Wie die Franken den Friesen den „wahren“ Glauben bringen


Radbods SchwertWEIMAR. (fgw) Lothar Englert hat jetzt im Gmeiner-Verlag mit „Radbods Schwert“ den ersten Band einer Friesland-Trilogie, die um das Jahr 700 herum angesiedelt ist, veröffentlicht. Und schon der Klappentext läßt – ob seiner Deutlichkeit – aufhorchen.

 

»Die Franken wollen Friesland den wahren Glauben bringen, die Botschaft ihres gekreuzigten Gottes, aber in Wahrheit wollen sie erobern – die Friesen unterwerfen«, heißt es darin.

 

Im Prolog – überschrieben mit „Der Königsreim" – wird der Autor noch deutlicher, indem er seinen Helden, den Friesen-König Radbod, an dessen Lebensende Bilanz ziehen läßt. Deutlich bzw. deutlicher, weil Englert hier mit der ach so wundersamen Bekehrungsgeschichte der vorgeblich nächsten- und sogar feindesliebenden christlichen Religion und deren Priester aufräumt. Damit stellt er auf seine (literarische) Weise kolportierte Kirchengeschichte und -propaganda vom Kopf auf die Füße. Und unterscheidet sich damit wohltuend von der ahistorischen „vorherrschenden Meinung" hierzulande. Radbod sinniert schreibt u.a.:

 

»Die Christenpriester pflegen die Lüge als Teil ihres Lebens, nutzen die Unwahrheit als Waffe, und sie lügen, wenn sie behaupten, die maßlose Kraft ihres Gottes habe uns bezwungen. Tatsächlich waren es unerschöpfliche Reserven der Franken an Kriegern, Pferden und Waffen.« (S. 7)

 

Englert hat seinen Roman, wohl in Anlehnung an mittelalterliche Texte, neben dem bereits erwähnten „Königsreim" und dem daran anschließenden „Vorgesang" in 35 Kapitel, bei ihm „Verse" genannt, gegliedert; zwischen diese sind diverse „Kleine Oden" eingeschoben.

 

 

Ein fiktionaler Roman ist keine Dokumentation

Anzumerken ist aber unbedingt, daß aus dieser Zeit kaum schriftliche Zeugnisse, erst recht keine objektiven, vorliegen. Deshalb darf Englerts Roman auch keinesfalls als dokumentarisch angesehen werden. Es ist eben Fiktion, die der Phantasie eines begnadeten Geschichtenerzählers entsprungen ist. Allerdings vor dem Hintergrund der historisch realen „Missionierung" Frieslands, die sich aber kaum von den nachfolgenden „Christianierungen" germanischer, westslawischer oder baltischer Völkerschaften unterscheiden dürfte…

 

Was Englert jedoch zu den Lebensverhältnissen der Friesen, egal ob Bauern oder Fürsten, schreibt, über Alltägliches und Familiäres, über Bündnisse z.B. mit Sachsen und Dänen, über Landwirtschaft und Handel oder über die Art und Weise der Kriegsführung – illustriert in diversen Schlachtszenen, das dürfte aber dennoch annähernd den damaligen Verhältnissen und Umständen nahekommen. Zumal er der Friesen keinesfalls idealisiert. Auch bei ihnen gab es Herrn und Knechte, gab es Raubzüge einschließlich der Versklavungen von Menschen überfallener Siedlungen.

 

Auch fanden die Kriegszüge nicht – wie in frommen Legenden behauptet – bei bestem „Kaiserwetter" und in strahlenden Rüstungen statt, sondern zumeist unter primitivsten Umständen. Nebenbei wird deutlich, wie stark seinerzeit die Heere wirklich waren. Selten – nach heutigen Maßstäben – mehr als bataillonsstark; eher sogar noch geringer. Selbst die überlegenen Franken konnten selten mehr als in Regimentsstärke mobilisieren. Auch darin kann man den Rückschritt des Mittelalters gegenüber der römischen Antike erkennen. Das kaiserliche Rom konnte jederzeit mehrere Legionen – also divisionsstarke Verbände – in Marsch setzen.

 

Doch auf die familiären Lebensumstände Radbods und die einzelnen Feldzüge, allein oder im Bündnis mit den – „unsicheren Kantonisten" – Sachsen und Dänen, soll hier nicht weiter eingegangen werden. Das alles ist sehr gut, also durchaus glaubhaft, erzählt und dazu noch spannend zu lesen.

 

Neugierig machend sind hier, das soll jedoch unbedingt angedeutet werden, zwei Ereignisse bzw. Personen. Zum einen konnte Franken-Herrscher Pippin Radbod gefangen nehmen, ließ ihn aber nicht hinrichten, sondern später sogar ehrenvoll entlassen. Und dann ist da zum anderen Ragnög bzw. Rassara, eine geheimnisvolle, rätselhafte Händlerin aus fernen Lande an der Donau. Ihr begegnet Radbod immer wieder. Sie dürfte in den Folgebänden sicher noch bedeutsame Rolle spielen.

 

 

Dezidierte Religions- und Kirchenkritik

Gerade wegen der doch überaus deutlichen Religions- und Kirchenkritik in diesem Roman soll eben die im Mittelpunkt seiner Besprechung stehen. Dafür machen sich aber einige ausführliche Zitate notwendig, die eigentlich keiner weiteren Kommentierung bedürfen.

