Statement zu dem Buch „Die Reinsten“

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Die ReinstenIn Zeiten, in denen Bürger und vor allem verantwortliche Politiker immer noch an der von Menschen gemachten globalen Klimaerwärmung zweifeln und wir alle gewollt oder nicht einer irreparablen Wachstumsagenda folgen oder Technokraten glauben, die Folgen noch in den Griff zu bekommen, muss ausgesprochen werden, worauf wir uns in unserem rollenden Zug ohne Bremssystem hinbewegen. Die Gesellschaft sollte wissen, welche größten Schäden möglich sind, und wie wahrscheinlich sie wirklich sind. Der Klimawandel ist in Realität nur die Spitze des kompletten Ressourcenverbrauchs. Also unseres Konsums!

2017 veröffentlichte David Wallace Wells in dem US-Magazin New York einen Beitrag indem er brutal das Äußerste schildert. Warfen ihm in der Folge manche Wissenschaftler vor, er hätte einen „Klima-Porno“ verfasst, war dies lediglich die Reaktion auf WallacemWells Vorwurf, das die Wissenschaft ihre eigenen Ergebnisse weichspülen würden. Die Resonanz auf seinen Artikel war enorm hoch, obwohl er selbst seinem Publikum einen Mangel an Vorstellungsvermögen vorwarf. Die These, dass ein großer Teil der Menschen auf Panikmache mit Rückzug und Resignation reagiert, ist genauso falsch, wie die These der kritischen Masse der Information, die zu einer gesicherten Reaktion führt. Nicht zuletzt deshalb fragt sich auch der indische Autor Amitav Ghosh in die The Great Derangement warum Erderwärmung und Naturkatastrophen nicht zu den großen Themen der zeitgenössischen Literatur gehören — warum wir nicht imstande sind, uns die Klimakatastrophe vorzustellen.

Ich gehe davon aus, dass die Wahrnehmung und Akzeptanz einer abstrakten Bedrohung funktioniert, wenn folgende Bedingungen erfüllt werden.

  1. Eine emotionale Nähe und Verbindung zum Thema
  2. Vertrauen gegenüber der Quelle
  3. Bezug zur eigenen Identität und sozialen Position
  4. Aufarbeitung und Klarheit zur psychologischen Distanz und/oder Nähe zum Thema

Es ist Zeit Wissenschaftler und Betroffene zu Wort kommen zu lassen, die hinter verschlossenen Türen längst zu apokalyptischen Schlussfolgerungen kommen, denn es gibt bisher kein einziges plausibles globales Programm, um den sich beschleunigenden ökologischen und sozioökonomischen Niedergang zu stoppen. Wir müssen die Vereinten Nationen stärken und der Globalisierung ein globales Notstandsprogramm entgegenstellen. Wir sind in einem globalen Notstand!

 

Ausgerechnet in Zeiten der mit Abstand größten Bedrohungslage für den Fortbestand der Menschheit, geraten seriöse Wissenschaftler, und ja auch ich unter Beschuss. Statt aufzubegehren, neigen sie plötzlich unter dem Aufstieg einer populistischen und aufklärungsfeindlichen politischen Strömung zu einer gefährlichen Vorsicht!

Obwohl weitaus mehr Wissen vorhanden ist und Menschen ahnen, was die Stunde geschlagen hat, gelingt es bisher kaum dieses Wissen, dieses „Prinzip von Verantwortung“ (Jonas/ Fromm) in konkrete Vorstellungen und dann in internationale, nationale Abkommen und individuelle Handlungen zu transformieren.

Alle mir bekannten Prognosen, betreffen auch die politischen und gesellschaftlichen Systeme. Die Effektivität der kürzesten Regierungsform unserer Geschichte, die liberale Demokratie steht gerade mal am Anfang der wirklichen Krise schon zur Disposition, da sie außer einer Wachstumsdoktrin, keine sozioökonomischen Lösungen mehr hervorbringt. Der Schutz der Bürger ist aber die Grundlegitimation von Staatlichkeit schlechthin. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten werden durch die Folgen des Klimawandels und anderen ökologischen Veränderungen Bürger- und Menschenrechte massiv unter Druck geraten.

