Sterbebegleitung der Eltern: Keine 100 Tage bis zum Tod

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Hundert TageWEIMAR. (fgw) Was macht man, wenn man vom Arzt hören muß, daß ein Angehöriger nur noch wenige Monate oder gar nur Wochen zu leben hat? Wenn da nur noch die Frage steht: Sterben zu Hause oder Sterben in einem Hospiz? Und: Wer kümmert sich, wer kann sich in der Sterbephase um diesen Angehörigen kümmern?

 

Michael Schacht beschreibt in seinem (Tage-)Buch, wie er das Sterben seines Vaters begleitet hat. Schacht ist ein sogenannter Boulevard-Journalist und schreibt normalerweise locker über das oberflächliche Leben von „Stars" und „Möchtegern-Stars". In seinem Buch zeigt er aber, was in ihm steckt: Er kann überaus feinfühlig und voller Empathie beschreiben, wie es ihm, seiner Mutter und vor allem seinem Vater in dessen letzten Lebenswochen geht. Man kann lesen, wie sich Sohn und Vater wieder annähern, welche Gespräche sie führen. Und was dem Vater als Kettenraucher (mit Krebs im Endstadium) auch im Hospiz noch wichtig ist. Die Ärzte hatten dem fast 80jährigen bescheinigt, daß er vielleicht noch 100 Tage zu leben habe. Die ersten Wochen wird Schachts Vater zu Hause gepflegt, doch dann bleibt für alle nur noch das Hospiz als beste Lösung. Nein, 100 Tage Leben werden es nicht mehr.

Dieses Buch ist aber nicht bloß eine journalistisch-literarische Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem Tod. Weit mehr setzt der Autor sich mit dem Leben seiner Familie, den Eltern-Kind-Beziehungen auseinander.

Bei Schacht stehen nicht sogenannte letzte Fragen im Mittelpunkt, wie von klerikaler Seite immer wieder behauptet und ausgedrängt. Seinem Vater, wie auch ihm, ist dies wichtig:

„Besiegen konnte der Krebs bislang noch nicht seine Würde und seinen Stolz." (S. 9)

Diese Aussage gilt hier tatsächlich bis zum letzten Atemzug des Vaters. Menschenwürde und Selbstbestimmung gelten in dieser Familie viel. Daher wird der Vater erst auf eigenen Wunsch hin ins Hospiz verlegt und nicht etwa dahin abgeschoben. Gemeinsam stellt man zuvor sogar Überlegungen zum ärztlich assistierten Suizid an. Doch eine Reise in die Schweiz kommt für alle nicht in Frage.

Kurz wird vom Sohn noch etwas über Kirche ausgesagt. Die Familie war/ist kirchlich nicht gebunden. Als aber der junge Michael seinerzeit in Hamburg in einen Kindergarten gehen sollte, war das schier unmöglich. Erst als die Mutter in die Kirche eintrat und ihren Sohn taufen ließ, gab es für ihn in der Hansestadt einen freien Krippenplatz. Soviel nebenbei noch zur behaupteten Wiederkehr der Religion in Deutschland. Und sei es nur auf dem Sterbebett.

Was dieses Buch besonders wertvoll macht: Michael Schacht überläßt es jedem seiner Leser, eigene Schlußfolgerungen für sich selbst zu ziehen, falls auch diese einmal in eine solche Situation kommen sollten.

Noch einmal schwimmenGanz anders geht Monika Keck, eine Sozial-Pädagogin, an dieses Thema heran. Ihre Mutter wird ebenfalls an Krebs sterben, auch sie ist als Begleiterin in deren letzten Lebenswochen anwesend. Anders aber als Schacht schreibt sie aus katholischer Sicht. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, daß sie zwar auf die Wichtigkeit einer Patientenverfügung hinweist, dann aber konsequent die DGHS verschweigt. Als Hilfseinrichtungen bzw. Beratungsstellen kommen bei Frau Keck daher auch nur kirchliche vor.

Und im Gegensatz zu Schacht macht sie aus ihrer persönlichen Sterbegleitung gewissermaßen noch ein Geschäft. Hat sie ihr Buch doch als quasi verbindlichen Ratgeber angelegt. Aber jedes Sterben, jede Sterbebegleitung ist doch immer sehr individuell.

 

Siegfried R. Krebs

Michael Schacht: 100 Tage. Das Sterben meines Vaters. 224 S. geb.m.Schutzumschl. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh 2018. 20,00 Euro. ISBN 978-3-578-08704-7

Monika Keck: Noch einmal schwimmen. Sterbegleitung meiner krebskranken Mutter. 148 S. Taschenbuch. Ernst-Reinhardt-Verlag. München 2017. 16,90 Euro. ISBN 978-3-497-02671-5


 
27.10.2019

Von: Siegfried R. Krebs

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