® Der Mann von Sutton Hoo

Seit den Tagen des Kaisers Claudius war England zumindest bis zum Tyne bei Newcastle ein Teil des römischen Imperiums. Seine von der Zentrale in Rom relativ abgelegene Lage machte es allerdings attraktiv für Überfälle durch benachbarte Barbarenstämme wie den Scots (damals noch in Irland), den Pikten (in Schottland)  und auch schon seit etwa 250 von über die Nordsee einfallenden Germanen. Daher waren auf der Insel drei Legionen stationiert – immerhin etwa ein Zehntel der Armee des Imperiums. Das machte diesen Teil des Reiches zusammen mit dem angrenzenden Gallien auch attraktiv für römische Magnaten, hier verschiedentlich Sonderimperien zu begründen, in dem man sich auf diese Truppen stützte.

Doch ab 400 hatte man in Rom andere Sorgen, als sich um den Außenposten an der Nordsee noch viel zu kümmern. Die Legionen wurden jetzt in Frankreich benötigt und um 410 aus England abgezogen. Die Bevölkerung musste jetzt sehen, wie sie aus eigener Kraft klar kam und wie sie sich der Schotten und Pikten und anderer Invasoren erwehren konnten. Das war nun ungewohnt,  denn … if the Roman world was more civilized than the medieval, it was proportionately more incapable of local selfhelp if anything happened to the central government and to the regular army.

Einige Einheiten westgermanischer Stämme mochten schon mit der römischen Armee in England gestrandet sein. Andere wurden von keltischen Stadtvätern und Fürsten zum Schutz gerufen oder drängten den Städten ihren Schutz auf und weitere kamen sicher aus eigenem Antrieb infolge der Überlegung, dass ein zwar ungeschütztes, aber zivilisiertes Land leicht Beute hergibt für entschlossene Männer. So wurde England für die Stämme Norddeutschlands und Jütlands ein erstes neues Land, ein vielversprechendes Auswanderungsland über die See wie später Amerika für die Engländer und anderen Europäer. Man brauchte eben nur ein paar schlapp verteidigte seit einiger Zeit christliche keltische Landstriche erobern.

Why, the pirate-farmers began to ask each other, as they quaffed the mead, why take we only what we can carry away? In this favourable new conditions the idea was mooted of wholesale immigration to these warm well-watered lands, rich in grain-fields and in pasture and in oak forests swarming with deer and swine.

So ist schon nach wenigen Generationen der gesamte Osten und Süden von Großbritannien von heidnischen westgermanischen Stämmen übernommen worden (auf der Karte links die blaue gezeichneten Gebiete). Die ursprünglich keltische und christianisierte Bevölkerung (rosa Gebiete) hatte sich nach Westen zurück gezogen. Von den ersten Plünderungen sächsischer Piraten vor 300 bis zur Herrschaft Knuts von  Dänemark (1016 – 1035) ist zu sagen: Between theses dates the racial character of the inhabitants of the country was fundamentelly altered. Die überwiegend keltische Bevölkerung wurde durch eine überwiegend nordseegermanische ersetzt.

Die halb mythischen Namen der Anführer dieser Landnahme lassen wir einmal außen vor. Fakt ist, dass in der Hauptsache die Stämme der Jüten (Kent) , der Sachsen (Wessex, Sussex, Essex) und der Angeln (englische Nordseeküste) an dieser Besiedlung beteiligt waren.

Nach 500 dehnte sich der Machtbereich der nordseegermanischen Fürsten noch weiter nach Westen aus und das rosa Gebiet der keltischen Bevölkerung schrumpfte auf die drei voneinander isolierten Gebiete in Wales, Cornwall und Strathclyde zusammen. Die in die bergigeren Gegenden vertriebenen Kelten verloren die durch die Römer zivilisierten jetzt angelsächsischen Landstriche. Die Folge: As Roman influence disappeared and Celtic tribalism revived, the intertribal warfare characteristic of the Celtic temperament revived with it and according to Bede (dem Chronisten) greatly assisted the Saxon Conquest.

