Evolutionäre Erklärungen des Geistigen I

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Gibt es eine evolutionär entstandene, psychische Natur der menschlichen Spezies? Ist es wahr, daß es Konsequenzen der evolutionären Entwicklung der Spezies Mensch gibt, die es nicht nur erlaubt, sondern vielleicht sogar von uns fordert, die semantischen Steinbrüche, aus denen sich diejenigen Konzeptualisierungen speisen, mit denen wir die sozialen Kooperationen unseres Lebens abstützen, mit bisher ungetesteten Spektralfarben auszuleuchten? Sind wir vielleicht sogar zu neuen normativen Standards für unsere Gesellschaft genötigt, die die evolutionäre Natur unserer Spezies respektiert und müssen wir daraus eventuell sogar politische Konsequenzen ziehen? Für die Human- und Sozialwissenschaften sind solche mit dem Aufschwung der Biowissenschaften in den letzten Jahrzehnten verbundenen Erklärungs- und Deutungsansprüche meist eine Bedrohung, vor der sie nicht selten hilflos zurückweichen. Ich werde in diesem post jedoch dafür argumentieren, daß alle o.g. Fragen endgültig verneint werden können.

                    
I. Gibt es gute evolutionäre Erklärungen?

Um zu verstehen, was evolutionäre Erklärungen akzeptabel macht, sehen wir uns am besten dafür ein Beispiel (E) an in einem Bereich, für den wir halbwegs zuverlässige Verfahren entwickelt haben, um gute von schlechten evolutionären Erklärungen zu unterscheiden: die Entwicklung eines biologischen Phänomens, des aufrechten Gangs beim Menschen. Was wir hier lernen können, werden wir dann auf den Fall der evolutionären Erklärung geistiger Phänomene zu übertragen versuchen.

Eine Beispiel für eine evolutionäre Erklärung

Nehmen wir nun einmal an, es wäre gesichert, daß unsere Vorfahren V in grauer Vorzeit einmal auf vier Beinen gelaufen sind. Dann können wir uns fragen, durch welche Umstände sich die – zweifellos genetisch determinierte – menschliche Anatonmie so veränderte, daß die Nachfolger N unserer Vorfahren zur Fortbewegung auf zwei Beinen übergingen und wir betrachten für die evolutionäre Entwicklung folgende Erklärung:

(E1) Nehmen wir dafür an, daß V zum Zeitpunkt t in einer Umgebung U lebt, für die seine genetische bedingten Merkmale Fähigkeiten und Eigenschaften bereitstellen derart, daß nur die Existenz seiner Freßfeinde für die Art von V einen ernstzunehmenden Überlebenskampf nach sich zieht und daß seine Reproduktionsrate die Ausfälle durch Unfälle, Krankheiten oder Freßfeinde etc. übersteigt.
                            
(E2) Nehmen wir weiter an, daß innerhalb der Art von V infolge der zufälligen Genomverklebung während der Meiose die Fähigkeit auf zwei Beinen zu gehen, zu einer Zeit vor t unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Sie folgt in U vor t irgendeiner Verteilung, ohne daß die Fähigkeit, auf zwei Beinen gehen zu können, zu t evolutionär ins Gewicht fallen würde, da die Reproduktionsrate der Spezies von V die typischen Ausfälle ja bereits übersteigt.

(E3) Stellen wir uns nun vor, daß es fossile Funde darauf hindeuten, daß es durch Schwankungen der Sonnenaktivität in einem Zeitintervall um t herum zu einem Klimawechsel in U gekommen ist, dessen Geschwindigkeit groß, aber ansonsten unwichtig ist. Als Folge davon wird in U für V zu t die Nahrung knapp und alle V müssen immer weitere Strecken zurücklegen, um genug Nahrung für sich und ihren Nachwuchs zu finden, wenn alle überleben wollen. Weiter nehmen wir an, daß andere fossile Funde darauf hindeuten, daß alle V nach t auf zwei Beinen gelaufen sind.

(E4) Weiter können wir festhalten, daß es bis heute eine in Expermenten nachweisbare Tatsache ist, daß, auf zwei Beinen zu gehen, im Vergleich zum vierbeinigen Gang für Primaten enorm energiesparend ist.

(E5) Die Folge dieser Energiesparmöglichkeit ist, daß auf vier Beinen gehende V bei Wanderungen schneller erschöpft sind, täglich mehr Nahrung brauchen und nur kleinere Gebiete nach Nahrung absuchen können. Sie können daher weniger Nachkommen versorgen, die zudem kleiner und schwächer sind und daher eine leichtere Beute für ihre Freßfeinde werden.Die Konsequenz aus (E1)-(E5) ist:

(E6) Dauert die Klimaveränderung in U nur lang genug an und ist U groß genug, damit V dem Klimawandel in U nicht entfliehen kann, dann hat nach ausreichend vielen Generationen der Klimawandel die auf 4 Beinen laufenden V verschwinden lassen, da ihre Reproduktionsrate nicht mehr größer war, als der Verlust an Artgenossen durch Unfälle, Krankheit, Freßfeinde, Verbrechen, Altersschwäche etc…

Ich bin nicht sicher, ob diese Erklärung für die Spezies Mensch auf der Erde wirklich wahr ist, aber wir wollen  für diesen post einmal annehmen, daß es sich um eine gute und wahre Erklärung handekt. Wir fragen uns jetzt, warum diese Erklärung eine gute Erklärung ist. Zugleich erinnere ich daran, daß ich hier bereits darüber berichtet hatte, daß nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaftstheorie eine allgemeine Theorie der Erklärung im Moment nicht zur Verfügung steht. Dennoch wird sich zeigen, daß man konkret begründen kann, was (E1)-(E6) zu einer guten und was sie zu einer adäquaten evolutionären Erklärung (kurz: EE) macht.

Adäquatheitsbedingungen für evolutionäre Erklärungen

Wie gewohnt muß man – um Zirkularität zu vermeiden – für Adäquatheitsbedingungen von (E) verschiedene Beispiele beibringen, die diese Bedingungen motivieren, erläutern und deren Nützlichkeit demonstrieren. Ferner sollte (E) alle diese Bedingungen erfüllen bzw. nicht gegen sie verstoßen.

(A1) Offenbar sollte keine evolutionäre Erklärung in dem Sinne ex post ablaufen, daß sie eine Geschichte erzählt, nach der die Lebewesen, auf eine Änderung ihrer Lebensumstände explizit reagieren. Denn natürlich stellt keine Spezies generationenübergreifende Überlegungen und Untersuchungen an, um eine quantitative Abschätzung ihrer Überlebenschance zu entwickeln mit dem Ziel, den eigenen Gendatensatz willentlich so zu verändern, daß die dadurch neu erworbenen Fähigkeiten ein Optimalsteuerungsproblem für eine Gruppe von Lebenwesen unter Sterberisiken verschiedener Provenienz für eine Folge künftiger Lebensumstände verbessern. Das ist schlicht unmöglich.In (E) ist die Erklärung richtigerweise aus der ex ante Perspektive vorgenommen worden.

