Die seelisch Verletzten — Eine Geschichte in zwei Teilen

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Über Hilflosigkeit, über Frust und Verzweiflung

Wird Kritik an patriarchalen Strukturen oder Verhaltensweisen, an Diskriminierung (vulgo «Rassismus»), oder an Despotismus geübt, ist es manchmal nicht unwichtig, wie diese Kritik formuliert wird, und insbesondere, wer sie ausspricht.

DER GESCHICHTE EINER TEIL

In einer Rede, die die Norwegerin Deeyah Khan, Tochter eines Pakistani und einer Afghanin, im Jahr 2016 im Rahmen der Veranstaltungsreihe TEDx Talks hielt (siehe auch die TED-Website), erzählt sie zunächst aus ihrer Kindheit und Jugend in Norwegen in einer muslimischen, nicht besonders religiösen Familie. Es sind Erlebnisse und Erfahrungen, die nicht auf ein bestimmtes Land oder auf einen bestimmten Kulturkreis beschränkt sind, Erlebnisse und Erfahrungen, die es in ähnlicher Weise überall gibt.

Wie sie von ihrem Vater gedrängt, nein rabiat gezwungen wurde, ein Musikinstrument und Gesang zu erlernen, Musik zu machen und damit öffentlich aufzutreten;

… von einem „weißen“ Norweger nur wegen ihrer südasiatischen Abstammung (als ob sie sich damit etwas hätte zuschulden kommen lassen) bespuckt und beschimpft wurde;

… von Menschen aus „ihrem“ islamisch geprägten Kulturkreis — sie spricht von «brown people» — wegen ihrer öffentlichen Auftritte in einer Musikgruppe angefeindet, angegriffen und mit Morddrohungen konfrontiert wurde.

Wie sie deswegen aus „ihrem“ islamisch geprägten Umfeld keinerlei Anteilnahme oder Hilfe erfuhr;

… während ihrer späteren Arbeit in Hilfsorganisationen erkannte, dass ihre persönlichen Erlebnisse in „ihrem“ islamisch geprägten Umfeld, in dem die „Ehre“ und der Ruf der Familie oder der Gruppe bestimmende Größen für das Zusammenleben sind, keine Ausnahme, sondern die Regel darstellen;

… während dieser Arbeit desorientierten jungen Menschen — insbesondere jungen Männern — begegnete, die in dem Spannungsfeld von autoritärer, auf Einschüchterung setzender Erziehung einerseits und Diskriminierungserfahrungen andererseits keine eigene Persönlichkeit aufgebaut hatten, und die persönliche Gewalterfahrungen an andere weitergaben.

Sie erzählt von jungen Menschen, die auf dem Weg zum Erwachsenwerden nach Vorbildern, nach Orientierung, nach Gruppenzugehörigkeit und Halt suchen und wie ihnen dies von «braunen Männern mit Bärten», von «zynischen alten Männern, die Blut für ihren eigenen Profit verwenden wollen», wie Deeyah Khan sie nennt, nur scheinbar gegeben wird (vergl. die Sekten-Checkliste).

Deeyah Khan zeigt auf, wie nicht Selbstausgrenzung in Parallelgesellschaften, nicht Hass, nicht die ständige Opferrolle, sondern Akzeptanz der Werte des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaats und des individuellen Selbstbestimmungsrechts aus der Spirale der Gewalt herausführt.

An muslimische Eltern richtet Deeyah Khan die Frage:
«Können Sie sich für sie (für Ihre Kinder) anstatt für Ihre Ehre entscheiden?»

Sie zitiert passend dazu ein afrikanisches Sprichwort:

Wenn die Jungen nicht in die Dorfgemeinschaft eingeführt (aufgenommen) werden, werden sie das Dorf niederbrennen, nur um seine Wärme zu spüren.


Den vollständigen Text der Rede von Deeyah Khan gibt es als PDF (jeweils 48 Seiten) doppelseitig und synoptisch English-Deutsch sowie als Einzelseiten English-Deutsch,
und einen Cover für die Printausgabe.

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DER GESCHICHTE ANDERER TEIL

  • Das Recht auf freie Meinungsäußerung fügt niemandem einen Schaden zu.
  • Eine Karikatur zu zeichnen oder zu veröffentlichen fügt niemandem einen Schaden zu.
  • Jemandem den Kopf abzuschneiden fügt demjenigen einen Schaden zu,
    dem der Kopf abgeschnitten wird.

