Todenhöfers „Feindbild Islam“

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Der Mensch frönt wohl am liebsten der Neigung, nur das zur Kenntnis zu nehmen, was ins festgefügte Weltbild passt – unabhängig von der Richtigkeit des Wahrgenommenen. Das erleichtert das Leben enorm und stärkt die einmal gefassten (Vor-)Urteile. Für dieses bei Ideologen besonders typische Scheuklappen-Verhalten findet sich mit der am 2. Februar 2012 beim http://hpd.de/node/12830 erschienenen „Rezension“ des Büchleins von Jürgen Todenhöfer „Feindbild Islam“ ein besonders krasses und – wie ich meine – empörendes Beispiel.

Zunächst gibt der Rezensent sich überrascht, doch hat diese Überraschung nicht zu weiterem Nachdenken geführt, und er fährt fort:

Ich gebe es zu: Aus der Feder eines CDU-nahen Mannes hätte ich die­ses Buch in die­ser Form nicht erwar­tet. Todenhöfer stellt “zehn Thesen gegen den Hass” auf, die ihn als pro­fun­den Kenner des Orients und Befürworter einer neuen Politik des Westens gegen­über der mus­li­mi­schen Welt aus­zeich­nen.

Der Rezensent stellt sich aber nicht einmal die Frage, vor welchem geistigen Hintergrund Todenhöfer zu seinen Aussagen kommt. Seit geraumer Zeit können wir beobachten, dass sowohl die RKK (durch die Bischofskonferenz) als auch die EKD ihre Arme weit ausbreiten, um diese „dynamische“, für Deutschland noch fremde Religion willkommen zu heißen. Der Hintergrund ist klar: Man sucht Verbündete im Kampf gegen die Säkularisierung, im Hass gegen alle, die nicht an irgendeinen Gott zu glauben bereit sind. Für diesen Kampf ist so ziemlich alles recht, was sie dem Ziel näher bringen könnte. Da erscheint es fast logisch zwingend, dass gerade der bekennende Christ Todenhöfer in dasselbe Horn stößt. Das stört den Rezensenten aber nicht im Geringsten. Statt diese Koalition der Religiösen, die von weniger Ideologisierten als zunehmende Gefahr für die Freiheiten des Individuums eingestuft wird, lässt er sich von den Phantastereien seines „profunden Kenners des Orients“ dahintreiben und erkennt nicht einmal, dass er damit im Grunde seinen eigenen, säkularen Prinzipien und Überzeugungen widerspricht.

Bezeichnend ist, dass die Apologeten eines „friedlichen“ Islams, immer wieder zwei grundlegende Fehler machen. Sie nehmen den Islam als eine Religion unter anderen und vergessen dabei nur zu gerne die virulente politische Dimension und Dynamik, die ihm innewohnt. Der Fehler ist sogar verständlich, wenn man bedenkt, dass dem Piranha christliche Kirche mit der Aufklärung die politischen Zähne gezogen wurden und die jetzt getragenen dritten Zähne nicht mehr ganz so scharf zubeißen können. Warum sollte es beim Islam anders sein? Nur: Eine solche Aufklärung hat der Islam (außer einigen letztlich vergeblichen Ansätzen im Hochislam) nie durchmachen müssen. Im  Gegenteil beobachten wir heute eine stark gegenläufige radikale Tendenz zurück zu den Wurzeln (zumindest in den Ländern, in denen der Islam eine Mehrheit hat). Der zweite Fehler hat gleich zwei Komponenten. Er rührt aus der völlig richtigen Beobachtung, dass die große Mehrheit der Moslems ausgesprochen friedlich ist, was zu der Annahme verleitet, das läge an den Bemühungen, einen modernen, an das Leben im 21. Jahrhundert angepassten Islam zu kreieren. Man bemüht dann gern einige arabische Philosophen der Neuzeit (wie den Tunesier Meddeb) oder die (vergeblichen) Anstrengungen eines Bassam Tibi, dieser mittelalterlichen Religion so etwas wie einen menschlichen Anstrich zu geben. Sie haben nur nicht den geringsten Einfluss auf die offizielle Interpretation des heutigen Islams. Die liegt fest in den Händen von al-Azhar in Kairo, so etwas wie der „Vatikan“ des Islams. Doch von dort ist dergleichen nie zu hören. Im Gegenteil jagt eine schlimme Fatwa die nächste – von Aufklärung weit und breit keine Spur. Nähme al-Azhar irgendwann auch nur eine einzige der Ideen moderner Philosophen auf und gösse sie in Form einer Fatwa, dann – und nur dann – könnte man dem Islam die Friedfertigkeit zuerkennen, die von Kirchenleuten und Ideologen so gern hineininterpretiert wird. Solange aber der Qu’ran als unveränderbares und für ewige Zeiten gültiges Wort Allahs verstanden wird und nicht als ein aus seiner Zeit heraus zu verstehendes historisches Machwerk, so lange wird sich am prinzipiellen Fundamentalismus des Islams nichts ändern. Erstaunlich für ideologisch Unvorbelastete ist immer wieder die Beobachtung, dass genau jene Kritik des Fundamentalismus zu recht an den Evangelikalen vorgenommen wird, doch wenn es an exakt dieselben Verhaltensphänomene bei Moslems geht, schweigt der Unwissende und zieht Belege für das Gegenteil aus jeder nur zu findenden Quelle, und sei sie auch noch so dubios.

