Humanismus in der Uto Pia

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Thomas Morus(Von Dr. Andreas E. Kilian, Gastautor).

Im christlichen Abendland werden Juden seit fast 2000 Jahren ausgegrenzt, verfolgt und ermordet. Während lokale Widerstände gut dokumentiert sind, ist die europaweit organisierter Hilfe für die Verfolgten bis heute unbekannt. Gebildete Staatsmänner setzten im 16. Jahrhundert auf den Humanismus als Utopie. Ein Bestseller gibt Auskunft über ihre Vorgehensweise.

 

Der Bestseller

 

Im Jahr 1516 erschien ein bis dahin einzigartiger Roman über die bestmögliche Staatsverfassung, die auf der Insel Utopia realisiert sein sollte [Morus 1516]. Der fantastische Reisebericht begründete ein ganzes Genre und über den Inhalt wird bis heute kontrovers diskutiert. Die einen sehen im ihm eine Anspielung auf die edlen Wilden, die im neu entdeckten Amerika leben sollten. Die anderen vermuten eine philosophische Diskussion über die beste Staatsform, die an die Vorbilder der griechischen Antike anknüpft. Wieder andere glauben eine Satire auf das England jener Epoche sehen zu können, die zu Sozialreformen aufruft [Morus 2012]. Der Autor hüllt sich offiziell in Schweigen zu seinem Werk, doch seine Fantasie folgt festen Regeln und gibt so mehr Preis, als bisher angenommen.

 

Ironie als Marker

 

Auffällig sind seit jeher die an das Altgriechische erinnernden Namensschöpfungen in dem ansonsten lateinisch geschriebenen Text. Für einen brillant gebildeten Humanisten – wie der Autor Thomas Morus sicher einer war – sind die Übersetzungen ins Altgriechische dermaßen schlecht, dass die Leser sich fragen müssen, was der Autor wirklich damit sagen wollte.

Erzählt wird von Achoriern (Landlosen), den Alaopoliten (Leuten aus dem Staat ohne Menschen), einer Amaurotum (nebelhaften Vision) sowie von einem Ademus (König ohne Volk) und Gemeindevorstehern, die als Syphogranten (Älteste des Schweinestalls) bezeichnet werden. Der fiktive Informant dieses Reiseberichtes wird vom Autoren als Raphael Hythlodeus (Gott heilt durch den Schwätzer) betitelt. Selbst der lateinisierte Name des Autors, Morus, lässt sich als Narr deuten [Morus 2012].

Auch das Wort Utopia wird meist altgriechisch interpretiert, da das englische U-Topos ein Homophon zu den Wörtern Ou-Topos (Nicht-Land) und Eu-Topos (Schönes-Land) bilden kann. Aber obwohl der Roman bis auf einige Namen in Latein geschrieben wurde, wird die lateinische Übersetzungsmöglichkeit bis heute nicht diskutiert: Uto-Pia, zu deutsch „ich nutze die Fromme“. Wer ist diese Fromme?

 

Kryptische Einleitung

 

Bei der ersten Auflage war noch eine mystische Schrift auf dem Buchcover zu sehen und bevor der Roman beginnt gibt der Autor eine kurze Kostprobe von der Schrift und der Sprache der Utopier. Altgriechische und arabisch-persische Wortfetzen bilden einen Fantasietext, den der Autor für die phonetisch interessierten Leser in lateinische Lettern überträgt sowie in ein lateinisches Tetrastichon übersetzt. Der Gründer des Inselstaates offenbart hierin eine kryptische Botschaft und lädt mit seinem Namen Utopus (Ut-Opus, benutze das Werk!) dazu ein, nach weiteren Hinweisen zu suchen.

Zusätzlich bittet der Autor seinen Freund Petrus Aegidius in der Vorrede den Text sorgsam nach Fehlern abzusuchen und gegebenenfalls auch den Protagonisten Raphael Hythlodeus zu fragen, ob alles richtig geschrieben worden sei. Es scheint, als ob die Fehler der Schlüssel zum Werk seien.

