Denk-Schrift II: Deutsche Politiker


Gottgegeben: Die katholische Kirche als Lehrmeister:

Natürlich wird in den Werken Augustins auch der Vorrang der katholischen Kirche begründet. Diese, so vertraut er uns an, vertritt als „Tempel Gottes“ den dreifachen Gott. Und zwar seit Anbeginn des Universums, wie wir aus dem von Papst Benedikt zu verantwortenden katholischen Katechismus des Jahres 1993 erfahren dürfen: Gott, so sagt uns der damalige Kardinal Ratzinger durch den Mund des Katechismus, Gott habe die heilige katholische Kirche „schon seit dem Ursprung der Welt vorausgestaltet“. Das ist stark! Katholische Kirche seit dem Ursprung der Welt! Diese „Vorausgestaltung“ ist nicht in tastender, unschlüssiger göttlicher Planung erfolgt, „mal schauen, was aus dem Andromeda-Nebel wird“, nein fix und fertig ist sie gewesen, die katholische Kirche, „vorausgestaltet“ eben, vor Milliarden Jahren, mit Papst Benedikt, Bischöfen und Frauen in dienenden Berufen.

Die Protestanten spielen im vorkosmischen Plan Gottes übrigens keine richtige Rolle. Sie können leider „nicht gerettet werden“, so der heutige Papst Benedikt in seiner Heilsbotschaft Dominus Jesus aus dem Jahre 2000, da sie „um die katholische Kirche wissen, in sie aber nicht eintreten“. Warum sich die Protestanten bei einer solchen Diffamierung nicht zu Worte melden, wenn Benedikt als bisher einziger Religionsführer zu einer Rede vor dem Bundestag eingeladen wird, warum sie sich wie provinzielle Bittsteller nach Erfurt zur Audienz beim Papst bemühen, um dort noch die Stiefel zu küssen, die sie Jahrhunderte lang getreten haben, bleibt einigermaßen schleierhaft. Es sei denn, sie würden, o sancta simplicitas, tatsächlich immer noch daran glauben, dass es eine Ökumene gibt, die nicht katholisch ist.

Damit Papst und Bischöfe bei diesem kräftezehrenden Bekehrungsritual nicht verunsichert werden, wird ihnen der Besitz der Wahrheit ausdrücklich bestätigt: Die Wahrheit würde ihnen in der Erleuchtung des Geistes durch Gott zuteil. Der göttliche Geist strahle diese Ideen und Regeln direkt in den menschlichen Geist ein. Natürlich nicht in jeden Menschen, also nicht in den Geist von Philosophen, Agnostikern, Atheisten, Kommunisten, Häretikern, Kritikastern und seit dem Jahre 1 leider auch nicht mehr in die Köpfe der Juden. Letztere tragen ohnehin ein unentschuldbares Übermaß an Schuld mit sich herum, so dass der „heilige“ Augustinus sie in seiner Kampfschrift „Gegen die Juden“ als Mörder, aufgerührter Schmutz, triefäugige Schar, Wahnsinnige, Wölfe zu denunzieren gezwungen ist. Und auch hier gilt, dass die Juden wahrhaftig Grund gehabt hätten, sich gegen die Papstrede zu verwahren.

„Religion der Liebe“ als Begründung des moralischen Führungsanspruchs

Mit dem Begriff der „Nächstenliebe“ läuft die theologische Wortdrescherei zu großer Form auf. Zwar hat man noch nie davon gehört, dass die steinreiche Kirche Grundstücke oder bischöfliche Barockresidenzen verkauft hat, um der vorweihnachtlichen Aufforderung, „den Armen zu spenden“ beispielhaftes Gewicht zu geben. Zwar wissen die Gewerkschaften zu berichten, dass Arbeitnehmer in den kirchlichen Großeinrichtungen Diakonie und Caritas in niedrige Lohngruppen abgedrängt und nahezu mit Hungerlöhnen abgespeist werden. Zwar werden Geschiedene ausgegrenzt, des Arbeitsplatzes beraubt und Homosexuelle gedemütigt. Auch pfeifen alle Spatzen die in der Menschheitsgeschichte einzigartigen Verbrechen bei der Verfolgung Andersdenkender von den Zinnen der Kathedralen, aber nichts, auch rein gar nichts hält die kirchliche Klientel, die beileibe nicht nur aus Pastören besteht, davon ab, das Christentum als „Religion der Liebe“ in Positur zu bringen.

