Evolutionäre Erklärungen des Geistigen II

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II. Bad Science

Unter Geistigem wollen wir hier Charakterisierungen von Lebewesen als Personen verstehen und damit dasjenige, was wir bereitstellen wollen, wenn wir das intentionale Handeln des Lebewesens aus Gründen sprachlich zu erklären beanspruchen. Psychisches, Psychologisches und Mentales sind damit die Hauptanwendungsfälle von Geistigem und offenbar hat Geistiges die wesentliche Eigenschaft, nicht an raumzeitlichen Koordinaten lokalisiert und in diesem Sinne abstrakt zu sein. Die These, die wir hier widerlegen wollen, lautet, daß

(T) der Bestand oder die Abfolge oder die Änderung einiger geistigen Zustände eine evolutionäre Erklärung hat.

Solche Widerlegungen sind auf verschiedenen Wegen möglich. Der hier beschrittene Weg will zum einen das Ergebnis liefern, daß eine Übertragung der oben gefundenen Bedingungen (A1)-(A9) und (G1)-(G3) Unsinn liefert und zum anderen, daß die ganze Idee evolutionärer Erklärungen des Geistigen auf einen irreführenden Bild von Evolution beruht und letztlich einfach schlechte Wissenschaft ist. Letzteres wird uns zugleich ein Beispiel für die in der Literatur [z.B. Philosophical Foundations of Neuroscience von James R. Davis, Max R. Bennett und P. M. S. Hacker, 2003] im wesentlichen akzeptierte These an die Hand geben, daß die Schnittstelle zwischen Gehirn und Geist uns im Moment noch massive Rätsel aufgibt.

Wie kann man die  These (T) widerlegen?

Was kann bei der Übertragung des Konzeptes der Evolution von Biologischem auf Geistiges passieren? Da Geistiges verschiedener Spezies mangels raumzeitlicher Lokalisierung nicht direkt in einer Konkurrenz um überlebenswichtige Resourcen stehen kann, kann man nur die Körper der den Geist erzeugen Gehirne dafür heranziehen und wer immer eine Variante von evolutionärer Psychologie oder Soziobiologie – oder wie immer solche Richtungen heißen mögen – vertritt, muß daher angeben, wie Geistiges von Physischem abhängt. Meistens wird ein modulares Modell des Geistes vertreten [1], nach dem die  mentalen Fähigkeit sich auffassen lassen als eine Menge evolutionär entwickelter und interagierender Informationsverarbeitungssubsysteme, die Lösungen von historisch eingebetteten Optimierungsaufgaben beim Überleben in Konkurrenz zu anderen Spezies repräsentieren.

a). Ein möglicher Weg jeder Art EE von Geistigem das Wasser abzugraben, besteht darin, zu zeigen, daß selbst dann, wenn der Zusammenhang zwischen Physischem und Geistigen so schwach und lose wie möglich in der Theorie ausgelegt wird, er immer noch zu straff ist mit der Folge, daß sich Widersprüche innerhalb der Theorie konstruieren lassen. Hier ist das ausgeführt worden und obwohl meine Argumentation dort zweifellos verbesserungsbedürftig ist, halte ich die grundsätzliche Strategie nach wie vor für richtig.

b) Eine anderer Weg besteht darin, zu zeigen, daß evolutionäre Erklärungen von Geistigem es nicht vermeiden können, gegen (A9) zu verstoßen, weil die Kenntnis von Geistigem sich nicht auf die Kenntnis von zerebralen Zuständen reduzieren läßt. Diesen Weg habe ich ebenfalls hier beschritten und mir scheint diese Idee auch weiterhin einleuchtend zu sein.

c). Ein weiterer Weg, den wir in diesem post benutzen wollen, liegt in dem Nachweis, daß in evolutionionären Erklärungen von Geistigem (EEG) das in  (A1)-(A9) und (G1)-(G3) skizzierte Verständnis gar nicht benutzt wird. Wenn also in EEG ein Begriff der Evolution vorkommt, dann ist er sui generis und ich werde die These stark zu machen versuchen, daß dieses neue Evolutionskonzept höchstens jämmerlich zusammengeklempnert und letztlich unbrauchbar ist. Wenn das nachgewiesen werden kann, dann sind EEG ganz einfach ein Fall schlechter Wissenschaft, weil die Apologeten von EEG einfach das Konzept von Evolution nicht verstehen.

Probleme mit Repräsentationen

Um die letzte Strategie zu verfolgen, betrachten wir:

(P1) Wir können uns zum einen historische Umstände G ausmalen und aus ihnen künftige psychische Zustände M voraussagen.

(P2) Wir können uns interessierende psychischen Zustände auswählen und fragen, ob sie evolutionäre Quellen haben.