Wenn man (A1) falsch macht, dann kann man z.B. die Geschichte erzählen, daß Menschen ihre Körperbehaarung verloren haben, weil sie in der heißen Savanne laufend sich schwitzend kühlen zu können und auf diese Weise leistungsfähiger wurden. Das ist jedoch insofern ein schlechte evolutionäre Erklärung, als dies zwar ex post einen Vorteil im Überlebenskampf darstellt mag, aber jeder Hinweis auf den zeitlichen und damit den kausalen Zusammenhang mit dem Schwitzens fehlt: Es gibt eben keinen Nachweis darüber, daß V deshalb seine Körperhaare verlor, gerade weil er in der Savanne lief. Denn andere Tiere tun das auch und haben dennoch ein Fell, so daß dem Umstand, in der heißen Savanne zu laufen, nicht das kausale Potential zugesprochen werden kann, zu Haarverlust zu führen. Eine ex ante erfolgende evolutionäre Erlärkung würde aber die kausalen Zusammenhänge und ihre Rolle innerhalb der zeitlichen Entwicklung der Evolution nachzeichnen. Daraus folgt direkt:

(A2) Nicht alles, was ex post einen Vorteil für V darstellt, ist auch das Produkt einer evolutionären Entwicklung zu t in U und damit evolutionär relevant, allein weil es ex post einen Vorteil für V darstellt. Das reicht einfach nicht aus.In (E) ist das beachtet worden.

(A2) ist gerade zu trivial: Es wäre ein Vorteil für den Menschen, wenn er z.B: am Hinterkopf Augen hätte. Aber offenbar reicht das für eine anatomische Anpassung nicht aus, denn wir würden Augen am Hinterkopf als Mißbildung betrachten.

(A3) Nicht alle mit einer Spezies zusammenhängenden Phänomene dürfen offenbar durch eine evolutionäre Erklärung erklärt werden: Blaue Augen z.B. – die ja auch einen erblichen Gendefekt zurückzuführen sind – haben sich gerade deshalb verbreitet, weil es sich um einen Freiheitsgrad innerhalb der Evolution handelt, dessen Ausprägung nichts mit irgendeinem Vor- oder Nachteil beim Überleben von V oder N zu tun hat. Die Augenfarbe hat keine kausalen Wechselwirkungen mit den physiologischen Fähigkeiten, zu überleben: Sehen kann man mit Augen jeder Pigmentierung gleich gut. In (E) gibt es hierfür den Punkt (E5).

Das führt uns direkt zu:

(A4) Nicht jedes biologische Phänomen wurzelt auch in einer biologischen Funktion, was bedeutet, daß nicht jedes biologische Phänomen zulässig ist für eine evolutionäre Erklärung. In (E) schützt uns davor (E6).        

Und das Beispiel der blauen Augen demonstriert noch eine weitere Adäquatheitsbedingung für evolutionäre Erklärungen: Die Augenfarbe ist kein erbliches Merkmal, denn die Augenfarbe der Kinder und Enkel hängt von den jeweiligen Partnern ab und ist selbst dann nicht sicher vorhersagbar, wenn die Augenfarbe der Partner der Kinder und Enkel bekannt ist. Daher gibt es viele Merkmale, wie z.B. nicht Einparken zu können oder sexuell untreu zu sein, die grundsätzlich keiner evolutionären Erklärung zugänglich sind. Wir fassen dies zusammen in

(A5) Was in der Geschichte einer Spezies über Generationen präsent ist, muß nicht das Ergebnis einer Anpassung sein, sondern kann auch das Ergebnis evolutionärer Irrelevanz sein unabhängig davon, ob das biologische Phänomen erblich ist oder nicht. In (E) wird die Anpassung mit dem zeitlichen Zusammenfallen von Klimawechsel und Umstelllung auf den aufrechten Gang begründet.

Obwohl damit genetische Einflüsse alles andere als offensichtlich und damit auch im mentalen Bereich nicht auf der Hand liegen müssen wie man am Beispiel der  Intersexualität sieht, kann man das beobachtete und zu erklärende Phänomen anthropozentristisch auswählen. Ein Beispiel dafür wäre Promiskuität beim Menschen:

Gelegentlich wird in der Popkultur behauptet, daß Promiskuität seine Quelle in dem unbewußten Wunsch habe, die eigenen Gene zu verbreiten. Denn genau das geschehe ja mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schließlich dabei und deshalb sei es evolutionär relevant. Tatsächlich prägen aber über einhundert vom Menschen verschiedene Spezies Homosexualität aus. Das zeigt nicht nur, daß die Verachtung von Homosexualität unnatürlich ist, sondern auch daß sie evolutionär offenbar nicht wirklich ins Gewicht fällt: Denn wenn die Nichtverbreitung der eigenen Genen durch Zeugung von Nachwuchs nicht evolutionär relevant ist, dann ist es die Verbreitung der eigenen Gene auch nicht – vom sog. Gründereffekt einmal abgesehen. Zusammen mit (A5) kann man das zuspitzen zu

(A6) Wenn es biologische Phänomene gibt, die evolutionär irrelevant sind, dann kann man dessen evolutionäre Funktion nicht an seiner biologischen Funktion ablesen – wenn wir denn einmal annehmen wollen, daß es eine solche gibt. Also ist nicht jedes biologische Phänomen, daß eine biologische Funktion ausübt, auch evolutionär relevant und damit zulässig für eine evolutionäre Erklärung. In (E) wird die evolutionäre Relevanz des aufrechten Ganges explizit in (E4) dargelegt.

Was hingegen im letzten Beispiel der Popkultur evolutionär relevant ist, ist die Zeugung von Nachkommen. Daß es hingegen auch die eigenen Nachkommen sind, ist offenbar evolutionär irrelevant. Diese Tatsache exemplifiziert die Adäquatheitsbedingung

(A7) Höchstens biologische Massenphänemene sind evolutionär erklärbar.

Zwar kann man nicht abstreiten, daß uns z.B. die Epigenetik Gründe an die Hand gibt, zu glauben, daß auch einzelne Gene evolutionären Prozessen unterworfen sind. Aber ich persönlich kenne keine populationsgenetischen Rechnungen, die zeigen, ob und wie sich das auf eine ganze Spezies auswirkt. Bleiben wir also vorerst bei (A7).

