Sonntagsmatinée über Helden (1)

Einige noch heute gültige Grundgedanken moderner Medizin wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etabliert. Doch neben diesen echten Fortschritt in Hygiene, Narkose und Erkenntnis breitete sich ein Nebenstrang der Erwartung an die Medizin aus.

Vieles schien möglich, was bisher unmöglich war und so hatten Wunderheiler und Quacksalber hohe Konjunktur. Durch Aufschwung von Anzeigen in Trivialzeitschriften und Fortschritt bei der Paketzustellung hatten diese Anbieter es jetzt leichter, dem direkten Zorn der Geprellten zu entgehen – sie konnten anonym im Hintergrund bleiben. Manche meinten sogar guten Glaubens, etwas für den Fortschritt der Menschheit nützliches entdeckt zu haben und täuschten so erst sich selbst, bevor sie andere täuschten.

Augustus J. Pleasonton, 1808 geboren und Brigadegeneral der Unionstruppen an der Heimatfront beschäftigte sich in den 1840-er Jahren mit den neuen Erkennnissen der Photographie und der chemischen Wirkung von Licht. Und zwar der Wirkung von Licht auf organische Stoffe. Sichtbares Licht unterschiedlicher Wellenlänge würde nach seinem Verständnis bei Pflanzen die Kohlendioxydproduktion und somit das Wachstum beschleunigen oder verzögern. Blaues Licht war offenbar ein guter Beschleuniger. Und für blaues Licht benötigte man eben blaues Glas.

1861 – mitten im Bürgerkrieg – begann er seine Experimente mit Weinreben. Jede achte Scheibe seines großen Gewächshauses bestand aus blauem Glas. Und in der Tat – die Reben trugen außerordentlich, jedes Jahr mehr. Der örtliche Pflanzenhändler Robert Buist war schwer beeindruckt.

1869 – nach der Lektüre der Werke von Hunt und Bequerel – kam Pleasonton auf die Idee, dass das wohltätige Blaulicht doch ebenso auf Tiere wirken müsste wie auf Pflanzen. Er errichtete also einen Schweinestall in zwei Abteilungen: nur weißes Glas und nur blaues Glas. Die Ferkel unter weiß wuchsen von 92 auf 240 Kilo und die blauen von 76 auf 236 Kilo – hatten also relativ mehr zugelegt. Schon redeten die Leute über seine Experimente und ein Nachbar baute seinen Hühnestall mit blauen Fensterscheiben. Die Gesellschaft zur Förderung der Landwirtschaft in Philadelphia begann sich für ihn zu interessieren und Pleasonton hielt Vorträge.

Dabei kam er auf eine simple Erklärung der Blaulichtwirkung: die Elektrizität. Sie hätte nach Durchdringung des blauen Glases eine besonders hohe Energiemenge in den Lichtstrahlen, um Lebewesen zu beeinflussen. Eben Weinstöcke, Schweine, Hühner und – natürlich – auch Menschen.

So begann er sein segensreiches Wirken für die Gesundheit Amerikas. Er empfahl, sich mindestens zwei Stunden am Tag vor eine blaue Glasscheibe zu setzen. Mehrere von ihm Beratene fühlten sich zumindest gebessert, wenn nicht geheilt. Der Erfolg war so vielversprechend, dass Pleasonton sich das sichtbare blaue Licht patentieren lassen wollte. Er konnte in der Tat die Prüfer von der Blaulichtwirkung überzeugen und erhielt am 26. September 1871 das US-Patent Nr. 119 242 für die Beschleunigung des Wachstums bei Pflanzen und Tieren. Ganz Philadelphia kaufte blaue Glasscheiben für Pflanzen, Tiere und Menschen. Wundersame Erfolge und Heilungen wurden berichtet.

Somit brachte Pleasonton 1876 sein Buch über den Einfluss des blauen Lichtes heraus, das gesamte Buch auf hellblau getöntem Papier gedruckt. Zwar machten sich die meisten wissenschaftlichen Zeitschriften nicht die Mühe, sein Werk zu rezensieren, aber die erste Auflage war schnell vergriffen.

Duplizität der Ereignisse: In der italienischen Nervenheilanstalt von Alessandria kam Dr. Ponza zu der Erkenntnis, dass sich Patienten in blau gestrichenen Räumen eher beruhigten als zwischen rot angemalten Wänden. Weitere Psychatrien machten ähnliche Erfahrungen. Das verschaffte Pleasontons Theorien noch mehr Aufmerksamkeit. Ein Bericht im New York Herald wurde von den Provinzblättern landesweit nachgedruckt.

