Warum ich kein Christ sein will VII


Redaktion: Zur besseren Orientierung im Gesamtwerk verweise ich wieder auf das   Inhaltsverzeichnis. Ansonsten lasse ich sofort dem Autor das Wort:

Lehnert: Im vorliegenden Kapitel VII soll gewissermaßen nach vorn geschaut und skizziert werden, was für mich an die Stelle der von mir als überholt und untauglich angesehenen christlichen Lehre treten soll. Überholt ist für mich die aus vor- und frühgeschichtlichen Zeiten stam­mende Vorstellung eines bestrafenden und belohnenden Gottes und der sich um dieses Gottesbild rankende Opfermythos. Untauglich ist diese Lehre für eine durch Naturwissenschaft und Technik geprägte Welt, die sich unter anderem von einer Vielzahl völlig neuartiger ethisch-moralischer Fragen herausgefordert sieht. Gentechnologie, Reproduktionsmedizin und Hirnforschung seien hier stellvertretend für moderne naturwissenschaftliche Forschungsgebiete genannt, die ethisch-moralisches Neuland betreten. Diese For­schungen werfen Fragen auf, die mit den herkömmlichen, dem christlichen Menschenbild verhafteten Normen meines Erachtens nicht problemangemessen beantwortet werden können. Problemangemessen soll hier heißen: den Bedürfnissen des Menschen gerecht werdend […].

Was ist der Sinn des Lebens?

Ich meine, dass wir uns eingestehen müssen, dass das Universum nicht teilnimmt an unserem Denken in den Kategorien von Sinn, Bedeutung, Absicht oder Ziel. Es sind Denkmuster, die wir entwickelt haben, um die uns um­gebende Welt und die in ihr ablaufenden Prozesse ordnen, uns verständ­lich machen und deuten zu können. Besonders Vorgängen und Ereignissen, die wir nicht verstehen, versuchen wir eine Bedeutung, einen Sinn zu geben. Das Netz dieser deutenden Begriffe, mit denen wir unsere Welt strukturieren und vor allem interpretieren, existiert in unserem Kopf und nur dort. Diesen Begriffen entsprechen keine in der uns umgebenden Natur objektiv feststellbaren Eigenschaften oder Erscheinungen.

Wenn also die gott- und jenseitsorientierten Deutungsmuster der Religionen uns nicht mehr überzeugen können und wir andererseits vergeblich im Kosmos oder in der uns umgebenden Natur nach einem objektiven Sinn des Seins und unserer irdischen Existenz Ausschau halten, wer oder was hindert uns daran, unserem Leben selbst Sinn und Bedeutung zu geben? Denn wenn ein objektiver Sinn nicht gegeben oder nicht erkennbar ist, so kann ich doch für mich selbst auf vielerlei und individuelle Weise mein Leben einrichten und gestalten, so dass es mich erfüllt, mich zufrieden und vielleicht sogar glücklich macht und mir daher lebenswert erscheint. Dies eventuell in einer so unbekümmerten Art und Weise, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens sich gar nicht mehr stellt. So gesehen definierte sich der Sinn des Lebens von allein als das Leben selbst! […]

Der Sinn des Lebens besteht somit für mich – so schlicht es sich auch an­hören mag – in dem Bestreben, ein Leben zu führen, das ich als möglichst glücklich und erfüllt empfinde, und dabei stets bemüht zu sein, im Rahmen meiner Möglichkeiten auch anderen Menschen zu Glück und Freude zu verhelfen. Und dort, wo es nötig und mir möglich ist, möchte ich dazu beitragen, Leid und Schmerz anderer Menschen, wie überhaupt jedes empfindenden Wesens, zu mindern. Ein Beitrag in diesem Sinne mag zum Beispiel die Mitwirkung an einem gemeinnützigen Vorhaben sein, als Aktivität zusammen mit gleichgesinnten Menschen oder als Engagement als Einzelner, der nicht nur für sich leben, sondern sich auch um andere kümmern will. Sei es durch Hilfe für Kranke, für allein gelassene Opfer von Verbrechen oder für Menschen, die das »Schicksal« sehr benachteiligt hat, sei es als Einsatz für Menschen, die mit ihrem Leben nicht so gut zurecht kommen wie man selbst, oder vielleicht in Form der Unterstützung von Kindern, deren Lebensumstände wenig Freude und Glück aufkommen lassen.

