Die Kuh des Nostradamus


NostradamusVon Dr. Andreas E. Kilian, Gastautor.

Der französische Apotheker Michel de Nostredame ist durch seine Prophezeiungen weltberühmt geworden. Eine ganze Esoterik-Szene beschäftigt sich noch heute mit seinen mystischen Weltuntergangs-Fantasien. Doch was will der sozial engagierte Pestarzt und naturwissenschaftlich denkende Forscher seinen Lesern wirklich mitteilen? Die Begleitbriefe zu seinem Buch Les Propheties verraten mehr, als seine vierzeiligen Verse.

 

Viele Menschen haben bereits versucht, die Prophezeiungen des Nostradamus zu entschlüsseln. Nicht nur, weil sie etwas über die Zukunft der Menschheit zu erfahren hofften, sondern auch, weil der Autor in dem Begleitschreiben an seinen Sohn Cesar in seinem Buch ausdrücklich darauf hinweist, dass der „Schlüssel“ zur Dechiffrierung im Text versteckt sei [Albi 1555]. Die Parole zur Vererbung des Geheimnisses um die Prophezeiungen soll im „Estomach“ des Buchautoren verborgen sein. Esoteriker übersetzen dies mit „Magen“ (stomachus). Mit dem „e“ davor steht das Wort jedoch für die lateinische Abkürzung für „esto machinosus“, zu deutsch „es wird sein kunstvoll zusammengefügt!“. Der Autor betreibt also Wortspiele in der Wissenschaftssprache seiner Zeit, um ein bestimmtes Publikum zu erreichen. Nur wo versteckt sich das erste Wortspiel und wie ist es zu dechiffrieren?

 

Nomen est Omen

Michel „de Nostredame“ wurde 1503 in Saint Rémy de Provence geboren und seine Vorfahren hießen noch Gassonet mit Familiennamen. Der selbstgewählte Name soll sich von der Kirche ableiten, in der seine jüdischen Vorfahren konvertieren mussten. Aber etwas macht misstrauisch. Im Französischen heißt die Kathedrale zu Ehren der Jungfrau „Notre Dame“ und nicht „Nostredame“. Zudem erkennt der Altsprachler in der lateinisierten Fassung die Worte De Nos Tradamus bzw. De Nostra Damus, übersetzt „wir können über uns tradieren“ bzw. „von unserer Dame“, wobei allerdings mit dieser Dame die Schachfigur gemeint ist. Da der Arzt und Apotheker des Lateinischen mächtig war, kann dieser Schreibfehler kein Zufall sein. Der Name des Sohnes „Caesar de Nostradamus“ lässt sich also auch als „Herrscher über die Schachfigur“ interpretieren. Wer ist diese Schachfigur?

 

Die erste Ausgabe 1555

Die Widmung im Brief an den Sohn bietet sich zur Untersuchung an [Albi 1555]. Zur Dechiffrierung wird jede siebte Silbe gemäß einer Josephus-Permutation herausgenommen.

 

Originaltext:    Ad Cesarem Nostradamum filium

Silbenfolge:     Ad1 Ces2 ar3 em4 Nos5 tra6 da7 mum8 fi9 li10 um11 

Transposition: da7 ar3 um11 fi9 mum8 li10 ces2 tra6 ad1 em4 nos5

Schriftlatein:   da arum fimum, lices, tradam nos

Übersetzung: Gebe der Altäre/Arons Dünger. Du bist erwünscht. Ich könnte uns tradieren.

 

Interpretation: Das lateinische Wort Arum hat zwei Bedeutungen. Wird es mit Aaron übersetzt, so geht es um einen Nachfahren der Aaroniten. Jener Gruppe von jüdischen Hohepriestern, die sich über ihre männlichen Vorfahren von Aaron, dem Bruder des Moses, herleitet. Wird das Wort Arum als Kurzform von ararum mit Altäre übersetzt, so ist der Dünger aller Altäre der Aberglauben. Sein Sohn Cesar ist „erwünscht“. Die Frage ist nur, von wem. Wird er als Nachfolger eines Aaroniten gesehen oder als Prophet bei den Kunden seiner Wahrsagungen? Tradere bedeutet sowohl anvertrauen als auch  tradieren. Aber was soll hier tradiert werden bzw. wer wird wem anvertraut?

