Denk-Schrift I: Deutsche Politiker

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Redaktion: Ich freue mich ganz besonders, dass mir Rolf Bergmeier die Genehmigung zum Abdruck seiner Denkschrift erteilt hat. Dies geschieht fast zeitgleich mit der Vorstellung seines neuen Buches „Schatten über Europa“, das am 12. Dezember 2011 im Humanistischen Pressedienst begleitet von einem Interview vorgestellt wurde.

Vor und während des Besuches Papst Benedikts XVI. ist viel über „christliche Werte“, „Leitkultur“ und vom Christentum als „Fundament europäischer Kultur“ gesprochen worden. Was führende Politiker zu diesen grundlegenden und die herausgehobene Stellung der christlichen Kirche im deutschen Staatswesen begründenden Thesen bisher haben verlauten lassen, ist mehr von religiösem Engagement als von Kenntnis über historische und kirchengeschichtliche Zusammenhänge geprägt. Die folgende Denk-Schrift will der vorherrschenden weltanschaulichen Betrachtung einen lesbaren, wissenschaftlich orientierten Text an die Seite stellen. Dem Wesen einer Denk-Schrift entsprechend ist der Umfang des Textes knapp bemessen. Interessierte Leser werden gebeten, sich mit Hilfe der auf der letzten Seite zitierten Literaturwerke zu informieren.

„Wer unser christliches Weltbild nicht akzeptiert, ist fehl am Platze“

Für die meisten Politiker scheint die Sache klar zu sein: Deutschlands  „Werte“ sind christlich und weil sie göttlich sind, sind sie auch ewig. Ohne diese christlichen Werte werde der Gesellschaft der Boden unter den Füßen weggezogen. 47 Seiten hat die CDU-Wertekommission unter Leitung des damaligen rheinlandpfälzischen CDU-Chefs Christoph Böhr im Dezember 2001 zusammengeschrieben. Das Programm unter dem Titel „Die neue Aktualität des christlichen Menschenbildes“ wurde vom damaligen Generalsekretär der CDU, Laurenz Meyer, mit den Worten vorgestellt: „Unsere Werte, die Fundamente, auf denen unsere Gesellschaft gebaut ist, sind heute und in Zukunft […] dieselben wie zuvor“.

Die CDU-Vorsitzende, Angelika Merkel, erklärte im Oktober 2010 auf einer Regionalkonferenz in Berlin-Brandenburg die spezifischen CDU-Werte: “Wir fühlen uns dem christlichen Menschenbild verbunden, das ist das, was uns ausmacht.” Wer das nicht akzeptiere, so meinte sie, der sei „bei uns fehl am Platz“ (Tagesspiegel, 15.10.2010). Damit setzt die CDU-Vorsitzende, die gerade Thilo Sarrazin wegen angeblich integrationsfeindlicher Tendenzen gerügt hatte, nicht auf kulturelle und politische Versöhnung, sondern auf religiöse Konfrontation. Wer nicht Christ ist, fliegt raus.

Ob das der CDU angesichts wachsender Kirchenaustritte und der hohen Zahl von Immigranten aus unterschiedlichsten Kulturkreisen bekommt, mag dahingestellt bleiben. Dem innenpolitischen Frieden dient dieses Programm sicherlich nicht. Und der Freiheit des Denkens noch weniger, das ohnehin unter dem Bombardement von Schlagworten („alternativlos“, „scheitert der Euro, dann scheitert Europa“) und dem überfallartigen Wechsel politischer Positionen bedenklich gelitten zu haben scheint.

Gerne vereinnahmen christliche Politiker auch die jüdische Kultur. Im Bemühen, eine gemeinsame Abwehrfront gegen den angeblich zerstörerischen Islam aufzubauen, wird die „christlich-jüdische“ Kultur zitiert, die es zu verteidigen gelte. Ein etwas eigenartiges Kulturkonglomerat, das da aus dem Hut gezaubert wird. Denn die Christen haben sich zweitausend Jahre lang eifrig bemüht, der jüdischen Religion und Kultur den Garaus zu machen. Und so wird dieser Versuch einer Vereinnahmung von den Juden auch strikt abgelehnt.