Ausgangspunkt ist natürlich der „himmlische Vater“. Dieser liebe alle Menschen, behauptet die Kirche. Ein Unsinnsspruch, denn Gottes Zorn ist stadtbekannt. Er ist so schlecht auf die Menschen zu sprechen, dass er sie mehrfach aufs böseste bestraft: Erstens mit dem Tod und zweitens mit der Erbsünde. Kurz danach räumt der „liebe Gott“ in einer Sintflut alles Leben beiseite, auch das der Fische, die sich doch eigentlich in dem vielen Wasser pudelwohl fühlen müßten, weil er sich immer noch über die Sünder ärgert. Dann, nachdem sich das Leben auf Erden wieder erholt hat, verlangt er, dass sein eigener Sohn ans Kreuz genagelt wird, als „Sühne für die verdorbene Menschheit“. Aber von den angedrohten wüsten Höllenstrafen nimmt Gott dennoch keine einzige zurück. Trotz Kreuzigung. Stattdessen gestattet er "Stellvertretern" tausend Jahre lang die Menschen zu drangsalieren und greift trotz „Allmächtigkeit“ nicht mit Blitz und Donner ein, um Hiroshima oder Auschwitz zu verhindern. Zu guter Letzt schickt dieser Kirchengott seine ungehorsamen Kinder auf ewig in das Feuer der Hölle, wenn sie nicht die katholischen Bedingungen für das ,,Seelenheil" erfüllen.

Dieses rigide Strafszenario, vor 2000 Jahren von untergangsgläubigen Jenseitsbeseelten im pathologischen Deutungswahn entworfen und seither zum Nutzen und Frommen der Kirche angewendet, diese furchtbare Höllensage, meilenweit von den religiösen Vorstellungen der Antike entfernt, [1] führte dazu, dass die meisten christfrommen Menschen mehr als 1500 Jahre in einer pseudoheilsamen Angststarre verharrten, weil sie fürchteten, direkt in den Kochtöpfen des schwarzen Hinkefußes zu landen. Und noch heute diktiert Angst vor dem „richtenden“ Gott das kirchliche Gottesszenario. Dennoch haben Priester die Stirn und Gläubige die Biederkeit, vom „liebenden Gott“ zu sprechen.

Dieser Gott hat einen Sohn. 400 Jahre lang sind beide innerhalb der christlichen Gemeinden heftig umstritten. Der römische Kaiser Konstantin ist es schließlich, der auf dem Konzil von Nicäa (325) den jüdischen Alleingott zum „wesensgleichen“ Zweifach-Gott transformiert. Der „Vater“ erhält einen göttlichen Sohn, der aber kein Sohn sein darf, da er ja „von Anbeginn“ schon existiert. Er ist also eher ein Bruder, aber auch wieder nicht, da er – zwar wesensgleich mit Gottvater – vom göttlichen Vater gezeugt sein soll, (Kath. Katech. 254). Er scheint also eher ein Klon zu sein, gezeugt und wesensgleich. Aber so ganz genau weiß das niemand, zumal nicht Gottvater, sondern der „Heilige Geist“ Maria geschwängert haben soll, irgendwie metaphysisch, wie sich versteht.

Josef spielt übrigens keine Rolle. Er akzeptiert achselzuckend die Fremdschwangerschaft seiner Frau und hütet Ochs und Schaf. Jesus, ein tiefgläubiger Jude, verkündet menschenfreundliche, altjüdische Botschaften. Seine Jünger und Apostel, rund 50 Männer und Frauen, und die römischen und jüdischen Zeitgenossen wissen allerdings rein gar nichts von ihm zu berichten. Was in einer Zeit, in der die Bibliotheken mit Hunderttausenden von Büchern zu bersten drohen, völlig lebensfremd ist und zwei Schlußfolgerungen zuläßt: Entweder ist Jesus eine rein literarische Figur, die erst mit den Paulusbriefen zu leben begann. Oder Jesus war weder aufsehenerregend noch konnte er über Wasser gehen. Er war ein Prophet. Und von denen gab es damals viele. Dieser „Gottessohn“ also, bis tief in das 4. Jahrhundert innerhalb der christlichen Gemeinden hoch umstritten, logisch und theologisch das Widersinnigste, was Religionen je erfunden haben, diesen Gottessohn also expedieren die Priester auf die Erde. Dort, im Leib einer Irdischen, habe er gewartet, neun lange Monate, bevor er das Licht der Erde erblickt, ohne Geburt. Die „Gottesmutter“ Maria ist daher unberührt, unbefleckt, himmlisch schön und so heilig, dass sie per Dekret von Papst Pius XII. aus dem Jahre 1950 körperlich in den Himmel auffährt. Wie man sich das vorzustellen hat, ist nicht bekannt. Aber Benedikt XVI. ist der Auffassung, dass dieser nicht nur wegen Marias Himmelfahrt hoch umstrittene Papst in den Pantheon der Heiligen aufgenommen werden sollte.