Natürlich kann der Rezensent nicht völlig auf Kritik verzichten, das wäre ja allzu auffällig. Und so ringt er sich durch:

Todenhöfer ver­tei­digt mei­ner Meinung nach zu sehr die abra­ha­mi­ti­schen Religionen, um nach­zu­wei­sen, dass diese “an sich” fried­lich seien. Man muss nicht zwin­gend Deschners viel­bän­di­ges Werk ken­nen, um zu wis­sen, dass diese Ansicht his­to­risch nicht unbe­dingt halt­bar ist.

Er findet die Spur, aber er greift sie nicht auf, sondern schwadroniert munter mit unhaltbaren Behauptungen weiter drauf los.

Richtig aller­dings ist, dass Europa in der Zeit, als die Ibe­ri­sche Halbinsel mus­li­misch war, wie­der Kontakt zur klas­si­schen grie­chi­schen und römi­schen Kultur fan­d. Dass das medi­zi­ni­sche, mathe­ma­ti­sche und opti­sche Wissen die­ser Zeit aus dem ara­bi­schen Raum stammte.

Dass die Araber allenfalls Mittler des Wissens aus eroberten Gebieten waren, selbst aber kaum Eigenständiges beigetragen haben, wird bei solchen apologetischen Verklärungen leider nur allzu häufig von Ignoranten der arabischen Eroberungsgeschichte ausgeblendet. Wäre „Wissen“ nicht ein gar so rotes Tuch für den Rezensenten, hätte er sich unschwer in meinem Artikel „Demokratie oder Islam“ http://www.wissenbloggt.de/?p=375 informieren können.

Zu vielen Punkten dieser „Rezension“ gäbe es noch einiges zu sagen, so zum Beispiel der „schädlichen“ Geschichte der Kolonialisation, doch ich belasse es für den Moment dabei, da mir meine Gesundheit wichtiger ist als die ohnehin nicht eintretende Aufklärung bei Ideologen.

Dass eine dermaßen schlampig gearbeitete und fern jeden analytischen Bemühens angefertigte "Rezension" beim früher einmal als seriös geltenden Humanistischen Pressedienst erscheinen kann, verwundert wohl nicht nur mich.

 

 

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10 Antworten auf Todenhöfers „Feindbild Islam“

  1. Frank Berghaus sagt:

    Übertrag aus Facebook:

    Jonathan Nehrke Ich habe die angesprochene Rezension auch gelesen und war wirklich sehr erstaunt über die Art, wie darüber berichtet wurde…
    Da ich aber das Buch nicht kenne, tue ich mich ziemlich schwer damit, mir dazu wirklich eine Meinung zu bilden >.<..