Die wenigen Beispiele zeigen bereits auf den ersten Blick einen religionstypischen Mangel an Nachdenklichkeit, eine bemerkenswerte Naivität der Argumentation und eine fahrlässige Verkürzung der Belegführung. Sehen wir uns also die Erklärungen an und beginnen mit der Prüfung der Behauptung, das Christentum sei der eigentliche Kulturträger des Abendlandes, sei „Europas Leitkultur“, bevor wir uns mit den „christlichen Werten“ beschäftigen.

Vom Fundament europäischer Kultur

"Das Christentum hat nahezu alles, was uns heute umgibt, geprägt" erinnert Bundeskanzlerin Merkel die Parteigenossen auf der besagten Regionalkonferenz. Sie spricht damit aus, was viele denken, aber das sagt wenig. Denn es gibt auch eine negative Prägung.

Hitler und der Nationalsozialismus haben Deutschland auch geprägt, ohne dass wir uns dieser Zeit gerne erinnern. Es versteht sich, dass Frau Merkel in ihrem Bemühen, allem Christlichem eine positive Wirkung abzugewinnen, nicht die Leidensgeschichte Hunderttausender und die unverkennbar negative Wirkung des Christentums auf Wissenschaft und Forschung diagnostizieren mag. Noch weniger scheint die Physikerin die Bedeutung nicht-christlicher Kulturkreise für das „Abendland“ und deren wertebildenden Traditionen zu kennen.

Da wäre an erster Stelle die griechisch-römische Kultur zu erwähnen, der Europa fast alles verdankt, was tief und schön ist. Gleich ob die Antigone im Theater, der Codex Justinianum im Rechtswesen, der Lehrsatz des Pythagoras oder die Säulenarchitektur in der Baukunst, wir benutzen ein Erbe, das vor mehr als 2000 Jahren geschaffen und bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert von „heidnischen“ Künstlern, Technikern und Wissenschaftlern fortentwickelt worden ist. Überall gab es damals beheizte Bäder, Brunnen, Fischteiche, Kanäle und Gärten. Aquädukte und Tunnel führten das Wasser über elf Fernleitungen in die Stadt Rom und alleine diese Stadt hatte damals 28 öffentliche Bibliotheken und Dutzende von Musikhallen. Nahezu jedes Städtchen verfügte über Schulen, der gebildete Römer sprach zwei Sprachen und etwa die Hälfte der Bevölkerung konnte lesen und schreiben.

Dann aber versandet ab dem 5. Jahrhundert dieser Strom des Wissens und der Kultur. Innerhalb von wenig mehr als einem Jahrhundert verwahrlosen fast alle Erbstücke, die Griechen und Römer in Italien und Gallien, Spanien und Syrien, Schottland und Nordafrika hinterlassen haben. Verfügten die antiken Bibliotheken in Rom, Marseille, Alexandria oder Konstantinopel noch über jeweils mehrere hunderttausend Bücher, so quälen sich wenig später Reste von einigen hundert Büchern in das Mittelalter der Klosterbibliotheken hinein. Die Wasserleitungen verfallen, die öffentlichen Schulen bleiben leer, Medizin und Naturwissenschaften veröden, die Theater sind geschlossen, die Menschen verlernen das Schreiben und brauchen Übersetzer, wenn sie kommunale Verordnungen lesen wollen. Über das Abendland senkt sich das "finstere Mittelalter" herab.

Die Kirche zerstört die antike Kultur

Schuld an diesem Desaster sind nicht die Germanen, ist nicht die Dekadenz der Römer, wie man immer wieder hört. Sie tragen lediglich zur Heimsuchung bei, sind aber nicht die Hauptverantwortlichen. Die Trostlosigkeit hat einen anderen Namen: Christentum. Die tausendjährige antike Kultur ist untergegangen, weil christliches Alleingott-Denken die heidnische Toleranz gegenüber allen Göttern ablöst, weil die christliche Kirche mit den griechisch-römischen Göttern zugleich auch die antike Kultur des Imperium Romanum bekämpft, weil eine rational nicht nachvollziehbare Diktatur der Wahrheit jedes alternative Denken zerstört, weil das jenseitszentrierte Himmel-Hölle-Bild diesseitiges Bemühen zum Tand erklärt und weil religiöse Fanatiker jegliches Denken außerhalb der Bibel als verwerflich denunzieren.

