® Sontagsmatinée über das Vorurteil

Wir sehen ein Vorurteil meist unter negativem Aspekt – als defekte Meinung über einen Sachverhalt, bei der wir nicht alle Aspekte der Sache berücksichtigten. So kann – wenn man sich gegenüber ehrlich ist – uns unser Bauchgefühl gerade angesichts bestimmter Erfahrungen manchmal durchaus zu falschen Schlüssen führen.

Da aber Vorurteile auch unser Verhalten ohne viel Nachdenken bestimmen, sehen wir die kurze unvollständige Beurteilung einer Sache aufgrund erster Erfahrung oder ersten Wissens als Wegweisung aus einer Zeit, in der schnelle Reaktionen wichtiger waren als ausgewogene Feststellungen. Einige Schlüsselreize und Typisierungen sind dann die Marker, nach denen sich unser Verhalten richtet.

Die Zeit ist so lange noch nicht her, als wir Jäger und Sammler waren und schnelle Endscheidungen treffen mussten ohne viel nachzudenken. Doch auch im Dschungel der Großstadt begegnen uns beständig Situationen, in denen wir nicht objektiv analysieren, sondern aufgrund "unseres Gefühls" und unserer Voruteile jenes tun und anderes lieber lassen. Vorurteile dienen unserer Psyche zur Arbeitserleichterung, um in bestimmten Situationen und Konfrontationen nicht immer von vorn mit dem Denken beginnen zu müssen.

Vorurteile dienen uns, Dinge und Menschen schnell zu kategorisieren und aufgrund eigener Erfahrungen oder der Erfahrungen von Personen, denen wir vertrauen, in harmlos, neutral oder gefährlich einzustufen. Wobei sich sie wenigsten darüber klar sind, dass auch Vertrauen in eine Person oder Institution ein (positives) Vorurteil sein kann.

Vorurteile dienen uns auch selbst – so wie der kleinen Katze auf der Graphik. Dass wir glauben, zu bestimmten Aufgaben fähig zu sein macht es in manchen Fällen erst möglich, sich dieser Aufgabe zu stellen. Das Vorurteil, dass unsere Gruppe besser ist ist für manchen Grund zu erhöhter Solidarität.

Für den Hersteller von Waren hat das Vorurteil eine ganz wichtige positive Kompenente. Einmal als Qualitätsprodukt etabliert, wird auch bei Waren gleicher Qualität und gleichen Preises dabei geblieben. Ich fahre die gleiche Automarke wie mein Vater, obwohl Autos anderer Hersteller der gleichen Preisklasse sicher auch ihre Vorteile haben. Dass der Verein, dessen Fan man ist, der bessere sei, ist ein Vorurteil, dass gewöhnlich noch nicht einmal durch die objektive Tabelle der Spielergebnisse widerlegt wird.

Vorurteile – auch in positiver Bestimmung – können ebenso unrealistisch sein wie negative Auffassungen. Das Vorurteil, Islam sei Frieden, wird den, der es hat, nicht vor unangenehmen Erfahrungen bewahren. So ist der Mensch, der mehr für gut hält als angebracht, eben genau so Gefangener seiner Vorurteile wie der, der aus Erfahrung skeptisch ist. Das positive Vorurteil vernebelt genau so die Realität wie das negative und ist daher für eine realistische Beurteilung ebenso provisorisch – wenn auch wirksam.

Vorurteil kann sein, dass katholische Frauen lügen und zu sehr auf ihren Vorteil bedacht sind. Nun ist die Erfahrung von mir und meinen Söhnen zwar nur auf sechs Beispiele beschränkt. Das ist statistisch wenig angesichts von 10 Millionen katholischer Frauen in Deutschland, jedoch signifikant angesichts der geringen Zahl persönlich bekannter katholischer Frauen im norddeutschen Umfeld.

