Ein norwegisches Weihnachtsmärchen

In der besinnlichen Vorweihnachtszeit wird auch das beschauliche Studentenstädtchen Marburg, an der Lahn gelegen, von Frieden durchtränkt. Johannes Becker, langjähriger Apologet aller von Deutschlands Militarismus Unterdrückten und Mittelsmann der Rosa Luxemburg-Stiftung, rief zum letzten großen Vortrag im Namen des Marburger Instituts für Friedens- und Konfliktforschung. Als Gast geladen: Kein geringerer als die Keimzelle der globalen Dauerglückseligkeit,- der Friedensmogul vom Fjord, Johan Galtung. Nicht nur bekannt durch Funk und Fernsehen, sondern vor allem auch als Inhaber des alternativen Friedensnobelpreises. Der rüstige Wikinger kommt inzwischen auf zarte 81 Lenze und ist noch kein bisschen müde, wie er vor vollbesetztem Publikum am 14.12.11 im juristischen Landgrafenhaus eindrucksvoll bewies. Seine physische Fitness litt allerdings anscheinend auf Kosten der geistigen. Galtung durfte sich ungeniert in einer etwa einstündigen Rede über den Nahen Osten, Pakistan und vor allem die besonderen Herzensfeinde USA und Israel echauffieren. Was dabei so alles in den Raum trompetet wurde, soll im Folgenden kurz beschrieben und analysiert werden.

Galtungs Welt ist dichotom. Es gibt die Bösen, das sind (in aufsteigender Reihenfolge): Der Westen, Israel, Amerika. Dem gegenüber stehen die Guten, respektive Unterdrückten (in absteigender Reihenfolge): Iran, Palästina, Syrien, Pakistan, DDR. Ja, Sie haben richtig gelesen, die DDR. Diese war nämlich, da sind Becker und Galtung innig im Bruderkuss vereint, das erste Opfer des Neoimperialismus oder auch Neokolonialismus. So genau lässt sich das nicht unterscheiden, dafür wird tunlichst darauf geachtet, die Worte in beinahe jedem Satz unterzubringen,- hört sich einfach nett an.

Die Fronten sind also geklärt, Ring frei für ein Ensemble der obskursten Thesen des Norwegers mit Hang zur Verschwörungstheorie:

1) Der arabische Frühling ist „weder arabisch, noch Frühling“. Punkt. Es geht bei den seit nunmehr über einem Jahr tobenden Freiheitsbewegungen nicht um die Menschen, die für sich grundlegende Rechte wie Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und politische Partizipation einfordern, sondern, wie Galtung analytisch zu berichten weiß, um den Kampf gegen den Westen und seine „imperialistische [sic] Politik! Die geheime Absicht des Westens ist es nämlich, Afrika zu „rekolonisieren“ [sic]. Es handelt sich bei den Revolutionen auch um keine historischen Ephemeren, sondern vielmehr um die dritte Welle der in grauer Vorzeit begonnenen Abwehrschlachten gegen Amerika, Israel und irgendwie auch uns, die Europäer. Diese sieht Galtung bereits 1954, als Gamal Abdel Nasser die Macht in Ägypten übernahm, gefolgt von Gaddafis Putsch gegen König Idris im Jahr 1969. Jetzt also nur eine Neuauflage des altbekannten Kolonisatoren vs. Kolonisierte.

2) Im Grunde wissen Sie es ja ebenso wie das Osloer Orakel, es geht um wirtschaftliche Interessen. Ganz vorne, wie immer, die USA. Diese haben nämlich erkannt, dass der Iran, Irak, Sudan, Somalia, Libanon und Libyen eine Zentralbank haben und damit nicht so einfach zum monetären Vasallen amerikanischer „Privatisierungspolitik“ werden. „Demokratisierung bedeutet Privatisierung“. Aha. Deswegen führt man auch genau in all jenen Ländern Krieg, beziehungsweise wird dies baldigst tun. Dank dieser Weitsichtigkeit wissen wir nun also, dass in Kürze wohl auch Algerien, Syrien, Bahrain, Katar, Oman, Jemen, Jordanien, Saudi-Arabien und Kuwait von amerikanischen Truppen besucht werden dürften, schließlich haben diese Nationen auch Zentralbanken und noch keinen von Amerika gesponserten Umsturz erlebt. Mit einer brillanten wie wegweisenden Schlussfolgerung kommt Galtung zu dem Fazit: In den alten Kolonialländern gibt es zu viele Bruchlinien, sodass westliche Vorstellungen nicht funktionieren. „In Tunesien und Ägypten ist es aber nicht so“. Warum? Unwichtig, keine Zeit für Detailfragen. Ergänzend wird nur noch ein weiteres brisantes Detail angeführt: Die USA und Israel wollen mit allen Mitteln eine Spaltung der arabischen Welt. Daher haben die beiden Hegemonialmächte (global und regional) nur zwei Optionen, die sie bereitwillig einsetzen: „The carpet of gold or carpet of bombs“.