Das Unheil beginnt im Jahre 380 mit Kaiser Theodosius. Dieses Jahr ist ein Schicksalsjahr für Europa: Staat und Kirche verbünden sich in einer unheiligen Allianz zur Staatskirche, die die Macht erhält, ihre radikalen, diesseits- und menschenfeindlichen Vorstellungen in Politik umzusetzen. Die bisher heillos zerstrittenen Christen werden mit Hilfe von sechzig kaiserlichen Erlassen zu einer katholischen „Einheitspartei“ geordnet und bekommen damit die Möglichkeit, den Lehrsatz religiöser und geistiger Intoleranz zum Staatsziel zu erklären: Du mußt an den christlichen Gott glauben.

Diesem Missionierungsgedanken fallen fortan alle Kulturen von der antiken über die maurisch-spanische bis zu den Indio-Kulturen in Nord-, Mittel- und Südamerika zum Opfer. Wo immer das Christentum auftritt, es tauscht die bestehenden Kulturen gegen eine schmale, rein religiös orientierte Kirchenkultur aus. Während das römische Imperium die griechische Kultur aufsaugt und zur weltberühmten griechisch-römischen Kultur erweitert, während das islamische Bagdad und das maurische Spanien alle erreichbaren Kulturen von Indien bis zur jüdischen zu einer traumhaften Höchstkultur vereinen, gefällt sich das benachbarte Christentum zur gleichen Zeit in der Zerstörung aller nichtchristlichen Kulturen.

Dass die zerstörten Kulturen häufig, insbesondere im Falle der griechisch-römischen, der arabischen und der maurisch-spanischen der neuen christlichen Ideologie künstlerisch und wissenschaftlich weit überlegen sind, wird im frommen Trommelwirbel gerne überhört. Und es ist die überragende muslimische Kultur in Toledo, Sevilla und Cordoba, die zwischen 800 und 1200 als Parallelkultur auf die bedrückenden Defizite der christlich-mittelalterlichen Kultur hinweist. Sie wird in den Stürmen der christlichen Reconquista 1492 untergehen. Die verstoßenen Wissenschaftler und Künstler aber wandern aus und werden in Mitteleuropa das „finstere“ Mittelalter beleben. Ihr Wissen und ihre Bücher werden die Wiedererweckung der Antike einleiten, die Renaissance. Aber die Freiheit bleibt kanalisiert, das Verbot, frei zu denken und ungebunden zu forschen, bleibt bei Todesdrohung weiterhin bestehen.

An Belegen für die kulturfeindliche Haltung der christlichen Kirche fehlt es nicht. Der bekannte christliche Schriftsteller Tertullian meint, „es sei besser, unwissend zu sein, um nicht kennen zu lernen, was man nicht soll“. Tertullians Zeitgenosse, Tatian, lehnt in einer zügellosen Rede „An die Hellenen“ die gesamte griechische Bildung als unnütz und unmoralisch ab. Die antiken Philosophen seien Lärmer, Geschwätz und Rabengekrächze kennzeichne ihre Reden. Die Akademien seien "Schwalbenzwitscherschulen" und die Arzneikunde käme aus einer „Schwindlerwerkstatt“.

