„Achterbahn – Vom Schreiben leben“

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AchterbahnRezension von Gerfried Pongratz:

Es gibt Bücher, die man nicht aus der Hand legen mag, bis die letzte Seite erreicht ist und es gibt Autorinnen und Autoren, auf die nach Martin Buber die Charakterisierung „leidenschaftlicher Geist“ zutrifft.Achterbahn“ ist ein solches Buch und Lida Winiewicz eine solche Autorin. Auf 184 Seiten führt sie spannend, häufig selbstkritisch, oftmals berührend und dabei völlig unprätentiös, durch den Parcours von 70 Jahren überaus vielseitigen schriftstellerischen Schaffens. Einblicke in ihren Arbeitsalltag und Innensichten zum literarischen Kulturbetrieb und der literarischen Unterhaltungsindustrie erweitern das Verständnis für „Freud und Leid“ von Literaten.

 

1928 in einer großbürgerlichen Wiener Familie geboren, erlebte und durchlitt Lida Winiewicz als „jüdisch versipptes“ Mädchen die Diskriminierungen und Schrecken der NS Zeit (Vater und Stiefmutter werden in Auschwitz ermordet) und nach 1945 die schweren Jahre der Existenzsicherung und des Wiederaufbaues. Sie studierte Gesang und Sprachen und arbeitete lange Jahre sehr erfolgreich als Übersetzerin großer literarischer Werke bedeutender Autorinnen und Autoren wie Colette, Graham Greene, Moravia, Cronin, Giradoux u.v.a. aus dem Französischen, Englischen, Italienischen und Spanischen. Ein gewonnenes Preisausschreiben des Theaters der Courage für das Drama „Das Leben meines Bruders“ öffnet ihr den Weg zu eigenen literarischen Arbeiten; 8 Bücher, 10 Theaterstücke, 22 Drehbücher für Fernsehspiele und 15 Drehbücher für Fernsehserien, eine Vielzahl von Übersetzungen und Bearbeitungen fürs Fernsehen und Theater, 13 Übersetzungen und Bearbeitungen von Musicals inklusive eigene deutsche Liedtexte entstammen ihrer Feder, eine Vielzahl von Preisen und Auszeichnungen (u.a. Adolf Grimme-Preis, Romy, Goldener Rathausmann, Goldenes Verdienstzeichen und Literaturpreis der Stadt Wien) begleiten ihre Karriere.

 

Der Buchtitel „Achterbahn“ bringt Lida Winiewiczs Leben als Schriftstellerin auf den Punkt; subtil humorvoll, manchmal mit feiner Ironie, beschreibt sie das Auf und Ab ihres Broterwerbs, ihre vielfältigen Erfahrungen mit den wichtigen Regisseuren, Schauspielern, Theaterdirektoren, Produzenten und Kulturmanagern und ihre Einsichten in den Literatur-, Theater-, Film- und Fernsehbetrieb. Sie beleuchtet die professionellen, manchmal aber auch skurrilen Arbeitsweisen bedeutender Regisseure und die kleinen und großen Marotten berühmter Schauspieler („…was soll’s: Große Männer haben ihre kleinen Schwächen“). Exemplarisch für viele Erfahrungen erzählt sie, wie Ernst Waldbrunn, über dessen Biografie sie das sehr erfolgreiche Theaterstück „Die Flucht“ geschrieben hatte, die Autorenschaft für sich selbst vereinnahmte. Sie erläutert, wie man an Auftragsarbeiten kommt und beschreibt schöne und weniger schöne Begegnungen und Zusammenarbeiten mit bedeutenden Kulturschaffenden; nahezu alle öffentlich bekannten Namen der deutschsprachigen Literatur- und Theaterszene kommen dabei vor. Augenzwinkernd und mit Understatement gibt sie Einblicke in ihre Arbeitsweise als „Haflinger, der mich verlässlich und ohne Faxen an mein jeweiliges Ziel bringt“ und in ihr Schreiben als „Handwerk, Broterwerb, Arbeit und – an guten Tagen – Spaß“.

 

Meine berufliche Laufbahn gleicht nicht nur einer Achterbahn. Auch jenen Fastnachtsprozessionen, deren Teilnehmer hüpfen, stolpern, Purzelbäume schlagen, auf Händen gehen oder sich unvermittelt an den Straßenrand setzen und die anderen Narren vorbeiziehen lassen“. Mit der Beschreibung einzelner Projekte und Arbeiten bietet „Achterbahn“ ein Kaleidoskop des deutschsprachigen Literaturbetriebes in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, zahlreiche persönliche Anekdoten – nicht immer heiter, stets aber humorvoll – verdeutlichen das fruchtbare literarische Leben der Autorin: „Seit 70 Jahren drehe ich meine Runden auf dem Glatteis meines Berufs. Immer wieder gab es Stürze, Prellungen, blaue Flecken. Aber auch, ab und zu, einen Walzer!“.

 

„Es kommt dem Schriftsteller zu, die Gesellschaft kritisch zu bespiegeln“. Kritische Reflexionen zu Erfolg und Misserfolg, zu Applaus und Enttäuschungen sowie zum Unterhaltungsgewerbe und der modernen „Spaßgesellschaft“ generell, ergänzen die autobiografischen Erzählungen. „Jeder, der sich mit künstlerischen Arbeiten an die Öffentlichkeit wagt, sollte einmal im Leben durchfallen“ ist ein Ratschlag, den sie jungen Schriftstellern mitgibt. Die Beschreibung einzelner Begegnungen, wie z.B. mit der alten Bäuerin in „Späte Gegend“, oder besonderer Projekte wie das Fernsehspiel über Niccolo Machiavelli, das indirekt zu einer Zuzugserlaubnis nach Irland und zum Professorentitel führte, erweitern die Lektüre mit persönlichen Momenten, zu denen auch die Erfahrungen gehören, mit denen ältere Menschen („Alte Frau mit Stock in Wien“) und freiberufliche Autoren („Unfinished Business“) zurechtzukommen haben.

 

„Achterbahn – Vom Schreiben leben“ ist ein lesenswertes Buch, das neben den persönlichen Höhe- und Tiefpunkten, Einsichten und Reflexionen von Lida Winiewicz als erfolgreiche Schriftstellerin und Zeitzeugin, viel Wissen zum deutschsprachigen Literatur- und Theaterwesen und dazu auch Unterhaltungslektüre auf hohem literarischen Niveau bietet; es kann uneingeschränkt empfohlen werden.

Lida Winiewicz:

 

„Achterbahn – Vom Schreiben leben“

© Verlag Braumüller, Wien, 2019, ISBN 978-3-99200-250-4

 

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