Man schätzt die Einwanderer auf 200.000 Leute, die durch ihr Y-Chromosom noch heute als Verwandte der Bevölkerung in Dänemark und Norddeutschland zugeordnet werden können. Diese Leute gründeten die traditionellen 7 Königreiche der Heptarchie (Wessex, Sussex, Kent, Essex, East Anglia, Mercia, Northumberland), die in wechselseitiger Koalition oder Gegnerschaft existierten. Ihre Bevolkerung war und blieb vorerst heidnisch, denn … the Welsh Christinans still hates the saxons intruder too much to try to save his soul.

Während die Heimat der Jüten auf Jütland zu suchen ist und die der Sachsen um die Elbe und südlich, kommen die Angeln aus Schleswig-Holstein, vornehmlich von der Ostseeküste (die deutsche Nordseeküste war und ist Gebiet der Friesen). Zwischen der Flensburger Förde und der Schlei bei Schleswig heißt die Landschaft noch heute nach diesem Stamm "Angeln", doch war ihr ehemaliges Siedlungsgebiet größer. Tacitus erwähnt die "Anglii" schon in seiner Germania. Mit den Engeln hat der Name nichts zu tun und auch nicht mit der Tätigkeit des Angelns, obwohl sie sich als Küstenbewohner durchaus vom Fischfang ernährten. Die Etymologie des Stammesnamens ist unklar.

"East Engle" war der östliche Bereich der anglischen Siedlung, die südlichen Angeln siedelten mehr westlich in der Gegend von Lincoln (römisch Lindum) und weitere anglische Leute in Dere (Deira) und Beornicas (Bernica) (später beide zu Northumberland vereinigt). Heute umfasst "East Anglia" hauptsächlich die beiden traditionellen Grafschaften Norfolk und Suffolk (Nordvolk und Südvolk), die vermutlich ursprünglich voneinander unabhängige Fürstentümer waren, bevor die Fürsten von Suffolk das gesamte Königreich der Ostangeln beherrschten. Wie so oft liegen auch hier die historisch faßbaren Anfänge im Dunkel der mythischen Überlieferung. Der erste König der Ostangeln, der real beschrieben werden kann, ist der Mann aus dem Grab von Sutton Hoo.
 

1939 fand man die prächtig ausgestattete Grablege von Sutton Hoo. Der Tote war in einem 27 Meter langen und 4,5 Meter breiten Schiff unter einem Erdhügel bestattet. Die Originale der Grabbeigaben – darunter der bekannte Helm – befinden sich heute im Britischen Museum in London. Die Identität des Fürsten war zunächst unbekannt. Erst seit einiger Zeit hat man mit guten Gründen den dort begrabenen Mann mit Raedvalt (oder Redwalt) identifiziert, von 593 (oder 599) bis 617 (oder 627) König von East Anglia. Der Chronist Beda schrieb ihn "Redualt"

In seiner Anfangszeit war er noch abhängig von König Aethelbert von Kent. 604 wurde Raedvalt auf Drängen König Aethelberts getauft, hatte aber immer noch einen heidnischen Altar in seiner Umgebung. Auch seine Frau – so Beda tadelnd – hielt ihn am Heidentum fest.

Nach Aethelberts Tod gelang ihm, sich als "Bretwalda" zu etablieren – dem Wortführer der Könige der sieben Königreiche. Dazu trug auch bei, dass er Eadwin Zuflucht gewährte, einen Prätendanten um den Thron Northumberlands. Dessen König Aethelfrith bot Raedvalt Geld für die Auslieferung Eadwins und drohte ansonsten mit Krieg. In der Schlacht 617 am Fluss Idle besiegte East Aglia dann Nothumberland, Aethelfrith wurde getötet und Eadwin mit Raedvalts Unterstützung nordhumbrischer König. Raedvalt hinterließ seinem Sohn Eorpvald ein saturiertes Königreich. Erst nach 630 unter seinen Nachfolgern wurde die Christianisierung von East Anglia konsequent etabliert. So hat Raedvalts Begräbnis noch heidnische Anklänge und weist im Stil nach Skandinavien.