30 Jahre also lebt dieser Gottessohn auf Erden und stirbt in den Fängen jüdischer Häscher und römischer Söldner. Nicht in edler Haltung, sondern in erniedrigenster Pose, Mitleid heischend und den Menschen zur Besichtigung am Kreuz freigegeben, ohne dass der Allmächtige mit Donnerschlägen dazwischen fährt. Das habe ER so gewollt!, ruft die Kirche. Sein Wille sei gewesen, seinen Sohn stellvertretend für die Menschen büßen zu lassen. Man bedenke: ER läßt seinen Sohn ans Kreuz nageln, weil ER seine eigene Strafe nicht aufheben will! Wer denkt sich eine solche Vater-Sohn-Beziehung aus?

So also stellt sich die christliche Kirche den liebenden Gott vor. Daraus also leiten die Priester das Nächstenliebe-Gebot ab, ohne dessen Wirken wir angeblich unsere Werte und Würde, kurz unseren Halt, verlieren. Aber historisch betrachtet ist das Nächstenliebe-Gebot jüdisch: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3 Moses 19,18). Im übrigen dürften vermutlich alle Kulturen den Wert der "Nächstenliebe", wenn auch unter verschiedenen Namen, hervorheben, ohne sich deshalb ständig an die Brust zu klopfen. Bereits die Philosophie Zarathustras (vor 500 v.u.Z.) basiert auf den drei Grundsätzen "Gut Denken, gut Reden und gut Handeln" und auf seinem Credo "Ich bin Zarathustra, wahrhaftiger Gegner der Lügner, und ich werde sie bis zu meiner letzten Kraft bekämpfen. Aber mit meiner ganzen Kraft werde ich den Aufrechten und Rechtschaffenen beistehen" (43/8). Wenig später läßt Sophokles um 450 v.u.Z. seine Antigone rezitieren: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich geschaffen“. Und Aristoteles erkennt um 330 v.u.Z. in seiner „Nikomachischen Ethik“, das Wesen der Freundschaft sei, mehr Liebe zu geben als zu nehmen. Der römische Philosoph Seneca schreibt ein ganzes Buch über die Wohltaten, „De beneficiis“, und erkennt in seinem Werk „Vom glückseligen Leben", das höchste Gut sei „ein ruhiges Handeln, reich an Menschenliebe und Rücksicht für die, mit denen man lebt". Cicero, ebenfalls ein „Heide“ des 1. vorchristlichen Jahrhunderts, wird diesen altruistischen Gedanken aufgreifen und von einer natürlichen „Wohlgeneigtheit zwischen allen Menschen“ sprechen. Keiner ist bisher auf den Gedanken gekommen, die Lehren Zarathustras, Sophokles` oder Senecas mit dem Epitheton „Philosophie der Liebe" zu versehen, obwohl ihnen dieses Markenzeichen wahrlich zustände. Im übrigen ist dieses überstrapazierte Liebesgebot als „Altruismus“, als Teil des natürlichen Verhaltens des Menschen, bekannt. Die Soziobiologie weist bereits Mitte des 20. Jahrhunderts die genetischen Grundlagen des Altruismus nach.

Neu scheint lediglich das Gebot der „Feindesliebe“ zu sein (Mt 5,43-48), das eine Radikalisierung des Nächstenliebe-Gebotes darstellt und vermutlich nur in Zusammenhang mit der damaligen unmittelbaren Erwartung einer neuen (himmlischen) Welt zu verstehen ist. In der kirchlichen Praxis ist das Feindesliebe-Gebot bis heute ohne Bedeutung. Die Kirche segnete Waffen und die Soldaten haben bis in die jüngste Zeit „für Gott und Vaterland“ die Gegner massakriert. „Feindesliebe“ bleibt damit als realitätsferne, unerfüllbare Forderung eine Wort-Tapete, genauso sinnvoll wie die Forderung „Reichtum für alle“. So bleibt es also völlig nebulös, welche spezifisch christlichen Werte die Kirchenführung eigentlich anzubieten hat.

