Grundzüge einer naturalistischen Philosophie und Ethik

image_pdfimage_print

Die Natur ist auf der fundamentalen ontologischen Ebene aus den Elementen Teilchen, Feldern und Raumzeit aufgebaut, wobei alle strukturell verflochten sind. Des Weiteren besitzt die Natur eine im Prinzip erforschbare Gesetzes- und Kausalstruktur, wobei die Kausalität deterministischer oder statistischer Art sein kann (Bsp.e: Himmelsmechanik, radioaktiver Zerfall). Die Materieelemente (Teilchen bzw. Felder) können beliebig komplexe Strukturen tragen. Elementargebilde können Hierarchien von strukturaler und funktionaler Komplexität aufbauen. Ontologischer Monismus ist also durchaus mit strukturalem Pluralismus vereinbar, unser Universum ist kein homogener statischer Block, sondern eine heterogene, dynamische Struktur. Die Vielfalt der Welt hat sich im Laufe der kosmischen Evolution gebildet, sie ist eine Leistung der Selbstorganisation der Materie.

Schwacher und starker Naturalismus

Die These, dass das materielle Substrat aus seiner eigenen Gesetzlichkeit heraus letztendlich alle Gebilde hervorbringt, hat man mit dem Namen „schwacher Naturalismus" (David Armstrong 1983) belegt. Dieser innerweltliche Naturalismus behauptet die keineswegs besonders gewagte Aussage, dass das Universum in seinem empirisch, aber auch theoretisch fassbaren Bereich ohne Rekurs auf autonome spirituelle Entitäten, besondere Lebenskraft oder teleologische und transzendente Wirk-Faktoren erkannt werden kann. Der schwache Naturalismus schließt einen transzendenten Seinsbereich nicht aus, sondern behauptet nur, dass für das Verständnis des Kosmos auch in den höheren Entwicklungsstufen (Leben, Bewusstsein, Erkennen) supernaturale Faktoren nicht gebraucht werden (ontologische Sparsamkeit). D. Armstrong hat darüber hinaus auch einen „starken Naturalismus" verteidigt, wonach ein Transzendenzbereich ausgeschlossen wird und somit das Universum, so wie es heute von der Wissenschaft erforscht wird, alles ist, was es gibt. Er benützt dabei das Argument der Begründungslast: Derjenige, der für die Existenz eines Seins-Bereiches plädiert, trägt die argumentative Stützungslast.

Der Transzendenz-Skeptiker nimmt dabei eine abwartende Haltung ein: er wartet, bis der Verteidiger einer außerweltlichen Ontologie seine guten Gründe vorbringt. Der Skeptiker ist dabei nicht gezwungen, Gründe für die Nichtexistenz der in Frage stehenden Seinsbereiche zu bringen. Solange es dem Verteidiger einer supernaturalen Einbettung des Kosmos nicht gelingt, einsichtige Gründe für diese ontologische Erweiterung zu bringen, wird sich der Skeptiker nicht überzeugen lassen. Dies ist wichtig für die immer wieder beschworene Situation eines Argumentations-Patts: Derjenige, der behauptet, dass auf Neutronen-Sternen kleine grüne Männchen wohnen, muss dies zeigen. Nicht der Skeptiker muss beweisen, dass auf Neutronensternen kleine grüne Männchen unmöglich sind. Man kann den „schwachen Naturalismus" auch als Geschlossenheitsthese formulieren. Die Prozesse der Welt sind kausal geschlossen, sie hängen stark vernetzt voneinander ab, aber es gibt keine transmundanen Einflüsse, die das Ursachen-Netz durchbrechen. Die Kenntnis der notwendigen und hinreichenden Bedingungen innerhalb des Universums reicht hin, um Aufbau und Funktion lebendiger Systeme zu verstehen. Die kausale Geschlossenheit manifestiert sich u. a. in den Erhaltungssätzen, die überdies über tiefliegende Theoreme der Gruppentheorie mit der Struktur der Raumzeit verknüpft sind (E. Noether).

Jeder externe Eingriff in das Universum bedeutet eine Durchbrechung mindestens eines Erhaltungssatzes. Auch in der Mikrowelt gelten die klassischen Erhaltungssätze. Deshalb ist es sinnvoll, die Welt auch als epistemisch geschlossen zu betrachten. Im Sinne des stratonischen Immanenz-Prinzips wird die Welt aus sich heraus erklärt. Alle sinnvollen Probleme werden mit immanenten Mitteln gelöst. Der Naturalismus besagt auch, dass die innerweltlichen Entitäten nicht von beliebiger Sorte sein können. Abstrakte, spirituelle, platonische Agenzien wie Ideen, Gedanken, Einfälle sind danach durchaus reale Strukturen, die in der Welt wirken, aber sie bleiben immer Muster einer neuronalen Aktivität in dem Gehirn eines lebendigen Organismus. Wird eine Idee nicht von einem Gehirn gedacht, existiert sie nicht. Ontologisch abkoppeln lassen sich Ideen nicht. Dies ist keineswegs ein extremer philosophischer Standpunkt: Aristoteles hat gegen Platon verteidigt, dass gedankliche Strukturen nur in den Dingen vorkommen. Auch in seiner Psychologie denkt Aristoteles durchaus in Einklang mit dem modernen Naturalismus. So heißt es in De anima II, 413 a: „… dass nun die Seele nicht abtrennbar ist vom Körper … das ist offensichtlich". Nach Aristoteles gibt die Seele als Struktur dem organischen Material temporär eine bestimmte Form, die mentalen Funktionen sind aber an die stabile Existenz des organischen Trägersubstrates gebunden.

Algorithmisierbarkeit des Seelischen

Moderne Psychologen haben in Einklang mit Aristoteles' naturalistischer Psychologie darauf hingewiesen, dass die Seele nur dann verstehbar, erforschbar ist, wenn sie gesetzesartigen Regularitäten sowie der Naturkausalität unterworfen ist. D. Dörner hat klar gezeigt, dass eine wissenschaftliche Psychologie voraussetzt, dass Seelisches algorithmisierbar sei. Ohne diese Annahme könnte man für psychologische Phänomene gar kein kausales Modell mit Erklärungsanspruch erstellen. Wenn Seelisches aus der Naturkausalität herausfiele – wie Kant noch annahm – würde sich das Wechselwirkungsproblem nicht verstehen lassen, jene Offensichtlichkeit, dass Vorstellungen und Phantasien körperliche Effekte hervorrufen können. Wenn Seelisches nicht eine Struktur organischer Materie wäre, ließe sich Bewusstsein auch niemals in einem anderen Träger-Medium realisieren. Die Idee einer künstlichen Intelligenz, wobei mentale Funktionen auf mechanischen, elektronischen oder anderen nicht-organischen Trägerbasen aktiviert werden, wäre von vornherein ausgeschlossen. Es erscheint aber als eine arrogante Voreingenommenheit gegenüber allen informationsverarbeitenden Maschinen zu behaupten, dass eine solche Rekonstruktion unmöglich sei. Deshalb wäre es voreilig, die algorithmische Kompressibilität (Naturgesetzlichkeit) des Mentalen a priori auszugrenzen. Methodisch gesehen ist es immer sinnvoller, die Erkennbarkeit eines Bereiches anzunehmen als dessen Analyse-Resistenz dogmatisch zu behaupten. Weiterführend ist es hingegen zu versuchen, ob man zentrale Züge des menschlichen Seelenvermögens – wie die Autonomie – auf Maschinen eines bestimmten Komplexitätsniveaus rekonstruieren kann. D. Dörner hat dies vor kurzem in eindrucksvoller Weise durchgeführt, indem er die Seele als ein Steuerungssystem rekonstruiert hat, das ein organisches System zur Selbstbestimmung befähigt. Autonomie tritt danach als stammesgeschichtliche Errungenschaft auf, weil es den Individuen bestimmte Überlebensvorteile verschafft.

Zuweilen wird der Naturalismus als pragmatische Vorgabe gesehen, die es erlaubt, ungestört Wissenschaft zu betreiben. Ich plädiere dafür, den Naturalismus als philosophische Hypothese über die Welt anzusehen: Sie ist nicht direkt falsifizierbar, ist aber indirekt fallibel, weil kritisierbar. Nach Popper reicht die Kritisierbarkeit aus, um eine Hypothese als wissenschaftlich zu qualifizieren. Popper anders als Wittgenstein hielt an der Existenz genuiner philosophischer Probleme und Hypothesen über die Welt fest. Eine Widerlegung des Naturalismus erfolgt damit nicht durch Beobachtung oder Experimente, sondern durch Bezug auf die heute bewährten Theorien der Wissenschaft.

