Imago dei

Dieser Aufsatz erschien zunächst auf No heaven – only sky:

- Nichts für ungut, Merkwürden, aber wenn ich mir Euch so anschaue, Eure wohl(an)ständige Körperfülle, die vom durchblutungsfördernden Rheinwein gerötete Nase, Euer mildes Dauergrinsen zwischen den Pausbäckchen – da erscheint mir der Alte Herr direkt ein bisschen sympathisch.
- Ich versteh nicht recht.
- Na, es heißt doch, wir alle seien Ebenbilder Gottes. Da Ihr Ihm wesentlich näher steht als zum Beispiel ich, nehme ich doch an, dass Ihr Ihm auch wesentlich ähnlicher seht als ich mit meiner eher mickrigen Figur.
- Was für ein Schmarrn! Unsere Gottebenbildlichkeit bezieht sich doch nicht auf die äußere Erscheinung.
- Nicht?
- Nein. Sie besagt, dass Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat – weniger äußerlich als vielmehr in seinem Wesen. Schon Augustinus lehrt: Der Mensch ist Ebenbild Gottes in der mens rationalis, also im vernunftbegabten Geist, und nicht in der Form des Leibes.
- Aha, daher also die erbärmliche Eifersucht, die Missgunst, die kleinliche Intoleranz, die Aggressivität und Rachsucht.
- Wie bitte?!
- Na, seht Euch den Schöpfergott Jahwe im Alten Testament doch einmal an!
- So ein Unsinn! Gott ist Liebe!
- Ich hab schon lange den Eindruck, dass eine Menge Unsinn in der Bibel steht. Aber wenn Ihr das selbst sagt, Merkwürden…
- Liebe, jawohl! Aus Liebe schuf Gott die Menschen Adam und Eva…
- …als Mann und Frau, wegen der Liebe. Das versteh ich. Merkwürden, Ihr wisst indes ebenso gut wie ich, dass Gott keineswegs einen Adam aus Lehm zurecht knetete. Vielmehr setzte Er auf die außerordentlich langwierige Prozedur der Evolution, ein für mein Dafürhalten denkbar ungeeignetes Verfahren zur Erzeugung einer ebenbildlichen Art. Spätestens bei den Dinosauriern muss Ihm die Sache dermaßen aus dem Ruder gelaufen sein, dass Er sich nicht anders zu helfen wusste als einen Riesenbrocken auf die Erde zu schmeißen, um den kleinen Säugetieren die Chance zu geben, in Richtung Primaten voranzukommen. Also auf die Art eine Ebenbildlichkeit zu erreichen…
- Nun, die Auffassungen über den konkreten Hergang des Schöpfungsaktes mögen verschieden sein. Unumstößlich bleibt die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die imago dei, punctum! Durch sie sind wir überhaupt nur in der Lage, Gott zu erfahren. Auf sie gründet die Liebe Gottes.
- So wie wir unseren Nachwuchs umso mehr ins Herz schließen, je ähnlicher er uns ist. Ja, dafür gibt es handfeste evolutionäre Gründe.
- Evolution, Evolution, wenn ich das schon höre! Diese fürchterliche Theorie…
- …die inzwischen sogar der Heilige Vater anerkennen musste…
- …hat nichts weiter zum Ziel als uns immer mehr von Gott zu entfernen. Besinnen wir uns auf Seine Liebe!
- Aber war es nicht gerade die Liebe, neben der Neugier freilich, – die nebenbei gesagt kaum eine göttliche Eigenschaft sein kann, denn worauf sollte ein allwissender Gott neugierig sein? -, war es nicht die Liebe, die Euren Worten gemäß zum Sündenfall führte? Wie kann der grundsätzlich sündhafte Mensch, von dem Ihr ja ausgeht, in seinem Wesen Gottes Ebenbild sein?
- Durch Jesus Christus, mein Sohn. Durch sein Opfer wurde die Gottebenbildlichkeit wiederhergestellt.
- Hm. Erst Ebenbild, dann nicht mehr, dann doch wieder; mal von Geburt an, oder doch erst ab der Taufe, oder überhaupt erst durch gottgefälliges Verhalten oder wie? Ziemlich verworren, findet Ihr nicht?
- Seine Gottebenbildlichkeit macht, um noch einmal Augustinus zu zitieren, obwohl sie zwar durch den Sündenfall entstellt ist, den Menschen aufnahmefähig für Gott, sie befähigt ihn erst zur Erfüllung des Liebesgebotes. Allein aus ihr folgt des Menschen unveräußerliche Würde. Das ist überhaupt erst die Grundlage für die Entstehung der Menschenrechte, auf die du gewöhnlich so pochst, mein Sohn.
- Ach? Und weshalb mussten dann die Menschenrechte so erbittert gegen den Widerstand der alleinseligmachenden Kirche erstritten werden, und warum hat dann der Vatikan bis heute die Europäische Menschenrechtskonvention nicht unterzeichnet?
- Das mag mit Politik zu tun haben, mein Sohn, nicht mit dem Glauben.
- Aber der Glaube mischt sich doch sonst so gern ein in die Politik, Merkwürden.
- Das gehört jetzt nicht hierher, das ist ein anderes Thema.
- Na gut. Aber sind Eure gelehrten Drahtseilakte bei Lichte besehen nicht doch nur theologische Luftnummern? Ich denke, die Sache ist viel einfacher: Irgendwann begannen die Menschen nach Erklärungen zu suchen, wie die Welt um sie her wohl entstanden sei und wo sie selbst wohl herkommen mochten. Sie verfügten ja noch nicht über unser heutiges Wissen, daher dachten sie sich einen Gott aus, der das alles angefertigt hat, einschließlich sie selbst als Krone seiner Schöpfung, bescheiden wie sie nun mal waren. Mangels weiter reichender Phantasie stellten sie sich diesen Gott ungefähr so vor wie sie selbst, nur größer natürlich und mächtiger. Damit sind sie ihrem Gott nun also ähnlich, und sie halten sich folgerichtig für Seine Ebenbilder. Als solche kommt ihnen selbstredend eine besondere Würde zu, die sie über alle anderen Arten erhebt. Mächtig einge(eben)bildet, findet Ihr nicht? Ganz abgesehen davon, dass sich Eure Argumentation immer im Kreise dreht, nein, Merkwürden, die Würde des Menschen entsteht allein im Umgang der Menschen miteinander – oder eben auch nicht. Und die Menschenrechte sind viel zu fundamental als dass sie durch einen solchen Kokolores hergeleitet werden müssten.
- Ich muss eilen, mein Sohn. Die Messe, die Messe…
- Grüßt Euer Spiegel- äh Ebenbild.

Wem das alles noch nicht verworren genug ist, dem seien die Quellen von Merkwürdens Spiegelfechterei empfohlen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Gottesebenbildlichkeit

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Religion, Satire abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort