Eigenverantwortung in Gesundheitsfragen – Freiheitsrecht oder Missbrauchspotenzial?


EigenverantwortungDieser Artikel von Udo  Endruscheit erschien zuerst auf https://die-erde-ist-keine-scheibe.de/2018/05/02/eigenverantwortung-in-gesundheitsfragen-freiheitsrecht-oder-missbrauchspotenzial

I.

Bei Verfechtern einer „eigenverantwortlichen Impfentscheidung“ wie auch bei solchen, die Homöopathie „unter die Leute bringen“ wollen, beobachte ich seit einiger Zeit gleichermaßen eine diskreditierende Strategie gegenüber den jeweiligen Kritikern, mit der diesen Absichten zu einer „Beschneidung von Freiheitsrechten“, einer „Einschränkung der Therapiefreiheit“ und gar eine Nichtachtung demokratischer Regeln vorgeworfen wird. Gleichzeitig werden – hierzu spiegelbildlich – gegenüber der eigenen Klientel „bürgerliche Freiheitsrechte“, „Therapiefreiheit“ und „Patientenautonomie“ als emotionale Ankerpunkte gesetzt. Im Grunde reicht darauf die Entgegnung: Wer sich auf Autonomie und Wahlrechte der Patientenschaft beruft und gleichzeitig die für deren Wahrnehmung wesentlichen Informationen unterdrückt und verfälscht, gleich ob aus Unkenntnis oder aus Ignoranz, hat sein eigenes Argument schon ad absurdum geführt. Und ja: Beide genannten Fraktionen betreiben Faktenleugnung und Desinformation, dass sich die Balken biegen.

II.

Hier geht es mir aber um etwas anderes. Warum „wirken“ diese auf persönliche Freiheitsrechte, auf demokratische Prinzipien und ihren Erhalt abzielenden Argumentationen so sehr, dass sich so viele Menschen sich in diesen Kontexten tatsächlich auf sie berufen? Woher dieser Mentalitätswandel, von der tiefen Dankbarkeit bei der Einführung der Impfungen gegen Masern und Polio, die damals die Gesellschaft durchdrang bis zur heutigen Einstellung, die häufig unter Missachtung der objektiven Fakten den Vorrang der Individualität gegen jede Vernunft und auch gegen jede Solidarität als absoluten Wert hochhält?

Natürlich liegt ein Teil der Faktenresistenz beim Impfthema darin begründet, dass schlicht und einfach die drastischen Folgen epidemisch auftretender Kinderkrankheiten nicht mehr augenfällig sind. Aus den Augen – aus dem Sinn, so ist es nun einmal. Im Falle der Homöopathie ist es nicht so viel anders. Die Fälle, in denen die Homöopathie eine notwendige Behandlung verzögert oder gar verhindert, werden statistisch nicht erfasst und gelangen auch aus anderen Gründen in aller Regel nicht zur Kenntnis einer breiten Öffentlichkeit. Nicht im Auge – nicht im Sinn, müsste man hier sagen. Und die heutige medizinische Versorgung in einem – trotz aller Verbesserungsbedarfe – besten Gesundheitssysteme der Welt bildet für so manchen Anhänger von „sanft, natürlich und unwirksam“ letztlich eine hochwillkommene Rückversicherung.

Das Suggerieren, eine „eigenverantwortliche Impfentscheidung“ sei das Nonplusultra der modernen, selbstbewussten und demokratisch-freiheitlichen Familie, ist der Hauptaspekt der Impfgegnerschaft zur Beeinflussung ihrer potenziellen Klientel. So versteht es beispielsweise der Verein „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“, die epidemiologischen Erkenntnisse der Wissenschaft auf der Grundlage von Millionen von Impfungen, die zu den öffentlichen Impfempfehlungen führen, auf eine individuelle Problematik des Einzelfalles herunterzubrechen und daraus die absolute Notwendigkeit einer Einzelfallentscheidung von medizinischen Laien – den Eltern – abzuleiten. Niemand leugnet, dass jede Impfung eine Einzelentscheidung ist – natürlich, aber eben auf der breiten Basis der vorliegenden epidemiologischen Daten und unter Beurteilung der Impffähigkeit des Kindes. Aber nicht in dem Sinne, Risiken und Nutzen von Impfungen in jedem Einzelfall abzuwägen – das ist blanker Unsinn und würde – ernstgenommen – mehr Unsicherheiten in sich bergen als die Verlässlichkeit der vorhandenen epidemiologischen Daten. Jede Wette: Kein Fachepidemiologe würde eine solche Form der „eigenverantwortlichen Impfentscheidung“ für seine Kinder andenken. Aber – der Appell im eingangs geschilderten Sinne scheint Wirkung zu zeigen.

