Gott würfelt nicht


Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schien die Physik weitgehend an ihre Grenzen gestoßen zu sein. Was sollte es noch Neues im „realen Dasein“ zu erforschen geben? Planeten zogen ihre Bahnen nach Newtons Gesetzen, Mechanik, Thermodynamik, Elektro-Magnetismus, Wellenlehre und vieles anderes boten kaum noch Chancen für nachwachsende Physiker, sich zu profilieren, Ruhm und Ehre einzuheimsen. Vielfach wurde davon abgeraten, dieses Fachgebiet überhaupt als Studienanfänger in Erwägung zu ziehen.

Doch dann kam alles ganz anders. Das beginnende zwanzigste Jahrhundert wurde Zeuge des Beginns einer beispiellosen Wissensexplosion, an deren Ursprung ein Name nicht wegzudenken ist: Albert Einstein. Untrennbar mit ihm verbunden bleiben für die Öffentlichkeit seine spezielle und allgemeine Relativitätstheorie. Die Arbeiten hierzu haben ihn zu einem internationalen Popstar der Physik gemacht und ein Medieninteresse wie niemals vorher und wohl nur selten nachher entfacht. Jedes Kind weltweit kannte und kennt seinen Namen – seine Theorien und die weit reichenden Folgerungen daraus haben allerdings nur die wenigsten verstanden. Außerhalb von Fachkreisen ist dabei noch weniger bekannt, dass Einstein auch Mit-Vater der zweiten großen physikalischen Umwälzung des zwanzigsten Jahrhunderts ist: der Quantenphysik.

Seine Arbeit zur Deutung des photoelektrischen Effekts mit Hilfe der Lichtquantenhypothese brachte ihm schließlich 1921 den Physik-Nobelpreis, nachdem er seit 1910 bereits mehrfach für den Nobelpreis wegen der Relativitätstheorie vorgeschlagen worden war. Obwohl die britische Sonnenfinsternis-Expedition von 1919 eindeutige Belege für die Richtigkeit der Relativitätstheorie erbracht hatte, konnte sich das Nobelpreiskomitee wegen immer noch bestehender Vorbehalte nicht dazu durchringen, ihm hierfür den Preis zu verleihen. Für das allgemeine Publikum verstärkte sich dadurch die Meinung, das Komitee habe eine „Notlösung“ einer eindeutigen Stellungnahme vorgezogen, vor allem auch weil Einstein seinen Vortrag vor der Akademie zudem nicht zur Quantenphysik hielt, sondern zur Relativitätstheorie.

Die weitere physikalische Forschung wurde bis auf den heutigen Tag dabei in weitaus größerem Maße von der Quantenmechanik bestimmt als von den Lehren der Relativität. Einstein selbst bekannte, dass er sich in seiner wissenschaftlichen Laufbahn wohl zehnmal mehr mit den Quanten als mit dem Raum-Zeit-Kontinuum beschäftigt hat. Weitere spektakuläre Erfolge blieben dem Genie allerdings versagt. Seine Suche nach der Weltformel aus Gravitation und Elektromagnetismus scheiterte kläglich, musste schlicht schon deshalb versagen, weil ihm weder die schwache noch die starke Kernkraft bekannt waren, das heißt, bereits sein Ansatz war zu verengt. Sein Kampf gegen die neuen Protagonisten der Quantenphysik wie etwa Born, Pauli oder Heisenberg war vergeblich – er wurde immer wieder in allen Punkten widerlegt. Besonders zu schaffen machte ihm die von Heisenberg formulierte Unschärferelation.

Die Nichtbestimmbarkeit von Ort und Impuls eines Teilchens zur gleichen Zeit stieß auf seinen erbitterten Widerspruch, der in dem Ausspruch gipfelte: „Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der nicht würfelt“ (so in einem Brief an Max Born aus dem Jahr 1926). Journalisten, von Berufs wegen auf der Suche nach griffigen Formulierungen, machten flugs daraus: „Gott würfelt nicht“. Einsteins Haltung zur Quantenphysik findet sich knapp und verständlich dargestellt in “Einstein und die Quantentheorie”.

Die Affinitäten zwischen Religion und Physik

Vor allem Physiker legen eine Neigung an den Tag, sich zu Gott und Religion zu äußern, die auf den ersten Blick verwundert, da sie sich ja eher mit dem Rationalen dieser Welt als mit dem irrationalen Transzendenten beschäftigen. Ihre Feststellungen die Religion betreffend sind dazu meist in hohem Maße missverständlich. Sie führen dazu, dass Physiker nicht selten von den Religionen gleich welcher Couleur als „die Ihren“ vereinnahmt werden. Andere Wissenschaftler wie zum Beispiel Biologen entgehen solcher Inanspruchnahme durch klare Opposition. Der Mythos der Genesis ist schlicht nicht in Einklang zu bringen mit den Fakten der Evolutionslehre. Und solange die Theologie ihre aus dem damaligen Zeitgeist heraus geborenen Fabeln nicht als solche benennt, wird das auch so bleiben. Biblische Exegese ist in diesem Punkt allerdings schon erheblich weiter als fundamentalistische Interpretationen der Schriften durch Evangelikale oder Moslems. Sind Physiker etwa gläubiger als Biologen? Werden sie zu Recht als Zeugen für transzendentale Vorstellungen vereinnahmt?

Betrachtet man die Umstände der Zeugennahme genauer, so stellt man fest, dass es eher um ein Spiel mit Begriffen als um wahre Sachverhalte geht. Da werden die Dinge gedreht und gewendet, bis sie in die eigenen Vorgaben passen. So sagt der Kreationismus-Apologet Adnan Oktar (Harun Yahya) „[laut] Albert Einstein, der als bedeutendster Wissenschaftler des 20sten Jahrhundert gilt, „ist Wissenschaft ohne Religion lahm“, was soviel bedeutet wie, dass die Wissenschaft ohne die Führung der Religion nicht korrekt fortschreiten wird, sondern er [?] eine Verschwendung von Zeit darstellt, bis bestimmte Ergebnisse erzielt werden, und schlimmer noch, diese oftmals ergebnislos ist [?]“. Einstein befindet sich bei Adnan Oktar in einer langen Liste von Wissenschaftlern, deren angebliche Religiosität gegen die weitverbreitete Annahme spricht, alle Forscher seien materialistische Darwinisten und verdammenswerte Atheisten.

Da nicht sein kann, was nicht sein darf, wird alles ins Schema der eigenen religiösen Vorstellungen gepresst: „Der Quran zeigt der Wissenschaft den Weg“. Und: „Wissenschaft bietet eine Methode an, durch die das Universum und alles darin Enthaltene untersucht werden kann, um die Kunst in Gottes Schöpfung zu entdecken, und der Menschheit dadurch erkennbar zu machen“. Für Oktar ist klar, wenn ein Wissenschaftler das Wort „Gott“ oder „Religion“ in den Mund nimmt, dass er dann notwendigerweise darunter das gleiche verstehen müsse wie Oktar selbst. Jeder Physiker von Rang würde es sich wohl verbitten, als Auftragsforscher im Namen des Korans gekennzeichnet zu werden.

Doch was meinte Einstein nun wirklich, als er sagte, Wissenschaft ohne Religion sei lahm, oder als er „den Alten“ keinesfalls beim Würfelspiel sehen wollte? Wir dürfen mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass Einstein kein Moslem war, und dass er weit davon entfernt gewesen wäre, in das krude Weltbild eines Adnan Oktar zu passen. Über Einsteins religiöse Vorstellungen ist viel geschrieben und viel gerätselt worden. Dabei kann es gar nicht klarer ausgedrückt werden als er es selbst gesagt hat. Für ihn waren die Inhalte der drei abrahamitischen Religionen „kindischer Aberglaube“ und noch stärker in Abgrenzung der über ihn in dieser Frage herrschenden Vorurteile: „Es war natürlich eine Lüge, was Sie über meine religiösen Überzeugungen gelesen haben, eine Lüge, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott und ich habe dies niemals geleugnet, sondern habe es deutlich ausgesprochen. Falls es in mir etwas gibt, das man religiös nennen könnte, so ist es eine unbegrenzte Bewunderung der Struktur der Welt, so weit sie unsere Wissenschaft enthüllen kann.”  Punkt. Klar gesagt.

Institutionalisierte Religionen, die ihren verängstigten Anhängern Riten abverlangen, um sie zu disziplinieren und vor der Hölle zu bewahren, waren Einstein ein Graus. Er unterschied klar in drei Gruppen: primitive „Furcht-Religionen“, so genannte „Moral-Religionen“ und seine eigene Kennzeichnung einer „kosmischen Religiosität“, die zu keiner Theologie, sondern zu Wissenschaft und Kunst führe. Die Missverständnisse waren ihm dabei recht egal: „Es schert mich einen Teufel, wenn die Pfaffen daraus Kapital schlagen. Dagegen ist kein Kraut gewachsen“.

Si comprehendis, non est deus

Ist es also pure Koketterie, wenn Physiker mit den Begriffen „Gott“ und „Religion“ zu spielen scheinen? Oder gibt es gar einen inneren Zusammenhang? Das Gemeinsame an Quantenphysik und Theologie ist, dass sie beide ein Realismusproblem haben.

Die Welt der Quanten entzieht sich anders als die Mechanik vollständig unserer sinnlichen Vorstellungskraft. Sie lässt sich hervorragend in der Sprache der Mathematik erfassen, doch sobald sich Physiker an eine Übersetzung der Erkenntnisse in die Sprache der makroskopischen Erfahrungswelt herantrauen, wird es unendlich schwierig. So geht es auch der wohl berühmtesten Übertragung mikroskopischer Vorgänge in die Alltagssprache: Schrödingers Katze, die gleichzeitig tot und lebendig ist. Um das Gedankenexperiment Schrödingers wirklich zu verstehen muss man sich – vertrackte Logik – in der Quantenphysik zumindest ein wenig auskennen.

Wir begegnen dem Problem der positiven Darstellung nicht wirklich begreifbar darstellbarer Phänomene. Und hier genau an dieser Stelle treffen sich moderne Physik und die klassischen Religionen. Die prinzipielle Unübersetzbarkeit quantenmechanischer Vorgänge hat ihren Widerpart in der affirmativen Theologie. Beide Seiten sind gezwungen, zu Bildern zu greifen, um verständlich zu erscheinen. Verstehen Sie die Unschärferelation in Relation zur Unmöglichkeit positiver Aussagen über Impuls und Ort? Verstehen Sie das Wesen Gottes in seiner Unbeschreibbarkeit als Wirkung für den Menschen?

Falsche Bilder schaffen dabei falsche Eindrücke. Sie führen bei „Gott“ im Zweifel zum gütigen Vater mit Rauschebart, in der Physik zur untoten Katze. Geholfen ist mit solchen Bildern niemandem. Im Gegenteil wird der Eindruck erweckt, ein Bild vermittele eine anerkannte Wahrheit über das Wesen der Dinge. Solche „positiven“ Darstellungen finden sich in allen Religionen, zum Beispiel die 99 Benennungen für „Allah“ im Koran, jede einzelne soll ein Wesensmerkmal dieses Wesens wiedergeben. Das führt im Zweifel zu der völlig falschen Vorstellung, „Gott“ sei tatsächlich so wie beschrieben. Doch kann genau so gut das jeweilige Gegenteil der Fall sein.

„Wenn Du meinst zu verstehen – ist es nicht Gott“, sagte bereits der Kirchenvater Augustin und begründete im christlichen Bereich das, was man unter „negativer Theologie“ versteht. Ein heutiger Protagonist dieser Gedankenrichtung ist der Theologe Andreas Benk: „Gott ist nicht gut und nicht gerecht, nicht vollkommen und nicht allmächtig, Gott ist nicht Vater und nicht Mutter, nicht Geist und nicht Person. Eine solche Feststellung ist für viele Christinnen und Christen verstörend – und doch ist es jüdische, christliche und muslimische Einsicht. Es geht nicht um eine esoterische Lehre und nicht um eine theologische Spitzfindigkeit. Es geht um die Unangemessenheit jeder Rede von Gott: Gott entzieht sich unvermeidlich all unseren Vorstellungen und all unseren Versuchen, ihn zu begreifen“.

Diesem eigentlich selbstverständlichen theologischen Ansatz entzieht sich aber die offizielle Kirche mit aller Macht. Bei einem Papst, der gemeinhin als „intellektuell“ angesehen ist, erstaunt dies ganz besonders. Doch statt das Unbegreifliche als solches zu benennen wie es die negative Theologie versucht, ergießt sich Benedikt XVI. gleich in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ (Gott ist die Liebe) von 2005 ins genaue Gegenteil. Diese selektive Wahrnehmung des Gottesbildes in der affirmativen Theologie mag zwar die eigenen Schäfchen beruhigen, für einen Unvoreingenommenen stellt es aber geradezu einen Anschlag auf die Intelligenz dar. „Deus caritas est“ gibt vor, etwas von Gott zu verstehen, dass so nicht existiert, und leicht konterkariert werden könnte mit dem Bild des eifersüchtigen und zornigen Jahwe, der ganz Sodom und Gomorrha wegen der Sünden einzelner vom Erdboden vertilgt inklusive aller unschuldigen Kinder. Caritas? Oder betrachten wir diesen persönlichen Gott (Einstein: „kindischer Aberglaube“), der angeblich in jeder Sekunde bei jedem Individuum anwesend ist, in seinen Werken und Gedanken.

Ist ein solches Kontrollmonstrum, schlimmer als Big Brother, überhaupt denkbar? Wenn an dieser Stelle der Atheismus auch ohne die geringsten Beimengungen von Agnostizismus ein klares Nein entgegensetzt, so hat er ohne Zweifel Recht, auch ohne selbst Religion zu sein. Bischof Walter Mixa – falls er denn diese Zeilen liest – kann sich beruhigt zurücklehnen: er muss sich keine Sorgen machen, dass jenes höhere Wesen ihn nach allem sonstigen auch noch dabei überwacht, ob er sich wenigstens beim Toilettengang gottgefällig den Hintern abwischt.

Konklusion

Physik und Religion machen einen entscheidenden Fehler, wenn sie versuchen, die Grenzen des Beschreibbaren formulatorisch zu überwinden. Es mutet an, als wollten sie ein altes Buch mit unsichtbarer Schrift (siehe Abb.) in eine moderne Sprache übersetzen. Sie werden dadurch nicht wie erhofft glaubwürdiger. Einstein hat dies gut erkannt, aber er gibt dem Unbeschreibbaren einen Namen: „Gott“. Und setzt also alles, was wir nicht wissen, vielleicht niemals wissen können, dem gleich, was auch die Religionen so bezeichnen. Das ist klug und gefährlich zugleich. Klug ist es, weil es kennzeichnet, dass wir gewisse Erfahrungen wie das eigentliche Wesen der Singularität des Urknalls wahrscheinlich niemals werden beschreiben können, ja, in diesem speziellen Fall nicht einmal in mathematische Formeln kleiden können (zu viele „Unendlich“).

Wir wissen nicht einmal, ob es wirklich der Urknall war, auf den Johannes-Paul II. 1992 so gerne aufgesprungen ist, oder ob es statt des Big Bang nicht eher einen sich wieder und wieder erneuernden Big Bounce gegeben hat, wie es etwa Bojowald mit seiner Schleifen-Quantengravitation (gequanteltes Raum-Zeit-Kontinuum) anspricht. Gefährlich ist es, weil diese Kennzeichnung, wie die Geschichte zeigt, eine Vereinnahmung durch die Offenbarungsreligionen mit ihrer dogmatischen und affirmativen Interpretationen des Wesens Gottes nicht hinreichend ausschließt.

Negative Theologie eines Augustinus und eines Andreas Benk könnte sich dagegen gut mit den Ansichten der Physiker treffen, dass bestimmte Dinge sich niemals werden formulieren oder mathematisch umschreiben lassen. Hier liegt ein wesentlicher Wert der „kosmischen Religiosität“ eines Einstein, dem sich auch der hartgesottenste Atheist nicht verschließen könnte, wenn er nicht in ein quasi-religiöses Dogmenschema verfallen möchte: er würde angesichts dieses „Scio nescio“ zu den letzten Fragen unweigerlich zum Agnostiker.




Notre-Dame: Hat Gott gesprochen?