 

Geheime Botschaften

 

Der durch diese Ermahnungen sensibilisierte Leser wird schnell fündig. In der Vorrede des Romans existiert ein Satz, der aus zwei vollkommen verschiedenen Inhalten zusammengesetzt wurde. Zuerst weist der Autor auf seinen Zögling hin, der in Latein und Altgriechisch sehr gute Fortschritte gemacht hätte. Dann fragt er nach, ob eine Brücke in der Stadt Amauroticum (Nebel) über den Fluss Anydrus (wasserlos) 500 Schritte lang oder vielleicht doch 200 Schritte kürzer sei. So, als ob dies nicht vor dem Druck des Romans hätte geklärt werden können. Der Altsprachler wird hier stutzig, denn die Namen können sowohl altgriechisch als auch lateinisch interpretiert werden. Allerdings müssten die Silben hierfür in die richtige Reihenfolge gebracht werden. Wenn dies ein Logical für die Leser sein soll, in dem zwei Sprachen mit Hilfe von Mathematik ineinander übersetzt werden sollen, dann heißt die Frage: wie?

Thomas Morus verwendet einen Code, dessen mathematische Grundlagen bereits dem General und Hohepriester Flavius Josephus im judäischen Aufstand (66-70 n.u.Z.) das Leben retteten [Flavius Josephus]. Dem Flavier zu Ehren wird dieses Abzählen heute als Josephus-Permutation bezeichnet. Zur Dechiffrierung wird jede siebte Silbe herausgenommen und in der neuen Folge angeordnet, ähnlich wie Kinder beim Fangenspielen heute noch mit „Ene-Mene-Muh“ abzählen.

 

Silbenfolge:

Am1 a2 ur3 o4 tic5 umAn7 yd8 rus9

 

Transposition:

An7 tic5 o4 umrus9 ur3 yd8 Am1 a2

 

In Worten:

Anticoum rus ur id ama

 

Übersetzt:

Verbrenne das alte Land! Liebe dieses!

 

Welches landlose Volk soll dieser Einladung wohin folgen?

 

Merkwürdige Nachbarn

 

Im ersten Buch seines Romans weist der Autor auf die Sitten der Einwohner von drei Staaten hin, die in der Nähe der Insel Utopia liegen sollen. Da ist die Rede von Polyleritas (Unsinnmachern), Achoriorum (Leuten aus Nirgendwo) und Macarensium (Seeligen). Humor, der zum Dechiffrieren einlädt.

 

Silbenfolge:

Pol1 yl2 er3 it4 as5 Ach6 or7 i8 o9 rum10 Ma11 car12 ens13 i14 um15

 

Transposition:

or7  i14 ach6 um15 o9 er3 ens13 ma11 rum10 car12 yl2 i8 pol1 it4 as5

 

In Worten:

ori acu moerens marum Caryli politas

 

Übersetzt:

Entstehe Nadel der klagenden Sündenböcke zu den Gebildeten des Karl!

 

Wer sind diese Sündenböcke und wer sind Karl und die gebildeten Frauen? Und was hat dies alles mit der Frommen zu tun?

 

Geheimnisvolle Nachbarvölker

 

Die Suche im zweiten Buch des Romans zeigt eine weitere Liste mit Einwohnern der Nachbarstaaten Utopias. Neben den Utopiern werden Anemolier (Aufgeblasene), Alaopoliten (Leute aus dem Staat ohne Leute), Nephelogeten (Leute aus Wolkenkuckucksheim) und Zapoleten (die sich verkaufen) erwähnt. Auch die Silben dieser Fantasienamen lassen sich neu transpositionieren.

 

Silbenfolge:

Ut1 o2 pi3 en4 si5 um6 An7 em8 ol9 i10 o11 rum12 Al13 a14 o15 po16 li17 tas18 Neph19 e20 log21 et22 a23 rum24 Zap25 o26 let27 is28

 

Transposition:

An7 a14 log21 is28 em8 po16 rum24 en4 Al13 a23 si5 li17 let27 o11 Zap25 i10 o26 o15 pi3 et22 Neph19 tas18 e20 o2 rum12 Ut1 um6 ol9

 

In Worten:

Analogis emporum in alas ili leto capio opi et neptas eorum utu mol

 

Übersetzt:

Du ziehst groß im gleichen Handelsplatz, ich töte das Innere, ich greife ein mit der Macht und den Enkelinnen, ihrer mahle du, wie auch immer!

 

Es geht um zukünftige Händler, die sich eine neue Existenz aufbauen sollen, staatsinterne Streitigkeiten sowie um Heiratskandidatinnen. Wer ist wer?

 

Beredte Städtenamen

 

In der Vorrede heißt eine Stadt noch Amauroticum. Im zweiten Buch lautet der Name auf einmal durchgehend Amaurotum (Nebelstadt). Ist dies ein Tippfehler der Setzer oder gar Absicht des Autors? Eine zweite Stadt soll Mentirano (Lügenburg) sein. Doch der Weltreisende Hythlodeus hat noch eine weitere Stadt besucht.

 

Silbenfolge:

Ant1 ver2 pi3 ae4 Am5 a6 ur7 o8 tum9 Ment10 ir11 an12 o13

 

Transposition:

ur7 Ant1 tum9 ae4 no13 tir11 Men10 a12 pi3 over2 Am5 a6

 

In Worten:

urant tum aeno tir menapio ver ama

 

Übersetzt:

Liebe den Neuanfang (Frühling) mit dem unbezwingbaren Menapier als Rekruten (Lehrling), dann würden sie brennen

 

Der gallische Stamm der Menapier siedelte einst zwischen der Maas und der Schelde. Dort, wo heute Antwerpen, Maastricht und Brüssel liegen. Diesen Stamm sollen die Flüchtlinge in etwas ausbilden, dann würden „andere“ brennen.

 

Alte-neue Inselnamen

 

Der alte Name von Utopia soll Abraxa lauten. Dies könnte mit „regenlos“ übersetzt werden, was allerdings recht frei wäre. Werden jedoch alle im Roman erwähnten Gewürzinseln aufgelistet, die mit altgriechischem Namen genannt werden und die der Weltreisende Raphael Hythlodeus besucht haben soll, so zeigt sich bei der Dechiffrierung folgender Text.

 

Silbenfolge:

Ta1 pro2 ban3 en4 Cal5 iqu6 it7 Ab8 rax9 a10

 

Transposition:

it7 en4 pro2 Ta1 ban3 iqu6 a10 Cal5 Ab8 rax9

 

In Worten:

ite in prota banni, qua cal abras

 

Übersetzt:

Geht gleich am Anfang nach dem Bann, redet irgendwie mit den Dienstmädchen!

 

Um welchen Bann und wessen Dienstkräfte handelte es sich? Was war kurz vor der Veröffentlichung der Utopia geschehen?

 

De Magistratibus

 

Beim Auflisten der Titel von Obrigkeiten legt der Autor größten Wert darauf, dass die Leser sowohl die ehemaligen als auch die aktuellen Bezeichnungen erfahren. Neben den Ortsvorständen, Vorstehern und Fürsten fehlen jedoch zwei Titel. Der allererste und der aktuelle Herzog müssen der Liste hinzugefügt werden.

 

Silbenfolge:

Mo1 rus2 Ut3 op4 us5 Phyl6 arch7 us8 Sy9 pho10 grant11 um12 Tran13 i14 bor15 us16 Pro17 to18 phyl19 arch20 us21 Bar22 zan23 em24 Ad25 e26 mum27

 

Transposition:

arch7 i14 us21 Mo1 Sy9 Pro17 Ad25 Phyl6 us16 em26 pho10 arch20 op4 to18 Ut3 phyl19 us8 em24 bor15 um12 grant11 Tran13 zan23 us5 Bar22 um27 rus2

 

In Worten:

archius Mosi pro ad philus empo arch opto, ut philus emporum grand trans annus barum rus

 

Übersetzt:

Ich wünsche das Archiv des Moses vorweg zum Freund des Handelsvorstehers, gebrauche den großen Markt des Freundes über das Jahr im Land der Barone/Tölpel

 

Baro kann sowohl Baron als auch Tölpel bedeuten. Der Freund ist noch unbekannt, doch die aufgeforderte Gruppe der Eingeweihten ist im Besitz des Erbes von Moses.

 

Religiöse Begriffe

 

Werden alle pseudo-altgriechischen Begriffe aus dem religiösen Zusammenhang in ihre Reihenfolge laut Buch gebracht, so kann Folgendes entziffert werden.

 

Silbenfolge:

Bu1 thres2 cas3 Cy4 ne5 mer6 nos7 Tra8 pe9 mer10 nos11

 

Transposition:

nos7 cas3 nos11 pe9 Tra8 mer10 thres2 mer6 Bu1 Cy4 ne5

 

In Worten:

noscas nos petra mer tres mer bucine

 

Übersetzt:

Du erkennst uns am Stein, erwirb drei, erwirb ein Hirtenhorn

 

Wer von den Eingeweihten den Intelligenztest besteht, darf nach „Utopia“ einwandern, wird von den Auftraggebern entsprechend empfangen und in die Bruderschaft eingeführt. Es sollen also nicht alle aus dem Volk Mose kommen, sondern am Anfang nur die Besten der Besten.

 

Der Adressat

 

Bereits im Jahr 1518 erschien der Roman in einer neuen Auflage und mit einem neuen Buchtitel. Nun hieß es: „De optimo reip. Statu, deque nova insula Utopia, libellus vere aureus, nec minus salutaris quam festivus,…“, während es vorher noch „Libellus vere aureus, nec minus salutaris quam festivus, de optimo reip. statu deque nova insula Utopia.“ lautete. Die Satzteile wurden vertauscht. Ein kleiner aber entscheidender Unterschied, der die Dechiffrierung verhindern konnte, denn nur das Original von 1516 ergibt einen Sinn.

 

Li1 bell2 us3 ver4 e5 au6 re7 us8 nec9 min10 us11 sa12 lut13 a14 ris15 quam16 fes17 ti18 vus19, de20 op21 tim22 o23 re24 ip25 stat26 u27 de28 que29 nov30 a31 ins32 ul33 a34 Ut35 o36 pi37 a38

 

re7 a14 ob21 de28 ut35 ver4 sa12 de20 que29 pi37 us8 fes17 stat26 o36 nec9 fus19 a31 us3 quam16 nov30 e5 tim22 a34 lut13 ins32 us11 ul33 ti18bell2 u27 re24 o23 ip25li1 ris15 a38 au6 min10

 

rea opde ut versa deque pius fes stato nec fusa usquam noveti malut in sus ulti bellu reo ipli risa au min

 

Angeklagte, stelle (dich) entgegen! gebrauche! wende! und trete bestimmt auf gegenüber dem Frommen, auch nachdem ihr zerstreut worden seid, ihr könnt irgendwo erneuern das Übel, wenn ihr den Krieg gegen das Schwein gerächt habt, Angeklagter, gehe um ein vielfaches stärker, nachdem du verspottet wurdest, bewahre die Mahnung

 

Der Inhalt ist telegrammstilartig, was der Chiffrierung geschuldet ist. Thomas Morus ruft die in aller Welt verstreut lebenden Eingeweihten zur Besinnung auf, sich nicht an den Christen für die Vertreibung der „Schweine“ zu rächen. Er will mit Hilfe der „Pia“ anders vorgehen. Das „Wie“ ergibt sich aus dem „Who is who“.

 

Die Migranten

 

Im Januar des Jahres 1492 eroberten Ferdinand II. von Aragonien und León sowie Isabella von Kastilien die spanische Provinz Granada von den Muslimen zurück. Da die Vorfahren der Juden die Muslime einst freundlich empfangen hatten, folgte die Rache der christlichen Herrscher auf dem Fuße. Bereits im März desselben Jahres wurde das Alhambra-Edikt erlassen. Hunderttausende sephardischer Juden mussten entweder Spanien binnen drei Monaten verlassen oder konvertieren. Im Jahr 1497 folgte Portugal mit der Ausweisung aller Juden. Viele wechselten in ihrer Not zum christlichen Glauben, doch das Massaker von Lissabon zeigte noch im Jahr 1506, dass auch konvertierte Juden nirgends sicher leben konnten. Von den Christen wurden sie nur verächtlich Marranos, Schweine, genannt und die Inquisition saß den Anusim, den Gezwungenen, im Nacken. Versklavungen, Zwangstaufen, Folter und Hinrichtungen waren für sie an der Tagesordnung. Wo war der Staat, die rettende Insel, die die Flüchtigen aufnahm?

 

Carylus

 

Als sein Vater Philipp I. im Jahr 1515 starb, erbte Karl die burgundischen Niederlande. Anfang des Jahres 1516 hinterließ sein Großvater Ferdinand II. dem jungen Karl die spanischen Königreiche von Kastilien, León und Aragón sowie den Titel König Carlos I. von Spanien. Mit dem Tod seines Onkels Maximilian I. erbte Karl den Thron von Österreich und ging 1519 als Kaiser Karl V. des Heiligen Römischen Reiches in die Geschichte ein.

Thomas Morus versprach sich im Erscheinungsjahr der Utopia 1516 also politische Veränderungen von dem jungen Habsburger und sah neue Hoffnungen für die Sepharden und Konvertiten. Doch – wie im Roman von ihm erwähnt – wollte Thomas Morus nicht den König beraten, da solche Empfehlungen von allen Ministern diskutiert würden. Er wollte diejenige beraten, auf die der König freiwillig hören würde.

 

Uto Pia

 

Im Auftrag des englischen Königs Heinrich VIII. war der Autor zwischen 1510 und 1516 mehrfach als Diplomat in den Niederlanden. Hier traf er nicht nur Erasmus von Rotterdam, den Hofberater und Lehrer von Karl, sondern lernte auch die „fromme“ Margarete von Österreich kennen. Als Tante von Karl war sie von 1507 bis Januar 1515 sowohl Regentin der habsburgischen Niederlande als auch dessen Vormund. Im Erscheinungsjahr der Utopia war sie bereits von Kaiser Maximilian I. abgesetzt („gebannt“) gewesen. Wahrscheinlich, da sie ihm zu selbstständig regierte und Karl nun vorzeitig für mündig erklärt wurde. Morus setzte mit der „Frommen“ nicht nur auf die interne weibliche Opposition im Hause Habsburg. Er setzte auch auf die Humanistin, denn Margarete hatte in Mechelen ein Zentrum für Humanismus gegründet und verkehrte mit den führenden Köpfen der Aufklärung. Sie wollte neue Ideen umsetzen. Zudem war sich Thomas Morus bewusst, dass Margarete für Karl ein Mutterersatz und seine vertrauteste Beraterin war.

Der englische Diplomat irrte sich 1516 nicht in der Beziehung des jungen Königs zu seiner Tante. Als Karl seinen Thron in Spanien gesichert hatte, setzte er Margarete 1517 wieder als Statthalterin in den Niederlanden ein. Während Karls Schwestern Eleonore, Isabella und Maria in Mechelen weiterhin humanistisch erzogen wurden, zog Thomas Morus die diplomatischen Fäden im Hintergrund. Die sephardische Intelligentia wanderte unterdessen tatsächlich in ihr Utopia, die Niederlande, ein.

 

Die Nadeln der gebildeten Frauen

 

Bella gerant alii, tu felix Austria nube.“ Dienst hieß bei Habsburgern sich dem Staatswohl unterzuordnen und strategisch zu heiraten. Die „Dienstmädchen“ von 1516 werden dieser Aufgabe nachkommen und als Eleonore von Kastilien (Königin von Portugal und Frankreich), Isabella von Österreich (Königin von Dänemark, Schweden und Norwegen) sowie Maria von Ungarn (Königin von Böhmen und Ungarn) in die Geschichte eingehen. Die Nadeln für die „gebildeten“ Humanistinnen können heute nicht mehr identifiziert werden. Doch die Diplomatie hatte sich gelohnt, denn die Dienstmädchen investierten in die Bildung ihrer Länder.

Nach dem Tod der „Pia“ übernahm Maria von Ungarn von 1531 bis 1556 das Amt der Statthalterin der Niederlande. Sie war als Schwester von Karl V. maßgebend an der Vereinigung der 17 Provinzen beteiligt und kokettierte mit dem Protestantismus. Sie schuf als geschickte Vermittlerin zwischen allen Parteien die Grundlage zur Unabhängigkeit der Niederlande sowie zur Union von Utrecht, die die Religionsfreiheit garantierte.

Eine Nadel von Karl V. wurde Josel von Rosheim. Er rang dem Kaiser im Jahr 1520 die Judenordnung ab, verteidigte seine Glaubensbrüder 1539 persönlich gegen Luther und bewirkte 1541 die Abschaffung der Leibzölle für Juden sowie das Tragen der Judenabzeichen. Zwar nahm Karl V. das Vertreibungsedikt von 1492 nicht zurück und hielt an der Inquisition fest, doch gewährte er den Juden anlässlich seiner Krönung Schutz im Reich sowie ab 1544 einige liberale Rechte. Damit legten die Nadeln das Fundament für eine neue Gesellschaftsform.

 

Der Philus

 

Auf den ersten Blick könnte vermutet werden, dass aschkeniasische Juden den sephardischen Juden als Freunde zu Seite gestanden hätten. Doch Thomas Morus verwendet das Wort Philus (Freund) im Singular. Er meint also eine bestimmte Person, die er auch im Roman so bezeichnet.

Petrus Aegidius wird in der Vorrede darum gebeten, den Roman auf „Fehler“ hin zu untersuchen. Konnte der Humanist die Marker identifizieren und den Code entziffern? Tatsache ist, dass jener brillante Stadtschreiber und Lektor als Humanist seiner Zeit des Lateinischen und des Altgriechischen mächtig war. Er hat die merkwürdigen Übersetzungen des Morus daher höchstwahrscheinlich bemerkt. Kannte er aber auch den Code?

Der Lektor des Romans arbeitete als Stadtschreiber in Antwerpen und hieß mit bürgerlichem Namen Peter Gillis. Dieser Familienname ist die französische Kurzform für den heiligen Aegidius, des Schutzpatrons der Abteikirche Saint-Gilles. Die Namensgebung einer Privatperson nach einer Kirche oder einem Heiligen kann – muss aber nicht – dafür sprechen, dass deren Vorfahren wahrscheinlich in Saint-Gilles konvertierten. Die Frage, ob der Stadtschreiber von Antwerpen seine Stellung genutzt hat, um Freunde in Antwerpen anzusiedeln, ist heute nicht mehr zu klären. Beratend zur Seite gestanden hat er Thomas Morus mit Sicherheit.

 

Thomas Morus

 

Wer war Thomas Morus in Wirklichkeit? Hat die bisherige Geschichtsschreibung recht und der Autor dieses Artikels postuliert lediglich eine neue Verschwörungstheorie? Die Leser können selbst überprüfen, ob sich die im Roman verwendeten Namenssilben durch eine andere Permutation sowohl vollständig als auch in einen anderen sinnvollen Text transponieren lassen, oder ob auch weitere Texte, wie ein Telefonbuch, auf diese Weise dechiffriert werden können. Wer sich diese Mühe macht, findet heraus, dass es sich bei dieser Form der Dechiffrierung um eine echte Verschlüsselung handeln muss. Doch welche Absicht verfolgte der Staatsmann Morus mit seinem Roman und den darin enthaltenen geheimen Anweisungen?

Wollte er sich selbst als genialer Staatsmann ein Denkmal setzen, in dem er zukünftige Ereignisse richtig vorhersagte? Benutzte er als Christ die Doppeldeutigkeit, um den Juden die kommenden Aufstände in die Schuhe zu schieben, die er selbst in den Niederlanden entfachen wollte? Agierte er als Brite unter dem Tarnmantel des Utopus und des Hythlodeus, um den antijudaischen Habsburgern eine falsche Fährte zu suggerieren? Oder handelte er als Humanist, um einer verfolgten Minorität gegen ihre Verfolger zu helfen?

Utopus, der mystische Begründer des Inselstaates, gibt sich im Roman als Herzog seines Volkes aus und der Thomas Morus verwendet ein Abzähl- und Codesystem, welches bereits der hasmonäische General und Hohepriester Josippos ben Mathitjahu ha Cohen (Flavius Josephus) in seinem Kriegsbericht De Bello Judaico im ersten Jahrhundert beschrieben hat.

