„Hitlers Mann im Vatikan – Bischof Alois Hudal“

image_pdfimage_print

Hitlers MannRezension von Gerfried Pongratz:

„Er träumte vom Großdeutschen Reich und widmete nach 1945 seine ganze ‚karitative Arbeit’ den früheren Anhängern des NS und Faschismus, besonders den ‚sogenannten Kriegsverbrechern’“. Der Historiker und Verlagslektor Johannes Sachslehner widmet sein neuestes Werk dem Leben und Wirken des „braunen Bischofs“ Alois Hudal und beleuchtet damit ein dunkles Kapitel in der Geschichte der katholischen Kirche, aber auch des generellen Umgangs mit der NS-Zeit in der Nachkriegsgeschichte.

 

Alois Hudal wurde als Kind slowenischer Eltern 1885 in Graz geboren. Er studierte Theologie und ging nach seiner Promotion und Priesterweihe an das deutsche Priesterkolleg Santa Maria dell’Anima in Rom, wo er eine zweite Promotion und eine Habilitation auf dem Gebiet des Alten Testaments erlangte. 1919 wurde er Professor für Altes Testament in Graz und ab 1923 Rektor des Priesterkollegs, das er zu einem geistigen Zentrum für deutsche Kleriker in Rom auszubauen suchte. Dabei lernte er Eugenio Pacelli kennen, den päpstlichen Nuntius für Deutschland und späteren Papst Pius XII, der ihn 1933 zum Bischof weihte. Neben zahlreichen anderen Ehrungen wurde Hudal vom Papst mit dem Ehrentitel „Päpstlicher Thronassistent“ ausgezeichnet; er starb 1963 in Rom, wo er begraben liegt.

 

Hudal war der „wahrscheinlich umstrittenste Würdenträger der modernen Kirchengeschichte“, von seinen Zeitgenossen wurde er als hochintelligenter, von ungeheurem Ehrgeiz getriebener, rastloser katholischer Aktivist, „Netzwerker“ und „karrieregeiler Außenseiter“ beschrieben. Er glaubte daran, „dass ein Volk (Anm.: das deutsche) in Europa dazu berufen ist, das geschichtliche, wirtschaftliche, politische und kulturelle Glück des Kontinents neu zu gestalten“. Seine manchmal auch offen zur Schau getragene Sehnsucht war, der Bewegung des „Führers“ anzugehören.

 

Der Autor beschreibt Hudals Werdegang, seine rhetorischen Talente, seine Ambitionen als junger Priesterpolitiker und – überaus prägend – seine Erfahrungen als Feldkurat im ersten Weltkrieg. Hudal entwickelte dabei eine „Theologie des Todes“; die Soldaten „stünden jetzt in der besonderen Nachfolge Christi, deswegen müssten sie bereit sein, ihr Leben für das Volk und Vaterland jederzeit hinzugeben“. „Wer den Tod am Schlachtfeld erleide, sterbe auch als Märtyrer des Glaubens – nach der Auferstehung sei der direkte Weg in den Himmel vorgegeben“.

 

Nach Kriegsende ereiferte sich Hudal über den „Schandfrieden“ und die „Bestialität“ der Sieger; sein besonderer Zorn galt der österreichischen Nachkriegsordnung, wobei er besonders über die „beiden böhmischen Juden bolschewistischer Prägung Dr. Bauer und Kautsky“ herzog. Aus dem Priester wurde ein antisemitischer Agitator, der die „Dolchstoß-Legende“ verbreitete und gegen „die vaterlandslosen Gesellen“ der Sozialdemokratie predigte; die junge Republik Österreich war für ihn ein von Juden und Bolschewiken gelenkter Staat, den er nicht als Heimat anerkennen wollte.

 

Als Rektor der „Anima“ in Rom kann Hudal am österreichischen Konkordatstext mitarbeiten, der ab 1934 mit Regelungen zur Schule und zum Eherecht der Kirche maßgeblichen Einfluss auf die Gesellschaft sichert. Nach der NS Machtergreifung in Deutschland und 1938 in Österreich ist es Hudals Bestreben, die Kirche als Partner für die Nazis hoffähig zu machen; sein Buch „Die Grundlagen des Nationalsozialismus“ enthält ein politisches Bekenntnis zu „Großdeutschland“ und soll dazu dienen, den Katholizismus mit dem Nationalsozialismus zu versöhnen. Als Vision schwebt ihm ein „christlicher Nationalsozialismus“ vor; ein Buchexemplar geht an Hitler mit der Widmung: „Dem Führer der großdeutschen Erhebung, dem Siegfried deutscher Hoffnung und Größe Adolf Hitler“. Hudal hofft, Hitler zu einer Änderung der repressiven NS-Kirchenpolitik zu bewegen; die Ablehnung des Buches durch die Machthaber, vor allem durch Goebbels, aber auch durch den Vatikan, trifft Hudal als „Enttäuschung seines Lebens“, was ihn aber nicht daran hindert, weiterhin für „Großdeutschland“ zu agieren und im Krieg für dessen Sieg zu beten.