Für unseren Fortbestand und unsere humanistische Entwicklung ist es an der Zeit eine Bilanz zu ziehen und uns ehrlich den gesamten ökologischen und ökonomischen Herausforderungen zu stellen und sie konsequent zu Ende zu denken.

Es geht darum, längst vorhandene Ahnungen und Vermutungen durch realistische wissenschaftliche Wahrscheinlichkeiten Gewissheit werden zu lassen und in der Folge richtig einzuordnen. Die Zahl von Veröffentlichungen, die ihre Leser versuchen mit Appellen und gar Drohungen zu erreichen, haben bisher wenig Wirkung hinterlassen. Dafür ist der Mensch evolutionär nicht vorbereitet, es widerspricht geradezu seiner Natur. Der Mensch ist biologisch darauf gedrillt auf kurzfristige Bedrohungen zu reagieren, aber intellektuell muss er sich nun endgültig auf sein oder das Ende der kommenden Generation vorbereiten.

Eines unserer zentralen (kollektiven) Wahrnehmungsprobleme ist, dass nicht nur mit dem Klimawandel, sondern in der Gesamtheit aller für das Ökosystem relevanten Faktoren, Kaskaden losgetreten werden und längst wurden, die, sobald sie einmal ihre volle Wirkungsmacht entfaltet haben, keine Option für eine Umkehr zulassen. Was wir als kurzfristige Bedrohung wahrnehmen, ist längst zu einer irreparablen Entwicklung mutiert, die das uns bekannte Leben unmöglich machen wird.

Es ist nicht mein vordergründiges Anliegen einen weiteren Appell zu verlauten, keine Anschuldigungen, keine Wertungen oder politische Statements, nichts davon. Das bringt keinen zusätzlichen Sinn oder Nutzen mehr, denn Lösungen sind vorhanden, werden aber nicht vordergründig publiziert und thematisiert.

Wir brauchen eine von Angst befreite Debatte. Das öffnet mit einer höheren Wahrscheinlichkeit den Raum, dass wir weltweit so radikal wie in keiner Epoche zuvor umdenken und das scheinbar Unmögliche einfordern und die Welt neu erschaffen.

Alan Weisman wagte 2009 den weltweit beachteten Versuch die Welt ohne den Menschen zu betrachten. Er folgte der nüchternen und fiktiven Annahme, der Mensch würde mit allem was er erschaffen hat von einem Augenblick auf den anderen verschwinden. Er tat dies in der Absicht zu erklären, wie lange es dauern würde, bis auch die letzten Spuren der modernen Zivilisation von der Natur zurückerobert, verdaut und aufgelöst wären. Sowohl sprachlich wie auch durch die gewählte Form der Darstellung, gelang es ihm bei einer großen Leserschaft indirekt ein Bewusstsein für die zerstörerische Wucht unserer Lebensweise zu schaffen und gleichzeitig die tröstliche Botschaft zu vermitteln, dass in nur zehn Millionen Jahren auch der letzte Rest von uns verschwunden und der Planet in einer neuen evolutionären Station ankommen würde.

 

Greifen wir doch diese Idee auf und beschäftigen uns einmal damit, wann wir oder ein überwiegender Teil von uns tatsächlich vom Antlitz dieser Welt verschwindet und wie es aussehen könnte einen Neustart zu gestalten. Dafür habe ich den ersten Teil dieses Buches geschrieben. „Die Reinsten“

Der zweite Teil geht dann tiefer in die Lösungen über …..

 

Mit besten Wünschen für uns alle

Thore D. Hansen

www.thore-hansen.de

 

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