Naturalismus vs. Theismus

Der schwache Naturalismus ist nichts anderes als die sparsamste philosophische Hypothese über die Beschaffenheit der Welt. Auch der starke Naturalismus ist natürlich kritisierbar. Vor allem im Bereich der Kosmologie: Der Theologe W. L. Craig hat vor kurzem versucht zu zeigen, dass das Standard-Urknall-Modell der Kosmologie nicht ohne Rekurs auf einen transzendenten Schöpfungsvorgang verstanden werden kann. Adolf Grünbaum hat diesen Argumentationsgang heftig kritisiert und auch Quentin Smith hat die theistische Deutung der Anfangssingularität als non sequitur erkannt. Jedenfalls wird um den Naturalismus auf hohem intellektuellen Niveau in der analytischen Philosophie eine intensive Diskussion geführt.

Die Wechselwirkung spiritueller Entitäten mit materiellen (chemischen, biologischen, neuronalen) Systemen ist völlig ungeklärt: Was passiert im Detail, wenn zeitlose, unräumliche, masselose Entitäten mit materiellen Systemen in der Raumzeit wechselwirken. Kausalität wird durchweg reziprok begriffen (3. Newtonsches Gesetz). Was soll man sich aber bei der drastischen kategorialen ontologischen Differenz unter Reziprozität vorstellen? Es ist ungenügend, die kausale Interaktion nur zu behaupten, man muss sie – so wie im materialen Bereich – spezifizieren. Ein Austausch von Objekten, die Träger von Energie, Impuls oder Drehimpuls sind, lässt sich nicht auf eine psycho-physische Wechselwirkung übertragen, wenn die psychologische Seite keinen materiellen Träger besitzt.

Wie ist nun aber die Situation zu beurteilen, wenn keine Wechselwirkung zwischen außerweltlichem und innerweltlichem Bereich stattfindet? Dieser Fall liegt ja gerade bei schwachem Naturalismus vor. Methodisch gesehen, also von der Verfahrensseite her, ist dann alles noch viel seltsamer. Eine transzendente spirituelle Entität, die nicht die geringsten Spuren in einem völlig ontologisch und nomologisch autonomen Universum hinterlässt, ist de facto funktionslos. Es ist nicht logisch widersprüchlich anzunehmen, dass die naturale Welt eine übernatürliche Einbettung besitzt. Wenn von dort her keine Spuren in der Welt hinterlassen werden, bleibt es bei der logischen Möglichkeit der Existenz des einbettenden Bereiches, aber es fehlen jegliche gute Gründe, dass diese Einbettung tatsächlich existiert. Kognitiv zumindest ist eine solche Annahme ad hoc; vielleicht kann man ihr eine emotive Funktion zuordnen, eine palliative Rolle, um die Härte des Naturalismus abzumildern, aber systematisch gesehen ist eine derartige Hypothese willkürlich.

Auch der schwache Naturalismus ist mit dem traditionellen Theismus unvereinbar. Allenfalls könnte man den Pantheismus, wie ihn etwa Spinoza vertreten hat, einen naturalisierten Theismus nennen. Die Identifizierung der Natur mit einem göttlichen Wesen kann als Spiritualisierung der Natur oder als Materialisierung der Transzendenz gedeutet werden. Eine Reihe von Naturwissenschaftlern standen dem Pantheismus nahe, unter ihnen auch Einstein. Seine Bewunderung für den hohen Ordnungsgrad der Natur hat ihn immer wieder zu emphatischen Äußerungen verleitet. Vermutlich haben solche Bekenntnisse eine ästhetische Wurzel, der „gestirnte Himmel" erzeugte eben nicht nur bei Kant, sondern auch bei modernen Wissenschaftlern erhabene kosmische Gefühle. Systematisch ist aber vermutlich der Analyse Schopenhauers nichts hinzuzufügen: „Gegen den Pantheismus habe ich hauptsächlich nur Dieses, dass er nichts besagt. Die Welt Gott nennen, heißt sie nicht erklären, sondern nur die Sprache mit einem überflüssigen Synonym des Wortes Welt bereichern".

Finale oder kausale Deutung der Evolution

Ähnlich steht es auch mit der Teleologie: Zwecke, Ziele, globale Intentionen in die Natur hineinzutragen, wird heute in der Naturwissenschaft als eine Überschreitung der kausal-mechanistischen Erklärungsstrategie gesehen. Innerhalb des heutigen evolutionären Naturalismus wird die scheinbare Zweckmäßigkeit der Lebewesen als Anpassung erklärt und somit kausal gedeutet. Der evolutionäre Naturalismus ist deshalb antiteleologisch und kausalistisch, was aber das Moment des Zufalls einschließt. Wenn man durchgehend mit

kausalen Prozessen in der Naturerklärung auskommt, wird man nicht ohne Not teleologische Mechanismen einbauen. Sparsamkeit in Bezug auf Entitäten, Kräfte und Mechanismen heißt Naturerkenntnis mit Minimalontologie zu betreiben. So wenig Erklärungselemente wie möglich, aber so viel wie notwendig. Der methodische Grund dieser Beschränkung liegt darin, dass die einfachere von zwei Hypothesen, die also weniger Entitäten enthält, leichter prüfbar ist. Eine Hypothese mit mehr Größen, mehr Kombinationsmöglichkeiten kann weniger leicht an der Erfahrung scheitern. Mit ausreichend vielen Konstruktionselementen kann ein Theoriengebäude fast unwiderlegbar gemacht werden, wie man an der Ptolemäischen Astronomie gesehen hat. Selbstredend ist der Naturalismus kompatibel mit der Entdeckung neuer materieller Systeme, in dem Sinne ist er klarerweise ontologisch offen. Auf der anderen Seite muss der Naturalismus kategoriale Abgrenzungen vornehmen, um überhaupt Aussagekraft zu besitzen.

Der Naturalismus hat heute evolutionären Charakter. Das evolutive Paradigma hat nach und nach alle Ebenen der Komplexität erfasst. Zuletzt sogar das Universum. Darwins Theorie war eigentlich nur der Wegbereiter für den Entwicklungsgedanken auf allen Schichten der Natur. Eine abstrakte Form davon mit verallgemeinerter Dynamik bildet die Idee der Selbstorganisation (SO).

SO ist die Anwendung des Entwicklungsgedankens auf beliebige Strukturen: So spricht man z. B. von der chemischen Evolution einer Galaxis, wenn sie selber ihren Anteil an Metallen erhöht. Die Idee der SO brachte Formen der Naturalisierung mit sich, die, als sie die höheren Leistungen des Menschen erreichte, Proteste und Abwehrreaktionen hervorrief. Sprache, Erkenntnis, Moral, ästhetisches Vermögen als neurobiologische Produkte, als spontane Organisationsleistungen des Hirns zu entschlüsseln, erschien vielen als eine Entwertung und Herabsetzung des spezifischen „Humanums". Max Scheler hat in seinem Buch: „Die Stellung des Menschen im Kosmos" dieser Abwehrhaltung Ausdruck gegeben. Er meinte noch, dass über allen neurobiologischen Funktionen der noàj als der genuine Exponent des Geistes walte. Heute wird in der Philosophie des Geistes nirgendwo mehr von einem noàj Gebrauch gemacht. Die Naturalisierung des Geistes wird bis heute von vielen als „Entzauberung" (Max Weber) empfunden, als etwas, das uns den letzten Rest von Mittelpunktsbestimmung im Universum nimmt. Bei Jean Paul war es noch ein Alptraum, bei Nietzsche eine bestürzende Erfahrung und bei Steven Weinberg eine trockene Konstatierung, dass der menschliche Geist keine Sinnkonstitution im Universum leisten kann. Auch Entrüstung hat somit eine Dämpfungskurve.

Eine wichtige Funktion bei der Naturalisierung des Geistes haben die jüngst etablierten Brückendisziplinen ausgeübt, die die Verankerung der mentalen Funktionen in der Physis verstärkten. Soziobiologie, Psychobiologie, Neurobiologie, Biolinguistik, haben den von Scheler so betonten Hiatus von Geist und Materie stark verringert. Auch Kognitionsforschung und Computer-Wissenschaft greifen in das früher rein von der Philosophie beherrschte Gebiet von Anthropologie, Epistemologie und Ethik ein. Jüngst wurde die Ästhetik von der Evolutionstheorie erfasst. Einer meiner Gießener Kollegen ist dabei, eine evolutionäre Ästhetik auszuarbeiten.

Naturalisierung der Philosophie

Der vorstehende Prozess lässt sich durchaus als Naturalisierung der Philosophie beschreiben. Diese Entwicklung ist kaum rückgängig zu machen. Eine glaubwürdige Philosophie muss sich heute im Verein mit den Einzelwissenschaften bemühen, den Menschen, die Welt und deren kognitive Wechselwirkung zu begreifen. Nicht nur die Philosophie, die Geisteswissenschaften schlechthin können sich ohne Substanzverlust nicht von den Neuro-, den Informations- und den Kognitionswissenschaften isolieren. Die Geisteswissenschaften sind nicht mehr allein die genuinen Verwalter von Vernunft, Subjektivität und Emotion. In den naturwissenschaftlich orientierten Spezialdisziplinen, wie z. B. Psychopharmakologie wird religiöses Bewusststein analysiert; Psycho-Robotik rekonstruiert die Autonomie des menschlichen Subjektes, Verhaltensgenetik die Koevolution von Natur und Kultur. Eine naturalistische Anthropologie ist dabei, Kernbegriffe der Hermeneutik und Geisteswissenschaften wie Person, Selbst, Subjekt in eine objektivierende wissenschaftliche Sprache zu übertragen. Dass dabei auch emotionales Pathos verloren geht, mag manchen stören, ist aber de facto kein kognitiver Verlust.

Es ist zu erwarten, dass bei einer objektiven Rekonstruktion des Bewusstseins manche Vorurteile der Folklore-Psychologie des Alltagsverstandes verloren gehen. Zum festen Bestand der Alltags-Psychologie gehört die Überzeugung, dass die Perspektive der ersten Person, in der wir über die eigenen psychischen Erlebnisse sprechen, von der objektiven neurophysiologischen Beschreibung nicht eingeholt werden kann, was Thomas Nagel in das berühmte Fledermaus-Gleichnis gekleidet hat. Das Argument hält jedoch nicht Stand, wie Paul Churchland gezeigt hat: Der privilegierte Zugang, den die Fledermaus und wir alle zu unseren inneren mentalen Zuständen besitzen, bedingt mitnichten, dass diese Zustände unphysikalisch sein müssen. Jeder Mensch hat auch einen privilegierten Zugang zu den Zuständen seiner Eingeweide, dennoch zweifelt er nicht, dass diese nach physiologischen Gesetzen funktionieren. Spezielle Informationskanäle zu bestimmten physiologischen Prozessen unseres Körpers bedingen keine immateriellen Zustände.

Die Freiheit des Willens

Eine ähnliche Rolle wie das Gefühl von der Besonderheit des Sprechens in der ersten Person spielt in der Naturalismus-Debatte die Freiheit des Willens. Dies ist ein Lieblingsthema der idealistischen Philosophie. Angeblich ist aus dieser evidenten Fähigkeit des Menschen antinaturalistisches Kapital zu schlagen. Schon Spinoza und Voltaire haben diese Begriffszusammenstellung als inkohärente Kombination kritisiert. Die analytische Philosophie ist fast durchweg dieser Kritik gefolgt. Schlick, Carnap, Russell beziehen den Freiheitsbegriff ausschließlich auf den Handlungsbereich und explizieren die Freiheit des Handelns als Abwesenheit von Zwang. Handlungsfreiheit lässt sich kohärent mit Naturkausalität zusammenbringen. Hobart hat darüber hinaus schon 1934 in einer vielbeachteten Arbeit gezeigt, dass für einen sinnvollen Begriff moralischer Verantwortlichkeit die Kausalstruktur der Welt sogar unabdingbar ist. Die sich uns anscheinend als unhinterfragbar aufdrängende Intuition von der Ursachlosigkeit unserer Entscheidungen ist eine der vielen Illusionen unserer Alltags-Psychologie. Die moderne Neurophilosophie hat die Überzeugung von der Infallibilität der Introspektion längst fallengelassen. Es ist viel glaubwürdiger, dass wir selber unsere internen mentalen Prozesse falsch einschätzen, als dass wir ausgerechnet in dieser fluktuierenden Welt sicheres Wissen besitzen.

Normativer Naturalismus

Die Übertragung der naturalistischen Denkweise auf den normativen Bereich hat von jeher Zweifel geweckt. Aufgrund der weithin akzeptierten Barriere zwischen dem Reich des Faktischen und der Welt der Normen und Werte schien sich hier ein unüberwindlicher Hiatus aufzutun, den der Naturalismus keineswegs überbrücken könne. Bis in die Gegenwart verteidigen u. a. die Vertreter einer theonomen Moral die Irrelevanz deskriptiven Wissens für die Welt der Normen. So der evangelische Theologe Georg Hunteman: „Biblisches Ethos kann sich nicht an der Natur orientieren". Man muss den früheren Rationalisten und Aprioristen zu Gute halten, dass lange Zeit nichts über die stammesgeschichtlichen Engramme im Gehirn bekannt war. Mit der Kenntnis spezifischer Orientierungen, Neigungen, Tendenzen unserer emotiven biologischen Basis ließ sich die Existenz absoluter extrasomatischer Werte schlecht verbinden. Daraus resultierte das Unternehmen der Bioethiker wie E. Wilson und M. Ruse, Moralphilosophie als angewandte Wissenschaft zu begreifen. Damit hat die Naturalisierungsstrategie auch die Ethik erreicht: Je besser man die materielle Basis des wertenden Systems versteht, um so eher werden die Quellen der moralischen Haltungen und Einstellungen plausibel. Wenn man erkannt hat, dass viele Werte stammesgeschichtliche Adaptionen darstellen, damit Optimierungen für den Existenzkampf bilden, dann ist eine platonische Existenzform der Werte höchst unglaubwürdig. Naturalisierung in der Ethik heißt nicht einfach, naturwüchsige Tendenzen gut zu heißen, sondern unser Gefühl von moralisch Richtig und Falsch, das als Basis für unseren ethischen Kanon dient, als Optimierung der Evolution des Gehirns zu erkennen. Man will also aus der materialen Basis des moralischen Fühlens die heute akzeptierten Verhaltensregeln gewinnen. Soweit befinden wir uns auf der Erklärungsebene.

Die Naturalisten wie E. O. Wilson sind aber auch überzeugt, dass selbst für die Rechtfertigungsebene die emotive Basis unserer Wertungen von Belang ist. Um nicht bei der Restriktion, die jede Ethik darstellt, an den moralischen Subjekten vorbeizunormieren, müssen Brückenprinzipien (H. Albert) eingesetzt werden. Ein klassisches Brückenprinzip ist aus dem Römischen Rechtssystem bekannt: „Ultra posse nemo obligatur". Die Verpflichtung des moralischen Subjektes muss auf die empirischen Möglichkeiten Rücksicht nehmen. Die empirischen Möglichkeiten sind aber gerade die schon erwähnten stammesgeschichtlichen Programmierungen. In Unkenntnis der faktischen Natur des Menschen wurden diese durch aprioristische Normierungen in unsinnige Konflikte hineinmanövriert.

