Und Gott schuf die Angst. Ein Psychogramm der arabischen Seele


Und Gott schufRezension von Dr. Andreas E. Kilian.

Der Hamburger Facharzt für psychotherapeutische Medizin Dr. Burkhard Hofmann beschäftigt sich in seinem Buch „Und Gott schuf die Angst – Ein Psychogramm der arabischen Seele“ mit den psychischen Problemen von Muslimen in den Golfstaaten. Die Fälle zeigen das Zusammenspiel von Religion, Kultur, Kindererziehung und schweren psychischen Störungen auf.

 

Dr. Burkhard Hofmann therapierte bereits seit zwei Jahrzehnten in Hamburg Muslime, als er gebeten wurde auch saisonal in den Golfstaaten zu arbeiten. In seinem Buch berichtet Hofmann primär von Einzelfällen sowie den familiären Hintergründen für die Störungen. Im Gesamtkontext ergibt sich hieraus sekundär ein Bild, welches die Verstrickungen zwischen Religion, Kultur, gesellschaftlichen Erwartungen, Großfamilien und ihren Rollenbildern sowie den resultierenden schweren psychischen Störungen detailliert offenlegt.

 

Was in anderen Gesellschaften eine Selbstverständlichkeit ist, gilt im Islam nämlich als Sünde und Missachtung von Eltern und Tradition: die psychische und intellektuelle Loslösung des Individuums von der Familie im Rahmen der Individuation. Während im Westen die Autonomie des Individuums als Ideal im kulturellen Curriculum angestrebt wird, ist diese Separation und Individualisierung aus der islamischen Großfamilie heraus nicht nur unerwünscht, sondern sogar verboten. Das Sich-Entfernen aus dem Clan ist daher nicht nur mit extremen Schuldgefühlen verbunden, sondern wird zu einem lebensgefährlichen Akt, der sich in existentiellen Ängsten niederschlägt.

 

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Familie, ein Widerspruch gegen das Familienoberhaupt, ein Gespräch über das Problem als solches sind nicht nur aus Tradition unmöglich. Sie gelten aufgrund der vorgeschriebenen islamischen Ethik schlichtweg als Blasphemie. Wo Kinder in ihrer frühen Entwicklung ehrliche Liebe und Zuwendung brauchen, bekommen Muslime kulturell vorgeschriebene Mechanismen aus religiösen Vater- und Mutterrollen. Die entstehenden Selbstwertstörungen müssen ein Leben lang kompensiert werden. Die narzisstische Kränkung oder ihre Überkompensation wird zum Grundbaustein ihrer islamischen Existenz.

In der muslimischen Realität bekommen Kinder das Lächeln einer verschleierten Mutter – eben nicht – zu sehen. Väter halten sich aus der Kleinkinderziehung fast vollständig heraus. Der erste Kontakt mit dem Vater findet statt, wenn es zur Moschee geht. Ein wahrhaft prägendes Ereignis, bei dem das Kind lernt, dass es die elterliche Anerkennung nur gegen die Zurschaustellung von Religiosität bekommt.

Im schlimmsten Fall wird die Elternliebe auf Gott übertragen. Eine allerhöchste Instanz aus Eltern-Gott-Ich entsteht, die nie mehr in Frage gestellt werden darf und ein therapeutisch unauflösliches Ganzes bildet. Der Versuch, aus Gebet und Gottesnähe die lebensnotwendigen väterlichen Gefühle bekommen zu können, muss scheitern und führt zwangsläufig zu Hass und Aggressivität. Doch das Infragestellen dieses perfiden Systems ist im Islam weder individuell noch kulturell erlaubt oder gar vorgesehen.

Um ihre Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren, flüchten viele Muslime daher zuerst in das Überlegenheitsgefühl gegenüber allen anderen Kulturen und Religionen. Gegenüber ihrer eigenen Gesellschaft finden Kompensationsversuche im „besten Fall“ durch Kaufrausch, Medikamente, Drogen und Alkohol statt. Wo Selbstmord allerdings religiös verboten ist und religiös nicht sein kann, was nicht sein darf, bleibt im „schlimmsten Fall“ nur noch die Flucht nach vorn, in die Realitätsverweigerung und den religiösen Fanatismus.

