Vom Recht zu sterben zur Pflicht zu sterben?

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In seiner Polemik „Wider die Totmacher“ brandmarkte der Münchner Philosoph Robert Spaemann vor einigen Jahren die ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung als den „infamsten Ausweg, den die Gesellschaft sich ausdenken kann, um sich der Solidarität mit den Schwächsten zu entziehen“. Eine Legalisierung des so genannten ärztlich-assistierten Suizids würde unweigerlich dazu führen, dass sich die Alten, Kranken und Schwachen als sozialen Ballast empfinden und gegen ihren Willen in einen vorzeitigen Tod gedrängt werden. 

Dass sich ein Recht zu sterben unmerklich in eine Pflicht zu sterben verwandeln könnte, ist sicher eine nicht ganz von der Hand zu weisende Vermutung. Wie berechtigt diese Sorge tatsächlich ist, lässt sich jedoch nicht mit philosophischen Spekulationen, sondern nur mit empirischen Studien beantworten. Glücklicherweise liegen uns die hierzu notwendigen Untersuchungen vor. Nahezu unbemerkt vom Rest der Welt führt der US-Bundesstaat Oregon nämlich ein Experiment durch, von dem andere Länder durchaus etwas lernen könnten. Am 4. November 1997 hat das Parlament von Oregon den so genannten „Death With Dignity Act“ erlassen. Dieses Gesetz erlaubt es unheilbar erkrankten Patienten, sich von ihrem Arzt eine tödliche Dosis eines Medikamentes verschreiben zu lassen, mit dem sie sich für den Fall, dass ihr Leiden unerträglich werden sollte, das Leben nehmen können.

Zwischen 1997 und 2010 haben alles in allem 525 Menschen vom neuen Gesetz Gebrauch gemacht. Das sind jedes Jahr lediglich etwa 40 Patienten. Vielleicht noch bemerkenswerter ist, dass über ein Drittel der Patienten, die sich ein Rezept hatten ausstellen lassen, das Medikament letztlich gar nicht eingenommen haben. Offenbar haben sie es sich einfach unter das Kopfkissen gelegt und sich mit dem Wissen begnügt, dass sie einem qualvollen oder als unwürdig empfundenen Tod jederzeit entfliehen können. Alles, wonach sie sich sehnten, war, Kontrolle über ihr Sterben zu haben.

Genau wie Spaemann, so hatten auch viele amerikanische Gegner des ärztlich-assistierten Suizids prophezeit, dass es vornehmlich ungebildete, unversicherte und einkommensschwache Patienten sein werden, die von dem neu geschaffenen Gesetz Gebrauch machen würden. Wie sich zeigte, war das genaue Gegenteil der Fall. Die überwiegende Mehrheit der Menschen, die den Death With Dignity Act nutzten, waren gut verdienende, gut ausgebildete und gut versicherte Patienten. Von den 525 Menschen, die sich zwischen 1997 und 2010 mit ärztlicher Hilfe selbst getötet haben, hatten 30 Prozent eine gesetzliche und 68 Prozent eine private Krankenversicherung. Ähnlich verhielt es sich mit dem Bildungsstand. Von den 525 Patienten hatten 25 Prozent die Hochschulreife, 24 Prozent hatten einen Collegeabschluss und 44 Prozent hatten sogar einen Magister oder Doktortitel.

Anders als von vielen Kritikern erwartet, hat die Legalisierung des ärztlich-assistierten Suizids auch keinesfalls dazu geführt, dass sich sterbende Menschen zunehmend als “sozialen Ballast” empfinden. Die meist genannten Gründe dafür, dass Patienten vom ärztlich-assistierten Suizid Gebrauch gemacht haben, waren „Verlust der Selbständigkeit“ (91 Prozent), „Verlust der Würde“ (84 Prozent) und „Verlust der Fähigkeit, Dinge zu tun, die das Leben lebenswert machen“ (88 Prozent). Die Sorge, eine Last für andere zu sein – insbesondere für Familie und Freunde –, war mit 35 Prozent relativ niedrig. Bei dieser Zahl von 35 Prozent gilt es freilich noch zu bedenken, dass Patienten, die sich ein Rezept haben ausstellen lassen, für gewöhnlich mehrere Gründe für ihren Todeswunsch angaben und die Angst, anderen zur Last zu fallen, kaum jemals der einzige oder gar ausschlaggebende Grund war.

