen Situationen aufzeigen können. Gelingen wird es ihnen, wenn sie – wie der hl. Florian – lebensfeindli-che Ideologien und Überzeugungen als Wahngebilde entlarven können. Der Weg des Glaubens ist nicht Lebensverneinung, sondern ein Weg in jene Freude, die durch Leben und Bot-schaft Jesu in die Welt kam und die sich durch seine Auferstehung als unbesiegbar erwies.

Diverse Himmelsgeschichten gab es seinerzeit natürlich auch in anderen Religionen. Etwa bei den alten Germanen, die sich nach dem Tode biertrinkend in Walhalla versammelten. Siehe anbei die Zeichnung von Emil Doepler aus dem Jahre 1905 (Wikipedia PD). Der Bischof bezieht sich auf eine Christin, die in einer Zeit lebte, in der man die Christenlehre tatsächlich aus Eigenem zu glauben hat-te und nicht, weil es Pflicht war! Aber jahrhundertelang erfolgte die Weitergabe des Glaubens danach mit Muss! Heutzutage ist es deutlich schwieriger geworden, den Glauben wei-terzugeben, weil der Glaube ist nun nicht mehr Bürgerpflicht! Mei-nereiner hat noch die Zeit erlebt, wo die Religionsfreiheit haupt-sächlich ein Artikel in der Verfassung war und keine Erscheinung des Alltagslebens! Meine Eltern glaubten nichts, aber das öffentlich zu manifestieren, wagten sie nicht, sie blieben zahlende Mitglieder der katholischen Kirche, lie-ßen ihre Kinder taufen! Als meinereiner 1968 vierzehn Tage vor der Erreichung der damaligen Volljährigkeitsgren-ze zwecks Kirchenbeitragsvermeidung aus der katholischen Kirche austrat, missbilligte das mein Vater, er meinte, wenn die ÖVP, die damals eine Alleinregierung unter Kanzler Josef Klaus führte, auch die nächsten Wahlen ge-winnen täte, dann könnte ich als Konfessionsloser berufliche Schwierigkeiten bekommen, meine Mutter blieb auch nach dem Unfalltod meines Vaters in der Kirche und zahlte noch 22 Jahre den Kirchenbeitrag, über den sie sich jedes Jahr sehr ärgerte. Auf die Frage, warum sie nicht ebenso austrete wie ihre Söhne, meinte sie, dass sie dann nicht in das Grab unseres Vaters am katholischen Friedenhof beigesetzt werden würde und das wolle sie durch die Weiterzahlung des Kirchenbeitrags vermeiden. Auf den Einwand ihrer Söhne, heute würde das doch wohl nimmer so gemacht werden, antwortete sie: "Buam, ihr kennt's die Pfoaff'n ned, denen trau ich alles zu!" Heute ist die Religionsfreiheit auch in der Form der Freiheit von Religion eine reale existierende Freiheit! Darum wurde die Glaubensweitergabe für die r.k. Kirche deutlich schwieriger und die Auferstehungsillusion besiegbar.

1) http://www.atheisten-info.at/infos/info4559.html

2) https://www.miteinander.at/almvsbeck

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