Angesichts dieser Hype konnte die seriöse Wissenschaft nicht mehr schweigen. Scientific America bemerkte am 1. Juli 1876, das Buch von Pleasonton sei "excentrischer, als man es für möglich gehalten hätte … gehört für uns zu den vielen Torheiten der Naturwissenschaften". Dessen ungeachtet erlebte das Buch 1877 die zweite Auflage. Blauglas war jetzt die ganz große Mode.

Sein Patent nutzte Pleasonton wenig. Die Idee war ja so simpel, dass Trittbrettfahrer die Idee ausnutzten. Konkurrent Beidler hatte Ecke Neunte und Chestnut (in Philadelphia) einen öffentlichen Blauglas-Wintergarten aufstellen lassen. Vorsichtshalber wies man darauf hin, dass die Sache natürlich nur wirksam wäre, wenn die Sonne durch die blauen Scheiben schien.

Bald erreichte die Mode Europa. Wenig verwunderlich, denn das blaue Glas wurde in Belgien hergestellt. Als auch in London die Times positiv berichtete, war der Markt geöffnet. Blaue Sehbrillen wurden modern. Pleasonton verdiente daran kaum etwas, aber er hatte die Sache ja auch vornehmlich gestartet, um der Menschheit durch sie Segnungen des Blauglases zu helfen. Esoteriker nahmen sich der Sache an und ein gewisser Pancost verband das blaue Glas mit der Kabbala.

Dann war für Scientific America das Maß voll. Am 24. Februar 1877 bildete "Der Blauglas-Betrug" den Beginn einer Serie von Artikeln gegen diese obskure Lichtanwendung. Als erstes wurde die Tatsache dargelegt, dass gewöhnliches kobaltblaues Glas weniger "blaue" Lichtstrahlen durchläßt als Klarglas – es wird nur blau weniger weggefiltert als andere Farben. Dann nahm man die angeblichen Heilwirkungen unter die Lupe. Erwartetes Ergebnis: Placebo-Effekt.

Doch die Blauglas-Mode blieb vorerst noch ungebrochen. Dennoch kamen Gerüchte über die Gefahren des blauen Glases auf. Die New York Evening Post berichtetet von jemandem, der durch blaue Brillengläser vollends erblindet sei, da er seine Augen nun zu sehr dem grellen Sonnenlicht ausgesetzt habe. Weitere kritische Berichte und Bücher folgten und Scientific Amerika legte nach. 1878 glaubte kein Mensch von ernstem Vertand mehr an die besonderen Wirkungen des blauen Glases.

Wie alle Modeerscheinungen tauchte auch noch später hin und wieder die Anpreisung der segensreichen Eigenschaften des blauen Glases auf, doch das waren Epigonen. Eine der letzten Varianten war 1940 Robert Hunt vom "Büro für Cosmotherapie", der in die Blauglaswirkung auch christlichen Mystizismus und östliche Religion hineinrührte.

Augustus Pleasonton starb 1894. Die Times in London wies in ihrem Nachruf nur kurz auf die Mode hin, die ein paar Jahre unzählige Menschen erfasste. So erinnern heute nur noch ein paar blaue Scheiben an alten Wintergärten oder in Villen aus jener Zeit an seine heilende Idee der Einwirkung des Blaulichts.


Quelle = Paul Collins, "Verhinderte Helden", 2001, Picador, New York – deutsch 2003, S. Fischer, Frankfurt, Fischer Taschenbuch # 15886
Photo = Johann H. Addicks (Wikimedia)

 

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6 Antworten auf Sonntagsmatinée über Helden (1)

  1. Abu Sheitan sagt:

    Die Wahrheit von heute ist der Irrtum von morgen. (Jakob v. Uexküll)
    Erstaunlicherweise werden heute die Irrtümer von vorgestern wieder aufgewärmt und auf dem bunten Markt der Esoterik und "alternativen" Medizin die Kunden buchstäblich geschröpft und zur Ader gelassen. Ein mir bekannter Studienabbrecher vermarktet sich äußerst erfolgreich als "Coach, Seher, Geomant, Seminarleiter, Medium,Gruppenleiter, Trainer,Künstler und Musiker" mit seinen "Ausbildungen" in "Medialität, Heilung, Schamanismus, Channeling, Hypnotherapie, Hemisync, Lightbody, Trancetanz, Physik, Keramik, diversen Kursen auch in Bildhauerei und Malerei".

