Repression und Rebellion: Arabische Revolution – was nun

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Repression und RebellionRezension von Gerfried Pongratz:

„Der Nahe Osten ist eine Ansammlung gescheiteter Staaten und ungelöster Krisen“ – man sollte davor nicht die Augen verschließen!

Karim El-Gawhary:

„Repression und Rebellion: Arabische Revolution – was nun?“

© Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2020, ISBN 978-3-218-01232-4, 224 Seiten.

„Nun sind die arabischen Verflechtungen des ’Wer mit wem gegen wen’ eigentlich schon kompliziert genug. Aber der Nahe Osten wäre nicht der Nahe Osten, wenn es nicht noch komplizierter ginge“. Der Nahost-Korrespondent verschiedener deutschsprachiger Medien sowie Leiter des ORF-Nahostbüros und Buchautor Karim El-Gawhary legt als einer der besten Kenner der Region eine profunde Analyse der verworrenen Situation nach dem „Arabischen Frühling“ vor: Überaus kenntnisreich, tiefgründig, lebendig, empathisch, großteils aus eigenem Erleben. Untermauert mit Zahlen und wissenschaftlichen Analysen beschreibt er, wo die arabische Welt derzeit steht: „Wirtschaftliche und soziale Fragen bleiben völlig ungelöst, vielerorts ist es nur ein brutaler Repressionsapparat, der für Ruhe sorgt. Und nun setzt sich auf das Ganze noch die Krise der Corona-Pandemie, deren wirtschaftliche und soziale Auswirkungen alle Widersprüche noch verschärfen werden“.

 

Als Korrespondent verbringt El-Gawhary einen guten Teil seiner Zeit damit, die Verflechtungen der komplizierten nahöstlichen Gemengelage zu verstehen. Das Buch beschreibt die letzten zehn Jahre eines langfristigen Prozesses und erläutert dabei auch, „warum die Politik Europas in der Region mit dem ’Hashtag #fail’ charakterisiert werden kann“. Es beschreibt, wie vor allem jüngere Menschen eines Systems überdrüssig geworden sind, das die Religionszugehörigkeit in den Mittelpunkt der Politik stellt und sie gegeneinander aufhetze. Es beleuchtet die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen, in denen die Mehrheit lebt, ohne Mitspracherecht regiert wird und es erhebt die Frage, ob der Islam, die Religion, hauptsächlich an der Misere der arabischen Welt schuld sei. Letzteres zu behaupten sei in Mode gekommen, für El-Gawhary ist es jedoch „das unselige arabische Dreigespann Armut, Ungleichheit, und Machtlosigkeit, das Menschen zu stillschweigenden Besiegten, brutalen Terroristen oder verzweifelten Flüchtlingen macht, oder sie, wie in letzter Zeit wieder vermehrt, voller Wut und Leidenschaft mutig auf die Barrikaden steigen lässt“.

 

Repression funktioniert zwar, sie besitze jedoch ein Ablaufdatum und führe zu Rebellion, wenn die drängendsten Probleme, vor allem der jüngeren Generation, nicht gelöst werden: „Vieles, was ich sehe, ist frustrierend, einiges traurig, anderes macht mich wütend, aber manches ist auch sehr ermutigend…. Zwischen einer alten und einer neuen Ordnung in der arabischen Welt findet ein andauernder Kampf statt, ein Kampf um die Rolle der Religion in der Politik, ein Kampf für mehr soziale Gerechtigkeit, ein Kampf, Millionen Menschen aus ihrer Armut zu holen…. Uns stehen stürmische Zeiten in der arabischen Nachbarschaft bevor“.

 

Karim El-Gawhary beschreibt die Ereignisse der letzten 10 Jahre in der Region, beleuchtet die Einflussnahmen von Europa und den USA mit ihren Auswirkungen und analysiert den in der arabischen Welt stattfindenden Wettstreit zwischen politisch-islamistischen Konzepten auf der einen und der liberalen, säkularen auf der anderen Seite. Am Beispiel von „Ägypten zurück, Tunesien nach vorn“ sind es Überschriften wie „Muslimbrüder versus Militär / Das Gegenbeispiel Tunesien / Ägypten: Das Militär kehrt an die Macht zurück / Willkür und Repression in Ägypten“, die die besprochenen Inhalte verdeutlichen.