 

Nach Kriegsende gelten Hudals Aktivitäten – er sieht sie als „Ausfluss der Gnade Gottes“ – vordringlich der Fluchthilfe von Nazi-Kriegsverbrechern, die er als „vielfach persönlich ganz schuldlos“ sieht. Von Pius XII geduldet, oder nicht zur Kenntnis genommen, organisiert er mit Mithelfern sogenannte „Rattenlinien“, auf denen mit von der UNO anerkannten Reise-Ersatzdokumenten des IRK und mit Hilfsgeldern – u.a. aus den USA, z.B. von der Catholic Welfare Conference – ehemalige „NS-Größen“ hauptsächlich nach Süd- und Nordamerika ausreisen können. Bis 1948 werden ca. 70.000 solche „Rote-Kreuz-Pässe“ ausgestellt, besonders prominente Namen unter den Flüchtigen sind Franz Stangl, Adolf Eichmann, Klaus Barbie, Walther Rauff, Reinhard Kopps, Erich Priebke, Eduard Roschmann. Die Schilderung der Fluchten mit den dazu notwendigen Aktivitäten, Tricks und Täuschungsmanövern ähneln Kriminalromanen. Hudal gelang es auch, das Vertrauen deutscher Regierungsstellen zu gewinnen; ab 1949 sah man ihn als einen verlässlichen Ansprechpartner und ließ ihm Honorare zukommen, z.B. für die Anwälte Walter Kapplers, des ehemaligen Kommandeurs der deutschen Sicherheitspolizei in Rom, der in Italien als Kriegsverbrecher im Gefängnis saß. Über seine Tätigkeiten schrieb Hudal (Zitat Wikipedia): „Alle diese Erfahrungen haben mich veranlaßt, nach 1945 meine ganze karitative Arbeit in erster Linie den früheren Angehörigen des Nationalsozialismus und Faschismus, besonders den sogenannten Kriegsverbrechern zu weihen, die von Kommunisten und ‚christlichen‘ Demokraten verfolgt wurden. … Hier zu helfen, manchen zu retten, ohne opportunistische und berechnende Rücksichten, selbstlos und tapfer, war in diesen Zeiten die selbstverständliche Forderung eines wahren Christentums, das keinen Talmudhaß, sondern nur Liebe, Güte und Verzeihung kennt …“

 

Auf Druck des Vatikans trat Hudal 1952 als Rektor des Priesterkollegs zurück (in einem Brief an Papst Pius XII. dokumentierte er Verbitterung), blieb danach aber nicht untätig, sondern verfasste „Erinnerungen“, intervenierte bei italienischen Behörden für eine Begnadigung des Kriegsverbrechers Walter Reder, konferierte mit Rolf Hochhuth zu dessen Theaterstück „Der Stellvertreter“ und meldete sich zum Zeitgeschehen zu Wort. In seiner Heimat Graz wurde er zu seinem 50-jährigen Priester- und 25jährigen Bischofsjubiläum mit einem großen Hochamt im Dom und einem Festakt unter Anwesenheit höchster kirchlicher und politischer Würdenträger geehrt; aus den Einkünften seiner Memoiren wurden bis 1978 Hudal-Stipendien an bedürftige Grazer Studenten vergeben.

 

„Hitlers Mann im Vatikan“ ist ein Buch, das Beklemmung und im Hinblick darauf, wie nach 1945 kirchliche Stellen und weltliche Behörden agierten, bzw. wegschauten, ungläubiges Staunen hervorruft. Der Autor versteht es, nicht nur die problematische Persönlichkeit Alois Hudal in vielen Facetten darzustellen, sondern auch die Zeitumstände plastisch zu schildern, wobei auch die Rolle der katholischen Kirche, insbesondere von Papst Pius XII, kritisch beleuchtet wird. Letzterer wusste von Judenverfolgungen, Deportationen und Massenmorden, erhob dagegen jedoch kaum, oder nur sehr vorsichtig die Stimme und zog es – z.B. bei der Massendeportation von Juden aus Rom nach Auschwitz – meist vor, zu schweigen. Mit zahlreichen Fotos, Faksimilien, Fußnoten und einem ausführlichen Quellennachweise ausgestattete, unter die Haut gehende Lektüre für Geschichteinteressierte!

Johannes Sachslehner: „Hitlers Mann im Vatikan – Bischof Alois Hudal“

© Molden Verlag, Wien – Graz, 2019, ISBN 978-3-222-15040-1, 287 Seiten

 

Gerfried Pongratz

Phytopathologe mit Wohnsitz in Osterwitz/Steiermark

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Buch, Geschichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar