Nachösterlicher Shitstorm: Reaktionen auf einen humanistischen Leserbrief

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Shitstorm (Von Dennis Riehle, Gastautor). Ich bin überrascht darüber, wie viele Menschen in unserer Region auch weiterhin den „Südkurier“ lesen, obwohl dem Heimatblatt ja manches Mal vorgeworfen wird, er zeige sich in mancher Berichterstattung etwas einseitig und teils voreingenommen – was zum Slogan der „Unabhängigen Tageszeitung in Baden-Württemberg“ nicht immer so recht passen will. Und trotz manches Vorwurfs an die Presse, sie lasse sich ab und an vor den Karren der Stadtverwaltung spannen, ist die Aufmerksamkeit trotz des allgemeinen Rückgangs an Abonnentenzahlen bei nahezu allen gedruckten Blättern für den „Südkurier“ weiterhin sehr groß. Beispielhaft zeigt sich das auch an den Leserbriefspalten, in welchen die Bevölkerung ihre Gedanken, ihre Empörung und ihre Ratschläge mitteilt. Auch ich gehöre zu den regelmäßigen Autoren von Leserzuschriften und erhalte je nach Thema im Anschluss an die Veröffentlichung zumeist eine geringe einstellige Zahl an Rückmeldungen aus der Leserschaft. Doch was ich dieses Mal erlebte, sprengte die bisherigen Dimensionen bei weitem.

 

Worum ging es? Ich hatte im Blick auf die „Corona-Krise“ eine Lesermeinung verfasst, die dezidiert darauf ausgerichtet war, das Osterfest nicht allein als christlichen Feiertag zu verstehen, sondern es auch für diejenigen nahbar zu machen, die nicht (mehr) an einen Gott glauben. Verbunden mit dem momentanen „Shutdown“ ergab sich ein Text, mithilfe dessen ich eigentlich versuchen wollte, den Diskurs zwischen Christen und Glaubensfernen zu fördern. Doch diese Absicht ging offenbar nach hinten los: In einer bislang nie dagewesenen Welle an unterschiedlichsten Zuschriften fühlte ich mich im ersten Moment einem wahren „Shitstorm“ ausgesetzt, den man ansonsten eigentlich eher aus den sozialen Medien kennt. Auch wenn ich es gewohnt bin, in meinem Briefkasten regelmäßige Beleidigungen und Verachtung für meine politisch linke, religiös konfessionsfreie Weltanschauung aufzufinden, hatte es sich dieses Mal doch gelohnt, einen Blick ins Postfach zu werfen: Rund zwei Dutzend Briefe und Mails waren eingegangen, die sich allesamt auf die Publikation im „Südkurier“ bezogen.

 

Der Leserbrief sei an dieser nochmals wiedergegeben:

 

Was machen eigentlich konfessionsfreie Menschen am „Hasenfest“? Diesmal sind es nicht nur die Religionsfernen, die keinerlei Grund zu feiern haben. Auch Christen werden in diesem Jahr aufgrund der „Corona-Krise“ zumindest im Blick auf den Gottesdienstbesuch zur Abstinenz angehalten. Wir alle erleben dieser Tage allerdings ein wirkliches Osterwunder, das uns ganz unabhängig von jedem Bekenntnis beeindruckt: Selten zuvor hat die Welt derart den Atem angehalten, wie es nun in Zeiten der Pandemie nötig wird. Und trotz dieser augenscheinlichen Lähmung des öffentlichen Lebens wird das sichtbar, was unsere Gesellschaft, unser Land und unsere gesamte Zivilisation ausmacht: Es sind humanistische Werte, für die es weder Kreuz noch Auferstehung bedarf. Es sind Solidarität, Verantwortung und Respekt, die gerade jetzt so eindrücklich gelebt werden. Wir alle spüren, dass unser Dasein nicht nur von Glücksmomenten geprägt ist. Die Tiefen des Alltags werden uns im Augenblick schmerzlich bewusst. Wozu musste also jener auf Golgatha sterben, wenn wir doch selbst um die Täler der Tränen wissen? Zuversicht und Hoffnung erwachsen aus dem Wissen, dass wir in den entscheidenden Momenten auf unsere Nächsten bauen können. Zusammenhalt und Mitmenschlichkeit sind die tragenden Säulen unseres Miteinanders, nicht Sündenvergebung und Sühnetod. Es ist die Krankenschwester am Intensivbett des Infizierten, die endlich mehr Lohn bekommen sollte. Es ist der Postbote mit all den Paketen unter dem Arm, der Überstunden schiebt. Und es ist der Restaurantbesitzer ohne jegliche Einnahmen, der flexibel auf Lieferservice umstellt. Nicht Jesus Christus braucht unsere Aufmerksamkeit, sondern die Helden des Frühlings 2020, die uns so bescheiden daran erinnern, worauf es wirklich ankommt: Zeigen wir uns dankbar über die weltliche Verbundenheit der Völker in Momenten größter Not und das irdische Einstehen füreinander in Epochen des Umbruchs, anstatt auf ein jenseitiges Zeichen zu warten. Wenn es einen liebenden Gott gäbe, würden wir nicht leiden.

