Zeitgeschichtlich interessante, spannend erzählte Lebensgeschichte eines jungen Mädchens

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Reise zwischen zwei LebenRezension von Gerfried Pongratz:

Katrin FitzHerbert: „Reise zwischen zwei Leben – Odyssee eines Kindes“

© AbisZett-Verlagsgenossenschaft, CH-3007 Bern, 2020, ISBN 978-3-907192-02-3, 305 Seiten.

Die für ihr Lebenswerk mit der Ehrendoktorwürde der Universität von West-London ausgezeichnete Autorin Katrin FitzHerbert blickt auf ihre außergewöhnliche Kindheit und Jugend und auf die den Wirren der Zeit geschuldete abenteuerliche Geschichte ihrer deutsch-englischen Familie über drei Generationen zurück. 1936 als Tochter eines NSDAP-Offiziers und einer englischstämmigen Mutter in Berlin geboren, verinnerlichte sie als Kind die ihr suggerierte „über allen anderen Nationen stehende“ Welt des Nationalsozialismus, bis die Familie vor Bomben und Kriegsgeschehen aus Berlin floh und 1946 – von der Mutter veranlasst – ohne den Vater nach London übersiedelte, wo Katrin, ohne englisch sprechen zu können, beim bis dahin gehassten Feind ihre deutsche Herkunft verleugnen und mit neuem Namen eine englische Scheinidentität annehmen musste.

 

Der Originaltitel des bereits 1997 erstmalig veröffentlichten Buches – „True to both my Selves“ – kennzeichnet besser als der deutsche Titel die Intention von Katrin FitzHerbert: die Suche nach ihrem „Selbst“. Das Aufwachsen als gläubiges Nazikind eines geliebten Vaters, dessen Aktivitäten als hoher NSDAP Funktionär und Offizier die Familie nicht kennt, die geglaubte Notwendigkeit, in England vom 10. bis zum 18. Lebensjahr die bisherige Identität verstecken zu müssen, das Eintauchen in eine andere Kultur und in Lebensweisen, die sie anfangs wegen mangelnder Sprachkenntnisse nicht versteht, das Leben in Armut, Scham und Unsicherheit führt zu schweren seelischen Belastungen: „Während ich äußerlich zu einem ganz normalen englischen Mädchen heranwuchs, lauerte im hintersten Winkel meines Verstandes noch ein verwirrtes Nazikind“. Das nach und nach sich entwickelnde Bewusstsein, dass der Nationalsozialismus, an den sie bedingungslos geglaubt hatte, eine verbrecherische Ideologie war, verstärkt die Belastungen und führt zu einer schweren Identitätskrise.

 

Die Verwirrungen dieses Aufwachsens und die Erkenntnis, fast ein ganzes Leben lang fremdbestimmt gewesen zu sein, veranlasste Katrin FitzHerbert, sich fünfzig Jahre nach der sogenannten „Heimkehr“ nach England mit der Geschichte ihres Vaters, ihrer Mutter und der Großeltern mütterlicherseits – spiegelverkehrt zu ihren Eltern eine englische Frau mit einem deutschem Mann – intensiv zu befassen. Letztere hatten in London zur Zeit des ersten Weltkrieges Hass, Enteignung, bittere Not und Internierung erfahren, was sie 1919 veranlasste, mit ihrer damals neunjährigen Tochter – der Mutter der Autorin – nach Berlin zu übersiedeln. Trotz schwerer Zeiten mit politischen Krisen und galoppierender Inflation gelang es ihnen, sich dort mit harter Arbeit eine neue, sehr erfolgreiche Existenz als Friseure aufzubauen, ihrer Tochter ein schönes Aufwachsen zu ermöglichen und später auch den beiden Enkelkindern liebevolle Geborgenheit zu vermitteln.

 

Trotz der tragischen Zeit- und Lebensumstände gelingt es der Autorin, eingebettet in ihre ungewöhnliche Familiengeschichte, die Erlebnisse, Empfindungen, Freuden, aber auch extremen Belastungen ihrer Kindheit und Jugend nicht nur spannend, sondern auch berührend humorvoll zu vermitteln. Die Beschreibung der handelnden, z.T. exzentrischen Personen innerhalb und außerhalb der Familie, die Erlebnisse mit nahezu unzähligen Wohnungswechseln sowie die Erfahrungen in vierzehn verschiedenen Schulen bieten zudem ein buntes, aufschlussreiches Bild deutscher und englischer Lebensweisen. Die „Reise zwischen zwei Leben“ erzählt mit Witz und Esprit das Aufwachsen eines intelligenten, wissbegierigen Kindes und beleuchtet damit gleichzeitig die Lebens- und Zeitumstände der ersten sechs Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.

 

 

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