« Islamaufklärer »

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StürzenbergerWie ein Wanderprediger zieht seit geraumer Zeit Michael Stürzenberger, der in München weltbekannte Islamexperte, von deutscher Stadt zu deutscher Stadt, um die armen unwissenden Mitbürger darüber aufzuklären, welch entsetzliche Gefahren ihnen vom Islam drohen. Das ist ein aufreibender Job, für den man ihn und seine Helfer der nationalistischen Bürgerbewegung Pax Europa (BPE) nun wirklich nicht beneiden muss. Es lohnt sich, einmal genau hinzuschauen, was er denn nun propagiert, welches seine « Fakten » sind und was er damit erreichen will.

Wovon geht er aus ?

Die Basis des Islam ist der Koran. Der Koran ist (anders als die Bibel) direkt von Allâh (via Gabriel) herunter gesandtes ewig gültiges Wort, nach dem sich alles zu richten hat. Der Koran darf niemals verändert werden, da er ja sonst seine « Heiligkeit » verlöre.

Antwort :

Die ersten Aufzeichnungen des Korans (ich erspare mir die richtige Schreibweise Qr’an) beginnen in Bruchstücken (und nicht einmal auf Arabisch) ca. 40 Jahre nach dem Tod des Propheten Mohamed. Gegen Ende des 8. Jahrhunderts wurden die Schriften komplettiert und annähernd zu dem zusammengefügt, was wir heute als Koran kennen. Und aus derselben Zeit stammen bereits die textlichen Änderungen, die sich bis heute fortsetzen. Die derzeit akzeptierte Fassung stammt von 1953 (wenn man einmal von einigen kleinen Zusätzen danach absieht). Von dem angeblichen Gebot der Unveränderlichkeit kann also keinesfalls die Rede sein.
Zum Schmunzeln am Rande dürfen mir die 72 Jungfrauen dienen, die den Märtyrer im Paradies erwarten. Davon steht nichts im ursprünglichen Koran. Zahlenmystik eignet nicht nur dem Islam : hier stehen 70 für viel, 71 für sehr viel und 72 für ausserordentlich viel – mithin keine zahlenmässige Festlegung. In einem der ältesten Manuskripte kann man noch von « Frauenperle » lesen, einer damals sehr beliebten Weinsorte in Arabien. Mit anderen Worten : den notgeilen Märtyrer erwarten Ströme vom besten Wein und keine glutäugigen Jungfrauen. Die späteren Schreiber verstanden es eben einfach nicht mehr. Aber nach Stürzenberger darf ja nichts verändert werden. Das liesse sich (mit zugegeben weniger lustigen Beispielen) fortführen.

Stürzenberger widerspricht auch immer vehement, wenn jemand sagt, um den Koran zu verstehen, müsse man ihn auch auf Arabisch lesen können. In der Tat gibt es autorisierte Übersetzungen, die man als Sprachunkundiger beiziehen muss. Das lässt aber völlig ausser Acht, dass jede Übersetzung gleich auch eine Interpretation ist. Vor allem das Arabische ist erheblich « blumiger » als alle anderen mir bekannten Sprachen. So gibt es zB erotische Literatur, die sich auf den ersten Blick wie eine botanische Abhandlung liest. Der tiefere Sinn ergibt sich erst auf den zweiten oder dritten Blick. Ich habe grosse Teile des Koran (mit Hilfe meiner Frau) auf Arabisch gelesen und war durchaus nicht immer mit der simultan daneben abgedruckten französischen Übersetzung einverstanden.

 

Das Abrogationsprinzip. Für Stürzenberger steht fest, dass die später geschriebenen medinensischen Suren die (häufig friedlicher daherkommenden) mekkanischen Suren ungültig machen und daher der Koran eine Ansammlung der schrecklichsten Mordaufrufe gegen alle Ungläubigen darstellt.