Der Paradefall eines solchen Konfliktes war die über Jahrhunderte verteidigte Sexualethik, in der an die Menschen den biologischen Programmen extrem zuwiderlaufende Forderungen gestellt wurden, die auf der anderen Seite für ein glückliches Zusammenleben der Geschlechter gar nicht erforderlich war. Die normative Prinzipien-Ethik entartete in diesem Fall zu einem Zwangssystem, weil keine Brücken zur faktisch im Menschen verankerten Triebsituation vorhanden wa-ren. In Kants „Metaphysik der Sitten" findet man viele Beispiele dafür, wie idealistische Leitvorstellungen ohne Rücksicht auf empirische Gegebenheiten der biologischen Natur des Menschen zu absurden ethischen Forderungen geführt haben. Hingegen gehen moderne Vertreter einer evolutiven Ethik wie Michael Ruse dazu über, die Dispositionen des Individuums aus der Stammesgeschichte in Rechnung zu stellen, wenn es sich um die Gewichtung von Mustern des Sexualverhaltens handelt. Naturalismus in der Ethik bedeutet also – dies ist zu beto-nen – kein blindes Übernehmen von natürlichen Verhaltensmustern, sondern die Berücksichtigung der faktischen Strebungen bei der Aufstellung von Handlungsnor-men, um die Spannung zwischen Sollen und Wollen zu minimieren. Eine naturalisti-sche Ethik wird also sicher sparsam mit Restriktionen umgehen. Nur so viele Forde-rungen werden aufgestellt, dass das Wohlbefinden aller Individuen der Gemeinschaft garantiert ist. Ziel einer solchen Ethik ist, dass Menschen nicht aus Selbstzweck irgendwelche Prinzipien erfüllen müssen, sondern dass alle – soweit von den materi-alen Randbedingungen her möglich – ein aus ihrer eigenen Sicht gelungenes Leben führen können. So steht die naturalistische Ethik im Dienste der Idee eines glück-lichen Lebens, dem Zentrum eines modernen säkularen Humanismus

 

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 

Weitere Arbeiten zum Thema Initiative Humanismus siehe hier.

 

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Humanismus, Wissenschaft abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

28 Antworten auf Grundzüge einer naturalistischen Philosophie und Ethik

  1. Frank Berghaus sagt:

    Ich hätte mir keinen besseren Artikel als diesen zum Jahresausklang im Rahmen unserer Initiative Humanismus denken können. Kanitscheider ist einer der führenden Köpfe des Humanismus in Deutschland – und ich bin sehr froh, ihn zu meinen akademischen Lehrern zählen zu dürfen.

  2. Argutus sagt:

    Ontologischer Monismus ist also durchaus mit strukturalem Pluralismus vereinbar,

    In der Tat. Allerdings sehe ich diesen ontologischn Monismus nicht als eine von mehreren möglichen weltanschaulichen Positionen sondern als logisch zwingend (und somit letztlich inhaltsleer) an.

    Alles, was im Namen dieses Monismus hier abgelehnt wird, kann ja logischerweise nur entweder existieren oder nicht existieren. Existiert es nicht, dann ist es ontologisch irrelevant. Existiert es aber, dann gehört es dem Bereich des Seienden an und (wegen der behaupteten Wechselwirkungen mit der Materie) auch derselben Wirklichkeit.

    Somit hat die Frage ob es beispielsweise eine Lebenskraft gibt, eine separat existenzfähige Seele oder den Erzengel Gabriel nichts mit Transzendenz zu tun sondern lediglich damit, wie das Immanente eben beschaffen ist.

    Nach allem, was wir heute wissen, gibt es die vis vitalis nicht. Gäbe es sie aber, dann wäre sie eben eine jener Kräfte, die zu erforschen Aufgabe der Physik wäre. Nichts Besonderes also, einfach "science as usual". Für alles andere, das "transzendent" genannt wird, gilt das analog.

    ontologische Sparsamkeit

    Diese Sparsamkeit ist in der Wissenschaft selbstverständlich geboten, nur wüßte ich nicht, warum man sie "ontologisch" nennen sollte. Das ist ganz einfach das Ockhamsche Prinzip. Kommt man mit der anfangs gewählten Sparsamkeit in irgendeinem Fall doch nicht aus, dann (und nur dann) müssen eben neue "entia" postuliert werden. Die haben aber keine ontologische Sprengkraft sondern wären bloß weitere Dinge, die ganz einfach existieren so wie die schon länger bekannten auch.

    Kurzum: Ich stelle in Abrede, daß es eine reale Dichotomie zwischen physischen und metaphysischen Objekten gibt, nur weil aus kulturgeschichtlichen Gründen diese Einteilung vorgenommen wird. Dinge existieren oder sie existieren nicht. Das zu klären ist Sache der Wissenschaft. Die Philosophie kann da keine verläßlichen Erkenntnisse beisteuern.

  3. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Ein Austausch von Objekten, die Träger von Energie, Impuls oder Drehimpuls sind, lässt sich nicht auf eine psycho-physische Wechselwirkung übertragen, wenn die psychologische Seite keinen materiellen Träger besitzt.

    Eben. Darüber lästerte man ja schon 1277, dass die "immaterielle" Seele nicht im "materiellem" Fegefeuer leiden könne.

    D. Armstrong hat darüber hinaus auch einen „starken Naturalismus" verteidigt, wonach ein Transzendenzbereich ausgeschlossen wird und somit das Universum, so wie es heute von der Wissenschaft erforscht wird, alles ist, was es gibt. Er benützt dabei das Argument der Begründungslast: Derjenige, der für die Existenz eines Seins-Bereiches plädiert, trägt die argumentative Stützungslast.

    Aus der gleichen Überlegung wie weiter oben.

    Mit diesem Artikel Professor Kanitscheiders bekam "wissenbloggt" einen excellenten Jahresabschluss. 

  4. Uwe Lehnert sagt:

    Ich kann Frank Berghaus und I. Ahrens nur beipflichten. Der Beitrag von Kanitscheider beschreibt in höchst prägnanter Weise die Basis eines naturalistischen Humanismus. Man sollte ihn sich ausdrucken, sich im Detail erarbeiten und in seinen wesentlichen Aussagen verinnerlichen. Ich kenne keine Schrift, die in so knapper Form ein Weltbild skizziert, das meinen philosophischen und naturwissenschaftlichen (=wirklichkeitswissenschaftlichen) Einsichten so weitgehend entspricht. Ich gehe davon aus, dass die meisten hier versammelten Mitstreiter das ganz ähnlich sehen. Ein Fremdwörterbuch sollte man zur Hand haben, dann aber wird man feststellen, dass es sich um eine höchst einsichtige, Argumente liefernde, in sich stimmige Darstellung dessen handelt, worum wir uns hier auf den Seiten von wissenbloggt.de als Fundament für unser Denken und Handeln bemühen. Es ist nicht zuletzt die ruhige und unprätentiöse Art Kanitscheiders, die überzeugt und eigentlich auch unsere ideologischen Widersacher wenigstens zum Nachdenken anregen sollte.

  5. Tutnix sagt:

    Sehr kompakt!

  6. Frank Berghaus sagt:

    Der von Kanitscheider empfohlene "sparsame" Umgang mit Normierungen sollte uns auch bei der Erstellung unseres Manifests leiten. Es wird daher auch keine neuen "zehn Gebote" geben können, sondern allenfalls Anreize zu Nachdenklichkeit und Besinnung die eigene Lebenseinstellung betreffend.

  7. Steffen Rehm sagt:

    Den positiven Bewertungen kann ich mich mit meiner naturalistischen Sichtweise der Welt anschließen, aber nicht ohne meinen "Senf" dazuzugeben.
    Ausgangspunkt meiner Kritik ist der Begriff "Kausalität". In einer Welt, in der alles miteinander verbunden ist, können die "Wirkungen" Einfluss auf die "Ursachen" haben (Rückkoppelung). Damit wird eine begriffliche Trennung in Ursache und Wirkung fragwürdig, "Kausalität" kann in solchen Kreisprozessen nur als Ergebnis einer selektiven Anschauung gesehen werden.
    Als Ergebnis negativer Rückkoppelung entsteht bekanntlich zielgerichtetes Verhalten, z. B. im Streben nach Sollwerten in Regelkreisen. Finalität ist somit ein Spezialfall von (rückbezüglicher) Kausalität und kann bei der Beschreibung von selbstreferentiellen Systemen nicht übersehen werden.
    Unklarheit erscheint mir in der Verwendung des Begriffes "Sinn". Sinn erscheint wichtig, wenn der Autor schreibt:
    "Deshalb ist es sinnvoll, die Welt auch als epistemisch geschlossen zu betrachten. Im Sinne des stratonischen Immanenz-Prinzips wird die Welt aus sich heraus erklärt. Alle sinnvollen Probleme werden mit immanenten Mitteln gelöst."
    oder:
    "Methodisch gesehen ist es immer sinnvoller, die Erkennbarkeit eines Bereiches anzunehmen"
    sowie: "Hobart hat …..gezeigt, dass für einen sinnvollen Begriff moralischer Verantwortlichkeit….."
    aber er unterstützt:
    "bei Steven Weinberg eine trockene Konstatierung, dass der menschliche Geist keine Sinnkonstitution im Universum leisten kann."
    Da wüsste ich gern, was hier eigentlich unter "Sinn" verstanden werden soll.
    Zum Problem "Freiheit":
    "Schlick, Carnap, Russell beziehen den Freiheitsbegriff ausschließlich auf den Handlungsbereich und explizieren die Freiheit des Handelns als Abwesenheit von Zwang".
    Dazu möchte ich an eine wesentliche Ergänzung von Aristoteles erinnern, der freies Handeln als "ohne Zwang und mit Wissen" definiert.
    Zum Abschluß noch, was mir besonders gefällt: Der Autor fordert mit D. Dörner "die algorithmische Kompressibilität (Naturgesetzlichkeit) des Mentalen". Darin sehe ich eine zukunftweisende Richtung, denn eine Theorie ist erst optimal, wenn sie in mathematischer Form vorliegt. Dieser Ansatz sollte auch für "Sinn" und "Sprache" verfolgt werden.
    In diesem Sinn wünsche ich einen guten Rutsch.