Es folgen weitere Kirchenführer, die gegen das „Philosophenvieh“ wettern. Trächtige Säue“ seien sie, „Hunde, die zu ihren Auswürfen zurückkehren“, Dummköpfe, Fälscher, Giftspeier, Betrüger, Verrückte und Strauchdiebe. Einen schlechten Ruf bei Christen haben auch Mathematiker. Augustinus wendet in seinem „Gottesstaat“ ein ganzes Kapitel auf, um den Nachweis zu führen, dass die Mathematiker eine gegenstandslose Wissenschaft betreiben. Die systematische Erforschung naturwissenschaftlicher Phänomene wird als überflüssig betrachtet, da alle Naturereignisse, vom Erdbeben bis zum Blitzschlag, Gottes Wirken zugeschrieben werden. Naturereignisse seien Folgen seiner Pflicht, die Menschen zu strafen oder zu loben. Mit Geschichte brauche sich der Christ nicht zu beschäftigen, da das ganze Geschichts-Schriftentum durch die Heiligen Schriften widerlegt sei, die einen Zeitraum von 6000 Jahren Menschheitsgeschichte berechnet hätten. Selbst die Medizin wird abgelehnt, da die Kraft der Heiligen besser helfe. Von Baukunst, Staatslehre und Landwirtschaft brauche der Christ nichts zu wissen, es sei denn, um die betreffenden Stellen der Heiligen Schrift besser zu verstehen.

Parallel zur Vernichtung der Wissenschaften geht es der Kunst und den Schauspielen an den Kragen. Letztere seien Teil der weltlichen Irrtümer, verkündet Tertullian. Der „heilige“ Augustinus wettert gegen die Theater: „Schaustellungen von Schändlichkeiten und Freistätten der Nichtswürdigkeit“ seien sie, „Fäulnis und Pest der Seelen“, „Unzucht“, „wollüstiger Aberwitz“. So schafft es die christliche Kirche, die großen Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides und alle Komödien von den Bühnen verschwinden zu lassen. Statt „Ödipus“ und „Antigone“ sind nunmehr Jesus und Maria Magdalena Gipfelpunkte der Dramatik.

Am verheerendsten aber wirkt sich die Austrocknung und Schließung der öffentlichen Schulen aus. Im 6. Jahrhundert sind alle öffentlichen Schulen geschlossen. Eine ganze Region von den Pyrenäen bis zum Bosporus, von Friesland bis Sizilien verlernt das Lesen und Schreiben. Während im Imperium Romanum mehr als die Hälfte der Bevölkerung lesen und schreiben kann, wartet das Mittelalter mit neunzig Prozent Analphabeten auf.

Erst ab dem 13. Jahrhundert wird sich das „finstere“ Mittelalter langsam wandeln, vorsichtig, weil es sich niemand erlauben kann, mit der Kirche zu verderben. Die Gründe für die vorsichtige Neuorientierung liegen außerhalb des Christentums (Byzanz, Spanien, Sizilien), auch wird der Wandel durch eine dramatisch verschärfte Gehirnwäsche (Inquisition) begleitet. Aber das ist ein anderes Thema.

Das neue christliche Welt- und Menschenbild

Drei radikale Lehrmeinungen bewirken das Desaster, das „finsteres Mittelalter“ genannt wird:  Neben dem Missionsbefehl „Geht hinaus in alle Welt“, der, meist von wenig Gebildeten umgesetzt, selten auf Dialog als vielmehr auf die geistige Bevormundung „Verstockter“ (Exodus 7,13) bis hin zur Zwangstaufe setzt, sind das Dogma vom Menschen als einem „verlorenen Sünder“ und die Theorie vom Gericht Gottes, dessen unbarmherzige Strafen in düstersten Farben ausgemalt werden, Basis eines völlig neuen Weltbildes, das zum eigentlichen Ausgangspunkt des Kultureinbruchs wird.

Geburtshelfer sind zwei Männer: Paulus und Augustinus. Der erste aus dem ersten Jahrhundert, der zweite aus dem vierten/fünften Jahrhundert. Ihre teils grotesken Lehren beherrschen bis heute das Christentum.