Die These (P1) leidet daran, schon seit längerem empirisch widerlegt zu sein: Ein Trend in den Neurowissenschaften geht dahin, bestimmten mentalen Fähigkeiten lokale Gebiete im Gehirn zuzuweisen. Wenn man nun z.B mittels PET die Gehirne von Personen beobachtet, die alle dieselben Aufgaben lösen, dann sieht man zwar, daß in lokal nahe beieinander liegenden Arealen ähnliche Aktivitätsmuster vorhanden sind, aber es sind nicht dieselben Muster an denselben Stellen. Zweitens ist bekannt, daß aufgrund der Plastizität des Gehirns nach Hirnläsionen andere Areale dieselben mentalen Fähigkeiten nach einer gewissen Zeit des Lernens übernehmen können. Auf der Mikroebene ist die Entkopplung mentaler von zerabralen Gehirnzuständen sogar essentiell, weil täglich Neuronen zugrunde gehen, ohne daß wir den Effekt auch täglich bemerken würden, weil andere Neuronengruppen die Aufgabe der ausgefallenen Neuronen übernehmen. Soziobiologen können der Beweiskraft dieser Befunde nur ausweichen, indem sie behaupten, nicht die physiologische Gehirnarchitektur, sondern die Funktionen dieser Architektur seien vererbt. Damit verabschieden sie sich aber von explizit von (A1), (A2), (A6), (A9), (G1), (G2), (G3) und lassen offen, wie sie (A3), (A4) und (A5) erfüllen wollen. Die Strategie aus (P1) dennoch zu verfolgen, bedeutet daher implizit den Begriff der Evolution zu redefinieren, ohne daß der Sinn und Nutzen der neuen Definition transparent diskutiert werden würde. Außerdem gehört zu diesen Funktionen auch die Abfolge mentaler Zustände und es ist einfach falsch, daß für alle eineiigen Zwillinge gilt, daß sie unter denselben Bedingungen immer dieselben Meinungen haben, daß sie von einer Stimmung S1 immer in S2 übergehen und aus denselben Überzeugungen auch dieselben Folgerungen ziehen – das alles stimmt einfach nicht: die Psychen von genetisch identischen Personen sind variabel und nicht Kopien voneinander.

Da Tote zweifellos keine mentalen Zustände mehr haben können, scheint die Behauptung von (P2), daß mentale Zustände auf zerebrale Zustände irgendwie zurückgeführt werden können, prima facie vernünftig zu sein. Man kann nun, wie hier geschehen, darüber nachdenken, ob sich mentale Zustände auch wirklich auf zerebrale reduzieren lassen. In diesem post werden wir uns dagegen fragen, ob man von einem mentalen Zustand wissen kann, daß er auf einen zerebralen reduziert werden kann. Denn das Vorgehen in (P2) verlangt klarerweise, daß, wenn wir uns in einem mentalen Zustand M befinden, wir auf eine nicht näher angegebene Weise mit Hilfe des nicht notwendigerweise sprachlich ausdrückbaren, aber M identifizierenden Inhalts p wissen, daß wir uns in einem zerebralen Zustand Z befinden, von dem wir hier einmal annehmen wollen, daß seine evolutionäre Entstehung in geeigneter Weise nachgewiesen wurde.Um den Zusammenhang von M und Z zu untersuchen, wollen wir nun folgendes definieren:

(D) Wir sagen, daß ein mentaler Zustand M irgendein x repräsentiert genau dann, wenn es entweder die Funktion von M ist, normalerweise Informationen von x zu übertragen bzw. von x verursacht zu werden, oder wenn M die Funktion hat, Informationen von x zu tragen, indem M von y verursacht wird. y ist dabei selbst kein mentaler Zustand.

(D) ist ein knifflige Sache, die sich aber gut an einem technischen Beispiel illustrieren läßt:

So wie der Zeigerstand eines Thermometers K die Außentemperatur T i.S.v. (D) repräsentiert, repräsentiert der vom Gehirn erzeugte mentale Zustand M den zerebralen Zustand Z. Daher entspricht der Zeigerstand von K dem Inhalt p von M und T dem Zustand Z.

Bei Thermometern leuchtet es uns unmittelbar sein, daß kein Zeigerstand von K den Repräsentationszustand R von K repräsentiert, nämlich z.B. die Tatsache, daß ein Zeigerstand von K eine Außentemperatur T repräsentiert. Denn nehmen wir einmal zusätzlich an, K sei mit einem Alarmsystem für niedrige Außentemperaturen gekoppelt. Dann ist klar, daß der Alarmzustand von K einen Inhalt über den Zustand von K, nichts aber über den Repräsentationszustand R von K beinhaltet, denn es wird mit dem Alarm ja nichts über T induziert: Das Thermometer könnte auch kaputt gewesen sein. Übertragen wir diese Struktur nun auf Personen und mentale Zustände, dann folgt: Eine Person kann wissen, daß sie sich in M befindet, ohne deshalb auch ihrem Repräsentationszustand R kennen zu müssen.

Gehen wir jetzt zurück zu K und nehmen wir an, das Thermometer hätte ein Bewußtsein, dann gilt weiter, daß K nicht selbst entscheiden kann, ob sein Zeigerstand auf eine äußere Ursache, z.B. Z zurückzuführen ist oder nicht. K kann die Wirklichkeitreue seines eigenen Zustandes nicht mit Hilfe seines eigenen Zeigerstandes allein verifizieren, denn K kann nicht ohne weitere äußere Anhaltspunkte entscheiden, ob es kaputt ist oder nicht. Daher  kann K so wenig die Wirklichkeitreue seines eigenen Zustandes überprüfen, wie eine Person die Wahrheit der Behauptungen einer Zeitung dadurch herausfinden kann, indem sie ihre Artikel zweimal ließt.