Werden die historisch realen Ereignisse des folgenden Jahrhunderts mit den Romaninhalten verglichen, so fällt auf, dass über den gesamten Zeitraum den chiffrierten und nicht chiffrierten Anweisungen Folge geleistet wurde. Dies spricht dafür, dass Thomas Morus höchstwahrscheinlich einer konvertierten jüdischen Familie entstammte und im Roman – als Herzog seines Volkes und gottgesandter Schwätzer – den Eingeweihten der Sepharden Hinweise gab, wie sie sich mit seiner Hilfe eine neue Zukunft in den Niederlanden aufbauen konnten.

 

Romaninhalte

 

Eine jüdische Identität von Thomas Morus würde nicht nur erklären, weshalb die Utopier im Roman weder Christen noch Juden sind, sondern einem antiken Sonnenkult huldigen. Immerhin konnte sich der Autor vor seinen Glaubensbrüdern nicht als Befürworter des Christentums darstellen oder vor den Christen als Jude zu erkennen geben. Es würde auch nahe legen, weshalb Thomas Morus als weltliches oder religiöses Oberhaupt seines Bundes dem englischen König Heinrich VIII. nicht den Suprematseid leisten konnte und seine eigene Hinrichtung akzeptierte.

Um das literarische Transportvehikel für die chiffrierte Nachricht zu tarnen, verlässt der Autor sich auf die Selbstironie der Sepharden. Sie werden sich im „Schweinestall“ als Ideal der jüdischen Gemeinde ebenso wiedergefunden haben, wie im utopischen Sozialismus derer, die Hab und Gut in Spanien und Portugal verloren haben. Er kokettiert mit ihren Hoffnungen und bittet sogar um Mithilfe, wenn er als Herzog Utopus schreibt, dass er Verbesserungsvorschläge gerne entgegen nimmt. Als dieser, der – nach eigener Aussage – selber ohne Philosophie ist, stellt er den philosophischen Staat dar, den es zu gründen gilt. Ideale verfolgte er also nicht als politischer Realist.

Auch der außergewöhnliche Aufbau des Romans lässt sich nun neu interpretieren. So gibt es eine Vorrede für die engsten Freunde, in der darüber nachgedacht wird, ob dieses Werk überhaupt für die Öffentlichkeit gedacht ist. Die Eingeweihten sollen den wahren Inhalt also nicht an die große Glocke hängen. Im ersten Buch folgen Anweisungen, wie die ersten Immigranten in Utopia vorgehen sollen. Das zweite Buch beinhaltet Verhaltenshinweisen für die nicht-eingeweihte Masse der Einwanderer.

Mit der Frage, ob die Erfahrenen unter ihnen Könige beraten oder sich aus der Politik heraushalten sollten, beginnt das erste Buch. Daraufhin werden die Ursachen für Diebstahl, Mord und Söldnerwesen diskutiert. Diese Fehler sollen offenbar vermieden werden. Am Beispiel der Achorier wird dargestellt, wie ein Königreich geteilt, ein Teil unter eine neue Herrschaft gestellt und schließlich ganz abgespalten und in die Unabhängigkeit entlassen werden kann. Diese Beschreibung nimmt das Schicksal der Niederlande vorweg. Am Beispiel der Makarenser wird das Finanzwesen des neuen Landes erörtert, in dem das Geld bei den Bürgern bleiben soll. Mit Hilfe der Utopier wird die Symbiose von Privat- und Gemeinschaftseigentum vorgeschlagen. Diese Beteiligung am Gewinn findet sich später in der ersten Aktiengesellschaft der Welt, in der Ost-Indien-Kompanie, wieder.

Ein Hinweis auf die kommende Seemacht ist zu Beginn des zweiten Buches im Alter der Insel Utopia versteckt. Es wird mit 1760 Jahren angegeben und deutet somit auf die Jahre 244 oder 243 vor unserer Zeitrechnung hin. Damals investierten die Patrizierfamilien Roms ihr Privatvermögen in den Schiffbau, um eine letzte Flotte gegen Karthago zu finanzieren. Mit Hilfe dieser Schiffe wurde 241 v.u.Z. der erste Punische Krieg entschieden und Rom zur Weltmacht.

