Missbraucht

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MissbrauchtAussteiger warnt vor religiösen Fundamentalisten
-Eine Kindheit voller Angst und in ständiger Alarmstimmung-

Bernd Vogt erlebte seine Kindheit als Außenseiter in Schule
und Gesellschaft und warnt heute vor strenggläubigen christlichen Gruppen.

Wie bringt man Eltern dazu, ihr 10-jähriges Kind allen Ernstes vor die Wahl zu stellen: »Wenn der Herr Jesus Mama und Papa geholt hat, wo willst du dann bleiben, bei Oma oder lieber bei Tante Helga« oder völlig emotionslos zu sagen: »Wenn du erst in der Hölle bist, dann können wir dir auch nicht mehr helfen«! Willkommen in der Welt einer Evangelischen Freikirche! Einer Welt, die Bernd Vogt um einen Großteil seines Lebens betrogen hat.

Bernd Vogt wurde in eine evangelikale Freikirche hineingeboren. Seine mittlerweile verstorbenen Eltern waren bekennende Mitglieder, enge Verwandte sind es noch heute. Über seine Erfahrungen und Erlebnisse hat der 63-Jährige nun ein Buch geschrieben. »Missbraucht im Namen des Herrn« heißt das kurzweilige Werk, das er im Bod-Verlag  Hamburg veröffentlicht hat – sein Lebensvermächtnis, wie er betont.

Der Rödinghauser wächst in dem felsenfesten Glauben auf, dass die Erde nur noch kurze Zeit Bestand haben wird, weil Gott in Kürze seinen »großen Krieg, das Armageddon«, beginnt. Unmittelbar zuvor wird Jesus in den Wolken erscheinen und seine Eltern gemeinsam mit allen wiedergeborenen Christen in einer Nacht- und Nebelaktion in den Himmel abtransportieren. Bis dahin müssen alle »Weltmenschen«, also die Ungläubigen, missioniert werden. »Es war eine Kindheit voller Angst und in permanenter Alarmstimmung«, sagt er rückblickend. Der kleine Junge erfüllt augenscheinlich die Erwartungen seiner Eltern und der Prediger. In Wahrheit ist er innerlich schon längst zerbrochen. Einen Ausweg gibt es für ihn lange nicht.

Vogt berichtet von einer Kindheit, die er als Außenseiter in Schule und Gesellschaft erlebte. »Während meine Freunde im Fußballverein spielten, später dann in die Disco gingen, musste ich in den christlichen Versammlungen jubeln und beten – ständig überwacht von einem strafenden Gott, der alles sieht und den lieben langen Tag nur mit Gedankenlesen beschäftigt ist. Das hat mich innerlich zermürbt«, erinnert er sich. Anstatt Spaß mit den Freunden gibt es Bibelarbeit; anstatt weltlicher Musik muss er stundenlange Lobpreis- und Jubelorgien über sich ergehen lassen. »Ich habe die volle Jesus-Dröhnung abbekommen«, sagt Bernd Vogt.

 

Immer wird ihm eingehämmert, als Mensch nicht »in Ordnung« zu sein. Die Ferien muss der Junge auf christlichen Freizeiten verbringen. Dort ging es nur darum, die Kinder auf Spur zu bringen und die Bevölkerung vor Ort zu missionieren. Mit 12  treibt ihm ein Prediger auf einer Freizeit in Bielefeld den Teufel aus. »Ich musste mich auf den Fahrersitz seines Autos setzen. Dann hat der Prediger, der noch heute auf der Kanzel steht, meinen Kopf gefasst und versucht, ihn wie eine Zitrone auszupressen. Dabei schrie er, dass der Satan aus mir fahren solle«, erzählt der Rödinghauser.  


Mit 16 gelingt Vogt, der später auch in Fernsehsendungen über seine Erfahrungen berichtete, der Ausstieg aus der fanatischen Glaubensgemeinschaft. Auf einer Freizeit in Bremen packt er klammheimlich seine Tasche und steigt in den nächsten Zug Richtung Heimat. »Eine unbeschreibliche Freude durchflutete meinen Körper. Endlich war ich frei! Ich hätte es so hinausschreien können«, sagt er. Seine Eltern und die Prediger sind dagegen alles andere als  begeistert. »Sie haben mich mit negativen Prophezeiungen überschüttet, mir mit Krankheit gedroht, weil  Gott sich meine Abkehr nicht bieten lassen würde«.