Notre DameDiese Vermutung ist im Net zu finden, zum Beispiel bei den Evangelikalen auf idea.de am 19.4.2019:

War der Brand in der Pariser Kathedrale Notre-Dame ein "prophetisches Zeichen"? Das fragt der Vorsitzende der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung (GGE) in der Evangelischen Kirche, Pfarrer Henning Dobers (Hannoversch Münden), im Oster-Rundbrief dieser charismatischen Bewegung. Nach seiner Ansicht hat das Geschehen tiefere geistliche Dimensionen. Dobers: "Es brennt unsere christlich-kulturelle Identität." Betroffen sei die berühmteste Kirche Frankreichs, eine der herausragenden Kirchen in Europa "und das alles in der Karwoche". Notre-Dame stehe auch zeichenhaft für die alte Kirche in Europa. Sie sei die erste gotische Kirche überhaupt auf europäischem Boden.
Atheistische Anmerkung: Das hat der katholische Gott exakt geplant! Feuer in der Karwoche in der berühmtesten Kirche Frankreichs! Die alte Kirche Europas gibt's ja schon länger nimmer, hat deswegen der HErr Notre-Dame anbrennen lassen?

idea.de: Dobers hält es ferner für keinen Zufall, dass wenige Tage vor dem Brand 16 Kupferfiguren für Restaurierungsarbeiten vom Dach der Kathedrale geholt wurden. Dies seien nicht irgendwelche Figuren gewesen, sondern die zwölf Apostel und die vier Evangelisten. Auch das goldene Altarkreuz sei trotz herabgestürzter Trümmer stehen geblieben. Das alles zeigt laut Dobers, dass das apostolische Evangelium den Brand unbeschadet überstanden habe.
Atheistische Anmerkung: Da lässt der HErr die Renovierung der Kirche zu, aber den Brand lässt er erst zu, nachdem die o.a. 16 Figuren abmontiert wurden und damit das apostolische Evangelium den Brand unbeschadet überstehen konnte! So ein Gott plant eben mit Weitblick!

idea.de: Zur Ankündigung, dass die Kathedrale möglichst bald wieder aufgebaut werden soll, schreibt der Theologe: "Es geht um mehr als nur ein berühmtes Gebäude. Es geht um unsere Identität. Menschen, Länder, Nationen, Europa – wir spüren neu, dass wir einen Transzendenzbezug brauchen, eine innere Mitte, ein uns vorgegebenes, tragendes Wertesystem. Wir brauchen heilige Orte der Begegnung mit Gott." Dobers regt an, sich einmal Dörfer und Städte ohne Kirchen an den zentralen Plätzen vorzustellen: "Es würde der Nimbus, die Orientierung und die Korrektur des Ewigen in unserer Alltagstrivialität fehlen. Kirchen sind aufeinander gemauerte Steine, die selbst in gottferner Zeit immer noch reden."
Atheistische Anmerkung: Da brennt eine Kirche und schon entdeckt ein Pfarrer den Bedarf an heiligen Orten! In der BRD gibt's über 55.000 christliche Kirchengebäude, Frankreich hat weniger Einwohner und darum wohl auch weniger Kirchen, aber 40.000 werden es schon sein, das sind wohl auch ohne Notre-Dame noch genug! Und überhaupt: das Problem haben die christlichen Kirchen in Europa nicht an einem Kirchenmangel, sondern am Kirchenüberschuss! Bei der Google-Suche unter "Kirchenüberschuss" waren übrigens sechs der ersten zehn Meldungen von der Site atheisten-info.at, es ist hier wohl religionspolitisch nicht korrekt dieses Wort zu verwenden!

idea.de: Er hoffe, so Dobers, dass man sich jetzt genügend Zeit nehme, die Trauer und den Schock auszuhalten und nicht allzu schnell zur geschäftigen Tagesordnung übergehe: "So wunderbar und wichtig es, dass viele Menschen große und kleine Summen geben werden, die den Wiederaufbau ermöglichen werden, dass in Frankreich, Europa und weltweit Menschen zusammenstehen und mithelfen wollen, so wichtig wäre es jetzt, zunächst innezuhalten und sich den Fragen zu stellen, die jenes Feuer vom 15. April möglicherweise grundsätzlich aufwirft: Könnte in dem allen nicht ein Reden Gottes verborgen sein? Wenn ja, was ist die Botschaft? Und was sind unsere Antworten auf dieses mögliche Reden Gottes?"
Atheistische Anmerkung: Ja, was hat Gott mit seiner Feuerrede sagen wollen? Denkt darüber nach! Und was sollen die praktizierenden Christen zurückreden? Vielleicht war die göttliche Feuerrede auch keine Aufforderung an einen schnellen Wiederaufbau, sondern ein Hinweis auf den Kirchenüberschuss? Zu viele Kirchen, zu wenig Nutzer! Vielleicht erinnerte sich der katholische Gott auch an die vom Vatikan für 2012 angekündigte Neuevangelisierung in Europa, die dann einfach nicht stattfand? Und der Notre-Dame-Brand ist die Strafe dafür? Und als nächster brennt dann der Petersdom im Vatikan?
Zum Abschluss aus den Leserkommentaren auf idea.de ein Zitat: "Ich weiß, was uns das sagen will: Verursache keinen Kurzschluss in einem Holzdachstuhl. Nimm den ersten Feueralarm ernst (um 18.20 Uhr) und nicht erst den zweiten (um 18.40 Uhr)."

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).

 




Ein kurzes Wort zum Atheismus


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Atheismus

Der Atheismus, lt. Wikipedia «im engeren Sinne die Überzeugung, dass es keinen Gott bzw. keine Götter gibt», definiert oder erhebt „aus sich heraus“ keinen Machtanspruch.
Er leugnet aber, ohne die Anarchie zu befürworten oder zu fordern, den direkten oder indirekten Machtanspruch von Göttinnen und Göttern oder deren irdischen Stellvertretern; vgl. Kant – Aufklärung:

Daß der bei weitem größte Teil der Menschen […] den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.

Militante Atheisten hingegen versuchen bisweilen, ihre Sichtweise zu einer „Wahrheit“ zu erheben, die sie anderen ggf. aufzwingen möchten – statt jeden glauben zu lassen was er will oder nicht will – formulieren also womöglich eine Art Ersatz-Religion, wollen vielleicht selber ein wenig „Gott“ sein und laufen damit dem Atheismus zuwider.

* * *

Zum Verständnis meines rechtlichen Standpunkts:

Religionen geben den Menschen Orientierung, wird uns bisweilen gesagt. Das tut unsere Verfassung, das Grundgesetz, auch – allerdings ohne Menschen zu bevormunden, sie einzuschüchtern oder sonstwie zu drangsalieren. Obendrein gewährleistet das Grundgesetz Rechte und Freiheiten, die so manche Religionen nichtmal gewähren.

Mit anderen Worten:

Nicht jene Gesetze und sonstigen Rechtsnormen oder Rechtsinstanzen, die vermeintlich von Göttern und / oder zur Befriedigung von Göttern, zur Befriedigung von Rachegelüsten oder dem Wunsch nach (zynischer) Strafe[1] und Ausgrenzung ohne Möglichkeit der Resozialisierung erlassen oder eingesetzt wurden, sollten Gültigkeit haben, sondern die Gesetze, die — unter Berücksichtigung der kulturellen und zivilisatorischen Entwicklung — von Menschen für Menschen gemacht sind. Nicht Sündenbockprojektionen oder das Verlangen nach (auch nur symbolischen) Opfern, sondern eine unabhängige Justiz, die weder die Interessen des Täters noch die des Opfers vertritt, eine Justiz, die das von Menschen für Menschen gemachte allgemeine und gleiche Recht unparteiisch vertritt.

Eckhardt Kiwitt, Freising

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[1] siehe beispielhaft Allahs unendliche Strafen; das Strafen ist im Koran mit Abstand Allahs Lieblingsbeschäftigung.




Wort zum Karfreitag am 19.4.2019


KreuzLk 23,26-49: Als sie Jesus hinausführten, ergriffen sie Simon, einen Mann aus Kyrene, der gerade vom Feld kam. Ihm luden sie das Kreuz auf, damit er es hinter Jesus hertrage. Es folgte ihm eine große Menge des Volkes, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Töchter Jerusalems, weint nicht über mich; weint vielmehr über euch und eure Kinder! Denn siehe, es kommen Tage, da wird man sagen: Selig die Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben.
Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns! und zu den Hügeln: Deckt uns zu! Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden? Zusammen mit Jesus wurden auch zwei Verbrecher zur Hinrichtung geführt. Sie kamen an den Ort, der Schädelhöhe heißt; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den andern links. Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Um seine Kleider zu verteilen, warfen sie das Los. Das Volk stand dabei und schaute zu; auch die führenden Männer verlachten ihn und sagten: Andere hat er gerettet, nun soll er sich selbst retten, wenn er der Christus Gottes ist, der Erwählte.
Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann rette dich selbst! Über ihm war eine Aufschrift angebracht: Das ist der König der Juden. Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Christus? Dann rette dich selbst und auch uns! Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst! Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. Es war schon um die sechste Stunde, als eine Finsternis über das ganze Land hereinbrach – bis zur neunten Stunde.
Die Sonne verdunkelte sich. Der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei. Und Jesus rief mit lauter Stimme: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Mit diesen Worten hauchte er den Geist aus. Als der Hauptmann sah, was geschehen war, pries er Gott und sagte: Wirklich, dieser Mensch war ein Gerechter. Und alle, die zu diesem Schauspiel herbeigeströmt waren und sahen, was sich ereignet hatte, schlugen sich an die Brust und gingen weg. Alle seine Bekannten aber standen in einiger Entfernung, auch die Frauen, die ihm von Galiläa aus nachgefolgt waren und die dies mit ansahen.

Jedes Jahr stirbt der Jesus am Karfreitag für die Sünden der Christen. Und jedes Jahr steht er am Ostersonntag wieder auf. Was für die zweite Falte des dreifaltigen ewigen und allmächtigen Gottes der Christenlehre daran so großartig sein soll, erklärt die Christenlehre nicht, da ging's den am christlichen Scheiterhaufen Verbrannten weitaus schlimmer, zu Tode gekommen per Feuerfolter und danach ins ewige Höllenfeuer geschmissen, im Vergleich zum Jesus wären die weitaus höllischer dran!
Aber das es ja weder ein Auferstehung, noch eine Hölle gibt, bleibt nur der Vergleich: Kreuzestod oder Scheiterhaufen! Da war der Kreuzestod sicherlich ein besserer Tod…

Das nur nebenbei, was predigt heute der Schönborn? Er kann's nicht anders, er muss sich selber immer direkt ins Spiel bringen, er fragt für wen das Jesus-Gebet, "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" gegolten haben wird und beantwortet das dann samt Schönborn-Einbau: Er fragt zuerst, ob damit die Hinrichter oder die Jesusfeinde gemeint waren. dann fasste er zusammen: "Oder hat Jesus gar für alle Menschen gebetet, die Schlimmes, Unrechtes tun? Also auch für mich, der ich sicher nicht ohne Sünde bin? Weiß ich wirklich, was ich tue, wenn ich jemanden verletze und verleumde? Jesu Gebet für uns alle?"

Fast in jeder Schönbornpredigt dasselbe: er würdigt sich zum Sünder herab und dann kommt der Jesus und liebt alle Menschen und speziell auch den Wiener Bischof Schönborn! Zu dumm, dass es keine Götter & keine Göttersöhne gibt und wenn der Schönborn stirbt, er bloß tot und damit nicht mehr existent sein wird, wie alle anderen Leute auch! Erfahren wird er's allerdings nie, weil Tote können nix mehr erfahren…

PS: Gerade im Briefkasten gefunden: "Unterwegs – Pfarrblatt Linz Herz-Jesu". Der Pfarrer dort ist ein Neokatechumenaler, der für die ständige Jesusbegegnung predigt. In seiner Pfarre begegnet er den Leute deutlich öfter beim Begräbnis als bei der Taufe, von Oktober 2018 bis März 2019 gab's 21 Begräbnisse und bloß sechs Taufen…

Aus http://www.atheisten-info.at/themen/sonntag.html




Homöopathie – Wunderglaube? Von Udo Endruscheit


laboratory-860478_1920Die Homöopathieanhänger finden nichts dabei, einer Methode das Wort zu reden, die sich in ihrem eigenen Alltag ständig selbst widerlegt. Eine erstaunliche Form von Glaubensfestigkeit.

Häufig weisen Kritiker darauf hin, dass Homöopathie als Methode vor allem deshalb schon a priori obsolet sei, weil ihre Grundlagen gegen naturgesetzliche Gegebenheiten, gegen wissenschaftlich erstklassig abgesicherte Erkenntnisse verstoßen, die sich täglich, stündlich, sekündlich in unser aller Alltag manifestieren – nur für die Homöopathie jedoch suspendiert sein sollen. Häufig kommt die Frage nach genauerer Erläuterung dieser Position. Wir wollen es im Folgenden versuchen.

Hat Tante Jutta mal wieder den Kaffee zu stark für Oma Hilde gekocht, holt man heißes Wasser und gibt es für die Oma zum Kaffee dazu. Oma ist gerettet!

Nimmt ein 90 kg-Mann eine Ibuprofen-Tablette mit 400 mg Wirkstoff, weil er unangenehme Kopfschmerzen hat, wird er keine Wirkung feststellen, weil die Wirkstoffmenge einfach nicht ausreicht. Also nimmt er sinnvollerweise noch eine.

Was sollen nun diese Trivia in unserem Zusammenhang, wird man fragen. Eben – Trivia! Offenbar sind einem solche Selbstverständlichkeiten gar nicht recht präsent, wenn man geneigt ist, den Lehren der Homöopathie ein offenes Ohr zu schenken. Denn: Nach der Lehre der Homöopathie entsteht beim Verdünnen und Verschütteln eines Ausgangsstoffes ein „Mehr“, das nicht exakt definiert ist, von Hahnemann als „geistige Arzneikraft“ benannt, von seinen heutigen Exegeten meist als „Energie“ oder „Information“, allerdings keineswegs in der wissenschaftlichen Bedeutung dieser Begriffe (eine bekannte pseudomedizinische Spezialität, die Differenz zwischen Sagen und Meinen). Aber ein „Mehr“ soll entstehen – und an „Stärke“ sogar noch mit jedem Verdünnungs- und Verschüttelungsschritt zunehmen – siehe Omas Kaffee. Zugleich soll eine Niederpotenz, die noch „viel“ vom (angeblichen) Wirkstoff enthalten kann, „zu schwach“ sein. Siehe unseren 90 kg-Mann.

Dies führt dazu, dass der klassische Homöopath eine tiefe Ehrfurcht vor homöopathischen Hochpotenzen hat, denen nach der Lehre eine gewaltige Kraft innewohnen müsste, geeignet, Kranke nachhaltig zu kurieren, aber gleichzeitig Gesunde mit eben den Symptomen zu versehen, die beim Kranken geheilt werden sollen. Dies zu widerlegen, als blanken Unsinn zu entlarven, ist Sinn und Ziel der bekannten 10^23-Aktionen der Homöopathiekritiker (nach der Verdünnung in der 23. Zehnerpotenz fällt der Wahrscheinlichkeitswert für die Anwesenheit eines Moleküls der Ursubstanz statistisch unter Null). Homöopathen bezeichnen diese „Selbstversuche“ als blanken Unsinn, begründet mit unterschiedlichen homöopathischen Spitzfindigkeiten, es bleibt jedoch der Umstand, dass diese Mittel erhebliche Wirkungen auf die Probanden haben müssten.

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Aber zurück zu den Grundlagen.

Weniger wird zu irgendeinem „Mehr“ – dieses faktisch Wenige soll wiederum „stärker“ beim Kranken wirken als um etliche Zehner- oder gar Hunderterpotenzen geringer verdünnte Vorstufen des Mittels? Offensichtlich unvereinbar mit dem Fall unseres Kopfschmerzpatienten und dem von Oma Hildes Kaffeetasse. Fragen wir doch mal ganz naiv nach bei den Homöopathen, was sie dazu zu sagen haben.

Nun, dann wird – wenn überhaupt – in aller Regel damit geantwortet, dass all dies ja „nur für die Homöopathie“ gelte. Nun möge man einmal erklären, bitte, wieso ausgerechnet für die Homöopathie andere Naturgesetze gelten sollen als am Kaffeetisch, in der Spülmaschine, in industriell-chemischen Prozessen, bei der Einnahme von pharmazeutischen Arzneimitteln oder gar Toxinen? Das ist gelebte Irrationalität, das partielle Außerkraftsetzen der naturgesetzlichen Grundlagen unzähliger Alltagsvorgänge durch höhere Mächte. Gesetzlich geschützt und beglaubigt durch Paragraf 38 des deutschen Arzneimittelgesetzes, der den Wunderglauben in der Tat als solchen bekräftigt, indem er Homöopathika von wissenschaftlichen Beweisführungen zu ihrer Wirksamkeit suspendiert und sie gleichwohl als Arzneimittel in den Markt gelangen lässt.

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Und im Detail weitergeführt: Jedes Lösungsmittel zur Herstellung homöopathischer Mittel (Laborwasser, Reinzucker zum Verreiben, Laboralkohol) enthält Verunreinigungen mit allen möglichen Stoffen, die homöopathischen Potenzierungen zwischen D4 und D8 entsprechen. Nach dem amtlichen „Homöopathischen Arzneibuch“ darf der Verdunstungsrückstand an Feststoffen bei Laborwasser 1 mg auf 100 ml betragen, was D5 entspricht. Schlichtes Leitungswasser entspricht zB vom Gehalt an Arsen ziemlich exakt dem homöopathischen Mittel Arsenicum album in der Potenz D8, ohne dass dies physiologische Wirkungen auslöst – auch dauerhaft nicht.