Paulus, kurz nach dem Tode Jesu von göttlich-greller Erleuchtung getroffen, „ein Licht warf mich auf den Boden“, wird über Nacht vom christenverfolgenden Saulus zum bekennenden Paulus. Diese paulinische „Erleuchtung“ ist in der Medizin nicht unbekannt. Eine solche sprunghafte Reaktion wird als Symptom einer Übersteigerungen normalen Erlebens diagnostiziert, verbunden mit Wahnbildung und optischen oder akustischen Halluzinationen. Gelegentlich kommt der Betroffene zu dem Schluss, von Außerirdischen oder Geistern aus dem Jenseits beobachtet zu werden. Im Falle eines krankhaften Verlaufes besteht für den Betroffenen eine unerschütterliche Gewissheit, dass das wahnhaft Erlebte tatsächlich geschehen ist. Diese Symptome faßt die moderne Medizin unter dem Begriff der Schizophrenie zusammen. Paulus also hört Stimmen aus dem Universum „warum verfolgst Du mich?“, geht in die Wüste, erkennt das Jenseits und gilt bei Nietzsche daher als Erfinder des Christentums. Dieser Paulus klagt die Menschheit an: Der Glaube an sich selbst sei böse, ebenso das Freiheitsgefühl. Stolz sei die größte Sünde. Im übrigen sei den Armen im Geiste das Himmelreich.

Jahrhunderte später macht Augustinus, der nach einer gleichermaßen geheimnisvollen „Bekehrung“ zunächst Frau und Kind in die Wüste schickt, sich dann eine Konkubine zulegt, dem Menschen endgültig seine antike Würde streitig. Der nordafrikanische Bischof legt mit seinen Schriften ein spekulatives, teils anspruchsvolles, teils kindliches Palaver über Glaube, Liebe, Hoffnung, Schuld und Sühne vor. Seine philisterhaften Streitschriften gegen den freien, schöpferischen Menschen sind in ihrer nihilistischen Abwertung allen menschlichen Bemühens und in der entwürdigenden Selbsterniedrigung des Menschen in der Weltliteratur einzigartig. Unter Umgehung sämtlicher Einwände hinsichtlich der Erkennbarkeit des Unendlichen torkelt Augustinus trunken durch eine rabenschwarze, selbst inszenierte Scheinwelt und berichtet Seltsames über die Architektur des Himmels, über Fegefeuer und Hölle, Auferstehung und Qualen.

Sein wohl berühmtestes Werk, der Gottesstaat, ein Brocken von 22 Bänden, entwirft ein zutiefst pessimistisches Bild vom Leben, das mehr einem Sterben gleicht als dem Leben. Thematisch und chronologisch wild hin- und herspringend zwischen römischer Geschichte, schändlichen Schauspielen, Sittenverderbnis, Beschimpfung antiker Philosophen und Zitaten aus dem Alten Testament, verblüfft Augustinus den Leser mit einem Bacchanal fabelhafter Einsichten in das Jenseits. Von dieser Himmelsschau haben sicherlich seine Betrachtungen über Adam und Eva, deren Ursünde, der daraus abzuleitenden Sündhaftigkeit der Menschen und der Übertragung der Erbsünde durch die Sexualität den größten Unterhaltungswert, aber auch die weitreichendste Bedeutung. Denn Sexualität ist selbstredend abzulehnen. Sie ist offensichtlich dem Tierischen zuzuordnen. Dies äußere sich darin, daß die Zeugung nicht ohne ein gewisses Maß an tierischer Bewegung erfolge. Da die Sünde Adams durch die Libido übertragen werde, sei diese der Grund für die Übertragung der Ursünde. Folglich sei Sex mit Lust verwerflich. Lediglich unter drei Voraussetzungen toleriere Gott die Geschlechtlichkeit als fahrlässige Sünde: Der Geschlechtsakt müsse erstens innerhalb der Ehe, zweitens ohne Lust und drittens mit der Absicht der Kinderzeugung erfolgen. Am nahesten bei Gott seien jedoch die Männer und Frauen, die sich dem anderen Geschlecht verweigerten.

Augustinus weiß auch zu berichten, wie es nach dem Tode zugeht: Es gebe zwei Auferstehungen, eine der Seelen und eine der Körper. Frauen behielten nach der Auferstehung zwar ihre Geschlechtlichkeit bei, das sei aber kein Problem, denn die weibliche Geschlechtlichkeit“ sei fortan „über Beilager und Geburt“ erhaben. Geschnittenen Haare und Nägel würden dem Auferstehenden nicht verloren gehen, es sei denn, sie wirkten entstellend. Nebenher sichtet er die menschlichen Laster, ordnet sie in einer Stufenfolge, analysiert die Bedeutung des siebten Tages für Gott und widmet sich den „aetherischen und durchsichtigen“ Engeln, die Gott von Angesicht zu Angesicht schauen können. Von Elfen und Trollen weiß Augustinus allerdings nichts zu berichten.

