Die Heldenreise verrät die Satire

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Jesus(Von Dr. Andreas E. Kilian, Gastautor). Die meisten Filme und Romane dieser Welt basieren auf einem gemeinsamen Story-Muster: der Heldenreise. Es ist dieser dramaturgisch festgelegter Handlungsstrang mit seinen Archetypen, der Geschichten spannend und einprägsam macht. Es gilt aber auch: wo er gefunden wird, kann davon ausgegangen werden, dass Ereignisse literarisch überarbeitet wurden, um maximale Wirkung zu erreichen. Ein solches Story-Muster findet sich auch in den Evangelien.

                         

Eine Heldenreise beinhaltet immer einen Lernprozess, an dem der Protagonist wachsen muss, bis er seine eigentliche Aufgabe bewältigen kann. Dieser Lernprozess gliedert sich laut Joseph Campbell [99] in typische Handlungsabschnitte, die zwar nicht alle in der Reise vorkommen müssen, jedoch eine definierte Reihenfolge befolgen sollten, um eine größtmögliche Spannung für den Leser aufzubauen. Neben diesem typischen Handlungsstrang zählen für James N. Frey [01] auch die archetypischen Charaktere zu einer einer solchen Erzählung, damit sie zum Mythos werden kann.

 

Die Etappen der Heldenreise

 

Die Reise beginnt Zuhause, wo eine Katastrophe den Protagonisten zum Handeln zwingt. Mit den Ratschlägen und Hilfen seiner Freunde oder Mentoren ausgerüstet versucht sich der Protagonist ein erstes Mal an der Herausforderung und scheitert. Dieses Scheitern ermöglicht den Lernprozess. Nachdem der Protagonist nun auch vom anderen Geschlecht erneut ins Rennen geworfen wird, kann er aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen seine Aufgabe erfüllen und den „Schatz“ vom Gegner in Besitz nehmen. Mit dieser positiven Erfahrung wird er zu einem neuen Menschen, zum eigentlichen Helden, der diese Erfahrung für sich und seine Freunde in einem neuen Leben etabliert. Die Reise-Etappen im Einzelnen:

Ausgangslage: Laut Campbell beginnt die Story in einer friedlichen Umwelt, in die eine Katastrophe hereinbricht. In den Evangelien beginnt die Not mit Herodes dem Großen, der von den Römern als König über die Juden eingesetzt wurde. Der Kindermörder treibt die Familie von Jesus aus ihrem Idyll zunächst ins Exil nach Ägypten [Mt 2,12-16]. Vor seinem ältesten Sohn Archelaos flieht die Familie dann nach Nazareth [Mt 2,22]. Johannes der Täufer hat noch Ärger mit dem zweiten Sohn, Herodes Antipas [Mt 3,1-6; Mt 11,1-15; Mt 14,1-12].

Ruf: Aufgrund dieser „Schreckensherrschaft“ der Herodianer erfolgt der Ruf an den Protagonisten, sich seiner Aufgabe zu stellen. Jesus erhält diesen, indem er nicht nur von Johannes dem Täufer als etwas Besonderes erkannt wird. Auch der Geist Gottes eilt als Taube auf ihn hernieder und zugleich fühlt sich Jesus durch eine „Stimme“ zum Sohn Gottes und „Retter“ der Welt erkoren [Mt 3,14-17].

Verweigerung: Doch laut Story-Muster darf der Held diese Berufung nicht sofort annehmen, sondern muss dramaturgisch zögern, sein bisheriges Leben, seine Komfortzone und all seine Sicherheiten aufzugeben. So wird Jesus nicht nur vom „Teufel“ in Versuchung geführt [Mt 4,1-11], sondern zieht sich nach der Verhaftung von dem Täufer zunächst nach Galiläa an den See Genezareth zurück [Mt 4,12].

Hilfe: In dieser Story-Etappe am See trifft er dann unerwartet auf Mitstreiter und Mentoren, die ihm helfen seine Berufung anzunehmen. Jesus begegnet seinen ersten Jüngern [Mt 4,18-22], die ihn in seiner neuen Rolle als „beauftragter Retter“ bestätigen.