Übertragen wir diese Struktur von Repräsentation nun auf Personen und mentale Zustände, dann folgt insgesamt: In M zu sein, impliziert weder R zu kennen, noch erzählt R durch den Inhalt p von M, wie M via Z oder Z selbst zustandegekommen ist. Und daher kann (P2) niemals zu einer belastbaren evolutionären Erklärung führen. Selbst wenn wir demnach zugeben, daß es evolutionäre Einflüsse auf die Psyche des Menschen gibt – so unplausibel ist das ja gar nicht, wie Zwillingsstudien nahelegen – können wir nicht herausfinden, wo sie genau liegen: Die Intransparenz des Geistes für sich selbst als eine der tieferen Quellen für all die Schwierigkeiten an der Schnittstelle von Gehirn und Geist wird von Soziobiologen, evolutionären Psychologen und anderen einfach unterschätzt.

Natürlich können Soziobiologen diesem Argument ausweichen und behaupten, daß es die mentalen Zustände als Quellen unserer Handlungen seien, welche uns z.B. im Pleistozän das Überleben sicherten, und die daher als einzige einer impliziten Selektion unterlagen. Aber dann verabschiedet man sich erneut vom obigen Evolutionsbegriff, in dem man wieder (A1), (A2), (A6), (A9), (G1), (G2), (G3) fallen und offen läßt, wie (A3), (A4) und (A5) erfüllt werden sollen.

Fazit

Mein Fazit aus dieser Analyse lautet daher: Obwohl es vernünftige und sicher auch wahre evolutionäre Erklärungen z.B. für Anatomisches gibt, sind evolutionäre Erklärungen von Geistigem irreparabel unbrauchbar. Und wer dennoch ihre Richtigkeit beansprucht, demonstriert, daß er gar nicht merkt, von demjenigen dramatisch abzuweichen, was er vorgibt, angeblich so gut zu verstehen: der Evolutionstheorie.

[1] z.B. J. Barkow/ J.Tooby/ L. Cosmides: The Adapted Mind, Oxford 1992 ; J. Tooby / L. Cosmides: Evolutionary Psychology and the Generation of Culture, Part I, in: Ethology and Sociobiology, vol. 10, pp. 29-49 ; J. Tooby / L. Cosmides: Evolutionary Psychology and the Generation of Culture, Part II. Case Study: A Computational Theory of Social Exchange, in: Ethology and Sociobiology, vol. 10, pp. 51-97
 

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22 Antworten auf Evolutionäre Erklärungen des Geistigen II

  1. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Die These, die wir hier widerlegen wollen, lautet, daß (T) der Bestand oder die Abfolge oder die Änderung einiger geistigen Zustände eine evolutionäre Erklärung hat.

    Viel Glück!

    Solche Widerlegungen sind auf verschiedenen Wegen möglich. Der hier beschrittene Weg will zum einen das Ergebnis liefern, daß eine Übertragung der oben gefundenen Bedingungen (A1)-(A9) und (G1)-(G3) Unsinn liefert

    auch hier – viel Glück. Denn das ist durchaus nicht der Fall. Auch wenn die meisten Leute zu faul sein werden, diese Behauptung nachzuprüfen, weil sie dafür wieder erst noch den 1. Teil durchlesen müssten. So schwer kann das ja nicht sein, diese Aussagen hier noch einmal konzentriert zu zitieren.

    Da Geistiges verschiedener Spezies mangels raumzeitlicher Lokalisierung nicht direkt in einer Konkurrenz um überlebenswichtige Resourcen stehen kann, kann man nur die Körper der den Geist erzeugen Gehirne dafür heranziehen und wer immer eine Variante von evolutionärer Psychologie oder Soziobiologie – oder wie immer solche Richtungen heißen mögen – vertritt, muß daher angeben, wie Geistiges von Physischem abhängt.

    Das dürfte wohl allgemein bekannt sein, dass die Feinstruktur dieser Zusammenwirkung noch unbekannt ist. Dessen ungeachtet wäre eher zu fragen, wie "Geistiges" und "Psychisches" existieren soll, ohne vom Physischem abhängig zu sein. Immerhin wird konzidiert, dass verschiedene Spezies über "Geistiges" verfügen, wenn ich den Anfang des zitierten Satzes richtig interpretiere. Allerdings ist "Da.." völlig irrelevant zu "kann man…" Ob "Geistiges" verschiedener Spezies in einer Konkurrenz um Ressourcen steht oder nicht ist unerheblich für die Frage, dass der "Geist" in den Gehirnen der Körper existiert.

    Wenn das nachgewiesen werden kann, dann sind EEG ganz einfach ein Fall schlechter Wissenschaft, weil die Apologeten von EEG einfach das Konzept von Evolution nicht verstehen.

    Wenn nicht, dann ist dieser ganze Artikel (Teil 1 und 2) nur Geschwurbel.

    … können wir nicht herausfinden, wo sie genau liegen: Die Intransparenz des Geistes für sich selbst als eine der tieferen Quellen für all die Schwierigkeiten an der Schnittstelle von Gehirn und Geist wird von Soziobiologen, evolutionären Psychologen und anderen einfach unterschätzt.

    Die Instranspatrenz des Geistes wird durchaus nicht unterschätzt. Nur wird hier eine quasi digitale Unterscheidung Körper – Geist aufgebaut, ohne zu berücksichtigen, dass "Geist" mehr ist als bewußtes Denken und Rumphilosophieren, sondern dass Biologie im Ergebnis analog arbeitet (auch wenn Synapsen 0-1-Zustände haben). "Geist" und "Bewußtsein" hat individuelle Tiefe und Höhe und verliert sich mit gleitendem Übergang in das Unbewußte. Das ist nicht nur beim Menschen so. Ich bin nun wahrlich kein Biologe – aber man braucht einfach nur das Verhalten von Tieren verschiedenster Arten zu beobachten.

    Natürlich können Soziobiologen diesem Argument ausweichen und behaupten, daß es die mentalen Zustände als Quellen unserer Handlungen seien, welche uns z.B. im Pleistozän das Überleben sicherten, und die daher als einzige einer impliziten Selektion unterlagen.

    Ja, was denn sonst? Und nicht nur im Pleistizän – im ganzen Quartär (und auch noch eher). Und nicht nur uns. Woher kommt eigentlich die Arrogenz, dass "Geist" etwas so besonderes wäre? So besonders, dass "Geist" auch "geistige" Grundlagen braucht? Damit meine ich nicht, dass es sich bei einem Glas Rotwein unbefangener diskutieren läßt.

  2. Steffen Rehm sagt:

    E.Diederichs schreibt mal wieder hochtrabenden Unsinn. Es lohnt sich nicht, seiner Verwirrung klärende Argumente entgegenzusetzen, besser "verabschiedet man sich erneut vom obigen Evolutionsbegriff, in dem man wieder (A1), (A2), (A6), (A9), (G1), (G2), (G3) fallen und offen läßt, wie (A3), (A4) und (A5) erfüllt werden sollen." .:-)

  3. Elmar Diederichs sagt:

    Ich empfehle meinen Kommentatoren noch einmal die sorgfältige Lektüre meine Argumentation mit dem Repräsentationsbegriff, der so gestrickt ist, daß er jede Art von "informationellem Zusammenhang" zwischen zerebralen und geistigen Zuständen abdeckt.
     
    Die weiterführende Pointe dieses postes zweierlei:
     
    Zum einen ist klar, daß eine evolutionäre Erklärungen mentaler Phänomene im Grunde inhaltsleere Spekulation bleiben müssen, solange unsere epistemischen Resourcen, von unseren eigenen mentalen Zuständen zu wissen, sich nicht grundsätzlich ändern.
     
    Zum anderen wird man eine bestimmte Reihenfolge bei dem Programm der Naturalisierung epistemischer Phänomene einhalten müssen: Man wird zuerst klären müssen, wie wir Wissen über mentale Zustände erwerben können und an die Ergebnisse dieser Überlegungen die Naturalisierungsstrategie anpassen müssen.

  4. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #3 Elmar Diederichs am 6. Januar 2012 um 14:32
    Zum einen ist klar, daß eine evolutionäre Erklärungen mentaler Phänomene im Grunde inhaltsleere Spekulation bleiben müssen, solange unsere epistemischen Resourcen, von unseren eigenen mentalen Zuständen zu wissen, sich nicht grundsätzlich ändern.

    Wer hätte das gedacht? Das gilt jedoch für alle Überlegungen – evolutionär oder unwahrscheinlicherweise auch nicht.
     
    Zum anderen wird man eine bestimmte Reihenfolge bei dem Programm der Naturalisierung epistemischer Phänomene einhalten müssen: Man wird zuerst klären müssen, wie wir Wissen über mentale Zustände erwerben können und an die Ergebnisse dieser Überlegungen die Naturalisierungsstrategie anpassen müssen.

    Statt zu klären, sollte man anfangen. Und das berücksichtigen, was schon geklärt ist und das, was offenkundig ist.

  5. Tutnix sagt:

    Bei dem Fazit begnüge ich mich doch lieber damit, dass die Giraffe ihren langen Hals hat, weil sie das Blattwerk der Akazie bevorzugte.

  6. Elmar Diederichs sagt:

    "Wer hätte das gedacht? Das gilt jedoch für alle Überlegungen – evolutionär oder unwahrscheinlicherweise auch nicht."
     
    Die Gesellschaftswissenschaften pflegen noch immer eine cartesische Tradition, nach der mentale Zustände epistemisch transparent sind. Daher ist eine Widerlegung evolutionärer Erklärungen mentaler Zustände keineswegs banal – zumal keine andere Sorte von Argument diese endgültige Wirkung haben kann.
     
    "Statt zu klären, sollte man anfangen. Und das berücksichtigen, was schon geklärt ist und das, was offenkundig ist."
     
    Das wäre ein ganz neues Thema: eine Naturalisierung des Geistes ohne Evolutionstheorie. Ich schätze, daß das in den nächsten 20 Jahren dieses Gebiet dasjenige mit der größten Anzahl philosophisher Publikationen sein wird – und es werden voraussichtliche eine Menge irreführender Strategien dabei sein.

  7. Elmar Diederichs sagt:

    @Tutnix:
     
    "Bei dem Fazit begnüge ich mich doch lieber damit, dass die Giraffe ihren langen Hals hat, weil sie das Blattwerk der Akazie bevorzugte."
     
    Das bedeutet, daß sie implizit einen neuen Begriff der Evolution einführen, den mit empirischen Belegen auszustatten, ihre Aufgabe wäre. Soweit ich weiß, fehlen diese Belege aber.

  8. Tutnix sagt:

    Ne, is´ nicht von mir. Kommt von ´nem Paläontologen, der auf WB auch nicht sonderlich beliebt ist, deswegen möchte ich das nicht weiter ausführen.

  9. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #6 Elmar Diederichs am 6. Januar 2012 um 16:35
    Daher ist eine Widerlegung evolutionärer Erklärungen mentaler Zustände keineswegs banal – zumal keine andere Sorte von Argument diese endgültige Wirkung haben kann.

    Nein, natürlich wäre das nicht banal. Das wäre sogar außerordentlich aufregend – sowohl für Religiöse und auch ihre Gegner. Nur sind die von Ihnen gebrachten Argumente zu wenig überzeugend, um die Antwort in diese Richtung zu geben.

    Das wäre ein ganz neues Thema: eine Naturalisierung des Geistes ohne Evolutionstheorie. Ich schätze, daß das in den nächsten 20 Jahren dieses Gebiet dasjenige mit der größten Anzahl philosophisher Publikationen sein wird – und es werden voraussichtliche eine Menge irreführender Strategien dabei sein.

    Nun, dieses Thema wurde ja gestern und heute schon angesprochen. Dass eine Menge irreführender Strategien dabei sein werden, da stimme ich Ihnen gern zu. Die Naturalisierung des Gesites ohne Evolutionstheorie wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gelingen. Wie denn? Nur Philosophie wird nicht genügen.

  10. Elmar Diederichs sagt:

    "sowohl für Religiöse und auch ihre Gegner. "
     
    Das Problem sehe ich natürlich auch. Aber dennoch denke ich, daß wir von einer wirklich überzeugenden Naturalisierung in Punkto Säkularisierung sehr viel mehr haben werden.
     
    "Nur sind die von Ihnen gebrachten Argumente zu wenig überzeugend, um die Antwort in diese Richtung zu geben."
     
    Richtig. Das war auch niemals intendiert: Soweit reicht der post gar nicht.
     
    "Die Naturalisierung des Gesites ohne Evolutionstheorie wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gelingen. Wie denn?"
     
    Meine Vermutung ist, daß wir zuerst bei der Analyse der Qualia und dann beim Phänomen des Bewußtseins Fortschritte machen werden. Die meisten anderen Zustände scheinen in ihrer Existenz von der Beherrschung einer Sprache abzuhängen und in Sachen Sprachphilosophie sieht es eigentlich ganz gut aus. Aber ich will hier nicht zu viel rumspekulieren.
     
    "Nur Philosophie wird nicht genügen."
     
    Kann sein. Wenn es so ist, dann mache ich mir als Philosoph darüber keine Sorgen, da mich nur das Ergebnis interessiert.

  11. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #10 Elmar Diederichs am 6. Januar 2012 um 18:03
     
    Meine Vermutung ist, daß wir zuerst bei der Analyse der Qualia und dann beim Phänomen des Bewußtseins Fortschritte machen werden. Die meisten anderen Zustände scheinen in ihrer Existenz von der Beherrschung einer Sprache abzuhängen und in Sachen Sprachphilosophie sieht es eigentlich ganz gut aus. Aber ich will hier nicht zu viel rumspekulieren.

    Das Phänomen des Bewußtseins hat für mich viel mit seiner biologischen Wurzel zu tun. Nach dieser Überlegung hat es sich evolutionär entwickelt – geginnend bei den Tieren, die etwas komplziertere Reflexmöglichkeiten hatten als bei einem Temperaturregelkreis.

  12. Elmar Diederichs sagt:

    @ilex
     
    "Das Phänomen des Bewußtseins hat für mich viel mit seiner biologischen Wurzel zu tun. "
     
    Was wir wirklich brauchen, sind keine inbrünstigen Überzeugungen, sondern schlagkräftige Argumente.

  13. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #12 Elmar Diederichs am 7. Januar 2012 um 09:54
     
    Was wir wirklich brauchen, sind keine inbrünstigen Überzeugungen, sondern schlagkräftige Argumente.

    Ihr Wort in das Ohr der höheren Geistigkeit.

    Schlagkräftige Argumente zu diesem Thema kamen bisher aus der Biologie. Daher brauche ich mich auf inbrünstige Überzeugungen nicht zu verlassen, sondern kann ganz in Ruhe die weitere Forschung verfolgen.

  14. Der "Geist" in der evolutionären Lücke

    "Gibt es eine evolutionär entstandene, psychische Natur der menschlichen Spezies": Der Autor will anscheinend nachweisen, dass unser Gehirn, seine Verschaltung mit dem Körper und die Eigenschaften dieses Systems nicht in der Evolution entstanden sind. Das ist m.E. nicht gelungen.

    "Ich werde … dafür argumentieren, daß alle o.g. Fragen endgültig verneint werden können": Man kann zwar Widersprüche in logischen Ableitungen (Konstrukten) aufzeigen. Es ist jedoch offenbar nicht möglich, etwas "endgültiges" über die Welt zu wissen, da jedes Begründungsdenken in das Münchhausen-Trilemma führt (Hans Albert). Der einzig bekannte Ausweg besteht darin, anzuerkennen, dass wir uns irren können.

    Die Thesen (A1-A8) werden ausführlich vorgestellt, später aber praktisch nicht benutzt. Der lapidare Hinweis auf (A1-A9) stellt dem Leser Hausaufgaben, die doch eigentlich vom Autor bereits erledigt sein sollten. Auf (A9) wird noch einmal Bezug genommen:

    (A9) "evolutionäre Erklärungen betreffen nur die Wechselwirkungen natürlicher Abläufe mit den erblichen Merkmalen jedes Lebewesens einzeln in einer lokalen Umgebung": Plausibel.

    (A9) "… und sie sind unabhängig davon, daß für das Erbringen der Erklärungsleistung von einen Kollektiv intentional erbrachte Kulturleistungen …. in der evolutionären Erklärung erwähnt werden": Bestimmte Kulturleistungen wie z.B. Ackerbau scheinen aber doch ziemlich relevant zu sein. Die Zahl der Exemplare von Homo sapiens auf unserem Planeten wäre ohne Ackerbau sicher erheblich geringer, so dass zahlreiche andere Species nicht ausgestorben wären. Ackerbau betreiben zu können, setzt wiederum ein entsprechend entwickeltes Gehirn voraus.

    Im zweiten Teil wird dann das "Geistige" definiert:

    "Unter Geistigem wollen wir hier Charakterisierungen von Lebewesen als Personen verstehen und damit dasjenige, was wir bereitstellen wollen, wenn wir das intentionale Handeln des Lebewesens aus Gründen sprachlich zu erklären beanspruchen. Psychisches, Psychologisches und Mentales sind damit die Hauptanwendungsfälle von Geistigem und offenbar hat Geistiges die wesentliche Eigenschaft, nicht an raumzeitlichen Koordinaten lokalisiert und in diesem Sinne abstrakt zu sein."

    Wenn "Geistiges" im Weltall nirgends vorkommt, dann handelt es sich dabei offenbar um eine Fiktion. Für die reale Existenz platonischer Ideen gibt es keine Belege, wir kennen nur konkrete physikalische Objekte. Die "Intentionalität" ist ein durchaus umstrittenes Konzept, das sich im Experiment nicht gut bewährt hat: http://de.wikipedia.org/wiki/Libet-Experiment

    "Da Geistiges verschiedener Spezies mangels raumzeitlicher Lokalisierung nicht direkt in einer Konkurrenz um überlebenswichtige Resourcen stehen kann, kann man nur die Körper der den Geist erzeugen Gehirne dafür heranziehen":

    Die Gehirnleistung von Homo sapiens ist bekanntermaßen ein bedeutender Leistungsverbraucher, woduch ein erheblicher Nahrungsmehrbedarf besteht. Bei Nahrungsknappheiten muss sich dieser Energiemehrverbrauch schon lohnen, sonst wird es nichts mit den Nachkommen. Dass das "Geistige" mit Funktionen des Gehirns zu tun hat, ist ausgezeichnet belegt. Neurologen können sogar bestimmte Funktionen von Gehirnen durch stromführende Elektroden abschalten oder anregen.

    "Meistens wird ein modulares Modell des Geistes vertreten [1], nach dem die  mentalen Fähigkeit sich auffassen lassen als eine Menge evolutionär entwickelter und interagierender Informationsverarbeitungssubsysteme, die Lösungen von historisch eingebetteten Optimierungsaufgaben beim Überleben in Konkurrenz zu anderen Spezies repräsentieren."

    Wenn man "Geist" als unlokalisierbare Fiktion oder Idee auffasst und nicht als Prozess in realen Gehirnen, dürfte klar ein, dass sich ein derart definierter "Geist" per Definition nicht evolutionär entwickeln kann. Evolutionär entwickeln können sich nur Organismen und ihre Organe insbesondere Gehirne. Es gibt also keine "geistigen Module" sondern lediglich zerebrale Untereinheiten, die stark vernetzt sind.

    "Wenn man nun z.B mittels PET die Gehirne von Personen beobachtet, die alle dieselben Aufgaben lösen, dann sieht man zwar, daß in lokal nahe beieinander liegenden Arealen ähnliche Aktivitätsmuster vorhanden sind, aber es sind nicht dieselben Muster an denselben Stellen." Die Menschen sind nicht exakt gleich. Sie haben auch nicht die exakt gleichen Prozesse (z.B. Lernen) durchlaufen. Lernen führt bekanntermaßen zu Veränderungen im Gehirn. Es ist daher zu erwarten, dass die Muster nicht exakt übereinstimmen.

    "Zweitens ist bekannt, daß aufgrund der Plastizität des Gehirns nach Hirnläsionen andere Areale dieselben mentalen Fähigkeiten nach einer gewissen Zeit des Lernens übernehmen können." Das geht jedoch keineswegs beliebig weit. http://de.wikipedia.org/wiki/Phineas_Gage

    "Psychen von genetisch identischen Personen sind variabel und nicht Kopien voneinander."  Das ist bei der Komplexität und Adaptionsfähigkeit neurologischer Systeme auch zu erwarten.

    "Man kann nun, wie hier geschehen, darüber nachdenken, ob sich mentale Zustände auch wirklich auf zerebrale reduzieren lassen." Das kann man sicher, bislang gibt es aber keine überzeugende Alternative hierzu. Warum ist denn bei einem Pianisten im Klavierkonzert der motorische Cortex aktiv, beim Nichtmusiker jedoch nicht? In PET-Studien hat sich die Annnahme zerebraler Aktivitäten bislang gut bewährt. Es gibt keinen Grund einen "reinen Geist", den dualistisch interaktionistischen Geist von Eccles oder ähnliches anzunehmen.