Wenn wie schon vor 35 Jahren in  Hamburg-St. Georg die Eltern der deutschen Kinder den Spielplatz an der Danziger Straße mit eigener wochelanger Arbeit ausgestalten, während die Eltern der türkischen Kinder meinten, das solle doch die Stadt machen und kein einziger von ihnen bei der Arbeit war, sie dann aber bei der Einweihungsfeier in Scharen aufkreuzen und später ihre Kinder die Kinder der Einheimischen vertreiben mit den Worten: "Das ist unser Spielplatz", dann kann das schon zu Vorurteilen führen.

Beide Beispiele sind in der Tat trivial und man weiß, dass zum Urteil nur eine geringe Anzahl der Personen dieser Kategorie geführt haben. Dessen ungeachtet verankert das Unbewußte diese Erkenntnisse in zähem Kampf gegen abgewogene Überlegungen im Verhaltensmuster. So entstehen verhaltensbestimmende Meinungen aus Situationen, die für sich als typisch empfunden werden und eben real typisch sein können oder auch nur vermeintlich. Zumindest hat ein ehrliches Vorurteil als Grundlage seiner Entstehung eine reale Erfahrung oder einige reale Erfahrungen.

Letzlich ist das Vorurteil grundsätzlich ebenso änderbar, wie es entstehen kann – durch neue Erfahrungen, die mit bisherigen Urteilen und Vorurteilen nach neuen Erfahrungen immer abgeglichen werden. So führt engerer Kontakt mit Menschen, über die bisher ein negatives Vorurteil gehegt wurde, dann zu positiverer Einstellung, wenn positive Erfahrungen gemacht werden. Der reine stärkere Kontakt allein nützt allerdings überhaupt nichts, um Vorurteile abzubauen, denn weitere negative Erfahrungen können die Vorurteile eher noch verstärken.

Daneben übernehmen viele Menschen aber auch erzählte Vorurteile, die in ihrer negativen Wirkung eher gefährlicher sind, da mit ihnen kein Erfahrungswissen verbunden ist und hier Propaganda und Verleumdung eine größere Rolle spielen. Dies gilt bezeichnenderweise besonders zu Menschen abweichender Religionen oder sogar bei unterschiedlichen Konfessionen innerhalb des Christentums.

Die negative Beurteilung des Vorurteiles ist die des Pessimisten. Vorurteilsbelastete Einstellung und Überzeugung – so schon G. Allport 1954 – führen über Verleumdung, Kontaktvermeidung, Diskriminierung, körperlicher Gewalt zur physischen Venichtung. Diese Lehre aus den Schrecken von Auschwitz hat seine Stringenz und sagt doch das Falsche. Es sieht nur die abschüssige verbrecherische Bahn, die Vorurteile bei manchen Menschen im Extremfall auslösen können. Dass Vorurteile diese mörderische Bahn ermöglichen, ist eben der gleiche Sachverhalt, mit dem man eine Axt als nützliches Werkzeug benutzen kann oder einen Menschen damit erschlagen.

Dennoch hat das Vorurteil eine schlechten Ruf und manch einer kennt es nur im diskriminierendem Sinne. Vorurteile können zu ungerechten Auffassungen führen, in der Tat. Nicht jedes Mitglied einer Gruppe von Menschen muss sich so verhalten, wie man es erlebte. Doch wie oft sollte man die Probe auf das Exempel machen? Dies leitet Menschen durch Vorurteil in der Tat dazu, auch bei diesen "Ausnahmen" ebenso zu handeln wie bei den Ereignissen, die zum Vorurteil führten. So ist das Vorurteil in der Tat nicht "gerecht" – aber eben in vielen Situationen dennoch Richtschnur des Denkens und Handelns. Auch bei guten Menschen.

Unterschätzen wir zum Schluss nicht das Vorurteil als taktische Waffe. So kann man aus politischen oder weltanschaulichen Gründen wohlbelegte Urteile, die der eigenen Auffassung entgegen stehen, als Vorurteil diskreditieren und ausnutzen, dass der Beweis, ein Urteil wäre kein Vorurteil, oft schwer zu führen ist.