  8. Ich hatte ja schon mehrmals auf Bernulf Kanitscheider hingewiesen und wurde auch von Kommentatoren dafür abgestraft. :-) Deswegen freut es mich besonders, diesen Artikel lesen zu dürfen. Ganz generell scheint mir die Philosophie besser zu werden, wenn die von Physikern oder Biologen oder Soziologen betrieben wird… Guten Rutsch!

  9. Frank Berghaus sagt:

    #8 BeginnersMind am 31. Dezember 2011 um 16:16

    An Abstrafungen kann ich mich nicht erinnern :-)

    Diesen Artikel, der aus dem Jahr 2003 stammt, habe ich mit Absicht für den heutigen Tag zurückgehalten, was für Wertschätzung meines akad. Lehrers Kanitscheider, nicht aber für Missachtung spricht.

  10. Sehr schön. Versteht jedes Kind :) Vorausgesetzt es werden einfachere, eingängigere, gebräuchlichere Worte verwendet als wie z.B. "fluktuierenden" und es besitzt an einem Minimum an ehrlicher Denkweise, erlebt die Welt als gegenseitig bedingendes Gebilde und hat die Freiheit zu Denken, was leider wirklich nicht selbstverständlich ist (Leistungsdruck u.Ä.).
    Aber man könnte noch ein anderes Fass aufmachen. Soviel zur Erkenntnis, aber wie sieht es mit der Wirkung dieser Erkenntnis aus? Ist Wahrheit, Erkenntnis (immer) gut, sinnvoll, nützlich?
    Dieser Gedankengang ist mir selbst eher unangenehm und ich sehe auch keine, kaum Alternative.
    Wenn Religion, Götterglaube tatsächlich Einfluss auf das Verhalten hat könnte man sich selbst natürlich dadurch ausrichten, also stabilisieren, also aber auch unbeweglicher, unflexibler machen.
    Allerdings müsste dazu erst einmal eine annehmbare Vorstellung existieren oder erstellt und anschließend dessen Geburtsstunde vergessen werden (stattdessen z.B. Ewigkeit angenommen werden ;)
    Unvorstellbar ;) Ich werde sowas wohl mit an Sicherheit, grenzender Wahrscheinlichkeit nicht leben können und wohl auch nicht wollen. Trotzdem.
    Red.: Sorry, dieser Kommentar wurde erst eben entdeckt. Er war aus Versehen in der Versenkung verschwunden.

  11. Dr.Berthold Fritz sagt:

    Danke für diese Bereicherung. Der Artikel beweist wieder einmal, dass wir das Wissen der „Alten“ -von Aristoteles bis Schopenhauer -nicht nur in toto beweihräuchern sollen, sondern das herausnehmen, was bis heute Bestand hat. Nur das ist Basis und Fundament, Säule und Tragwerk.
    Mit diesen in diesem Artikel gegebenen Definitionen und Zusammenfassung des heutigen Wissens kann man in der kommenden Zeit vernünftig arbeiten.
    Ich gebe unumwunden zu, dass die Thematik und brilliante Ausdrucksweise für mein soeben im neuen Jahr erwachten Gehirn ein starker Tobak war. Heute abend lese ich ihn zum zweiten Mal.Und bald muss ein pfiffiger Redakteur gefunden werden, der diese Fakten volksnah und witzig übersetzt. An die Arbeit im ersten Jahr des Humanzismus!

  12. Dr.Berthold Fritz sagt:

    @8 BeginnersMind: „Ganz generell scheint mir die Philosophie besser zu werden, wenn die von Physikern oder Biologen oder Soziologen betrieben wird… “
    Daraus schliessen wir, dass die Innenansicht Wissen bringt, aber die Aussenansicht ueber die praktische Nutzung entscheidet. Das können wir in der Initiative Humanismus umsetzen bei der Förderung des Umdenkens in der Bevölkerung. Die 88% der Bevölkerung, die nicht oder selten in ihrem oder einem Gotteshaus erscheinen, wissen nur noch nicht genau, warum sie nicht glauben, sie können es nicht formulieren, es ist nur so ein Gefühl, daher bewahren sie zumindest die Traditionen und Riten.Letzteres ist o.k., aber uns obliegt die Aufgabe, den Christbaum von altem Schmuck zu entkleiden und neue Kugeln des Wissens anzuhängen, so dass die Menschen auch konkret wissen, warum sie ohne schlechtes Gewissen der Kirche fernbleiben können.

  13. pinetop sagt:

    Echt beeindruckend, dieser Artikel. Also ich muss ihn mehrmals lesen.

  14. Rechtspopulist sagt:

    "Die Natur ist auf der fundamentalen ontologischen Ebene aus den Elementen Teilchen, Feldern und Raumzeit aufgebaut, wobei alle strukturell verflochten sind."
     
    Da frage ich mich als Laie: Was ist überhaupt "die Natur"? Und woher können wir wissen, wie sie jenseits unserer eigenen Erkenntnismöglichkeit aufgebaut ist?
     
    "Die Vielfalt der Welt hat sich im Laufe der kosmischen Evolution gebildet, sie ist eine Leistung der Selbstorganisation der Materie."
     
    Ich nenne diese Denkweise jetzt einmal Materialismus statt Naturalismus.
     
    "Dieser innerweltliche Naturalismus behauptet die keineswegs besonders gewagte Aussage, dass das Universum in seinem empirisch, aber auch theoretisch fassbaren Bereich ohne Rekurs auf autonome spirituelle Entitäten, besondere Lebenskraft oder teleologische und transzendente Wirk-Faktoren erkannt werden kann."
     
    Ist dieses Postulat nicht selbst bereits metaphysischer Art, indem es Aussagen über etwas – nämlich die totalität der Welt – tätigt, ohne dass diese aber menschenmöglicher Erkenntnisgegenstand sein kann?
     
    "Der schwache Naturalismus schließt einen transzendenten Seinsbereich nicht aus, sondern behauptet nur, dass für das Verständnis des Kosmos auch in den höheren Entwicklungsstufen (Leben, Bewusstsein, Erkennen) supernaturale Faktoren nicht gebraucht werden (ontologische Sparsamkeit)."
     
    Entweder etwas ist – ungeachtet der Frage nach menschenmöglicher Erkenntnis desselben – existent oder nicht. Daher wäre, sofern man von Natur spricht, nicht darüber zu diskutieren, was "transzendent" im Sinne von etwas Spuernaturelem sei, sondern wenn schon, dann ob es der Natur als mögliche Wirkkraft, als Gestaltungsgesetz oder wie auch immer beschaffene Qualität immanent ist oder eben nicht.
     
    "D. Armstrong hat darüber hinaus auch einen „starken Naturalismus" verteidigt, wonach ein Transzendenzbereich ausgeschlossen wird und somit das Universum, so wie es heute von der Wissenschaft erforscht wird, alles ist, was es gibt."
     
    Der Stand der Forschung wird dabei mit dem Universum oder anders gesagt mit der Natur an sich gleichgesetzt. Nur ist der aktuelle Forschungsstand etwas, von dem ein Forscher nicht wissen kann, dass eine solche Identität besteht. Er kann diese also nur postulieren.
     
    "Er benützt dabei das Argument der Begründungslast: Derjenige, der für die Existenz eines Seins-Bereiches plädiert, trägt die argumentative Stützungslast.
    Der Transzendenz-Skeptiker nimmt dabei eine abwartende Haltung ein: er wartet, bis der Verteidiger einer außerweltlichen Ontologie seine guten Gründe vorbringt
    ."
     