 

Zweifelsohne waren unter den Zuschriften auch konstruktive Hinweise, mit denen ich mich gerne auseinandersetze. An dieser Stelle will ich aber die Gelegenheit nutzen, aus einigen – zumeist handschriftlich verfassten und nicht selten vor grammatikalischen und Rechtschreibfehlern (die ich hier gerne 1:1 wiedergeben will) strotzenden – Anwürfen zitieren, die mich zum Schmunzeln bringen, mich teils aber auch Kopf schüttelnd und verwundert zurücklassen. Auf welches Niveau sind wir in unserem Land gesunken, wenn wir nur noch  mit Beschimpfungen und vulgären Schlammschlachten Diskussionen führen können? Ich habe mir vorgenommen, auf jede sachliche Kritik einzugehen. Dummheit dagegen braucht keine Antwort meinerseits zu erwarten.

 

„Sie Kirchenhasser, sie sollte man schnellst Möglich exkommunizieren!“

 

„Wie können Sie sich nur so versündigen? Der Herr Jesus Christus hat auch Ihnen gedient! Und Sie treten sein Antlitz mit Füßen!“

 

„Das ist die typische Meinung des linken Mobs, der versucht unser Land zu entweihen.“

 

„***eiß Atheisten! Hoffentlich holt euch corona!“

 

„Ich dachte Sie waren mal gläubig. Wie kann man dann nur derart über den HERRN herziehen?“

 

Die weitere Interpretation dieser Auswahl an Sprüchen überlasse ich gerne jedem einzelnen Leser. Nur so viel: Ich vertrete auch weiterhin ein humanistisches Weltbild, indem es mir auf den einzelnen Menschen ankommt, dessen Freiheit für mich das höchste Gut darstellt – auch die Religionsfreiheit. Mir liegt es daher fern, mich über einen Glauben lustig zu machen, dem ich selbst über knapp drei Jahrzehnte anhing und ihn nicht selten mit tiefer Inbrunst gelebt habe. Doch gleichsam erwarte ich auch, dass meiner heutigen Überzeugung mit Respekt begegnet wird. Wenn unser Alltag nur noch darin besteht, eine historische Persönlichkeit – die Jesus auch nach meiner Ansicht war – so sehr zu huldigen wie manch ein Absender der bei mir eingelangten Zeilen, dann wird klar, wie sehr religiöser Fanatismus verblenden kann. Für mich steht fest: Wir sollten unsere Kraft dazu investieren, gerade auch in Zeiten der Pandemie auf uns und auf unseren Nachbarn aufzupassen. Denn im Moment rettet uns kein Heiland, sondern ausschließlich ein wirksames Medikament oder ein baldiger Impfstoff. Egal, ob wir „Corona“ nun verschwörungstheoretisch als „Prüfung“ oder eben doch als handfeste Herausforderung durch einen wissenschaftlich nachweisbaren Virus ansehen – wir lernen gerade, wie wichtig es ist, einander beizustehen. Offenbar hat uns dieser dreieinige Gott ziemlich allein zurückgelassen, wie auch seinen „Sohn“ am Kreuz. Insofern ist es zumindest legitim, mit Bestimmtheit zu hinterfragen, ob wir ihm noch vertrauen können. Meine Meinung dazu ist eindeutig – und Ihre?  

 

Dennis Riehle

Martin-Schleyer-Str. 27

78465 Konstanz

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3 Antworten auf Nachösterlicher Shitstorm: Reaktionen auf einen humanistischen Leserbrief

  1. Ein Trost bleibt angesichts der beleidigenden Zuschriften:

    « Dulden heißt beleidigen »
    (Goethe)

    _____

  2. Und da gibt es manche, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit "Toleranz" (Duldung) einfordern — vgl. das Goethe-Zitat.

    Am Beispiel des "geduldeten Asylbewerbers" wird deutlich, was es mit der Toleranz auf sich hat. Man würde ihn wohl lieber heute als morgen in sein Herkunftsland abschieben. Toleranz eben …

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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