Perrault und auch die Brüder Grimm erzählen uns nur vom Ende der Laufbahn dieser Person. Da hat sie in ihrem Agieren etwas durchaus gewalttätiges, drohendes und auch hinterlistiges – obwohl sie ihre ganze Aktivität doch erneut in den Dienst der Erhöhung ihres Kumpels stellt. Diesmal ist der Begünstigte der dritte Sohn des Müllers, dem nach dem Testament des Vaters als Besitz nur der Kater bleibt und dem dann die ganze Fürsorge des Katers gilt – mit neuen Stiefeln ausgestattet.
Die Geschichte ist ja nun allgemein bekannt. Für den Müllerssohn schafft der Kater die Verbindungen zum Königshof, setzt Leute unter Druck, dass sie die für das Image des Müllerssohnes richtigen Aussagen treffen, obwohl diese gelogen sind und überlistet zum Schluss einen etwas naiven Zauberer, der seinem übertriebenem Ego zum Opfer fällt und eignet sich skrupellos dessen Eigentum an. Eine gewisse kriminelle Energie ist dem Kater ohne Zweifel zu eigen – selbst wenn er damit immer gute Zwecke verfolgt. Für ihn heiligt der Zweck offenbar die Mittel und so ist es kein Wunder, dass er aus dem katholischem Milieu kommt.
Man dachte immer, er wäre Franzose – doch weitere Forschungen haben ergeben, dass ihm spanische Wurzeln zu eigen sind. Denn wir wissen jetzt mehr über sein Vorleben. Nach den Abenteuern mit dem Oger Shreek hatte er sich offensichtlich bei der Mühle zur Ruhe gesetzt, bevor er als älterer Herr noch einmal zu großer Form auflief, um dem Müllerssohn Reichtum, Ehre, Macht und eine schöne Prinzessin zu verschaffen. Und zu großer Form läuft er immer auf, wenn er die ihm zukommende Ausstattung hat – Stiefel, Degen, Hut. Ein kateriger d'Artagnan. Trotz seiner Macho-Allüren und seiner Aktionen hart jenseits der Grenzen der Legalität ist er doch eine überaus beliebte Figur.
Doch noch vor der Zusammenarbeit mit Shreek? Seinen großen Auftritt zu Beginn dieser Geschichte hat er bereits als steckbrieflich Gesuchter. Dennoch öffnet er die Tür zur Kneipe des Heimatdorfes und sein langer langer Schatten fällt in den Raum. Man vermutet eine große Person – aber es ist der Kater, der stolz durch die staunenden Typen im Saloon zur Theke schreitet und seine Milch verlangt. Dem ersten, der ihn mit dem Messer ermorden will, setzt er sogleich die Degenspitze an den Hals. Stets entkommt er seinen Häschern.
Alles begann, als eine nette Frau das kleine verlassene Kitten in ihr Waisenhaus aufnahm. Noch ganz jung verteidigte er Humpty Dumpty gegen die anderen Waisenjungs. Die trieben mit Humpty Dumpty ihre Späße, da der wie ein Ei als Kopf war und nur kleine Ärmchen und Beinchen hatte und den man leicht auf die Seite legen konnte, so dass er zappelte wie ein Käfer auf dem Rücken. So wurden der Kater und H.D. beide als Außenseiter gute Freunde. Schon damals träumte H.D. von Reichtum, den magischen Bohnen, die in den Himmel wachsen und der Gans, die goldene Eier legt. Als H.D. durch seine Ungeschicklichkeit den wilden Stier des Dorfes befreit, vollbringt der Kater seine erste Heldentat – er zähmt die wilde Bestie. Zum Dank bekommt er Stiefel, Hut und Degen und ist seitdem berufsmäßiger Kampfkater.
Bevor es mit den magischen Bohnen etwas wird, überfällt H.D. eine Bank und der Kater sieht sich genötigt, dem eiförmigen Kumpel bei der Flucht zu helfen. Es geht schief, was nur schief gehen kann und der Kater muss aus dem Heimatdorf flüchten. Sein Steckbrief hängt überall.
Dennoch macht er nach gewissem Zögern mit, als Kitty Samtpfote und H.D. ihm den Plan unterbreiten, einem bekannten vierschrötigem Gaunerpärchen die drei magischen Bohnen zu stehlen. Nach halsbrecherischen Aktionen hat El gato con botas die drei wie radioaktiv grün leuchtenden Bohnen in der Pfote. An einem magischen Ort eingepflanzt, wächst tatsächlich eine Ranke zum Himmel, ein Wolkenschloss taucht auf und man kann ein Kücken mitnehmen, dass die goldenen Eier legt.
