Catherine Nixey: „HEILIGER ZORN“

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Heiliger Zorn

Rezension von Gerfried Pongratz:

In England mehrfach zum „Book of the Year“ gekürt und mit dem Jerwood Award ausgezeichnet, von The New York Times zu den bemerkenswertesten Büchern des Jahres 2018 gezählt („Nixey bringt Licht in die traurige Geschichte von intellektueller Monokultur und religiöser Intoleranz“) und auch von deutschen Presseorganen hochgelobt, bietet das Erstlingswerk der britischen Historikerin und Journalistin Catherine Nixey tiefgründiges, umfangreiches Wissen zu einem düsteren Abschnitt der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte.

 

Gnadenlos und leidenschaftlich“, mit packenden, bildhaften Formulierungen und beeindruckend umfangreich in ihrer Quellensicht, beschreibt die Autorin „das Wüten des Christentums“ in den ersten Jahrhunderten nach seinem Entstehen. Gemäß der Forderung des Heiligen und Kirchenvaters Augustinus von Hippo: „Dass aller Aberglaube der Heiden vernichtet werden soll, ist das, was Gott will, was Gott befiehlt, was Gott verkündet!“.

 

Die Christen haben die Antike zerstört“. Schon kurz nach Beginn der Regentschaft des ersten christlichen Kaisers (Konstantin) in Rom im Jahr 312 begann ihre Tyrannei, ab dem 4. und 5. Jahrhundert erreichte sie traurige Höhepunkte mit der Zerstörung einer unfaßbaren Anzahl von „heidnischen“ Tempeln und Kunstwerken, mit Bibliothekenvernichtungen und Bücherverbrennungen, mit Zwangstaufen, Vertreibungen, Hinrichtungen: „Gerade einmal ein Hundertstel der lateinischen Literatur überlebte die Jahrhunderte, 99 Prozent sind für immer verschwunden“ (S. 21).

 

Nixey, Tochter einer ehemaligen katholischen Nonne und eines ehemaligen Mönchs, bezeichnet ihr Buch als „Art historischer Reisebericht“, der das römische Reich durchquert und an bestimmten Orten zu besonders bedeutsamen Zeiten „Zwischenstopps“ einlegt. Mit „heiligem Zorn“ beschreibt sie die Zerstörung der antiken römischen Welt durch die Christen und das Leid derer, die das Christentum unterjochte. „Und ja, es ist eine erzählende historische Darstellung: Ich habe versucht nachzuspüren (S. 25). „Es ist ein Buch über die vielen Tragödien, die sich hinter dem „Triumph“ des Christentums verbergen“ (S. 28).

 

Das Christentum, die neue Religion, bot den Menschen nicht nur im Hier und Jetzt Trost und Gemeinschaft, es gab ihrer Existenz Sinn und versprach zudem auch ewige Seligkeit nach dem Tod. Diese Kombination und auch die Tatsache, dass viele Lehren Jesu voll Güte sind und Sinn ergeben, war für zahllose Menschen Grund genug, sich der jungen Religion anzuschließen, wobei die Kleriker ihren Gemeinden klarmachten, dass die Religion der anderen zu bekämpfen, zu den ehrenvollsten Tätigkeiten zählt. Die Bibel selbst verlangte es ja: „Ihr sollt ihre Altäre niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre Kultpfähle verbrennen, die Bilder ihrer Götter umhauen, ihre Namen tilgen“ (5. Buch Mose).

 

Lange Zeit konnten die Römer nicht verstehen, warum die Christen ihren neuen Gott nicht einfach zusätzlich zu den alten römischen Göttern anbeten konnten; sie wurden eines Schlechteren belehrt: „Keine 50 Jahre nach Konstantin wurden alle, die es noch wagten, den alten Göttern zu opfern, zum Tode verurteilt“ (S. 132). „Als die Christen damit fertig waren, die „Heiden“ zu verfolgen, war ein komplettes religiöses System getilgt und aus der Welt geschafft worden“ (S. 157). Heute als große Heilige Verehrte, wie z.B. der Kirchenvater Hieronymus, beteiligten sich direkt und indirekt an Missetaten, bzw. bejubelten sie; Johannes Chrysostomos: „Die Schriften der Griechen sind allesamt untergegangen und ausgelöscht“ (S. 240).

 

„Eine neue Ära war angebrochen“. Wer einen anderen Gott anbetete, war im Unrecht. „Und wer im Unrecht war, wurde gepackt, gefesselt und – falls nötig – auch geschlagen. Hauptsache, man konnte ihn aufhalten“ (S. 89). In 10 Kapiteln beschreibt das Buch die Stationen, Maßnahmen und Folgen christlicher Feldzüge gegen antikes Wissen, gegen antike Kultur und Kunst, gegen „heidnische“ Philosophen und Wissenschaftler. Gemäß der Worte des Apostel Paulus „Die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott“ (S. 218) wurden die meisten Werke antiker Philosophen der Vernichtung preisgegeben (was allerdings bei gebildeten Christen nicht immer ohne Widerspruch blieb).

 

Nixey zitiert zahlreiche Schriften und Aussagen antiker Autoren (Damaskios, Kelsos, Demokrit, Lukian, Lukrez, Porphyros, Lukian, Plinius d.J. etc.); in Kapiteln wie „Krieg gegen die Tempel“, „Die Ruchlosen“, „Vom Bösen gereinigt“, „Barmherzige Barbarei“ schildert sie die christliche Zerstörungswut gegen alles „Heidnische“ und beschreibt die Greueltaten christlicher Fanatiker – z.B. auch gegen jüdische Gemeinden und Einzelpersonen (Ermordung der Mathematikerin Hypatia). „Wenn es um die Ehre Gottes geht, gibt es keine Grausamkeit“ (Hieronymus, Brief 109.32) und „Wo Schrecken herrscht, da ist Rettung …. Oh, barmherzige Barbarei“ (Augustinus).

 

Nixey relativiert auch die zahlreichen Legenden zum christlichen Märtyrertum in der römischen Antike: „Der Mythos entspringt der Erzählung, dass die ersten Christen sich wehrhaft der Verfolgung entgegengestellt haben, bis Kaiser Konstantin bekehrt war, das Christentum seinen Siegeszug begann und ab dann als Staatsreligion das Narrativ der Nächstenliebe verbreiten konnte“.

 

Fanatisierte Menschen zerstörten eine Hochkultur und begingen in der Frühphase des Christentums im Namen ihrer Religion schreckliche Verbrechen: „Die bunte, vielfältige, streitbare klassische Welt wurde buchstäblich ausgelöscht“ (S. 241) könnte als Kernaussage des Buches, belegt mit 681 Quellenzitaten und einem sehr umfangreichen Literaturverzeichnis, dienen. Der Umfang des Werkes sowie die Tiefe der Ausführungen beeindrucken, erfordern aber auch Durchhaltevermögen. Obwohl spannend geschrieben, ermüden in manchen Kapiteln die überaus detaillierten Darstellungen (allzu)vieler Einzelheiten und der insgesamt sprunghafte Aufbau des Buches. Es bietet eine Mischung aus populärwissenschaftlicher und wissenschaftlicher Literatur; für erstere etwas zu detailreich und inhomogen, für letztere zu wenig stringent (und in der Quellensichtung vielleicht auch zu selektiv). Wie bei Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums“ erfordert es nicht nur am Thema interessierte, sondern auch geduldige, konzentrationsstarke Leserinnen und Leser, denen es unter diesen Voraussetzungen eindringlich empfohlen werden kann.

Catherine Nixey: „HEILIGER ZORN“

© Deutsche Verlagsanstalt, München, 2019, ISBN 978-3-421-04775-5, 397 Seiten

 

 

Gerfried Pongratz 6/2019

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