Christian cultural genocide

Residential Schools nannte man im Kanada Schulen, die von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1996 betrieben wurden. Es handelte sich um internatartige Schulen, die ausschließlich von Kindern der kanadischen Ureinwohner besucht wurden.

Diese Schulen sollten die Kinder von den Eltern fernhalten und zugleich von ihrem kulturellen Einfluss. Der Gebrauch ihrer jeweiligen Muttersprache wurde ihnen strikt verboten, stattdessen sollten sie Englisch, bzw. Französisch lernen. Damit verbunden war ein allgemeiner Zivilisierungsauftrag, dessen treibende Kraft eine Untersuchungskommission als "kulturellen Überlegenheitsdünkel" (cultural triumphalism) bezeichnete.

Insgesamt handelt es sich um bis zu 3000 Institutionen, die in einem Verfahren zur Anerkennung als ehemalige Residential Schools stecken, oder bereits anerkannt sind.

Unter Federführung des Department of Indian Affairs and Northern Development und gesetzlich gegründet auf den Indian Act von 1876, dem Gradual Civilization Act von 1857 und dem Gradual Enfranchisement Act von 1869, erhielten vor allem die Kirchen – überwiegend die katholische und die Vorgänger der United Church of Canada, also Presbyterianer, Methodisten und Kongregationalisten – den Auftrag, diese Schulen zu führen.

Dort kam es zu zahlreichen psychischen und physischen Übergriffen, für die sich sowohl die beteiligten protestantischen Kirchen (bis 2009 nicht die katholische), als auch der kanadische Staat (2008) entschuldigt haben. Doch der mehrere Generationen umfassende Versuch, ganze Kulturen auszulöschen, wird bis heute nicht als Verbrechen verurteilt.

Die Lebenswege der Opfer sind bis heute von diesen Vorgängen gekennzeichnet, wenn ihnen auch eine gewisse Wiedergutmachung zukommt und sie teilweise psychologisch unterstützt werden.

Geschichte

Ihren Ausgangspunkt nahmen die späteren Residential Schools in den französischen Schulen der katholischen Missionare, vor allem der Jesuiten. Schon hier prallten die Bedürfnisse dörflich-städtischer und bäuerlicher Lebensweise auf der einen Seite und halbnomadischer auf der anderen Seite aufeinander. So klagten die Lehrer vielfach über die Abwesenheit der Schüler, vor allem während der Jagdsaison; zudem war es generell schwierig, die Ureinwohner vom Sinn eines Schulbesuchs mit seinen damals gebräuchlichen, harten Disziplinierungsmitteln zu überzeugen.

Ähnlich erging es den Anfang des 19. Jahrhunderts gegründeten anglikanischen Schulen. Indian Industrial School von Lebret im Qu'Appelle Valley, Assiniboia-Distrikt, Nordwest-Territorien: Eltern, die ihre Kinder besuchen wollen, kampieren außerhalb der Umzäunung vor der Schule (um 1885).

1857 wurde der Gradual Civilization Act, frei übersetzt das Gesetz zur schrittweisen Zivilisierung, von der Provinz Kanada, einer Vorstufe der kanadischen Unabhängigkeit, verabschiedet. Mit diesem Gesetz sollte jeder Indigene nach einer absolvierten Grundbildung 50 Acre Land bekommen, womit er allerdings auch alle Vertragsrechte verlor. Von dieser Seite her sollten also vertragliche Vereinbarungen ausgehöhlt und zugleich aus Nomaden und Halbnomaden sesshafte Bauern werden.

Den Widerstand gegen die öffentliche Finanzierung der Schulen brach der erste Premierminister Kanadas, John A. Macdonald, indem er Nicholas Flood Davin beauftragte, einen "Report on Industrial Schools for Indians and Half-Breeds" (Bericht über Arbeitsschulen für Indianer und Halbblut) zu verfassen, der 1879 die Abgeordneten überzeugte.