Antwort :

Seit Jahrhunderten wird im Islam « tafsîr » angewendet (Christen unter dem Begriff Exegese geläufig). Ohne Exegese, wäre es kaum möglich dem im Grunde friedlichen Christenvolk viele der grausamen Aufforderungen ( zB eine Hexe darfst du nicht am Leben lassen !) verständlich zu machen.Moderne Varianten der tafsîr nennen sich historisch-kritische Analyse und unterscheiden genau danach, was nur für damalige Situationen galt und was für heute als angemessen anzusehen ist. Die Ergebnisse dieser Analyse differieren natürlich – was nicht verwundert – weitgehend. Sie sind auch von den Gegebenheiten abhängig, in denen sich der Islam gerade gesellschaftlich befindet. Nur eins ist klar : Aufrufe zu Mord und Totschlag werden in keiner der Analysen akzeptiert. Die werden nur in den fundamentalistischen Versionen ernst genommen, die in letzter Zeit im Islam in den Vordergrund getreten sind. Das sind im Wesentlichen Wahhabismus, Salafismus oder die theokratische Schia des Iran. Mit dem Leben und Erleben normaler Moslems hat das nichts zu tun. Stürzenberger hat durchaus bemerkt, dass bei weitem nicht alle Moslems einer solchen Interpretation folgen und kapriziert sich daher auf den «brandgefährlichen politischen » Islam.

 

Politischer Islam : Tatsächlich meint Stürzenberger damit alle fundamentalistischen Strömungen wie Salafismus oder Wahhabismus, die tatsächlich direkten Einfluss auf Gesellschaft und Rechtsprechung nehmen wollen.

 

Was ist daran so ausserordentlich ? JEDE Religion will, dass ihre Grundüberzeugungen für alle verbindlich werden. Der katholischen Kirche ist das auch über die Jahrhunderte hinweg in Europa bestens gelungen. Man lese dazu Rolf Bergmeier « Schatten über Europa » oder (in Romanform) Niels Opitz « Die letzten Tage der Eule ». Da wird einem schwarz vor Augen. Und dass die Catholica im Besonderen weiterhin energisch versucht, trotz schwindender Gefolgschaft energischen Einfluss auf die Gesetzgebung durchzusetzen, kann man nachlesen in Carsten Frerk « Kirchenrepublik Deutschland ». Ich erspare mir Beispiele, die ja allen bekannt sein sollten (zu denken wäre an Frauenrechte oder menschenwürdiges Sterben).

Ob nun bei der Catholica oder bei den extremen Formen des Islam : es gilt immer, was die Gesellschaft solchen Regungen durchgehen lässt. Eine säkulare Gesellschaft (von der wir leider weit entfernt sind) ist dagegen gefeit.

 

Die Shari’âh : Das Schreckgespenst – ja der Gottseibeiuns – aller Unwissenden. Was steht da denn nun eigentlich ? Glaubt man Stürzenberger, so stehen uns Kopf-ab und Hand-ab Zeiten bevor, wahlweise Baukräne oder Hinabstossen von Hochhäusern speziell für Homosexuelle. Ja, das gibt es ! Das ist praktiziertes Recht in einigen der fundamentalistischen Staaten. Da gibt es nichts zu beschönigen.

 

Antwort :

Die Shari’âhist kein kodifizertes Rechtswerk. Sie setzt sich zusammen sowohl aus Koranteilen als auch aus (autorisierten) Ahadith. Die Hadd-Strafen (wie oben erwähnt) werden dabei heutzutage nur vom geringeren Teil der Moslems akzeptiert. Es bleiben die familienrechtlichen Teile und die « katechetischen » (wie ein Moslem gottgefällig leben sollte). Viele – auch normale – Moslems erklären bei Befragungen, dass sie die Shari’âh höher werten als die übliche staatliche Gesetzgebung. Doch was besagt das ? Genauso viel, als wenn man fundamentalistische (tridentinische) Katholiken befragt, ob der Katechismus für sie einen höheren Wert habe als die normalen Gesetze.

Die Frage bleibt doch immer, inwieweit solche Gruppen in einer demokratischenGesellschaft in der Lage sind, beispielsweise islamisches Eherecht in der staatlichen Gesetzgebung unterzubringen (falls sie es überhaupt ernsthaft versuchen). Da ist natürlich wieder der säkulare Staat mit seinen hoffentlich vorhandenen Abwehrmechanismen gefragt. Eine realistische Gefahr steht hier nicht ins Haus. Ein Stürzenberger-Motto « Morgen werden wir die Shari’âh haben » ist wohl ausgeschlossen (wobei dieser Islamkenner – diese Spitze sei mir erlaubt – nicht einmal weiss, wie Shari’âh ausgesprochen wird. Das reimt sich bei ihm immer auf « Maria »).

Fazit:

Es liessen sich noch etliche Details nennen, bei denen Stürzenbergers « faktenbasierte Analyse » schlicht unrichtig oder unvollkommen ist – doch will ich den Bericht auch nicht zu lang machen. Deshalb nur noch ein abschliessendes Urteil : Ziel der Kampagne ist ganz offensichtlich, gegen alle Tatsachen Angst und Panik zu verbreiten, so als ob die Islamisierung zusammen mit Umvolkung vor der Tür stünde. Zwar reduziert er (offiziell) seine Reden auf den « politischen » Islam, hat aber früher mehr als einmal betont, dass er die friedliche Mehrheit der Moslems doch eher als « Schläfer » betrachtet, die im geeigneten Moment aktiviert werden können.
Dass solches Gerede weder den Interessen der « Biodeutschen » noch der integrierungswilligen Neubürger dient, dürfte auf der Hand liegen.

 

Dr. Frank Berghaus, Tunis 16.10.19

 

 

 

 

 

 

 

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4 Antworten auf « Islamaufklärer »

  1. Auffällig und erwähnenswert finde ich, dass Michael Stürzenberger, soweit ich es beobachte, niemals auf psychologische oder sozialpsychologische Aspekte zu sprechen kommt, und auch gesellschaftliche / gesellschaftspolitische Apsekte nicht einer Betrachtung unterzieht.

    Zum Thema "Exegese": Soweit ich mich selber beobachte und mir das Urteilsvermögen dabei nicht abhanden kommt, interpretiert man beim Lesen eines Textes in diesen immer etwas hinein (das dort womöglich gar nicht geschrieben steht), das man im gleichen Moment aus dem Text herauszulesen meint. Bekannt ist Exegese (Auslegung, Erläuterung) wohl auch aus dem Bereich der Justiz, wenn verschiedene Gerichte bei identischer Gesetzeslage in einem bestimmten / im selben Fall zu unterschiedlichen Urteilen kommen.

    Zum "Politischen Islam": Diesem Begriff bin ich vor ein paar Monaten auf einer Veranstaltung der CSU in München erstmals begegnet; er taucht in einem Flyer der CSU aus dem Jahr 2016 bereits auf. Ich sehe darin einen (politischen) Kunstgriff, um Kritik am Islam nicht als pauschale Angriffe gegen Muslime erscheinen zu lassen. Mittlerweile gibt es ein dickes Buch zu dem Thema, von Prof. Dr. Susanne Schröter (Uni Frankfurt): Politischer Islam — Stresstest für Deutschland,  ISBN 978-3-579-08299-8

    Eckhardt Kiwitt, Freising

  2. À propos „Aufklärung“ :

    Vor ein paar Jahren hat mir jemand während eines Gedankenaustauschs „erklärt“, dass der Islam keine Aufklärung benötige, da Islam bereits die Aufklärung sei (dieser These bin ich bereits mehrmals begegnet).

    Nun, demnach wären, so wie ich den Islam, aber auch manch andere Religionen wahrnehme und verstehe, Bevormundung, Einschüchterung und Erpressung, patriarchalisch-rechtsreaktionärer Despotismus im Diesseits und Paradiesversprechen für’s Jenseits bereits „Die Aufklärung“.

    Mit dem, was Immanuel Kant in seinem Traktat zur „Aufklärung“ schreibt, ist dies mglw. nicht ganz vereinbar :

    Daß der bei weitem größte Teil der Menschen […] den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

  3. Zum Niedergang des "politischen Islams" ist gerade hgeute ein interessanter und sachkundiger Artikel bei Qantara erschienen, dem ich aus eigener Kenntnis hier vor Ort nur beipflichten kann:
    https://de.qantara.de/inhalt/der-marokkanische-intellektuelle-hassan-aourid-demokratie-l%C3%A4sst-sich-nicht-aufhalten?nopaging=1&fbclid=IwAR2D3HUPX5CfeFoLZa5xq60KEiAtczIIl2dJ90J8kGzw26Eh_VExruf8Ph4

     

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