Wenn der Jasmin auswandert – Die Geschichte meiner Flucht

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JasminRezension von Gerfried Pongratz:

 

Ein 25jähriger Syrer erhält den Einberufungsbefehl zur syrischen Armee und beschließt, finanziell unterstützt von der Großfamilie, mit Hilfe von Schleppern nach Europa zu flüchten, was ihm unter dramatischen Umständen gelingt – seit 2015 lebt er in Salzburg. Mit wenigen Worten zusammengefasst bildet dies den Inhalt eines faszinierenden und berührenden Buches, das man nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen mag.

 

Es gibt nichts Authentischeres, als wenn die Objekte, über die berichtet wird, zu Subjekten werden, die sich selbst Gehör verschaffen…“ meint im Vorwort der bekannte Nahost-Journalist Karim El-Gawhary und fügt hinzu, „…,dass die Leserinnen und Leser wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, sich solche Szenen überhaupt vorstellen zu können. Da ist der brutale Syrien-Krieg plötzlich zum Anfassen“.

 

Mit eindrücklicher Intensität beschreibt der 1989 geborene Jad Turjman sein Leben in seiner geliebten „Stadt des Jasmin“, Damaskus. Vor dem Krieg weitgehend unbeschwert als Magistratsbeamter mit Familie, Freunden und Freundin, nach Kriegsbeginn unter Bombenhagel, Entführungs- und Ermordungsgefahr, unter ständiger Anspannung und Angst. Er beleuchtet die Veränderungen der Bewohner, die sie dazu bringen, „elastische Seelen“ und Lebensstile zu entwickeln, die ihnen trotz Angst, Leid und Elend ein zumindest einigermaßen normales Leben ermöglichen. Auch Turjmans Leben verlief unter diesen Umständen und mit diesen Einschränkungen „fast normal“, bis ihn am 5. November 2014 der Einberufungsbefehl erreicht, wobei er keine Sekunde daran denkt, für einen Potentaten zu kämpfen, den er, wie die anderen Konfliktparteien – „zutiefst korrupt und mit dem Blut Unschuldiger befleckt“ – verachtet und ablehnt. Flucht ist die einzige Möglichkeit, dem Horror – und wahrscheinlich eigenen Tod – zu entgehen: „Dieser Krieg und alle Beteiligten sind verflucht“ (S. 169).

 

Über Facebook sucht Jad Turjman Kontakte zu Schleppern, deren Tricks, falsche Versprechungen, nicht eingehaltene Zusagen, schlecht gemachte gefälschte Pässe etc. er an mehreren Stellen im Buch beschreibt. Die Geschleppten sind ihnen hilflos ausgeliefert und werden brutal ausgebeutet; um die zurückgebliebenen Familien nicht zu beunruhigen, werden ihnen die daraus resultierenden Gefahren oftmals nicht mitgeteilt, was Schlepperorganisationen erleichtert, weitere Opfer zu finden.

 

„Die Geschichte meiner Flucht“ beginnt mit dem Grenzübertritt in den Libanon, der nur mit Hilfe glücklicher Zufälle gelingt und setzt sich mit an Gefahren reichen Versuchen der Überfahrt von der Türkei nach Griechenland fort: „Niemand würde mir sagen, dass man sich auf der Überfahrt mit dem Tod unterhält“ (S. 78). Wer sich auf den Weg gemacht hat, für den gibt es kein zurück, die Meeresüberquerung in wenig tauglichen, völlig überladenen Schlauchbooten wird viermal unter dramatisch lebensgefährlichen Bedingungen versucht, bis sie endlich beim fünften Mal gelingt.

 

In Athen angekommen, gibt es trotz mutiger Hilfe einer griechischen Studentin (Elena) kein Weiterkommen; ein Abflug nach Kopenhagen mit gefälschten Pässen wird dreimal versucht, der letzte Anlauf scheitert unmittelbar vor dem Besteigen des Flugzeugs. Obwohl es Winter ist, beschließt Jad gemeinsam mit vier syrischen Flüchtlingsfreunden, die Flucht zu Fuß fortzusetzen. Immer in Gefahr, entdeckt und nach Griechenland zurückgeschickt zu werden, gelingt es ihnen, mit Gewaltmärschen bei klirrender Kälte auf schneebedeckten Straßen und Eisenbahntrassen, zeitweise auch mit Autobusfahrten über Umwege, Mazedonien und Serbien zu durchqueren und in Budapest anzukommen. Außer Jad hat es nur sein Freund Kito geschafft, die anderen Begleiter wurden von der mazedonischen, bzw. serbischen und ungarischen Polizei aufgegriffen und nach Griechenland zurückgebracht.

