Despotismus, Paradiesversprechen, und das Stockholm-Syndrom

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Hell-and-Paradise

Despotismus im Diesseits
und
Paradiesversprechen fürs Jenseits

Das Stockholm-Syndrom wird als psychologisches Phänomen erklärt, bei dem «Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen.» Erklärt wird das positive emotionale Verhältnis u.a. damit, dass „schon kleinste Zugeständnisse“ seitens der Geiselnehmer als „große Erleichterungen empfunden“ werden. Dieses psychologische Phänomen beruht m.E. auf dem „Prinzip Hoffnung“, das in uns Menschen angelegt ist und das sich wohl durch die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit zieht, sowie auf dem Selbsterhaltungstrieb, der eine Lebensnotwendigkeit ist; Geiselnehmer machen sich dies auf zynische Weise zunutze.

Sich seelische oder sonstige Qualen (als Anreizsystem) aufzuerlegen mag je nach Disposition jedem selbst überlassen sein. Andere damit zu behelligen, sie zu kujonieren oder zu malträtieren, sie einzuschüchtern oder zu erpressen um sie zu einem bestimmten Handeln zu bewegen, um ein bestimmtes Verhalten zu erzwingen, ihnen das Leben auf Erden zur Hölle zu machen und in ihnen die Hoffnung zu wecken, dass es für sie „in der Zukunft“ besser werden könnte, besser werden möge, ist jedoch eine andere Sache, die in deren Persönlichkeitsrechte eingreift. In der Kindererziehung werden derlei Methoden noch hier und da angewandt in der Absicht, dem Kind Anreize für ein bestimmtes Verhalten / Wohlverhalten zu geben — wozu jedoch eine direkte positive Motivation besser geeignet erscheint; manche Staatenlenker machen sie sich zueigen, um ihre Bürger, „ihre“ Völker, ihre Untertanen zu führen, zu lenken. Und auch in manchen Firmen ist es ein gängiges Führungsprinzip, bei dem das Vertrauen in die Vernunft allerdings außen vor bleibt.

Sich hingegen selbst eine Aufgabe zu stellen oder aufzuerlegen, die man erfüllen möchte um z.B. zu gestalten, oder anderen eine Aufgabe zu stellen, die es zu erfüllen gilt, ist Verhandlungssache bzw. basiert auf Freiwilligkeit oder auf der Einsicht in eine Notwendigkeit.

In manchen Religionen und Ersatzreligionen [*] ist die Kombination aus Despotismus im Diesseits und Paradiesversprechen fürs Jenseits zur Perfektion gesteigert und ausgearbeitet, ist der Zynismus vollendet, um Macht- und Herrschaftsstrukturen aufrecht zu erhalten und langfristig zu sichern — auch auf die Gefahr hin, dass dies zur Selbstzerstörung des Systems führen kann (vgl. z.B. Sure 9 Vers 111 des Korans).

Religionen geben den Menschen Orientierung, wird uns bisweilen gesagt. Das tut unsere Verfassung, das Grundgesetz, auch – allerdings ohne Menschen zu bevormunden, sie einzuschüchtern oder sonstwie zu drangsalieren. Obendrein gewährleistet das Grundgesetz Rechte und Freiheiten, die so manche Religionen nichtmal gewähren.

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[*] Friedrich Dürrenmatt meinte «Ideologie ist Ordnung auf Kosten des Weiterdenkens.»

Beitragsbild:
Collage aus
«Mohammed (upper right) visiting Paradise while riding Buraq, accompanied by the Angel Gabriel (upper left)» (Ausschnitt, Quelle: http://www.zombietime.com/mohammed_image_archive/islamic_mo_full/0129_001.jpg — siehe auch «Mohammed in Bildern», # 15.2)
und
«Hölle», von Herrad von Hohenburg (Herradis Landsbergensis), Wikipedia, (Ausschnitt, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Hortus_Deliciarum_-_Hell.jpg)


Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net

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2 Antworten auf Despotismus, Paradiesversprechen, und das Stockholm-Syndrom

  1. Lustiger Kommentar dazu auf IH:

    Stockholm-Syndrom mit selbsterdachtem Entführer = Religion.

  2. Nun, solange jemand für sich persönlich — und nur für sich persönlich, nicht für Familienangehörige, Freunde, Bekannte, Nachbarn, … — entscheidet, sich einem solchen „selbsterdachten Entführer“ anzuvertrauen, ist dagegen nichts einzuwenden. Da greift vermutlich nichtmal das Strafrecht (Vortäuschen einer Straftat gemäß § 145d StGB). Sich aus freien Stücken bevormunden, einschüchtern oder erpressen zu lassen, darf jeder machen.

    Anders schaut es für den Entführer aus …

    Ein nicht ernst gemeintes Beispiel zur Verdeutlichung:

    Ich glaube, dass der Mond ein Würfel ist. Jeder, der dies ebenfalls glaubt, hat die Chance, Eingang ins Paradies zu finden. Jeder, der es nicht glaubt, kommt in die Hölle. Nun darf jeder selber entscheiden — so funktioniert das …

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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