 

 

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9 Antworten auf ® Sontagsmatinée über das Vorurteil

  1. Argutus sagt:

    Die Fähigkeit Vorurteile zu bilden ist eine wichtige Errungenschaft der biologischen Evolution, denn sie dient dem Überleben und der reproduktiven Fitneß.

    Allerdings sind Vorurteile kein geeignetes Instrument zur wissenschaftlichen Wahrheitsfindung, denn die bedarf der kritischen Prüfung. Wenn also die eigenen Vorurteile wissenschaftlichen Erkenntnissen widerprechen, dann muß man als vernünftiger Mensch diesen den Vorzug geben und seine vorgefaßte Meinung revidieren.

  2. simbo sagt:

    Ich versuche, mir  im Leben keine Vorurteile zu bilden.
    Einmal ist das aber geschehen und zwar bei einem ehemaligen "Chef" von mir. Schon als ich den zum ersten Mal sah, war er mir unsympathisch. Warum wusste ich damals nicht. Mit der Zeit stellte es sich dann heraus, dass er statt seine Arbeit zu verrichten viel lieber auf dem Internet rumsurfte. Und zwar, um sich auf seine Weise weiterzubilden (Pornoseiten). Pfui Teufel :mrgreen:, das während der Arbeitszeit
    Sobald ich das wusste (von meinen Kolleginnen) war für mich Schluss mit Lustig. Ich habe gekündigt und mir eine andere Arbeitsstelle gesucht.

  3. Saejerlaenner sagt:

    Die zeitliche Komponente spielt bei Vorurteilen eine nicht unwichtige Rolle. Vorurteile haben es so an sich, zu Erfahrungswerten zu werden. Nicht immer, aber oft. Und je älter man wird, je mehr Erfahrungen man gemacht hat, desto mehr verfestigen sich Ansichten, desto schwieriger wird es, neu auftretende Situationen immer wieder als neu zu empfinden, desto mehr neigt man dazu zu sagen: Kenne mer schon, ham mer schon oft genug erlebt.

  4. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #1 Argutus am 19. Februar 2012 um 11:17

    In der Tat wird kein vernünftiger Mensch dann an einem Vorurteil festhalten, wenn evident ist, dass es auf falchen Voraussetzungen beruht.

    Bis allerdings diese Erkenntnis reift, sind oft starke Anstöße nötig. Das liegt offenbar darin, dass Vorurteile – eben wegen der Wichtigkeit für biologische Fitness – "ganz unten" gespeichert werden und mehr oder minder unbewußt wirken.

    Indoktrination kann ebenso zu Vorurteilen führen. Das erlebt man gelegentlich, wenn man das Wort "Neger" fallen läßt. Dann kommen jenseits biologischer Gegebenheiten auch bei positiven Aussagen vorurteilsbehaftete Reflexe auch bei manchen sonst vernunftgesteuerten Menschen zu Tage. "Der Neger hat gegen Klitschko gar nicht schlecht ausgesehen" ist ja eigentlich eine positive Aussage (trotz des unsportlichen Verhaltens dieses Mannes außerhalb des Boxrings). Aber schon das vorurteilsbelastete Auslösewort bewirkt, dass nicht über die Sache, sondern das Wort geredet werden soll.

    #3 Saejerlaenner am 19. Februar 2012 um 12:45 = Und je älter man wird, je mehr Erfahrungen man gemacht hat, desto mehr verfestigen sich Ansichten, desto schwieriger wird es, neu auftretende Situationen immer wieder als neu zu empfinden, desto mehr ….

    Da ist eine gewisse Logik bei. Aus Erfahrungen sollte man lernen. Wahrscheinlich weisen deshalb jüngere Leute eher empört von sich, Vorurteile zu haben. Wenn sie allerdings ehrlich mit sich selbst sind, werden sie feststellen, dass das keineswegs so ist.