So weit, so gut. Erneut ist El gato der Angeschmierte, denn während H.D. und Kitty sich mit den goldenen Eiern beliebt machen, kämpft der Kater mit der Staatsmacht um seine Freiheit. Als seine Pflegemutter ihm zuredet, kein Blut zu vergießen, läßt er sich gefangen nehmen. Doch er wird noch gebraucht – die große Gans sucht ihr Kücken und bringt Furcht und Zerstörung in das Dorf. Von Kitty befreit sorgt der Kater für die Rückführung des Kückens und der eiförmige H.D. wird von der Gans gleich adoptiert.
Ist nun so ein Film Kunst? Von der Graphik her sicher. Die Bewegungen der Katze sind liebevoll gezeichnet, wenn er seine Milch schlabbert oder als Kitten mit großen Augen in die Welt sieht. Ein gezeichneter Kater kann natürlich noch schneller sein als es ein echter ohnehin ist. Und er ist schnell und sprunggewaltig. Die Filmemacher scheinen in der Tat einige Mühe darauf verwendet zu haben, realistische Katzenbewegungen zu studieren und auf die Leinwand zu bringen.
Die Story ist zwar phantastisch, aber in sich stringent. Auch wenn man weiss, dass Humpty Dumpty ein Arschloch ist – er ist eben der älteste Freund, für den man wieder und wieder die Kastanien aus dem Feuer holt. Der Kater agiert nach dem für Sympathie sorgendem Grundsatz eines weichen Kernes in rauher Schale. Er ist der, der die ganze Arbeit macht, das gesamte Risiko trägt, während andere profitieren. Deswegen kann man nur auf seiner Seite sein – auch wenn seine Methoden eher unkonventionell sind.
Selma Hayek und Antonio Banderas sprechen nicht nur Kitty Samptpfote und El gato con botas in der englischen Version, sondern ebenso in der spanischen. Dem zuzuhören ist schon ein gewisses Vergnügen. In Barcelona selbst lief der Film nicht mehr – aber in der Provinz, z.B. in einem dieser in Spanien üblichen futuristischen Kinopalästen mit 12 oder mehr Kinos und interessanter Dekoration mit vielen cineastischen Anspielungen (die lebensgroßen Figuren der Kinohelden kommen von den Phillipinen, wie mir der Manager verriet). Wir versuchten es in der Banlieu in Santa Coloma de Gramenet, der vorletzten Station der Metrolinie 1 im Nordosten und waren tatsächlich die einzigen zwei Gäste, denen der Film vorgeführt wurde. Das hätte man hier nicht geboten bekommen.
Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.
Werdet ihr hier nicht langsam ein bisschen sinnfrei? Ist ja wie üblich bei ilex nicht schlecht geschrieben und gut beobachtet. Aber morgen berichtet ihr mir hier noch vom Wachsen des Rasens im Warschauer EM-Stadium – und zwar live!
Der Humanist macht sich durchaus Gedanken über Freundschaft und die Grenzen ihrer Verpflichtung, über Großherzigkeit und Verzeihen und der Empfindung, dass man sich zu mancher Solidarität verpflichtet fühlt, die nur bitter enden kann – aber man macht es trotzdem.
Bei Lesen des Wortes "kateriger d´Artagnan" musste ich an diesen denken und an seinen weniger bekannten Nachfahren. D`Artagnan hat im 17. Jahrhundert gelebt und war ein Haudegen im Dienst des Königs. Allerdings muss man die Ausschmückungen eines Alexandre Dumas als Phantasieprodukte zur Kenntnis nehmen. Ein richtiger Held und tollkühner Abenteurer war sein Nachfahre Baron de Batz. Ihm wäre es während der Französischen Revolution fast gelungen die Königin aus der Gefangenschaft zu befreien.
#3 pinetop am 13. Februar 2012 um 16:04
Eigentlich hat er nach dem Wortlaut des Märchens ja immer nur seine Schuhe – aber auf den meisten Zeichnungen ist er eben wie d'Artagnan dargestellt – mit Hut und Feder daran und mit Degen. Manchmal auch ein kleines Mäntelchen wie im Film. Eben wie in der Zeit von Perrault.
Vielleicht sieht man ihm seine Gesetzlosigkeit ja auch deswegen nach, weil ein Kater sich (im Gegensatz zum Musketier des Königs) nie um solche kleinlichen Regeln kümmert. Sehe ich ja auch bei meinem – er macht, was er will und für die zwei Regeln *), die er beachten muss, ihm beizubringen war so viel Geduld nötig, wie ich sonst bei Menschen ganz selten bereit bin, aufzuwenden. Durch die Metamorphose in einen Kater hat diese Figur eben die unbeschränkte Freiheit – und nicht nur den Degen, sondern auch noch Krallen und Zähne.
War schon als Kind mein Lieblingsmärchen.
*) 1 = Katzen gehören nicht auf Tische: 2 = man darf seinen Menschen nicht beißen