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Am 16. Oktober 2020 wurde der Lehrer Samuel Paty in dem Ort Conflans-Sainte-Honorine nahe Paris in Frankreich ermordet. Paty hatte in einer Unterrichtsstunde die Meinungsfreiheit bzw. das Recht auf freie Meinungsäußerung thematisiert, ein Rechtsgut, das in Frankreich wie auch in vielen anderen Ländern zu den verfassungsmäßig garantierten Grundrechten gehört.
Im Rahmen der Unterrichtsstunde hatte er u.a. eine Karikatur aus der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo verwendet und den Schülern — nach einem Hinweis, dass sie den Klassenraum ggf. vorher verlassen dürften, falls sie die Karikatur nicht sehen wollten — gezeigt. In der Karikatur war gemäß Bildbeschreibung der Erfinder und Prophet des Islams, Mohammed, abgebildet.
In der Wikipedia sowie in anderen öffentlichen Medien wurden die Tat, deren Vorgeschichte sowie der Tathergang und internationale Reaktionen auf die Tat breit thematisiert (siehe den Beitrag «Anschlag in Conflans-Sainte-Honorine» in der Wikipedia).

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Zunächst ein paar kurze Anmerkungen zu den drei Punkten oben am Beginn des zweiten Teils dieses Beitrags.

  • Das Recht auf freie Meinungsäußerung fügt niemandem einen Schaden zu:

Das Recht auf freie Meinungsäußerung, welches ein allen Menschen in diesem Land gewährleistetes Grundrecht ist, unterscheide ich von einer einzelnen Meinungsäußerung — also einer Handlung einer Person –, die jemandem selbstverständlich dann einen Schaden zufügen kann, wenn in der Meinungsäußerung z.B. eine Diffamierung (Verunglimpfung) oder eine Verleumdung enthalten ist. In solchen Fällen ist die Meinungsäußerung eine Straftat — siehe die §§ 185 bis 189 StGB (in Deutschland). Die bloße Grundrechtsgarantie verursacht jedoch keinen Schaden, verpflichtet oder zwingt niemanden, seine Meinung zu äußern, hält aber auch niemanden davon ab.

  • Eine Karikatur zu zeichnen oder zu veröffentlichen fügt niemandem einen Schaden zu:

Beim Zeichnen einer Karikatur wird eine Idee eines Zeichners grafisch umgesetzt, es wird der Strich eines Zeichenwerkzeugs auf ein Blatt Papier aufgetragen; ein Schaden entsteht dadurch niemandem (es sei denn, man wollte einen Schaden darin erkennen, dass sich der Zeichner der Karikaturen bezeiten ein neues Zeichenwerkzeug kaufen muss).
Wird die Karikatur veröffentlicht, mag sich eine lebende Person, die in der Karikatur dargestellt ist, trotz verzerrter Physiognomie darin wiedererkennen. Einigen Karikaturisten gelingt es, Charaktereigenschaften, die einer Person zugeschrieben oder angedichtet werden, zeichnerisch umzusetzen. Dies ist besonders beispielhaft in Karikaturen bekannter Personen des öffentlichen Lebens wie z.B. solchen des 45sten Präsidenten der USA, Donald Trump, zu sehen.
Derlei Darstellungen mögen den karikierten Personen gefallen oder auch nicht; sollten sie der Meinung sein, dass ihnen durch die Veröffentlichung solcher Darstellungen ein tatsächlicher Schaden entstanden ist, steht ihnen der Rechtsweg offen. Ebenso, wenn sie sich durch die verzerrte Darstellung beleidigt oder sonstwie in ihren Rechten verletzt fühlen sollten.

Screenshot: Karikaturen Donald J. Trump (eigenes Werk)

  • Jemandem den Kopf abzuschneiden fügt demjenigen einen Schaden zu, dem der Kopf abgeschnitten wird:

Das Zufügen einer Körperverletzung mit Todesfolge, Totschlag sowie Mord wird m.W. in allen Ländern der Erde als Straftat respektive als Verbrechen geahndet. Das Opfer einer solchen Tat ist nach Tatbegehung tot, die Tat wird als Offizialdelikt strafrechtlich verfolgt.

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Nach der Ermordung des Lehrers Samuel Paty (siehe oben) kam es in einigen Ländern zu Demonstrationen, in den (sozialen) Medien wurde Protest laut. Die Demonstrationen richteten sich in wenigen Fällen gegen die Ermordung des Lehrers, in vielen anderen Fällen jedoch dagegen, dass er während einer Unterrichtsstunde das Recht auf freie Meinungsäußerung thematisiert und als anschauliches Beispiel dazu eine Karikatur gezeigt hatte.

Bildliche Darstellungen des Islam-Erfinders und Propheten Mohammed führen, insbesondere dann, wenn es sich bei den Darstellungen um Karikaturen handelt — und anders als bei vergleichbaren Darstellungen anderer Personen — regelmäßig dazu, dass auf eine (weltweite !) Einschränkung des Rechts auf freie Meinungsäußerung gedrängt wird. Oft reicht es, dass jemand nur vom Hörensagen — oder gar gerüchteweise — Kenntnis von derlei Darstellungen bzw. Karikaturen erlangt hat statt die Bilder selber gesehen zu haben. Der Grund, warum der Islam-Erfinder und -Prophet Mohammed karikiert oder warum eine Karikatur von ihm gezeigt wird, spielt dabei keine Rolle, Zusammenhänge scheinen belanglos oder werden nicht reflektiert.

In einem Leserkommentar, der zu einem Facebook-Eintrag veröffentlicht wurde (siehe den anonymisierten Screenshot unten) dessen Aussagen man, bei ähnlicher Wortwahl, sehr häufig begegnen kann, kommt zum Ausdruck, welches die Beweggründe für so manche Äußerung sein mögen:

[…] Unser Prophet Mohamed sws war KEIN Islamist oder Terrorist. Die Karikaturen beleidigen unseren Propheten, der sehr wichtig für uns Muslime ist. Für nicht-gläubige Menschen ist das schwer nachvollziehbar, das versteh ich weil ich selbst mal zu diesen Personen gehört habe. Aber gläubige Christen oder Juden können das eher nachvollziehen. Die Liebe zu unserem Propheten ist daher sehr gross und schwer zu beschreiben. […]

Screenshot eines Facebook-Kommentars (eigenes Werk; Click für vergrößerte Ansicht)

Wie man jemanden noch beleidigen kann, der seit bald 1400 Jahren tot ist, erschließt sich mir nicht, denn der angeblich Beleidigte hat keine Möglichkeit, sich beleidigt zu fühlen oder auf die Beleidigung mit juristischem Vorgehen zu reagieren. In Deutschland ist der Straftatbestand der Beleidigung ein Antragsdelikt.

Die Worte «Die Liebe zu unserem Propheten ist daher sehr gross und schwer zu beschreiben.» in obigem Kommentar drücken m.E. eine Idealisierung und Verklärung, aber auch eine Identifizierung mit dem Islam-Erfinder und -Propheten Mohammed aus. Und sie lassen eine Hilflosigkeit erkennen, zumindest eine Hilflosigkeit in der Argumentation.

Die Idealisierung und Verklärung kann bis in den Bereich der Verkitschung gehen, wie sie auch in einigen anderen Fällen zu beobachten ist, in denen Wunschvorstellungen die allgemein wahrnehmbare Wirklichkeit überlagern oder verzerren. Jede Kritik wird dann mglw. als persönlicher Angriff gedeutet.

In der Identifizierung mit einer anderen Person kommt zum Ausdruck, dass die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit (schwer) beschädigt wurde, wie es Deeyah Khan in dem oben, im ersten Teil dieses Beitrags besprochenen Video, darlegt. Gruppendruck, der die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit behindert oder gar unterbindet, tut ein Übriges.
Der Protest gegen sog. Mohammed-Karikaturen ist dann lediglich eine Ersatzhandlung. Eigentliches Ziel des Protests ist der Despotismus, sind die — nicht nur dem Islam innewohnenden — patriarchalen Herrschafts-, Gesellschafts- und Machtstrukturen — ein Protest, wie er sich z.B. auch während des Arabischen Frühlings in mehreren islamischen Ländern entladen hat.

ZUM SCHLUSS

Der Islam — oder andere den Freiheitswillen der Menschen einschränkende oder unterdrückende Religionen und sonstige Ideologien –, oder rechtsreaktionäre, faschistoide Akteure wie z.B. Salafisten und andere sehr konservative Vertreter, Befürworter und Verteidiger oder auch Sympathisanten und Solidarische des Despotismus und der Einschüchterungen sowie Rechtsextremisten, die häufig die Gelegenheit nutzen, Respekt für den Islam und dessen Erfinder einzufordern, die umgkehrt jedoch nicht immer bereit sind, Respekt für die Werte des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat sowie für die Allgemeinen Menschenrechte in gleichem Maße zu erbringen geschweigedenn den Vorrang auch nur der Grundrechte über allen religiösen Vorschriften und Geboten anzuerkennen, jener Grundrechte, die wegen des Gleichheitsgrundsatzes vor dem Gesetz (in Deutschland Artikel 3 Satz 1 GG) für alle Menschen gleichermaßen gelten, sind in diesem Gefüge nicht die Lösung, sondern das Problem, das es mit den Mitteln und Möglichkeiten des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaats wie z.B. dem Recht auf freie Meinungsäußerung zu überwinden gilt.


Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net


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