 

Von Budapest aus gelangen Jad und Kito mit dem Zug nach Wien. Da Kito in Dortmund Verwandte besitzt, beschließen beide, nach Deutschland weiterzureisen. Kito gelingt es, Jad wird bei einer Ausweiskontrolle an der Grenze festgehalten und verbleibt in Österreich. Im Nachhinein bezeichnet er es als glückliche Fügung.

 

Jad Turjman ist ein begabter Erzähler; sein Bericht ist dramaturgisch gekonnt aufgebaut, sehr spannend, sehr empathisch Anteilnahme weckend. Der Inhalt des Buches beschränkt sich nicht auf die Geschichte der Flucht, er wird durch Reflexionen zum Krieg und Zeitgeschehen vertieft und erweitert. Dabei berichtet er auch voll Dankbarkeit von „fünf Schutzengeln“, die ihm in kritischen Situationen uneigennützig geholfen haben und beschreibt, wie wohltuend, aufmunternd und hilfreich freundliche Blicke oder Worte zufälliger Begegnungen wirken.

 

Zwischendurch in das Buch eingefügte Begebenheiten beleuchten das derzeitige Leben in Damaskus:

 

Als typisches Beispiel nennt Turjman das Schicksal einer alten Frau, die, ausgebombt, in seiner Magistratsbehörde lange vergeblich um finanzielle Unterstützung bat: Einer ihrer Söhne kämpfte bei der syrischen Armee, sein Zwillingsbruder bei den Rebellen; bei Kampfhandlungen, an denen beide beteiligt waren, kamen beide ums Leben: „Diese Geschichte beschreibt alles, was gerade in Syrien passiert“ (S. 163).

 

Als weiteres Beispiel für die katastrophalen Zustände schildert Jad Turjman seine Entführung und Folterung durch die al-Nusra-Front, ein Jahr vor seiner Flucht nach Europa. Seine Mitgefangenen wurden ermordet, er kam gegen Lösegeld frei, da er glaubhaft machen konnte, ein Regierungsgegner zu sein und dazu eine bestimmte Sure fehlerlos rezitierte. Während seiner Gefangenschaft musste er aber miterleben, wie gefangen genommene Aleviten bestialisch gefoltert und ermordet und ihre Frauen und Töchter systematisch vergewaltigt wurden, was manche in den Selbstmord trieb. Es war ein Blick in die Hölle: „Ich kann auch heute noch diese Minuten der Todesangst und diese unvorstellbaren Emotionen nicht mit Worten beschreiben“ (S. 215).

 

Sein Leben in Österreich bezeichnet Turjman als „wunderschön“; neun Monate in einem Asylheim, bis zum Erhalt des positiven Asylbescheides, empfand er allerdings als sehr belastend: „Das lange Abwarten und die Ungewissheit gehören zu den schlimmsten Dingen, die ich auf der Flucht erlebt habe“ (S. 219). Nicht arbeiten zu dürfen und wie ein Bettler von der Caritas Geld abzuholen, gehörte zu seinen schwierigsten Erfahrungen. Um nicht in Trübsal zu versinken, füllte er Tag und Nacht mit Deutschlernen und Sport.

 

Der „blumige“ Titel des Buches und pathetische Aussagen wie „Werde ich ohne Jasmin wieder lieben können?“ (S. 237) müssen als Metapher für die Liebe zu Syrien und für all das, was der Autor durch seine Flucht zurücklassen musste, verstanden werden. Sie sind leicht irreführend; der Inhalt des Buches ist überwiegend sachlich, zum Teil humorvoll, ohne Selbstmitleid, ohne Effekthascherei; er enthält auch keine politischen, bzw. gesellschaftspolitischen Empfehlungen oder Forderungen zur Asyl- und Migrationspolitik. Trotz kleiner literarischer Mängel und manchmal etwas unbeholfener Selbstreflexionen gehört „Wenn der Jasmin auswandert“ zu den Büchern, die man nicht nur wegen der spannenden und berührenden Geschichte, sondern auch als wertvolles Zeitdokument lesen sollte!

 

Im Nachwort dankt Jad Turjman dem Schicksal, in einem sicheren Land Wurzeln schlagen zu können und von der Bevölkerung viel Hilfe erhalten zu haben. Dass dieses Buch so gut gelungen ist, verdankt der Autor auch seiner – namentlich genannten – Deutschlehrerin Doris Brandl und wohl auch seiner Lektorin Maria-Christine Leitgeb.

 

Ist Europäern eigentlich bewusst, was sie allein durch die Tatsache, auf diesem Kontinent geboren worden zu sein, geradezu geschenkt bekommen haben?“ (S. 143).

Jad Turjman: „Wenn der Jasmin auswandert – Die Geschichte meiner Flucht“

© Residenz Verlag, Salzburg – Wien, 2019, ISBN 978-3-7017-3480-1, 256 Seiten

 

 

Gerfried Pongratz 6/2019

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