 

Esto machinosus

In den französisch geschriebenen Begleitbriefen sind seit jeher die integrierten lateinischen Satzelemente auffällig. Sie sind in der Originalausgabe von 1555 [Albi 1555] deutlich in einer anderen Schriftart vom Text abgesetzt sowie mit einem Ouroboros-Zeichen versehen: einer Schlange, die sich selbst vom Schwanz her auffrisst. Diese Schlangen sind jedoch in der Ausgabe von 1568 durch ein &-Zeichen ersetzt worden [Lyon 1568], als ob der Autor auf die Bedeutung „et“ an Stelle des „(+)“ hinweisen wollte. Weiterhin sind in der Ausgabe von 1555 einige Vokale mit Accent Aigu wiedergegeben und die folgenden Konsonanten weggelassen. Es scheint, als ob der Autor nicht die ganzen Silben benötigt hätte. Neben diesen kunstvoll erzeugten Satzgefügen hat der Autor einen weiteren Hinweis verwoben. Die berühmte Zahl 3797 gibt nicht das Ende aller Zeiten an, sondern ist die Regieanweisung, dass die jeweils dritten, siebten und neunten Silben gemäß einer Permutation in eine neue Reihenfolge gebracht werden sollen.

 

Soli numine divino afflari praesagiunt (+) spiritu prophetico particularia.

S:        Sol1i2 nu3min4e5 di6vi7no8 a9fflar10i11 praes12ag13i14unt15 (+)16 spi17rit18u19 proph20e21tic22o23 part24ic25ul26a27ri28a29.

T:         nu3dia9 praes12unt15 rit18e21 part24a27 sol1e5 fflar10 i14 u19 co23 ri28 min4i11 spi17ic25 i2  ag13ti22 vi7 proph20 no8 a29 (+)16 ul26

SL:      nudi aprae sunt, rite parta sole, fla riu, corimini, spici activi proph, novae tul

Ü:        Sie sind nackte Wildschweine. Pflege das Erworbene auf rechte Weise! Flüstere den Angeklagten! Ihr werdet ins Licht gezehrt. Siehe aktive Prophezeiungen! Ich habe Noah/Neues hinzugefügt.

I:          Es geht nicht nur um die Familie der Nostradamus. Es geht um eine Gruppe, die verraten wird und mit Anklagen zu rechnen hat.

 

Nolite sanctum dare canibus, nec mittatis margaritas ante porcos ne conculcét pedibus (+)  conversi dirumpant vos.

S:        No1li2te3 sanc4 tum5 da6 re7 can8i9bus10, nec11 mitt12a13tis14 marg15a16rit17as18 ant19 e20 porc21os22 ne23 con24cul25cét26 ped27i28bus29 (+)30 con31ver32si33 di34rump35ant36 vos37.

T:         re7 tis14 porc21i28 rump35 tum5 at13 cos22 (+)30 no1 bus10 ant19 bus29 li2 mitt12 con24 di34 i9 ne23 ant36 marg15 ped27 dacul25 sanc4 cét26  nec11 si33 e20 rit17 a16 as18 ver32 can8 con31 vos37 te3

SL:      retis porci rump, tum at COS et no bus ant busli, mitt condi, ineant marg peda, cul sanc cet nec si erit a as ver can, con voste

Ü:        Zerreiße das Netz des Schweines, danach jedoch den Consul, aber nicht die Kuh vor den Kälbern. Schick den Entscheider weg, sie gehen an den Rand zu den Hirtenstäben/Senatoren, setze das Ungeheuer in der Küche fest! Wenn er unbedingt dabei sein will, singe von der Münze des Neubeginns! Versuche dazu zu gehören.

I:          Nicht der Entscheider ist das Ziel, sondern diejenige, auf die der Entscheider hört.

 

Abscondisti haec à sapientibus, (+)  prudentibus, id est potentibus (+)  regibus, (+) enucleasti ea exiguis (+)  tenuibus,

S:        Abs1cond2is3ti4 haec5 à6 sa7pi8ent9i10bus11, (+)12 prud13ent14i15bus16, id17 est18 pot19ent20i21bus22 (+)23  reg24ib25us26, (+)27 e28nuc29le30as31ti32 e33a34 ex35i36gu37is38 (+)39  te40nu41ib42us43,

T:         ent9 est18 (+)27 i36 cond2 (+)12 bus22  ti32 ib42 i10 i21 e33 abs1 ent14 us26 (+)39 pi8 reg24 is38 bus11 e28 us43 id17

ex35 prud13 as31 sa7 a34 bus16 nu41 ib25 i15 ti4 te40 gu37 is3 à6 (+)23 pot19 ent20 haec5 nuc29le30