 

„Das Aufbäumen der IS-Dschihadisten“ nennt sich ein Kapitel, das von der Entstehung des IS über die Frage, was ihn groß gemacht hat, bis zu „Ist das Ende des IS das Ende des Terrors?“ dessen Schreckensherrschaft beschreibt. El-Gawhary berichtet von persönlicher Augenscheinnahme an vorderster militärischer Front und beantwortet die letztgestellte Frage mit wenig Optimismus: „So lange die gleichen Bedingungen herrschen, die es militanten islamistischen Organisationen leicht machen, neu zu rekrutieren, so lange werden sie nicht aussterben“.

 

Unter „Pax Autocratica: Die Heilige Arabische Allianz“ werden die autokratischen gegenseitigen Unterstützungsaktionen Saudi Arabiens, Ägyptens, der Arabischen Emirate und Bahrains kritisch beleuchtet. Sie sorgten dafür, dass in Ägypten die Muslimbrüder gestürzt und das Militär wieder an die Macht kam, sie handelten insgesamt gemäß dem Dauermantra, dass nur die Autokraten für Stabilität in der Region sorgen könnten (wobei sie die weitgehende Unterstützung durch den Westen fanden). In der Folge kam es zu regionalen Interventionen, die den Jemen und Libyen ins totale Chaos stürzten (und – laut UNO – im Jemen die größte humanitäre Katastrophe der Jetztzeit schafften).

 

„Viele Köche agieren in der Region“, neben den genannten Staaten sind es auch Israel, die Türkei und Iran, die ihre jeweils unterschiedlichen Interessen verfolgen. Tatsache ist, dass sich der Nahe Osten neu ordnet, wobei der westliche Einfluss darauf sehr gering ist. Im Kapitel „#Fail: Europa und die USA“ beschreibt El-Gawhary die z.T. unheilvolle Rolle der USA und „Europas Eiertanz“, der im Wesentlichen das Ziel verfolgt: „Haltet uns die Flüchtlinge vom Leib“. Ein großer Teil der dafür aufgewendeten Gelder verschwindet dabei in einem Netzwerk aus Milizionären, Menschenschmugglern und Mitgliedern der Küstenwache.

 

Dem Thema „Armut, Ungleichheit und Machtlosigkeit“ ist ein großes Kapitel gewidmet. Nach einer fundierten Meinungsumfrage im Jahr 2019 wollen in sechs von elf untersuchten Ländern zwischen 50 und 70% der jungen Menschen auswandern. Nach der „Arabellion 2011“ wurde Armut und „Ausgeschlossensein“ in vielen Ländern zur Norm, nach dem globalen Armuts-Bericht der UNDP gelten 65 Millionen Menschen der arabischen Welt als extrem arm. Zusätzlich ist es Ungleichheit, die extrem belastet; 64% aller Einkommen der Region fließen zu den obersten 10% der Top-Verdiener, Korruption und Vetternwirtschaft sind die Regel. Dazu gesellt sich noch die „demografische Zeitbombe“; 1990 umfasste die Bevölkerung der Arabischen Liga 220 Millionen Menschen, heute sind es 420 Millionen, davon 60% im Alter von unter 30 Jahren. Die Arbeitslosigkeit auch sehr gut ausgebildeter Jugendlicher liegt bei 30 – 40%, ihre Machtlosigkeit wird ihnen täglich vor Augen geführt. Bemerkenswerterweise stimmen 2/3 der Jugendlichen der Aussage zu, dass Religion in ihrer Gesellschaft eine zu große Rolle spiele und mit religiösen Sprüchen wie „Der Islam ist die Lösung“ kein Staat zu machen sei.