Edgar Dewdney, seinerzeit Indian commissioner der Nordwest-Territorien, fürchtete zu dieser Zeit Unruhen unter den hungernden Indianern und wollte das Problem an der Wurzel packen. Für ihn bedeutete das angesichts der ausgerotteten Büffelherden, die bisher die Nahrungsgrundlage der Prärieindianer geliefert hatten, dass sie Bauern werden mussten. Da sich die Älteren dagegen wehrten, war die Freigabe der Finanzierung für die Schulen eine gute Gelegenheit. Er versuchte durch schnelle Landaufteilung und genauere Überwachung das Stammessystem zu überwinden, wozu auch mehr Schulen beitragen sollten. Mit seinem System konnten zwar die hungernden Stämme der Prärien gezwungen werden, die neue Lebensweise hinzunehmen, doch die weniger abhängigen Stämme erreichte er damit nur teilweise.

Der eigentliche Umschwung kam erst 1920, als der Schulbesuch für alle Kinder im Alter zwischen 7 und 15 Jahren in ganz Kanada obligatorisch wurde. Erst damit wurden die kulturellen Bande zwischen den Generationen zerrissen. 1931 bestanden bereits 80 Residential Schools in Kanada, 1948 immer noch 72 mit insgesamt 9368 Schülern.[5] Im Jahre 1955 waren 11.000 Kinder auf 69 Schulen allein in Ontario verteilt. 2007 waren bereits knapp 1300 Institutionen in die Liste der anerkannten Residential Schools aufgenommen.

Die Schulen lagen meist außerhalb der Reservate und waren für die Eltern, die ihre Kinder besuchen wollten, oft nur schwer zu erreichen. Viele Schüler hatten bis zu zehn Monate im Jahr keinen Kontakt zu ihren Eltern. Selbst untereinander durften die Kinder nicht in ihrer Muttersprache reden. Binnen einer Generation starben auf diese Art zahlreiche Sprachen aus.

Doch nicht "nur" die Sprachen waren bedroht. 1909 berichtete Peter Bryce im Auftrag des Ministeriums für Indianer- und nördliche Angelegenheiten, dass die Sterblichkeitsrate unter den Kindern extrem hoch sei. Diese lag fünf Jahre nach Eintritt in die Schulen bei 35 bis 60 %, was vor allem daran lag, dass gesunde Kinder zusammen mit tuberkulosekranken unterrichtet wurden. Erst 1922, nachdem Bryce nicht mehr für die Regierung arbeitete, wurden seine Ergebnisse publiziert. F. A. Corbett bestätigte zwischen 1920 und 1922 diese Ergebnisse, vor allem hinsichtlich der extrem weiten Verbreitung von Tuberkulose.

Vielen Eltern war das Problem bekannt, aber sie fürchteten Repressalien und der Canadian Family Allowance Act von 1944 enthielt ihnen zudem eine Art Kindergeld vor, wenn sie diese Kinder nicht zur Schule schickten. In der Folge bekamen sie die kulturellen Gegensätze zu ihren Kindern mit jedem Jahr der Indoktrination deutlicher zu spüren. Außerdem lernten die Kinder Dinge, die im Umkreis ihrer Eltern nicht zu gebrauchen waren. In vielen Aussagen spiegelt sich die Tatsache, dass die Kinder ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbstachtung verloren.

Die Schulen ihrerseits waren schlecht ausgestattet, viele Lehrer ihrer Aufgabe nicht entsprechend ausgebildet. Die Zustände wurden inzwischen als so katastrophal wahrgenommen, dass das Ministerium 1969 die Schulen in eigener Regie führte, und sie den Kirchen entzog.

Doch den Eltern war nicht daran gelegen, die Schulen einfach zu schließen, sondern sie sollten sich ändern. Im Norden von Alberta protestierten 1970 Eltern gegen die Schließung der Blue Quills Indian School und übernahmen sie schließlich in eigener Regie. Noch 1979 existierten zwölf Residential Schools mit zusammen 1899 Schülern. Die letzte wurde 1996 in Saskatchewan geschlossen.