Das Oregoner Experiment hat aber nicht nur die schlimmsten Befürchtungen widerlegt, es hat auch die kühnsten Erwartungen übertroffen. Denn die Zulassung des ärztlich-assistierten Suizids ging nachweislich mit mindestens zwei unerwarteten Vorteilen einher. Erstens, hat sie die palliativmedizinische Betreuung im Lande verbessert. Sowohl Befürworter als auch Gegner des Death With Dignity Acts sind sich darin einig, dass das neue Gesetz die Notwendigkeit einer optimalen Versorgung sterbender Patienten besser verdeutlicht hat. Nach einer kürzlich durchgeführten Umfrage gaben zwei Drittel aller Ärzte, die mit terminal erkrankten Patienten zu tun haben, an, dass sie sich seit Inkrafttreten des neuen Gesetzes genauer als je zuvor über alle verfügbaren Möglichkeiten der Schmerzbekämpfung informiert hatten. Von den 525 Patienten, die vom Death With Dignity Act Gebrauch gemacht haben, hatten denn auch 454 die Betreuung durch ein örtliches Hospiz genutzt, bevor sie sich ein Rezept haben aushändigen lassen.

Zweitens, hat die Legalisierung des ärztlich-assistierten Suizids die illegal praktizierte Sterbehilfe zum Verschwinden gebracht. Nach einer im Frühjahr 2006 im „Journal of Clinical Ethics“ veröffentlichten Schätzung erhält in den verschiedenen Bundesstaaten der USA durchschnittlich einer von 250 terminal erkrankten Patienten aktive ärztliche Hilfe beim Sterben. In Oregon ist es dagegen nur einer von 1000. Mit anderen Worten: In den Bundesstaaten, in denen der ärztlich-assistierte Suizid verboten ist, sterben viermal so viele Patienten mit ärztlicher Hilfe als in dem Bundesstaat, in dem sie erlaubt ist.

Die Erfahrungen aus Oregon strafen also alle Unheilspropheten Lügen. Es gibt keinerlei Grund zu der Annahme, dass eine Zulassung der ärztlichen Beihilfe zur Selbsttötung unweigerlich von einem „Recht zu sterben“ zu einer „Pflicht zu sterben“ führt.

Spaemann begeht zudem den weit verbreiteten Fehler, zwar die Missbrauchsgefahren der aktiven Sterbehilfe zu sehen, aber die Missbrauchsgefahren der passiven Sterbehilfe zu übersehen. Die Missbrauchsgefahren der vielgepriesenen passiven Sterbehilfe sind jedoch mindestens genauso groß wie die der vielgeschmähten aktiven Sterbehilfe. So wie Patienten subtil zu einer Einwilligung in die Beihilfe zur Selbsttötung gedrängt werden können, so können sie selbstverständlich auch subtil zu einer Einwilligung in den Abbruch lebenserhaltender medizinischer Maßnahmen gedrängt werden. Tatsächlich gibt es Zahlen, die zeigen, dass das Leben der Patienten in Ländern mit aktiver Sterbehilfe besser geschützt ist als in Ländern mit passiver Sterbehilfe.

Eine kürzlich in der Zeitschrift „Palliative Medicine“ publizierte Umfrage hat beispielsweise gezeigt, dass britische Ärzte im Jahr 2004 in nahezu 3000 Fällen illegale Sterbehilfe geleistet haben. In 936 Fällen haben sie das Leben eines Patienten durch freiwillige aktive Sterbehilfe und in 1929 Fällen durch unfreiwillige passive Sterbehilfe beendet. Danach sterben im Vereinigten Königreich also nahezu doppelt so viele Patienten eines unfreiwilligen Todes wie in den Niederlanden!

In anderen Ländern ist die Zahl der Fälle, in denen Ärzte lebenserhaltende medizinische Maßnahmen ohne den ausdrücklichen Wunsch des Patienten abbrechen, sogar noch weit höher. In den USA sprechen etwa 15 Prozent der Ärzte ihre Entscheidung, lebenserhaltende medizinische Maßnahmen abzubrechen, lediglich mit den Familienangehörigen, nicht aber mit den betroffenen Patienten ab, und zwar selbst dann, wenn die Patienten bei vollem Bewusstsein und in jeder Hinsicht urteilsfähig sind. In Australien beläuft sich die Zahl der Fälle, in denen Ärzte eine lebenserhaltende Behandlung ohne vorherige Einwilligung des Patienten abbrechen, auf 20 Prozent. In Neuseeland liegt sie bei 48 Prozent. Und in Italien und Schweden werden sogar mehr als 50 Prozent aller ärztlichen Entscheidungen am Lebensende schlichtweg über den Kopf der Patienten hinweg getroffen.