Die Tatsache, daß einige Gene z.B. meine Gene sind, ist trivialerweise kein Massenphänomen. Aber in (E) geht es gerade um ein Massenphänomen. Im übrigen weiß jeder Mensch sehr gut, daß er es auch dann tun will, wenn er genau weiß, daß er sich dabei nicht vermehren kann: Es gibt folglich eben nur einen für den Fortbestand der Spezies völlig ausreichenden Geschlechtstrieb, einen Vermehrungstrieb gibt es hingegen nicht: Begeisterte Samenspender, die offen für ihr Hobby Werbung machen, sind schlicht die Ausnahme. Mit anderen Worten:

(A8) Nicht immer ist es das erfolgreiche Resultat eines Verhaltens, das das Resultat einer evolutionären Entwicklung ist.

Betrachten wir jetzt die letzte, ebenfalls auf der Hand liegende Adäquatheitsbedingung:

(A9) Adäquate evolutionäre Erklärungen betreffen nur die Wechselwirkungen natürlicher Abläufe mit den erblichen Merkmalen jedes Lebewesens einzeln in einer lokalen Umgebung U in gleicher Weise und sie sind unabhängig davon, daß für das Erbringen der Erklärungsleistung von einen Kollektiv intentional erbrachte Kulturleistungen derselben oder anderer Spezies in der evolutionären Erklärung erwähnt werden. In (E) wird das klarerweise eingehalten.

Diese Bedingung schränkt die Menge der erklärbaren Phänomene auf andere Art und Weise ein, als (A2) das tut.Macht man sie falsch, dann kann man das z.B. dadurch machen, daß man den Begriff der Evolution von der Intuition einer Sterbewahrscheinlichkeit entkoppelt, deren Quelle das die eigenen erblichen Fähigkeiten und das Verhalten anderer Arten in einer gemeinsam geteilten Umgebung U sind und betrachtet statt der o.g. bedingten die nicht auf diese Weise bedingte Sterbewahrscheinlichkeit, indem man lebensverlängernde Maßnahmen wie z.B. die Gesundheitsvorsorge oder moralische Einstellungen wie z.B. möglichst viele Nachkommen zu zeugen, einer Spezies auf die nicht-bedingte Sterbewahrscheinlichkeit derselben Spezies anrechnet. Ein Beispiel, wo das systematisch falsch gemacht wird, ist der SciLogs-blog Natur des Glaubens von Michael Blume.

Qualitätskriterien für evolutionäre Erklärungen

Neben solchen Adäquatheitsbedingungen können wir noch Qualitätskriterien für EE aufschreiben:

EE sind die ultima ratio bei der Erklärung biologischer Phänomene: Der Gund dafür ist der, daß EE in mindestens einem Punkt immer spektulativ bleiben. Machen wir uns das an (E) klar: Selbst wenn wir wissen, daß Klimawandel und Entwicklung des aufrechten Ganges zeitlich zusammenfallen, so können wir doch nicht sicher sein, daß es keinen weiteren, bisher unbekannten Grund x für die Umstellung der Fortbewegungsart von V gab, der einen alternativen Kausalverlauf zum betrachteten oder einem späteren Zeitpunkt initiierte. Gäbe es diesen tatsächlich dominanten alternativen Kausalverlauf und wüßten wir von ihm, dann würden wir sagen: “Auch der simultane Klimawandel zu t in U hätte den aufrechten Gang sich in der Evolution durchsetzen lassen. Tatsächlich aber war es x.”. Hypothetisch, weil in der Vergangenheit liegend, wird in EE immer die Aussage sein, daß es kein solches x gab. Wir formulieren also als Bedingung einer guten EE:

(G1) Eine EE ist gut höchstens dann, wenn jede alternative Erklärung des biologischen Phänomens unabhängig von EE einen Mangel hat, der sie inakzeptabel macht und EE keine dieser Mängel aufweist.

Diese Bedingung für die Güte einer EE ist natürlich denkbar schwach. Ob sie (E) erfüllt, kann ich leider nicht angeben, da ich die Menge aller konkurrierenden Erklärungen nicht kenne. Zum Glück finden wir noch stärkere, weil spezifischere Anforderungen:

Man kann nicht abstreiten, daß viele Merkmale z.B. der menschlichen Physiologie wie etwa Stoffwechselparameter oder Körperlänge einer Verteilung genügen. Andere, wie etwa die Anzahl der Finger, tun es nicht. Damit stellen sich klarerweise zwei Probleme: Wenn man evolutionäre Erklärungen für verteilte Merkmale in Anschlag bringt, muß die (Nicht-) Existenz der Verteilung selbst Gegenstand der Erklärung sind. Und deterministische wie Zufallsphänomene als Produkt derselben Evolution auszuweisen, ist natürlich schon nicht so leicht. Zugleich muß bei verteilten Phänomenen ein Unterschied gemacht werden können zwischen einer falschen und einer richtigen EE. Mit anderen Worten:

(G2) Wenn eine EE eine gute EE eines biologischen Phänomens mit biologischer Funktion sein will, dann muß die Variation selbst Teil der biologischen Funktion sein, deren Entstehung durch einen evolutionären Prozeß behauptet wird. Zweitens muß wegen (A5) die Art der Abweichung in der biologischen Funktion unterschieden werden können von der Falschheit der Erklärung selbst in einem der Ausprägungsfälle des biologischen Phänomens. (E) erfüllt dies dadurch, daß der aufrechte Gang in so gut wie jeder Variation dem Gang auf 4 Beinen in Punkto Enegiesparen wenigstens ein wenig überlegen ist.

Evolution stellen wir uns manchmal so vor, als würde ein in einer black box verborgener Prozeß an einem Lebewesen über längere Zeiträume hinweg ein Merkmal hervorbringen. Abgesehen davon, daß die Epigenetik massive Zweifel an der Langfristigkeit dieses Bildes erzeugt, ist es grundfalsch: Richtig ist allein, daß der Einfluß der Kombination aller Merkmale auf das Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit zu Geburtenrate relevant ist und selbst das reicht nicht aus: So kann ein Lebewesen, daß in seinem biologischen Eigenschaften z.B. seinen Nahrungskonkurrenten im Pleistozän in so gut wie jeder Hinsicht unterlegen ist, doch seine biologischen Merkmale konservieren, wenn ein Merkmal z.B. die Intelligenz, die Nachteile der anderen Merkmale im Vergleich zu den Eigenschaften der konkurrierenden Spezies kompensiert: Evolutionäre Rechtfertigungen von Merkmalen gibt es im Grunde nicht, da ihre Konsequenzen auf das Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit zu Geburtenrate immer von den Eigenschaften der konkurrierenden Lebewesen abhängt.Daher kann man auch niemals davon reden, daß durch Evolution so etwas wie Konvergenz einer Spezies in Bezug auf eines ihrer Merkmale auf ein Optimum hin stattfindet: Evolution verbessert nichts auf lange Sicht, sie gleicht höchstens aus relativ zu einem zeitabhängigen setting. Und was zu t optimiert wurde kann zu T>t schon evlutionär irrelevant sein. Das kann man auch so formulieren:
    
(G3) Eine EE ist gut höchstens dann, wenn sie den resultierenden Einfluß einer Kombination erblicher Faktoren auf das Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit zu Geburtenrate in U zu t unter Einbeziehung des Einflußes der zu t konkurrierenden Spezies betrachtet. Diese Struktur bildet (E) offenbar isomorph nach. Auch (G3) wird im SciLogs-blog  Natur des Glaubens von Michael Blume in den meisten posts nicht erfüllt.

Evolutionäre Anpassung sind daher statistische, d.h. höchstens im Mittel dominante, relative, graduelle und immer kollektive Effekte und es ist ausgenommen schwer, ein einzelnes Merkmals als Produkt einer evolutionären Optimierung auszuweisen. Keinesfalls darf eine EE darauf bestehen, daß das evolutionäre Resultat die Verbesserung einer biologischen Eigenschaft einer Spezies ist.
                    
Zusammenfassung

Wenn wir die gefundenen Unterscheidungen einmal zusammenfassen wollen, dann erhalten wir die folgende Liste:

1. Evolutionäre Erklärungen biologischer Phänomene sind höchstens dann adäquat, wenn sie ex ante den historischen Vorgang der kausalen Selektion eines erblichen, biologischen Phänomens mit biologischer Funktion empirisch belegen, dessen Effekt für die Bilanz von Aussterbewahrscheinlichkeit und Geburtenrate in einer statistischen, zeit- und ortsabhängigen und kulturunabhängigen Erklärung belegen.

2. Evolutionäre Erklärungen biologischer Phänomene sind höchstens dann gut, wenn sie die Mängel konkurriereder Theorien vermeiden und nicht nur die evolutionäre Rolle der biologischen Funktion betrachteten biologischen Phänomens, sondern auch dessen Verteilung aus seiner biologischen Funktion erklären auf eine Weise, daß das Auftreten der Verteilung die ganze Erklärung nicht trivialerweise wahr macht. Zusätzlich sollte sie die zeitabhängigen Wechselwirkungen der Merkmalskombination der betrachteten Spezies mit der Umgebung und dem historischen Verhalten konkurrierender Spezies betrachten und benutzen, um das Resultat der genetischen Veränderung der Spezies verständlich zu machen.

Wir wollen all diese Resultate für evolutionäre Erklärungen biologischer Phänomene im Kopf behalten, wenn wir uns nun überlegen, ob es evolutionäre Erklärungen geistiger Phänomene geben kann. Denn (A1)-(A9) und (G1)-(G3) liefern natürlich die Skizze eines bewährten Verständnisses des Begriffs der Evolution, dessen Übertragbarkeit auf geistige Phänomene hier gerade geprüft werden soll.

 

Informationen zum Autor finden sich hier. Der zweite Teil “Bad Science” folgt demnächst.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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20 Antworten auf Evolutionäre Erklärungen des Geistigen I

  1. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Gibt es eine evolutionär entstandene, psychische Natur der menschlichen Spezies?
    Tja – wenn nein, was wäre die Konsequenz?

    Ist es wahr, daß es Konsequenzen der evolutionären Entwicklung der Spezies Mensch gibt, die es nicht nur erlaubt, sondern vielleicht sogar von uns fordert, die semantischen Steinbrüche, aus denen sich diejenigen Konzeptualisierungen speisen, mit denen wir die sozialen Kooperationen unseres Lebens abstützen, mit bisher ungetesteten Spektralfarben auszuleuchten?
    Da vermuten wir vorsorglich doch ein klares "vielleicht", oder?
    Selten einen so unstrukturierten Text gelesen. Wie wäre es mit klaren Absätzen und Zwischenüberschriften – hat sich seit Jahrhunderten bewährt. Vielleicht kann der Autor seinen geplanten zweiten Teil freundlicherweise damit ausstatten.

  2. Elmar Diederichs sagt:

    >Tja – wenn nein, was wäre die Konsequenz?
    Im Moment ist die Menge der Konsequenzen noch nicht absehbar.  Was einzige, was wir sicher wissen, ist, daß wir Geistige Phäomene nicht wirklich verstehen.  Wie eine alternative Naturalisierung geistiger Zustände aussehen kann, ist eine schwierige Frage und nicht in einem kurzen Kommentar beantwortbar.
     
    >Da vermuten wir vielleicht doch ein klares "vielleicht", oder?
    Nach meiner Ansicht nicht. Wie Sie immer noch trotzdem meiner Argumente einen evolutionären Ansatz in Betracht ziehen können, ist mir im Moment nicht klar.
     
    "Wie wäre es mit klaren Absätzen und Zwischenüberschriften – hat sich seit Jahrhunderten bewährt. Vielleicht kann der Autor seinen geplanten zweiten Teil freundlicherweise damit ausstatten."
    In dem Text, den ich hier bei wissenbloggt.de abgeliefert habe, war all das vorhanden. Leider hast sich meine Formatierung nicht in der online-Veröffentlichung durchgesetzt. Daher können hier nur die blog-Betreiber weiterhelfen.

  3. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Andere, wie etwa die Anzahl der Finger, tun es nicht. Damit stellen sich klarerweise zwei Probleme: Wenn man evolutionäre Erklärungen für verteilte Merkmale in Anschlag bringt, muß die (Nicht-) Existenz der Verteilung selbst Gegenstand der Erklärung sind. Und deterministische wie Zufallsphänomene als Produkt derselben Evolution auszuweisen, ist natürlich schon nicht so leicht.

    5 Finger und 5 Zehen brauchen beim Menschen nicht zu verwundern. Eher verwunderlich wäre, wäre es nicht so. Schließlich ist auch die Struktur des Menschen nach dem allgemeinen Säugetiermodell realisiert. Manchmal ist das Leben einfacher als man denkt. Eher könnte man sich über die Funktion des Daumens Gedanken machen. 4 und 1 bei den Fingern hat eben schon die Hauskatze. Aber wozu diese Konvergenz?

    Evolutionäre Rechtfertigungen von Merkmalen gibt es im Grunde nicht, da ihre Konsequenzen auf das Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit zu Geburtenrate immer von den Eigenschaften der konkurrierenden Lebewesen abhängt.

    Nun endlich – nach langer Durststrecke – wird es mal konkret. Und insofern gibt es in der Tat evolutionaär irrelevante Merkmale wie die Irisfarbe oder eben Blonde. Diese Merkmale sind vielleicht optisch ganz nett – aber eben irrelevant mit Ausnahme bei Prioritäten für Partnerwahl. Gilt analog für das Federkleid von Enten.

    Daher kann man auch niemals davon reden, daß durch Evolution so etwas wie Konvergenz einer Spezies in Bezug auf eines ihrer Merkmale auf ein Optimum hin stattfindet: Evolution verbessert nichts auf lange Sicht, sie gleicht höchstens aus relativ zu einem zeitabhängigen setting.

    So ist es. Hier haben wir nach langem Herumeiern den entscheidenden Punkt endlich gefunden.

  4. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #2 Elmar Diederichs am 5. Januar 2012 um 13:11 = Im Moment ist die Menge der Konsequenzen noch nicht absehbar.  Was einzige, was wir sicher wissen, ist, daß wir Geistige Phäomene nicht wirklich verstehen.  Wie eine alternative Naturalisierung geistiger Zustände aussehen kann, ist eine schwierige Frage und nicht in einem kurzen Kommentar beantwortbar.

    In der Tat ist unser Verständnis noch sehr embryonal. Dass aber geistige Phänomene nicht wie Gottes Taube auf den Menschen herabgeschwebt sind, sollte klar sein. Es ist biologisches Erbe.

    Wie Sie immer noch trotzdem meiner Argumente einen evolutionären Ansatz in Betracht ziehen können, ist mir im Moment nicht klar.

    Für mich bisher der einzig erfolgversprechende Ansatz. Bin aber gespannt, wie Sie argumentativ eine bessere Idee begründen werden.
     
    In dem Text, den ich hier bei wissenbloggt.de abgeliefert habe, war all das vorhanden. Leider hast sich meine Formatierung nicht in der online-Veröffentlichung durchgesetzt. Daher können hier nur die blog-Betreiber weiterhelfen.

    Sorry, ich fand nur die Hauptüberschrift = I. Gibt es gute evolutionäre Erklärungen?

  5. ilex (E. Ahrens) sagt:

    (E) erfüllt dies dadurch, daß der aufrechte Gang in so gut wie jeder Variation dem Gang auf 4 Beinen in Punkto Enegiesparen wenigstens ein wenig überlegen ist.

    Warum?

  6. Elmar Diederichs sagt:

    Danke Frank's Hilfe haben wir jetzt das Layout des posts im Griff. Ich bitte noch mal um Entschuldigung. 

  7. Elmar Diederichs sagt:

    @ilex:
    "Dass aber geistige Phänomene nicht wie Gottes Taube auf den Menschen herabgeschwebt sind, sollte klar sein. Es ist biologisches Erbe."
    Selbstverständlich. Aber die Pointe des zweiten Teils wird sein, daß wir nicht wissen können, in welcher Weise sich das biologische Erbe in den Geistigen Phänomenen ausdrückt. Eine akzeptable Naturalisierung dieser Phänomene wird daher auf einem anderen Weg erfolgen müssen.

  8. Andrea sagt:

    Ich finde diesen Artikel schwer zu verstehen! Muss auch gestehen, dass ich es deswegen tatsächlich nicht bis zum Ende geschafft habe.
    Zum einen hat der Autor eine Vorliebe für lange verschachtelte Sätze mit vielen Fremdworten, und auch die Grammatik ist nicht immer so ganz richtig, was die Lesbarkeit zusätzlich erschwert. Zum anderen sind die Argumente teilweise sehr wunderlich. Zum Beispiel ist die Evolutions-Erklärung gut, dass menschliche Vorfahren in Nahrungsmittelknappheitszeiten vom Vierfüßler- auf den Zweifüßer-Gang wechselten, weil das für Humanoide energiesparender ist. Aber die Evolutions-Erklärung, dass unsere Vorfahren ihr Fell verloren haben, weil sie so in der heißen Savanne besser ihre Temperatur kühlen konnten, die ist schlecht, weil der Vorteil angeblich nur vom Ergebnis her gesehen werden könnte aber nicht von der Ausganssituation (alle Tiere haben Fell – sowohl diejenigen aus denen wir wurden, als auch diejenigen aus denen andere Arten wurden) her, denn die anderen Tiere haben ihr Fell ja behalten. Und bei den Vierfüßern? Sind die bei Nahrungsmittelknappheit etwa nicht bei ihrem Vierfüßergang geblieben?! Auch was er bezüglich blauen Augen schreibt (dass die Augenfarbe nicht der Evolution unterliegen würde, weil sie keinen physiologischen Vor- oder Nachteil bieten würde) ja sogar, dass sie nicht vererbt würde, ist sehr aus der Luft gegriffen!
    http://de.wikipedia.org/wiki/Augenfarbe 
    Biologische Beratung und auch Hilfe von jemandem, der klarer schreiben kann, hätte dem Artikel sicher gut getan.

  9. Frank Berghaus sagt:

    #8 Andrea am 5. Januar 2012 um 15:11

    Herzlich Willkommen auf WB. Die Moderation greift nur (systembedingt) beim ersten Posting. Jetzt bist du frei :-)

  10. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #7 Elmar Diederichs am 5. Januar 2012 um 14:51 = Aber die Pointe des zweiten Teils wird sein, daß wir nicht wissen können, in welcher Weise sich das biologische Erbe in den Geistigen Phänomenen ausdrückt. Eine akzeptable Naturalisierung dieser Phänomene wird daher auf einem anderen Weg erfolgen müssen.

    O.k. – dann will ich dieser Diskussion nicht vorgreifen.

  11. Rechtspopulist sagt:

    "Gibt es eine evolutionär entstandene, psychische Natur der menschlichen Spezies? Ist es wahr, daß es Konsequenzen der evolutionären Entwicklung der Spezies Mensch gibt, die es nicht nur erlaubt, sondern vielleicht sogar von uns fordert, die semantischen Steinbrüche, aus denen sich diejenigen Konzeptualisierungen speisen, mit denen wir die sozialen Kooperationen unseres Lebens abstützen, mit bisher ungetesteten Spektralfarben auszuleuchten?"
    Da möchte ich doch mal sagen: Ja. :-)
    Die Frage ist nur: Welches Leuchtmittel soll die adäquaten Spektralfarben erzeugen?