3) Unsere „westliche“ Vorstellung von einem funktionierenden Staat sollen wir doch bitte für uns behalten, denn „wir [der Westen] sind dumm“. Das gilt, wie uns der Abend offenbart, für alle Anwesenden gleichermaßen und manche ganz besonders. Unsere großen europäischen Philosophen Aristoteles, Descartes und Kant hatten zwar kluge Überlegungen angestellt, (so viel Ehrbezeugung macht sogar ein Universalgenie wie Galtung) aber, das vertrackte daran ist ja, sie stammen eben von jenem bösartigen Kontinent, der Ursprung allen Übels ist: Europa. Daher sollten deren Überlegungen auch nicht weiter Beachtung finden. Wir müssen vielmehr den osmanischen Denkern den Vortritt lassen. Von den Türken lernen, heißt siegen lernen. Dort sehen wir, wie eine glanzvolle Demokratie, eingebettet in Suren, funktionieren kann, wird dem Publikum erläutert. Dass die Türkei durch Atatürk und seine Säkularisierungsbemühungen zur Demokratie wurde ist dabei ja auch nicht weiter relevant. Ebenso wenig wie die Erosion des Rechtstaates durch die islamistische AKP und die damit verbundene Wende, weg von der Demokratie und hin zur Theokratie.

4) Der Johann, aus Norwegen, hat aber auch noch ein weiteres Ass im Ärmel, welches seine Thesen untermauert, die Medien. Gerade „im Westen“ informieren diese nämlich gar nicht objektiv und wahr, sondern verdrehen immer alles. Solange, bis wir nicht mehr nur an das Christkind glauben, sondern gleich alles was man uns erzählt (Sie erinnern sich, der Westen ist dumm). Beispiel gefällig? Kein Problem. Als Gaddafi den Friedensvorschlag der Afrikanischen Union akzeptierte, kullerte auch dem Johann eine Freudenträne die Wange hinab, denn Frieden ist immer erst einmal super und das Abkommen war ja eigentlich auch seine Idee. Das wurde wie immer, so der sybillinische Galtung, natürlich in unseren Medien verschwiegen, weil die NATO (also Amerika, Israel und der Westen) das so wollte, um ungehindert ihren frechen „Neokolonialismus“ und die Kontrolle Afrikas weiter aufrecht zu halten. Komisch ist dabei nur, dass man die angeblich nicht vorhandenen Artikel noch heute in den Zeitungsarchiven lesen kann, wie schon am Einstellungstag. Komisch ist auch, dass Gaddafi schon am nächsten Tag sein Lippenbekenntnis brach und weiter auf die Stadt Misurata vorrücken lies. Er hatte die kurze Feuerpause allerdings genutzt, seine Einheiten neu zu formieren.

5) Reden wir über Afghanistan. Das Kräftemessen am Hindukusch. Nachdem Galtung vor kurzem auch die Bundeswehr am Zentrum für Innere Führung bespaßen durfte, weiß er auch: „Deutsche Soldaten sehen aus wie Taliban, nur ohne Bart“. Taliban kann man ja auch beinahe mit „innerer Geführte“ übersetzen, von daher gibt es da auch keine weiteren nennenswerten Unterschiede die dem Professor spontan einfallen würden. Die Strategie in Afghanistan ist selbstverständlich völliger Humbug. Die Taliban muss man in den Staat einbetten, denn sie sind nur ein wenig aggressiv, weil man sie einfach angegriffen hat. Die eindrucksvolle Analogie, wir sollten uns einmal vorstellen, Berlin würde von den Taliban angegriffen, ist dabei wohl eher ungünstig. Samir M., Hani N., deren Anschlag im September in Berlin glücklicherweise vereitelt werden konnte, sollen auch gute Verbindungen zu Galtungs bärtigen Freunden haben. Die Lösung für Afghanistan ist natürlich ganz einfach und schlummert quasi direkt neben uns, in der Schweiz. Besser, sie ist die Schweiz. Das Beste ist, das weiß jetzt nicht nur ein Professor aus Norwegen und die deutsche Bundeswehr, sondern auch Sie und ich. Das Prinzip ist auch ganz einfach. Man nehme ein paar Kantone, verrühre diese gut, schreibe Afghanistan darauf und fertig ist das Land in dem Milch und Honig fließen werden.  Die Taliban haben Galtung bei einer ihrer gemeinsamen Teestunden sicherlich schon persönlich für diese Lösung beglückwünscht. Zwischen zwei Steinigungen war wohl kurz Zeit für ein kleines Schwätzchen.

