Sind Konversionstherapien wirklich passé? – Eklat um Haltung von „Terre des Femmes“

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Terre des FemmesKonversionstherapien sind nach einem eindeutigen Beschluss des Bundestages in Deutschland fortan verboten. Damit wird der Versuch, jungen Menschen in ihrer sexuellen Orientierung zu beeinflussen und mit therapeutischen Interventionen „umzupolen“, strafbar – was nicht wenige Verbände, Politiker und Interessenvertreter seit langem gefordert hatten. Denn zahlreiche Studien beweisen, dass die Schäden, die an der Psyche der Betroffenen angerichtet werden, verheerend sein können. Oftmals ergeht es ihnen nach dieser angeblichen „Behandlung“ deutlich schlechter als zuvor. Sie nehmen die Konversionstherapien nicht selten als ein Trauma wahr, denn der Eingriff in die Persönlichkeit des Einzelnen ist nicht nur umstritten, sondern kann aus medizinischer Sicht dramatische Konsequenzen haben. Hierauf haben Abgeordnete und Lobbyisten im Zuge der Gesetzgebung des Parlaments mehrfach und eindringlich hingewiesen.

 

Geschlechtsidentität: „Aus den Augen, aus dem Sinn…“

 

Doch nicht alle Organisationen im Land, die sich mit der Thematik befassen, respektieren offenbar die neue Gesetzeslage. So wird aktuell der Vorwurf gegen den Verein „Terre des Femmes“ laut, der nach unterschiedlichen Medienberichten (z.B. https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/reaktion-auf-maennerwelten-video-kritik-an-transfeindlichkeit-von-terre-des-femmes/25846954.html) in einem Brief zwar mit dem Gesetz zum „Schutz vor Konversionsbehandlungen“ bei transsexuellen Kindern und Jugendlichen übereinstimmt. Zumindest Teile des Vereins, darunter offenbar auch die Vorsitzende der Frauenrechtsorganisation, fordern allerdings, dass der Begriff der „Geschlechtsidentität“ aus dem Gesetz gestrichen wird. Die besagten Mitglieder befürchten anscheinend, dass Pädagogen und Psychologen, die Kinder und Jugendliche „verändern“ wollten, mit dem Gesetz kriminalisiert werden. Der Organisation fehlt der „naturwissenschaftliche Beleg“ dafür, dass „Menschen in einem falschen Körper geboren werden“ könnten.

 

Die Formulierung lässt aufhorchen, erinnert sie doch sehr an die Argumentation rechtskonservativer Christen, unter denen die Konversionstherapie seit langem als gängige Methode galt, um homo- und transsexuelle Menschen in ihrer Identität und Orientierung „umzuwandeln“. Dass aus den „Behandlungen“ nicht selten suizidale Absichten der Klienten resultierten, wird dabei gerne unter den Tisch fallen gelassen. Stattdessen hatten viele dieser Therapien den Anschein einer Geisteraustreibung, die dem Exorzismus nahe kam. Als Psychologischer Berater habe ich mich stets dafür ausgesprochen, denjenigen Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – im Zwiespalt mit ihrer Sexualität stehen, eine Unterstützung zugutekommen zu lassen. Denn ich halte es keinesfalls für verwerflich, ihnen psychotherapeutische und seelsorgerliche Begleitung an die Hand zu geben, wenn sie dies wünschen. Nicht aber wegen ihrer Homo- oder Transsexualität, sondern weil ihnen Hilfe zusteht, ihre Orientierung bewusst anzunehmen und ein gesundes Selbstwertgefühl in ihrem ausgewählten Geschlecht zu entwickeln.

 

Grundrecht auf freie Entfaltung

 

Völlig unbestritten muss festgehalten werden, dass jede Form der Geschlechtsidentität und sexueller Neigung im Sinne unserer grundgesetzlichen Freiheitsrechte einen Platz inmitten der Gesellschaft hat. Wer dies verneint, steht nicht auf dem Boden unserer Verfassung und sollte sein Weltbild überdenken. Hinterfragen wir nämlich die Gründe dafür, weshalb nicht wenige homo- und transsexuelle Menschen eine Veränderung ihrer Persönlichkeit wünschen, so sind es zumeist die von außen auf die Betroffenen einwirkende soziale Isolation, Mobbing und Ausgrenzung, die häufig in verkrusteten Strukturen anzutreffen sind und vielen Menschen Schmerz und Leid zufügen. Gerade in evangelikalen Freikirchen und strengreligiösen Gruppierungen der katholischen Kirche ist bis heute die Auffassung zu finden, wonach jede Abweichung von Heterosexualität Sünde sei. Entsprechend waren die Versuche groß, Menschen mit einer anderslautenden Orientierung zurück auf den rechten Weg zu führen.

