Lernen S’ Geschichte, Herr Reporter! – Bruno Kreisky, Episoden einer Ära

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KreiskyRezension: Dr. Gerfried Pongratz: Zeitgeschichte, verbunden mit tiefen Einblicken in das Leben und die politische Bedeutung der großen Persönlichkeit Bruno Kreisky. Ulrich Brunner:

„Lernen S’ Geschichte, Herr Reporter! – Bruno Kreisky, Episoden einer Ära

© 2020 Ecowin Verlag bei Benevento Publishing Salzburg – München, ISBN 978-3-7110-0263-1

 

Lernen S’ a bisserl Geschichte…“ ein seit Jahrzehnten geflügeltes Wort in Österreich; ein Zitat, ein Diktum, das im sonor schleppenden Tonfall seines Sprechers vielen Österreicherinnen und Österreichern – auch durch oftmalige audiovisuelle Wiederholung bedingt – nach wie vor im Ohr klingt. Bruno Kreisky, legendärer österreichischer Bundeskanzler von 1970 bis 1983 maßregelte damit am 24. Februar 1981 den österreichischen Journalisten Ulrich Brunner, der in einem Pressefoyer zu einer aktuellen Begebenheit gegen einen Vergleich des Kanzlers mit der historischen Situation der 1930er Jahre Bedenken angemeldet hatte.

 

Ulrich Brunner, 1938 in Wien geboren, war als loyaler Sozialdemokrat Setzer und später Redakteur der SPÖ-Blätter „Arbeiter-Zeitung“ und „Neue Zeitung“. 1975 wurde er Redakteur beim „Aktuellen Dienst“ des ORF, den er auch 5 Jahre leitete. Ab 1984 bekleidete er die Funktion des Chefredakteurs im Hörfunk und ab 1990 bis zu seiner Pensionierung war er Intendant des ORF-Landesstudios Burgenland. Das vorliegende Buch beschreibt seinen aus einfachen Verhältnissen kommend Lebensweg (Schriftsetzerlehre, Arbeitermittelschule, Werkstudent der Rechtswissenschaften, Korrektor, Journalist, Redakteur etc.) und zeichnet dabei – mit kritischen Reflexionen – die hautnah miterlebte Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie nach, wobei sich sein Blick besonders auf die Persönlichkeit Bruno Kreiskys und dessen Bedeutung fokussiert.

 

Kreiskys Leben war durch viele Brüche und Kränkungen gekennzeichnet. Das soll in diesem Buch nachgezeichnet werden. Es gibt meine ganz persönlichen Erfahrungen wieder, die ich als Journalist mit Bruno Kreisky gemacht habe… Es schmälert nicht die Verdienste des bedeutendsten Regierungschefs der Zweiten Republik, wenn man auch an den jähzornigen, ungerechten Kreisky erinnert… Ausgespart in diesem Buch ist der Außenpolitiker Kreisky. Auf diesem Feld hat er geradezu seherische Fähigkeiten bewiesen“ (S. 16).

 

Der wesentliche Inhalt des Buches erschließt sich bereits durch die Titel der Hauptkapitel – „Kreiskys Weg ins Kanzleramt, Kreisky und die Journalisten, Kreisky und die Macht, Kreisky und das Judentum, Das Ende der Ära Kreisky“ – und die Überschriften der sehr zahlreichen Unterkapitel; als kleine Auswahl seien genannt:

„Kreisky im Gefängnis, Der Einzelkämpfer, Kreisky und die „kleinen Leute“, Die Quadratur des Kreisky, Das Pressefoyer, Der Meister der präzisen Unschärfe, Der Nimbus des Unbesiegbaren, Der rastlose Politiker, Politik als Kunst des Möglichen, Kreisky und Androsch, Der charismatische Kreisky, Kein Leben ohne Politik, Die Juden in der Sozialdemokratie, Die Angst vor dem Antisemitismus, Die Wiesenthal-Affäre, Kreiskys Humor, Kreiskys jüdische Identität, Kreisky im Alter, der Narzisst, Das Ende.“

 

