Was. Mut. Macht – Bemerkungen und Bemerkenswertes


Was MutRezension von Dr. Gerfried Pongratz: Weitgespannte Gedanken, Einsichten, Erinnerungen, Reflexionen und Reflektionen

Wolfgang Schüssel: „Was. Mut. Macht – Bemerkungen und Bemerkenswertes

(© 2020 Ecowin Verlag bei Benevento Publishing Salzburg – München, ISBN 978-3-7110-0270-9)

Der Autor: „Was ist dieses Buch? Kein Handorakel und keine Memoiren. Eher ein Kaleidoskop von Gedanken, Begegnungen, Aphorismen, Anekdoten…. Erfahrenes und Versäumtes. Glückliches und Schmerzendes“. Wolfgang Schüssel, von 2000 bis 2007 Bundeskanzler der Republik Österreich, über 30 Jahre im österreichischen Parlament und in mehreren Regierungen aktiv, prägte und gestaltete wie wenige vor und nach ihm die österreichische Politik und unterstützte dabei gleichzeitig auch die Vertiefung der Europäischen Union. Er hinterließ als „Reform- und Wendekanzler“, dem Vieles gelungen und Manches misslungen ist, in allen von ihm zu verantwortenden Bereichen deutliche Spuren; mit „Was.Mut.Macht“ legt er ein Lebenspanorama vor, das ihn als öffentliche Person und auch privat mit kurzen, schlaglichtartigen Texten zu verschiedensten Sachverhalten in vielen Aspekten zeigt.

 

In seiner aktiven Zeit von Medien oftmals als „konservativer Revolutionär“ oder, negativer, als „Schweigekanzler“ charakterisiert, vermittelt das vorliegende Buch in 200 essayartigen Kapiteln offene Einblicke in die Gedankenwelt des Autors, eingebunden in Erinnerungen, Beobachtungen und Analysen zu vergangenem, aber auch aktuellem Zeitgeschehen. Er berichtet von besonderen Begegnungen mit herausragenden Zeitgenossen in Politik, Wirtschaft und Kultur, von Ereignissen, die die Welt, oder auch nur Österreich, bewegten, von politischen und privaten Erfahrungen in seinem Leben. Streiflichter auf private (christliche) Prägungen, auf seine Liebe zu Sport (Fußball), zum Bergsteigen, zur Geschichte, zu Kunst und Kultur sowie zahlreiche humorvolle, sehr ausdrucksstarke eigene Zeichnungen ergänzen die Ausführungen und steigern das Lesevergnügen.

 

Die Erzählungen und Berichte Wolfgang Schüssels spannen einen weiten Bogen vom 21. Februar 1945, als die Mutter mit ihm hochschwanger nach einer Bombennacht in einem Wiener Luftschutzkeller drei Tage verschüttet wurde, bis zum Frühjahr 2020, als die Welt in der Corona Pandemie „den Atem anhielt“. Dazwischen liegen 75 Jahre Lebenserfahrung eines Mannes, der die Nachkriegszeit mit ihren Höhen und vielerlei Tiefen mit aktiver Anteilnahme erlebte und als Politiker in Österreich für viele Jahre gestaltete. Als roten Faden seiner politischen Karriere nennt er das ehrliche Bemühen, mit Empathie immer wieder die Mitte zu finden beim Ausgleich zwischen den Generationen, bei Verteilungs- und Nachhaltigkeitsfragen, beim Austarieren von Freiheit und Sicherheit, bei der Berücksichtigung berechtigter kleiner Anliegen unter dem Aspekt des Wohls des Ganzen. Vieles ist ihm gelungen, manche Entscheidungen und daraus resultierende Entwicklungen sind jedoch aus heutiger Sicht selbstkritisch zu hinterfragen; als Reformer („mehr privat, weniger Staat“) musste er oftmals zur Kenntnis nehmen, dass das Volk die Ankündigung von Reformen, nicht aber deren Umsetzung liebt.

 

Als Beispiele für die Vielzahl verschiedenster im Buch behandelter Themen nachstehend eine kleine Auswahl der Kapitelüberschriften:

 

Frühe Mentoren (1956), Der Mensch ist, wie er Fußball spielt (1958), Heiliger Unsinn des Kirchenrechts (1974), Vom Umgang mit unerwünschten Fragen (2017), Was macht einen guten Regierungschef aus?, Leidenschaft Stadtpolitik (1976), Wahlk(r)ämpfe, Drei Weltanschauungen, Nach Jerusalem (1963), Feuer in der Hofburg (1992), Zukünfte Österreichs (2018), Kraftquelle (1995), Eine gemeinsame Währung (Silvester 2001), Auferstehung? (Sarajevo 1996), Hoffnung Djindjic (Belgrad 2003), Sanktionen (2000), Der Vorhang fällt (August 1989, österreichisch-ungarische Grenze), Utopien, Russland am Abgrund (1998), Arbeitsplatz Ballhausplatz (1995 – 2007), „Nine Eleven“ (2001), Angela Merkel, die Ausnahme-Politikerin, Das zerstörte, trostlose Wien (1947), Brexit oder das Spiel mit der Demokratie (Ende 2019), Keine Nation hat das Monopol für Untaten, Verbotene Begriffe (2019), Kreativ erinnern – Gedenkjahr 2005, Alois Mock oder ein europäischer Traum geht in Erfüllung (1994), Manches Unrecht der Vergangenheit heilen (2000), Macht und Mut, Projektionsfläche (Umgang mit Anfeindungen), Auseinanderdriften (2003), Wer war Jörg Haider?, Liberale versus illiberale Demokratie, Der polnische Papst (1996), Freiheit (1968), Der Mehrwert Europas für Österreich, Die Stärke der Kleinen, Demokratie und Geopolitik, Österreichische Identität (1956), Pensionsreform und keine Sekunde Streik, Was heißt konservativ heute?, Dialog Europa – Russland….

 

„Was.Mut.Macht“ beschreibt die Erinnerungen und mancherlei Befindlichkeiten eines hochgebildeten, auch kulturell überaus interessierten Politikers und Humanisten, der seinen Wertekanon weitgehend aus den Glaubenslehren der katholischen Kirche zu beziehen scheint. Neben der Schilderung und Bewertung politischer, gesellschaftlicher, kultureller und allgemein relevanter Ereignisse bietet das Buch humorvolle Einblicke in das Privatleben und die Persönlichkeit des Autors mit Gedanken zum Zeitgeschehen, mit Erinnerungen, Reflexionen und Reflektionen. Es vermittelt zudem auch viel Wissen zur politischen und kulturellen Geschichte von Österreich und Europa sowie allgemein zum Leben und Arbeiten eines Politikers. Auch wenn man vielleicht an der Person Wolfgang Schüssel nicht interessiert ist, seine politischen Einstellung nicht teilt und sein politisches Wirken kritisch sieht, bietet das Buch für an Zeitgeschichte Interessierte sehr lohnende Lektüre.

 

Dr. Gerfried Pongratz 6/2020