Der Verrat im 20. Jahrhundert

Margret Boveri, geboren 1900 in Würzburg im wohlhabenden Akademikerhaus, musste nicht feministisch sein. Ihre persönliche Emanzipation war das Ergebnis ihrer materiell und kulturell geprägten Herkunft als "höhere" Tochter. Ihr Vater war Professor für Biologie und auch ihre amerikanische Mutter lehrte bis zu ihrer Heirat ab 1889 Biologie als Dozentin am Vassar College.

Nach dem Tod des Vaters 1915 zwar zuerst als Lehrerin ausgebildet studierte sie weiter und wurde Journalistin.1933 hatte sie es leichter, in den Reichsverband der deutschen Schriftsteller aufgenommen zu werden, da zu der Zeit viele jüdische Journalisten ausgeschlossen wurden. Mitglied der NSDAP war Frau Boveri allerdings nicht.

Weite Reisen führten sie vornehmlich in den Mittelmeerraum und den vorderen Orient, zeitweise war sie als Amerika-Korrespondentin tätig, bis sie dort als feindliche Ausländerin ausgewiesen wurde.

"Das Weltgeschehen am Mittelmeer", 1936 erschienen, ist ausweislich des Untertitels "Ein Buch über Inseln und Küsten, Politik und Strategie, Völker und Imperien." 463 Seiten Text beschäftigen sich mit vergangenen und gegenwärtigen Machtstrukturen. Dabei ist das beherrschendes Element das positive Bild Mussolinis und Italiens Ausbreitung zum Dodekanes, nach Libyen und Abessinien sowie der britische Gegenpart und die mühsame Anstrengung Frankreichs, Großmacht zu bleiben. In klarer Diktion schildert diese Übersicht reine Interessenlagen aus nationaler Sicht.

Boveri sah, hörte und fühlte nichts und emigrierte weder nach außen noch nach innen. Sie machte mit, teils wegen Abenteuerlust, Ehrgeiz und entsprechender Anpassungsbereitschaft, teils unter Rückgriff auf den ererbten deutschnationalen Habitus ihrer Klasse. Ihre Mischung aus politischem Konservatismus und sozialer Arroganz war mit dem Nazismus vollkommen kompatibel und auch noch nach 1945 lange reputierlich. [1]

Nach 1945 arbeitete sie weiterhin als freie Journalistin. 1956 erschien ihr bekanntes mehrbändiges Werk "Der Verrat im XX. Jahrhundert". Weit verbreitet als Taschenbuch in "rowohlts deutsche enzyklopädie" (rde) als # 23, 24 und 58 adaptierte seltsamerweise auch die Linke der endenden 1950-er Jahre das Werk der Konservativen, für einige von ihnen durchaus zur Ikone geworden. Verrat für und Verrat gegen den Nationalsozialismus waren Thema der ersten beiden Bücher, während sich das dritte mit den Verrätern für oder an der kommunistischen Ideologie beschäftigt.

Freiheit und Menschenrechte waren nicht ihr Thema, sondern eher Macht, Treue, Lüge und Verrat. Dieses Thema war für sie in der Zeit des Nationalsozialismus von essentieller Bedeutung gewesen, als es galt, unter der Beschränkung dieser Ideologie eine Zeitung zu machen. Unter Linken als progressiv beurteilt auch wegen ihrer Ablehnung der bundesdeutschen Westbindung war doch ihr eigentlicher Grund dafür der Wunsch nach der Unabhängigkeit Deutschlands wie vor 1914 und die verlorene Wirklichkeit des Milieus der damaligen Oberschicht.

Gestorben ist Frau Bovery 1975 in Berlin.


Marie Luise Kaschnitz wurde 1901 geboren ebenfalls als buchstäblich höhere Tochter einer Offiziersfamilie. Im Gegensatz zu ihren Schwestern studierte sie nicht, sondern ließ sich zur Buchhändlerin ausbilden. 1925 heiratete sie den Archäologen Guido Kaschnitz-Weinberg. Das Ehepaar hielt sich durch den Beruf des Ehemannes viel in Frankreich, Italien und Griechenland auf. 1933 erschien ihr erster Roman "Liebe beginnt", den sie anläßlich eines Preisausschreibens beim Cassirer Verlag eingereicht hatte.

Das schlechte Gewissen während der ganzen Zeit des Nationalsozialismus belastete sie zwar, dennoch verhielt sich das Ehepaar leise und unauffällig.

1937 erschien ihr zweiter Roman "Elissa". "Die Entwicklung Elissas von ihrer frühesten Kindheit bis zur Reife erleben wir in dieser symbolischen Erzählung, die an einem südlichen Meer, unter südlicher Sonne spielt." heißt es in der Übersicht über die Neuerscheinungen 1937 der Deutschen Verlags AG in Berlin. Die Geschichte – in einer zeitlosen Zeit spielend und jeden aktuellen Bezug vermeidend – bedient sich konventionellster Archetypen. Frauen sind Frauen und Männer Männer und die Bewunderung für den, der handelt, ist unverkennbar.

Das Ende des zweiten Weltkrieges ist dann die entscheidende Zäsur und auch eine Befreiung. "Totentanz" – ein szenisches Gedicht und die beiden langen Gedichte "Große Wanderschaft" und "Rückkehr nach Frankfurt" erscheinen 1947. Mit ihren weiteren Gedichten und Hörspielen stellte sie sich neben Ingeborg Bachmann, Paul Celan und anderen in den Fokus der frühen Nachkriegslyrik. Sie findet um 1960 "ihre" Form und ihren Stil und wird eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit. Herausragend ihr Band mit Erzählungen mit dem Titel "Lange Schatten".

Es ist ein langer Prozeß, bis Marie Luise Kaschnitz sich vom überkommenen Formgefühl löst und ihre eigene Sprache findet. Wie stark sie noch Mitte der fünfziger Jahre männliche Vorstellungen über die »Natur weiblicher Dichtung« weitergab, zeigt sich an einem Vortrag, den sie 1957 in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt hielt. Sie sprach über »Das Besondere der Frauendichtung« und führte aus: »Die Liebesbeteuerung und die Liebesklage scheinen der vornehmlichste Gegenstand der weiblichen Dichtung zu sein.« Typisch für Frauendichtung sei »Irrationalität und Logikferne«. Interessanterweise waren es in der sich anschließenden Diskussion Männer, die darauf hinwiesen, daß in der Lyrik des 20. Jahrhunderts der Intellekt auch in der Frauendichtung eine wichtige Rolle spiele. [2]

Frau Kaschznitz ist 1974 gestorben.


Sigrid Hunke ist das dritte Beispiel. 1913 in Kiel geboren war sie in den nationalsozialistischen Kulturbetrieb direkt eingebunden. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu ihrem Tod in Hamburg 1999 stand sie völkisch-nationalen Kräften nahe. Das heidnische Erbe, die Thule-Gesellschaft – ihre gedankliche Ausrichtung blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg im rechten Spektrum verhaftet.

Bekannt wurde sie 1960 – 47 jährig – mit dem Bestseller "Allahs Sonne über dem Abendland" bei der Deutschen Verlags Anstalt (DVA). Ausgerechnet der Fischer Verlag brachte dann 1965 den Titel als Taschenbuch # 643 heraus, von der Autorin extra dafür überarbeitet. "An Hand dieser vielfältigen und vielfach unbekannten Wurzeln unserer Kultur auf allen Gebieten der Wissenschaften, der Künste und des praktischen Lebens zeigt die Kiltur- und Völkerpsychologin Dr. Sigrid Hunke die Bedeutung der arabischen Welt für die kulturelle und geistige Entwicklung des Abendlandes". verspricht der Klappentext. Zur Biographie der Autorin vorsichtshalber kein Wort.

Schon in der Einleitung begegnet uns, dass "... die Araber durch ein Dreivieteljahrtausend das führende Kulturvolk der Erde waren" oder "…, viele der größten Leistungen sind gerade im Protest gegen den orthodoxen Islam entstanden" oder ".. die unerhörte Prägekraft des arabischen Geistes".

Zugegeben, das Buch bietet interessante Details und Fakten. Meinungen, Beurteilungen und Gewichtungen liegen jedoch vielerorts neben der historischen Überlieferung und viel Schwärmerei und romantische Verklärung verdeutlicht die Tendenz des Werkes. Die Rolle Europas, schon des römischen Imperiums und vor allem der christlichen Zeit, wird systematisch verdunkelt und auf alle Gegebenheiten der islamischen Welt glänzende Lichtpunkte gesetzt, sei der Anlass noch so banal.

1990 legte Frau Hunke in der Mythenbildung nach. "Allah ist ganz anders" enthält die Behauptungen, dass der Islam sich nicht mit dem Schwert verbreitete und dass die angeblich ursprünglich edle arabische Toleranz durch die den Islam übernehmenden Turkvölker und Mongolen ausser Kraft gesetzt und verwässert wurde.


Bei allen drei Frauen fällt uns vor dem Weltkriegt die Affinität zum Mittelmeer auf und eine gewisse romantische Verklärung des "starken" Mannes, wenn auch in verschiedenen Facetten, sei es "geistig", erotisch oder national. In der Kulturwelt der Männer kämpften alle drei zu einer Zeit um ihren Freiraum, als reine Leistung zählte und keine Frauenquote. Selbstverständlich gab das Herkunftsmilieu einen Startvorteil.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges trennte nach seinen Erschütterungen die Wege. Sich der Zerstörung zu stellen gelang nur Marie Luise Kaschnitz. Sie folgte dem steinigen Weg von der naiven süßlichen Symbolik bei "Elissa" zu prägnanter klarer Schilderung in ihren Nachkriegswerken.

M. Boveri blieb ihrem distanziertem Stil treu, konnte sich mit faktenreicher Kühlheit in gleich bleibender Geisteshaltung auch durch die 1950-er und 1960-er Jahre schummeln und musste wohl selbst erstaunt sein, von welcher Seite auch die unerwartete Bewunderung ihrer faktenreichen Rezeption der Zeit zwischen den Weltkriegen kam.