Erst in den 1990er Jahren kam das ganze Ausmaß der Misshandlungen an die Öffentlichkeit und vor die Gerichtshöfe. 1991-1993 untersuchte eine Royal Commission on Aboriginal Peoples die Zustände an den Residential Schools und kam zu niederschmetternden Ergebnissen. Es war allein in Ontario in weit mehr als zehntausend Fällen zu brutalen Übergriffen und dabei häufig zu sexuellem Missbrauch gekommen. In einigen Schulen, wie 1949 in Port Alberni, wurden auch medizinische Versuche ohne Einwilligung der Eltern durchgeführt.

Insgesamt, so urteilte die Kommission, "habe kein Bereich ihrer Untersuchung mehr Wut und Scham hervorgerufen, als die Geschichte der Residential Schools … der unglaubliche Schaden – Verluste an Menschenleben, Verunglimpfung der Kultur, Zerstörung von Selbstachtung und Selbstwertgefühl, Zerstörung von Familien, die Auswirkungen dieser Traumata auf nachfolgende Generationen und die Ungeheuerlichkeit kultureller Überlegenheitsdünkel die hinter dem ganzen Unternehmen steckten – wird jeden zutiefst erschüttern, der es wagt, diese Geschichte in sein Bewusstsein dringen zu lassen".

Im Jahre 1998 entschuldigte sich Kanadas Minister of Indian Affairs offiziell bei den ehemaligen Schülern. In den Jahren zuvor hatten sowohl kirchliche als auch staatliche Organisationen versucht, jede Diskussion über dieses Thema zu unterdrücken.

Wiedergutmachungsversuche

1998 trat die Regierung mit dem Versuch einer Versöhnung an die Öffentlichkeit. Sie entschuldigte sich bei allen, die sexuelle oder andere physische und psychische Übergriffe erlitten hatten und gründete die Aboriginal Healing Foundation, die indigene Heilungsstiftung. Zunächst mit 350 Millionen Dollar ausgestattet, schoss die Regierung 2004 nochmals 40 Millionen zu. Ein eigens gegründetes Department, die Indian Residential Schools Resolution Canada soll ebenfalls den Opfern Hilfe anbieten. Diese erwies sich, neben den anhängigen Verfahren, als dringend notwendig, denn die Probleme lagen viel stärker auf der psychischen Seite, als man lange angenommen hatte. Im Herbst 2003 entstand nach vierjährigen Pilotprojekten der Prozess der Alternative Dispute Resolution.

Auch die Kirchen beteiligten sich daran, Wiedergutmachung zu leisten, indem sie den Überlebenden der Schulen Therapiestätten finanzierten. 2001 ging die Anglikanische Kirche von Cariboo in British Columbia bankrott, weil sie ihren Teil der Wiedergutmachung nicht bezahlen konnte.

Doch es ging auch um Geld für entgangene Lebenschancen. Am 23. November 2005 kündigte die Regierung ein Wiedergutmachungsprogramm im Umfang von 1,9 Milliarden Dollar für die rund 80.000 einstigen Kinder an. Für das erste Jahr sollte jedes Opfer 10.000 Dollar bekommen, für jedes weitere Jahr 3000. Dazu kamen, vorausgesetzt der Antrag wurde zwischen dem 30. Mai 2005 und dem 31. Dezember 2006 gestellt, 8000 Dollar an alle über 65-Jährigen.

Am 20. August 2007 endeten die entsprechenden Widerspruchsfristen, wenn ehemalige Schüler mit der Entscheidung nicht einverstanden waren. Seit dem 19. September 2007 sind die Beträge aus diesem Common Experience Payment verfügbar. Vielfach ergeben sich allerdings seitens der Behörden Probleme, Dokumente aufzufinden, die die Dauer des Aufenthalts in den Schulen nachweisen. Für viele kommt die Kompensation zudem zu spät.

Quellennachweis: Exzerpt des Wikipedia-Artikels Residential School.

 

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6 Antworten auf Christian cultural genocide

  1. pinetop sagt:

    Ich streite für die westlichen Werte mit den Anhängern des Kulturrelativismus. Aber die Behandlung der kanadischen und US-amerikanischen Ureinwohner könnte ihnen ein Argument in die Hände führen. Hier fand tatsächlich ein Unrecht statt. Aber es war schlicht und einfach ein Verrat an der Freiheit und Würde des Individuums. Und genau für diese Würde gilt es einzutreten.

