Liebe unter dem Halbmond


Der folgende Bericht erschien zuerst bei wissenrockt.de, damals aus Sicherheitsgründen noch unter dem Pseudonym „Friedrich Norden“. Zu Zeiten der Diktatur konnte man eben nicht sicher sein, ob man sich mit einem solchen Bekenntnis nicht erhebliche Nachteile einhandelte.

Aus zwei Gründen stelle ich den Bericht hier ein. Zum einen hat mir das Bekanntwerden meines „Übertritts“ zum Islam erhebliche Beschimpfungen und Unterstellungen eingetragen – ausgerechnet in der islamkritischen Szene. Wer so etwas mache, könne nicht ernst genommen werden, er sei ein islamisches U-Boot, und dieser Schritt dokumentiere, dass zumindest indirekt der „Chip“ des Islam in meinem Kopf sei, was ja bei einem Atheisten auch nicht verwundere. Zum anderen möchte ich den neu hinzugekommenen Freunden dieser Seite die Möglichkeit geben, sich selbst ein Urteil zu bilden. So schrieb ich im Frühjahr 2010:

Da arbeitet man nun im selben Unternehmen, lernt sich kennen und scherzt im Kollegenkreis. Man albert ein wenig herum, schwatzt auch einmal allein miteinander, verabredet sich auf einen Kaffee und macht einen Einkaufsbummel, trifft sich schließlich auch abends. Und plötzlich, ohne dass man hinterher sagen könnte, wann genau es geschah, ist innerlich ein Knoten geplatzt. Man wird sich darüber klar, dass man ohne den anderen gar nicht mehr sein möchte. Und trotzdem ein ganz normaler Vorgang, den man gemeinhin als das Entstehen von Liebe bezeichnet und der sich in dieser oder abgewandelter Form millionenfach auf unserer Erde wiederholt.

Spätestens an dieser Stelle ist ein Punkt erreicht, an dem das frische Paar sich darüber Gedanken macht, ob die zwei eigenen „Wohnhöhlen“ wirklich noch Sinn machen. Oder ob es nicht besser wäre, zusammen zu ziehen. Kluge Eltern geben jedenfalls, sofern man sie fragt, eben diesen Rat an ihre Kinder. So beginnt oft der praktische Härtetest und das wirkliche Ehefähigkeitszeugnis im Gegensatz zum dem, was eine Behörde darunter versteht.

An dieses freie Spiel der Natur haben wir Menschen uns gewöhnt. Es ist, außer in stark religiös geprägtem Umfeld wie in ländlichen, vor allem katholischen Gegenden oder Teilen der USA, selbstverständlich geworden.

Aber halt, bitte nicht das Wort „geworden“ überlesen! Noch in den frühen sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts drohte einem Hotelbesitzer eine Anzeige wegen Kuppelei, wenn er ein Doppelzimmer an ein unverheiratetes Paar vermietete. Wir vergessen schnell und überheben uns daher leicht über rückständige Gesellschaften, die noch immer der Aufklärung harren.

Unglücklicherweise traf mich das im ersten Absatz beschriebene Glück ausgerechnet in dem unaufgeklärtesten Umfeld, das man sich heute nur vorstellen kann: in einem islamischen Land. Der Tag des Einzugs meiner „Auserwählten“ bei mir war also der offizielle Beginn eines Konkubinats. So heißt es hier tatsächlich noch!

Im Konkubinat

Die ersten spitzen Bemerkungen kamen natürlich aus der Familie meiner angehenden Frau. Das müsse doch nun endlich legalisiert werden, denn „was sollen denn die Nachbarn denken!“ Meine ursprüngliche hohe Meinung vom familiären Zusammenhalt in moslemischen Kulturen, die vor dem Hintergrund des Auseinanderfallens europäischer Familien gegründet wurde, bekam erste Risse. Es zeigte sich für mich mehr und mehr, dass die Hauptfunktion der Familien darin besteht, deren Mitglieder in jeder Lebenslage zu bevormunden. Eine freie Entfaltung der Persönlichkeit ist unerwünscht und wird mit allen Mitteln bekämpft.