Bedauerlicherweise gibt es bislang noch keine vergleichbaren Untersuchungen aus Deutschland. Aus einer Umfrage, die im Jahr 2002 unter den Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin durchgeführt worden ist, lässt sich jedoch erahnen, dass die Zahl von Todesfällen, die auf den Abbruch lebenserhaltender medizinischer Maßnahmen ohne vorherige Einwilligung der betroffenen Patienten zurück geht, ähnlich hoch sein dürfte wie in Italien und Schweden. Obgleich 90,4 Prozent der deutschen Palliativmediziner es für moralisch unzulässig hielten, einem sterbenden Patienten auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin aktive Sterbehilfe zu leisten, betrachteten es 63,3 Prozent doch für moralisch zulässig, lebenserhaltende medizinische Maßnahmen ohne dessen ausdrücklichen Wunsch abzubrechen!

Angesichts all dieser Untersuchungen darf man Spaemann also mit Fug und Recht widersprechen: Eine Zulassung der ärztlichen Beihilfe zur Selbsttötung ist keineswegs ein infamer Weg, mit dem sich die Gesellschaft ihrer schwächsten Mitglieder zu entledigen sucht – es ist ein optimaler Weg, um das Selbstbestimmungsrecht unserer Bürger zu gewährleisten.

Der Autor:

Dr. phil. Edgar Dahl ist Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin. Nach dem Studium der Philosophie und Biologie an der Georg-August-Universität Göttingen spezialisierte er sich auf Fragen der Bioethik und arbeitete u.a. am Centre for Human Bioethics der Monash University in Melbourne und am Center for Bioethics and Humanities der State University of New York. Er ist Autor des Buches „Xenotransplantation: Tiere als Organspender für Menschen?“ und Herausgeber der Anthologie „Brauchen wir Gott? Zeitgenössiche Texte zur Religionskritik“.

Zum Weiterlesen:

Norbert Hoerster Sterbehilfe im säkularen Staat. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998.
Timothy Quill Das Sterben erleichtern. Plädoyer für einen würdevollen Tod. Knaur, München 1994.
Helga Kuhse Die Heiligkeit des Lebens in der Medizin. Eine Kritik. H. Fischer, Erlangen 1994.
Peter Singer Leben und Tod. Der Zusammenbruch der traditionellen Ethik. H. Fischer, Erlangen 1998.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 

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13 Antworten auf Vom Recht zu sterben zur Pflicht zu sterben?

  1. Argutus sagt:

    Die empirischen Befunde aus Oregon sind erfreulich und argumentativ brauchber.

    Aber davon ganz abgesehen ist Spaemanns These einfach der Ausdruck einer völlig inhumanen Gesinnung, derzufolge alle Rechte, die auch mißbraucht werden könnten, den Menschen gar nicht erst gewährt werden sollen.

    Mit der gleichen Logik könnte man auch Schenkungen und Erbschaften verbieten, denn es wäre ja möglich, daß jemand von seinen Angehörigen gedrängt wird, ihnen etwas zu schenken oder zu vererben.

    Und die salbungsvollen pseudomoralischen Worte, die dieser Mann dafür findet, daß der Staat die Patienten entrechtet indem er ihnen die Verfügungsgewalt über ihren eigenen Körper vorenthält, empfinde zumindest ich als ausgesprochen abstoßend.

  2. Matthias Stein sagt:

    Ein m.E. hervorragender Beitrag von E. Dahl.
    Ist bekannt ob und inwieweit kirchliche Entscheider an dem Gesetzentwurf mitgewirkt haben oder ob dies gänzlich ohne theologischen Einfluß vorgenommen werden konnte?
    matthias
    Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Konkordat und die Staatsverträge gekündigt werden müssen!

  3. Edgar Dahl sagt:

    #1 Argutus am 3. Februar 2012 um 12:48
     
    Grundsätzlich halte ich die Befürchtung, dass sich ein Recht zu sterben in eine Pflicht zu sterben verwandeln könnte, für legitim. Es ist immerhin denkbar, dass sich im Laufe einiger Jahrzehnte ein sozialer Druck aufbauen könnte, der unheilbar erkrankte und auf dauerhafte Pflege angewiesene Menschen dazu "ermuntert", sich doch besser aus dem Leben zu stehlen.

    Dies wäre vielleicht vergleichbar mit dem sozialen Druck, den es inzwischen bereits in Bezug auf die Abtreibung gibt. Frauen, die im Rahmen der Pränataldiagnostik erfahren, dass ihr Fetus von Trisomie 21 betroffen ist, fühlen sich teilweise auch durch die Gesellschaft dazu gedrängt, ihre Schwangerschaft besser abzubrechen.

    Bezüglich des ärztlich-assistierten Suizids kann man diese Gefahr natürlich problemlos bannen: Wenn wir ein Gesetz, wie das in Oregon verabschiedeten (das wohlgemerkt nur terminal (!) erkrankten Patienten ein Recht auf Beihilfe zur Selbsttötung gewährt, kann es schlichtweg nicht zu einer Pflicht zu sterben kommen. Denn entweder hat man Krebs oder nicht – wenn nicht, hat man auch kein Anrecht auf einen ärztlich-assistierten Suizid.

    Das einzige, was vorstellbar ist, ist, dass die im Gesetz verankerten Kriterien für den ärztlich-assistierten Suizid schleichend aufgeweicht werden: Heute gewährt das Gesetz nur terminal erkrankten Patienten das Recht auf eine Beihilfe zur Selbsttötung. Bald aber wird dieses Recht auch auf "unheilbar erkrankte" Patienten und schließlich sogar auf lediglich "lebensmüde" Patienten ausgedehnt werden…

    Dies ist tatsächlich die Entwicklung in Holland. Ich selbst sehe dies selbstverständlich nicht als "Problem" an. Ich betrachte es noch nicht einmal als ein Indiz für den viel gefürchteten Dammbruch: Denn wenn sich das Recht auf Sterbehilfe aus der Selbstbestimmung der Menschen ableitet, ist es natürlich nur logisch, dass es auch auf andere Patienten ausgedehnt wird.

    Kurz, ich halte die gegenwärtigen Beschränkungen lediglich aus pragmatischen Gründen für gerechtfertigt: Lass uns zunächst terminal Erkrankten eine Beihilfe zur Selbsttötung gewähren und abwarten, was passiert. Wenn sich das Gesetz bewährt, lass uns einen Schritt weitergehen und auch unheilbar Erkrankten eine Beihilfe anbieten. Und wenn auch das funktioniert, warum nicht auch bloß Lebensmüden ein Rezept geben? (Mit "Lebensmüden" meine ich natürlich nicht das 18jährige Mädchen, das von ihrem Freund verlassen wurde, sondern betagte Menschen, die – vielleicht unter chronischen Erkrankungen leidend – des Lebens überdrüssig sind und einfach gerne Schluss machen möchten, ohne sich vor einen Zug werfen zu müssen.) Meine einzige Kritik an Oregon ist denn auch, dass man das Gesetz nach 10 Jahren erfolgreicher Praxis nicht überarbeitet und auch unheilbar erkrankten Patienten ein Recht auf den ärztlich-assistierten Suizid eingeräumt hat – Patienten wie wir sie beispielsweise aus dem Film "Das Meer in mir" kennen, also Querschnittsgelähmte, müssen, einfach weil sie nicht "terminal" erkrankt sind, weiter leiden…

  4. Edgar Dahl sagt:

    #2 Matthias Stein am 3. Februar 2012 um 14:29

    Das Gesetz wurde gegen den erbitterten Widerstand vor allem der katholischen Kirche durchgesetzt. Die Katholiken haben buchstäblich Millionen von Dollar gesammelt, um mit Hilfe von Plakaten und TV-Spots Propaganda gegen das Gesetz zu machen.

  5. Argutus sagt:

    #3 Edgar Dahl am 3. Februar 2012 um 23:20

    Es ist immerhin denkbar, dass sich im Laufe einiger Jahrzehnte ein sozialer Druck aufbauen könnte, der unheilbar erkrankte und auf dauerhafte Pflege angewiesene Menschen dazu "ermuntert", sich doch besser aus dem Leben zu stehlen.

    Denkbar wäre das schon, wenn ich auch eher nicht damit rechne, aber das darf doch kein Grund sein, die menschliche Freiheit zu beschneiden.

    Sozialem Druck kann man widerstehen. Ein Gesetz hingegen, das etwas verbietet, ist da eine ganz andere Größenordnung der Unfreiheit.

