„Horizont und Hängematte - Verliebt in 100 eingewanderte Wörter“


Horizont und HängematteRezension Dr. Anneliese Pongratz:

Eine linguistisch und optisch ansprechende Reise mit Wortimmigranten

 

Ohne eingewanderte Wörter wäre unsere Sprache ärmer. Wir würden einen Teller Schnürchen essen, einen gestreiften Ziehüber tragen und nachdenklich auf die Grenzlinie zwischen Himmel und Erde schauen“. Wir hätten keine Spaghetti, keinen Pullover und keinen Horizont – wie schade! In ihrem Buch „Horizont und Hängematte“ stellt die NDR Redakteurin Katharina Mahrenholtz mit viel Witz und Wissen 100 in die deutsche Sprache aus anderen Sprachen, Ländern und Kulturen eingewanderte Wörter vor.

 

Alphabetisch von Adieu bis Zoff geordnet beschreibt die Autorin amüsant und kenntnisreich, wie, wann und von wo diese ursprünglich fremden Wörter den Weg zu uns gefunden haben. Ihre Bedeutung, Herkunft und Ankunft, ihre Reisewege und Synonyme sowie auch ihre zahlreichen Querverbindungen zu anderen Sprachen zeigen, wie sehr Kulturen interagieren und voneinander profitieren. Das Hauptthema des Buches bilden eingewanderte Wörter, die ein Fünftel aller Wörter der deutschen Sprache ausmachen, zusätzlich vermittelt die Autorin auch zu Erbwörter aus dem Alt- und Neuhochdeutschen, die sich über die Lautverschiebungen bis heute erhalten haben, einen guten Überblick.

 

Viele der eingewanderten Wörter haben weite Reisen hinter sich, einige, wie Tatoo, Tabu oder Kanake (Mensch), schafften es sogar von Polynesien über den Pazifik zu uns. In umgekehrter Richtung sind auch von uns Wörter wie Kaiser und Salat (kaisa/sala) beispielsweise bis Samoa gereist. Ein fremdes Wort wird dabei „so lange seiner fremden Art zum Trotze gewendet“ (Jacob Grimm), bis es wie ein heimisches aussieht. Die Wortveränderungen erfolgen meist über das Hören; Ohren vernehmen nicht immer das Gesagte. So z.B. beim Wort Porzellan, das aus Italien stammt und vom dort beheimateten weiß glänzenden Haus der Seeschnecke „porcellana“ seinen Namen hat. Dass es sich dabei um eine Herleitung vom Ferkel „porcella“ (pikanterweise auch eine Bezeichnung für die Vagina) handelt, sei nur am Rande erwähnt. Im Englischen („china“ für Porzellan) hält man sich da lieber an den Erfindungsort der Ware.

 

Der richtige Gebrauch mancher eingewanderter Wörter gestaltet sich nicht immer leicht, viele Wörter unterliegen im Laufe der Zeit einem Bedeutungswandel (sogar der Pullover), oder bezeichnen in verschiedenen Sprachen Unterschiedliches; auch Auf- (wie das dt. „salopp“ aus dem frz. nicht so freundlichen „salope“) bzw. Abwertungen sind die Regel. Vom Magazin über den Pudding bis hin zum Roboter aus Karel Capeks Theaterstück „R.U.R.“ aus dem Jahr 1920 – es sind spannende Geschichten, die hier erzählt werden – der Leser erhält wertvolle Einsichten und viel Hintergrundwissen zum Sprachwandel und Sprachgebrauch.

 

Die großes Lesevergnügen bereitenden Texte werden durch gleichfalls sehr gekonnt humorvolle Illustrationen von Dawn Parisi unterstrichen. Das Buch bietet eine linguistisch und optisch ansprechende Reise, die viel Freude bereitet.

Katharina Mahrenholtz & Dawn Parisi:

Horizont und Hängematte – Verliebt in 100 eingewanderte Wörter“

Dudenverlag Berlin, 2019