    "Aber die Pointe des zweiten Teils wird sein, daß wir nicht wissen können, in welcher Weise sich das biologische Erbe in den Geistigen Phänomenen ausdrückt. Eine akzeptable Naturalisierung dieser Phänomene wird daher auf einem anderen Weg erfolgen müssen."
    Zumindest steht doch schon mal das Ziel der Reise fest.
    Das Problem ist vorab, dass wir ebensowenig wissen können, warum es überhaupt Mesnchen gibt. Die Evolution hätte drauf verzichten können und dabei wäre ihr Schematismus davon unberührt geblieben.
    Es wird ja immer eine Teleologie in die Evolution hineininterpretiert, ob gewollt oder nicht. Irgendwelche entwicklungen geschehen dabei, weil sie sinnvoll sind, also zielgerichtet. Wobei die diversen Zielrichtungen dabei einer mitunter entgegengesetzten Interessenlage entsprechen. So hat denn die Spezies Soundso hohe Laufgeschwindigkeit, guten Geruchssinn, scharfe Zähne usw. während andere die verrücktesten Verteidigungsstrategien dagegen hervorgebracht haben.

    Es gab Saurier, die waren als Fleischfresser die reinsten Killer, während andere, um dagegen geschützt zu sein, mit massivster Panzerung herumspaziert sind. Ist das nicht verrückt? Es gibt ja in unserem Evolutionssystem zahllose Zweckmässigkeiten, aber die erlauben keinen Schluss auf eine Gesamtzweckmässigkeit der Evolution als solcher.

    "Machen wir uns das an (E) klar: Selbst wenn wir wissen, daß Klimawandel und Entwicklung des aufrechten Ganges zeitlich zusammenfallen, so können wir doch nicht sicher sein, daß es keinen weiteren, bisher unbekannten Grund x für die Umstellung der Fortbewegungsart von V gab, der einen alternativen Kausalverlauf zum betrachteten oder einem späteren Zeitpunkt initiierte."
    Genau DAS ist das Problem. Man beobachtet Phönomene, wendet das Kausalschema an und landet plötzlich bei Zweckmässigkeiten. Der Punkt ist hier z.B., dass man gar nicht auf zwei Beinen herumrennen muss, um Klimawandel usw. standzuhalten …
    So landet man beim unbekannten X als möglicherweise relevanten Faktor, der sich nicht aus der Beobachtung ableiten lässt.
    Ich denke, dass es im Falle seelischer und geistiger Prozesse nicht minder problmatisch aussehen wird.

    Jetzt wage ich mal etwas "Rassismus": Menschen als solche stehen doch hinsichtlich ihrer seelisch-gesitigen Entwicklung überhaupt nicht auf einer gemeinsamen Evolutionsstufe. So gibt es z.B. völlig unterschiedliche Grade der Individualisierung.

    Man begebe sich einmal in eine kollektivistische Gesellschaft, in der alle einem Gott huldigen, in der die Priesterschaft peinlichst darauf achtet, dass alle Ge- und Verbote dieses Gottes eingehalten werden und in der die Einzelnen auch selbst so beschaffen sind, dass sie gar nichts anderes im Kopf haben als Überzeugungen und Verhaltensweise, die man ihnen anerzogen hat, welche sie mit Inbrunst vertreten und gegen jeden Anflug von Individualismus zu verteidigen suchen.
    Das ist doch ein Typus, der sich wesentlich von einem heutigen selbstbestimmten Menschen westlicher Art unterscheidet, auch wenn sich dieser genetisch gesehen ebenso beschaffen ist, wie individualisierte Menschen unserer Zivilisation.
    Wie sollen denn solche Differenzen erklärt werden?

    Und: Wäre eine solche Erklärung aus ideologischen Gründen überhaupt erwünscht?
    Letztlich bleiben wir beim unbekannten X und somit erweist sich eine "Naturalisierung" primär als rein weltanschauliche Thematik.

  12. Rechtspopulist sagt:

    Mist, irgendwas habe ich mit den Absätzen falsch gemacht. :hide:
    [Ix = Dein Einverständnis vorausgesetzt werde ich das mal strukturieren]

  13. Elmar Diederichs sagt:

    @Rechtspopulist:
     
    "Jetzt wage ich mal etwas "Rassismus": Menschen als solche stehen doch hinsichtlich ihrer seelisch-gesitigen Entwicklung überhaupt nicht auf einer gemeinsamen Evolutionsstufe. So gibt es z.B. völlig unterschiedliche Grade der Individualisierung."
     
    Mir scheint, daß hier für den von Ihnen verwendeten Begriff von Evolution (wenigstens) die Bedingungen (A2) und (A3) ignoriert werden: Evolution ist unabhängig von Zwecken oder optimierenden Konvergenzen. Der Geist könnte einfach ein zufälliges Nebenprodukt der Evolution sein, dessen Relevanz sich erst später gezeigt hat. Auch ist mir unklar geblieben, was sie unter Individualisierung verstehen. 
    "Wie sollen denn solche Differenzen erklärt werden?"
    Wir brauchen wegen (A4) zunächst mal einen Grund, der zu sagt, daß da etwas evolutionär erklärt werden muß. 
    Jedenfalls freut es mich, daß einmal den strukturierenden Effekt meiner Adäquatheitsbedingungen demonstrieren konnte.

  14. Elmar Diederichs sagt:

    "Zum Beispiel ist die Evolutions-Erklärung gut, dass menschliche Vorfahren in Nahrungsmittelknappheitszeiten vom Vierfüßler- auf den Zweifüßer-Gang wechselten, weil das für Humanoide energiesparender ist."
     
    Nein, das genügt leider nicht. Bitte wenden Sie meine Gütekriterien genau an.
     
    "Aber die Evolutions-Erklärung, dass unsere Vorfahren ihr Fell verloren haben, weil sie so in der heißen Savanne besser ihre Temperatur kühlen konnten, die ist schlecht, weil der Vorteil angeblich nur vom Ergebnis her gesehen werden könnte"
     
    Nein, diese Erklärung ist nicht adäquat. Bitte lesen Sie meinen Text genauer.
     
    "Und bei den Vierfüßern? Sind die bei Nahrungsmittelknappheit etwa nicht bei ihrem Vierfüßergang geblieben?! "
     
    Wenn Sie (A9) beachtet hätten, dann hätten Sie sich an dieser Stelle nicht gewundert: EE betreffen kein einzelnes Merkmal, sondern die Auswirklungen von Merkmalskombinationen auf einen Verhältnis von Aussterbewahrscheinlichkeit zu Geburtenrate unter der Bedingung, daß es in U zu t konkurrierende Spezies gibt. 
     
    Daraus folgt, daß sich nicht alle von den Spezies geteilten Merkmale evolutionär auch gleich entwickeln. Ich stimme ihnen aber zu, daß angesichts der Entwicklung des aufrechten Gangs die Frage interessant ist, warum einige Spezies in U beim Gang auf 4 Beinen blieben.
     
    "Auch was er bezüglich blauen Augen schreibt (dass die Augenfarbe nicht der Evolution unterliegen würde, weil sie keinen physiologischen Vor- oder Nachteil bieten würde) ja sogar, dass sie nicht vererbt würde, ist sehr aus der Luft gegriffen!"
     