 

Obwohl seine Eltern glauben, dass der Junge nur eine Krise durchlebt, gelingt Bernd Vogt dennoch der Absprung. Endlich kann er Fußball spielen, mit Freunden weltliche Musik hören, in Discos gehen. »Dabei hatte man mir doch eingetrichtert, dass die Bands vom Teufel besessen seien«. Als Fußballer erhält er den Spitznamen »Hexer«. Das macht ihn nachdenklich. »Kurz nachdem ich Jesus den Rücken gekehrt hatte, nannte man mich ‚Hexer‘. Schließlich war mir lange genug eingebläut worden, was Gott mit Zauberern, Wahrsagern und Hexern macht – er würde sie ausrotten«, sagt er.

 

So lässt ihn die Gehirnwäsche, die er als Kind erfahren hat, lange nicht los. Als Erwachsener fühlt er sich immer krank. Das zermürbt ihn. »Manchmal war ich an einem Tag bei drei Ärzten«, schildert er. Doch keiner kann eine Diagnose stellen. Später leidet er unter Depressionen, wird dazu auch noch körperlich schwer krank. »Ich war zeitweise nicht in der Lage, den Kinderwagen zu schieben«, berichtet Vogt von seinem Leidensweg. Mit 30 Jahren erlebt er fast eine Art Rückfall und droht wieder in die Freikirche abzugleiten. Erst dann wagt er es, sich psychologische Hilfe zu holen und beginnt in einem jahrzehntelangen Prozess, seine Kindheit und die eingetrichterten Glaubenssätze aufzuarbeiten. »Schließlich hatte man mir als Kind beigebracht, dass ich durch Heilmethoden wie Psychologie, Yoga, Autogenes Training etc. unter einen dämonischen Bann geraten würde«, schildert er.  

 

Mit seinem Buch gewährt der Rödinghauser Einblicke in die fromme Parallelwelt, von der der Normalbürger kaum etwas weiß; oder wie Vogt es in seinem Buch schreibt: »Er entführt die LeserInnen in ein Irrenhaus, das er Familie nannte, in eine »Heil«Anstalt, die er Gemeinde nannte«. Es sind mal tieftraurige, schockierende Schilderungen, dann wieder urkomische Szenen, die Bernd Vogt beschreibt, wie etwa sein verzweifelter Versuch, »im Freibad wie Jesus übers Wasser zu laufen«.

 

Mit seinem aufrüttelnden, ausgesprochen humorvollen Buch will er zeigen, was ein fundamentalistischer Glaube gerade bei Kindern anrichten kann, sagt er. Weil die strenggläubigen Gemeinden immer mehr Zulauf haben, warnt er vor charismatischen Predigern, sogenannten »Pastoren«, die Menschen in einer Lebenskrise mit einfachen Lösungen in ihren Bann ziehen und sich so ganz nebenbei ihre »schmucken Häuschen und dicken Autos« durch üppige monatliche Spenden der folgsamen Gläubigen finanzieren lassen. »In diesen Kirchen gibt es keinen Mief. Da wird gelacht, gesungen und gejubelt, was das Zeug hält«, berichtet er. Methoden, die Bernd Vogt aus eigener Erfahrung kennt. Methoden, die ihm seine Kindheit geraubt haben. Das möchte er heute jungen Menschen ersparen. Das Buch ist in jeder deutschen Buchhandlung und in allen relevanten Online-Shops wie Amazon, Thalia, uvm. erhältlich.

 

Die Giordano-Bruno-Stiftung empfiehlt das Buch in ihrem Newsletter vom 20.5.2020 wie folgt: „Bernd Vogt: Missbraucht im Namen des Herrn. Die Geschichte einer gestohlenen Kindheit in einer Evangelischen Freikirche. Mit ‚Mission Gottesreich‘ (Ch. Links-Verlag) haben Oda Lambrecht und Christian Baars 2009 einen wichtigen Einblick in das verstörende Weltbild fundamentalistischer Christen in Deutschland gegeben. Authentische Insiderberichte von Aussteigern aus evangelischen Freikirchen waren bislang jedoch rar. Bernd Vogt schließt diese Lücke mit seiner bewegenden Autobiographie. Ein mutiges, aufrüttelndes Buch, das ebenso berührend wie humorvoll aufzeigt, was es bedeutet, in einer von Verschwörungsmythen geprägten, hermetisch abgeriegelten Glaubenswelt aufwachsen zu müssen“.

 

 

 

 

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