Das Gefühl für andere wichtig zu sein und gebraucht zu werden, erfüllt viele Menschen mit Genugtuung. Wenn es nicht die eigene Familie ist, dann können es Menschen sein, die meiner Unterstützung bedürfen. Vielleicht ist es auch ein ganz persönlicher Beitrag gegenüber der Gesellschaft in Form eines irgendwie gearteten Werks, das anderen Menschen zu mehr Lebensfreude verhilft. Zwischen den beiden Polen »Glück mehren« und »Leid mindern« gibt es eine große Fülle von Möglichkeiten, sich »sinnvoll« zu betätigen, das heißt, dem eigenen Leben Bedeutung zu geben und dabei selbst Be­friedigung zu empfinden.

Abschließend noch dies: Ich habe in diesem Buch mit grundsätzlicher Kritik an Kirche und Christentum nicht gespart und habe meine Ablehnung dieser Religion sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Was ich aber mit Res­pekt anerkenne, ist die praktische Hilfe, der tatsächlich »Leid mindernde und Glück mehrende« Dienst von ungezählten Pfarrerinnen, Pfarrern, Nonnen, Diakonissinnen und anderer Menschen, die aufgrund ihrer christlichen Einstellung Nächstenliebe praktizieren. Auch andere Religionsgemeinschaften könnten hier genannt werden. Die Motive unseres Handelns mögen mitunter ganz unterschiedliche sein, es zählt allein, was der Schriftsteller Erich Käst­ner (1899-1974) einst so formulierte: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter – sie steht im Lukas-Evan­gelium in Kapitel 10, Vers 25-37 – ist hier ein schönes Beispiel für Nächs­tenliebe: Dem Andern selbstlos helfen, weil er leidet, gleichgültig von welcher Stammeszugehörigkeit oder religiösen Auffassung er ist. In einer solchen Praxis sehe ich eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit auch mit einem mir ansonsten fern stehenden christlichen Glauben.

Bekenntnis zu einem humanistischen Lebenskonzept

Konkret sehe ich ein solches Lebenskonzept im Humanismus formuliert, der in seiner neuzeitlichen Form ein wissenschaftlich fundiertes Menschenbild mit einer diesseitig begründeten Ethik verbindet und dessen Leitprinzip die Selbstbestimmung ist. Der Humanismus der Aufklärung war philosophisch-geisteswissenschaftlich ausgerichtet und entwickelte sich in der Auseinandersetzung mit der christlichen Lehre. Der sich formierende neue Humanismus begründet seine Auffassungen über das menschliche »Sein und Sollen« weniger aus der Gegnerschaft zu Kirche, Christentum und Religion allgemein, sondern leitet zum einen seine Vorstellungen aus den Erkenntnissen der heutigen Naturwissenschaften, speziell der Kosmologie, Evolutionsbiologie, Genetik und Hirnforschung ab. Zum anderen liegen seinem Moral- bzw. Ethikkonzept nicht mehr die angeblich metaphysisch vorgegebenen Kategorien »gut«, »böse« oder »schuldig« zu Grunde, sondern solche, die un­mittelbar an den realen, tatsächlichen Interessen und Bedürfnissen der Men­schen orientiert sind. […]

Da ethisch-moralische Forderungen nur gesetzt und letztlich nicht begründet, allenfalls einsichtig und zustimmungsfähig gemacht werden können, ist es aus Gründen der anzustrebenden Widerspruchsfreiheit und Übersichtlichkeit sinnvoll, möglichst grundlegende und möglichst wenige solcher Forderungen aufzustellen. Diesen Versuch hat zum Beispiel M. Schmidt-Salomon unternommen und folgende – wie er sie nannte – Humanistische Basis-Set­zung formuliert:

»Alle Menschen sind gleichberechtigt und frei in ihrem Streben, ihre individuellen Vorstellungen vom guten Leben im Diesseits zu verwirklichen, sofern dadurch nicht die gleichberechtigten Interessen anderer in Mitleidenschaft gezogen werden, und es ist die unaufkündbare Aufgabe eines jeden Menschen mit allen zur Verfügung stehenden Kräften dazu beizutragen, dass möglichst wenigen (im Idealfall: niemandem) die Inanspruchnahme dieses fun­damentalen Rechts versagt bleibt.« 7

Diesen Satz setzt er als »wahr« und universell gültig, er kann nicht bewiesen und soll auch nicht weiter zurückgeführt werden, er fungiert gewissermaßen als »moralisches Axiom« (Letztbegründung). Kommentierend fügt Schmidt-Salomon hinzu:

»Aus dem Recht, dem Anspruch auf die Möglichkeit der Verwirklichung individueller Lebenskonzepte, einem Recht, das für alle gilt, erwächst auch eine Pflicht, die für alle gelten muß: Der radikale Humanismus der Neomoderne verpflichtet den Menschen dazu, nicht nur Rücksicht auf die gleichberechtigten Ansprüche anderer zu nehmen, sondern auch nach Kräften verändernd tätig zu werden, wenn erkennbar ist, daß die Rechtsansprüche anderer ungerechtfertigt durch direkte, strukturelle oder kulturelle Gewalt bedroht werden.«

Zu betonen ist mit Schmidt-Salomon zweierlei: 1. Eine solche Form humanistischer Ethik macht ihre Letztbegründung, auf der sie aufbaut, bewusst sichtbar, damit »einsehbar«, aber im Zweifel auch diskutier- und kritisierbar. 2. Ethik ist nichts Heiliges und Unantastbares mehr – im Gegensatz zur her­kömmlichen Moral, die vermeintlich im als absolut gesetzten Göttlichen grün­det und damit als heilig und unantastbar gilt – sondern wird zu einem Instru­mentarium des ehrlichen und fairen Miteinanderumgehens, das unter verän­derten Umständen erforderlichenfalls auch revidiert werden kann.

Der Mensch muss sich also seine ethischen Normen und Regeln selbst geben. Die »Amerikanische Unabhängigkeitserklärung« und die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte« haben gezeigt, dass das funktioniert und dass man dabei auf große allgemeine Zustimmung treffen kann. Die Missbilligung von kirchlicher Seite an der angeblichen Selbstherrlichkeit des Menschen lautet, dass »eine solche Ethik sich nur noch an den tatsächlichen oder mutmaßlichen Interessen orientiere, die ein Mensch habe«.8 Von einem Humanisten würde das eher nicht als Kritik aufgefasst, sondern als Bestätigung des Grundsatzes, dass der Mensch – immer mit Blick auf die Verantwortung auch für den anderen – das Maß der Dinge sei und nicht eine behauptete, nicht erkennbare Instanz über uns.

Der hier skizzierte Humanismus versteht sich somit als eine weltliche Alternative zur Religion, als eine Weltanschauung, die ohne Priester und Pro­pheten auskommt, kein angeblich von Gott diktiertes heiliges Buch kennt, ihr Wissen über die Welt und den Menschen aus den Naturwissenschaften gewinnt, sich von überkommenen, metaphysischen Moralvorstellungen löst, stattdessen ethische Normen an den fundamentalen Bedürfnissen und Interessen der Menschen orientiert. Wie schon öfter festgestellt, bezeichnet sich etwa ein Drittel(!) der Bundesbürger als konfessionslos. Sehr viele von ihnen praktizieren eine humanistische Lebensweise, in vielen Fällen jedoch lediglich aus Unkenntnis ohne ausdrücklichen Bezug auf humanistische Prinzipien der eben geschilderten Art. Gefragt danach würden sie sich vielleicht als Atheisten bezeichnen oder als Agnostiker, also als jemand, der die Frage nach Gott als nicht entscheidbar ansieht. Sie alle gehören zu jener großen Zahl von Menschen, die im öffentlichen Bewusstsein aufgrund der unge­rechtfertigt dominierenden medialen Präsenz der Kirchen die Rolle einer an­geblich zu vernachlässigenden Randgruppe spielen müssen, dennoch inzwi­schen in Wissenschaft, Literatur und nicht zuletzt im Kulturteil anspruchs­vollerer Zeitungen höchst aktiv sind.