Interessant sind auch die Gedanken zur Sklaverei. So nehmen die Utopier nicht andere Völker zu Sklaven, sondern lediglich ihre eigenen Gesetzesübertreter. Diese dürfen sich frei bewegen, tragen aber Fesseln aus Gold. Es ist ihre eigene kindliche Gier nach Edelmetall, die sie abhängig macht. Wahrer Reichtum liegt für Thomas Morus in der Gemeinde, Gold ist für ihn nur ein Mittel zum Zweck, niemals Selbstzweck. Sollte diese Aussage auf die Sepharden bezogen sein, so widerspricht sie allen Verschwörungstheorien über das sogenannte „Finanzjudentum“. Die Gierigen legen sich – laut Roman – selbst in Fesseln.

Es dürfte dem Sinn von Thomas Morus für Humor entgegen gekommen sein, dass ausgerechnet die römisch katholischen Kirche – die offensichtlich nichts von seiner wahren Identität wusste – ihn zum Heiligen ernannte.

 

Verschwörung oder Lobbyarbeit?

 

Der Roman ist ein Werbeschreiben, welches als unverdächtige literarische Phantasterei in ganz Europa verkauft werden konnte, und bezeugt einen europaweiten Kampf einer kleinen elitären Gruppe von Eingeweihten. Belegt dies eine Verschwörung? Damals wäre von einer Verschwörung oder von Hochverrat gegen den Regenten gesprochen worden, da Thomas Morus als Engländer auf die „gebannte“ Opposition im Hause Habsburg setzte und die habsburgischen Niederlande in die Unabhängigkeit führen wollte. Sein Roman beinhaltete zudem sozialen Sprengstoff.

Mit dem Wissen dieser Dechiffrierung ist die Frage nach einer Verschwörung nicht so einfach zu beantworten. Die geheimen Anweisungen beweisen das Gegenteil von dem, was Antisemiten gemeinhin als Verschwörungstheorien verbreiten. Es waren nicht „die“ Juden an dieser Verschwörung beteiligt, sondern ein kleiner Kreis Eingeweihter, die  – offiziell – keine Juden waren. Die große Mehrheit der normal-bürgerlichen Juden wird nie etwas von dieser Diplomatie erfahren haben.

Zudem hat sich diese Gruppe nicht zum Zweck der Verschwörung gegründet, sondern  existierte und kommunizierte wahrscheinlich schon seit Generationen im Geheimen. Auch waren ihre Aktionen nicht zum Schaden anderer ausgerichtet oder als Rache gegen Christen gedacht. Vielmehr wollten sie den in Granada verlorenen Status wieder erwerben und die jüdischen Glaubensbrüder vor der Willkür der christlichen Herrscher schützen. Heute würden ihre Beratungen und Gespräche als Lobbyarbeit interpretiert werden, die auf den gemeinsamen Werten des Humanismus basierte. Die „geheimen“ Interessenvertreter kämpften auf ihre Weise für Religionsfreiheit und Unabhängigkeit und gründeten mit den Niederländern zusammen einen Staat sowie ein Handelsimperium, welches das kleine Land zur Weltmacht erhob. Ob diese Vorgehensweise für die Nachfahren der Menapier positiv oder negativ zu werten ist, mögen die Niederländer selbst beurteilen.

Der Autor setzte bei dieser Aufgabe auf die „gebildeten“ Frauen, um in Zeiten des beginnenden Absolutismus den christlichen Wahnsinn einzudämmen sowie eine vertragliche Rechtsgrundlage für alle Religionsgruppen zu schaffen. Thomas Morus hinterlässt uns damit ein Erbe, welchem der Humanismus noch heute – gerade in Zeiten der fehlenden Frauen- und Flüchtlingsrechte – verpflichtetet sein sollte.

 

 

Literatur

 

Flavius Josephus: De Bello Judaico. Buch 3, Kapitel 8, 7.

 

Thomas Morus: Libellus vere aureus, nec minus salutaris quam festivus, de optimo reip. statu deque nova insula Utopia. T.M. von Aelst, Löwen, 1516.

 

Thomas Morus: Utopia. Lateinisch / Deutsch. Stuttgart, Reclam 2012.

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