Die Sprache der Einwanderer war ein westgermanisches Dialektkontinuum, aus der heute die Sprachen friesisch, niederdeutsch ("plattdeutsch") und englisch hervorgegangen sind. Noch lange konnten sich die in England siedelnden Sachsen mit den auf dem Festland verbliebenen verständigen, auch wenn die Sprachen schon verschiedene Entwicklungen nahmen. In England nannte man die Sprache des Festlandes Altsächsisch und die eigene zum Unterschied Angelsächsisch, aus dem dann der weniger sperrige und eindeutig abgrenzendere Begriff englisch entstand.

Wessex mit Winchester als Hauptstadt war danach der Staat, der die anderen aufsog. Schon 686 kam Sussex dazu, 740 endete Essex, 774 schluckte Mecia Kent und 792 East-Anglia. England, das Land der Engle von East Anglia und Mercia bis Northumberland, war das Land, dass zuerst König Egbert von Wessex 827 als Overlord in Wessex einverleibte. Es wurde so – auch in Abgrenzung zur neuen Invasion der Dänen ab 832 – der Name für das gegen die Dänen zu verteidigende Gesamtgebiet und schloss dann auch die Siedlungsgebiete der Sachsen, Jüten und anderer Stämme mit ein.

Da der Name England eben nicht von den Engeln hergeleitet ist, brauchten die Engländer seit Einwanderung der Angeln, Sachsen und Jüten eben auch keine zu sein, wie ein Blick in ihre Geschichte uns zeigt.


Zitate in rot aus George M. Trevelyan "History of England", Longman & Green, New York, 1942

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 

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12 Antworten auf ® Der Mann von Sutton Hoo

  1. Argutus sagt:

    Sehr gelungener Artikel. Obwohl ich das Buch von Trevelyan kenne, habe ich ihn mit Vergnügen gelesen.

  2. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Das Buch von Trevelyan ist seit den 1960-ern in unserem Besitz, als meine Frau bei einer Firma arbeitete, die englischsprachige Bücher importierte. Liest sich ganz locker. Dass New York der Verlagsort ist, habe ich auch erst bei der Quellenangabe zu diesem Artikel zufälligt festgestellt. Ansonsten ist über die Heptarchie in Deutschland relativ wenig zu haben – die englische Literatur ist naturgemäß breiter gefächert – sowohl Bücher als im Netz.

    Engländer selbst haben nach meinen Erfahrungen ein durchaus ambivalentes Verhältnis zu ihrer angelsächsischen Vergangenheit. Manche freuen sich, wenn mal wieder ein Niedersachse zu bed & breakfast kommt und mehr Frauen als Männer von ehemals in Deutschland stationierten Soldaten sprechen auch ganz unbefangen deutsch, manche sogar etwas plattdeutsch. Andere sind in dieser Frage allerdings zwar korrekt und freundlich, aber doch reserviert.

    Und manche kommen auch back to the roots – ein paar nette Engländer wohnen auch bei uns im Ort, meist in deutsch-englischer Mischehe. Bei den Enkelinnen der einen merkt man das Viertel Angelsachsentum dann eben nur noch an den englischen Vornamen.

    Auf der Fähre Newcastle – Hamburg hatten wir einmal einen – sagen wir Clochard – der seine Drinks auf der Überfahrt damit verdiente, dass er uns an der Bar in ausgesprochen gutem englisch detaillierte Stories aus der Angelsachsenzeit erzählte. Er hatte sein kleines Publikum, das er locker aus dem Stegreif unterhielt. Wollte auch back to the roots und in Norddeutschland herumwandern.