  5. Firithfenion sagt:

    Vorurteile sind gar nicht so schlecht, der Grund warum sich viele so hartnäckig halten, liegt ganz einfach darin, das sie oftmals ganz gut funktionieren. Evolutionär waren Vor-Urteile überlebenswichtig. Ein Vor-Urteil ist in diesem Sinne ein schnelles "Pi-mal-daumen" Einschätzen einer fremden Person oder eines unbekannten Lebewesens aufgrund allgemeiner, mit bisherigen Erfahrungen verknüpfter erkennbarer Eigenschaften dieser Person. Das eigene Überleben hing oft davon ab, ob man den Fremden richtig oder falsch einschätzte. Angesichts dessen, war der Nachteil des Vorurteils, nämlich das der Fremde sich "in seinen Gefühlen verletzt" oder "beleidigt" fühlen könnte falls man ihm mit einer negativen Einschätzung Unrecht täte, relativ unbedeutend. Vorurteile können nützlich sein, solange man sich bewusst ist, das es eben nur ein Vor(erst)-Urteil ist, welches man dann, wenn einem genauere Erfahrungen und Informationen über diese Person vorliegen revidieren kann.

  6. Jörg sagt:

    Der größte Vorteil des Vorurteils ist natürlich schon, dass es anstrengende Denkarbeit erspart. Deswegen ist es ja auch bei denen, die des Denkens kaum oder gar nicht mächtig sind, so beliebt. Üblicherweise finden sich diese intellektuell Gehandicapten an beiden Enden des politischen Spektrums. Deswegen sind Diskussionen mit Extremisten jeglicher Couleur praktisch aussichtlos. Um von ihren Vorurteilen wegzukommen, müsste sie ja denken, wozu sie aber nicht in der Lage sind.

  7. Ich habe Vorurteile gegen Bären und Wölfe. Und gegen Tiger und Löwen.

    Also, ich möchte nicht, dass sie mir zu nahe kommen. Und spielen möchte ich mit ihnen auch nicht.

    In der Tat, Vorurteile können manchmal lebensrettend sein.

  8. Azrail sagt:

    Lieber Ilex,
    dass mit den Vorurteilen ist schon so eine Sache. Es gibt Vorurteile, und da gebe ich dir Recht, die können zu Gewalt, Mord und Totschlag führen oder auch zur extremen Diskriminierung irgendeiner Minderheit.
    Aber der Punkt ist doch der, es gibt ein "Vorurteil" und es gibt die "sogenannte Lebenserfahrung" die einem hilft, die Situationen richtig einzuschätzen. Wie z. B. wenn ich Löwen und Tiger in der freien Wildbahn sehe und ich raus aus nehme (was einem mitunter das Leben rettet). Oder wie Simbo schon richtig erwähnt hat, eine Person, die man zum ersten Mal sieht ist einem richtig unsympathisch. Es heißt meistens nicht umsonst, der erste Eindruck ist meistens der Richtige, zwar nicht immer, aber doch zum Großteil.
    Mit Vorurteilen kann man Leute aufhetzen und diese miese Art von Hetze politisch ausnutzen, oder es sind sogenannte Vorurteile aufgrund schlechter Erfahrungen, die sich immer wieder bestätigen.
    Man muss für selber den goldenen Mittelweg finden und ich mach es so wie deine süße Mieze Ilex, ich schau in den Spiegel und finde mich auch als drolligen Stubenlöwe in diesem Fall bestätigt.
    Deine Mieze hat Recht, sie beweist gesundes Selbstvertrauen. Ein dreifach Hoch auf deine Miezen.

  9. Argutus sagt:

    Gegen Vorurteile an sich ist nichts zu sagen. Die sind lebensnotwendig.

    Man sollte nur davon Abstand nehmen sie weiter zu behalten, wenn es bereits empirisch abesicherte echte Urteile gibt, die ihnen widersprechen.

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