  6. Edgar Dahl sagt:

    #5 Argutus am 4. Februar 2012 um 11:58

    Ich gebe Dir recht. Allerdings muss ich mich immer wieder mit Leuten herumschlagen, die den gesellschaftlichen Druck als "Zwang" ausgeben. Sie scheinen nicht zu begreifen, dass man Menschen mit der Sterbehilfe lediglich eine Option anbietet. Wenn ich sage, es steht den betroffenen Patienten frei, von der Sterbehilfe Gebrauch zu machen oder auch nicht, werfen sie mir vor, einen vollkommen illusionären Begriff von "Freiheit" zu haben und blind für die "subtilen gesellschaftlichen Zwänge" zu sein.

    Mit ihrem inflationären Verweis auf die "subtilen sozialen Zwänge" scheinen sie mir aber das gesamte Konzept des Begriffs der "Freiwilligkeit" zu untergraben. Eine junge Frau mag ihnen beispielsweise noch so oft beteuern, dass sie freiwillig Prostituierte geworden sei – sie stellen dies einfach in Abrede.        

  7. Edgar Dahl sagt:

    Obgleich mir das Oregoner Modell der Sterbehilfe gefällt, habe ich doch einen Kritikpunkt. Die Tatsache, dass fast nur überdurchschnittlich gebildete und wohlhabende Patienten von dem Gesetz Gebrauch machen, lässt den Verdacht in mir aufkommen, dass die Ärzte hier eine Selektion durchführen und weniger gebildeten Patienten kurzerhand ein Rezept verweigern. 

  8. Frank Berghaus sagt:

    #6 Edgar Dahl am 4. Februar 2012 um 15:25

    Wie wir sehen ist auch hier viel Ideologie mit im Spiel. :-(

  9. Argutus sagt:

    #6 Edgar Dahl am 4. Februar 2012 um 15:25

    Mit ihrem inflationären Verweis auf die "subtilen sozialen Zwänge" scheinen sie mir aber das gesamte Konzept des Begriffs der "Freiwilligkeit" zu untergraben.

    Solange die Natur des Menschen sich nicht ändert, wird sozialer Druck wohl immer ein reales Phänomen bleiben, das der menschlichen Freiheit entgegenwirkt. Allerdings tritt der in sehr unterschiedlichen Intensitäten auf. Die mit Abstand stärkste Form ist sicherlich die strafrechtliche Gesetzgebung. Die ist nur bei schwer sozial schädigendem Verhalten moralisch gerechtfertigt.

    Das freiwillige Ableben eines ohnedies bald Sterbenden zwecks Verkürzung seiner Leidenszeit ist aber nicht sozial schädigend und es gibt daher keinen vernünftigen Grund für sein Verbot. Besteht es dennoch, so handelt es sich um einen Übergriff des Staates auf ganz persönliche Belange.

    Die "subtilen Zwänge" sind lächerlich angesichts des bestehenden und völlig unsubtilen Strafrechts. Wenn ich das Recht habe zu sterben, aber nicht sterben will, dann werde ich dieses Ansinnen eben entschieden von mir weisen, egal von wem und  in welcher Form es an mich herangetragen wird. Und ich wüßte keinen Grund, warum irgendjemand in dieser Situation andes handeln sollte.

    Anders liegt der Fall bei jemandem der sich nicht entscheiden kann und andere um Rat fragt. Wenn er dann tut, was die ihm raten, dann geschieht ihm kein Unrecht, das es zu verhindern gälte.

  10. Lebensschutz sagt:

    @Agustus:  "Sozialem Druck kann man widerstehen. Ein Gesetz hingegen, das etwas verbietet, ist da eine ganz andere Größenordnung der Unfreiheit." – Ich glaube, eine solche Aussage kann jemand treffen, der wahren sozialen Druck noch nicht kennen gelernt hat und daher den Nutzen eines Gesetzes, welches ihn davor schützt, nicht zu würdigen weis. Der Schutz vor der Übermacht einer Mehrheit oder einer zu allem entschlossenen Minderheit bedeutet nicht Unfreiheit sondern ist die Grundlage für Freiheit.