SL:      ente steti, condet bus tibi, i e absentus et pi regis bu, seu sides prud assa a bus, nu ibet, it, eguis á et potent haec nuclee

Ü:        Ich habe das Dasein gestanden, die Kuh wird dir (deines) erhalten. Gehe teilnahmslos heraus und beherrsche die Kuh des Frommen, oder du wirst sinken zum klugen Kindermädchen der Kuh! Nicke, wenn sie gehen will, (und) gehe! Ich habe dessen bedurft und sie trinken von diesem Inhalt.

I:          Der Sohn soll sich nicht aufdrängen, sondern durch Distanziertheit Seriosität vorspielen.

 

Quia non est nostrú noscere tépora, nec momenta, (+)  c.

S:        Qui1a2 non3 est4 nost56 no7sce8re910po11ra12, nec13 mom14ent15a16, (+)17  c.18

T:         re9 c.18 te10 a2 nec13 6 qui1 ent15 ra12 po11 mom14 (+)17 nost5 non3 est4 a16 no7 sce8

SL:      re cete annec, ru quient, rap omo, met, nost non est a nosce

Ü:        Knüpfe an die Sache Ungeheuer! Stürme vor, wenn sie so weit sind! Ergreife den Menschen! Ernte! Erkenne, was nicht unser ist!

I:          Eine psychologische Schulung im Verkauf. Doch was ist „unser“?

 

(car qui) Propheta dicitur hodie, olim vocabatur videns:

S:        (2 Silben +) Pro3phet4a5 dic6it7ur8 hod9i10e11, ol12im13 voc14a15bat16ur17 vid18ens19

T:         Pro3 dic6 ho9 ol12a15 vid18 a5 i10voc14ens19 ur8at16 it7 ur17 im13 phet4e11

SL:      Pro dico, olla vita invocens urat, itur impete

Ü:        Ich sage voraus, dass das Leben des Angeflehten verbrenne. Wenn er geht, greife an!

I:          Wenn der um Hilfe gebetene Mann der Kundin gestorben ist, hat der Sohn bessere Chancen.

 

quia omnia sunt nuda (+)  aperta (+) c.

S:        qui1a2 om3ni4a5 sunt6 nu7da8 (+)9  a10per11ta12 (+)13 c.14

T:         nu7 c.14 da8 a2per11 sunt6 ni4 om3a5 a10qui1 (+)9 ta12 (+)13

SL:      nuce da, aper sunt, ni omaa (omina?) quiet taet

Ü:        Gebe eine Nuss/Inhalt. Sie sind wie ein Eber. Dass nicht das Omen hässlich wird.

I:          Die Trüffelschweine folgen dem Futter, solange sich die Prophezeiungen für sie lohnen.

 

Possum non errare, falli, decipi: non inclinabitur in seculum seculi:

S:        Poss1um2 non3 err4a5re6, fall7i8, de9cip10i11: non12 in13clin14ab15it16ur17 in18 sec19ul20um21 sec22ul23i24:

T:         non3 re6 de9 non12 ab15 in18 um21 i24 err4 i8 in13 ur17 sec22 um2 cip10 it16 ul23 fall7 sec19 aul20clin14 poss1 i11

SL:      non rede, non abi, num ieri, inur secum, cipi tul fall, sec aula, clin possi

Ü:        Weiche nicht zurück! Gehe nicht fort! Wenn du rausgeschmissen wirst, präge (dich) anderes ein! Vergiss, dass du eine Grenze gesetzt hast! Zerschneide den Hofstaat! Beuge, wenn es geht.

I:          Es geht um wichtigere Dinge als die persönliche Ehre.

 

Visitabo i virga ferrea iniquitates eorú, (+)  i verberi bus percutiá eos.

S:        Vis1it2ab3o4 i5 vir6ga7 fer8re9a10 in11i12qui13ta14tes15 e16o1718, (+)19  i20 verb21er22i23 bus24 per25cu26ti27á28 e29os30.