Überschreiten der Schwelle: Mit diesen Mitstreitern überwindet er sein Zögern [Mt 4,23-25] und beginnt seine eigentliche Heldenreise [Mt 5]. Jesus beginnt zu predigen, vollbringt erste Taten und sammelt auf seiner Wanderung Anhänger.

Überforderung: Um die Spannung weiterhin zu erhöhen, muss Jesus nun – laut Story-Muster – mit wachsenden Problemen kämpfen [Mt 5 -9] und sich des vollen Ausmaßes seiner Aufgabe bewusst werden. Er muss an den Massen von Hilfsbedürftigen scheitern, um den ersten Lernerfolg zu erzielen. Alleine kann er nicht Herr der Situation werden. Daher beruft Jesus Apostel ein, die ihm helfen sollen, mit seiner Mission fertigt zu werden [Mt 10].

Prüfungen: Mit diesen Gefährten muss er sich nun neuen Aufgaben und Problemen widmen, die für ihn weitere Prüfungen darstellen. Jesus erlebt Städte, die sich nicht zu ihm bekennen wollen [Mt 11,20], Dispute mit Pharisäern [Mt 12,1-45], die Hinrichtung von Johannes dem Täufer [Mt 14,1-12], die Speisung der fünf- bzw. der viertausend Menschen [Mt 14,13-21; Mt 15,29-39], das Laufen über den See [Mt 14,22-36] sowie unzählige Heilungen und Dämonenaustreibungen. Wo er Fragen nicht beantworten kann, greift er auf Gleichnisse zurück, die bis heute nicht zu verstehen sind, da es sich um philosophische Taschenspielertricks handelt.

Begegnung mit der Göttin: Gemäß der Heldenreise erfolgt nach dem Scheitern und der Lösung der ersten Probleme die Konfrontation mit der gegengeschlechtlichen Macht. Ein echter Held sollte sich für die gesamte Gruppe einsetzen und daher auch dem anderen Geschlecht zeigen, dass er dessen Interessen verstehen und berücksichtigen kann. Im Matthäus-Evangelium begegnet Jesus daher der kanaanäischen Frau, die er als Jude zunächst nicht heilen will. Erst als sie sich mit Hunden gleichsetzt, ist Jesus bereit ihr zur helfen [Mt 15,21-28]. Im Markus-Evangelium muss sich eine Syrophönizierin mit Hunden vergleichen lassen [Mk 7,24-3]. Auch im Lukas-Evangelium benutzt Jesus das andere Geschlecht nur, um sich selbst zu erhöhen und darzustellen. Er hat keine Ahnung, was die Sünderin, die ihm die Füße wäscht, von ihm will. Doch er benutzt ein Gleichnis, um davon abzulenken, lobt ihre vollkommene Unterwerfung und vergibt ihr großzügig einfach alle Sünden [Lk 7,36-50]. Im Johannes-Evangelium verlangt er von einer Samaritanerin reales Trinkwasser und möchte im Gegenzug mit „Wasser des Lebens“ bezahlen. Als sich die Frau nicht auf diesen unrealistischen Quatsch einlassen will, beleidigt er sie als Flittchen, indem er ihr ihre Beziehungen vorwirft. Neben dieser indirekten Drohung weissagt er ihr, dass sie ihn noch anbeten wird [Joh 4,7-26]. Sie gibt ihm kein Wasser, sondern lässt ihn einfach stehen. Einer Ehebrecherin rettet er zwar das Leben, weil er nicht vor den Pharisäern richten will. Aber versucht er überhaupt zu verstehen, was diese Frau zum Ehebruch trieb [Joh 8,3-11]? Setzt er sich mit der Rolle der Frau wirklich auseinander?

Versuchung durch eine Frau: Hat der Protagonist diese Prüfungen für das tägliche Leben durch Frauen bestanden, so sollte er als Letztes der Versuchung durch Erotik widerstehen. Der Held darf sich erst fortpflanzen, wenn er sich durch die Bewältigung seiner großen Aufgabe als würdig erwiesen hat. Doch die Aussicht auf das Vergnügen gibt es schon vorher. Eine Frau wirft sich Jesus zu Füßen, säubert und salbt seine Füße mit kostbarstem Öl und trocknet sie anschließend mit ihren Haaren [Mt 26,6-13; Mk 14,3-9; Lk 7,36-50; Joh 12,3]. Ob es sich hierbei um echte Zuneigung, Unterwerfung oder Kalkül handelt, ist der Geschichte nicht zu entnehmen. Doch Jesus freut sich, denn durch diese Geste eines weiblichen Untertans wird er erst zum Christus („den Gesalbten“) erhoben. Nun kann seine eigentliche große Aufgabe beginnen!