Redaktion: Im Schlussteil des 2. Unterkapitels bezieht sich Lehnert neben Michael Schmidt-Salomon auf den Philosophen Joachim Kahl und zitiert:

»In einem Weltall ohne Ziel und Sinn ist es unsere ureigene Aufgabe, unserem flüchtigen Dasein selbst Ziel und Sinn zu verleihen. Das ist durchaus möglich, wenn wir keine übersteigerten spirituellen Erwartungen hegen, wie sie jahrtausendelang von den Religionen genährt worden sind. Wer dagegen weiterhin in den kosmischen Weiten die Handschrift eines weisen Gottes sucht und nach den gütigen Augen eines himmlischen Vaters Ausschau hält, der wird immer wieder aufs Neue vom Gefühl der Heimatlosigkeit und Gottverlassenheit beschlichen werden.« (S. 49) … »Ohne die Hypothese ›Gott‹ lässt sich die Welt in ihrem Dasein und Sosein viel schlüssiger, redlicher, klarer, einfacher erklären und deuten als mit ihr.« (S. 82)

Mit fast heiterer Gelassenheit formuliert er einige Seiten weiter:

»Menschliches Leben heißt: sich erträglich einrichten für ein kurzes Gastspiel auf einem Staubkorn im Weltall, tätig sein mit Sinn und Verstand, mit Anstand und Würde, mit Witz und Humor, schließlich Abschied nehmen von allem für immer – in der Gewissheit, dass niemand da oben zugeschaut hat und bald vergessen sein wird, was gewesen ist.«

Das Recht auf Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht

Redaktion: Im folgenden erläutert Lehnert die Problematik um die Sterbehilfe:

Dennoch gibt es für mich eine Determinante in diesem Spannungsfeld von Gesetz und Normen, ärztlichem Auftrag und Ethos, Weltanschauung und Religion, die für mich unverrückbar feststeht und die ich absolut respektiert wissen möchte: mein Recht auf Selbstbestimmung in allen Phasen meines Lebens. Dieser Wille hat auch dann zu gelten, wenn ich ihn selbst nicht mehr äußern kann, aber vorher zweifelsfrei schriftlich dokumentiert oder notfalls einem Bevollmächtigten er­klärt habe. Selbstbestimmung ist daher auch das Hauptargument der Befürworter einer gesetzlich geregelten Freigabe der Sterbehilfe. Die »Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben« zum Beispiel formuliert in einem Positionspapier:

»Es gibt Menschen, die ihr Würdeempfinden auch am Lebensende nicht anderen ausliefern möchten. Diese Menschen möchten das Recht er- und behalten, ohne In­tervention und ohne moralisierende Bevormundung trotz denkbarer Risiken einen Sterbeprozess abzukürzen. Eine Tabuisierung von Sterbewünschen und des Sterbe­willens Betroffener widerspricht dem Selbstbestimmungsrecht, das im Persönlichkeits­recht als Grund- und Menschenrecht verankert bleibt. … Der Absolutheitsanspruch weltanschaulicher und religiöser Institutionen auf Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens widerspricht dem Ethos und Menschenrecht auf Gewissensfreiheit und be­deutet einen Rückfall in die Zeit vor der Aufklärung. Das Recht auf Leben beinhaltet keine Pflicht zu leben.«

[…] Der Christ wie der Nichtchrist, der Gottgläubige wie der Atheist haben das Recht, ihr Leben so zu beenden, wie es ihrem persönlichen Gewissen und ihrer persönlichen Vorstellung von einem menschenwürdigen Leben entspricht. Wenn keine Aussicht mehr auf ein lebenswertes Leben besteht oder wenn die Schmerzen un­erträglich werden, dann hat nach meiner Auffassung ein Mensch das Recht, sein Ende zu wollen, das Recht auf »Selbsterlösung«. Und wenn er in seiner Hilflosigkeit dann des Beistands eines human denkenden Arztes oder Mitleid empfindenden Mitmenschens bedarf, dann ist es ein Skandal, wenn einem uneigennützig handelnden Menschen Strafverfolgung droht.

Redaktion: Lehnert zieht als weiteres Beispiel für das Selbstbestimmungsrecht des Menschen die von Kirche verteufelte Präimplantationsdiagnostik bei, das ich hier übergehen kann, da es sich weitestgehend mit dem deckt, was bereits in einem WB-Artikel „Intelligent Design aus Menschenhand“ abgehandelt wurde.

Paradies und Unsterblichkeit durch geplante Evolution?

Redaktion: In diesem letzten Unterkapitel geht Lehnert auf den nicht unumstrittenen „Transhumanismus“ ein. Der Transhumanismus beschreibt die Möglichkeiten von direkten Eingriffen des Menschen in den evolutionären Prozess mit dem Ziel der Verbesserung der Lebensqualität und der Lebensverlängerung.

Lehnert: Schon in Kapitel I kam zur Sprache, dass der Mensch inzwischen in die bisher blindlings ablaufende Evolution bewusst und zielgerichtet eingreift. Möglich wurde dieses Eingreifen durch die mittlerweile vorhandenen Kennt­nisse in der molekularen und angewandten Genetik. Derartige Aktivitäten haben bisher eher das Deaktivieren eines als schadhaft erkannten Gens zum Ziel, noch nicht dessen Reparatur oder gar die bewusste Weiterentwicklung der Genstrukturen. Ein vergleichsweise einfacher und inzwischen möglicher Eingriff ist das Abschalten eines Gens, um bestimmte Krankheiten, vor allem Krebs­formen zu unterdrücken; eine Vorgehensweise, für die es im Jahre 2007 im­merhin den Medizin-Nobelpreis gab. Umstritten und aus theologischer Sicht außerordentlich brisant dagegen ist die gezielte Weiterentwicklung des Menschen in Richtung gewünschter Eigenschaften durch planmäßiges Verändern der Erbanlagen und der sie steuernden Faktoren.

Der »neue Mensch« sollte – so die Vorstellung der Transhumanisten – frei sein von Krankheiten, die in den Erbanlagen und Schwächen des Körpers begründet liegen, er sollte über deutlich erweiterte physische und psychische Kapazitäten verfügen, ein sozialverträglicheres Verhalten zeigen und schließlich dem Prozess des biologischen Alterns nicht mehr so erbarmungslos wie heute ausgeliefert sein. Es ist das – ganz langfristige – Ziel des Trans­humanismus, nicht nur die Lebensumstände des Menschen mittels moderner Technologien zu optimieren, sondern den Menschen selbst soweit neu zu formen, dass er letztendlich zu einem völlig neuartigen Wesen mutiert, das in seinen vorteilhaften Eigenschaften und Fähigkeiten in kaum noch vergleichbarer Weise über den heutigen Menschen hinausgewachsen ist. […]

Als eine unüberwindbare Schranke, die von der Menschheit schon immer als Bedrohung und Fluch empfunden wurde, gelten Altern und Tod. Da bekommt die urmenschliche Hoffnung eine reale Basis, wenn nicht wenige Bioforscher inzwischen Lebenszeitverlängerung, also das deutliche Aufschieben von Altern und Tod, ja sogar biologische Unsterblichkeit prinzipiell für möglich halten. Die Erforschung der Prozesse des Alterns und die damit verbundene Hoffnung, Möglichkeiten der Lebenszeitverlängerung, ja irgendwann vielleicht so etwas wie prinzipielle Unsterblichkeit zu entde­cken, lässt aber so manchen Betrachter erschrecken und diese Entwicklungen einerseits ersehnen, andererseits als geradezu gotteslästerlich erscheinen.