S. Hunke hatte nach Untergang des Regimes der Nationalsozialisten ein neues Objekt der Bewunderung gefunden, männlich, stark, gerecht, der "edle Wilde" aus Arabien. Was spielten da Fakten eine Rolle …..


[1] Katharina Rutschky, 31.5.2009, Deutschlandfunk
[2] Norgard Kohlhagen, "Sie schreiben wie ein Mann, Madame", 1997

 

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4 Antworten auf Der Verrat im 20. Jahrhundert

  1. Azrail sagt:

    Interessanter und wie immer, guter Bericht :clap: Ilex :ok:
    Jetzt weiß ich auch,  wer diesen  Begriff des "edlen Wilden" erfunden hat. Wahrscheinlich hat Frau Hunke zuviel Karl May gelesen.

  2. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Es ist zumindest lehrreich, wie die Texte auch intelligenter Publizistinnen vor 1945 dem Zeitgeist verhaftet sind. Heute – wo man weiß, wer den Zweiten Weltkrieg verlor – ist es ungewohnt, sich in die späten 1930-er Jahre zu versetzen, wo der Zusammenbruch von Faschismus und Nationalsozialismus noch bevorstand und auch nicht unbedingt in wenigen Jahren erwartet wurde.

    "Weltgeschehen am Mittelmeer" und "Elissa" waren nach Ende des Krieges für Autorinnen und Verlage eher peinlich. Nach meiner Kenntnis waren beide Bücher auch nicht lieferbar. Während M. L. Kaschnitz entprechende Folgerungen zog, machte M. Boveri im Grunde so weiter wie bisher – eloquent im Handwerk, aber arrogant im Denken. "Eigentlich" galt sie etwas unter Linken, ihr "Verrat" war um 1960 eine sehr einflussreiche Diskussionsbasis. Erst später, während ihrer Dialoge mit Uwe Johnson, relativierte sich ihre Beurteilung wieder.

    Hunke ist in der Tat diejenige der drei, die sich am wenigsten änderte. Nur das Objekt ihrer Bewunderung wurde ausgetauscht.

  3. pinetop sagt:

    Da es hier um sogenannte "höhere Töchter" geht, möchte ich von einer äußerst mysteriösen Geschichte erzählen.
    Ende der 50er Jahre und Anfang der 60er Jahre erhielten meine Eltern oft Besuch von einer gebildeten Dame mit merkwürdigen Ansichten. Sie sprach fließend Deutsch, Tschechisch, Polnisch, Englisch, Französisch und Rumänisch. Damals wetterte sie gegen das Großkapital (wegen meines Alters konnte ich mich noch nicht am Gespräch beteiligen), sprach sich für die vollkommene Gleichberechtigung der Geschlechter aus und warnte vor den Gefahren der Umweltzerstörung. Ihr Nachname war Lyner und sie ließ sich von uns Ella nennen. Auch brachte sie mir immer ein kleines Geschenk mit und versuchte, mir Englisch und Französisch beizubringen. Ihre Vergangenheit schien ein heikler Punkt zu sein. Sie war um 1900 geboren und schloss sich den Anarchisten um Augustin Souchy an. Die Nazizeit verbrachte sie in Istanbul und spielte dort Harfe im Radiosymphonieorchester. Soweit ihre Schilderungen. Sie lebte von Nachhilfestunden und Musikunterricht. Außerdem lebte sie in einer Hütte ohne fließendes Wasser und Heizung.
    Vor wenigen Monaten sprach eine Historikerin meine Eltern auf sie an. Wir tauschte unsere Informationen aus und forschten ein wenig im Internet. Tatsächlich lebte sie in der Nazizeit in Mexiko und war mit Frida Kahlo und Leo Trotzki befreundet. Sie war die Ehefrau von Erwin Egon Kisch und wurde von ihm "Gisl" genannt.
    Ihr angeblicher Tod war Ende der 40er Jahre und ihr Grab ist in Prag. Tatsächlich starb sie Mitte der 60er Jahre in Offenbach. Ich vermute, dass die Ermordung von Trotzki sie veranlasste, aus Furcht vor dem sowjetischen Geheimdinst, ihren Aufenthalt und ihre Identität zu verheimlichen.          

  4. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #3 pinetop am 15. Dezember 2011 um 13:59

    Es gibt aus der Generation 1890 bis 1915 sicher viele Wandernde zwischen den Welten – irrlichternd zwischen den Ideologien durch die rasche Folge mancher Umwälzung mit heftigen Brüchen in der Biographie. Herbert Wehner z.B. ist so ein Kandidat. Man muss ja immer berücksichtigen, dass die Weimarer Republik gerade mal 15 Jahre dauerte und das NS-Regime gerade mal 12 Jahre. Das ist zusammen kaum mehr an Zeit, als die, die uns jetzt von 1989 trennt.

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