Die Homöopathie, obwohl es ihr ja nicht um die Verhinderung einer Maßnahme, sondern um die Förderung ihrer Methode durch die Schaffung eines größtmöglichen Marktes geht, argumentiert im Grunde genauso. Wir erleben derzeit in der laufenden Werbekampagne der Deutschen Homöopathie Union (DHU), dem deutschen Marktführer für homöopathische Mittel, einen ebensolchen lautstarken Appell an persönliche Einstellungen und Erfahrungen der geneigten Kundschaft vor der Folie der Eigenverantwortlichkeit für Gesundheitsbelange [1] , ausdrücklich wird diese Kampagne als „Eintreten für die Therapiefreiheit“ deklariert. Ebenso agiert die organisierte Homöopathielobby im Vorfeld des in Kürze stattfindenen Deutschen Ärztetages, der – angeregt vom Münsteraner Memorandum Homöopathie – über die Abschaffung oder Beibehaltung der „ärztlichen Zuatzbezeichnung Homöopathie“ beraten wird. „Therapiefreiheit“ wird beschworen (wer wollte die abschaffen?), auch in der simplifizierten Variante von „Die Leute wollen es aber“! Genauso wie bei den Impfgegnern wird dabei die wissenschaftliche Faktenlage ausgeblendet – in diesem Falle, dass Homöopathie niemals einen Wirkungsnachweis erbringen konnte und naturwissenschaftlich unplausibel ist, Dies geschieht zugunsten eines Appells an eine scheinbare Patientenautonomie (scheinbar, weil es sie nur unter einer faktenbasierten Information der Patientenschaft geben kann). Die DHU geht so weit, den Kritikern ihrer Kampagne, die auf den Unwert der Homöopathie als medizinische Methode hinweisen, direkte Angriffe auf die Therapiefreiheit zu unterstellen und in deren Kritik eine Verletzung demokratischer Freiheitsrechte zu sehen. [2]

III.

Die Absurdität all dieser Positionen spricht für sich und soll hier auch gar nicht – wiederholter – Gegenstand der Betrachtung sein. Vielmehr wollen wir nach diesen Beispielen auf die grundsätzliche Frage zurückkommen: Woher kommt diese Gewichtung des Freiheitlich-Individuellen, das selbstverständlich ein sehr hoher Wert an sich ist – aber angesichts wissenschaftlicher Fakten, wie in den Fällen der Impfgegnerschaft und der Homöopathie-Propaganda, sehr schnell in einen Aufruf zur Irrationalität umschlägt? Warum verfängt dieser Aspekt und bekommt bei vielen Menschen einen spontan höheren – vielfach emotionalen – Stellenwert als die zum Thema gehörenden wissenschaftlichen Fakten? Warum ist offenbar der Freiraum vorhanden, mit solchen Appellen die Faktenlage völlig in den Hintergrund geraten zu lassen?

In den letzten zwei Jahrzehnten ist auch das öffentliche Gesundheitswesen einem neoliberalen Gedanken zugeneigten Wandel ausgesetzt gewesen. Einerseits fand ein Abbau öffentlicher Gesundheitsdienstleistungen im Sinne eines „schlanken Staates“ statt, andererseits – als „Gegenstück“ – wurde erhöhte „Eigenverantwortung“ der Menschen auch in Gesundheitsfragen propagiert. Auch in dieses Bild gehört die heutige Ausprägung der oft beschworenen „Pluralität“ des Gesundheitswesens, der Selbstverwaltung und Eigenverantwortung der „Player“ im Konzert des öffentlichen Gesundheitswesens und die damit verbundene Scheu, notfalls klar Position für evidenzbasierte, wissenschaftliche Medizin zu beziehen. Gesundheitliche Aufklärung in Sachen Impfen, auch zu pseudomedizinischen Methoden, ist mit dem Austrocknen der Gesundheitsdienste „vor Ort“ ein Mangel geworden. Das gibt Raum einerseits für Verunsicherung der Menschen und andererseits für die Einflüsterungen von der hier in Rede stehenden „Eigenverantwortung“, ohne dass ein Gleichgewicht dazu durch eine wirkliche gesundheitliche Aufklärung vor Ort noch vorhanden ist.