Warum Augustinus den Ehrentitel „größter Philosoph“ erhalten hat, warum die zentrale Würzburger Augustinforschung in den Rang eines universitären „An“-Institutes erhoben worden ist, bleibt völlig undurchsichtig. Augustins Lehrsatz „Der Glaube geht der Erkenntnis voraus“ öffnet den irrsinnigsten Spekulationen alle Scheunentore. Mit Philosophie hat das ebenso wenig zu tun, wie der wolkige Unsinn von Papst Gregor I., der die augustinische Sicht in das ferne himmlische Geschehen damit erklärt, dass es einigen Seelen zuweilen gestattet sei, den Körper zu verlassen und unter Führung eines Engels das Jenseits zu besuchen, um anschließend wieder in den irdischen Körper zurückzukehren und den übrigen Erdenbewohnern von der anderen Welt zu erzählen.

Fortsetzung folgt…

 

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16 Antworten auf Denk-Schrift I: Deutsche Politiker

  1. Frank Berghaus sagt:

    Nach Abschluss der kleinen Serie hier werde ich das komplette Manuskript auf Initiative Humanismus publizieren.

  2. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Dass die zerstörten Kulturen häufig, insbesondere im Falle der griechisch-römischen, der arabischen und der maurisch-spanischen der neuen christlichen Ideologie künstlerisch und wissenschaftlich weit überlegen sind, wird im frommen Trommelwirbel gerne überhört. Und es ist die überragende muslimische Kultur in Toledo, Sevilla und Cordoba, die zwischen 800 und 1200 als Parallelkultur auf die bedrückenden Defizite der christlich-mittelalterlichen Kultur hinweist. Sie wird in den Stürmen der christlichen Reconquista 1492 untergehen. Die verstoßenen Wissenschaftler und Künstler aber wandern aus und werden in Mitteleuropa das „finstere“ Mittelalter beleben. Ihr Wissen und ihre Bücher werden die Wiedererweckung der Antike einleiten, die Renaissance.

    Nana – sooo einfach ist es denn nun doch nicht.

    Dessen ungeachtet hat natürlich der christliche Glaube und seine Machtstrukturen Europa Jahrhunderte lang behindert.

  3. Indianerjones sagt:

    #2 ilex
    Die christlichen Machstrukturen konnten ja nur behindern, weil es eben ihr Erhalt war…..[..]:nerd:……Sie konnten ja schlichtweg nicht anders handeln, weil es gegen ihre eigene "Natur" gewesen wäre….. :idea:

  4. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #3 Indianerjones am 13. Dezember 2011 um 01:21

    Klar – nachdem die Zeit der Christenverfolgung vorbei war und die Kirche als Dienerin der Mächtigen sich angebiedert hat und benutzen ließ, war sie natürlich daran interessiert, ihre Pfründen zu behalten. Solche soziologischen Strukturen spülen ja auch quasi automatisch die dafür nötigen Typen an die Macht.

    Auch wenn denn manche Päpste in ihrem Größenwahn glaubten, noch über den weltlichen Machthabern zu stehen, wurde ihnen diese Idee doch immer relativ schnell zurecht gestutzt. Jahrhunderte war die Kirche in Symbiose mit der Macht wie eine gut bezahlte Prostituierte. Diesen Zustand suchte sie natürlich zu erhalten. Dass die Kirche dann nebenbei auch clevere Leute anzog, die auch schon einmal unorthodoxe Gedanken dachten, war ein Umstand, den man lange kontrollieren konnte. Aber zum Glück nicht für immer.

    Vielleicht kann man in ganz spezieller Weise dem Islam insofern dankbar sein, dass die Auseinandersetzung mit ihm höhere intellektuelle Anstrengungen provozierte – die dann nicht mehr unter dem Deckel zu halten waren. Da gingen die naiven Zeiten der Glaubenssicherheit vorbei.