T:         Ga7 ta14 verb21á28 i5 qui13 er22 os30 re9 18 ti27 fer8 (+)19 vis1 i12 per25 a10 bus24 in11 e29 o17 vir6 ab3 it2 o4 e16 cu26 tes15 i20 i23

SL:      Gata verba, in qui eros rerum ti feret, visi per a bus in eo, vira bito, e cutes ii

Ü:        Ein Eimer Worte, durch welche der Herr der Dinge dich tragen wird. Ich gehe in eine Vision mit Hilfe der Kuh. Ich gehe durch die Gifte aus den Häuten derselben.

I:          Eine treffende Bezeichnung für Prophezeiungen. Dafür zahlt der Herr und die Kuh verrät mit dem Hass, der aus ihren Poren quillt, was sie hören möchte.

 

Conteram ergo

S:        Cont1er2am3 er4go5,

T:         er2go5 Cont1 am3 er4,

Ü:        folglich infiziere,…

 

(dira le Seigneur) (+)1 cóf2ring3am4,

S:        (5 Silben +) (+)1 cóf2ring3am4,   (dira le Seigneur dient nur zum Einzählen)

T:         cóf2ring3am4 (+)1

SL:      confringam et

Ü:        ich werde zerstören und …

 

(+)  non miserebor:

S:        (+)1 non2 mis3e4reb5or6

T:         mis3 or6 non2 reb5 (+)1

SL:      misso re, non rebit

Ü:        (Wenn ich) die Sache eingeleitet habe, kehre nicht um!

I:          Für die Interessen der eigenen Gruppe müssen Prioritäten gesetzt und konsequent verfolgt werden.

 

in soluta oratione, sed quádo submovéda erit ignorátia,

S:        in1 sol2u3ta4 o5ra6ti7on8e9, sed10 quá11do12 sub13mo14véd15a16 er17it18 ig19no20rát21i22a23,

T:         ti7 mo14 rát21 o5 sub13 i22 on8 er17 u3 véd15 sol2 a16 ra6 no20 do12 sed10 e9 quá11 ig19 ta4 it18 a23 in1

SL:      timoráto subi, oneru vend, solara nodo, sed equa icta it a in

Ü:        Gehe gottesfürchtig heran! Verkaufe die Last! Ich verknüpfe die Tröstenden, aber die Stute geht treffend dazwischen.

I:          Der Autor spannt sein eigenes Netzwerk mit der Kundin, doch sie haben eine Gegenspielerin.

 

Die zweite Fassung 1568

In der ersten Ausgabe der Les Propheties, die am 4. März 1555 bei Macé Bonhomme in Lyon erschien, wurden 353 Vierzeiler sowie ein Schreiben an seinen ältesten Sohn Cesar publiziert. In der Fassung, die erst nach dem Tod des Autoren im Jahr 1568 bei Benoist Rigaud in Lyon erschien, wurden 588 weitere Prophezeiungen sowie ein persönliches Schreiben an König Heinrich II. von Frankreich aus dem Jahr 1558 veröffentlicht. Als ob es nicht merkwürdig genug wäre, dass Heinrich II. zum Zeitpunkt der Publikation bereits neun Jahre tot war, so finden sich in diesem Schreiben auch Satzteile, die wiederum in einer anderen Schriftart abgesetzt sind.

 

O:        Bellis rubuit navalibus Sancta Sanctorum.

S:        be1 llis2 ru3 bu4 it5 na6 va7 li8 bus9 Sanct10 a11 Sanct12 o13 rum14

T:         va7 rum14 li8 llis2 a11 na6 bu4 ru3 it5 Sanc10 be1 bus9 Sanc12 to13

SL:      varum lilis ana bu ruit sanct bibus sancto

Ü:        Gebändert mit Lilien rennt die alte Kuh vor, mit dem Frommen und dem heiligen Vieh.

I:          Spätestens mit den Lilien ist die „Kuh“ identifiziert.

 

Der Autor hat Katharina de Medici, Gemahlin von Heinrich II. und Königin von Frankreich, in den Jahren 1555 bis zu seinem Tod 1566 den Aberglauben „Schicksal“ nahe gelegt und sie rennt nun – laut Autor – mit ihren Kindern und dem Kirchenvolk den Weissagungen hinterher. In der letzten – vom Autor freigegebenen – Ausgabe des Buches Les Propheties wird die Gruppe, für die er sich eingesetzt hat, über den Erfolg seiner Lobby-Arbeit informiert. Für wen setzte er sich bei der Königin ein?