Woher „weiß“ denn nun das Mittel, das der Homöopath als Ausgangsstoff ausersehen hat, dass es, und NUR es, sich in den Verdünnungsschritten „weiterpotenzieren“, „stärker“ werden soll? Und das soll nun auch noch gegenüber den Stoffen gelten wie dem genannten Arsen, die sich in gewisser Menge bereits im Lösungsmittel befanden? Diese Anteile sollen nun, obwohl chemisch identisch mit den vom Homöopathien „eingebrachten“ Molekülen, nicht an der wundersamen Metamorphose des Arsens zu einer starken „geistigen Arzneikraft“ teilhaben? Wobei beim Alkohol als Lösungsmittel noch eine Rolle spielen müsste, ob er seine Herstellung der Destillation aus Kartoffeln, Rüben, Trauben, Mais oder Zuckerrohr verdankt, was jeweils andere Reststoffe hinterlässt? Beim Laboralkohol beträgt der zulässige Verdampfungsrückstand 2,5 mg auf 100 ml, dazu kommen noch die flüchtigen Fremdstoffe – das zusammen entspricht einer homöopathischen Potenz von noch unter D4, also einer ausgesprochenen homöopathischen Niederpotenz. Und damit will man abermillionenfach größere Verdünnungen herstellen?

Dies ist – unmöglich. Spätestens hier zerschellt der ständige Einwand der Homöopathen, „die Wissenschaft“ sei „noch nicht so weit“, Homöopathie zu verstehen. O nein! Die Wissenschaft weiß sehr gut und mit hinreichender Gewissheit, dass die Homöopathie nicht bewiesen werden wird. Denn entweder wäre sie im buchstäblichen Sinne ein Wunder, eine selektive Außerkraftsetzung naturgesetzlicher Gegebenheiten (ist sie nicht, weil sie schon an allen Beweisversuchen für eine Wirksamkeit gescheitert ist, es gibt also gar kein zu erklärendes Phänomen) oder unser biologisches, physikalisches, chemisches Wissen wäre in vielfacher Hinsicht krass falsch oder mindestens massiv unvollständig.

Letzteres würde dann aber nicht nur einfach eine Integration der Homöopathie in den Wissenschaftskanon bedeuten, so einfach ist das nicht. Es würde gleichzeitig erfordern, alle die Bereiche, die bislang als widersprüchlich ausgemacht wurden, in Biologie, Physik, Chemie durch andere, ebenso logisch konsistente neue Erklärungsmodelle zu ersetzen, die mit der Homöopathie und mit unseren Alltagserfahrungen gleichzeitig vereinbar wären. Ich erlaube mir an dieser Stelle nochmals das Statement, auch und gerade aus der Sicht von jemandem, der im Popperschen Sinne die Unmöglichkeit anerkennt, aus menschlicher Sicht zu vollständigen naturwissenschaftlichen Wahrheiten zu gelangen: Dies ist unmöglich.

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Von der Wissenschaftslogik noch einmal zu einige Die Homöopathen können nicht erklären, WAS denn nun dasjenige sein soll, was als „verstärktes“ Agens am Ende bei der homöopathischen Potenzierung (aka Verdünnung) herauskommen soll. Hahnemann bezeichnete dies als „geistige Arzneikraft“ und wollte dies durchaus immateriell verstanden wissen. Übrigens glaubte er den ultimativen Beweis für die Immaterialität seiner Arzneikraft gefunden zu haben, als er auch noch dem „Magnetstab“ homöopathische Heilkraft zusprach. Er war sehr beeindruckt von Franz Anton Mesmer, dem Suggestivheiler par excellence, dem die Psychosomatik-Forschung noch heute einiges verdankt. Hahnemann nun dachte den „Magnetismus“ Mesmers (der natürlich auch bei diesem keine Rolle bei seinen Heilerfolgen spielte) in seine homöopathischen Kategorien um und glaubte damit, gegen die schon damals zahlreich gegen ihn auftretenden „Atomisten“ (im heutigen Duktus der Verteidiger der Homöopathie sind das die „reduktionistischen Materialisten“) triumphieren zu können: 

Atomist! dich für weise in deiner Beschränktheit dünkender Atomist! sage an, welcher wägbare Magnettheil drang da in den Körper, um jene, oft ungeheuern Veränderungen in seinem Befinden zu veranstalten? Ist ein Centilliontel eines Grans (ein Gran-Bruch, welcher 600 Ziffern zum Nenner hat) nicht noch unendlich zu schwer für den ganz unwägbaren Theil, für die Art Geist, der aus dem Magnetstabe in diesen lebenden Körper einfloss? … (Hahnemann, Reine Arzneimittellehre, 2. Auflage, II. Teil, S. 212).

Dies nur zur Illustration der damaligen Gedankengänge, die durch unser heute weit differenzierteres Wissen obsolet geworden sind. Homöopathen ist Hahnemanns Gleichsetzung des „Geistes aus dem Magnetstabe“ mit der arzneilichen Wirkung konkreter Stoffe allerdings recht peinlich – man hört so gut wie nie davon in ihren Kreisen und in ihren Fortbildungen, es ist ja in der Tat ein Punkt, der Zweifel an der Arzneimittellehre Homöopathie wecken könnte. Steht ja auch weit hinten in Hahnemanns „Organon der Heilkunst“, so weit liest ja eh keiner, ganz zu schweigen von der „Reinen Arzneimittellehre“ … außer den Kritikern. Obwohl – es gibt ja heute auch Mittel auf der Grundlage von Mondschein, Erdstrahlung etc. pp. …

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Wir erwähnten eben schon die berühmte 23. Zehnerpotenz als Grenze für einen letzten Gehalt an Wirkstoffmolekülen. Dieser Wert bestimmt sich nach der Avogadro-Konstante, die die Teilchenzahl in einem Mol einer Substanz angibt (welche Masse ein Mol bei gleich definierter Teilchenzahl hat, bestimmt sich nach dem Atomgewicht der jeweiligen Substanz). Das ist eine Konstante von n = 6,022 x 10 hoch 23. Bei homöopathischer „Potenzierung“ in Zehnerschritten (D-Potenzen) fällt nach der 23. Verdünnungsstufe die Wahrscheinlichkeit der Anwesenheit eines Ursubstanz-Moleküls in der erreichten Lösung unter einen Wert von 1 (Avogadro-Grenze) und weiter asymptotisch gegen null. Dies sind statistisch zu verstehende Werte, eine faktische Freiheit von Restmolekülen der Ursubstanz kann in der Praxis aufgrund verschiedener Umstände bereits viel eher gegeben sein.

Es sei hier schon angemerkt, dass dies nicht mit der Grenze einer denkbaren pharmakologischen Wirksamkeit einer homöopathischen Potenz identisch ist; diese wird weit früher erreicht (wir kommen unten darauf zurück). Was die Homöopathen denn nun genau im Potenzierungsvorgang sehen, bleibt stets schwammig. Mal ist es doch etwas Materielles, mal Energie, mal Information, mal soll der Träger ein (vielfach widerlegtes) „Wassergedächtnis“ sein, mal müssen die „Erkenntnisse der Quantenphysik“ herhalten. Definiert oder gar nachvollziehbar erklärt wird – nichts.

Jedenfalls erwarten die Homöopathen ein Spezifikum aus ihrer Verdünnung und Verschüttelung, das eine Wirkung auf die Physis des Patienten hat.

Jedoch: Wo nichts ist, da kann nichts wirken. Und in Verdünnungen ab C12 / D24 ist nichts. Wer das bestreitet, schlägt sich auf die Seite des Wunderglaubens. Gerade die von der Homöopathie immer wieder bemühte Quantenphysik beweist, dass in der uns umgebenden Realität ohne energetische, das heißt materielle und somit prinzipiell messbare „Vermittlung“ keine Interaktion möglich ist. Ob Teilchen oder Welle, ob Verschränkung oder Superposition – ohne reale, mithin direkt oder indirekt messbare Vorgänge „läuft nichts“. Diese quantenphysikalischen Effekte sind völlig real, beobachtbar bzw. darstellbar, und sei es über ihre Auswirkungen. Wie sollten wir sonst etwas erfahren haben über die Phänomene der Quantenmechanik, ganz zu schweigen von ihren nicht mehr wegzudenkenden Nutzanwendungen? Für die behaupteten homöopathischen „Effekte“ gilt dies nicht. Irgendein Zusammenhang mit einem „noch nicht entdeckten homöopathischen Wirkprinzip“ sind Fantastereien und werden von Quantenphysikern „vom Fach“ klar zurückgewiesen.

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Ein „Herausreiben“ oder „Herausschütteln“ von „Energie“, auch noch einer anderen „Qualität“ und/oder „Stärke“, durch den bei der Homöopathie praktizierten „Potenzierungsprozess“ widerspricht den Gesetzen der Thermodynamik. Die wenige kinetische Energie, die der Lösung durch Verschüttelung zugeführt und in Wärme (Zunahme der Molekularbewegung) umgewandelt wird, reicht niemals aus, den energetischen Gesamtzustand der Lösung dauerhaft zu verändern. Die Lösung geht in kürzester Zeit wieder in einen energetischen Gleichgewichtszustand mit ihrer Umgebung über. Die Durchmischung mag den Entropiezustand der Lösung verändern, allerdings in Richtung höherer Entropie – und damit weniger und nicht mehr „Information“. Zur Verdeutlichung: Solange der Zucker am Tassenboden liegt, befindet sich das Gesamtsystem „Tee“ in einem Zustand hoher Ordnung („Information“) und niedriger Entropie, denn der Zucker ist in Ort, Menge und Verteilung gut lokalisierbar. Rühre ich um und bringe damit den Zucker in Lösung, ist die Information über Ort, Menge und Verteilung um Zehner-, wenn nicht Hunderterpotenzen uneindeutiger; damit wird ein Zustand hoher Entropie und niedriger Ordnung (geringerem Informationsgehalt) erreicht.

Wir konstatieren an dieser Stelle: Die Annahme der Homöopathie, es werde so ein mehr an „Information“ oder „Energie“ bei immer mehr Verdünnungsstufen – mittels schlichter Verschüttelung – erreicht, postuliert das genaue Gegenteil dieser naturwissenschaftlich bestens belegten Fakten und verstößt damit gegen Naturgesetze. Also bleibt die Frage unbeantwortet, was in aller Welt mit dem Prozess von Verschütteln und Verrühren immer geringer konzentriert werdender Lösungen erreicht werden soll? Im Grunde wird in der Homöopathie erwartet, dass die uns aus dem Alltag geläufigen Verdünnungsprozesse irgendwie physikalisch „andersrum“ ablaufen sollen – auch die Unmöglichkeit dessen folgt aus den thermodynamischen Gesetzen. Entropie nimmt immer nur zu, nicht ab.

Als Fazit können wir festhalten: Hochpotenzen werden nicht „hergestellt“, indem durch ein Verdünnungs- und Verschüttelungsritual eine „Energie“, „Information“ oder meinetwegen eine „geistige Arzneikraft“ in das Lösungsmittel hineinpraktiziert wird. Sie werden „hergestellt“, indem in einem zeitaufwendigen Prozess in kleinsten Schritten die Ursubstanz in den Ausguss geschüttet wird. Gut – ab der 24. Zehnerpotenz schließt sich für jeden nächsten Schritt noch die „Verdünnung“ von reinem Lösungsmittel mit reinem Lösungsmittel an.

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Betrachten wir zum Schluss noch die Niederpotenzen, die noch Reste der Ursubstanz beinhalten. Dass die Eignung durch Ähnlichkeitsprinzip und Arzneimittelprüfung „gefundener“ homöopathischer Mittel als Arzneimittel ohnehin in Frage steht, wollen wir dabei außer Acht lassen. Interessieren soll an dieser Stelle nur die Frage der Interaktion homöopathischer Mittel mit der menschlichen Physis (vor kurzem las ich gar, dass unterschiedliche Wirkungen von Tief-, Hoch- und Höchstpotenzen mit der „unterschiedlichen Metabolisierung“, also Verstoffwechselung, im Körper zusammenhängen sollen).

Die Wirkungsschwellen von Mitteln im menschlichen Körper sind ein komplexes Thema der pharmazeutischen Wissenschaft. Als belegt gilt der Satz des Paracelsus, wonach die Dosis das Gift macht. Das heißt aber auch, dass die Wirkung zugeführter Substanzen einer elementaren Dosis-Wirkungs-Beziehung unterliegt, die – auch durch ihre Rückführung auf das Massenwirkungsgesetz – axiomatische Gültigkeit im naturwissenschaftlichen Sinne beanspruchen kann. Das Potenzierungsprinzip spricht dem Hohn.

Was die quantitative Grenze der direkten Wirksamkeit von Stoffen angeht, so legt die Pharmazie in grober Näherung eine Menge von 1.000 Atomen bzw. Molekülen Wirkstoff je Körperzelle (!) fest. Man muss sich klar machen, dass das komplexe System „Mensch“ in seiner Homöostase, den in einem Regelkreis von relativ engen Grenzwerten ablaufenden Lebensfunktionen in einem energetischen Gesamtzustand, eines ziemlich großen energetischen „Anstoßes“ bedarf, damit zelluläre Vorgänge mit globaler Auswirkung angestoßen und in Gang kommen können. 1.000 Atome / Moleküle pro Körperzelle, in grober Näherung, abhängig vom Stoff, davon, ob Rezeptoren (Auslösen einer Wirkungskaskade) oder Acceptoren (Blockade von zellulären Funktionen) angesprochen werden oder ob eine unspezifische Wirkung angestrebt wird (zB Lähmung aller Umgebungsnervenenden bei lokaler Anästhesie).

Homöopathie kann uns nicht sagen, welche Art von Aufnahme im Körper sie überhaupt annimmt, weil sie sich mit der pharmazeutischen Physiologie schlicht nicht beschäftigt. (Homöopathen berufen sich manchmal auch auf andere Randphänomene wie z.B. die Wirkungsbereiche von Hormonen – die aber nur Botenstoffe, nicht selbst Wirkstoffe sind – oder die Geruchsempfindlichkeit für extreme Stoffverdünnungen, was aber von hochspezialisierten lokalen Rezeptoren erledigt wird und nicht den Zellstoffwechsel des Körpers verändert, gelegentlich auch die sogenannte Hormesis, die Arndt-Schulzsche Regel, mehr dazu hier.)

Da der menschliche Körper aus etwa 10^14 Zellen besteht, ergibt sich spätestens (!) ab einer Potenz von D8 bis – je nach Substanz – D10 die physikalisch-chemische Unmöglichkeit einer Wirkung. Tatsächlich muss man den Potenzgrad sogar noch niedriger ansetzen, in der Praxis wohl um D4 herum, aus zwei Gründen. Zum einen muss der Verlust durch die Aufnahme über den Verdauungstrakt und das metabolische System berücksichtigt werden, ein Faktor, der auch bei normalen pharmazeutischen Mitteln schon zu beachten ist. Zum anderen ergibt sich durch das Aufsprühen und Verdunsten der endgültigen Lösung in der gewünschten Potenz auf Zuckerkugeln (Globuli) bzw. das Einbringen in die für den Vertrieb bestimmte Lösung noch einmal eine Verringerung der Konzentration von etwa 1 : 100.

Es ist also eine schwere Irreführung, wenn die Homöopathen sagen, wir wüssten leider, leider nur „noch“ nicht, „wie“ Homöopathie wirkt. Wir wissen recht gut, warum sie nicht wirken kann. Ganz abgesehen davon, dass bislang niemand belastbar (evident) belegt hat, dass sie überhaupt wirkt.

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Bildnachweis: Phe Schlay auf Pixabay

 

Quelle: https://keineahnungvongarnix.de/?p=7185&fbclid=IwAR0CdxljhI895CwCBLYclE2BGQcXbizx40sxiSNFAV5qHCF9fV8WozYgfKc

 

 




BRD: Wenig österlicher Auferstehungsglaube


ColgateDie deutsche BILD-Zeitung veröffentlichte am 17.4.2019 die Ergebnisse einer Umfrage über den Glauben an die österliche jesusische Wiederauferstehung. (Bild: Impression vom Zahnpasta-Hügel).

Das Meinungsforschungsinstitut INSA fragte online 2013 Personen, das generelle Ergebnis: Die Teilnehmer wurden gefragt, was sie von der Aussage "Jesus Christus ist leibhaftig von den Toten auferstanden" halten. 18 Prozent stimmten zu, 42 Prozent lehnten ab. Der Rest antwortete entweder mit "weiß nicht" (28 Prozent) oder machte gar keine Angaben (11 Prozent).

Verteilt nach den Befragten: Konfessionslose lehnten zu 66 Prozent ab, Römisch-Katholische stimmen zu 28 Prozent zu, Protestanten zu 23 Prozent, Freikirchler zu 55 Prozent, Junge (18 bis 24Jährige) stimmten zu 12 % zu.

Kirchengeschichtlich kam die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Jesus-Auferstehung schon sehr früh auf, der Apostel Paulus, der eigentliche Schöpfer der Christenkirche, schrieb in seinem 1. Korintherbrief im Kapitel 15, 12-15: "Wenn aber verkündigt wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht? Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos."