    Eine solche Transzendenz wäre aber, sollte sie existieren Teil der Realität, würde also – ob nun möglicher Erkenntnisgegenstand oder nicht – Teil der Natur, ihr also immanent sein. Es geht also letztlich um die Frage nach der Beschaffenheit der Natur an sich bzw. in ihrer Totalität.
    Und hier kommt nun der entscheidende Aspekt: Ebenso, wie der Naturalist gegenüber behaupteten Enitäten dieser oder jener Art, seien es engel, Archonten oder sonstwas Skeptiker ist und für solche Behauptungen Breweise fordert, lässt sich die Beweislast auf seine eigenen Behauptungen übertragen. D.h.: Wer eine objektive "Selbstorganisation der Materie" behauptet, tätigt damit eine Aussage, der gegenüber sich nicht weniger skeptisch sein lässt, so dass er auch die Beweislast für die Existenz einer solchen "Materie" und ihrer Organisationsfähigkeit hat, die immerhin als solche gar kein Erkenntnisgegenstand ist.
    Um es plakativer zu sagen: Wir haben es in beiden Fällen mit metaphysischer Spekulation zu tun. Nun sind verschiedene Menschen ihrer Gesiteshaltung entsprechend eher geneigt, entweder in die eine oder andere Richtung zu tendieren. Damit aber ist und bleibt diese Thematik eine rein weltanschauliche.
     
    "Der Skeptiker ist dabei nicht gezwungen, Gründe für die Nichtexistenz der in Frage stehenden Seinsbereiche zu bringen. Solange es dem Verteidiger einer supernaturalen Einbettung des Kosmos nicht gelingt, einsichtige Gründe für diese ontologische Erweiterung zu bringen, wird sich der Skeptiker nicht überzeugen lassen."
     
    Das aber ist – wie gesagt – Sache der Geisteshaltung. Ebenso wie irgendein Moslem seinen Erzengel Gabriel nicht beweisen kann, kann der Naturalit seine sich selbst organisierende Materie nicht beweisen.
     
    "Moderne Psychologen haben in Einklang mit Aristoteles' naturalistischer Psychologie darauf hingewiesen, dass die Seele nur dann verstehbar, erforschbar ist, wenn sie gesetzesartigen Regularitäten sowie der Naturkausalität unterworfen ist."
     
    Was ist hier "Naturkausalität"? Und was ist, wenn wesentliche Gestaltungsgesetze, die im Bereich des Seelischen und geistigen wirksam sind, derzeit (noch) kein Gegenstand kausalanalytischer Betrachung sind?
     
    "D. Dörner hat klar gezeigt, dass eine wissenschaftliche Psychologie voraussetzt, dass Seelisches algorithmisierbar sei. Ohne diese Annahme könnte man für psychologische Phänomene gar kein kausales Modell mit Erklärungsanspruch erstellen."
     
    Die "Algorithmisierbarkeit des Seelischen" ist also lediglich ein Postulat. Mit anderen Worten: Es wird eine Beschaffenheit des Seelischen postuliert, folglich ein Konstrukt entworfen, das dann – ungeachtet einer möglichen tatsächlichen Beschaffenheit, die ja immerhin eine weit komplexere und andere sein kann als postuliert, erforscht werden soll?
    Platt gesagt: wir setzen den Materialismus erst einmal voraus und auf Basis dieser Voraussetzung forschen wir dann kausalanalytisch um mit unserer Forschung zu dem Ergebnis zu gelangen, das unserem Postulat entspricht – und das tun wir genau aufgrund unserer eigenen weltanschaulichen Sichtweise. :-)
     

  15. Rechtspopulist sagt:

    #12Dr.Berthold Fritz am 1. Januar 2012 um 12:19
    "Das können wir in der Initiative Humanismus umsetzen bei der Förderung des Umdenkens in der Bevölkerung. Die 88% der Bevölkerung, die nicht oder selten in ihrem oder einem Gotteshaus erscheinen, wissen nur noch nicht genau, warum sie nicht glauben, sie können es nicht formulieren, es ist nur so ein Gefühl, daher bewahren sie zumindest die Traditionen und Riten."
     
     
    Was ist das? Missionarischer Materialismus? :-)
    Das Problem dabei ist, dass nicht jeder, der nicht zur Kirche rennt, automatisch ein Materialist ist oder dass man ihm nur einen neuen Glauben eintrichtern müsse, auf dass er nun endlich so funktioniert, wie man ihn sich wünscht.
     
     
    "Letzteres ist o.k., aber uns obliegt die Aufgabe, den Christbaum von altem Schmuck zu entkleiden und neue Kugeln des Wissens anzuhängen, so dass die Menschen auch konkret wissen, warum sie ohne schlechtes Gewissen der Kirche fernbleiben können."
     
     
    Der Punkt ist nur, dass zwischem tatsächlichem Wissen und weltanschaulich bedingten metaphysischen Aussagen eine Differenz besteht, über die sich nicht hinwegtäuschen lässt.
    Was ist denn beispielsweise der Unterschied zwischen einem Pantheismus und der Annahme einer sich selbst organisierenden "Materie"?

  16. Rechtspopulist sagt:

    Bevor ich ins Bett gehe noch eine Frage an die Experten:
    Kann man sich im Universum theoretisch ein zweites Sonnensystem wie das unsrige denken, auf dem theoretisch eine identische Evolution stattfindet?
    Wenn ja: Könnten auf dieser angenommenen Erde dann auch Menschen leben, die so beschaffen sind wie wir?
    Wenn ja, dann wären doch die Gestaltungsgesetze, nach denen die Evolution abläuft, als solche völlig unabhängig, ob diese Evolution nun tatsächlich auch stattfindet oder nicht. Dann aber kann es keine sich selbst organisierende Materie geben, sondern Gestaltungsgesetze universeller Beschaffenheit. Ja, selbst wenn es gar kein Universum gäbe, wären diese Gesetze davon völlig unberührt, denn sobald eins entstünde, folgte es diesen und nicht, dass es sie sich selbst schafft.
    Man kann es auch anders formulieren: Wäre es denkbar, dass es im 500.000 Jahren gar keine Menschen mehr gibt, sondern mögliche Erdbewohner, die in ihrer Beschaffenheit einem heutigen Menschen vergleichbar weit überlegen sind wie wir etwa einem Menschenaffen?
    Wenn ja, dann gibt es die Gestaltungsgesetze der Natur, die genau zu deren Existenz führen schon jetzt – und zwar der Natur immanent. Zur ontologischen Frage nach dem, was nun existiert oder nicht, zählen also offensichtlich universelle Gestaltungsgesetze ebenso wie die Sphäre des Möglichen aber noch nicht existierenden.  Wir Menschen waren ja auch als Erdenbewohner möglich als es uns noch nicht gab. Fliegende Elefanten hingegen waren noch nie möglich, weil die vom Himmel fallen würden.
    So, ich muss ins Bettchen – gut's Nächtle!

  17. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #14 Rechtspopulist am 8. Januar 2012 um 23:22
    Da frage ich mich als Laie: Was ist überhaupt "die Natur"? Und woher können wir wissen, wie sie jenseits unserer eigenen Erkenntnismöglichkeit aufgebaut ist?
    Zu überlegen, was man theoretisch jenseits erkennen kann, ist nun schon lange nicht mehr die spannende Frage. Spannender ist wohl allemal, was wir praktisch diesseits unserer Erkenntnisfähigkeit von ihrem Aufbau mitbekommen haben.

    Ich nenne diese Denkweise jetzt einmal Materialismus statt Naturalismus.
    Bravo! :ok:  :clap:

    Entweder etwas ist – (…) – existent oder nicht. Daher wäre, sofern man von Natur spricht, nicht darüber zu diskutieren, was "transzendent" im Sinne von etwas Spuernaturelem sei, sondern wenn schon, dann ob es der Natur als mögliche Wirkkraft, als Gestaltungsgesetz oder wie auch immer beschaffene Qualität immanent ist oder eben nicht und auch Eine solche Transzendenz wäre aber, sollte sie existieren Teil der Realität,
    Wo jemand Recht hat, da hat er Recht.
     