Aber ist es nicht so, dass unsere Ziel- und Wertvorstellungen einem stetigen Wandel ausgesetzt waren? Wissen wir heute, welche Vorstellungen vom »guten und richtigen Leben« spätere Generationen haben und welche Maßstäbe sie dereinst anlegen werden? Welche Gefühle und Wünsche sie mit den neuen physischen und psychischen Fähigkeiten entwickelt haben werden? Sie werden vermutlich auf uns zurückblicken, wie wir auf unsere Vergangenheit schauen, und ebenso feststellen, dass die Bedürfnisse, Interessen und Hoffnungen der Menschen wandelbar sind, weil sie ganz entscheidend auch durch die jeweils ge­gebenen wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten bestimmt werden.

Kann es unter den eben geschilderten Zielvorstellungen so verwerflich sein, in die natürliche Evolution einzugreifen, um sie zu beschleunigen und in eine gewünschte Richtung zu lenken? Was kann falsch daran sein, der bisher blindlings und ungerichtet ablaufenden Evolution ihre »darwinistische Erbarmungslosigkeit« zu nehmen und ihren weiteren Verlauf an ethisch wün­schenswerten Zielsetzungen zu orientieren? Muss es nicht vielmehr als »ethi­scher Imperativ« gelten, sich um die Verbesserung der Lebensqualität des Menschen zu bemühen, ihn gesünder, langlebiger, intelligenter und verträglicher zu machen? Einem Christen ist dieses Denken und Handeln eigentlich verwehrt, bedeutet es doch, sich in frevelhafter Weise in Gottes Planung ein­zumischen. Für den Christen wurde der Mensch von Gott als sein Ebenbild erschaffen. Veränderte der Mensch diese Ebenbildlichkeit, maßte er sich in der Vorstellung eines Christen an, Gottes Werk, ja selbst Gott als Original als nicht zufriedenstellend anzusehen und eigenmächtig zu verbessern. Die Entwicklung wird jedoch mit großer Sicherheit über solche Bedenken hinweggehen. Ausschlaggebend für die Akzeptanz wird letztendlich der erkannte Nutzen für Gesundheit und Lebensqualität sein. […]

Ein Paradies auf Erden und die Aussicht auf eine selbstbestimmte Lebenszeit – so utopisch, so befremdlich, gar frevelhaft manchem von uns diese Visionen heute auch erscheinen mögen – sie werden für die kommenden Generationen am Horizont der Möglichkeiten auftauchen. Und die Erfahrung zeigt, das alles, was machbar ist und menschlichen Bedürfnissen entgegenkommt, schließlich auch realisiert wird. Diese Aussichten lassen eine Ahnung aufkommen, wie dramatisch sich in fernerer Zukunft Mensch und Leben verändern könnten. Wir heute Lebenden sollten uns nicht anmaßen zu entscheiden, was spätere Generationen für erstrebenswert halten dürfen. Menschen einer solchen Zukunft, die sich zwar erst schemenhaft, aber doch schon in Umrissen abzeichnet, bedürften dann keiner trügerischen Vertrös­tung mehr auf ein paradiesisches Himmelreich, das jenseits unserer irdischen Welt auf sie warten und ihnen unendliches Glück und ewiges Leben besche­ren würde.

Redaktion: Lehnert endet sein Werk mit einem sehr persönlichen „Credo“, in dem er dazu aufruft, sich auf den Weg zu machen und nicht angesichts der Länge des Weges und seiner Unwägbarkeiten zu verzweifeln. Jeder einzelne kleine Schritt in Richtung auf ein Mehr an Aufklärung und Humanismus macht bereits in sich Sinn. Doch das gebe ich lieber in die Hände des Lesers, als dass ich es hier verkürzt darstelle.

Bibliographisches:

„Warum ich kein Christ sein will“

4., überarbeitete und erweiterte Auflage, Januar 2011

TEIA AG – Internet Akademie und Lehrbuch Verlag

Salzufer 13/14, 10587 Berlin

ISBN 978-3-939520-70-2

Bezug zum Beispiel über http://www.amazon.de/Warum-kein-Christ-sein-naturalistisch-humanistischen/dp/3939520705/ref=zg_bs_340579031_21

 

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