 

Voraussetzung für ein friedliches Miteinander und eine Demokratie ist die Unterordnung jeder Religion unter die gemeinsamen Interessen aller Gruppen und Religionen. Hier warnt Hofmann allerdings vor zu euphorischen Erwartungen. Laut Koran und Hadihten sind Islam, Rechtssystem und Staat nicht voneinander zu trennen und in vielen Fällen sind Muslime auch psychologisch nicht in der Lage, eine Perspektive der dritten Person einzunehmen. Aufgrund seiner psychologischen Studien in den Golfstaaten kommt der Autor zu dem Ergebnis, dass Islam und europäische Kultur nicht kompatibel sind. Wo und wann immer Muslime die Mehrheit in einer Gesellschaft ausmachen, sind sie per heiligen Schriften verpflichtet den Islam als Staatsreligion durchzusetzen. Ein sogenannter „Dialog“, wie er von deutschen Religionswissenschaftlern und christlichen Politikern vorgeschlagen wird, wird in der arabischen Welt lediglich als „Einladung“ (S. 282) zur Konvertierung verstanden, da es gegenüber der göttlichen Lehre des Propheten keine Diskussion und somit auch keinen Dialog mit Ungläubigen auf Augenhöhe geben kann.

 

Kritisch an der Studie von Hofmann ist zunächst die geringe Anzahl der Patienten zu sehen. Zwar besteht Psychologie immer aus Einzelfällen, die kaum statistisch in Einklang gebracht werden können, und für das Buch musste eine Auswahl getroffen werden. Dies gibt der Autor zwar zu, trotzdem schließt er – vielleicht aufgrund seiner nicht publizierten Erfahrungen in der Region – aus den Einzelfällen auf die Verfassung einer ganzen Religion, einer Nation oder gar auf „die Araber“.

 

Auch mag sich der kulturelle Hintergrund der Patienten auf die arabischen Golfstaaten begrenzen. Muslime mit persischen, türkischen oder syrischen Hintergrund können sich deutlich von diesem Klientel unterscheiden. Zudem behandelte Hofmann nur Patienten, die sich eine Psychoanalyse in Hamburg oder am Golf leisten konnten. Die breite Masse der arabischen Bevölkerung  repräsentiert dies wohl kaum.

 

Trotz der statistisch nicht repräsentativen Fokussierung ist dieser Erlebnisbericht aus drei Gründen dennoch interessant und das Buch daher empfehlenswert. Erstens dürfen sich auch Humanisten und Atheisten bei psychologischen Studien gerne einmal an die eigene Nase fassen. Der Text lädt zur Suche nach eigenen verdrängten Glaubens- und Verhaltensmustern ein.

Zweitens sollte man niemals versuchen etwas zu verändern, bevor man nicht verstanden hat, wieso es so ist, wie es ist. Es mag viele Wege geben eine Religion kennenzulernen. Aus der Sicht der psychisch Betroffenen ist jedoch ein erfrischend neuer Zugang. Die Schilderungen dieser Patienten lassen einen Mitleid empfinden. Sind sind Opfer und Täter in einem und in einer kulturell-religiösen Umwelt, aus der sie selber keinen Ausweg finden können.

Drittens dienen die Selbstaussagen von Muslimen als Steilvorlage gegen alle „naiven“ politischen Argumente einer „Wird-schon-gutgehen“-Integrationskultur. Es wird für die breite Mehrheit von Muslimen weder eine vollständige Integration und schon gar keine Assimilation an andere Kulturen und politische Systeme geben. Muslime können sich nicht außerhalb des Islam stellen, ohne sich in Lebensgefahr zu begeben. Selbst viele ihrer „Atheisten“ verstehen sich immer noch als muslimische Atheisten. Was sind daher Maßnahmen, wie ein deutscher Islam-Religionsunterricht oder ein deutsches Islam-Studium wert, wenn die Masse der Muslime früher oder später auf die „originale“ Einhaltung des Koran und der Hadithe drängt? Die Opfer geben hierüber Auskunft.

 

Hofmann umschreibt dieses Szenario mit: „Nicht alles ist überbrückbar, nicht jede Eigenart ist mit der des anderen so kompatibel, dass ein gedeihliches Zusammenleben eine Chance hat. Und manchmal ist das Getrenntleben nicht nur für Paare die bessere Lösung“ (S.285).

 

 

Burkhard Hofmann: Und Gott erschuf die Angst – Ein Psychogramm der arabischen Seele. DROEMER-Verlag, München 2018. 285 Seiten, 19,99 Euro.