  3. Azrail sagt:

    Bravo Ilex :clap:
    Toller Artikel, man merkt., dass dies einer Deiner Steckenpferde ist.
    Die Maske ist übrigens phantastisch gearbeitet.
    :ok:

  4. Ein Teil von jener Kraft sagt:

    Eine Frage welche die Briten in dem Zusammenhang aber auch beschäftigt ist: wo sind all die Kelten hin? Vor allem aus walisischer Sicht ist es kaum nachvollziehbar dass die Kelten des heutigen Englands so völlig ihre Kultur aufgegeben haben sollten (es gibt z.B. praktisch keine keltischen Spuren in der englischen Sprache), und es haben sich schon viele Historiker darüber ihre Köpfe mit unterschiedlichem Ausgang zerbrochen. Die Version, dass die Kelten physisch ausgerottet wurden ist laut neueren genetischen Untersuchungen nicht haltbar (nur East Anglia ist genetisch fast rein germanisch, ansonsten sind alteingesessene Engländer überwiegend keltisch-germanische Mischlinge). Die andere extreme Theorie, dass die Engländer schon immer anders waren als die Waliser etc. und ggf. schon vor Ankunft der Römer eine germanische Sprache sprachen, wird auch nur von einer Minderheit vertreten.

  5. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #4 Ein Teil von jener Kraft am 11. Dezember 2011 um 21:23

    Wie der Historiker etwas flapsig schrieb: Die einhimischen christlichen Kelten hatten nicht das Bedürfnis, die Seele der eindringenden Heiden zu retten. Angeblich gab es zuerst (z.B. um 500) eine bewußte Siedlungstrennung wie die Landkarte oben im Artikel zeigt. Also wohl tatsächlich mit Vertreibung der Uereinwohner. Als dann so um 650 die angelsächsischen Königreiche auch christlich geworden waren, sollte sich das Verhältnis entspannt haben. Aber die angelsächsische Sprache hat eben dominiert. Genau wie nach der normannischen Eroberung die Angelsachsen ja nicht ausgerottet wurden, aber in die Sprache ein starker französischer Touch kam.

    Mein früherer Nachbar hier, ein Engländer, hatte aber schon in der Großvatergeneration eine starke irische Komponente. Wahrscheinlich sind die Engländer ebenso ethnisch ein Mischvolk wie die Deutschen, die ja auch einen größeren verdeckten keltischen Anteil im Süden haben. Und diese Y-Chromosomerei sagt ja nun auch nicht die ganze Wahrheit, denn es ist ja nur die Linie des Vaters vom Vater des Vaters. Doch schon in der Generation der Urgroßväter ist dadurch eben nur 1/4 der genetischen Herkunft von Männerseite definiert, von allen Vorfahren der Generation nur 1/8. Es ist also nur ein rauher Anhaltspunkt.

  6. Ein Teil von jener Kraft sagt:

    #5ilex (E. Ahrens) am 11. Dezember 2011 um 22:28

    Wie der Historiker etwas flapsig schrieb: Die einheimischen christlichen Kelten hatten nicht das Bedürfnis, die Seele der eindringenden Heiden zu retten.

    Vermutlich waren sie auch nicht wirklich in der Position dafür.

    Angeblich gab es zuerst (z.B. um 500) eine bewusste Siedlungstrennung wie die Landkarte oben im Artikel zeigt. Also wohl tatsächlich mit Vertreibung der Ureinwohner.

    Das ist, wie gesagt, durch genetische Studien (welche nicht nur auf dem Y-Chromosom beruhen, und nur an Personen durchgeführt wurden in deren Stammbaum sich kein irischer Migrationshintergrund findet) wohl widerlegt, sehr zur Beruhigung vieler Engländer die bisher unter dem Makel leben mussten, Nachkommen von Völkermördern zu sein (trotzdem gut möglich dass die Elite verrieben oder beseitigt wurde).

    Als dann so um 650 die angelsächsischen Königreiche auch christlich geworden waren, sollte sich das Verhältnis entspannt haben. Aber die angelsächsische Sprache hat eben dominiert. Genau wie nach der normannischen Eroberung die Angelsachsen ja nicht ausgerottet wurden, aber in die Sprache ein starker französischer Touch kam.

    Die normannische Eroberung hatte vergleichsweise geringe Auswirkungen, genetisch hinterließ sie kaum Spuren, und auch die Sprache nahm zwar romanische Einflüsse auf, blieb aber im Grunde germanisch. Die Beseitigung der keltischen Sprache und Kultur in England hingegen war total, vergleichbar vielleicht mit der Beseitigung slawischer Sprache und Kultur in Ostdeutschland (allerdings erscheint es im Fall der Kelten noch etwas erstaunlicher, da die Waliser als verbohrte Traditionalisten gelten denen eigentlich nichts ihre Eigenheiten austreiben kann).