    "Daher  kann K so wenig die Wirklichkeitreue seines eigenen Zustandes überprüfen, wie eine Person die Wahrheit der Behauptungen einer Zeitung dadurch herausfinden kann, indem sie ihre Artikel zweimal ließt. … Selbst wenn wir demnach zugeben, daß es evolutionäre Einflüsse auf die Psyche des Menschen gibt – so unplausibel ist das ja gar nicht, wie Zwillingsstudien nahelegen – können wir nicht herausfinden, wo sie genau liegen: Die Intransparenz des Geistes für sich selbst als eine der tieferen Quellen für all die Schwierigkeiten an der Schnittstelle von Gehirn und Geist wird von Soziobiologen, evolutionären Psychologen und anderen einfach unterschätzt."

    Soziobiologen und evolutionäre Psychologen mögen Schwierigkeiten unterschätzen. Es ist aber doch gar nicht so schwer zu verstehen, warum z.B. Asexualität, Demenz, Depression, Selbstmordneigung o.ä. sich evolutionär nicht zu dominanten Funktionsmerkmalen von Gehirnen mausern konnten. Manche Philosophen unterschätzen auch den Einfallsreichtum von Naturwissenschaftlern. Eine Theorie wird erfunden, man zieht Schlussfolgerungen daraus und prüft, ob sich diese empirisch bewähren. Ein direkter Letztbeweis ist ohnehin unmöglich. Theorien indirekt experimentell zu prüfen, ist schon seit längerem üblich.

    "Mein Fazit aus dieser Analyse lautet daher: Obwohl es vernünftige und sicher auch wahre evolutionäre Erklärungen z.B. für Anatomisches gibt, sind evolutionäre Erklärungen von Geistigem irreparabel unbrauchbar."

    Die weit reichende Allaussage irreparabler Unbrauchbarkeit evolutionärer Erklärungen lässt sich doch leicht dadurch widerlegen, dass man aufzeigt, warum gewisse biologisch dysfunktionale psychische Veranlagungen evolutionär nicht dominant werden konnten. Die Theorie, dass unsere Gehirnfunktionen ein Produkt der Evolution sind, hat sich bislang gut bewährt. Von einer irreparablen Unbrauchbarkeit sind wir deutlich entfernt.

    In den Geisteswissenschaften wird "Geist" gerne nur an höhere Funktionen der Gattung Homo sapiens geknüpft. Aber bereits das räumliche Sehen ist ein "geistiger" Vorgang, den viele Tiere auch beherrschen. In der Kognitionswissenschaft hat man herausgefunden, dass räumliches Sehen keine einfache Bilddatenverarbeitung ist, sondern einen komplexen konstruktiven neurologischen Vorgang darstellt. Die Nützlichkeit des Sehens ist leicht einsehbar und es gibt auch Beispiele für die Zurückbildung der Sehfähigkeit in Biotopen ohne Licht. Somit fügt sich die Entwicklung "geistiger" Fähigkeiten gut in eine Evolutionstheorie über sich entwickelnde Gehirne ein.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmungstheorie#Wahrnehmungstheorie

    Auch die Emotionsforschung zeigt die Kontinuität zwischen Mensch und Tier. Biologisches Verhalten basiert offenbar auf automatisierten, schnellen und emotionalen Einschätzungen. Die Läsionsforschung zeigt z.B., dass präfrontale Schädigungen Gefühlsarmut und Entscheidungsunfähigkeit zur Folge haben. Entscheidungssteuerung über somatische Marker lässt sich offenbar auch bei Tieren finden und ist damit evolutionär älter als Homo sapiens.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Emotionstheorie
    http://de.wikipedia.org/wiki/Frontalhirnsyndrom
    http://de.wikipedia.org/wiki/Ant%C3%B3nio_Dam%C3%A1sio#Die_Theorie_der_somatischen_Marker
    http://v.hdm-stuttgart.de/projekte/iwm/roswitha_projekt_wissen_emotion/damasio/damasio_09.htm
    http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/2008_01/08_01_puppe/index.html

    Fazit: Es konnte m.E. nicht gezeigt werden, dass Gehirnleistungen außerhalb der Evolution stehen oder dass sich "Geist" vom Körper ablösen ließe.

  15. Frank Berghaus sagt:

    #14 BeginnersMind am 7. Januar 2012 um 22:33

    Sorry für die Verzögerung. Bei so vielen Links streikt das System. Ich hoffe es war zeitnah genug ;-)

  16. Praktisch in Echtzeit. :-)

  17. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #14 BeginnersMind am 7. Januar 2012 um 22:33

    Sehr schön. Deutliche Zustimmung.

  18. ilex (E. Ahrens) sagt:

    .#14 BeginnersMind am 7. Januar 2012 um 22:33 = aus dem letzten Link der FU Berlin =  „Dass Tiere Emotionen haben, ist mittlerweile anerkanntes Wissen“, sagt Schöning.

    Wer dies nicht in sein Kalkül zieht, geht blind durch die Welt. So ist ein relativ unabhängiges Tier wie eine freilaufende Hauskatze durchaus zu beobachtbaren Emotionen fähig sowohl in Bezug zu Menschen als auch zu anderen Katzen (real, nicht vermenschlicht interpretiert). Ich mag ja über dieses Tier kaum noch schreiben, weil ich es oft anführe – aber es ist ideales Beobachtungsobjekt, weil weniger auf den Mensch bezogen wie ein Hund. Und das ist natürlich nur ein Beispiel. Die Schweine wurden im verlinkten Text ja schon angeführt. Man muss nur mal auf irgendeinen Biohof fahren, wo die Schweine frei rumlaufen dürfen und ihre Interaktion beobachten.