    #15 Rechtspopulist am 8. Januar 2012 um 23:29
    Der Punkt ist nur, dass zwischem tatsächlichem Wissen und weltanschaulich bedingten metaphysischen Aussagen eine Differenz besteht, über die sich nicht hinwegtäuschen lässt.
    Nur, solange man an die metaphysische Wirklicklichkeit glaubt. Ansonsten ist zum einen das tatsächliche Wissen gegeben und zum anderen ein Rest von Unwissen und mehr oder minder wilder Spekulation, den viele für metaphysisch halten oder von dem sie ganz Besonderes zu wissen glauben und wenige, dass man diesen Rest schon noch erforschen kann – oder eben nicht.

     
    #16 Rechtspopulist am 8. Januar 2012 um 23:51
    Wenn ja: Könnten auf dieser angenommenen Erde dann auch Menschen leben, die so beschaffen sind wie wir? – Wenn ja, dann wären doch die Gestaltungsgesetze, nach denen die Evolution abläuft, als solche völlig unabhängig, ob diese Evolution nun tatsächlich auch stattfindet oder nicht. Dann aber kann es keine sich selbst organisierende Materie geben, sondern Gestaltungsgesetze universeller Beschaffenheit.
    Wo ist Ingo Bading? Wie hieß er noch, dessen Buch über Kongruenzen oder Konvergenzen so wichtig war?
    Diese "Gestaltungsgesetze" universeller Beschaffenheit mit einer Blaupause zu vergleichen, mit der "jemand" die Regeln des Universums kreiert hat, heißt doch, dass eine "übermaterielle" Kraft am Planen war. Woher diese ewige Sehnsucht nach einem Übervater, der alles wohlgeordnet vorschreibt?

    Wäre es denkbar, dass es im 500.000 Jahren gar keine Menschen mehr gibt, sondern mögliche Erdbewohner, die in ihrer Beschaffenheit einem heutigen Menschen vergleichbar weit überlegen sind wie wir etwa einem Menschenaffen?
    Ja — und? Dann gibt es sie eben – oder auch nicht. Falls nicht die Menschheit etwa 2070 sich erst einmal mit ganz üblen Verhältnissen abplagen muss. So übel, dass keiner weiß, wie lange sie benötigt, um aus diesem Sumpf wieder heraus zu kommen.

    Wenn ja, dann gibt es die Gestaltungsgesetze der Natur, die genau zu deren Existenz führen schon jetzt – und zwar der Natur immanent.
    Trugschluss ganz simpler Art

    Zur ontologischen Frage nach dem, was nun existiert oder nicht, zählen also offensichtlich universelle Gestaltungsgesetze ebenso wie die Sphäre des Möglichen aber noch nicht existierenden.  Wir Menschen waren ja auch als Erdenbewohner möglich als es uns noch nicht gab. Fliegende Elefanten hingegen waren noch nie möglich, weil die vom Himmel fallen würden.
    I love Dumbo and his great ears. Na klar sind fliegende Elefanten möglich – etwas schlanker geworden und mit den Schwanz als kleinen Ausgleichspropeller. Das ist in der oben erwähnten Blaupause für 732.855 n. Chr. vorgesehen, nachdem der Zivilisation der Supermenschen 648.340 n. Chr. durch einen Angriff von mehreren Hundert Divisonen Superhornissen der Garaus gemacht wurde, die ihrerseits 17 Jahre später am neuen Abwehrgift der Ringelblume eingegangen sind.

  18. Argutus sagt:

    #16 Rechtspopulist am 8. Januar 2012 um 23:51

    Kann man sich im Universum theoretisch ein zweites Sonnensystem wie das unsrige denken, auf dem theoretisch eine identische Evolution stattfindet?

    Rein theoretisch ja. Allerdings wäre das so exzessiv unwahrscheinlich, daß es lächerlich wäre, diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht zu ziehen.

    Für die theoretische Möglichkeit reicht aus, daß dabei keine bekannten Naturgesetze verletzt werden. Aber daß Milliarden von kleinen Zufällen, die auf die Evolution Einfluß genommen haben, irgendwo nochmals genau so ablaufen, ist eine abwegige Vorstellung.

  19. Rechtspopulist sagt:

    #17ilex (E. Ahrens) am 9. Januar 2012 um 01:16
    "Nur, solange man an die metaphysische Wirklicklichkeit glaubt. Ansonsten ist zum einen das tatsächliche Wissen gegeben und zum anderen ein Rest von Unwissen und mehr oder minder wilder Spekulation, den viele für metaphysisch halten oder von dem sie ganz Besonderes zu wissen glauben und wenige, dass man diesen Rest schon noch erforschen kann – oder eben nicht."
     
    Der Punkt dabei ist, dass ein ontologischer Monismus, in dem von einer "sich selbst organisierenden Materie" die Rede ist, eben genau selbst ein Glaube ist. Es ist halt der Glaube an ein metaphysisches Etwas, namens "Materie", das dazu die Eigenschaft hat sich selbst derart zu organisieren, dass dabei beispielsweise Menschen herauskommen. Das ist natürlich ein ebensolches metaphysisches Konstrukt wie Schopenhauers sich selbst zerfleischender Weltwille oder der liebe Gott.
    Und bezeichnenderweise steckt jeweils eine Gesiteshaltung dahinter, deren vertreter sich gerne all der Tricks und Schliche bedienen, wie wir sie beispielhaft von den Theologen her kennen. Lediglich die Vorzeichen sind andere. Alles haben diesen häßlichen "Rest von Unwissen" am Halse, aber keiner will sich davon stören lassen. Und so werden dann diese oder jene Behauptungen aufgestellt, die dann mit dem Anspruch dieser oder jener Autorität vertreten werden. 
     
    Dazu kommt die Problematik, dass solche Alles-Erklärungen in Wahrheit genau gar nichts sagen. Wenn meine Frau den Weihnachtsbaum schmückt, ist das dann ebenso ein Stückchen sich "selbst organisierende Materie" wie in den Kerkern der Tyranneien, auf der Sonnenoberfläche oder auf Schlachthöfen, in Kinos und Kirchen.
    In letzter Konsequenz sagt eine "sich selbst organisierende Materie" genau alles und gar nichts aus.
     
    "Diese "Gestaltungsgesetze" universeller Beschaffenheit mit einer Blaupause zu vergleichen, mit der "jemand" die Regeln des Universums kreiert hat, heißt doch, dass eine "übermaterielle" Kraft am Planen war. Woher diese ewige Sehnsucht nach einem Übervater, der alles wohlgeordnet vorschreibt?"
     
    Der "Vater im Himmel" ist etwas anderes als universelle Gestaltungsgesetze.
    Woher die grundsätzlich christliche Geisteshaltung, die von dir vorausgesetzt wird?
    Wenn du mit 179 km/h vor die Wand fährst und dann platt bist, wirken da auch Gesetzmässigkeiten, die nichts mit einem "Übervater" zu tun haben. Und wenn du ein teures Weinglas auf den Boden fallen lässt, wird es nicht zerbrechen, weil ein Gott es so will, sondern aufgrund von Gesetzmässigkeiten, nach denen solche Vorgänge ablaufen. Und solche Gesetzmässigkeiten sind im Bereich des Seelischen sowie des Geistigen völlig andere als in dem des Körperlichen.
     
    Insofern wundert es mich, dass ich plötzlich als Projektionsfläche für die Ablehnung einer religiös begründeten Bevormundung dienen soll. Also: Gesetzmässigkeiten sind etwas völlig anderes als der liebe Gott. :-)
    Deine fragestellung könnte ich auch mit umgedrehten Vorzeichen zurück geben. Warum der Zwang alles und nichts "erklären" zu müssen, anstatt klar einzugestehen, dass man halt nur ein begrenztes Wissen hat?
    Steckt da noch eine Rest-Angst hinter, die auf christlicher Sozialisation beruht?

  20. Rechtspopulist sagt:

    #2Argutus am 31. Dezember 2011 um 10:15
    "Somit hat die Frage ob es beispielsweise eine Lebenskraft gibt, eine separat existenzfähige Seele oder den Erzengel Gabriel nichts mit Transzendenz zu tun sondern lediglich damit, wie das Immanente eben beschaffen ist."
     
    Es ist ein beachtliches Phänomen des Christentums, dass man Transzendenz und Immanenz auseinanderhält. Das hat m.E. strategische Gründe seitens der Theologie.

  21. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #19 Rechtspopulist am 9. Januar 2012 um 12:11
     
    Der Punkt dabei ist, dass ein ontologischer Monismus, in dem von einer "sich selbst organisierenden Materie" die Rede ist, eben genau selbst ein Glaube ist. Es ist halt der Glaube an ein metaphysisches Etwas, namens "Materie", das dazu die Eigenschaft hat sich selbst derart zu organisieren, dass dabei beispielsweise Menschen herauskommen.

    Der Unterschied ist, dass Materie wirklich materiell ist. Hört sich trivial an und ist es eigentlich auch. Da ist etwas, Dinge, Kräfte, Felder, was physikalisch Wirkungen ausübt. Das hat man bis zu einem gewissen Grad erforscht. Sogar einige Regeln der Struktur dieser Dinge und ihr Zusammenwirken und ihre Abhängigkeiten erkannt. Andere noch nicht. Manche mögen auch nicht erforschbar sein. Diese Regeln sind bisher erkennbar von niemandem vorgegeben, sondern der "Materie" immanent. Dass dabei Menschen vorkommen, ist nun so verwunderlich auch nicht. Eher verwunderlich ist, dass es überhaupt Leben gibt.

    Alles haben diesen häßlichen "Rest von Unwissen" am Halse, aber keiner will sich davon stören lassen. Und so werden dann diese oder jene Behauptungen aufgestellt, die dann mit dem Anspruch dieser oder jener Autorität vertreten werden. 

    Tja – was will man machen? Eher ist allerdings der realen Welt zu glauben als dem, was in irgendwelchen Büchern steht, die vor hunderten von Jahren über höhere Wesen spekulieren. Über das, was man nicht weiß, kann man eben nichts sagen. Höchstens Vermutungen anstellen, die mehr oder weniger wahrscheinlich sind.

    In letzter Konsequenz sagt eine "sich selbst organisierende Materie" genau alles und gar nichts aus.

    Zumindest sagt es aus, dass kein zusätzlicher Gestalter angenommen wird, der der Materie ihre Gesetze vorgegeben hat.
     
    Der "Vater im Himmel" ist etwas anderes als universelle Gestaltungsgesetze.

    Nein. Ein "universelles Gestaltungsgesetz" ist der Vater im Himmel – ob nun mit oder ohne langem weißen Bart und mit oder ohne Auge im Dreieck. Meinetwegen auch die Mutter im Himmel oder eine Himmelsclique – völlig egal. Das ist die Vorstellung, irgendwas/irgendwer schriebe der Materie von außen vor, was sie zu tun habe. Bisher ist nur erkennbar, dass Materie nach eigenen Regeln funktioniert.

    Woher die grundsätzlich christliche Geisteshaltung, die von dir vorausgesetzt wird?

    Das ist nicht "grundsätzlich christlich". Woher kommt diese deine Idee?

    Wenn du mit 179 km/h vor die Wand fährst und dann platt bist, wirken da auch Gesetzmässigkeiten, die nichts mit einem "Übervater" zu tun haben. Und wenn du ein teures Weinglas auf den Boden fallen lässt, wird es nicht zerbrechen, weil ein Gott es so will, sondern aufgrund von Gesetzmässigkeiten, nach denen solche Vorgänge ablaufen.

    Ja und – das sind die der Materie immanenten Gesetzmäßigkeiten. Gerade das hat mit einem Gott oder ähnlichem überhaupt nichts zu tun.

    Und solche Gesetzmässigkeiten sind im Bereich des Seelischen sowie des Geistigen völlig andere als in dem des Körperlichen.

    Oder auch nicht. Diese Frage ist noch völlig unentschieden. Die Tendenz ist allerdings eher, dass Bewußtsein und Denken eine deutliche materielle Basis hat.
     

    Deine fragestellung könnte ich auch mit umgedrehten Vorzeichen zurück geben. Warum der Zwang alles und nichts "erklären" zu müssen, anstatt klar einzugestehen, dass man halt nur ein begrenztes Wissen hat?

    Habe ich je etwas anderes geschrieben, als dass das Wissen begrenzt ist? Im Gegenteil – ich sehe es völlig gelassen, dass man bestimmte Dinge noch nicht weiß und manche vermutlich nie wissen wird. So what?

    Steckt da noch eine Rest-Angst hinter, die auf christlicher Sozialisation beruht?

    Nee nicht? Das frage ich mich umgekehrt eher bei Menschen mit der Vorstellung, dass es etwas immaterielles-übernatürliches geben müßte.

  22. Tutnix sagt:

    Materie Unser im Kosmos,
    Gesichert ist deine Existenz,
    Dein Reich ist,
    Dein Wille geschieht,
    Wie im Wirklichen so im Subjektiven.
    Unsern Stoffwechsel gib uns täglich.
    Und vergib uns unsre Emergenz,
    Wie auch wir vergeben
    den einfachen Tieren.
    Und führe uns nicht in den Dualismus
    sondern erlöse uns von der Transzendenz.
    Denn dein ist der Kosmos samt den Kräften
    und Entitäten in Ewigkeit.

  23. Indianerjones sagt:

    #22 Tutnix
    Anstatt dess üblichen "Amen"…verwende ich nun den Begriff * Schlußstein*:nerd:

  24. Tutnix sagt:

    Das Amen habe ich mir bewusst verkniffen, weil ich nicht vordergründig Blasphemie betreiben wollte, sondern nur auf die Absurdität der Vorstellung hinweisen wollte, Materialismus sei in metaphysischer Hinsicht Religionen vergleichbar.

  25. Argutus sagt:

    #19 Rechtspopulist am 9. Januar 2012 um 12:11

    Es ist halt der Glaube an ein metaphysisches Etwas, namens "Materie"

    Wenn man davon absieht, daß ich mir unter einem "metaphysishen Etwas" nichts vorstellen kann, wäre der Materialismus in diesem Fall einfach eine Aussage über die Wirklichkeit. Gäbe es dieses Etwas mit den behaupteten Eigenschaften, dann hätte er Recht, andernfalls nicht.

    So ist es aber nicht. Wie jeder Monismus ist der Materialismus nichts weiter als eine terminologische Gepflogenheit ohne Aussagekraft. Man könnte ihn auf den folgenden Satz reduzieren: "Was auch immer existieren mag – das wollen wir Materie nennen".

    Daß diese "Materie" mit dem, was man im Alltag oder in der Physik so nennt, nicht identisch ist, kümmert den Materialisten wenig. Ihm geht es nur um den harten Klang dieses Wortes.

  26. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #25 Argutus am 9. Januar 2012 um 15:48

    Man könnte ihn auf den folgenden Satz reduzieren: "Was auch immer existieren mag – das wollen wir Materie nennen".

    Yeah.

    (Zumal das Wort „Existentialismus“ für eine Weltsicht, die das gelten läßt, was existiert, anderweitig verbraten ist)

  27. Balanus sagt:

    Kanitscheider schreibt, dass die "Verhaltensgenetik die Koevolution von Natur und Kultur" rekonstruiere.
    Das sehe ich anders. Die Verhaltensgenetik untersucht den erblichen Anteil des Verhaltens.
    Eine "Koevolution" von Natur und Kultur wird insbesondere von den Vertretern einer theistischen Evolutionstheorie propagiert, nach welcher die Evolution der Weg zur Erkenntnis Gottes sei (auf die abiotische Evolution folgt die biotische und schließlich die kulturelle, bis hin zur Transzendenz).
    Überdies halte ich "Koevolution" im Zusammenhang von natürlichen und kulturellen Entwicklungen ohnehin für einen eklatanten begrifflichen Missgriff.
    Die (sich selbst organisierenden) Gegenstände der (biologischen) Evolution sind klarerweise die Organismen. Doch wie verhält es sich bei der Kultur, was sind hier die Gegenstände der Evolution? Werkzeuge? Behausungen? Textilien? Nahrungsmittel?

  28. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Nimmt man den Begriff "Evolution" weiter als das rein Biologische, so kommt man leicht ins Schwimmen. Sicher ist auch bestimmtes Verhalten genetisch bestimmt – und das vermutlich auch beim Menschen. Andere Aspekte des Verhaltens von Tieren sind individuelle Lernprozesse, die dann nicht genetisch, sondern "kulturell" weiter gegeben werden (Meisen und Milchflaschen usw.).

    Die nicht genetische Prägung des Verhaltens von Menschen hat daher wenig mit Evolution, sondern mehr mit Kultur zu tun. Interessant wäre hier das Zusammenspiel beider Komponenten, ihre Abhängigkeiten und Abgrenzungen.

Schreibe einen Kommentar