 

Mehr als ein Manual – die Anusim

Im Jahr 1492 wurde die spanische Provinz Granada von den Muslimen zurückerobert und das Alhambra-Edikt erlassen. Wer nicht zum christlichen Glauben konvertierte, wurde des Landes verwiesen oder umgebracht. Hunderttausende Juden wurden vertrieben und suchten eine neue Heimat. 1497 folgte Portugal mit der Ausweisung aller Nicht-Christen. Einige fanden Aufnahme in Frankreich.

Im Jahr 1517 schlug der Wittenberger Theologe Martin Luther seine 95 Thesen an die Domtür. Er löste nicht nur den Protestantismus aus, sondern predigte auch den Hass auf Juden in Europa. Diesem verfielen die französischen Reformer. Frankreich stand im Jahr 1555 kurz vor den Hugenottenkriegen und die Juden saßen zwischen allen Stühlen. Von den Protestanten wurden sie brutal verfolgt. Von der katholischen Inquisition wurde Juden und Konvertiten vorgeworfen, mit den Protestanten zu paktierten. Michel de Nostredame entkam selber nur knapp mehreren Anschlägen, als Hugenotten katholische Kirchen während der Messen überfielen [Dupèbe 1983].

Im Juli 1555 erließ Papst Paul IV. die Bulle Cum nimis absurdum, in der er das Leben der Juden im Kirchenstaat neu regelte. Viele Juden waren zu Wohlstand gelangt und Christen aller Konfessionen neideten es ihnen, dass sie Christen als Angestellte beschäftigten sowie in den besseren Stadtvierteln wohnen konnten. Der Papst verbot den Juden daher, sich als Herren ansprechen zu lassen und wies ihnen Ghettos zu. Um diesen drastischen Maßnahmen zu entgehen, flohen viele aus dem Kirchenstaat, u.a. zunächst nach Frankreich, was die Lage der dort ansässigen Juden noch verschlimmerte.

Auch Michel de Nostredame hatte bereits den Tod vor Augen, als er seinem sechsjährigen Sohn Cesar sein Erbe bereits im Jahr 1555 in Form eines Buches übergab. Wäre sein Erbe nur privater Natur gewesen, so hätte ein Testament und die Zettelsammlung mit Weissagungen ausgereicht. Doch diese Prophezeiungen mussten aus zwei Gründen als Buch mit Begleitbriefen publiziert werden. Erstens mussten alle in den Code Eingeweihten erfahren, wer offizieller männlicher Nachfolger von Michel de Nostradamus wurde und welche politische Richtung in Frankreich zu verfolgen sei. Zweitens musste das Buch veröffentlicht werden, um über den in allen Religionsgruppen akzeptierten Aberglauben „Schicksal“ ein überparteiliches Propaganda-Instrument zu haben, auf welches Katharina de Medici zurückgreifen konnte. Hat sie es getan oder blieb es beim Wunschdenken des Propheten?

 

Kuh und Stute

Heinrich, zweiter Sohn von König Franz I., wurde 1533 mit Katharina de Medici verheiratet als beide erst 14 Jahre alt waren. Es war eine arrangierte Vernunftehe, da sich die royale Familie von der nahen Verwandten des Papstes Clemens VII. gute Beziehungen zum Kirchenstaat versprach. Nach dem plötzlichen Tod von Papst Clemens im Jahr 1534 war die Ehe allerdings für die Dynastie wertlos. Heinrich amüsierte sich ab 1538 mit seiner 19 Jahre älteren Diane de Poitiers. Als Erzieherin macht die „Stute“ einen Mann aus ihm. Dass er mit der „Kuh“ Katharina zehn Kinder hatte, hinderte den jungen Ehemann nicht daran, mit Diana weitere zwei Kinder in die Welt zu setzen.

Nachdem Heinrich im Jahr 1547 den Thron bestieg war die Ehe mit Katharina in Gefahr. Im Falle einer Scheidung von Katharina und einer Heirat seiner Geliebten Diana wäre deren nächster Sohn ebenfalls zur Thronfolge berechtigt gewesen. Katharina hatte also allen Grund hilfreiche Allianzen zu schmieden, die ihre Position am Hof festigten. Sie wollte ihre Kinder auf dem Thron sehen und nutzte die Prophezeiungen wahrscheinlich auch für ihre Öffentlichkeitsarbeit. So schrieb Nostradamus für sie extra einen Sechszeiler, in dem er sie namentlich als vom „Schicksal“ vorhergesehene Königin Frankreichs prophezeit. Weiterhin veröffentlichte er neun Jahre nach dem Tode ihres Mannes einen Brief an jenen [Lyon 1568], um dessen legitime Dynastie nachträglich noch einmal als „gottgewollt“ und vom Schicksal auserkoren darzustellen. Da Nostradamus und seine Glaubensbrüder von den Protestanten mehr zu befürchten hatten, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie bei der streng katholischen Katharina de Medici im Gegenzug für diese Propaganda um Schutz vor Hugenotten und Inquisition baten.