    Keineswegs: Wenn Sie den von Ihnen zitierten Wiki-Artikel lesen, dann fällt ihnen sicher auf, daß die realisierte Augenfarbe nichts über die vorhandenen Allele aussagt. Wenn Sie daher z.B. blaue mit einer anderen Augenfarbe mischen, ist das Ergebnis im allgemeinen nicht eindeutig vorhersagbar – vor allem nicht in zweiter und dritter Generation. Ich kann angesichts dieser Sachlage im Moment nicht sehen, was daran aus der Luft gegriffen ist.
     
    "Biologische Beratung und auch Hilfe von jemandem, der klarer schreiben kann, hätte dem Artikel sicher gut getan."
     
    Ich bin nach wie vor für jeden Hinweis dankbar.

  15. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #14 Elmar Diederichs am 5. Januar 2012 um 21:57

    "Zum Beispiel ist die Evolutions-Erklärung gut, dass menschliche Vorfahren in Nahrungsmittelknappheitszeitenvom Vierfüßler- auf den Zweifüßer-Gang wechselten, weil das für Humanoide energiesparender ist."

    Diese Frage wurde bisher noch nicht beantwortet (mein posting # 5). Wenn man nur den Energieaufwand von Menschen, die evolutionär an den Zweibeinergang angepasst sind mit Schimpansen vergleicht, die das nicht sind, kommt man zu nicht aussagekräftigen Ergebnissen. Zumal man auf dem Erdboden herumlaufende Tiere nicht mit in den Bäumen herumhangelnde Tiere vergleichen sollte.

    Der Vierbeinergang hat statische Vorteile. Ungeachtet der Tatsache, dass viele Tiere auch auf zwei Beinen (meist den Hinterbeinen) ohne weiteres stehen können. Mein Biomodell Hauskatze kann sogar auf 2 Beinen gehen und aus dem Zweibeinerstand springen. Dennoch tut sie das nur selten und läuft auf ihren vier Pfoten.

    Wichtig wäre also der Vergleich, welchen %-satz ihres Energiehaushalts einerseits Menschen für ihre gehende Fortbewegung benötigen (einschließlich des Energieaufwandes, das Gleichgewicht zu halten) und welchen %-satz gewöhnliche vierbeinige (Schafe, Hunde, Katzen, Zebras usw.) und das dann im Trab und schnellem Lauf. Nur diese Vergleiche – wenn es sie denn gibt – würden aussagekräftige Zahlen zeigen.

  16. Rechtspopulist sagt:

    #13Elmar Diederichs am 5. Januar 2012 um 21:43
    "Mir scheint, daß hier für den von Ihnen verwendeten Begriff von Evolution (wenigstens) die Bedingungen (A2) und (A3) ignoriert werden: Evolution ist unabhängig von Zwecken oder optimierenden Konvergenzen."
     
    Ich greif jetzt der Einfachheit halber auf Wikipedia zurück. Dort heißt es:
     
    "Evolution ist die Veränderung der vererbbaren Merkmale einer Population von Lebewesen von Generation zu Generation."
     
    Wenn ich das einmal als Definition betrachte, dann frage ich mich, woher Sie wissen wollen, dass solche Veränderungen per se frei sein sollen von "Zwecken oder optimierenden Konvergenzen".
    Darüber lässt sich je nach Geisteshaltung auf diese oder jene Weise spekulieren, aber in solchen Spekulationen sehe ich kein gesichertes Wissen, sondern lediglich Meinungen. Zumal Sie ja auch folgendes zum Ausdruck gebracht haben: 
     
    "Machen wir uns das an (E) klar: Selbst wenn wir wissen, daß Klimawandel und Entwicklung des aufrechten Ganges zeitlich zusammenfallen, so können wir doch nicht sicher sein, daß es keinen weiteren, bisher unbekannten Grund x für die Umstellung der Fortbewegungsart von V gab, der einen alternativen Kausalverlauf zum betrachteten oder einem späteren Zeitpunkt initiierte." (Hervorhebnug von mir).
     
    Wenn Sie selbst einräumen, dass Sie gar nicht sicher sein können, ob es nicht weiteren bisher unbekannte Gründe für die von Ihnen exemplarisch genannten Veränderungen der Fortbewegungsart gibt, die sich ja logischerweise auch in veränderter Genetik niederschlägt, dann sehe ich eine Ungereimtheit darin, dass eben diese Möglichkeit unbekannter Gründe plötzlich dahingehend ausgeklammert wird, dass Sie sagen, Evolution sei unabhängig von Zwecken und optimierenden Konvergenzen.
     
    "Der Geist könnte einfach ein zufälliges Nebenprodukt der Evolution sein, dessen Relevanz sich erst später gezeigt hat."
     
    Das entspricht – sofern ich Sie nicht falsch verstanden habe – der von Ihnen favorisierten "Naturalisierung", die sie als akzeptabel erachten. Nur handelt es sich dabei um eine rein weltanschauliche These, die sich der Beweisbarkeit entzieht, weil gesichertes Wissen diesbezüglich, wie Sie ja selbst betont haben, nicht vorhanden ist. Insofern kann man darauf ebenso verzichten wie auf einen allmächtigen Schöpfergott. Plakativ gesagt: Den lieben Gott durch Väterchen Zufall zu ersetzen, schafft die Tatsache nicht aus der Welt, dass es sich dabei um Spekulation handelt.  
     
    "Auch ist mir unklar geblieben, was sie unter Individualisierung verstehen."

    Nun, verzichten Sie auf Ihre eigene individuelle Art und Weise die Dinge zu sehen und folgen Sie konsequent beispielsweise dem Islam – und zwar in all Ihrem Denken, Fühlen und Handeln. Gesetzt, sie wären dazu gezwungen, ausschließlich in einer entsprechenden Umgebung zu leben, in der Ihnen alle Lebensbereiche strikt nach den umfassenden Regeln des Islam vorgegeben wären, würden Sie das als Verlust empfinden und die Sie umgebende Masse all derer, die mit Leib und Seele – um es einmal so zu formulieren – bei der Sache sind, erschiene Ihnen nicht als Bereicherung, sondern Sie würden sich innerlich völlig fremd fühlen. – Und genau die Quelle Ihres entsprechenden Empfindens, Ihr intellegibler Charakter, der es Ihnen geradezu unmöglich macht, als Teil eines solchen Kollektivs zu leben,  offenbart somit genau das, was ich hier als "Individualisierung" bezeichne.
    Anderes Beispiel: Es gab und gibt unzweifelhaft völlig unterschiedliche Typen von Menschen. Es gab und gibt devotional beschaffene Massen, die blind irgendwelchen Führern und Ideen folgen. Doch deren Führer selbst unterscheiden sich doch innerlich völlig von denen die sie (ver)führen.
     