    Auch wenn sich die Befürchtungen von Herr Spaemann in Oregon glücklicherweise nicht bewahrheitet haben – dies ist sicherlich der starken Beschränkung der Reichweite des Gesetzes geschuldet, so ist die Akzentverschiebung der angegebenen Gründe für den Suizid mehr als bedenklich. War es zu Beginn überwiegend die Angst vor Schmerzen so sind es nun überwiegend sozial Gründe (wie Herr Dahl sie ja angeführt hat). Das Bild einer humanen Gesellschaft sieht anders aus …

    Aber um zu sehen, wie ein Dammbruch aussieht, muss man nur in die Niederlande schauen. Wurden bei Verabschiedung des Gesetzes zur aktiven Sterbehilfe in Holland, wie auch in Orgeon, noch die unheilbar Kranken mit unerträglichen Schmerzen als Hauptgrund angeführt, so sieht die Realität inzwischen ganz anders aus: Die Tötungszahlen steigen von Jahr zu Jahr stark an. Die Sterbehilfe wurde längst auf Menschen wie Jugendliche und Demente ausgedehnt, bei denen die Voraussetzung einer freien Entscheidung mehr als fraglich ist. Zum 01.03.2012 sollen über ambulante Tötungsteams und eine Tötungsklinik die "Angebot" weiter ausgebaut werden, von einer entsprechenden Förderung der Palliativmedizin hört man in Holland hingegen wenig. Quelle: Sterbehilfe in den Niederlanden. Und zur Freiwilligkeit noch eine Zahl, nach Lancet 08/2003 wurden im vergleichsweise kleinen Holland über 900 Menschen (aktiv) getötet, ohne dass eine explizit Einwilligung vorlag und dies sind nicht die Zahlen für passive Sterbehilfe.

    Ich sehe daher Oregon nicht als Gegenbeweis zu den Befürchtungen von Herr Spaemann, sondern nur als Beispiel für eine abgeschwächte Form der Entwicklungen in den Niederlanden, da in Oregon noch einige Schutzmechanismen existieren.

  11. Frank Berghaus sagt:

    #10 Lebensschutz am 27. Februar 2012 um 21:45

    Ich habe diesen Kommentar nur mit grossen Bauchschmerzen freigeschaltet, da wir grundsätzlich keinerlei Parteienwerbung bei uns dulden, und schon gar nicht von Parteien, die sich Religionen verpflichtet fühlen, die sich weder für die Freiheit des Individuums einsetzen noch es so arg genau mit der Menschenwürde nehmen.

    Ich darf Sie also bitten, bei einem eventuellen nächsten Posting einen Link auf Ihre Organisation zu unterlassen.

  12. Argutus sagt:

    #10 Lebensschutz am 27. Februar 2012 um 21:45

    Ich glaube, eine solche Aussage kann jemand treffen, der wahren sozialen Druck noch nicht kennen gelernt hat und daher den Nutzen eines Gesetzes, welches ihn davor schützt, nicht zu würdigen weis.

    Sozialer Druck ist keine objektive Gegebenheit (wie etwa ein rechtsgültiges Gesetz) sondern nur dann wirksam, wenn man sich davon beeindrucken läßt. Sicherlich gibt es vereinzelt entscheidungsschwache Menschen, denen man etwas einreden kann, das sie gar nicht wollen, und denen könnte ein solches Schutz-Gesetz von Nutzen sein. Aber die Frage ist doch: um welchen Preis?

    Es geht einfach um die Priorität der Wertigkeiten. Ist der Gesellschaft die Freiheit ein höherer Wert oder die beschützende Bevormundung? Das ist natürlich Ansichtssache, aber ich habe meine Wahl getroffen.

    Und auch die Gesellschaft wäre wohl beraten der Freiheit den Vorzug zu geben, denn jede Bevormundung aus (wenigstens angeblich) edlen Motiven ist ja nur ein erster Schritt zu einer ganz allgemeinen Bevormundung.

    Es gehört eine beträchtliche Naivität dazu anzunehmen, daß Politiker solche Gesetze aus Mitleid mit ein paar armen Patienten haben könnten, die es nicht schaffen "nein" zu sagen. Denen geht es doch darum mit Hilfe akzeptabel erscheinender Vorwände das Leben aller Menschen in immer stärkerem Maße zu kontrollieren. Und da sollte man als Humanist einen deutlichen Riegel vorschieben.

  13. okasch sagt:

    @Lebensschutz:
    Warum sich nicht auch gleich für das Verbot von Alkohol und Nikotin einsetzen? Das sterben schließlich jedes Jahr Menschen an den Folgen. Oder das Automobil verbieten? Sterben auch Menschen dran. Eine Ausgangssperre ab 22 Uhr könnte vielleicht auch für noch mehr Sicherheit sorgen? Im Zweifelsfall einfach "für das Leben entscheiden" – das ist ganz gewiss immer das richtige.
     

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