    Um die Evolution des Geistes zu erforschen würde ich als Politiker Fördermittel lieber für Biologen als für Philosophen bewilligen.

  19. Tutnix sagt:

    Ich kann mir zur Abwechslung ja mal den Wolf vorknöpfen. Nicht um die biologische Verwandschaft zum Tier hervorzuheben, sondern um den bestehenden qualitativen Abstand in der Wahrnehmung zu verdeutlichen. Denn Hauptmotiv, eine eigenständige Objektklasse für den Bereich alles Geistigen zu postulieren, ist für mich immer noch die unbegründete Furcht, mit dem Tier in den Strudel der Determinierung gerissen zu werden. Dabei ist die Wahrnehmung durch die Wissenschaften bereits sowas von umzingelt, dass mir gar kein Ausweg mehr scheint, als das Geistige als Funktion des Organismus zu betrachten.

    Der Wolf, mit ihm auch der Hund, ist in seiner optischen Wahrnemung auf Bewegung spezialisiert. Und obwohl sein Auge ansich auch leistungsfähig ist, zeigt er kaum Reaktionen wenn ihm eine Zeichnung vorgelegt wird. (Allenfalls sollte man darauf achten, dass man ihm mit dem Papier nicht zu dicht vor der Nase wedelt, er danach schnappt und es aggresiv in Stücke reisst.) Aber spätestens in dem Moment wo das Blatt ausgebreitet vor ihm liegt und der gebildete Zweibeiner gezielt mit den Augen über die Zeichnung zu wandern beginnen würde, Linien interpretiert, Bezüge herstellt…, erlahmt das Interesse des Hundes. Selbst wenn es sich bei der Darstellung um den detailierten Entwurf seines neuen, geräumigeren Zwingers handelt, wirkt er teilnahmslos als betrachte er einen beliebigen unbewegten Ausschnitt seines sonstigen Blickfeldes.

  20. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #19 Tutnix am 8. Januar 2012 um 11:47 = Aber spätestens in dem Moment wo das Blatt ausgebreitet vor ihm liegt und der gebildete Zweibeiner gezielt mit den Augen über die Zeichnung zu wandern beginnen würde, Linien interpretiert, Bezüge herstellt…, erlahmt das Interesse des Hundes. Selbst wenn es sich bei der Darstellung um den detailierten Entwurf seines neuen, geräumigeren Zwingers handelt, wirkt er teilnahmslos als betrachte er einen beliebigen unbewegten Ausschnitt seines sonstigen Blickfeldes.

    Du verlangst aber auch was!  ;-)

    Das muss schon konkret sein. Kaum habe ich für die neue Katzenklappe ein Loch in die Wand gestemmt und zwei Mauersteine entfernt, lief der Kater dadurch, weil er sogleich erkannte, welche Abkürzung sich ihm jetzt bietet. Die Zeichnung hätte ihn allerdings ebenso nur aus einem Grund interessiert: Um sie zu zerfetzen.

    Dessen ungeachtet haben Katzen und wohl auch Hunde dennoch einen detaillierten Plan von Haus und Hof und Revier im Gedächnis, den sie ganz souverän nutzen. Wie hätten sie denn auch je ohne diese Fähigkeit als Raubtier existieren können, bevor der Mensch sie zähmte?

    Denn Hauptmotiv, eine eigenständige Objektklasse für den Bereich alles Geistigen zu postulieren, ist für mich immer noch die unbegründete Furcht, mit dem Tier in den Strudel der Determinierung gerissen zu werden.

    Das wird es sein. Nach meiner Küchenpsychologie haben die Leute, die eine von der Materie unabhängige Geistigkeit postulieren, zumeist Furcht, mit so primitiven Wesen wie andere Säugetiere verglichen zu werden.

  21. ilex: "Das wird es sein. Nach meiner Küchenpsychologie haben die Leute, die eine von der Materie unabhängige Geistigkeit postulieren, zumeist Furcht, mit so primitiven Wesen wie andere Säugetiere verglichen zu werden."
    Das ist äußerst plausibel. Dabei ist die Angst unbegründet. Tiere können weder Quantenphysik noch Neurologie oder Astrophysik betreiben. Evolutionär ältere neurologische Stukturen leben in uns aber weiter, was ja die Ausbreitung von Homo sapiens bislang nicht behinderte. Des weiteren: Auch bei Tieren gibt es die Qualia aller Wahrscheinlichkeit nach.

  22. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #21 BeginnersMind am 8. Januar 2012 um 15:39 = Des weiteren: Auch bei Tieren gibt es die Qualia aller Wahrscheinlichkeit nach.

    Das läßt sich zwar nicht beweisen. Ist aber nach Augenschein plausibel.

    Diese Nichtbeweisbarkeit der Qualia bei Tieren ist aber nicht weiter schlimm, solange es Menschen gibt, die noch nicht einmal davon überzeugt sind, dass andere Menschen gleiche oder ähnliche Qualia empfinden wie sie selbst.

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