 

In meiner eigenen Beratungspraxis musste ich die Folgen von Konversionstherapien erleben – und ich bin schockiert, mit welch grausamem Unverständnis von Vielfalt selbsternannte Heiler vorgegangen sind, um jüngere und ältere Menschen „auf Linie“ zu bringen. Die große Hilflosigkeit von queeren Bürgern wird von manch einem Scharlatan perfide ausgenutzt, um an ihnen die kruden Gedanken einer Manipulation ausprobieren zu können. Homo- und transsexuelle Menschen sind nachweislich nicht krank – und dürfen deshalb nicht zum Versuchskaninchen für diejenigen werden, deren Weltsicht die Realität des Geschlechterpluralismus verneint. Es braucht Beratung, die junge Menschen in ihrem Sein bestätigt. Der Anspruch von einigen Erwachsenen, die danach trachten, Kinder und Jugendliche entsprechend altbackener Traditionen und Normen „formen“ zu wollen, ist höchst fragwürdig – und beschneidet deren Persönlichkeitsrechte fundamental.   

 

Bärendienst für Diskriminierung

 

Die Frage, warum gerade junge Menschen, die homosexuell empfinden oder sich transsexuell wahrnehmen, einen häufigen Drang nach Neuorientierung verspüren, lässt sich mithilfe der Aussagen des Briefes der „Terre des Femmes“-Damen bestens beantworten: Solange Kinder und Jugendliche in einer Gesellschaft aufwachsen, die Vielgeschlechtlichkeit nicht akzeptiert, umso häufiger wird der Wunsch nach der angeblichen „Normalität“ als Heterosexueller aufkommen. Wenn sich junge Menschen auf der Suche nach dem eigenen Erleben befinden, werden sie in Deutschland leider noch immer viel zu häufig mit dem klassischen Nebeneinander von Mann und Frau sozialisiert. Mit der Leugnung der sozialen Vielgeschlechtlichkeit als Faktum einer aufgeklärten Nation leisten die Gegner der Geschlechtsidentität Diskriminierung einen Bärendienst. Zu meinem Verständnis von Feminismus gehört es jedenfalls nicht, jungen Menschen die Möglichkeit auf offene Entfaltung zu nehmen, sondern die Verdienste der Bewegung als Ansporn zu sehen, ein zukunftsfähiges Rollenbild zu fördern, das größtmögliche Flexibilität erlaubt und Rückhalt gibt, wenn Mann- und Frausein schwierig wird.

  

„Terre des Femmes“ scheint nun einen handfesten Skandal an der Backe zu haben, auch wenn betont wird, dass die mitunterzeichnenden Frauen ihre Unterschrift als Privatperson gesetzt haben und ihre Position im Verein offenkundig nicht Mehrheitsmeinung sei. Trotzdem werden aus der „queeren“ Szene mittlerweile Sanktionen gegen die betroffenen Mitstreiter von „Terre des Femmes“ gefordert. Offiziell will man sich mit der heiklen Fragestellung wohl aber erst im September bei der nächsten Mitgliederversammlung dem Votum der Basis stellen. Die Auswirkungen auf den Ruf der anerkannten Frauenrechtsorganisation könnten verheerend sein, argumentiert der Kreis von führenden Mitarbeitern des Vereins doch mit zwielichtigen Studien, die selbst in Fachkreisen mittlerweile verworfen wurden und zu gegenteiligen Aussagen gelangt sind. Man fürchtet die Zementierung von Rollenklischees, die aber wohl eher zu erwarten sind, wenn wir uns nicht der Lebenswirklichkeit von homo- und transsexuellen Menschen stellen. Sie haben ein Anrecht darauf, sich frei zu entfalten. Und damit ist in erster Linie gemeint, das eigene Ich anzuerkennen…

 

Dennis Riehle

Martin-Schleyer-Str. 27

78465 Konstanz

 

Mail: Riehle@Riehle-Dennis.de

Web: https://www.dennis-riehle.de

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