Somit kann man aus den obigen Zahlen errechnen: 2017 hatte die katholische Kirche in der BRD 23.311.321 Mitglieder (neuere Zahlen gibt's noch nicht), wenn nur 28 % davon einen sinnvollen Glauben haben, also an die Auferstehung glauben, dann sind das bloß 6.527.170! Dass Nichtauferstehungsgläubige die Kirchensteuer zahlen, ist laut Paulus sinnlos! Bei den 21.535.858 Protestanten sind die mit dem sinnvollen Glauben auch nur 4.953.247! Also auf zum Kirchenaustritt! Schluss mit der sinnlosen Kirchensteuer!

Aus: http://www.atheisten-info.at/infos/info4559.html

 




Ruf zur Bekehrung Europas


notredameSo sah am 16.4.2019 eine Gabriele Kuby auf kath.net den Brand der Pariser Kirche Notre Dame.

Da hat offenbar Gott der HErr irgendwen unter den an der Renovierung der Kirche arbeitenden Leute zur Unvorsichtigkeit angestiftet, dadurch einen Brand verursacht und die Europäer sollen daraus lernen, dass gegen abgebrannte Kirchen die Bekehrung zum praktizierten katholischen Glauben hilft!

Gabriele Kuby schreibt u.a.: "Am ersten Tag der Passionswoche brennt Notre Dame in Paris. Hätte es ein Symbol geben können, das lauter schreit: 'Kehrt um!'? Das Herz des Christentums ist getroffen. Jeder spürt es, selbst wenn er kein Katholik, kein Glaubender ist. Wohin sollen wir gehen mit der Not der Welt, mit unserer eigenen Not, wenn wir keine Kirchen mehr haben, wenn das Christentum zugrunde gerichtet ist und nur noch am Rande oder im Untergrund überlebt?"

Unter weiter heißt es: "Die westliche Welt ist abgefallen vom Glauben. Immer mehr Kirchen werden geschlossen, immer mehr Kirchen fallen Vandalismus zum Opfer, besonders stark in Frankreich. Gott ist den Menschen gleichgültig geworden, schlimmer als das: Die Mächtigen tun alles, um die christliche Kultur zu zerstören, den Glauben auszuradieren aus den Herzen der Menschen und Christen ihrer Wirkungsmöglichkeiten zu berauben."

Und zum Wiederaufbau hilft: "Der eigentliche Aufbau geschieht durch Bekehrung, durch Rückkehr zum ganzen, gelebten Glauben. Jeder, in welcher Position er sich auch befinden mag, kann durch ein Leben im Wort Gottes zum Wiederaufbau von Notre Dame beitragen."

Na, da kann man gespannt sein! Kommt der Glaube wieder, weil eine Kirche brennt? Und übrigens: die Mächtigen zerstören die christliche Kultur nicht, weil gerade die Mächtigen den Säkularismus nicht richtig wahrnehmen, sondern die Wirkungskraft der Religion meist völlig überschätzen. Notre Dame ist ein Sightseeing-Element, aber der Eiffelturm ist diesbezüglich sicherlich deutlich wichtiger.

Teilentnommen aus http://www.atheisten-info.at/infos/info4557.html




Jugend und Religion


Jugen ReligionDas Institut für Jugendkulturforschung legte am 15.4.2019 in einer Presseaussendung die wesentlichen Punkte einer neuen Jugendstudie zum Thema Religion dar, Titel der Studie: "Jugend & Religion 2019: Was verbinden 10- bis 19-jährige mit Religion, Kirche und Ordensgemeinschaften?" Befragt wurden dazu dreihundert 10- bis 19-jährige Jugendliche in Österreich.

Aus dem Ergebnis:

45% der 10- bis 19-jährigen gehen beim Thema "Religion" emotional auf Distanz: 38% Prozent reagieren auf die Frage, woran sie denken, wenn sie "Religion" hören, mit "Dazu fällt mir gerade nichts ein", 7% sagen unumwunden: "Religion ist nichts für mich."
Ein Drittel der Jugendlichen (34%) hat dem eigenen Empfinden nach keine religiösweltanschauliche Heimat: In diese Gruppe fallen Jugendliche ohne Bekenntnis, eine wachsende Gruppe vor allem in den urbanen Zentren, aber auch "Taufschein-Christen", die sich von ihrer Religionsgemeinschaft distanzieren – frei nach dem Motto: "Ich bin zwar katholisch, aber glaube nicht an Gott. Welcher Religionsgemeinschaft ich angehöre? Keiner."
Was konkrete Vorstellungsbilder betrifft, zeigt sich, dass, ungestützt abgefragt, lediglich 22% "Glaube an Gott oder ein höheres Wesen" zuallererst mit Religion verbinden.
Mit Kirche verbinden die Jugendlichen allem voran religiöse Symbole und Rituale wie die Taufe oder die kirchliche Eheschließung (20%), Glaube (15%), Christentum (12%) oder auch Gemeinschaft der Gläubigen (9%).
Rund jeder Vierte (23%) nimmt, ungestützt abgefragt, eine explizit kritische Haltung ein: 12% sagen "Kirche, das ist nichts für mich", 7% kritisieren die Kirchensteuer als "Abzocke", weitere 3% kritisieren Doppelmoral, 1% fordert Reformen.
Der Bedeutungsverlust der Amtskirche ist in den Lebenswelten der Jugendlichen angekommen, ungestützt abgefragt sieht lediglich 1% der 10- bis 19-jährigen in der Kirche eine gesellschaftliche Einflussgröße. Als Orientierungspunkt für das persönliche Leben hat die Religionsgemeinschaft, in die man hineingeboren wurde, nicht notwendigerweise Relevanz, vieles in der Kirche ist inkompatibel mit der Lebensweise und den Werten junger Menschen.
"Die nachrückende Generation plädiert für individualisierte Religiosität und sie fordert Religionsfreiheit nach dem Prinzip ‚Jedem das Seine‘, wobei dies auch die Forderung nach einem ‚frei von Religion Sein‘ miteinbezieht".

Soweit die wesentlichen Auszüge aus der Presseaussendung.

Liest sich sehr erfreulich, überrascht aber nicht! Wenn man bedenkt, welche hinterwäldlerische Weltsicht die katholische Kirche hat, ergibt es sich ja praktisch naturnotwendig, dass für die jungen Leute die Kirche mit ihrer eigenen Lebensweise nicht kompatibel ist und nur ein Prozent der Kirche gesellschaftliche Einflussgröße zubilligt. Daraus könnten auch die Politiker im Lande lernen, die sich meist immer noch einbilden, die r.k. Kirche hätte noch Einfluss auf den Lebensalltag der Menschen!

Quelle: http://www.atheisten-info.at/infos/info4555.html

 




Hahnemanns Chinarindenversuch – Grundirrtum statt Grundlegung


chinarinde-malariamittel-chinin-heilpflanzen-f0emmeArtikel von Udo Endruscheit:

Wenn etwas in der ansonsten uneinheitlichen, in Unvereinbarkeit vereinten homöopathischen Szene als Gemeinsamkeit gilt, dann ist es die Gründung der Methode auf Hahnemanns Chinarindenversuch von 1790. Er begründete Hahnemanns Postulat des „simila similibus curantur“, „Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden“, das Ähnlichkeitsprinzip, als das „ewige, unumstößliche Gesetz der Natur“.

Chinarinde war eines der wenigen damals bekannten tatsächlich kurativ wirksamen „Gegenmittel“ – Hahnemann wusste selbstverständlich, dass die Wirkung des Mittels gegen „Wechselfieber“ (intermittierendes Fieber, malariatypisch) evident war. Sein Ansatz war, im Selbstversuch mehr über diese Wirkung zu erfahren, möglicherweise durch die Einnahme von Chinarinde eine „Gewöhnung“ an solches Fieber zu erzeugen. Dies ist durchaus ein Ansatz wissenschaftlicher Art, wenn auch die Versuchs“gruppe“ mit n=1 jede nur mögliche Unwägbarkeit, jeden denkbaren Wahrnehmungs- und Deutungsfehler in sich barg, was Hahnemann nicht bewusst war (und auch heute vielen, wenn nicht den meisten Menschen nicht intuitiv zugänglich ist). Aber – Hahnemann wusste durchaus, dass Chinarinde ein effektives Mittel gegen ein bestimmtes Krankheitsbild war und wollte dies näher erforschen.

Nach eigenem Bekunden nahm Hahnemann, angeregt durch das Studium von Cullen , im Selbstversuch „einige Tage täglich zweimal vier Quentchen pulverisierter guter Chinarinde“ ein (nach Kritzler-Kosch 1,0 bis 1,5 g Alkaloid, also eine ordentliche „allopathische“ Menge) ein und beobachtete anschließend an sich Symptome, die er mit seinen ärztlichen Erfahrungen bei einen Malariaausbruch in Siebenbürgen assoziierte: Primär „Ohrensausen, Blutandrang, Benommenheit, Ängstlichkeit, Durst, Steifheit der Gelenke, Abgeschlagenheit, kalte Hände und Zittern“, „Mein Körper wurde von Fiebern geschüttelt“. Hieran sah Hahnemann, sieht heute noch die homöopathische Gemeinde die „Geburtsstunde“, das „Heureka!“ des Belegs des Simileprinzips, von Hahnemanns „Naturgesetz“ und knüpft daran auch weitere scheinbar beweiskräftige Implikationen für andere „Säulen“ der homöopathischen Lehre (insbesondere der „verstimmten geistigen Lebenskraft“ und der Gültigkeit von Arzneimittelversuchen am Gesunden). Seit jeher weist die Kritik auf die Nichtreproduzierbarkeit und offensichtliche Subjektivität von Hahnemanns Selbstversuch hin, seit jeher wird versucht, dies wahlweise zu ignorieren oder Erklärungsversuche für die „Wirkungsumkehr“ der Chinarinde anzubieten. Die Homöopathiekritik sieht im Chinarindenversuch nicht die Grundlegung, sondern den Grundirrtum der Homöopathie.

Die erste experimentelle Widerlegung einer „Wirkungsumkehr“ von Chinarinde fand 1821 In Leipzig statt. Jörg führte mit neun Studenten der medizinischen Fakultät, die nicht mit der Homöopathie vertraut waren, einen regelrechten Blindversuch mit Chinarinde durch. Die Probanden wurden „durch Ehrenwort verpflichtet, genau zu beobachten und nur bei gesundem Körper und frischem Geist“ das Prüfmittel zu nehmen. Die Bedeutung der Sache wurde dadurch unterstrichen, dass betont wurde, dass durchaus Lebensgefahr bei den Versuchen gegeben sein könne… Für die damals bestmögliche Standardisierung des Mittels wurde durch Einkauf bei der „damals besten Apotheke Leipzigs“ gesorgt.

Im Ergebnis trat bei keinem der Probanden Fieber ein. Insgesamt wurden 1.143 Symptome (wir würden sagen: ganz überwiegend Befindlichkeiten trivialer Art, dies ist aber heute noch so bei den Arzneimittelprüfungen) der Probanden berichtet, die nicht mit den Hahnemannschen Symptomen in Übereinstimmung gebracht werden konnten.

Keiner der seit damals recht zahlreich durchgeführten Reproduktionsversuche war erfolgreich. Die heutige Pharmakologie geht von anderen Erklärungsmodellen von Hahnemanns Symptomatik aus, bei denen die hohe Subjektivität (heute würde man sagen: der confirmation bias, der durch einen Selbstversuch stark angefacht wurde) zu berücksichtigen ist. Dessen ungeachtet wird der Chinarindenversuch bis heute als gültig angesehen und verteidigt (Behnke 2017 ), etliche frühere Autoren weisen auf die Möglichkeit einer Temperaturerhöhung durch Chinineinnahme hin, allerdings nur als bedingte Reaktion bei bereits bestehender latenter Malariaerkrankung ).

Der oben gegebene Hinweis auf die klar allopathische (eben nicht homöopathische) Dosis, die Hahnemann verwendete, führt zu der Schlussfolgerung einer möglichen allergischen Reaktion (Lendle 1952 und andere), jedenfalls als einer individuellen Überempfindlichkeitsreaktion eventuell auch toxischer Art. Seltsamerweise gibt es Stimmen unter Homöopathen, die dies nicht als Widerlegung, sondern als Bestätigung von Hahnemanns Ableitung des Simileprinzips aus dem Chinarindenversuch ansehen. In der Tat gibt es bei einem sehr kleinen Teil der Bevölkerung eine spezifische Überempfindlichkeitsreaktion auf Chinin, den Chinoismus (Hopff 1991 ). Nur wäre das eine klar allopathische Reaktion, die mit einem Beweis des Simileprinzips nichts zu tun hat – im Gegenteil.

Pharmakologie des Chinins

Im Nachfolgenden soll gezeigt werden, wie die Grundirrtümer des Chinarindenversuchs und die daran von Hahnemann und seinen Exegeten geknüpften Folgerungen durch die fortschreitenden Erkenntnisse der Pharmakologie vollends als solche nachgewiesen wurden.

Von den 65 homöopathischen Mitteln, die in Hahnemanns erster Materia medica verzeichnet waren, gab es nur ein einziges Mittel, das als solches zur Heilung einer Krankheit tatsächlich geeignet war: die Chinarinde. Seine „Erfahrung“ damit setzte Hahnemann nun gleich mit zwar physiologisch wirkenden (symptomauslösenden) Mitteln wie Atropin und Belladonna, die aber nicht zur Heilung einer Krankheit geeignet sind. So geriet Hahnemann über den Trugschluss des „Naturgesetzes“ des Ähnlichkeitsprinzips zu den Symptomen statt zu den Krankheiten. Er begann, den bekannten physiologischen Effekten von z.B. Opium, Belladonna oder Atropin durch die scheinlogische Anwendung seines Simileprinzips eine kurative Wirkung auf alle Symptomatiken zuzuschreiben, die denen bei der Einnahme dieser Mittel ähnelten. Die Abkehr von einem kategorisierbaren Krankheitsbegriff (den er für den Rest seines Lebens ableugnete) war damit vollzogen. Homöopathie wurde zur Symptomentherapie, die sich um Ursprünge von Krankheiten nicht schert (was seltsamerweise umgekehrt ein häufiger Vorwurf von Homöopathen gegenüber der wissenschaftlichen Medizin ist). Eine Ironie, dass er zum Fehlschluss des Ähnlichkeitsprinzips ausgerechnet über einen Versuch mit einem der ganz wenigen Mittel kam, die zu seiner Zeit tatsächlich eine kurative Wirkung hatten!

Das Modell des Ähnlichkeitsprinzips auf der Basis von Symptomatiken ergänzte Hahnemann – aus seiner Sicht logisch – durch die Annahme der „verstimmten geistigen Lebenskraft“, die mit einer „Kunstkrankheit“, hervorgerufen durch die nach dem Simileprinzip bestimmbaren Mittel, zu kurieren sei. Es soll nun gezeigt werden, dass die Verwendung von Chinin in diesem Sinne geradezu eine Widerlegung dieses Prinzips der „geistigen Lebenskraft“ ist, ganz abgesehen von dessen Widerlegung durch die Begründung der organischen Chemie (Bausteinerkennung und quantitative Analyse organischer Verbindungen durch Lavoisier und Gay-Lussac, 1828 Synthetisierung des Harnstoffs durch Wöhler – die uralte, von Berzelius noch ausformulierte These, dass organische Verbindungen nur durch eine besondere Lebenskraft – Hahnemann! – entstehen können, war damit hinfällig).

1820, also schon zu Hahnemanns Lebzeiten, isolierten Pellentier und Caventou das Chinin, das gegen Malaria wirksame Alkaloid, aus der Chinarinde. Als im späteren 19. Jahrhunderts die Ätiologie (Lehre von der Krankheitsentstehung) auf der Grundlage krankheitserregender Keime ihre Blüte erlebte (Semmelweis, Pasteur, Koch, Ehrlich), wurde nachgewiesen, dass Malaria durch einzellige parasitäre Keime (Plasmodien) erst in infiziertem Gewebe, dann im Blut des Wirts ausgelöst wird (Laveran 1880 ). Parasitäre Infektion statt „verstimmter geistiger Lebenskraft“! Später gelang dann auch der Nachweis des genauen Wirkmechanismus. In ausreichender (toxischer) Dosis wirkt Chinin als Zell- und Plasmagift. In der Zelle hemmt es enzymatische Prozesse, was die Zellatmung vermindert. Dies hat systemisch eine Temperatursenkung beim – makroskopischen – System Mensch zur Folge, beim – mikroskopischen – Plasmodium, dem Malariaerreger, allerdings, entsprechend dem Prinzip der Dosis-Wirkungs-Beziehung eine letale Stoffwechselblockade, also das  Absterben der parasitären Erreger (Hopff 1991 aaO).

Nicht nur, dass damit das Konzept „geistiger Lebenskraft“, ihres Pendants, der „geistigen Arzneikraft“ und die darauf aufbauende Hypothese der „verdrängenden Kunstkrankheit“ obsolet ist, es ergibt sich hieraus auch die Möglichkeit einer Deutung von Hahnemanns „Fieberphänomen“. Es mag bei der Einnahme der nicht geringen Dosis Chinarinde eben eine solche systemische Temperatursenkung mit der Folge von Schüttelfrost und Zittern eingetreten sein, dies ist ohne Temperaturmessung (die es zu Hahnemanns Zeiten noch nicht gab), allein als empfundenes Symptom, durchaus als das wahrnehmbar, was Hahnemann als „kalte Hände und Zittern“ beschrieb . Was aber nur durch die hohe allopathische Dosis, nach Hopff (1991) eindeutig eine Überdosis, erreichbar gewesen sein dürfte.

Eine glatte Widerlegung des auf der Grundlage des Chinarindenversuchs fälschlich geschlussfolgerten Ähnlichkeitsprinzips, wird man feststellen müssen. Wie sollte die über einen biochemischen Vorgang spezifisch wirkende Chinarinde eine „geistige Lebenskraft“ im Sinne einer Kunstkrankheit verstimmen können, die zudem der Malaria entspräche? Dies ist unmöglich. Und darauf baute Hahnemann sein gesamtes Gedankengebäude auf – was für ein Irrtum. Dem man ihm nicht vorwerfen mag, wohl aber seinen Exegeten, die bis zum heutigen Tag hieran festhalten. Bis auf – neuerdings – einige wenige „Abtrünnige“, denen die Sache möglicherweise zu heiß zu werden beginnt, die aber mit einer sozusagen ersatzlosen Streichung dem Gedankengebäude Homöopathie auch keine größere Glaubwürdigkeit verschaffen dürften.

 

Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie die Entwicklungen in Naturwissenchaft und Medizin die Homöopathie in ihren Kernelementen schon recht früh widerlegten (eine viel wichtigere Widerlegung der „verstimmten Lebenskraft“ liegt in der Zellularpathologe Rudolf Virchows, die sich wenige Jahre nach Hahnemanns Tod etabliert, in ihr wird man den Beginn der modernen Medizin sehen dürfen). Wer dies nicht als Fakten anerkennen will, der begibt sich auf das Gebiet des Wunderglaubens. Zumal als Angehöriger eines Heilberufes, wo angesichts derart klarer Fakten ein Festhalten an der Irrlehre Homöopathie gegenüber dem Patienten nach Ansicht des Autors ein gewaltiges ethisches Problem aufwirft. Auch dann, wenn Homöopathika als „Placebo“ eingesetzt werden – die Begründung dazu sei einem Folgeartikel vorbehalten.

 

 

1. Cullen, W, A Treatise of the Materia Medica, übersetzt von S. Hahnemann, 1790

2. Kritzler-Kosch, H, Christian Friedrich Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie – Dtsch. Homöop. Monatsschrift 12, 431 (1952)

3. Nach Lochner, GF, Die Homöopathie in ihrer Nichtigkeit dargestellt. Eine Entgegnung auf das Sendschreiben des Dr. J.J. Reuter an Dr. E.Fr. Wahrhold. Zeh’sche Buchhandlung, Nürnberg (1835)

5. So nach Prokop/Prokop (1951) noch Donner (1948) unter Berufung auf Tommaselli (1888), Karamitcas (1879), Goodmann und Plehn  Plehn und Gudden (1905), Herrlich (1885)

6. Lendle, I, Medizin und Homöopathie. Dtsch. Med. Wochenschr. 10, 293 (1952)

7. Hopff WH, Homöopathie kritisch betrachtet, Thieme Stuttgart (1991)

8. Analyse chimique de quinquina, 1827, https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1510003w.image

9. Nature parasitaire des accidents de l’impaludisme. Description d’un nouveau parasite trouvé dans le sang des malades atteints de fièvre palustre. J. B. Baillière, Paris 1881

10. In Übereinstimmung mit der Deutung von Dellmour: „Mit dem Begriff „Fieber“ wurden in der damaligen Medizin Erregungszustände des gesamten Körpers bezeichnet, die mit Kältegefühl, Hitze, Pulserhöhung, Müdigkeit und einem vom individuellen Kranken, seinen Umständen und der Lokalisation der Störung abhängigen, spezifischen „Charakter“ einhergingen.“ http://www.dellmour.org/userfiles/files/seitenpdf/homoeopathie/Homoeopathie_2-0_1709.pdf

 




Problemfall Priesterkaste von Siegfried R. Krebs


probemfallpriesterkasteSonst kennt wissenbloggt den Kulturwissenschaftler & Journalisten Siegfried R. Krebs von Freigeist Weimar als Rezensenten. Diesmal steht er als Autor im Fokus. Der Referent und Publizist Heiner Jestrabek schreibt über Krebs' "Buch voll mit Buchbesprechungen" (3.8.): Da geht es um Religion versus Vernunft und die vielfältigen  Aspekte von Religions- und Kirchenkritik, zumal um die Auseinandersetzung mit  Religions-Schöpfern und -Nutznießern. Nicht beabsichtigt ist, gut-gläubige Menschen anzugreifen oder frucht- und sinnlose Debatten um theologische Spitzfindigkeiten zu führen. Das Buch ist laut Jestrabek

 

Ein gelungenes Kompendium als Kompass zur Orientierung

WEIMAR. (fgw) Die Edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum hat jetzt mit „Siegfried R. Krebs: Problemfall Priesterkaste“ ein ganz besonderes Buch herausgebracht und zwar ein Buch voll mit Buchbesprechungen (Rezensionen). Der gewählte Titel ist provokant, er soll auch provozieren. Denn worum geht es dem Verfasser der hierin versammelten Rezensionen?

Es geht ihm, kurz gesagt, um Religion versus Vernunft. Es gibt hierzulande ein nahezu unübersichtliches Spektrum an angebotenen Medien, das sich kritisch mit den Phänomenen Dogmenwahn, Klerikalismus, Fundamentalismus, Religions- und Kirchenkritik auseinandersetzt. Mancher mag da denken, wer soll dies alles denn noch lesen? Dabei überschwemmen in weit größerem Maße und unerträglich aufdringlich die kirchenfrommen, missionarischen, esoterischen und auch viele primitive Machwerke den Markt und vor allem die öffentliche Wahrnehmung. Nach wie vor stehen dagegen die meisten der sozialkritischen Bücher außerhalb der Mainstream-Wahrnehmung. Sie werden – bis auf wenige Ausnahmen – von den überwiegend in wenigen privaten und klerikalen Händen liegenden Massenmedien kaum beachtet und sind deshalb größtenteils noch zu wenig bekannt. Brauchen wir also deshalb nicht schon lang einen „Reader", der uns auf diese verborgenen Schätze aufmerksam macht? Einen Kompass religionskritischer „Books To Read Before You Die", damit wir mitreden können?

Siegfried R. Krebs, der diplomierter Kultur- und Theaterwissenschaftler ist, arbeitet als freier Journalist in Weimar. Von Hause aus Atheist, ist er seit 2008 in freigeistigen Organisationen engagiert tätig und seit Ende 2010 betreibt er das Internet-Portal www.freigeist-weimar.de. Hier sind die meisten seiner Rezensionen erschienen. Diese wurden und werden aber auch vielfach von anderen Webseiten übernommen. Die Zahl seiner bereits veröffentlichten Rezensionen ist beachtlich. Er hat für edition Spinoza deshalb eine Auswahl derjenigen Online-Rezensionen zusammengestellt, die kirchen- und religionskritische Bücher, aber auch Humanismus- und Evolutionsbezogene kritisch besprechen. Diese Auswahl aus den Jahren 2011 bis 2015 stellt eine „Blütenlese" im besten Sinn des Begriffs „Anthologie" dar.

Aufklärung bedarf umfassender Informationen. Die Rezension (lat. recensio „Musterung", recensere „wiederholt mustern, prüfen") ist eine eigene sekundärliterarische Gattung des klassischen Journalismus, meist im Rahmen eines Feuilletons. Sie erfüllt den Zweck, in literarisch anspruchsvoller Art künstlerische Produktionen – und im hier engeren Sinn Literatur – vorzustellen, sie zu erläutern, zu analysieren und zu werten. In Abgrenzung zu Verlagswerbung, „Klappentexten", aber auch zum literarischen Essay oder einer zu einer Monografie, soll die Rezension zwar knapp gehalten, aber dem Leser dennoch fachkundig und aussagekräftig Informationen bieten. Die Auseinandersetzung des Rezensenten mit Werk und Autor steht dabei an erster Stelle, sie darf aber nicht minder auch zum bewussten Kauf anregen.

Seit Beginn der europäischen Aufklärung war die Literaturkritik hierbei deren zentrales Element, wie wir in den Werken von Lessing, Diderot, Nicolai, Schubart, Börne oder Tschernyschewski sahen. Seither ist die Literatur-Produktion um ein Vielfaches größer geworden. Die zeitgenössische Aufklärung bedarf daher einer solchen Hilfe umso mehr.

Die Auswahl der Rezensionen von Siegfried R. Krebs zeigt sehr anschaulich, wie vielfältig die Aspekte von Religions- und Kirchenkritik, aber auch von Aufklärung sein können. Der Gegenstand der von ihm besprochenen Literatur hat viele Facetten: Popularphilosophie, Theologiekritik, Geschichtswissenschaft und Naturwissenschaft ebenso wie realistische historische und Kriminalromane sowie Werke der Sátire. Letztere brachte in der Geschichte der Literatur schon immer ihre populärsten Befreiungsschläge in antiklerikaler Form hervor. Was wiederum in gewisser Weise auch einen Bezug zum provozierenden Buchtitel herstellt.

Der Rezensent will in seinen Texten keinesfalls gut-gläubige Menschen angreifen. Er will sich auch nicht auf theologische Spitzfindigkeiten einlassen, also frucht- und sinnlose Debatten führen. Nein, ihm geht es um die Auseinandersetzung mit Schöpfern von Religionen, deren Trägern und vor allem den materiellen Nutznießern von organisierter Religion, den Priestern, Predigern, Gurus etc., also den Priesterkasten in Vergangenheit und vor allem Gegenwart.

Siegfried R. Krebs schreibt seine Rezensionen bewusst nicht für ein abgehobenes „Elfenbein-Bildungsbürgertum", er will stattdessen möglichst viele Menschen ansprechen. Auch Menschen, die sich aus finanziellen Gründen nicht immer die besprochenen Bücher kaufen können. Er schreibt populär, oft zuspitzend und die Dinge auf den Punkt bringend, aber stets wissenschaftlich und sachlich fundiert, zum Nach- und Weiterdenken anregend. Und im Gegensatz zu vielen anderen Rezensenten stellt er sich nicht selbst in den Mittelpunkt der Besprechung, sondern lässt die vorgestellten Werke für sich selbst sprechen. Den geneigten Leserinnen und Lesern sei daher dieses Kompendium als Kompass zur Orientierung im Dschungel der vielfältigen modernen Aufklärungsliteratur wärmstens anempfohlen.

Heiner Jestrabek

Siegfried R. Krebs: Problemfall Priesterkaste – Religions- und kirchenkritische Rezension 2011-2015. 224 S. kart. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2015. 15,00 Euro. ISBN 978-3-922589-59-4 (Direktbestellung: ed.spinoza@t-online.de )

Link zu Freigeist Weimar Ein gelungenes Kompendium als Kompass zur Orientierung




Altern, Sterben und Tod aus Sicht der Naturwissenschaften


AlternRezension von Siegfried R. Krebs: WEIMAR. (fgw) Vom Theologie-Studenten zum Naturwissenschaftler, diesen nicht ganz alltäglichenWeg ist Oliver Müller (geb. 1965) gegangen. Warum das so war und welche Erkenntnisse er durch diesen fundamentalen Wechsel gewonnen hat, das hat er in seinem Buch „Altern.Sterben.Tod“ aufgeschrieben.

Der inzwischen doppelt promovierte (Dr.rer.nat. und Dr.med.) Professor Müller fand in seinem ersten Studium der evangelischen Theologie, begonnen aufgrund der Indoktrination im schulischen Religions-und Konfirmandenunterricht, nicht die Antworten auf die für ihn besonders wichtige Frage: „Ist das Leben vor dem Tod vielleicht nur eine Art Vorbereitung auf die viel wichtigere Existenz nach dem Tod? (…) Doch je mehr ich mich in das Studium der christlichen Ideen vertiefte, desto mehr erkannte ich, daß man als religiöser Mensch viele teilweise widersprüchliche Prämissen im wahrsten Wortsinne glauben, also unbewiesen übernehmen muß." (S. 16) Also wandte er sich dem Studium der Physiologischen und Bio-Chemie sowie der Medizin zu. Dort habe er „die Moleküle, Zellen und Strukturen sowie die molekularen und zellularen Vorgänge kennen gelernt, die einen lebenden Körper ausmachen." (S. 16-17) Leider seien solche grundlegenden naturwissenschaftlichen Erkenntnisse aber noch nicht bei vielen Menschen angekommen. Daher habe er dieses Buch geschrieben.

Müller hat dieses Buch, man kann es mit Fug und Recht ein Kompendium nennen, in vier eigenständige Kapitel, die auch für den Laien verständlich geschrieben sind, gegliedert. Der Autor faßt darin die jeweiligen wissenschaftlichen Kenntnisse und Erkenntnisse sowie Definitionen zusammen. In Kapitel 1 geht es um Grundlegendes zum Thema Leben, insbesondere dem individuellen menschlichen Leben. Das zweite Kapitel befaßt sich mit organischen Altersprozessen sowie den Alterskrankheiten. Auf beide Kapitel soll hier aber nicht näher eingegangen werden.

Im dritten Kapitel werden schließlich u.a. detailliert die einzelnen Phasen des Sterbeprozesses beschrieben. Für den Inhalt mögen einige weitere Stichworte genügen: „Das Sterblichkeitsparadoxon", Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit und deren Auswirkungen, komplexe Angst vor Sterben und Tod oder Entwicklung der Lebenserwartung.

Jedes individuelle Leben, nicht nur das des Menschen, endet mit dem Tod, den der Autor als einen besonderen Zustand bezeichnet. Diesem Zustand widmet er das vierte Kapitel und beschreibt ihn darin anhand von acht Prinzipien.

In Zusammenhang damit geht Müller in Kapitel 4 neben der Wertung von Nahtod-Erfahrungen eingehend und objektiv argumentierend auch auf christlich-religiöse Dogmen, wie „Leben nach dem Tode", „Seele" und Seelenwanderung" ein. Wissen oder Glauben – was ist richtig?

Zu den vieldiskutierten Nahtoderfahrungen (im christlich geprägten Kulturkreis) schreibt Müller: „Vor allem die Inhalte der Nahtoderfahrungen werden als Einblicke in eine jenseitige oder überirdische Welt interpretiert oder auch als Eindrücke empfunden, die aus einer solchen Welt induziert und beeeinflußt werden. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um subjektive Auslegungen, die auf Wunschvorstellungen oder bereits im Vorfeld etablierten Weltanschauungen beruhen. Ein objektiver Blick auf Nahtoderfahrungen zeigt, daß die meisten Aspekte durch genaue Analyse der jeweiligen Nahtoderfahrung oder auch auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse erklärt werden können." (S.267)

Und obwohl manches an solchen Erfahrungen unerklärlich sei, argumentiert Müller – ganz wissenschaftlich, daß solche Erfahrungen „allerdings noch kein Beweis für eine generelle Weiterexistenz nach dem endgültigen Tode" seien (S.270). Wissenschaft ist eben im Unterschied zu Glauben nichts Statisches, sondern sie lebt davon, daß die Menschen immer wieder neue Erkenntnisse gewinnen bzw. vorhandene Erkenntnisse vertiefen. So würden aufgrund jetzigen Wissens Neurowissenschaftler und Psychologen solche Nahtoderfahrungen grundsätzlich mit anderen intensiv erlebten Träumen gleichsetzen.

Müller seinerseits folgert: „Die Individualität der Nahtoderfahrungen spricht gegen eine einzige jenseitige Welt für alle." Dazu führt er weiter aus: „Ein Ausweg aus dem Konflikt zwischen Individualität der Nahtoderfahrungen und einem Jenseits für alle wäre jeweils ein spezielles Jenseits für eine bestimmte Menschengruppe oder sogar für ein eigenes Jenseits für jeden einzelnen Menschen. Aber das würde zu weiteren Fragen und Ungereimtheiten führen, wie z.B. zu der Frage, ob und wie ein Weiterexistierender in seinem ganz eigenen Jenseits andere Weiterexistierende treffen kann." (S. 271)

In ähnlicher Weise nähert sich der Autor „der alten Menschenheitsfrage: Gibt es ein Leben nach dem Tod?" auf den Seiten 274 – 277 und leitet so zur sogenannten Seelenlehre über. An dieser Stelle bezieht Müller nicht nur das Christentum (nebst älterem Judentum und jüngerem Islam) in seine Betrachtungen ein, sondern kurz auch Hinduismus und Buddhismus. Das aber ist zugleich sein Manko, denn nichtreligiöse Weltanschauungen oder Moralphilosophien (Konfuzianismus) kommen bei ihm leider nicht vor. Da wirkt wohl auch bei ihm als gestandenem Wissenschaftler noch die frühkindliche Indoktrination durch Religionslehrer nach… Dennoch geht er etliche Seiten später auf die Seele aus Sicht der Wissenschaft ein. Die von Theologen behauptete Unsterblichkeit und Körperlosigkeit der Seele werfe, ja provoziere viele Fragen, führt er aus, so z.B. diese vier:

„Warum verläßt die Seele ausgerechnet zum Zeitpunkt des Lebensendes den Körper und existiert dann länger als der Körper, mit dem sie so lange Zeit verbunden war?

Warum ist ausgerechnet die menschliche Seele unsterblich?

Wo waren die Seelen vor der Entstehnung des Menschen?

Wohin gehen die Seelen, wenn es kein Leben mehr geben wird?" (S. 294)

Müller führt dazu u.a. aus: „Zu allererst widerspricht eine körperlose Weiterexistenz der Seele schon der einfachen Logik. (…) Das Gehirn ist nur eines von vielen Organen unseres Körpers. Warum sollte ausgerechnet eine einzige Funktion dieses Organs in Form der Seele unabhängig vom Organ und unabhängig vom restlichen Körper weitergehen?" (S. 295)

Schlußfolgernd schreibt er dann weiter: „Und solange Menschen über das Sterben und den Tod nachdenken, werden sie auch der Seelenlehre und ihren verschiedenen Varianten folgen, um an eine unsterbliche und körperunabhängige Seele glauben zu können. Denn diese Lehre strahlt einfach eine zu große Faszination aus, als daß der Glauben daran 'nur' durch objektive und wissenschaftliche Argumente gelöscht werden kann. Allerdings steht ein solcher Glaube aus heutiger Sicht außerhalb jeder logischen Argumentation und Wissenschaftlichkeit." (S. 298)

In seinen Schlußbemerkungen geht Müller nochmals auf die Grundfrage „Wissen oder Glauben?" ein und antwortet – mit einem Plädoyer für ein erfülltes diesseitiges Leben, daß für das individuelle Wohlbefinden angesichts der naturgegebenen eigenen Sterblichkeit sowohl wissenschaftliche als auch nicht-wissenschaftliche Herangehensweisen ihre Berechtigung bei der Beschäftigung mit dem Komplex Altern, Sterben und Tod hätten. Wichtiger sei es zudem, jedem Menschen ein würdevolles Sterben zu ermöglichen.

Siegfried R. Krebs

 

Oliver Müller: Altern. Sterben. Tod. Die Vergänglichkeit des Menschen aus naturwissenschaftlicher Sicht. 336 S.m.Abb. geb.m.Schutzumschl. Gütersloher Verlagshaus. Gütersloh 2019. 22,00 Euro. ISBN 978-3-579-01471-5

 
13.04.2019

Von: Siegfried R. Krebs




Holm Gero Hümmler: „Verschwörungsmythen“


HümmlerRezension von Gerfried Pongratz:

Verschwörungsglaube hat Konjunktur! Wikipedia listet ohne Anspruch auf Vollständigkeit für das 20. Jahrhundert sechzig und für das 21. Jahrhundert bereits zehn bedeutende Verschwörungstheorien auf: „Sie beinhalten bestätigte und widerlegte, aber auch noch unklare Theorien, die religiöse, politische, kulturelle oder alltagskulturell motivierte Verschwörungen behandeln“. Der Physiker Holm Gero Hümmler, engagiertes Mitglied der Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. (GWUP), beschreibt die dahinterliegenden Phänomene und lotet sie an sechs großen Beispielen aus.

 

„Wie wir mit verdrehten Fakten für dumm verkauft werden“ lautet der Untertitel des Buches. Es richtet sich in erster Linie nicht an eingefleischte Verschwörungsgläubige, oder an gut informierte Verschwörungsskeptiker, sondern an Menschen, die mit Beschwörungsbehauptungen konfrontiert sind und ernsthafte Überprüfungen, ehrliche Antworten und Anstöße für eigene Überlegungen und Recherchen suchen. Dabei bietet es vor allem Hilfestellung im Bereich naturwissenschaftlich-technischer Argumentationen.

 

„Wer für seine Sachbehauptungen überprüfbare Belege anführt, verdient, damit ernst genommen zu werden. Auch wenn diese Belege leicht widerlegbar erscheinen, muss man sie dennoch zuerst einmal widerlegen“. Die Argumente, die für Verschwörungsbehauptungen vorgebracht werden, sind oft technischer oder naturwissenschaftlicher Art (z.B.: das World Trade Center hätte nicht allein durch Feuer einstürzen können, die Flagge auf dem Mond hätte sich ohne Atmosphäre nicht bewegen können, Kondensstreifen müßten sich weit schneller auflösen, als man es bisweilen beobachtet); vorgebliche Sachargumente wirken überzeugender als politische Begründungen, sind aber nachprüf- und widerlegbar (wobei Fragen offen bleiben können, die Verschwörungsbehauptungen wiederum befeuern). Unter „Verschwörung“ versteht man in der Regel eine geheime Verabredung mehrerer Personen zu Machenschaften, die andere als schädlich ansehen. Neben den eigentlichen Verschwörungstheorien gehören dazu auch sogenannte „False-Flag-Operationen“, bei denen Tatbeteiligte nicht nur freiwillig agieren, sondern auch als Befehlsempfänger miteinbezogen sind (z.B. der Überfall auf den Sender Gleiwitz, der als Vorwand zum Kriegsbeginn gegen Polen diente). Vor allem antisemitische Thesen werden oft mit dem Verweis auf angebliche False-Flag-Operationen begründet (z.B. auch, dass Hitler selbst ein Werkzeug geheimer jüdischer Weltverschwörung gewesen sei.

 

In einem Gastbeitrag des Psychologen Sebastian Bartoschek wird die Frage „Warum wollen wir an Verschwörungen glauben?“ erörtert (S. 18ff):

Jeder psychisch gesunde Mensch glaubt an Verschwörungstheorien, manche Menschen sind dazu jedoch anfälliger als andere. Die Erklärung liegt in allgemeinpsychologischen (evolutionär bedingten) Effekten, die jeden Menschen betreffen und in individualpsychologischen Größen. Das Gehirn ist – evolutionär sehr wichtig – darauf spezialisiert, Zusammenhänge, Muster und Strukturen zu entdecken; die evolutionär erfolgreichere Strategie ist, mehr Muster zu erkennen und mehr Gefahren zu erwarten als tatsächlich vorhanden sind. Diese überbordende Mustererkennung begünstigte zum einen das Entstehen von Religionen, die über beobachtbare Wirkzusammenhänge komplexere Erklärungsmuster stülpen und zum anderen auch die Entstehung von Verschwörungstheorien – individualpsychologisch zeigt sich, dass viele hochreligiöse Menschen besonders stark auch an Verschwörungstheorien glauben. Religionen und Verschwörungstheorien eint die Vereinfachung von Ursache und Wirkung, die Entrückung der eigentlich Handelnden auf eine höhere Ebene mit Regeln und Anleitungen, was zu tun ist, um Sicherheit zu erlangen. Verschwörungstheorien unterscheidet von Religionen, dass sie fast nie positive Projektionsflächen bieten und wenig Spiritualität beinhalten; sie sind letztlich negativistischer als die Mehrzahl der Religionen, wobei aber nicht vergessen werden darf, dass es tatsächlich auch Verschwörungen gibt, gegen die man sich wappnen muss (z.B. Watergate, Iran-Contra-Affäre).

 

Zu den allgemeinpsychologischen Effekten, die begünstigen, dass ein Mensch beim Glauben an eine Idee, Ideologie, Meinung oder eben Verschwörungstheorie bleibt, gehört die „confirmation bias“ (Bestätigungstendenz, S. 20 ff.): Wir halten jene Informationen am ehesten für wahr, die unseren Überzeugungen entsprechen und finden bei entsprechender Suche – in neuerer Zeit vom Internet massiv unterstützt – immer mehr Bestätigungen für „unsere“ Theorien. Dazu kommt, dass Verschwörungstheorien dabei helfen, „Selbstwirksamkeit“ zu erlangen – eigenes Pech, Krankheiten und Leiden bekommen dadurch Begründung und Sinn. Auch bieten sie – wie Religionen – Anleitungen und Handreichungen zu Maßnahmen, die man zur Abwehr negativer Auswirkungen ergreifen soll; was den Glauben an sie wiederum verstärkt.

 

Zusätzliche Erklärungsansätze zur Neigung, an Verschwörungen zu glauben, beruhen darauf, dass Verschwörungsbehauptungen im erzählerischen Sinne meist bessere, interessantere Geschichten als nüchterne Sachverhalte bieten und dass der Trend zur Abkehr von Fakten weitgehend auch auf Emotionen beruht. Verschwörungsglaube kann in vielen Fällen auch als eine Form von Religion gesehen werden.

 

Nach diesen grundlegenden Einführungen widmet sich das Buch anhand aktuell bedeutender Verschwörungstheorien sehr ausführlich den dazu vorgebrachten Behauptungen: „Stimmen sie, oder stimmen sie nicht?“:

  • „Stahl schmilzt nicht bei Zimmerbränden – Der 11. September und die Wahrheit der Truther-Bewegung“.
  • „Apollo aus Hollywood – Die Mondlandung und die angeblichen Fehler bei der Inszenierung“.
  • „Die Erdbebenmaschine- Wie eine kleine Forschungsanlage in Alaska die Welt terrorisieren soll“.
  • „Tod aus der Luft – Was Chemtrail-Gläubige sehen, wenn sie in den Himmel schauen“.
  • „Hitlers Hightech – Von Flugscheiben und Oasen am Südpol“.
  • „Ist die Erde hohl oder flach – oder vielleicht beides?“

Holm Gero Hümmler stellt den jeweiligen Behauptungen und Argumenten der Verschwörungsgläubigen sachlich und ohne Häme die objektiven Sachverhalte – mit Fotos sowie Tipps für eigene Recherchen und Beobachtungen – entgegen.

 

Manche Argumente von Verschwörungsautoren sollten zum Nachdenken anregen; z.B. bei Ungereimtheiten in der offiziellen Darstellung von Ereignissen, oder bei Thesen, die auch zu Veröffentlichungen seriöser Wissenschaftler, bzw. von Behörden oder der Wirtschaft passen. Zweifel und gesundes Misstrauen gegenüber Mächtigen sind durchaus angebracht, man sollte sie zum Anlass nehmen, nachzuforschen, um sich Klarheit zu verschaffen. „Für die aktive Beteiligung in einer demokratischen Gesellschaft ist es unverzichtbar, sich ein qualifiziertes Bild von der Glaubwürdigkeit von Verschwörungsbehauptungen zu machen“ (S. 190).

 

Generell gilt: „Je mehr ein Ergebnis die eigenen Erwartungen sowie politischen und weltanschaulichen Einstellungen bestätigt, desto kritischer soll man damit umgehen!“ Zur Vorgangsweise bei der Konfrontation mit Verschwörungsmythen empfiehlt der Autor, „die richtigen Fragen“ zu stellen:

  • Was wird eigentlich behauptet (offizielle Sachverhalte, die bestritten werden, alternative Sachverhalte, die behauptet werden, emotionale Aufladung der Botschaft, Appelle für Handlungen, Belege gegen die offiziell anerkannten und für die eigenen Erklärungen der Sachverhalte)?
  • Welcher Art sind die vorgebrachten Belege (wie weit besitzen sie Interpretationsspielraum – idealerweise sollten sie keinen zulassen)?
  • Was kann ich selbst überprüfen (z.B. in bezug auf Fehlerquellen, auf Modellbildungen) und wie viele Mitwisser gibt es (mit statistischen Methoden konnte aufgezeigt werden, dass Verschwörungen mit mehr als 1.000 Mitwissern keine Chance haben, über längere Zeit unentdeckt zu bleiben)?
  • Wem kann ich glauben (im Hinblick auf Kompetenz, Objektivität und Nachvollziehbarkeit)?

 

„Verschwörungsmythen“ ist ein empfehlenswertes Buch für kritische – auch selbstkritische – Leserinnen und Leser mit einschlägigem Interesse! Es vermittelt breites Wissen und bietet interessante Denkanstöße, nicht zuletzt auch mit der Darstellung evolutionärer und psychologischer Bedingtheiten für intellektuelle Verführbarkeit und (Leicht)Gläubigkeit. Die Beschreibung und Widerlegung weit verbreiteter, konkreter Verschwörungsbehauptungen sind spannend zu lesen, können aber auch überflogen werden (was bei besonders abstrusen Hirngespinsten, z.B. der „Flacherdler“, sogar empfehlenswert sein kann).

Holm Gero Hümmler: „Verschwörungsmythen“

© S. Hirzel Verlag, Stuttgart, 2019, ISBN 978-3-7776-2780-9, 223 Seiten

Gerfried Pongratz 4/2019




The Shape of Science von Jan Kurz


Jan KurzIn 2014 haben drei spanische Historiker einen Algorithmus entwickelt, der wissenschaftliche Journals visuell zu einander anhand diverser auswählbarer Kriterien in Relation setzt. Die Daten stammen dabei von Scimago Journal Rating. Heraus kommt dabei folgende Karte:

https://www.scimagojr.com/shapeofscience/

Der Algorithmus fand verschiedene Fachbereiche in der Wissenschaft, hier in verschiedenen Farben angezeigt. Grün sind die Geisteswissenschaften, blau Mathematik, Informatik & Physik, violett Chemie, gelb Biologie, pink Medizin und orange Psychologie. Interessant ist, dass die Übergange der Farbwolke die Interdisziplinarität der Disziplinen wiedergeben. Biologie überlappt zu großen Teilen mit Medizin und Chemie, ganz wie man es erwartet und auch mit Psychologie.

Die Humanities besitzen über den Managementzweig einen ziemlich weichen Übergang in die Entscheidungswissenschaft und Informatik, genauso in die Geowissenschaften über die Schnittstelle der Archäologie und Klimawissenschaften. Das ist vielleicht schon unerwarteter.

Die härteste Grenze findet man hier zwischen der Psychologie, genauer Entwicklungspsychologie und experimenteller Psychologie auf der einen und Gender Studies und Linguistik auf der anderen Seite. Verglichen mit der Interdisziplinarität der Naturwissenschaften ist die Abgrenzung hier recht deutlich.

Zuletzt kann man hier auch die "Zwei Kulturen" nach C. P. Snow leicht identifizieren. Literaturwissenschaften liegen der technischen Chemie diametral gegenüber. Wie auch die Journale "Zeitschrift für Kirchengeschichte" und "Propellants, Explosives & Pyrotechnics". Was der Algorithmus damit auch immer ausdrücken mochte.

Wer das interessant findet, dem empfehle ich zusätzlich mit den Optionen im Menü zu spielen. Dieses schöne Tool bietet einen Überfluss an grafischen Informationen. Würde gedruckt auch ein hübsches Poster abgeben.

Das Paper der Autoren:
http://www.elprofesionaldelainformacion.com/…/2…/mayo/07.pdf

 

 




„Relativer Qantenquark" von Holm Gero Hümmler. Rezension von Gerfried Pongratz


9783662538289Zuerst veröffentlich auf WB am 24. August 2017. Diese Rezension von Dr. Gerfried Pongratz handelt von einem Buch, das nicht nur viel Wissen vermittelt, sondern auch der Esoterikszene und diversen Scharlatanen gekonnt Paroli bietet.(Pongratz). Laut Verlag räumt es mit der Vorstellung auf, dass esoterische und alternativmedizinische Konzepte mit der Relativitätstheorie und Quantenphysik zu begründen wären. Es unterscheidet demnach zwischen Grenzgebieten der Physik und Quantenunsinn. Aber warum wird dann der Quantenbegriff , wie ihn Pongratz unten wiedergibt, mit der "Welt dieser kleinsten Teilchen" assoziiert? Laut wiki ist das nur ein Teil der eigentlichen Bedeutung des Begriffs (8/2017):

Relativer Qantenquark – Kann die moderne Physik die Esoterik belegen?

„Viele Fälle, in denen die Relativitätstheorie oder die Quantenphysik als Belege für Heilmethoden, seltsame Gerätschaften oder Psychotechniken zitiert werden, dienen vor allem dazu, nicht verstanden und nicht hinterfragt zu werden“. Der in der Skeptikerszene aktive, promovierte Kern- und Teilchenphysiker Holm Hümmler räumt mit der Vorstellung auf, dass esoterische und alternativmedizinische Konzepte mit der Relativitätstheorie und/oder Quantenphysik zu begründen wären. Auf populärwissenschaftlich hohem Niveau erläutert er – auch für Laien mit Vorwissen gut verständlich – die Grundlagen der Relativitätstheorie und Quantenmechanik, wie auch Fragen zur wissenschaftlichen Theorienbildung und Spitzenforschung in der modernen Physik. Je ein Kapitel ist „Missverständlichem und Fehlgeleitetem – Jenseits der Grenzen des Seriösen“ sowie „Missbräuchlichem und Unbrauchbarem“ gewidmet; so z.B. der These, dass aus der berühmten Einsteinschen Formel E=mc² gefolgert werden könne, dass Materie aus der Energie von Gedanken entstehen und daraus „alles ist vorstellbar“ resultieren könne. Quantenheilung und Vieles mehr, was aus Unwissenheit und/oder Geschäftemacherei rund um die Themen Relativitätstheorie und Quantenmechanik angeboten wird, kann unter „Quantenquark“ zusammengefasst werden (irrationale Glaubenssätze existieren nicht im leeren Raum. Hinter ihnen stehen Welterklärungsansätze, die ein gefährliches Eigenleben entwickeln können).

Was steckt hinter den Theorien der modernen Physik? Das Buch bietet, beginnend bei geschichtlichen Entwicklungen und mit zahlreichen Quellen belegt, klare Definitionen und Erläuterungen mit einer weitgespannten Fülle neuester Erkenntnisse, die unsere Zukunft wesentlich mitgestalten werden. Vom „Welle-Teilchen-Dualismus“ über den „Tunneleffekt“ hin zur „Verschränkung und Nichtlokalität“ führt der Weg (über das unglückliche Beispiel von „Schrödingers Katze“) hin zu neuen Überlegungen wie der Stringtheorie und zu wahrscheinlichen Entwicklungen in der Quantenbiologie und im Quantencomputing.

Aus der Fülle der behandelten Themen einige Beispiele:

Was sind Quanten und was versteht man unter Quantenmechanik?

Als Quanten – sie sind keine besonderen Teilchen und keine andere Form von Materie – werden die kleinsten Energiemengen oder Wellenpakete bezeichnet, aus denen eine elektromagnetische Welle, wie zum Beispiel Licht aufgebaut ist. Die Quantenmechanik beschreibt die Welt dieser kleinsten Teilchen; man kann ihre Eigenschaften wie den Ort nicht messen, ohne sie durch die Messung zu verändern (bestimmte Eigenschaften sind nur in Form von Wahrscheinlichkeiten festgelegt). Wenn man sie perfekt von der Außenwelt isoliert, zeigen beschleunigte Teilchen Eigenschaften von Wellen, umgekehrt haben Licht und andere Wellenphänomene Teilcheneigenschaften, die sich bei Betrachtung sehr kleiner Energien zeigen (im Experiment verschwinden solche Effekte, sobald der Kontakt zur Außenwelt, zum Beispiel durch eine Messung, wieder hergestellt ist). Ein ähnlicher Effekt ist die Überlagerung von einem zerfallenen und einem nicht zerfallenen Zustand, im klassischen Sinne ist der Zustand des Teilchens hierbei bis zur Messung nicht definiert. Zwei Teilchen, die aus demselben Prozess hervorgegangen sind, können, auch wenn sie voneinander entfernt sind, quantenmechanisch einen gemeinsamen („verschränkten“) Zustand bilden, bis sie mit der Außenwelt wechselwirken (Einstein sprach von „spukhafter Fernwirkung“). All dies, und noch mehr, beschreibt die Quantenmechanik; so z.B. auch die Chemie auf der Basis von Physik (als Beschreibung der Welt der kleinsten Teilchen und der Eigenschaften von Atomen).

Was sind Quantencomputer?

Quantencomputer nutzen Quanteneffekte, um mit beliebigen Zahlen anstatt nur mit Nullen und Einsen zu rechnen; so können sie bestimmte Rechenaufgaben möglicherweise sehr viel effizienter lösen als klassische Computer. Sie befinden sich zur Zeit noch in einer frühen Phase der Entwicklung und da der technische Aufwand bei der Herstellung und dem Betrieb, wie auch bei der Programmierung, noch große Probleme bereitet, ist schwer absehbar, welche Rolle sie in Zukunft spielen werden.

Was versteht man unter Quantenbiologie?

Die Quantenbiologie erforscht das mögliche Auftreten von Quanteneffekten in Lebewesen. Einige der dabei gefundenen Effekte sind vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie in lebenden Zellen, also in warmen, ungeordneten Umgebungen, ablaufen. Ihre Ausdehnung beschränkt sich aber in der Regel auf Größenordnungen zwischen einzelnen Teilchen und dem Durchmesser großer Moleküle. Effekte der Quantenmechanik, die sich nicht auch mit klassischer Physik erklären lassen, kommen in biologischen Systemen allenfalls innerhalb einzelner Moleküle vor. Elektromagnetische Wellen oder Wellenlängen, die man als „Elektrosmog“ bezeichnet, wirken auf biologisches Gewebe praktisch nur in Form einer Erwärmung und „Quantenheilung ist nicht mehr als eine Suggestionstechnik, die als Form der Geistheilung praktiziert wird. Mit Quanten- oder sonstiger Physik hat sie absolut nichts zu tun (S. 178).

Quantenquark selbst angerührt (S. 212-214):

  1. Erwähne verblüffende Tatsachen aus der Relativitätstheorie oder Quantenmechanik:
    Z.B.: „In der Relativitätstheorie sind Masse und Energie äquivalent (E=mc²) und nach der Quantenmechanik können Teilchen an unterschiedlichen Orten miteinander verschränkt sein.“
  2. Verallgemeinere diese Tatsachen zu einer falschen Aussage, die in einem übertragenen Sinne noch einen wahren Kern enthält:
    Z.B.: „Da Masse und Energie äquivalent sind, ist Materie folglich nichts weiter als reine Energie. Da auch entfernte Teilchen miteinander verschränkt sind, hängt auf der Welt alles mit allem zusammen.“
  3. Nimm die Verallgemeinerung wörtlich und definiere die Begriffe so um, wie du sie brauchst:
    Z.B.: „Materie ist reine Energie, und diese Energie mobilisieren wir bei der Meditation. Da alles mit allem zusammenhängt, funktioniert Quantenheilung (sogar auch via Telefon).“

Ein großer Vorzug des Buches ist, dass jedem Themenbereich eine Zusammenfassung „Zum Mitnehmen“ beigeordnet wurde, die knapp, klar und präzise die Kernaussagen enthält. Allein das Lesen dieser 26 Kurzbeschreibungen würde genügen, einen guten Überblick und viel Wissen zu gewinnen. Zusätzlich zu diesen Zusammenfassungen enthält das Buch in zahlreichen Einschüben sogenannte „Quarkstückchen“, die beschreiben, was oftmals an Unsinn, Esoterik und Geschäftemacherei zum jeweiligen Thema verkündet und verkauft wird. Auch werden einige mehr oder weniger esoterische „An- und Einsichten“ ursprünglich seriöser Wissenschaftler (Hans-Peter Dürr, Burkhard Heim, Markolf Niemz) sowie fragwürdige Theorien, wie z.B. die „schwache Quantentheorie“ (formuliert von Harald Walach), mit sich daraus ergebenden pseudowissenschaftlichen Behauptungen und Methoden (z.B. in sogenannten „Familienaufstellungen“), kritisch beleuchtet: Die schwache oder verallgemeinerte Quantentheorie hat mit Quanten nichts zu tun. Sie entnimmt der Quantenmechanik lediglich Begriffe und Formalismen, gibt ihnen dabei aber neue Definitionen. Experimentelle Belege, dass dabei eine sinnvolle Theorie herausgekommen ist, gibt es nicht (S. 166).

Uneingeschränkte Leseempfehlung für physikaffine Leserinnen und Leser, die nicht nur von moderner Physik mehr verstehen möchten, sondern auch Interesse daran finden, esoterische Glaubensvorstellungen sachlich fair, ohne Häme, widerlegt und Scharlatane entlarvt zu sehen.

 

Gerfried Pongratz

Holm Gero Hümmler: "Relativer Qantenquark – Kann die moderne Physik die Esoterik belegen?", Springer-Verlag, 2017, ISBN 978-3-662-53828-9, , 233 Seiten

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz




Kein Artikel


leere1_500Liebe Leser von Wissenbloggt.

Nach der missglückten Übergabe an den vorgesehenen Nachfolger vor über drei Monaten, habe ich versucht, jeden Tag einen Artikel zu veröffentlichen. Bis gestern ist das auch gelungen.

Meine Bitte geht an alle Leser und Interessenten, die gern zu humanistischen Fragestellungen etwas zu Papier bringen, mir ihre Artikel zur Veröffentlichung zu überlassen. Kontakt unter debatte@wissenbloggt.de.

Über Ihre Mithilfe, diese Site am Leben zu erhalten, freue ich mich.

Ihr Dr. Frank Berghaus




Keine Heimopferrente für pfarrliche Missbrauchsopfer


VfGVPresseaussendung vom 7.4.2019 von Jakob Purkarthofer, www.betroffen.at

Verfassungsgerichtshof will erst gar nicht prüfen. Ungleichbehandlung gegenüber Heimopfern bleibt aufrecht. Jetzt soll EGMR entscheiden.

Es bleibt dabei: der VfGH will den Antrag auf Heimopferrente eines Opfers sexueller Gewalt in einer Pfarre nicht prüfen. Somit wird Markus (Name geändert) weiterhin alleine für sein schwieriges Leben aufkommen müssen. Er war 1980 während des Firmunterrichts von Pfarrer Johannes S. in einer kleinen oststeirischen Gemeinde sexuell missbraucht worden. Aufgrund der schweren Traumatisierung wurde Markus erwerbsunfähig und bezieht nun eine sehr niedrige Rente. Später forderte der heute 52 jährige Akademiker eine lebenslange Opferrente nach dem Heimopferrentengesetz (HOG). Bestätigt wurden seine Folgeschäden bereits von der Klasnic-Kommission, die ihm 2012 eine einmalige "Gestenzahlung" von 15.000 EUR zuerkannte. Trotzdem wurde sein Antrag bei Gericht mit Bescheid vom 18. Jänner 2018 abgewiesen mit der Begründung, dass Pfarrer Johannes S. das Opfer ja in einer Pfarre und nicht in einem kirchlichen Kinder- oder Jugendheim vergewaltigt habe.

Schiefe Optik
Nun hat auch der VfGH bekannt gegeben, dass er den Fall nicht prüfen will, wegen "geringer Erfolgsaussicht". Und folgt damit der Bundesregierung, die bereits 2018 keinen Anspruch gelten lassen wollte. Aber ist sexuelle Gewalt weniger traumatisierend, wenn sie in einer Pfarre ausgeübt wird, als wenn selbiges in einem kirchlichen Heim passiert? Wieso erhalten dann Opfer von Misshandlungen in kirchlichen Kinder- oder Jugendheimen eine Rente, aber solche von Pfarren nicht? Seltsam ist die Rolle der VfGH-Vorsitzenden Bierlein. Sie ist Mitglied der Klasnic Kommission. Diese hat bereits im Vorfeld einen Anspruch von Markus negativ (gegenüber der SVA) beschieden. Und unter den Mitgliedern des VfGH Senats befindet sich auch Ex-Justizminister Wolfgang Brandstetter, akkurat jener Minister, unter dessen Amtszeit das HOG beschlossen wurde. "Eine klare Unvereinbarkeit für mich", erklärt Markus.

Nun Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte
Aufgeben will er trotzdem nicht, er plant – mit Unterstützung der Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt – den Gang zum europ. Gerichtshof für Menschenrechte. Ihm geht es nicht bloß um seinen Fall. "Mein Fall ist stellvertretend für die vielen tausenden Missbrauchsopfer, die vor dem österr. Gesetz keine Gerechtigkeit erfahren. Und es geht um das größte strukturelle Verbrechen der Nachkriegszeit, für das die "christliche" Volkspartei offensichtlich nur Ignoranz übrig hat", so Markus.

Die Vorgeschichte (Presseaussendung vom 27.9.2018)

Aus http://www.atheisten-info.at/infos/info4543.html




Mayday – Save Our Souls


IAFLDie persönliche Vorgeschichte:

Wie könnte man einen solchen Tag jemals vergessen? Wir befanden uns auf einem Flug von Leeds in Nordengland nach Nizza in Südfrankreich. Außer meinem Kopiloten und mir war nur ein einziger Passagier an Bord, der Rallye-Pilot A.S., der in Frankreich noch schnell vor dem Beginn der Rallye verschiedene Reifen testen sollte. In Flugfläche 200, also auf 20 000 Fuß Höhe, zogen wir ruhig unsere Bahn in pechschwarzer Nacht. Routine, keine besonderen Vorkommnisse. (Foto: Privatbesitz). Dass wir soeben die englische Küste in Richtung Kanal überquerten, wussten wir nur von unseren Instrumentenanzeigen, zu sehen war nichts. Kurz bevor die englische Bodenkontrolle uns an die französischen Kollegen übergeben würde geschah, was für jeden Piloten ein Albtraum erster Güte ist: Beide Triebwerke begannen unruhig zu arbeiten, der Treibstoffdruck ließ nach, die „engines“ verloren Leistung. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie endgültig ihren Dienst quittieren würden. Ich gab die nun erforderliche Mayday-Meldung nach London ab. Man darf wissen: in der Luftfahrt gibt es das seemännische SOS nicht. „Mayday“ ist eine Verballhornung des französischen „M’aidez“ – “Helft mir!”

Die Reaktion war professionell. „Next suitable airport“, der nächste geeignete Flughafen für die angepeilte Notlandung war London Gatwick, wenn wir es denn erreichen sollten. Mein Kopilot, ein noch unerfahrener junger Mann, war völlig verstört. Nicht etwa weil er Angst gehabt hätte, dazu war sein Vertrauen in mich als seinen Ausbilder zu groß. Nein, er fand die Anflugkarten von Gatwick, um die ich ihn gebeten hatte, nicht. Trotz des unvermeidlichen Stress musste ich feixen: er hatte unter „G“ gesucht, nicht aber unter „L“ wie London-Gatwick. Mein Lachen verging mir von einer Sekunde auf die andere, als mir der Fluglotse die Frage stellte, die mir auch heute noch, 30 Jahre nach den Geschehnissen, in der Erinnerung einen Schauer über den Rücken fahren lässt: „How many souls on board?“ Er musste schließlich seine Infos sammeln, bevor wir uns möglicherweise in einen Haufen rauchender Trümmer verwandelten. Nein, wirklich, er sagte nicht etwa: „how many persons“ oder „how many people“, er wollte die Anzahl der an Bord befindlichen „Seelen“ wissen. Wir schafften es mit Ach und Krach bis Gatwick, der gesamte Luftraum um uns herum wurde freigemacht, sehr zum Ärger der aus Übersee kommenden Piloten, die nun für fast eine Stunde in die Warteschleifen rund um Gatwick geschickt wurden. Meine Landung in Gatwick war wohl nicht ganz so butterweich wie man es als Pilot so gerne hätte. Jedenfalls wachte unser Passagier, der „selig“ geschlafen hatte, auf und sagte in seinem unnachahmlichen Fränkisch: „Was, sind wir schon in Nizza? Nein? Aber was machen wir denn in London?“ Er hatte nicht mitbekommen, dass soeben seine Seele davor bewahrt wurde, seinen Körper verlassen zu müssen.

Die Erschaffung der Seele

Die Frage nach dem Wesen der menschlichen Seele wurde Jahrtausende lang ausschließlich von Theologie und Philosophie beantwortet. Erst in neuerer Zeit haben sich die Naturwissenschaften als Antwortende eingereiht. Der normale Sterbliche weiß von seiner Seele in aller Regel nur das, was ihm von Kindesbeinen an von „Seelsorgern“ eingetrichtert wurde: irgendetwas Quasi-Göttliches, das in einem wohnt, und in dem sich alle gottgegebenen Regeln bündeln, die einen auf den rechten Pfad führen. Das „Seelenheil“ ist dabei so wichtig, dass der Gläubige gelegentlich mit einem „Seelenhirten“ Rücksprache halten muss (Beichte), damit sein „Seelenfrieden“ nicht durch Verunreinigung Schaden nimmt. Und wenn er einst gestorben ist, so wird man für ihn ein „Seelenamt“ abhalten und eine „Seelenmesse“ lesen, denn auch als Toter ist seine Seele schließlich noch vorhanden, zwar in einer anderen Welt, aber durch die Worte des Priesters durchaus noch erreichbar. Das erste Wesen mit schriftlich attestierter „Seele“ war laut Genesis Adam, dem Gott, nachdem er ihn aus einem Lehmklumpen geformt hatte, den Lebensodem einhauchte. Nach diesem schwerwiegenden Akt war Gott übrigens dermaßen erschöpft, dass er erst einmal einen Tag Pause einlegen musste – eine sehr menschlich naive Vorstellung von einem Allmächtigen, die vielen christlichen Kulturen allerdings einen Feiertag bescherte.