  5. Indianerjones sagt:

    #4ilex
    Völlige Zustimmung. Die Vielzahl der Dinge sind halt immer ein *Zuschätzen.:nerd:

  6. Indianerjones sagt:

    #5
    Religion im allgemeinen bildet sich halt ein ,vielfältig in ihrer Art zu sein, was haben sie…? ;.nur Ausreden….wie der Islam ist Frieden….von Anderen weiß ich nicht mal was ?…respective habe ich es noch nicht so vernommen, kann mich da aber täuschen…?…Da ich als Exkatholik, ja den Katechismus, im besonderen , verurteile,kann mir da ja was entgangen sein?:nerd:

  7. Frank Berghaus sagt:

    Und es ist die überragende muslimische Kultur in Toledo, Sevilla und Cordoba, die zwischen 800 und 1200 als Parallelkultur auf die bedrückenden Defizite der christlich-mittelalterlichen Kultur hinweist.

    Die Überlegenheit ist allerdings höchst relativ. Auch im maurischen Spanien gab es Unterdrückung Andersdenker, Deportationen von Juden nach Marokko und keinerlei Gleichberechtigung für Christen. Allerdings gab es auch keine Zwangskonvertierungen, missliebige Philosophen wurden nicht verbrannt (nur ihre Bücher) – man denke an Ibn Rushd (Averroës) – sondern verbannt.

    "Liebende" Scheiterhaufen sind eine sehr christliche Erfindung.

  8. pinetop sagt:

    Das tolerante Spanien unter maurischer Herrschaft ist eine schöne Legende, an der Goethe und de Chateaubriand gestrickt hatten. Unterdrückung aller Nicht-Moslems war an der Tagesordnung. Gelbe Kleidung und Judenstern stammen aus jener Zeit. Lediglich von 930 bis 970 herrschte Toleranz. Es ist gerade diese Toleranz, die Fragen entstehen lässt. Wahrscheinlich waren es Animositäten zwischen Berbern und Arabern, die Energien banden, die zur Verfolgung der Andersgläubigen notwendig gewesen wären. Die spätere Herrschaft der Almohaden und Almoraviden kann niemanden veranlassen, von einer freien Gesellschaft zu reden.  

  9. Abu Sheitan sagt:

    Die "überragende muslimische Kultur" sollte deutlicher als gelebtes Miteinander in Toleranz und Respekt herausgestellt werden, eigentlich als Vorläufer des arabischen Frühlings und Wurzel unserer Demokratie. :-)
    Die Pogrome an den Juden und Christen, die bereits erwähnten Schikanen, Demütigungen, Diskriminierungen  und Versklavungen der Ungläubigen hatten selbstverständlich nichts mit dem Islam zu tun.
    http://www.derprophet.info/anhaenge/anhang20.htm

  10. pinetop sagt:

    An dieser Darstellung kann etwas nicht stimmen. Die verstoßenen Wissenschaftler und Künstler aber wandern aus und werden in Mitteleuropa das finstere Mittelalter beleben. Ihr Wissen und ihre Bücher werden die Wiedererweckung der Antike einleiten, die Renaissance. Warum wandern diese Wissenschaftler gerade in jene Länder aus, deren Religion, die gleiche ist von der sie vertrieben wurden? Sie wird in den Stürmen der christlichen Reconquista 1492 untergehen. Dann hatten diese Auswanderer nicht mehr genügend Zeit, die Neuzeit einzuleiten, denn deren Beginn entstand nach der Mehrheitsmeinung zwischen 1453 und 1517. Auch möchte man die Namen erfahren, um die Aussage überprüfen zu können.
    Auch möchte ich an dieser Stelle der Behauptung widersprechen, dass das Mittelalter ausschließlich durch Ibn Rushd den Aristoteles gekannt hat. Seine Aussagen waren zum größten Teil seit Boetius bekannt. Auch sollte man sich nicht der Tatsache verschließen, dass die Aristoteleskommentare die verschiedensten Übersetzungen über sich ergehen lassen mussten: von Griechisch zu Syrisch zu Arabisch zu Altspanisch zu Latein.
    Desweiteren sind mir keine Spanienflüchtlinge bekannt, deren Schriften man mit dem Beginn der Aufklärung identifizieren könnte. Hier denke ich mehr an Roger Bacon und William Occam.    