 

Auf S. 17 heißt es über die christlichen Franken: »Sie wollten die friesischen Herzen für ihren mit Dornen gekrönten Gott gewinnen, der angeblich ein Gott der Liebe war. Natürlich war das eine Lüge, noch dazu eine plumpe. Was sie wollten, war friesisches Land. Mit ihrer offenen Brutalität erwiesen sie ihrem Gott einen schlechten Dienst, und das begriff Radbod nicht.« (S. 17) – Friesisches Land – später könnte man dafür schreiben „Land und Ressourcen" der sogenannten Neuen Welt, Afrikas, Asiens… Zurück zu Radbods Zeit: »Die Franken drängten von Süden. Sie räuberten, plünderten und versteckten sich dabei hinter einem Kreuz, an dem ein Angenagelter hing, den sie anbeteten.« (S. 28) – Und genau so gingen und gehen christlich-weiße Eroberer bis in die Gegenwart vor…

 

Wie nun gingen die Franken seinerzeit vor? Englert kleidet das so in Worte:

 

»Radbod hatte Meldungen über christliche Priester erhalten, sogenannte Mönche. (…) Man hatte erlebt, wie es abgelaufen war, wo man derlei zugelassen hatte. Zuerst waren diese sogenannten heiligen Männer gekommen. Dann die mit dem Schwert. (…) Auch war die Lehre unehrlich, und das war das Entscheidende, alle Lieder und Sagen über Wohltaten und Güte des Angenagelten dienten doch nur einem Zweck. Sie sollten der fränkischen Herrschaft den Boden bereiten.« (S. 57 – 58)

 

Der mit Radbod verbündete Sachsen-König sowie Radbods Vasall Grudd bringen ihre eigenen Erfahrungen mit den Christen Radbod gegenüber so zum Ausdruck:

 

»„Dreister Landraub." – „Sie haben ein Wort dafür, Herr, es heißt missionieren." (…) Die Franken hatten ihre Kriegsführung geändert. Sie verjagten einheimisches Volk und setzten eigene Leute auf die Höfe. (…) – „Sie lassen nur dort, wer sich zu ihrem Glauben bekennt. Und wer sich weigert, den töten sie. (…) Und wer bleiben darf, dem wird erlaubt, als Sklave zu arbeiten. Den Hof übernimmt ein Franke. (…) – „Ich glaube, Herr, die Sache mit dem Glauben ist nur ein Vorwand. Sie wollen nicht nur unser Land, sie wollen es ohne Menschen. Die bringen sie nämlich mit."« (S. 87 – 90) – Noch deutlicher wird das ab etwa 800 Jahre später im Gefolge der sogenannten Entdeckungsfahrten des Kolumbus, des Cortes, des Pizarro oder der sogenannten Pilgerväter…

 

In seiner kurzen fränkischen Gefangenschaft und nach der Eroberung einer fränkischen Siedlung im Friesenland macht Radbod seine eigenen Erfahrungen mit den christlichen Priestern bzw. Mönchen:

 

»Den einen erkannte er als christlichen Priester in der üblichen Kleidung, ein junger Mann noch, feist und rotwangig. Am dicken Hals das Zauberzeichen der Christen, ein silbernes Kreuz. Selbst dieser Mann war bewaffnet…« (S. 243)

 

»…und wo Kirchen waren, fand man auch Priester. Sie mußten sich während der Kämpfe gut verborgen gehalten haben, auch während der Plünderungen, als die Menschen in der Stadt ihren Beistand besonders nötig gebraucht hätten. (…) Der Mönch kam jetzt auf die Füße und zerrte an seinem Kreuz. „Du siehst ein, Radbod, mir gebührt die Führung dieser Stadt, mir allein!" Es war einer der Augenblicke, in denen dem König wieder bewußt wurde, warum er christliche Priester haßte. Sie erhoben sich auf ungebührliche Weise über das Volk, forderten für sich stets das Beste, fehlten aber, wenn es galt zu trösten und zu dienen.« (S. 204 – 205) – Auch wenn sich die konkreten Formen geändert haben, so gilt das im Grundsatz in der „Kirchenrepublik" Deutschland noch heute…

 

An Beispielen wird dann gezeigt, wie sich die Mönche, der Bischof dieser Stadt selbst bereichert hatten und mit welcher Anmaßung sie gegenüber den Menschen und selbst dem siegreichen König gegenüber auftreten. Wie heißt es doch schön? „Sie predigen Wasser und saufen heimlich wein!" Aber es geht diesen Kuttenträgern nicht nur um Bereicherung, sondern mehr noch um die schrankenlose Herrschaft über Mensch, Gesellschaft und Staat. Das zeigt Lothar Englert in seinem Mittelalter-Roman schonungslos auf. Sicherlich nicht zur Freude der Leitmedien…

 

Und nun darf man mit besonderer Spannung hoffen, daß die Fortsetzungen nicht allzulang auf sich warten lassen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Lothar Englert: Radbods Schwert. Historischer Roman. 408 S. Klappenbroschur. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2020. 15,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2558-5

 

 
11.06.2020

Von: Siegfried R. Krebs