 

„Arabellion 2.0: Der Aufstand geht weiter“ nennt sich ein Kapitel, das die Vorgänge im Sudan, Algerien, Libanon und Irak beleuchtet (der Bürgerkrieg in Syrien wird im Buch nur gestreift und der palästinensisch-israelische Konflikt wird ausgespart, sie würden „eine eigene Erzählung benötigen“). Als Fazit sei festzustellen, dass keine dieser vier Aufstandsbewegungen ihr Ziel erreicht hat. Aus den Fehlern der arabischen Aufstände von 2011 habe man allerdings gelernt; es resultieren daraus fünf im Buch ausführlich dargelegte Lektionen. Auch die Autokraten haben dazugelernt, wie sie Aufstände und Veränderungswünsche besser unterdrücken können: „Die entscheidende Frage wird nun sein: Wer lernt schneller – die Repression oder die Rebellion?“

 

„I can’t breathe: Ein arabischer Ausblick in der Corona-Krise“ beschließt das Buch. „Die Zeichen in der Nahost-Region stehen auf Sturm“ – „Es ist ein scheinbar düsteres Fazit, das ein Jahrzehnt nach dem Aufstand gegen die arabischen Diktatoren gezogen werden muss“. Europa und die arabische Welt sind in einer Schicksalsgemeinschaft miteinander verbunden und es wird im zukünftigen Verhältnis der beiden Weltregionen viel davon abhängen, wie sich Europa selbst politisch weiterentwickelt; ob es die Autokraten weiterhin als Garanten der Stabilität, als Partner im Antiterrorkampf und als Flüchtlingsbremser, oder als Despoten als eigentliche Quelle arabischer Instabilität, die auch Europa bedroht, sieht. „Es ist eine Zeit, die viele Fragen aufwirft, ohne dass wir im Moment die Antworten kennen…. Waren die letzten zehn Jahre nach der ersten Arabellion eine turbulente Zeit, werden die nächsten Jahre in der Region stürmisch werden…. Der Wettlauf zwischen arabischer Repression und arabischer Rebellion wird weitergehen, brutal und leidenschaftlich, rücksichtslos und stur“.

 

Mit „Repression und Rebellion“ legt Karim El-Gawhary ein Buch vor, das eine Pflichtlektüre für Nahost-Interessierte bilden sollte. Die arabischen Länder betraten nach den Aufständen gegen ihre Despoten politisches Neuland, das sie zunächst in politisches und gesellschaftliches Chaos stürzte. Die Herausforderungen lauteten: Wie können die alten, verkrusteten staatlichen Strukturen aufgebrochen werden? Wie können das „Dreigestirn“ Armut, Ungleichheit, und Machtlosigkeit überwunden werden? Welche Rolle soll die Religion in Staat und Politik einnehmen? Der Autor, der auch studierter Islam- und Politikwissenschaftler ist, weist im Buch mehrmals darauf hin, dass es seiner Ansicht nach nicht die Religion, sondern dieses „Dreigestirn“ sei, das die Miseren und Dilemmata der arabischen Welt begründe (und bleibt dabei die Antwort auf die Frage schuldig, wie sehr der Islam dieses „Dreigestirn“ mitbegründet).

 

„Dieses Buch ist der Versuch, das große Ganze dieses Wandels zu erfassen… Deshalb beschreibe ich diesen Prozess mal aus dem analytischen Weitwinkel und mal anhand von Reportagen, die in die Lebenswelt der Menschen hineinzoomen“. Mit sehr eindrucksvollen authentischen Schilderungen auch anhand persönlicher, z.T. dramatischer Erlebnisse beschreibt Karim El-Gawhary die Vorgänge in der arabischen Welt, Berichte der internationalen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch ergänzen seine Ausführungen. „ Der Nahe Osten ist eine Ansammlung gescheiteter Staaten und ungelöster Krisen“; die Probleme, das Leid, die Not, die kriegerischen Vorgänge und last not least die Flüchtlingsproblematik sind atemraubend und zutiefst deprimierend – man sollte davor nicht die Augen verschließen!

 

 

Gerfried Pongratz 9/2020

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