Bruno Kreisky beherrschte die Finessen der deutschen Sprache wie kein Kanzler vor oder nach ihm“ (S. 118). Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auch nur ansatzweise auf Einzelheiten der beschriebenen Ereignisse und politischen Entwicklungen der „Kreisky-Ära“ näher einzugehen. Der Autor bewundert Kreiskys sozialdemokratische Überzeugungen, seine Fähigkeiten, politisch vorausschauend zu denken und pragmatisch zu handeln, er beleuchtet aber auch kritisch Kreiskys Autoritätsansprüche und Unduldsamkeit, die dazu führten, dass er abweichende Meinungen oftmals als Insubordinationen wertete – was letztendlich auch zum beschriebenen Zitat (und Titel des Buches) führte (und womit Ulrich Brunner als Fußnote in die Zeitgeschichte einging).

 

„Es ist heute kaum mehr vermittelbar, wie stark Kreisky die Politik damals dominierte“ (S. 132); man konnte die Ehrfurcht vor ihm schon an der Körpersprache sehen, mit der sich ihm Gäste, Reporter, Parteigänger, aber auch oppositionelle Politiker näherten. In Diskussionen agierte er mit untrüglichem Instinkt; er benötigte keine Ratschläge von Spindoktoren, um die Oberhand zu gewinnen. Neben seiner schlagfertigen Sprachmächtigkeit hatte er dabei stets auch Tricks auf Lager – so wurde z.B. seine Brille vom Sehbehelf zum Kommunikationswerkzeug. Auch gelegentlich Unbeherrschtheiten verstand er gezielt einzusetzen.

 

Kreisky war ein begnadetet Erzähler und konnte, wenn ihm danach zumute war und er das passende Publikum fand, stundenlang Geschichten erzählen – und damit Geschichte lehren. Er baute dazu immer wieder geschickt auch Ereignisse aus der Zwischenkriegszeit ein; Ereignisse, die ihn mit dem Bürgerkrieg von 1934 und den danach folgenden Katastrophen geprägt hatten und ihm stets präsent waren.

 

Einige Kapitel des Buches, wie z.B. „Der Fall Schranz als Medienereignis“, „Kreisky und Bacher“, „Ex-Nazis in Kreiskys Regierung“, „Kreisky und die Schulden“, „Das Mallorca-Paket“ wie auch der lang andauernde Konflikt mit Androsch beleuchten auch die Schwächen und Fehleinschätzungen des „großen Kommunikators“. Aus heutiger Sicht ist besonders interessant, nachzuverfolgen, wie Kreisky bei seinen großen Reformvorhaben, z.B. in der „Fristenlösung“, in der „Frauenbewegung“, in der Aussöhnung mit der katholischen Kirche, bei der Gleichstellung der Frauen etc. taktisch vorging, Reformen anstieß und gemeinsam mit Christian Broda und Johanna Dohnal unter anderem im Familien- und Strafrecht Entwicklungen ermöglichte, die heute Selbstverständlichkeiten bilden.

 

Mit Lernen S’ Geschichte, Herr Reporter!“ legt Ulrich Brunner ein sehr persönlich geprägtes, aus nächster Nähe erlebtes Zeitzeugnis vor, das eine Fundgrube an Wissen zur österreichischen und europäischen Geschichte und damit älteren Leserinnen und Lesern auch zahlreiche „Aha-Erlebnisse“ bietet. Der Autor versteht es, pointiert humorvoll zu erzählen und ins Geschehen einzubeziehen. 2007, als der SPÖ-Vorsitzende Alfred Gusenbauer als Führer der stärksten Partei alle wichtigen Ministerien (Finanzen, Wirtschaft, Inneres, Äußeres) der ÖVP überließ, trat Ulrich Brunner, obwohl nach wie vor überzeugter Sozialdemokrat, nach 50 Jahren Mitgliedschaft aus der SPÖ aus; in einem langen Brief „Über das Elend eines Sozialdemokraten“ begründet er im Epilog des Buches diesen Schritt.

 

Ein mit zahlreichen Fotos ausgestattetes, in mehrfacher Hinsicht empfehlenswertes Buch zu einem wichtigen Abschnitt der österreichischen Zeitgeschichte, verbunden mit tiefen Einblicken in das Leben und die politische Bedeutung der großen Persönlichkeit Bruno Kreisky.

 

 

 

Gerfried Pongratz 7/2020

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