Das Leben wurde so für meine Frau immer schwieriger. Hinzu kam die ständige Angst, von Nachbarn bei der Religionspolizei angeschwärzt zu werden. Wir zogen also in eine andere Gegend. In der Folge besuchte uns die Familie nicht mehr. Auch jeder Hotelaufenthalt wurde zur Angstpartie: „Werden die uns denn überhaupt ein Doppelzimmer geben?“ Urlaube in Europa bedeuteten ein großes Aufatmen, doch umso schlimmer wurde die Rückkehr. Es war zum Verzweifeln.

Die Lösung konnte nur Heirat heißen. Aber eine Hochzeit in Deutschland, wie von mir vorgeschlagen, verbot sich umgehend. Die Verwaltung erkennt, entgegen internationaler Abmachungen, im Ausland geschlossene Ehen tunesischer Frauen nicht an, was notabene nur für die auswärts geschlossenen Ehen der Frauen gilt. An der rechtlichen Situation hätte sich also nichts geändert.

Eine Heirat in Tunesien war die einzig verbliebene Möglichkeit. Es folgte ein Monate währender Papierkrieg mit allen Unterlagen, einer Unmenge von Übersetzungen und Beglaubigungen. Schließlich musste der alles entscheidende Punkt geregelt werden: mein Übertritt zum Islam. Da es, anders als seit 1875 in Deutschland, keine Zivilehe in unserem Sinne gibt, verbietet der Staat gemischtreligiöse Ehen. Auch die Ehen mit Atheisten fallen unter diese Regelung, wobei die weltanschauliche Haltung „atheistisch“ offiziell überhaupt nicht existiert.

„Es ist doch nur auf dem Papier, natürlich musst Du dich weder beschneiden lassen, noch später die Moschee besuchen. Kein Mensch fragt danach!“, beschwor meine Frau den berühmten Schatten, über den ich nun springen sollte. Es gab nur eine Alternative: entweder die Beziehung abbrechen, so wie es auch heute noch von fundamentalistischen Katholiken in Deutschland empfohlen wird (s. etwa Uta Horn: Wenn der Glaube trennt, kath.net vom 22/02/10), oder in den sauren Apfel beißen und ein Moslem werden. Was für ein menschenverachtendes Bild steckt wohl hinter der Forderung, einen Glauben höher als die Liebe zwischen zwei Menschen zu stellen?

Der „saure Apfel“ wurde vom Religionsministerium ausgereicht, dankenswerter Weise auch in französischer Sprache. In ihm fanden sich die Wissensanforderungen an den heiratswilligen Konversionskandidaten: die fünf Säulen dieses Glaubens, Verhaltensregeln und schließlich zwei Suren auf Arabisch mit einer Umschrift in Lautsprache. Ob man deren Inhalt versteht ist zweitrangig. Die Hauptsache ist, dass man die Suren auswendig daher plappern kann.

Beim Mufti im Religionsministerium

In Begleitung meiner Frau und von ihr bestens vorbereitet fand ich mich also im zugigen Flur des Religionsministeriums wieder. Scheinbar ewig währendes Warten auf den Mufti von Tunis folgte, welcher die Prüfung abnehmen sollte. Was machte ich hier eigentlich? Die Frage quälte und ohne die Frau an meiner Seite wäre ich wohl längst entsprungen. Wo war nur mein Mut geblieben, der mich im zarten Alter von 16 Jahren dazu brachte, der beklemmenden Enge des streng protestantischen Elternhauses durch einen Gang zum Amtsgericht zu entfliehen, um endlich guten Gewissens das damals zart aufkeimende Pflänzchen humanistischer Freiheit hegen zu können?

„Es ist ja nur auf dem Papier“, wiederholte sich meine Frau, die meine Stimmung nur zu gut einschätzen konnte, „und sag bitte bloß nicht, dass Du es nur wegen der Heirat tust. Er könnte dann das Zeugnis verweigern.“ Im wahrsten Sinne „Gott“ ergeben folgten wir der Aufforderung des Muftis, an seinem Schreibtisch Platz zu nehmen.