Der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) ist in einem beklagenswerten Zustand. Gerade berichtet das Ärzteblatt darüber, dass selbst die übriggebliebenen Strukturen des ÖGD bei der Nachwuchsgewinnung „chancenlos“ seien. [3] Ein typisch neoliberaler „Erfolg“ der Ideologie vom Ausdünnen öffentlicher Dienstleistungen und der Zuweisung von „Eigenverantwortung“ an den Einzelnen, ob er nun fähig ist, eine solche überhaupt wahrzunehmen oder nicht. Und ja, die Zuweisung von „Eigenverantwortung“ wirkt, hat ihren Effekt auf den modernen Bürger – lockend verpackt in die glänzende Folie der autonomen Wahrnehmung demokratisch-freiheitlicher Bürgerrechte, aber ohne die solide Basis ordentlicher Sachinformation, wie sie beispielsweise ein gut funktionierender Öffentlicher Gesundheitsdienst leisten könnte.

So bleibt es letztlich mehr oder weniger privaten Initiativen überlassen, die notwendige Basisaufklärung wenigstens in Ansätzen zu leisten und den Desinformationskampagnen von interessierter Seite wenigstens hier und da entgegenzutreten. Dafür trifft sie dann, wie aktuell im Falle der DHU-Werbekampagne, der „Bannstrahl“, sie wollten allerlei undemokratisches Teufelszeug durchsetzen, von der Einschränkung der Therapiefreiheit bis zur Missachtung individueller Freiheitsrechte. Vielen Dank dafür.

IV.

Dieser Beitrag bezieht keine politische Position, sondern analysiert die Fakten. Gleichwohl könnten die Überlegungen dieses Beitrags – so rudimentär sie sind – zu einem grundsätzlichen Nachdenken darüber anregen, ob und wo sich Gewichte in der Gesundheitspolitik und in der Positionierung der Bevölkerung zu Gesundheitsfragen so verschoben haben, dass Kurskorrekturen notwendig sind.

Es könnte dabei sehr hilfreich sein, für eine Ausrichtung von Gesundheitspolitik die Ottawa-Charta [4] der Weltgesundheitsorganisation zur Hand zu nehmen. Diese fordert für alle Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung für ihre Gesundheit und die Möglichkeit, selbst Entscheidungen in Bezug auf ihre persönliche Gesundheit treffen zu können. Liest man dies richtig, ist dies eben keine Gebrauchsanweisung für eine neoliberale Gesundheitspolitik, die dem Einzelnen kurzerhand die Verantwortung überbürdet, die die öffentliche Hand durch den Rückzug aus elementaren öffentlichen Gesundheitsdiensten freisetzt. Man muss die Ottawa-Charta als Langzeitziel verstehen, dessen Erreichung voraussetzt, dass die Menschen überhaupt erst in die Lage versetzt werden, die angestrebte Eigenverantwortung wahrzunehmen: Durch solide öffentliche Aufklärungskampagnen, durch staatlichen Verbraucherschutz im Gesundheitswesen und die Verbreitung der Evidenzbasierten Medizin, die die wissenschaftlichen Grundlagen einer Therapie, die ärztliche Kunst des Behandlers und die wohlverstandenen Belange des Patienten gleichgewichtig berücksichtigt sehen will. Desinformation und emotionale Appelle von interessierter Seite statt faktenbasierter Aufklärung an die Adresse einer längst nicht verwirklichten, deshalb manipulationsfähigen Autonomie des Bürgers in Gesundheitsfragen sind ein Missbrauch des Eigenverantwortungsgedankens.


[1] https://homöopathie-natürlich.de/

[2] https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2017/10/11/homoeopathie-boom-flaut-ab

[3] https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/94844/Oeffentlicher-Gesundheitsdienst-sieht-sich-bei-Nachwuchsgewinnung-chancenlos

[4] http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0006/129534/Ottawa_Charter_G.pdf


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