Versöhnung mit den Vorfahren und Nachfahren: Die Beschäftigung mit dem anderen Geschlecht führt dazu, dass sich der Protagonist seiner genealogischen Kette bewusst wird. Kurz vor dem Höhepunkt seiner eigentlichen Aufgabe sollte er sich mit seinen Vorfahren versöhnen, an seine Nachfahren denken und zudem einsehen, dass sein größter Gegner in Wahrheit er selbst ist. Jesus erwähnt aber weder seinen leiblichen Vater noch seinen Ziehvater Joseph mit einem einzigen Wort. Selbst seine Mutter und Geschwister streitet er als Familie ab [Mt 12,46-50]. Er sieht sich in der Tradition des Propheten Elija [Mt 17,10] und als Kind Gottes [Mt 17,5]. Auch an eigene Kinder denkt er nicht. Stattdessen ernennt er Simon zum Nachfolger [Mt 16,18-19]. Allerdings erst, nachdem dieser ihn als „Messias“ bezeichnete [Mt 16,13-17]. Durch diese Symbolik wird deutlich, dass Jesus etwas Neues ohne Ahnen gründet. Der mythisch notwendige innere Kampf wird durch die drei Leidensankündigungen dargestellt, in denen Jesus sich bewusst wird, dass seine Ernennung zum König auch seinen Tod bedeuten kann [Mt 16,21; Mt 17,22-23; Mt 20,18-19].

Apotheose: Im Märchen erkennt der Heros, dass er königliches Blut in sich trägt. Im Mythos wird ihm bewusst, dass er göttliches Potenzial besitzt. Jesus lässt sich von seinen Jüngern auf einem Berg – gemäß jüdischem Ritual – zum König ausrufen [Mt 17,1-4] und verweist dabei auf seinen Vater „Gott“ [Mt 17,5]. „Doch meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde – bringt sie her und macht sie vor meinen Augen nieder!“ [Lk 19,27 EÜ], ist der sehnlichste Wunsch desjenigen, der sich für den „Sohn“ Gottes hält, als er kurz vor dem Höhepunkt seiner Macht steht. Jetzt muss das einfache Volk ihm nur noch folgen.

Endgültige Segnung und Höhepunkt: Im dramaturgischen Höhepunkt des Mythos sollte der Protagonist den eigentlichen Schatz – welcher die Welt, aus der er aufgebrochen ist, retten könnte – erhalten oder rauben. Psychologisch gesehen möchte Jesus die Bedrohung, der er als Kind durch die Herodianer ausgesetzt war, beseitigen. Doch Jesus will nicht nur der höchste Hohepriester im Tempel und Chef-Interpret der Thora sein. Er will auch als neuer König vom Volk in Jerusalem akzeptiert und gefeiert werden. Wenn alles nur so laufen würde, wie er es wollte, dann würde die Erde zu einem besseren, friedlicheren Ort. Die Lehre hierzu predigt er ja schon. Doch nach einem etwas bescheidenen Einmarsch in Jerusalem [Lk 19,28-40], einer missglückten Tempelreinigung [Lk 19,43-48] und einer schwachen Vollmachtfrage gegen die Priester [Lk 20,2-8] feiert er nicht nur allein mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl [Lk 22,7-23], er wird auch noch von einem Jünger verraten [Lk 22,1-6] und von seinem Nachfolger verleugnet [Lk 22,56-60].