  2. pinetop sagt:

    Um Missverständnissen vorzubeugen: Für mich beteutet westliche Werte die Freiheit des Individuums, die demokratische Legitimierung politischer Herrschaft, Gewaltenteilung, ein naturwissenschaftliches Weltbild, die Marktwirtschaft und ein allgemeiner Skeptizismus. Für andere könnte es auch die kulturelle Dominanz des Christlichen bedeuten.

  3. ilex (E. Ahrens) sagt:

    Während Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts viele noch frei lebende Indianer besonders im Winter eher nach Kanada auswichen, weil dort die Behandlung weniger schlecht war als in den USA hat sich das also offenbar später geändert. Schade eigentlich – Kanada hätte die Chance gehabt, sich hier humaner zu verhalten.

  4. Christian Velter sagt:

    Ich habe einen Fernsehbeitrag über die Beschulung von Jndianerkindern in Kanada gesehen. Das war ungefähr vor 4 Jahren , vielleicht 2008. Es war mir auch bekannt daß die Indianerkinder den Eltern weggenommen wurden um ihnen die richtige Kultur beizubringen. Ob der Film, den ich sah, darauf Bezug nahm, weiß ich nicht mehr.
    Es war ein Klassenzimmer sehen, wo sehr junge ca. Fünf bis Sechsjährige Indianerkinder von einem jungen Lehrer unterrichtet wurden. Eine Wand des Raumes war vollgepinnt mit großformatigen Swastika-Bildern. Exakte Vorlagen, blutrot mit weißem Kreisfeld mit dem schwarzen Symbol darin und dann die vielen, mehr oder weniger gelungenen Kopien der Kinder.
    Wenn die bösen Swastika-Unmenschen Kanada gelangt wären, dann hätten sie natürlich auch die von ihnen als minderwertig angesehenen Indianer alle umgebracht. Und dann hätte es die Großeltern nicht gegeben und sie wären gar nicht auf der Welt.
    Die Verbrechen der Swastika-Anbeter sind so einmalig grausam daß ihre Schuld auch einmalig groß ist. Dadurch werden alle Gewalttaten die voher in Nordamerika oder sonstwo vor und nach der Zeit der Swastika-Herrschaft entschuldigt Das Schlimmste entschuldigt immer das Schlimme.
    So wird sowas wohl erklärt.
    Ich würde das allerdings Kulturimperialismus und Umerziehung verbunden mit Haßpropaganda nennen.

  5. ilex (E. Ahrens) sagt:

    #5 Christian Velter am 18. März 2012 um 10:21

    Ihr Beitrag ist etwas rästelhaft. Die Swastika hat ja nun nicht nur die Funktion als Hakenkreuz der Nationalsozialisten, sondern ist bei einigen Völkern Sonnensymbol (z.B. erscheint es auch auf Schildzeichen der griechischen Antike). "Swastika" selbst ist ebenfalls kein deutsches Wort. So weit ich weiß, bedeutete es auch bei manchen Indianerstämmen eben die Sonne. Korrigieren Sie mich gern, wenn Sie ausdrücken wollten, die Indianer malten ausdrücklich Nationalsozialisten-Hakenkreuze.

    Wenn die bösen Swastika-Unmenschen Kanada gelangt wären, dann hätten sie natürlich auch die von ihnen als minderwertig angesehenen Indianer alle umgebracht.

    Die Nationalsozialisten betrachteten zwar viele andere Menschen als minderwertig – aber ausgerechnet die Indianer?

    Die Verbrechen der Swastika-Anbeter sind so einmalig grausam daß ihre Schuld auch einmalig groß ist. Dadurch werden alle Gewalttaten die voher in Nordamerika oder sonstwo vor und nach der Zeit der Swastika-Herrschaft entschuldigt Das Schlimmste entschuldigt immer das Schlimme.

    Was keineswegs der Fall ist. Wesentlich ist nicht der Erfolg des mörderischen Handelns, sondern das Motiv. O.k. – das ist protestantische Ethik, aber der Erfolg hängt von der Effektivität der Mittel und Organisation ab, nicht nur vom verbrecherischen Impuls.

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