  11. pinetop sagt:

    Es liegt mir fern, das Christentum in diesem Zusammenhang durch Relativierungen möglicherweise zu entlasten. Aber es kann nicht redlich sein, den Islam als fortschrittsfördernd darzustellen, nur um das Christentum in einem noch schlechteren Licht erscheinen zu lassen.

  12. pinetop sagt:

    Der These, dass das Christentum die gesamte römische Kultur "versaut" hat, möchte ich nicht widersprechen. Ich denke aber, dass man einem zweiten Faktor nicht unberücksichtigt lassen darf. In der römischen Blütezeit war die Marktwirtschaft dominierend. Erst mit der Planwirtschaft, die sich im dritten Jahrhundert unter den Soldatenkaisern entwickelte, erfolgte eine Verarmung, die auch kulturelle Folgen hatte. 

  13. Argutus sagt:

    #11 pinetop am 13. Dezember 2011 um 14:57

    Aber es kann nicht redlich sein, den Islam als fortschrittsfördernd darzustellen, nur um das Christentum in einem noch schlechteren Licht erscheinen zu lassen.

    Die "überragende muslimische Kultur in Toledo, Sevilla und Cordoba" ist so etwas wie der "ehrliche Pferdedieb", also ein reiner Konstrast-Effekt. Daß der spanische Katholizismus nach 1492 noch übler war, macht aus dem Übel davor noch lange nicht Gutes.

  14. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Wobei 1492 ja immer so ein im Raum schwebendes Datum ist, nur weil bis dahin Granada noch islamisch war. Man sollte aber gedanklich berücksichtigen, dass schon 1085 Toledo , die alte Hauptstadt, wieder befreit war und 1236 dann Cordoba, 1248 Sevilla und 1250 die Algarve.

  15. Argutus sagt:

    #14 ilex (E. Ahrens) am 13. Dezember 2011 um 15:43

    Wobei 1492 ja immer so ein im Raum schwebendes Datum ist …

    Schon klar, ich habe die Zahl 1492 auch nicht wirklich als einzelnen Zeitpunkt gemeint sondern mehr als symbolische Bezeichnung des Umbruchs.

  16. Was sind das eigentlich, christliche Werte? Politiker nehmen dieses Wort gerne in den Mund, denn damit wollen sie Vertrauenswürdigkeit suggerieren. Natürlich müssen christliche Werte auf die Bibel zurückgehen, und sie fangen bestimmt bei den Zehn Geboten an. Gleich das 1. Gebot sagt explizit, dass die Sippenhaft ein göttlicher Wert ist (nachzulesen auf meiner Webseite). Und dann die Nächstenliebe, für viele sicherlich der christliche Wert schlechthin.Im Alten Testament (AT) wird sie einmal hervorgehoben, aber das AT insgesamt zeigt immer wieder, dass nur derjenige Milde erwarten kann, der an Gott glaubt. Ansonsten ruft der barmherzige Gott zu Völkermord auf, d.h. natürlich, auch Kinder sollen getötet werden,er ist rachsüchtig und grausam. Das AT ist ein einziges Horrorbuch. Aber der Katechismus der katholischen Kirche sagt ganz klar, dass Altes wie Neues Testament das wahre Wort Gottes sind, woraus man schließen muss, dass das AT sowieso fast niemand kennt.
    Und dann das Neue Tesatament (NT). Im Rahmen der Bergpredigt, die übrigens gar nicht von Jesus sondern vom Autor, genannt Matthäus, stammt, verbindet Jesus die Nächstenliebe mit den Höllenstrafen. Sind das dann die christlichen Werte? Wie so oft, die Menschen reden von etwas, wissen aber überhaupt nichts über den Hintergrund.

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