Weigerung zur Rückkehr: Wie im Story-Muster vorgesehen, weigert sich auch Jesus nach dem dramaturgischen Höhepunkt in die Realität des Alltags zurück zu kehren. Er ist auf ganzer Linie gescheitert, will es aber noch nicht einsehen. Daher befiehlt er seinen Jüngern ihre Mäntel gegen Schwerter zu tauschen [Lk 22,36]. Ein kurzer Kampf, im dem ein Ohr abgeschlagen wird [Lk 22,49-50], und seine Verhaftung sind die logischen Folgen seiner Realitätsferne. Aber selbst als er bei den Hohepriestern, bei Herodes und bei Pilatus die Chance erhält sich zu verteidigen, schweigt er [Lk 23,8-12].

Magische Flucht: Laut Mythos müsste nun die sogenannte magische Flucht des Helden – sei es durch innere Beweggründe oder durch äußeren Zwang – stattfinden. Doch der Held Jesu wird weder gerettet noch kann er sich selber retten. Seine Flucht geht am Kreuz in die Fantasie [Mt 27,46 ;Mk 15,34; Joh 19,30]. Sein „Volk“, seine Jünger fliehen Hals über Kopf und verstecken sich, bis er begraben ist [Mt 26,56]. Dennoch erfüllt sich der nächste Punkt der Heldenreise:

Rettung von außen: Durch eine meist längst vergessene empathische Tat an einem „niederen Wesen“ hat sich der Held im Mythos einen Freund geschaffen, der nun in letzter Sekunde die Rettung als Deus ex machina bringt. Dieses „niedere Wesen“ ist in den Evangelien eine Maria aus Magdala, die Nachts über den Friedhof läuft und ein leeres Grab sieht [Joh 20,1]. Es folgt eine wilde Verwechslungskomödie, in der die Frauen die Jünger, die am Grab erscheinen, für „Engel“, „Herrn“ und „Auferstandene“ halten [Mt 28,1-10; Mk 16,1-8; Lk 24,1-12, Joh 20,1-18]. Nicht der Held, wohl aber der Mythos der „Auferstehung“ überlebt.

Rückkehr über die Schwelle: Wo im Mythos der Held die Schwelle zurück in die Alltagswelt überschreitet und sich den Zweifeln und Fragen seiner Mitbürger stellen muss, treten in den Evangelien die selbsternannten Nachfolger Jesu [Mk 16,12; Joh 21,12] als „Auferstandene“ auf und müssen sich den Fragen der übrigen Jünger stellen. Ein Held muss bei seiner Rückkehr beweisen, dass er etwas errungen hat, und die Jünger wollen die Wundmale sowie ihren Meister als „Sieger“ sehen [Mt 28,17; Mk 16,14; Lk 24,38-43; Joh 20,24-27]. Nur eine „Himmelfahrt“ rettet die Nacheiferer.

Herr der zwei Welten und Sieg über die Ausgangskatastrophe: Der Held vereint im Mythos sein neu gefundenes Innenleben, seine neue Psyche, sein neues Ich mit den Anforderungen des alltäglichen Lebens. Indem er seine Gruppe an seinen Erfahrungen und Errungenschaften aus der Heldenreise teilhaben lässt, verändert er seine alte Umwelt und schenkt allen eine neue Freiheit. Was hat der selbsternannte Hohepriester-König Jesus seinen Jüngern als „Schatz“ hinterlassen?

 

Die Archetypen und Charaktere im Mythos

 

In Romanen werden Figuren durch ihr auffälliges Verhalten, ihren Sprachstil, durch besondere Attributionen und durch einen ganz individuellen Spleen charakterisiert, damit sie Charisma annehmen und unverwechselbar werden. In den Evangelien dienen neben den Verhaltens-Archetypen insbesondere die Namen dazu, mehr über den Charakter der Romanfiguren zu verraten.

Der Held: Der Protagonist und Held heißt Jesus bzw. Jesuos. Eine Bezeichnung, die sich vom hebräischen Wort Yeschua, der Retter, ableitet. Besser kann man so eine Aufgabe und Funktion im Mythos nicht beschreiben. Es sei denn, es ist eine Satire. Messias kann der Held nicht genannt werden, denn diese Bezeichnung steht nur Israeliten zu, die von Hohepriestern zu Königsanwärtern gesalbt wurden. Der Heros ist aber Galiläer – konvertierter Ureinwohner – und wurde nur von einer Frau an den Füßen gesalbt, weshalb er sich mit dem griechischen Begriff Christos für den Mit-Öl-Gestriegelten zufrieden geben muss.

Die Weggefährten: Die Weggefährten des Helden heißen Petrus (Petro: Leithammel, Bock), Zelotes (Aufständischer), Alphäus (Deserteur), Kananäus (Aufständischer), Boanerges (Donnersohn), Iskarius (Sikarius: Messerstecher) sowie Barjona (barjonim: Aufständische). Die Vornamen Johannes, Simon und Lazarus (Eleazar) weisen auf die Rebellenführer des jüdischen Aufstandes der Jahre von 66 bis 73 hin [Flavius DBJ-B6-K9; B7K2; B7K8].

Der Mentor: Es sind Simon Petrus (Petro: alter Bock) und Andreas (Andria: junges Mädchen), die Jesus zuerst folgen [Mt 4,18], ihn als Chef bestätigen und auch zum König machen [Mt 17,1-4]. Doch als Simon Petrus zum Nachfolger ernannt wurde [Mt 16,18] verrät er seinen Herrn [Mt 26,69-75] und lässt sich von den Frauen anbeten. Der einstige Mentor hat Jesus nur benutzt, um selber Chef zu werden.

Der Verräter: Der Name Judas Iskariot erinnert an die jüdische Sekte des Judas. Die Sikarier wollten keine weltlichen Herrscher über sich anerkennen und waren für ihre Messer-Attentate gefürchtet [Flavius DBJ-B2K8]. Judas erfüllt mit diesem charakteristischen Namen die Rolle des Verräters, der den Königsanwärter zu Fall bringt.

Der Narr: Der Herr muss seinen Jüngern alles mehrmals erklären und immer neue Gleichnisse liefern [Mt 13,13], doch sie verstehen einfach nicht [Mt 15,16]. Er beleidigt sie fortwährend [Mt16,8] während sie nur ans Schlafen denken [Mt 26,40-46]. Es geht zu, wie bei Laurel und Hardy.

Der Zweifler: Didymos Judas Thomas ist der Zweifler. Didymos heißt Zwilling und der eine bekommt nicht immer mit, was der andere sagt und tut.

Die Mutter, die Geliebte: Die klassischen Rollen der Mutter und der Geliebten sind im Mythos leicht zu identifizieren. Idealer Weise wird die Mutter zur Jungfrau stilisiert, die Geliebte zur absolut treuen Untergebenen. Ihre Namen sind einprägsam. Samaria ist im Aramäischen das „Weideland“, Maria heißt übersetzt „Kuh“. Dies ist nicht zu verwechseln mit den hebräischen Namen Mariam oder Mariamne.

Der unparteiische Richter: Ob es ein römisches Geschlecht der Pontier (Brücke) gegeben hat, ist  nicht erwiesen. Der Name Pilatus (Speerträger) ist jedoch historisch überliefert und dient dazu, die Geschichte der Evangelien zeitlich zuzuordnen. Es war sein Regierungsstil aus Laissez-faire und überzogener Bestrafung, die zum Unmut in Judäa beitrug und für die er sich als Präfekt von Judäa beim Kaiser verantworten musste. In den Evangelien lässt er das Volk, wie ein Kaiser in der Arena, über das Leben von zwei Gladiatoren entscheiden und wäscht seine Hände als Unparteiischer in Unschuld. Ihm ist es egal, wer sich König der Juden nennen darf, solange er als Präfekt herrscht.

Der Böse: Was im Roman der Antagonist ist, ist im Mythos der Böse. Pharisäer, Sadduzäer und Hohepriester ringen mit dem Romanhelden daher nicht nur um die Interpretationshoheit der Gesetze und der Thora. Sie ringen auch um den Einfluss beim Volk und die Herrschaft über dieses. Die Autoren trennen scharf zwischen aufständischen, monarchistischen Christen und Kaiser- und Republik-treuen Juden, die mit dem drohenden Aufstand der Galiläer und Samaritaner nichts zu tun haben wollen. Der jüdisch-römische Historiker des 1. Jahrhunderts, Flavius Josephus, zählt daher die Christen nicht zu den jüdischen Sekten [Flavius DBJ-B2K8]. Er sieht sie als eigenständiges Volk, welches von Jesus gegründet wurde [Flavius AJ-B18K3-3].