  7. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #6 Ein Teil von jener Kraft am 11. Dezember 2011 um 23:28 = Die Beseitigung der keltischen Sprache und Kultur in England hingegen war total, vergleichbar vielleicht mit der Beseitigung slawischer Sprache und Kultur in Ostdeutschland

    Ist vielleicht sogar ein relativ passender Vergleich.Sprache und ethnische Herkunft muss ja nicht überein stimmen. Wenn die Sieger es konsequent betreiben, geht die Sprache des Besiegten unter. Die Kelten sprechen dann eben englisch, die Slawen zwischen Elbe und Oder eben deutsch.

  8. pinetop sagt:

    In einigen Bezeichnungen gibt es noch keltische Reste. Aber (Mündung), carr (Burg), dun (Hügelfeste) und strath (Tal) findet man in einigen Ortsnamen.

  9. pinetop sagt:

    Eroberer, besonders wenn sie zahlenmäßig gering sind, geraten oft in eine Stellung, die man Jahrhunderte später nur noch als Adel erkennen kann. Kann es sein, dass der zahlenmäßig geringe Teil von Normannen nach 1066 den Adel stellte? Ähnliches behauptete auch der französische Adel von sich. Er sah sich als Nachkomme der Franken, der zu Recht über die einfache gallisch-lateinische Bevölkerung herrschte.

  10. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #9 pinetop am 12. Dezember 2011 um 15:00 

    Eroberer, besonders wenn sie zahlenmäßig gering sind, geraten oft in eine Stellung, die man Jahrhunderte später nur noch als Adel erkennen kann. Kann es sein, dass der zahlenmäßig geringe Teil von Normannen nach 1066 den Adel stellte? Ähnliches behauptete auch der französische Adel von sich. Er sah sich als Nachkomme der Franken, der zu Recht über die einfache gallisch-lateinische Bevölkerung herrschte.

    Sagen wir es mal so, ohne die englische Geschichte über Gebühr zu vereinfachen: Die Eroberung Englands durch William von der Normandie 1066 war ja quasi wie eine Aktiengesellschaft organisiert. Für Beteiligung gab es Beute. Daher auch die Erfassung aller Ressourcen des eroberten Landes im sogenanntem "Doomsday-Book". Und die Eroberer übernahmen nicht nur die königliche Macht, sondern zum größten Teil auch die untergeordnetere Herrschaft (Grafen usw.).

  11. Frank Berghaus sagt:

    #9 pinetop am 12. Dezember 2011 um 15:00

    Das war in der Tat so. Die Oberschicht (und der Klerus) waren (Nord-)Franzosen, was deutliche Spuren im Vokabular des Englischen hinterlassen hat, die Unterschicht blieb immer Englisch.

    Erst durch Geoffrey Chaucer (mit den "Canterbury Tales" 1400) kam das Englische wieder "ans Tageslicht". Und so kann man sehen, dass das Französische so gut wie keinen Einfluss auf die Sprachstruktur genommen hat. Im Vokabular des Mittel- und Neuenglischen finden sich allerdings Abertausende von Wörtern aus dem Nord- und Zentralfranzösischen (Ile de France), die zumeist nebenher bestehen blieben und auch die ursprünglichen Wörter nicht verdrängten. Anders als in den anderen europäischen Sprachen wurde Fremdwortgut nicht ausgesondert oder ersetzte heimisches Wortgut, sondern per Bedeutungsdifferenzierung wurde das Vokabular erweitert. Damit ist das Englische mit über 650.000 Wörtern (Vergleich Deutsch 350.000) die mit Abstand wortreichste Sprache oin Europa. Ein Beispiel für eine solche Differenzierung: catch (nordfrz.), chase (zentralfrz.), capture (relatinisiert). Daneben gibt es dann noch hunt und haunt mit jeweils anderen Bedeutungen. Weitere Romane erspare ich euch aus Zeitmangel :-)

  12. YeRainbow sagt:

    hochinteressant – habs mit Begeisterung gelesen!

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