    "Wir brauchen wegen (A4) zunächst mal einen Grund, der zu sagt, daß da etwas evolutionär erklärt werden muß."

    A4 heißt aber auch nicht notwendig, dass nach belieben auf evolutionäre Erklärungen verzichtet werden muss, so dass dann ja nach Gutdünken mal auf Evolution verwiesen werden kann und mal, wenn es nicht genehm ist, die Sache als bedeutungsloses Beiwerk irgendwelcher zufälligen Abläufe interpretiert werden kann. So mag man zwar strategisch vorgehen, um in der theorienbildung irgendwelche Ziele zu erreichen – aber mehr als eine Strategie sehe ich darin nicht.
     
    A4 sagt ja: "Nicht jedes biologische Phänomen wurzelt auch in einer biologischen Funktion, was bedeutet, daß nicht jedes biologische Phänomen zulässig ist für eine evolutionäre Erklärung."
     
    Woher wollen Sie wissen, dass es reiner Zufall ist, dass Sie selbst keinen Drang verspüren, ihr eigenes Denken bleiben zu lassen und statt dessen etwa den Islam vollständig zu verinnerlichen?
     
    Warum ist es denn so, dass man den – ich drück es einmal sehr deutlich aus – fanatischen Anhängern irgendwelchen Unsinns nicht mit Argumenten beikommen kann?
    Wenn schon von Geist und Psyche die Rede ist, so halte ich es für unbegründet, zu sagen, alle Menschen seien gleich und dass es überhaupt so etwas wie Geist gibt, könne ein zufälliges Nebenprodukt von etwas sein, dessen entscheidende Grundlage auch noch ein mögliches unbekanntes X sein könnte.
    Wenn Sie nämlich nicht wissen können, wie sie Sache läuft, können Sie auch A4 letztlich als Argumentationsgrundlage vergessen.
     
    "Jedenfalls freut es mich, daß einmal den strukturierenden Effekt meiner Adäquatheitsbedingungen demonstrieren konnte".
     
    Na, denn …

  17. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #14 Elmar Diederichs am 5. Januar 2012 um 21:57  = Ich stimme ihnen aber zu, daß angesichts der Entwicklung des aufrechten Gangs die Frage interessant ist, warum einige Spezies in U beim Gang auf 4 Beinen blieben.

    Einige? Nahezu alle. Und offensichtlich sind vierfüßige Tiere gleicher Größe wie Menschen auf 4 Füßen fähig, deutlich schneller zu sein als der Mensch mit seinen 10 Sekunden auf 100 m = 36 km/h.

  18. Elmar Diederichs sagt:

    @ilex
    "Wichtig wäre also der Vergleich, welchen %-satz ihres Energiehaushalts einerseits Menschen für ihre gehende Fortbewegung benötigen (einschließlich des Energieaufwandes, das Gleichgewicht zu halten) und welchen %-satz gewöhnliche vierbeinige (Schafe, Hunde, Katzen, Zebras usw.) und das dann im Trab und schnellem Lauf. Nur diese Vergleiche – wenn es sie denn gibt – würden aussagekräftige Zahlen zeigen. "
     
    Es kommt für meinen Artikel nicht darauf an, daß das die Erklärung in dem Beispiel wahr. Nur die Erklärung dazu muß gut sein – womit ich natürlich nicht behaupten will, daß eine wahre Erklärung nicht besser als eine falsche ist.

  19. Elmar Diederichs sagt:

    @Rechtspolulist
     
    "Wenn ich das einmal als Definition betrachte, dann frage ich mich, woher Sie wissen wollen, dass solche Veränderungen per se frei sein sollen von "Zwecken oder optimierenden Konvergenzen"."
     
    Der Witz dieses Artikels besteht darin, mehr zu leisten, als Wikipedia abzuschreiben und Ihre Frage beantwortet ausführlich mein post. Haben Sie zu der dort gelieferten Begründung eine konkrete Frage?
     
    "dann sehe ich eine Ungereimtheit darin, dass eben diese Möglichkeit unbekannter Gründe plötzlich dahingehend ausgeklammert wird, dass Sie sagen, Evolution sei unabhängig von Zwecken und optimierenden Konvergenzen."
     
    Keineswegs: Das erste ist eine empirische Frage und das zweite ein begriffliche, die durch Analyse von Beispielen entschieden wird, nicht durch historische Fakten.
     
    "Das entspricht – sofern ich Sie nicht falsch verstanden habe – der von Ihnen favorisierten "Naturalisierung", die sie als akzeptabel erachten."
     
    Sie haben mich in der Tat falsch verstanden: Die von mir favorisierte Naturalisierung erwähne ich in diesem post mit keinem Wort. Das passt hier schon aus Platzgründen nicht hin.
     
    "A4 heißt aber auch nicht notwendig, dass nach belieben auf evolutionäre Erklärungen verzichtet werden muss"
     
    Richtig. Beide Nachweise stehen aus. Wollen Sie das übernehmen?
     
    "Woher wollen Sie wissen, dass es reiner Zufall ist, dass Sie selbst keinen Drang verspüren, ihr eigenes Denken bleiben zu lassen und statt dessen etwa den Islam vollständig zu verinnerlichen?"
     
    Es gibt im Moment keinen Grund, das anzunehmen, für wahr zu halten.
     
    "Warum ist es denn so, dass man den – ich drück es einmal sehr deutlich aus – fanatischen Anhängern irgendwelchen Unsinns nicht mit Argumenten beikommen kann?"
     
    Ich weiß es nicht. Aber ich frage mich, was das mit dem Thema des Artikels zu tun hat?

  20. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #19 Elmar Diederichs

    @Rechtspolulist = "dann sehe ich eine Ungereimtheit darin, dass eben diese Möglichkeit unbekannter Gründe plötzlich dahingehend ausgeklammert wird, dass Sie sagen, Evolution sei unabhängig von Zwecken und optimierenden Konvergenzen."
     
    Keineswegs: Das erste ist eine empirische Frage und das zweite ein begriffliche, die durch Analyse von Beispielen entschieden wird, nicht durch historische Fakten.

    Hier ist doch der Punkt, an dem man innehalten sollte. Dass Evolution von Zwecken unabhängig ist, ist in der Tat eine empirische Frage. Da das (bis zum Beweis des Gegenteils) so ist, können wir uns die ganzen weiteren Diskussionen über Zwecke der Evolution und den oder die Auslöser der "Zwecke" schon einmal ersparen.

    Optimirende Konvergenzen überraschen und verblüffen – aber was wird die Analyse von Beispielen ergeben? Wobei ich hier nicht unbedingt der Intention von Ingo Bading folgen möchte.

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