5) Schlussendlich kommen wir noch zu Galtungs Lieblingsfeind – Israel. Mit dem folgenden Zitat, möchte der Norweger sich vor etwaiger Kritik immunisieren: „Niemand in diesem Saal ist so dumm, dass er behauptet, dass wenn ich etwas Negatives über Zionismus und über Israels Politik sage, bin ich Antisemit. Man muss ganz unbegabt sein um das zu sagen. Niemand wird gefährliche Begabungen verhalten (Anm.: gemeint ist wohl verraten) und nennt so eine These. Ganz schlau von meiner Seite. Es funktioniert weil ich rede in Tel Aviv und Jerusalem und sage lauter solche Sachen, die halten Maul!“ Das traurige dabei ist weniger Galtungs Chuzpe, als das goutierende Lachen der Studentenschaft.

Es ist an der Zeit für die große Bescherung der  norwegischen Weihnachtsgeschichte. Diesmal geht es aber um Amerika, Israel und die Judenlobby. Wie Galtung nämlich aus berufener Quelle weiß, waren es die Juden in Amerika, die Obama als erstes Unterstützen und zum Präsidenten kürten. Dass diese jüdischen 1,3% der amerikanischen Population das Land kontrollieren, ist ja sowieso Grundwissen.  Sein profundes Fachwissen hat der Prof. Dr. aus dem Verschwörungskassenschlager „Die Israel-Lobby“ von Mearsheimer und Walt. Doch damit nicht genug. Es werden noch weitere streng geheime Informationen für die interessierten Studenten dargelegt. So geheim, dass wohl nicht einmal die israelische Regierung davon weiß.  Israels und Amerikas Absicht ist es nämlich, Syrien in vier oder fünf Länder aufzuspalten, um die Hegemonie auszubauen und eigene Interessen zu sichern, kurz die „Libanonisierung“, wie er uns der Prof. Dr. Dr. h.c. mult. benevolent erklärt.

Galtung versucht sich 60 Minuten als extraordinär gerieren, ist dabei aber höchstens extrem ordinär, wenn er beispielsweise postuliert, dass Zeitung lesen ein Zeitverlust ist, wenn man etwas über Außenpolitik lernen möchte, ebenso wie fernzusehen. Stattdessen gibt sich Galtung marktschreierisch und preist mehrmals sein neues Buch an, das man doch bitte im Foyer erwerben soll, wenn man nicht völlig ahnungslos sterben möchte.

Ohne Galtung hätten wir wohl niemals erfahren, dass Ben Ali (vormals tunesischer Vorzeigediktator), der Botschafter in Polen war, als das Bindeglied zwischen der Solidarnoc-Bewegung und CIA fungierte. Ebenso wenig, dass die 24, kürzlich, von „Amerikanern“ (eigentlich waren es Helikopter der NATO) getöteten pakistanischen Soldaten, im afghanischen Grenzgebiet, völlig beabsichtigt waren und nun wohl ein Krieg zwischen Amerika und Pakistan folgen wird, „wegen der Bombe“. Galtungs Wissen ist so fundiert, dass er seine genannten Fakten stets auf „meine Quellen“, „ich habe Leute dort“ und so weiter stützt. Jedoch gibt es auch die andere Seite des Professors, wenn er denn bekannte Quellen zu nutzen weiß und diese geschickt zu leichtverdaulichen Weihnachtsplätzchen formt. Als zum Beispiel ein Herr „Peter Steinbrück“ ankündigte, dass die Sicherheit Deutschlands am Hindukusch verteidigt wird, zeigt uns der Professor einmal mehr eindrucksvoll, dass seine halbgaren Thesen auch noch einen Zuckerguss aus Halbwissen abbekommen.

Am Ende sagen wir daher alle: Oh du Selige, Johann, du hast die Welt wieder etwas friedlicher gemacht. Danke!

 

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6 Antworten auf Ein norwegisches Weihnachtsmärchen

  1. Abu Sheitan sagt:

    Ei, da hab' ich doch wieder was verpasst! Ich liebe Verschwörungstheorien!
    Aber dass deutsche Soldaten in Afghanistan wie Taliban sind, nur ohne Bärte, stimmt nicht! Die lassen sich Bärte wachsen und tragen auch gerne mal Pali-Tuch, ganz romantisch um den Kopf geschlungen.  Wenn man Taliban mit "innerlich Geführte" übersetzen kann, haben dann die deutschen Soldaten vielleicht gar einen inneren Führer? FÜHRER! Jetzt ist's bewiesen: Am Hindukusch wird nicht die Freiheit Deutschlands verteidigt. Es ist der innere Führer, der befiehlt und dem wir folgen, denn am deutschen Wesen soll die Welt genesen!
    (Mein Vorrat an Ausrufezeichen ist  jetzt leider erschöpft.)  :wink:

  2. pinetop sagt:

    Es ist ermüdend und ärgerlich, sich mit der Pappnase Galtung auseinander zu setzen. Am liebsten würde ich ihn ignorieren. Aber so einfach geht das nicht; sein Einfluss ist viel zu groß.

  3. pinetop sagt:

    Aber neben Galtung und Breivik gibt es auch Norweger, die wirklich Freude bereiten: Katzenjammer.

  4. pinetop sagt:

    "Wirtschaftliche Interessen" ist ein Schlagwort, welches der Demagoge in die Runde werfen kann, um bei sich aufgeklärt glaubenden Menschen einen Schauer des Entsetzens auszulösen. Ein Kind, welches um eine Erhöhung des Taschengelds bittet, verfolgt auch ökonomische Interessen.

  5. pinetop sagt:

    Genau so schlimm ist der Hinweis auf die wirtschaftliche Macht, der Zuhörern, die irgend wann einmal mit marxistischem Denken in Berührung gekommen sind, gruselige Schauer über den Rücken treibt. Das heißt nicht, dass man vor wirtschaftlicher Macht die Augen verschließen soll, aber die Analyse kann nur erfolgreich sein, wenn man sich nicht Weltanschauungen ergibt. Voraussetzung ist die Analyse der Marktformen. Man unterscheidet Monopol, Teilmonopol, Oligopol, Teiloligopol und Konkurrenz. Genau genommen müsste man zwischen Einzelmonopol und Kollektivmonopol unterscheiden. Dies gilt für die Angebotsseite und die Nachfrageseite. Dies ergibt sechs mal sechs Grundformen. Außerdem ist zu beachten, dass Angebotsseite und Nachfrageseite geschlossen oder offen oder einseitig offen bzw. geschlossen sind. Ergibt weitere vier Kriterien. Oder 144 Marktformen. Hinzu kommt, dass in jede Marktform der Staat den Preis festsetzen kann. Ergibt insgesamt 288. Und man muss die Elastizitäten der Nachfrageseite berücksichtigen. Erst mit diesem Instrumentarium kann man wirtschaftliche Macht für jede Branche und ggf. für einzelne Regionen untersuchen. Man muss zu der Feststellung kommen, dass in der Eigenwirtschaft des Mittelalters und in der Zentralverwaltungswirtschaft der Neuzeit wirtschaftliche Macht nahezu absolut ist und dass bei beiderseitiger Konkurrenz die wirtschaftliche Macht verschwunden ist. 
    Auch der Hinweis auf die Größe eines Unternehmens besagt nichts über die Macht, es sei denn die Größe befähigt das Unternehmen Konkurrenz auszuschalten. Sehr oft wird auch die wirtschaftliche Macht der Fugger und Welser hingewiesen, um die Dominanz der Wirtschaft zu bestätigen. Hierzu ist anzumerken, dass der Kaiser die Handelslizenz erteilte und auch jederzeit widerrufen konnte.

  6. pinetop sagt:

    In einem seiner letzten Bücher beschäftigte sich Ralf Dahrendorf mit jenen Intellektuellen, die der Versuchung der Unfreiheit erlagen. Diese Intellektuellen hassen die Freiheit der bürgerlichen Ordnung abgrundtief; jene Ordnung, der sie alles verdanken. Da gibt es die Philokommunisten von Boris Souvarine und Georg Lukacs bis zu Louis Althusser. Nach der Pleite des "real existierenden Sozialismus" bleibt jenen verachtenswerten Figuren, nur noch der Islam, der ihnen die Zerschlagung der verhassten freiheitlichen Ordnung verheißt. Ich kann mich hier dem Kommentar von Saul Bellow anschliessen: Selbst der höchste Verstand kann in den Dienst der Ignoranz gestellt werden, wenn der Wunsch nach der Illusion groß genug ist.  

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