Natürlich kam sofort die Frage, warum ich denn konvertieren wolle. Gut vorbereitet  schwafelte ich also etwas von dem delikaten Konstrukt der Trinität, das sich mir nicht voll erschließe. Offenbar war der Einstand gut gewählt. Muftis Augen leuchteten und die nächste halbe Stunde belehrte er uns über diese schlimmste aller Sünden der Christen, für welchen er mich offensichtlich hielt, den Propheten Jesus vergöttlicht zu haben. Dann folgten spitze, scharfe Fragen zu meinem Wissensstand. Meine Suren durfte ich, dank meiner Frau wohl in recht akzeptabler Aussprache, aufsagen und nach zweieinhalb Stunden erhielt ich mein Zeugnis.

Die gewonnene Schlacht wurde gebührend mit einer Flasche guten tunesischen Weins gefeiert. Ob das wohl den Propheten erfreut hätte? Aber die Liebe hatte über den Verstand gesiegt!

Die Hochzeit und die Folgen

In einem wesentlichen Punkte widerstand ich – und meine Frau hat es letztlich akzeptiert. Zu einer „richtigen“ moslemischen Hochzeit mietet man, je nach Jahreszeit, einen Saal oder einen großen Garten, der für derlei Festivitäten überall angeboten wird: mit den Jungvermählten auf einer Art Thron, einem Orchester, das nach spätestens einer halben Stunde zur totalen Taubheit der Zuhörenden führt und davor, damit es auch alle zur Kenntnis nehmen können, mindestens 300 oder mehr geladene und ungeladene Gäste, die sich mit den Frauen voran in all ihrer verklemmten Sexualität nun vorstellen, wie die beiden „Neuen“ es denn wohl miteinander treiben werden.

Nein, nicht mit mir! Nur wir zwei und dazu unsere Trauzeugen, die übrigens auch Moslems sein müssen. Denn Ungläubigen kann man ja nicht trauen! Wir fanden uns schließlich in der Gemeindeverwaltung von Sidi Bou Said zum großen Moment ein. Natürlich hatte mir niemand gesagt, dass dabei vom Bürgermeister auch ein Gebet gesprochen wird. Ich wusste nicht einmal, wie ich die Hände zu halten hatte, was mir einen süffisanten Blick des Zeremonienmeisters einbrachte. Den überlebte ich ohne Schaden, da ich mich bereits auf ein schönes Mittagsmahl freute, welches wir auf der Terrasse eines noblen Restaurants hoch oben über der Bucht von Tunis und Karthago im Anschluss zu uns nahmen.

Was hat es also nun gebracht? Die Beziehung ist legalisiert, die Familie kehrt nach anfänglicher Verschnupfung über diese nicht regelkonforme Hochzeit langsam zurück, und wir leben unser Leben genauso wie vorher. Wir sind noch immer zusammen in großer Liebe seit vielen Jahren. Und das alles ohne den geringsten Hauch von Religion! Inzwischen liest meine Frau die französische Übersetzung von Richard Dawkins Gotteswahn: „Pour en finir avec Dieu“.

Dass ich als überzeugter Humanist, also jemand, der den Menschen im Mittelpunkt aller Überlegungen sieht und nicht irgendein transzendentes eingebildetes Wesen, vom neutralen Beobachter zum entschiedenen Gegner des Islam mutierte, kann nicht verwundern. Dass aber auch meine Frau sich angesichts der auf uns ausgeübten Zwänge diesen Gedanken mehr und mehr anschließt, erfreut mich natürlich in hohem Maße. Ohnehin hat sie nie in ihrem Leben eine Moschee besucht, oder Gebete gesprochen, ihre „Religion“ beschränkt sich auf folkloristische und (leider auch) einige abergläubische Reste. Inzwischen wissen wir, dass sich wie in Tunesien auch in Deutschland immer mehr vor allem weibliche Moslems den Zwängen dieser mittelalterlichen „Religion“ und der darin eingebetteten Familien entziehen, um endlich ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen.

Das unselige Dekret 73, das Tunesierinnen einen Moslem heiraten müssen, wurde kürzlich von Präsident Essebsi einkassiert – aus Gründen der Gleichberechtigung Mann-Frau. Uns wäre eine Menge erspart geblieben, wäre das damals bereits der Fall gwesen. Aber ich kann durchaus mit dem Makel leben, ein zwangskonvertierter Papier-Moslem zu sein. :D

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.