  2. Argutus sagt:

    Menschen sind Suggestionen zugänglich und fallen daher leicht dem Placebo-Effekt zum Opfer. Für Weinreben, Schweine und Hühner gilt das hingegen nicht und für leicht meßbare physikalische Eigenschaften wie deren Gewicht schon gar nicht. Beim Ablesen einer Waage kann man sich auch schwerlich täuschen.

    Somit bleibt die Situation, daß Pleasonton entweder ein Betrüger gewesen sein muß oder die Sache doch irgendwelche Effekte beinhaltet, die noch einer Klärung bedürfen.

  3. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #2 Argutus am 25. Dezember 2011 um 11:49 

    Menschen sind Suggestionen zugänglich und fallen daher leicht dem Placebo-Effekt zum Opfer. Für Weinreben, Schweine und Hühner gilt das hingegen nicht und für leicht meßbare physikalische Eigenschaften wie deren Gewicht schon gar nicht. Beim Ablesen einer Waage kann man sich auch schwerlich täuschen.

    Somit bleibt die Situation, daß Pleasonton entweder ein Betrüger gewesen sein muß oder die Sache doch irgendwelche Effekte beinhaltet, die noch einer Klärung bedürfen.

    Meine Lebenserfahrung sagt mir, dass ein im Prinzip als wohl anständig und ehrlich angenommener Mensch wie Pleasonton natürlich seine "blauen" Schweine mit besonderer Aufmerksamkeit behandelt, neugierig, was aus ihnen unter Blauglas wird. Da bekommen sie unbewußt einen Tick mehr Pflege, Futter und Zuwendung. Und das kann eben die relativ bessere Entwicklung ausmachen. Ebenso die Weintrauben. Das sind dann eben die blau beleuchteten Supertrauben und die zu begöschen ist dann ganz selbstverständlich. Also – alles im grünen unesoterischem Bereich des Möglichen.

  4. Argutus sagt:

    #3 ilex (E. Ahrens) am 25. Dezember 2011 um 11:59

    alles im grünen unesoterischem Bereich des Möglichen.

    Natürlich. Die gesundheitsfördernde Wirkung des Blaulichts gibt es zwar nicht, aber gäbe es sie, dann wäre sie weltanschaulich ebenso irrelevant wie die der Vitamine.

    Da dieser Ausdruck gefallen ist, möchte ich auch über die Esoterik ein paar Worte verlieren. Was sie von Nicht-Esoterik unterscheidet, ist ja nur der unwissenschaftliche Zugang zu verschiedenen vermuteten Phänomenen. Die Phänomene selbst hingegen sind entweder gar nicht existent, oder wenn doch, dann sind sie als Teil der Wirklichkeit selbstverständlich auch grundsätzlich Forschungsgegenstand der Naturwissenschaft. Ob die sie heute schon klären könnte oder erst  nach einer zukünftigen Erweiterung  unserer Kenntnisse der Naturgesetze, ist dabei unerheblich.

    Der "Bereich des Möglichen" umfaßt alles, was nicht der Logik oder gesichertem Wissen unauflösbar widerspricht.  Auf viele esoterische Behauptungen trifft beides nicht zu.

  5. Firithfenion sagt:

    Interessanter Beitrag. Von dieser Geschichte hatte ich noch nichts gehört. Farben haben sicherlich einen Einfluss auf unser Wohlbefinden und wenn sich unser Wohlbefinden steigert, kann dies auch unsere Gesundheit und unser Leistungsvermögen positiv beeinflussen. Aber ob es darüber hinaus gehende Wirkungen gibt, ist fraglich. Signifikante Wirkungen auf lebende Organismen wären sicher schon früher oder später der Wissenschaft aufgefallen.

  6. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #5 Firithfenion am 26. Dezember 2011 um 12:27

    Farben haben sicherlich einen Einfluss auf unser Wohlbefinden und wenn sich unser Wohlbefinden steigert, kann dies auch unsere Gesundheit und unser Leistungsvermögen positiv beeinflussen.

    Diese psychologische Wirkung ist sicher unbestritten und sie wird ja auch in Innenraumgestaltung und Werbung berücksichtigt. Auch ein Aufenthalt auf grünem Gras oder unter grünen Bäumen ist sicherlich entspannender als in staubiger Wüste.

    Aber dass z.B. blaues Glas eine direkt physikalische Wirkung hat, das hat sich offensichtlich als Irrtum herausgestellt.

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