Die Macht der „Stute“ endete mit dem tödlichen Turnierunfall Heinrichs im Jahr 1559. Als Königinwitwe und Mutter-Regentin herrschte Katharina de Medici jedoch mit ihren Söhnen Franz II., Karl IX. sowie Heinrich III. bis zu ihrem Tod. Sie führte ihre „Frommen und das heilige Vieh“ bis 1589 an, indem sie die Adelshäuser Frankreichs geschickt gegeneinander ausspielte. Hugenottenkriege und Bartholomäusnacht fielen in die Regierungszeit ihrer Familie.

 

Esoterischer Spinner?

Vielleicht hat Michel de Nostradamus seine Zeit als wandernder Pestarzt genutzt, um die konvertierten Juden und jüdischen Gemeinden zu besuchen und als religiöse Gruppe zusammen zu halten. Ob er sich bei der Königin nur für seine Familie, für Konvertiten oder alle Juden in Frankreich einsetzte, ist den Dechiffrierungen nicht zu entnehmen. Eine Allianz mit der Lilie wäre jedoch für alle Juden in Frankreich eine win-win-Situation gewesen.

Historisch überliefert sind jedoch nur zwei Audienzen von Nostradamus. Die erste fand 1555 statt, da die Königin aufgrund bereits publizierter Almanache auf den Propheten aufmerksam geworden war. König Heinrich II. zeigte bei diesem Treffen allerdings nur wenig Interesse an der Wahrsagerei, während Katharina de Medici im Laufe der nächsten Jahre Horoskope für ihre Kinder anfertigen und sich zusenden lies. Beim zweiten Treffen im Jahr 1564 stellte Katharina ihm ihren Sohn, König Karl IX., vor und soll Nostradamus zu ihrem Leibarzt ernannt haben. Von seinem Sohn Caesar sind keine Audienzen im Königshaus bekannt. Alles in Allem also etwas wenig Kontakt, um im persönlichen Beratungen auf die Politik Frankreichs Einfluss nehmen zu können.

Es liegt daher die Vermutung nahe, dass Michel de Nostradamus wohl eher bei seiner eigenen Glaubensgemeinschaft Eindruck schinden wollte, als dass er wirklich eine so intelligente und strategisch operierende Frau – wie Katharina de Medici wohl war – unter seine Kontrolle bekommen hätte. Seine chiffrierten Regieanweisungen im Brief an seinen Sohn basieren wahrscheinlich auf den Erfahrungen der ersten Audienz und sind wohl mehr Ratschläge als Zeitzeugnisse einer realen Verschwörung.

Nichts desto Trotz zeigen seine Bemühungen die Absicht sich eine Gelegenheit zu verschaffen, um sich für seine Glaubensbrüder einzusetzen. Dass er mit seinem Pseudonym „de nos tradamus“ anbietet, über seinen Familienzweig tradieren zu können, legt die Vermutung nahe, dass führende jüdische Hohepriester den Verfolgungen zum Opfer gefallen waren und fähige Nachfolger gewählt werden sollten. Ob er mit diesen Ambitionen für sich oder seinen Sohn Erfolg hatte, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Dennoch ist seine intelligente Art der Diplomatie sowie sein soziales Engagement für eine verfolgte Minderheit – gerade in Zeiten, in denen sich andere Glaubensrichtungen die Köpfe einschlugen – als innovativ zu würdigen.

 

 

Literatur

 

Dupèbe, Jean: Nostradamus – Lettres Inédites, Geneve 1983.

 

Nostradamus, Michel de: Les Propheties de M.Michel de Nostradamus. Macé Bonhomme, Lyon 1555. Bibliothek von Albi.

 

Nostradamus, Michel de: Les Propheties de M.Michel de Nostradamus. Benoist Rigoud, Lyon 1568. Bibliothek von Lyon.

 

Anmerkung: Das im Text verwendete (+) steht für "unendlich", das ist Zeichensatz nicht verfügbar ist.