So schlecht hat es noch keine Epoche mit dem Menschen gemeint

Man wird zugeben müssen, dass dieser „liebende Gott“, der in Wahrheit ein ziemlicher Wüterich zu sein scheint, unmöglich den wahren Gott repräsentieren kann. Ritterlichkeit, Fairness und Gerechtigkeit sind keine Vokabeln, die im Sprachschatz dieses Kirchengottes auftauchen. „Fürchte Gott“ mahnt daher sein Apologet Johannes (Offenbarung 14,7) und folgerichtig fordert die Landesverfassung Rheinland-Pfalz auch nicht, die Jugend in Gottesliebe zu erziehen, sondern in blanker Furcht: „Die Schule hat die Jugend zur Gottesfurcht […] zu erziehen” (Art. 33). Ein Spruch, der angesichts der heterogenen Religionslandschaft und des sehr realen Anteils von rund 30 Millionen Konfessionsfreien wie eine Botschaft aus dem 18. Jahrhundert anmutet. 2

Diese misanthropische Lehre mit ihren dominanten Eckpunkten, Erbsünde und göttliches Strafgericht, ist eine deprimierende Kriegserklärung an den Menschen. Von der Zeugung an mit einer übergroßen Schuld beladen, ist die Menschheit eine sündhafte Elendsmasse, mit der Gott machen kann, was er will. So schlecht hat es noch niemand mit den Menschen gemeint. So finster wurde noch niemals die Zukunft ausgemalt. Nie in der Menschheitsgeschichte wurde das Denken mit derart sinnlosen und wahnwitzigen Sünden- und Höllenapokalypsen kontaminiert, nie hat es einen radikaleren Wandel des Menschenbildes gegeben, nie eine bedrohlichere Lehre, nie eine größere Entmutigung, nie eine dreistere Tarnung mit Sprüchen vom „liebenden Gott“ und von der „Religion der Liebe“. Eine „chinesische“ Kulturrevolution, umfassender, grausamer, länger dauernd als jemals eine Kulturrevolution in der Menschheitsgeschichte, wird sie die Zeit verändern. Jenseitsorientierung, Diesseitsabgewandtheit, Schuldvorwürfe, Selbsterniedrigung und Angst vor Hölle und Vorhölle werden endgültig die entscheidenden und bestimmenden Faktoren im Leben der Menschen. Wir ahnen, dass die Wolfszeit anbricht. Das alles ist weder rational noch theologisch zu begreifen. Erst der Blick in die Religionsgeschichte öffnet den Zugang zum Verständnis. Eingeklemmt zwischen einer turmhoch überlegenen römisch-griechischen Kultur mit weit fortgeschrittener Wertediskussion auf der einen Seite und der noch älteren, ehrwürdigen jüdischen Bibel auf der anderen, steht die christliche Lehre als Klassen-Neuling von Beginn an unter Zugzwang. Diese neue Religion muß überhaupt erst noch ihren Platz finden, muß extravaganter und radikaler als alle anderen Religionen sein, muß die Mystifikation ins Unendliche steigern, muß die Juden enteignen, ihnen die Vergangenheit entwenden, muß die uralte Lehre zur Ankündigungsplattform ihrer neuen Religion degradieren, muß alle Andersdenkenden bekämpfen, um überhaupt Platz zwischen jüdischem Monotheismus, polytheistischer Duldsamkeit, senecaischen „Tue Gutes“-Gedanken und neuplatonischer Religionsphilosophie finden zu können.

Und so verrennen sich die christlichen Priester in immer abenteuerlichere Konstruktionen, die mit Augustinus` Sündenlehre und der Zwei-Naturen-Lehre des Jahres 451 ihre widergöttlichen Referenzpunkte finden. Gott, so erkennen wir, wird von den Priestern in schlimmster Weise geschmäht. Man müßte die Erfinder und Apologeten dieser Lehre wegen „Gotteslästerung“ (§166 StGB) vor Gericht stellen, ihnen wenigstens die Berechtigung absprechen, über Gott zu sprechen. Unabhängig davon, dass sie wegen der Paradoxie, über Unendliches sprechen zu wollen, aus dem Kreis der Gebildeten ausgeschlossen werden müßten. Die Kirche aber wird es nie verwinden, dass ihr Religionsgründer Jude war, der nicht im Traum daran dachte, eine bürokratischhierarchische Kirche mit einem Stellvertreter Gottes an der Spitze zu gründen. Sie wird Jesus vereinnahmen und die lästige jüdische Konkurrenz auf das bitterste verfolgen.

1 "Winter und Sommer sänftigen sie [die Götter] mit dem Eintreten eines milderen Hauches, das Irren strauchelnder Seelen ertragen sie sanftmütig und gnädig" (Seneca, De beneficiis).

2 Im „Vorspruch“ heißt es gar: „Im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott, dem Urgrund des Rechts und Schöpfer aller menschlichen Gemeinschaft …“. Baden-Württemberg fordert in der Landesverfassung Art. 12 Eltern und Lehrer auf: „Die Jugend ist in Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen Nächstenliebe …“ zu erziehen. Bayerische Landesverfassung, Art. 131, Abs. 2: “Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott …“. Von 16 Bundesländern haben acht den Gottesbezug in der Präambel und fünf christliche Erziehungsziele in der Landesverfassung erwähnt.

 

 

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