Narrative und Erkenntnisgewinn

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Religious-Symbols

Narrativen, sinnstiftenden Erzählungen, begegnet man in Gesprächen und Medienberichten beinahe täglich. Sinn und Zweck scheint es dabei nicht allein zu sein, irgendetwas zu erzählen, sondern einer Geschichte, einer Idee oder einer Behauptung ungeachtet ihres Wahrheitsgehalts oder ihrer Plausibilität durch häufige Wiederholung allgemeine Anerkennung zu verschaffen. Bisweilen kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich bei der Wiedergabe mancher Narrative um ein gedankenloses Nachplappern einer Erzählung handelt.

Eines dieser Narrative ist die These, dass es „den Islam“ nicht geben würde, sondern eine Vielzahl an Islamen. Worin sich diese in ihren Wesenskernen unterscheiden, wird meist nicht näher erläutert — es bleibt bei der bloßen Behauptung.

Nun könnte man annehmen, dass es zumindest einen sunnitischen und einen schiitischen Islam gibt, mit Untergruppierungen und Abspaltungen, von denen manche allerdings nicht als „islamsich“ akzeptiert sind. Beide unterscheiden sich jedoch lediglich in der (historischen) Begründung und Legitimierung ihres — insbesondere politischen und gesellschaftlichen — Machtanspruchs. Auch handelt es sich teils um Interpretationen, mehr oder minder strenge, dogmatische Auslegungen, Lesarten. All diese Untergruppen, Abspaltungen und Interpretationen verbindet eine Gemeinsamkeit: sie stützen sich insbesondere auf eine Quelle, den Koran. Islame, die sich auf ein anderes „heiliges“ Buch als den Koran beziehen, sind mir nicht bekannt — was nicht heißen soll, dass es sie nicht geben könnte. Nur habe ich von z.B. einem talmudischen, einem neutestamentlichen, einem kamasutrischen oder einem bhagavadgitischen Islam bislang nichts gehört.

Ob es hingegen überhaupt einen Islam gibt, egal welchen, kann man bezweifeln. Denn das arabische Wort «Islam» bedeutet „Sich-Ergeben“ (in den Willen Allahs), „Sich-Unterwerfen“ (unter Allah), „Sich-Hingeben“ (an Allah) — wobei das Wort „Allah“ (al-Lah) für «der Gott» steht.
Da man bei Allah — wie bei allen anderen Göttern und Göttinnen — keine Wechselwirkungen beobachten oder sonstwie feststellen kann, kann man Allah von etwas, das nicht existiert, nicht unterscheiden und darf annehmen, dass es Allah gar nicht gibt.

Ohne Allah jedoch auch kein „Sich-Ergeben“ in den Willen Allahs, kein „Sich-Unterwerfen“ unter Allah, kein „Sich-Hingeben“ an Allah — und somit gar kein Islam.

Es gibt allerdings eine Ideologie, die als Grundlage für ein patriarchalisch-despotisches Gesellschaftssystem herhält und der das Etikett «Islam» angeheftet wurde. Dies ist der „Islam“, der „Islam“ des Korans. Einen anderen habe ich nicht gefunden.

Das Narrativ von „dem Islam“, den es angeblich nicht gibt, führt zu keinem Erkenntnisgewinn — sooft es auch wiederholt werden mag.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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Beitragsbild:
Collage aus Symbolen mehrerer Religionen (eigenes Bild)

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2 Antworten auf Narrative und Erkenntnisgewinn

  1. Nun gut, meine Erkenntnisse stützen dies Narrativ nicht. Aber das spielt keine Rolle. Jeder vertritt hier seine eigene Meinung.

  2. Das von mir gewählte Beispiel („Den Islam gibt es nicht“) ist eher zufällig. Im Beitrag geht es primär und der Überschrift entsprechend um Narrative und Erkenntnisgewinn.

    Das von mir angeführte Narrativ wird oftmals vernwendet, ohne dass es durch Argumente untermauert würde. So habe ich es erst letzten Samstag bei einem Gespräch in Freising erlebt.

    Es gibt andere Narrative, auf die das gleiche zutrifft [*] — sie werden einfach immer und immer wieder aufgesagt, aber eine Untermauerung durch Argumente wird nicht vorgebracht. Es sind somit inhaltsleere Narrative ohne Erkenntnisgewinn. Das ist es, was ich in dem Beitrag kritisiere.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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    [*] Wenn ich diese Behauptung oft genug wiederholen würde, könnte daraus ebenfalls ein inhaltsleeres Narrativ werden. Ich würde dann allerdings Argumente anbringen, um es zu untermauern. Dann wär's nicht länger inhaltsleer.

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