 

Verschwörungstheorie?

 

Die Nicht-Existenz einer historischen Person kann wissenschaftlich nicht bewiesen werden. Es kann ein historisch realer Guru als Vorbild für die Autoren existiert haben. Die Geschichte, die die Autoren über ihn erzählen, ist jedoch dermaßen überarbeitet, dass die Evangelien nicht als Aussagen einfacher Zeitzeugen gelten können. Die Frage ist nur, wer schrieb diese Satire und mit welcher Absicht.

Die Original-Texte der Evangelien sind in Altgriechisch geschrieben und richten sich daher an die gebildete hellenistische Bevölkerung sowie an jüdische Hohepriester. Die unzähligen Zitate aus der Thora belegen, dass profunde Kenner der jüdischen Theologie am Werk waren. Die Wortspiele mit Namen, die auf Hebräisch, Aramäisch, Alt-Griechisch und Latein unterschiedliche Bedeutungen haben, belegen, dass hier mehrsprachige Autoren schrieben. Zudem wussten die Schreiber einerseits, was beim einfachen Publikum ankam und konnten Geschichten in Form von Mythen erzählen. Andererseits bauten sie mit den Namen und der Situationskomik Logicals für intelligente Menschen ein, die über die einfachen abergläubischen Galiläer lachen sollten. Dies spricht für Profis, die Erfahrung mit Volk und Aristokratie hatten. Zudem mussten die Verantwortlichen sehr gute Kontakte zu Kaiser und Senat haben, damit sie Texte mit solch sozialen Sprengstoff publizieren konnten.

Welche mit den Römern befreundete jüdische Priesterfamilie hätte ein Interesse daran gehabt, dass diese Interpretationen der Vorkriegszeit nach dem judäischen Aufstand publik wurden? Die politische Perspektive, wie sie in den Evangelien dargestellt wird, könnten die Hasmonäer vertreten haben. Sie wurden als Hohepriester-Könige einst von den Herodianern abgesetzt, wollten wieder an die Macht und kooperierten im judäischen Aufstand mit den Flaviern, um die Galiläer wieder zu unterwerfen. Sie mussten als Israeliten die hellenistische Bevölkerung davon überzeugen, dass nicht das Tempeljudentum, sondern die neue Sekte der Christen für die Aufstände in Judäa verantwortlich war. Es mussten zudem Freunde des Kaisers sein, die ihre Treue bereits durch die offizielle Kriegschronik sowie die Geschichte des Judentums unter Beweis gestellt hatte und daher weiterhin publizieren durften.

Was hätte ihnen diese Sektengründung genutzt? Da der Tempel in Jerusalem zerstört worden war und die Hasmonäer den pharisäischen Juden als Überläufer und Verräter galten, waren sie als Hohepriester arbeitslos. Die Christen hätten als Sekte mit ihrem Zehnten die Kriegsausfälle sowie einen eventuellen neuen Tempel bezahlen dürfen. Zudem hätten sie die aufständischen Galiläer als auch die hinzukommenden hellenistischen Bevölkerungsanteile des römischen Reiches als Religionsführer für/gegen die Flavier lenken können. Dass die römischen Herrscher die Aufgabe dieser Sekte von Möchtegern-Aufständischen verstanden, zeigen sowohl die Christenverfolgungen, die die notwendigen Märtyrer-Vorbilder schufen, als auch die ausbleibenden Verhaftungen von Päpsten im Rom. Es waren die Neo-Flavier, die das Christentum später sogar zur Staatsreligion erhoben.

 

 

Literatur

 

Flavius Josephus: De Bello Judaico. Übersetzt: Der jüdische Krieg und kleinere Schriften. Marix-Verlag, Wiesbaden 2005.

 

Flavius Josephus: Antiquitates Judaicae. Übersetzt: Jüdische Altertümer. Marix-Verlag, Wiesbaden 2011.

 

James N. Frey: THE KEY. Die Kraft des Mythos. Wie verdammt gute Romane noch besser werden. Emons, Köln 2001.

 

Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1999.

 

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