  2. Frank Berghaus sagt:

    Übertrag aus Facebook:

    Henry MacDougal Todenhöfer blendet einen guten Teil der Weltgeschichte aus, um den Islam als Opfer des kolonialistischen, imperialistischen Westens hinstellen zu können. Die Aggression des Islam während der arabo-islamischen Expansion ist für ihn genausowenig Thema, wie die Rolle der Araber im Sklavenhandel seit dem 7. Jht. Kurioserweise gibt es Staaten wie Indien, die nicht nur unter westlicher sondern davor schon unter islamischer Kolonialherrschaft gelitten haben, die sich aber, anstatt sich in die Opferrolle zu verlieben, aufgemacht haben, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Mit einigem Erfolg. Die Frage, warum das islamischen Ländern nicht auch gelingt, beantwortet Todenhöfer nicht.

  3. Frank Berghaus sagt:

    Übertrag aus Facebook:

    Tom Buchholz Für meine Begriffe scheint aus der hpd-Rezension sehr deutlich heraus, dass der Rezensent gegen die westliche Intervention in islamische Terrorstaaten ist und dass ihm jede noch so verquere Argumentation willkommen ist, um darin bestätigt zu werden. Besonders stört mich, dass er Todenhöfers "Fakten" größtenteils kritiklos übernimmt.

  4. Frank Berghaus sagt:

    Übertrag aus Facebook:

    Henry MacDougal ‎"Besonders stört mich, dass er Todenhöfers "Fakten" größtenteils kritiklos übernimmt." Genau das hat mich auch am meisten erschreckt, und das beim hpd. Ich habe ja dort ein paar Antworten gepostet.

  5. Coen sagt:

    Todenhöfer ist mir in bisherigen Talkrunden iummer als jemand aufgefallen, der lieber mit Emotionen, als mit überprüfbaren Fakten argumentiert. Das mag derTalkshow-kultur geschuldet sein (Emotionen "wirken" schneller als Fakten) aber allzu überzeugend wirken sie nunmal nicht (auf aufgeklärte Menschen, sofern ich mich selbst als solchen bezeichne). Jedenfalls fuchtelt er stattdessen mit dem Bild dreier Kinder herum und behauptet, es seinen Kinder eines Mannes, der beim der Sprengung eines Tanklasters in Afghanistan ums Leben gekommen sei. Das kann sein, kann auch nicht sein, ich kann es nicht nachprüfen. Es könnten ebensogut die Kinder von Todenhöfers afghanischstämmigen Gemüsehändlers um die Ecke sein.*

    Aber zu der Renzsension:

    Ich würde Todenhöfer insofern zustimmen als das sowohl bei Afghanistan und besonders in der Begründung des Irakkrieges Fehler gemacht wurden (Stichwort: Massenvernichtungswaffen). Allerdings kjann ich beim besten Willen nicht verstehen, wieso man der Meinung ist, jedes menschenverachtende Regime bzw Diktator an der Macht zu belassen. Hauptsache mir selbst geht es gut, wie es den Afghanen unter den Taliban geht (Irakern und Saddam, Libyern unter Gaddafi etc), ist mir doch erst mal scheißegal.

    Sicherlich wurden diese Kriege auch vom frömmelnden Bush und Konsorten locker als Kreuzzug verkauft und entsprechende Unternehmen haben ordentlich ins gleiche Horn gestoßen (Bibelsprüche auf Zielfernrohren usw). All das sind keine guten Voraussetzungen um den MEnschen dort unten wirklich zu helfen und sie für säkulare Demokratie zu begeistern. Und durhc entsprechende Propaganda wird natürlich jedes (reale oder erfunde) erbrechen der "Besatzungsmächte" als ein Angiff auf alle Moslems und damit automatisch "den Islam" umgemünzt. Und ja es hat tatsächlich genügend Skandale gegeben (Guantanamo, Abu Ghraib, die lürzlich bekanntgewordene Leichenschändung,…). Solche Auswüchse müssen entsprechend hart sanktioniert und bestraft werden, si ezeigen aber auhc nur einen Teil der Wirklichkeit. Bei Angriffen durch "Aufständische" werden zum großen Teil Zivivlisten umgebracht. Was diese Aufstöändischen wohl machen, wenn sie nicht von Spezialkräften gesucht und verhaftet (und mitunter getötet) werden würden kann sich jeder selbst ausrechen. Aber friedlich ein Blumengeschäft aufmachen dürfte wohl nicht weit oben auf der ToDo Liste stehen.

    Leider tauchen solche Überlegungen bei Todenhöfer anscheinend nicht auf. "Der Westen" unterdrück die arabische Welt und hindertsie so am Fortschritt. Nach der Logik hätte Afghanistan im Jahr 2000 in etwa da gestanden haben, wo Indien und China jetzt stehen.

    Ja Krieg ist furchtbar und sollte vermieden werden. Aber tatenlos zusehen, wie Ideologien ihre eigene Bevölkerung unterdrücken und Freiheitsrechte beschneiden ist wohl kaum eine adäquate Lösung.

    *So bedauerlich und schrecklich der Tod des "Ernährers" der Familie sein mag. In einem Kampfgebiet muss ich nun mal damit rechnen, dass jede Seite versucht den Nachschub des Gegners zu verhindern. Und wenn ich dann nachts halb zwei (war es wohl) versuche Benzin aus diesem Tanklaster zu stehlen, mag es in der Situation der Familie (wenig bis keine finanziellen Möglichkeiten, kein Job, wenig zu Essen etc) zwar nachvollziehbar sein, aber nicht zu entschuldigen. Er hat versucht aus einem entführten und dann steckengeblieben Tanklaster Benzin zu stehlen. Die Nato hat versucht , den Talibakämpfern (zu denen ein Großteil der Opfer vermutlich nicht gehörte) dieses Benzin nicht zu überlassen, also wird er gesprengt. Die Intention jedes Beteiligten ist nachvollziehbar (NATO will den Taliban keinen Nachschub überlassen; Taliban versuchen sich auf Kosten der NATO mit Nachschub einzudecken; Zivilisten versuchen das Beste für sich rauszuholen), aber dummerwiese waren die Zivilisten zur falschen Zeit am falschen Ort.

  6. pinetop sagt:

    DIe Pappnase Todenhöfer lebt in seiner Scheinwelt und ist mit Fakten und Ratio nicht mehr zu erreichen. Aber die hpd-Stellungnahme ist eine einzige Entäuschung. Von einem kritischen Geist, den sie glauben für sich in Anspruch nehmen zu können, keine Spur.

  7. pinetop sagt:

    Der hpd scheint zu jenen Zeitgenossen zu gehören, die ganz schnell bereit sind, Freiheit und Aufklärung zu verraten, wenn es gilt fremden Kulturen Respekt zu erweisen.

  8. pinetop sagt:

    Im Mittelalter glaubten viele Menschen, dass Hexen die Brunnen vergiften, heute glauben viele daran, dass der totalitäre Islam früher die reine Herzensgüte war und nur durch den Kolonialismus entartete. Es ist noch viel Aufklärung erforderlich.

  9. KDL sagt:

    Zu Todenhöfer sage ich nur soviel: Wehner hat ihn gerne "Hodentöter" genannt ;-)
    Zur RKK: Offensichtlich hält die sich an die alte Maxime "Der Feind meines Feindes (hier die "Atheisten") ist mein Freund. Dummerweise ist diese Strategie in der Geschichte meist schief gegangen …

  10. Abu Sheitan sagt:

     
    #9 KDL 

    "Zu Todenhöfer sage ich nur soviel: Wehner hat ihn gerne "Hodentöter" genannt."
    Dem kann ich mit Oliver Kahn nur entgegnen: "Wir brauchen Eier, Eier!"

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