Der Dualismus Körper und einer von ihm unabhängigen Seele entspricht dabei durchaus nicht der urchristlichen monistischen Auffassung von der Einheit von Körper und Seele. Hatten nicht die Jünger den Auferstandenen als leiblich-seelische Einheit nach einigen Anfangsschwierigkeiten der Identifikation eindeutig erkannt? Sie nahmen ihn eben nicht als Geist oder Engel wahr, sondern als leibhaftigen Menschen, den sie anfassen konnten. Da lag es nahe, an eine leibliche Auferstehung zu glauben. Doch in den Gräbern verwesten weiterhin die Leichen, das leere Grab des Jesus aus Nazareth blieb die einzige Ausnahme. Das Aufkommen dualistischer Vorstellungen von Leib und Seele war eine zwingende Folge dieses nicht zu leugnenden Tatbestandes. Die folgenden Diskussionen bezogen sich deshalb eher darauf, wann denn nun eigentlich die Seele in den Menschen gelange. Gab es seit Beginn dieser Welt einen quasi unendlichen Vorrat an Seelen, von denen jeweils eine bei Bedarf einem Neugeborenen Wesen implantiert wurde? Und wird diese Seele nach dem Ableben ihres Trägers dem globalen Seelenpool wieder zugeführt? Das wäre keine schöne Vorstellung für die meisten gewesen, grenzte möglicherweise auch zu sehr an Vorstellungen von Seelenwanderung wie sie anderen Religionen eignet. Man entschied sich schließlich für die erheblich attraktivere Idee eines Jenseits voll mit Individuen. Das ließ sich erheblich besser an diejenigen verkaufen, die Angst vor einem endlosen Nichts nach dem Tode hatten. So wurde die Vorstellung genährt, dass man letztendlich alle seine bereits verstorbenen Verwandten im Jenseits in die Arme schließen werde und mit jedermann, einschließlich der Schwiegermutter, in perfekter, ewiger Eintracht dahinleben werde.

Auch Vorgang und Zeitpunkt, zu dem die Seele dem Körper beigegeben wird, wurden eindeutig festgelegt: Weder nahm Gott eine bereits geschaffene Seele aus dem großen Pool, noch wurde die Seele mit dem väterlichen Samen an die Nachkommen weitergegeben (das Ovulum war noch nicht entdeckt) – obwohl dies so elegant die Weitergabe der Erbsünde erklärt hätte. Nein, bei jedem Befruchtungsakt erschafft Gott eine ganz neue, spezifisch auf dieses entstehende Wesen abgestimmte Seele und gibt sie dem werdenden Zellhaufen bei. Da behaupte nun einer, Gott sei heutzutage nur noch überwachend und nicht mehr schöpferisch tätig. Dieser großen Mühe, der sich Gott für jedes Einzelwesen unterzieht, trägt vor allem die katholische Kirche bis auf den heutigen Tag Rechnung, wenn sie so vehement und manchmal auch militant gegen Masturbation, Abtreibung oder Verhütung ankämpft. Eine zunehmend geringer werdende Anzahl Menschen folgt ihr allerdings in dieser rigiden Interpretation. In die Welt gesetzt wurde die Idee einer beim Befruchtungsvorgang von Gott geschaffenen Seele (Kreatianismus, nicht mit dem Kreationismus zu verwechseln) von Laktanz, einem wohl 325 verstorbenen Kirchenlehrer. Sie hat sich gegen zahlreiche Anfeindungen in der römisch-katholischen Kirche vollständig durchgesetzt und bis auf den heutigen Tag praktisch unverändert erhalten.

Die vielen Seelen in unserer Brust – oder wo auch immer

Viel interessanter in der Historie blieb die Frage, an welcher Stelle sich die beigegebene Seele denn nun im Körper einnistet. Bis auf die Extremitäten und die Geschlechtsteile sind alle möglichen Orte im Körper in Erwägung gezogen worden. Die „Seele in meiner Brust“ reflektiert noch deutlich eine der althergebrachten Vorstellungen. Neue Impulse bekam die Debatte in der Neuzeit insbesondere durch René Descartes’ Naturphilosophie und Metaphysik. Nach Descartes (1596–1650) hat man streng zwischen einer ausgedehnten Materie (res extensa) und einer denkenden Seele (res cogitans) zu unterscheiden. Der Körper, zu dessen Bereich Descartes die irrationalen Lebensakte zählt, ist ein Teil der Materie und lässt sich vollständig im Rahmen der Mechanik erklären, während sich die denkende Seele als immaterielle Entität der empirischen Forschung entzieht.

Man war damals davon überzeugt, dass die Fähigkeit zu sprechen und intelligent zu handeln sich durch die Interaktion physischer Komponenten nach Naturgesetzen nicht erklären lasse, sondern vielmehr etwas Nichtphysisches voraussetze, das man berechtigterweise Seele nennen könne. Nach Descartes’ dualistischer Konzeption kann man die Seele nicht im Körper oder an irgendeinem Ort der materiellen Welt lokalisieren. Allerdings gebe es eine Kommunikation zwischen Seele und Körper, deren Ort auffindbar sei. Descartes vermutete, die Epiphyse (zu deutsch Zirbeldrüse) sei der zentrale Ort des Austauschs zwischen Seele und Körper. Diese Hypothese wurde allerdings durch die empirische Forschung bald widerlegt. Die Kritik an Descartes’ Epiphysentheorie führte jedoch zu zahlreichen neuen Hypothesen über den Ort des Seelenorgans. Heute gilt es auch bei den Anhängern des dualistischen Seelenkonzepts wie beispielsweise Richard Swinburne als mehr oder weniger unbestritten, dass die Seele mit Denken (res cogitans) und Bewusstsein ihren Ort im Gehirn habe. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht nicht ganz unwichtig, dass die in der lateinischen Bibel als „anima“ bezeichnete Seele in der Septuaginta noch mit „psyche“ wiedergegeben wird.

Das ist insofern von Bedeutung, als die moderne Naturwissenschaft eindeutig das Gehirn als Ort des Denkens und des Bewusstseins, also auch der Psyche, lokalisieren kann. Wenn aber die Gleichung “Seele gleich Bewusstsein” Gültigkeit haben soll, stellt sich eine völlig neue Frage: Wenn Denken offensichtlich an messbare Gehirnströme, chemo-elektrische Prozesse, gebunden ist, also materiell bedingt – wozu dann noch eine Seele? Die, weil immateriell, unnachweisbar eine andere, bisher unbekannte Energieform aufweisen müsste. Paraphysiker und Klerikale glauben fest daran: wie sollte es denn sonst möglich sein, mit Verstorbenen zu kommunizieren? Denken und Bewusstsein sind mit dem Tod unweigerlich zu Ende, weshalb es nach materialistischer (monistischer) Auffassung auch kein wie immer geartetes Weiterleben nach dem Tod geben kann. Mit der Materie stirbt auch das Bewusstsein. Die Kirche ist sich offensichtlich zum Zeitpunkt, als sie Descartes’ Definition von Seele als res cogitans übernahm, nicht klar darüber gewesen, welche Konsequenzen mit dieser Adaptation verbunden sind. Deshalb beharrt sie heute zwar auf dem dualistischen Prinzip, löst sich aber gleichzeitig von der Gleichung “Seele gleich Bewusstsein”.

Seele darf nicht sterben

Was beinhaltet denn nun eine von Denken und Bewusstsein befreite Seele? Letztlich bleiben nur die göttlichen Moral- und Ethikvorstellungen, oder besser: die vom Bodenpersonal verordneten Ideen. Für die von ihnen zusammengestellte Liste von Gut und Böse mussten sie allerdings gehörig sortieren, denn ganz so einfach ergibt sich das aus ihren Schriften nicht. Oder ist es zum Beispiel ein Zeichen höherer Moral, wenn ein Vater bereit ist, den eigenen Sohn zu ermorden, bis er buchstäblich in letzter Sekunde von Gott, der es ihm befahl, daran gehindert wird: „Lass mal bleiben, ich hab ja nur Spaß gemacht“? Oder wenn eine ganze Ortschaft wie Sodom und Gomorrha inklusive aller unschuldigen Kinder dem Erdboden gleichgemacht wird, nur weil einige wenige der „Sünde“ verfallen waren? Welche Moral kann man denn aus solchen Geschehnissen ableiten? Das ficht die Herren natürlich nicht an. Sie nennen ihre hausgemachte Moral weiterhin „gottgegeben“. Der zornige Miesepeter Jahwe wird einfach ausgeklammert.

Es lässt sich nun zeigen, dass unterschiedliche Kulturen im Laufe der Geschichte durchaus im Detail unterschiedliche Moralvorstellungen entwickelt haben. Doch eine erhebliche Anzahl wie zum Beispiel die Ächtung von Mord und Diebstahl teilen alle. Das legt die Vermutung nahe, dass hier evolutionäre Prozesse im Spiel sind, die in ihrem Grund mit religiösen Vorschriften nichts zu tun haben. Es ist für Kleriker völlig unvorstellbar, dass Ethik und Moral sich auch evolutionär entwickelt haben könnten. Ob solche Vorstellungen indirekte oder direkte Produkte der Evolution sind befindet sich in heftiger wissenschaftlicher Diskussion.

Es sei nicht verschwiegen, dass es durchaus „naturwissenschaftliche“ Ansätze zur Rettung der Seele und damit für ein Leben nach dem Tode gibt. Kirchen sind schließlich nicht zuletzt auch eine finanzielle Großmacht. Sie sind vor allem daran interessiert, dass der von ihnen verwendete Seelenbegriff nicht sang- und klanglos mit modernen Erkenntnissen untergeht. Sie würden ihr letztes Repressionsmittel verlieren. Der von ihnen postulierte „Sinn des Lebens“ hätte jede Gültigkeit verloren. Bleibt noch die Angst vor dem Tod, die durch die Einhaltung religiöser Normen genommen werden soll: „Wenn du brav bist, kommst du ins Paradies.“ Zu bedenken bleibt allerdings, dass die Möglichkeit eines wie auch immer gearteten Weiterlebens nach dem Tode theoretisch denkbar ist – und zwär völlig ohne Koppelung an religiöse Vorstellungen. Allerdings verkauft Kirche gerne den Glauben gleich im Doppelpack mit dem Jenseits, obwohl das rein logisch nicht haltbar zu sein scheint. Unabhängig von dieser Frage: Halten wir es doch einfach mit Epikurs’ vergnüglicher Botschaft:  „Genieße das Leben, Du hast nur eines! Angst vor dem Tod? Denke daran, solange Du bist, ist er nicht! Und wenn er ist, bist Du nicht mehr! Was also ängstigst Du Dich?“

Das kann und darf nicht heißen, dass diejenigen, die den starren Regeln der Religionen nicht folgen mögen, nun keinerlei ethische Normen zu einem vernünftig und verantwortungsbewusst geführten Leben benötigten. In einem lesenswerten Beitrag behandelt Prof. Bernulf Kanitscheider, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Giordano Bruno Stiftung und des Wissenschaftsrates der GWUP, die „Grundzüge einer naturalistischen Philosophie und Ethik“: „Eine naturalistische Ethik wird also sicher sparsam mit Restriktionen umgehen. Nur so viele Forderungen werden aufgestellt, dass das Wohlbefinden aller Individuen der Gemeinschaft garantiert ist. Ziel einer solchen Ethik ist, dass Menschen nicht aus Selbstzweck irgendwelche Prinzipien erfüllen müssen, sondern dass alle – soweit von den materialen Randbedingungen her möglich – ein aus ihrer eigenen Sicht gelungenes Leben führen können. So steht die naturalistische Ethik im Dienste der Idee eines glücklichen Lebens, dem Zentrum eines modernen säkularen Humanismus.“




Vatikan sieht Angriffe auf Religionsfreiheit


ReligionsfreiheitDas meldete am 4.4.2019 religion.ORF und berichtete über Aussagen des Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin vom 3.4.:
"Derzeit sind wir Zeuge einer kontinuierlichen Verschlechterung – wir könnten sogar sagen eines Angriffs – auf dieses unveräußerliche Recht in vielen Teilen der Welt". Oftmals blieben Verletzungen "dieses fundamentalen Rechts" ungestraft; es gebe auch wenig Aufmerksamkeit für dieses Thema in den Medien. Religionsfreiheit umfasse die Freiheit, ethische Prinzipien, "die sich aus religiösen Grundsätzen ergeben", privat wie öffentlich zu leben. "Dies ist eine große Herausforderung in einer globalisierten Welt, in der schwache Überzeugungen auch das allgemeine ethische Niveau senken." Dies könne auch damit enden, dass "im Namen eines falschen Toleranzkonzepts" jene verfolgt würden, die ihren Glauben verteidigten.

Danach wird vom ORF dazu das berüchtigte in den USA tätige Pew Reseach Center zitiert
Einen Anstieg bei Beschränkungen der Religionsfreiheit in aller Welt registrierte bereits im vergangenen Jahr eine Studie des US-Forschungsinstituts Pew Research Center, das ja bekannt ist für seine Zählungen mit hohen christlichen Ergebnissen.
Dass Pew speziell muslimisch geprägte Staaten mit mangelhafter Religionsfreiheit verzeichnet, ergibt sich wohl klar aus dem islamischen Selbstverständnis. Denn schließlich ist der Islam ja die einzig wahre Religion und das wird auch so praktiziert.

Der Herr Papst ist diesbezüglich anderer Meinung, er ist ständig bemüht, sich mit dem Islam zu vergeschwistern, wahrscheinlich betrübt es ihn, dass die katholische Allmacht heute dahingeschwunden ist, der Islam aber in seinen Kernstaaten noch so agieren kann, wie es in Europa die heilige katholische Kirche im Mittelalter getan hat.

Dabei  gibt es in der katholischen Kirche immer noch das Dogma von der alleinseligmachende r.k. Kirche, das spielt aber im katholischen  Alltag keine besondere Rolle mehr, obwohl der Beschluss von Kirchenversammlung zu Florenz (1438-1445) nie aufgehoben wurde: "Die heilige römische Kirche, durch das Wort unseres Herrn und Erlösers gegründet, glaubt fest, bekennt und verkündet, dass niemand außerhalb der katholischen Kirche – weder Heide noch Jude noch Ungläubiger oder ein von der Einheit Getrennter – des ewigen Lebens teilhaftig wird, vielmehr dem ewigen Feuer verfällt, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist, wenn er sich nicht vor dem Tod der Kirche anschließt."

Und etwas von diesem alten Geist hat offenbar auch der vom ORF zitierte Kardinalstaatssekretär Parolin, denn er definiert die Religionsfreiheit so: religiöse Grundsätzen, privat wie öffentlich zu leben. Das wichtigste Element der Religionsfreiheit ist und bleibt aber das Recht auf Freiheit von Religion! Und klarerweise auch das Grundrecht, antireligiöse Grundsätzen, privat wie öffentlich zu leben!

Aus http://www.atheisten-info.at/infos/info4537.html




Sexprobleme treiben Menschen in den Priesterberuf


PriesterSo war am 2. April 2019 in der Süddeutschen ein Interview mit dem Psychologen Joachim Reich getitelt, der selbst Priester war und heute Geistliche therapiert. Er weiß was der Zölibat den Leuten abverlangt.

Einige Zitate aus dem Interview:

Zum Umstand, dass es kirchlicherseits keine Hilfe oder Anleitung zu den Problemen im Zölibat gibt, sagt Reich: "Wenn einer ein Problem damit hat, wird das von der Kirche sofort individualisiert. Schließlich habe er sich für die Priesterweihe entschieden, nun solle er selber damit zurechtkommen, so die Haltung. Die Kirche übernimmt keine Verantwortung dafür, wie die Priester dieses Gelübde leben können."

Und auf die Frage "Was tun Kleriker, wenn sie merken, dass es nicht geht?", gibt es diese Antwort: "Es gibt solche, die ein Doppelleben führen, indem sie heimlich eine Beziehung haben. Andere haben Affären. Oder sie leben ihre sexuellen Bedürfnisse aus, indem sie zu Prostituierten gehen, im Urlaub ihrer Sexualität freien Lauf lassen, um danach für den Rest des Jahres enthaltsam zu sein. Andere masturbieren intensiv oder nutzen Pornografie im Internet sowie einschlägige Chats. Das alles führt zu großen Schuldgefühlen, weil es ja verboten ist."

Und wenn das alles so schwierig ist, warum werden dann Männer Priester? Die Antwort: "Die allermeisten haben den Vorsatz gefasst, das mit dem Zölibat schon irgendwie hinzukriegen. Sie kämpfen auch darum, doch sie merken nach ein paar Jahren, dass es gar nicht so einfach ist. Dann gibt es zwei Strategien. Die einen kämpfen weiter, halten an der Sexabstinenz fest, jahrelang, mit mehr oder weniger Erfolg, immer mehr frustriert. Andere kommen zum Schluss, sie müssten nun das Beste daraus machen, und nutzen die Möglichkeiten, die es gibt. Eben: Prostitution, Affären, Internetpornografie. Diese Gruppe kann das irgendwie mit ihrem Gewissen vereinbaren. Die erste Gruppe aber leidet sehr, weil es schwierig ist, wenn man einsehen muss, dass man hinter den eigenen moralischen und den kirchlichen Erwartungen zurückbleibt."

Das klingt nach dem, das auch der österreichische Pastoraltheologe Zulehner vor einigen Jahren publiziert hat, er hatte eine Priesterbefragung durchgeführt und fasste diesbezüglich zusammen: "67 Prozent stimmen in Bezug auf ihr persönliches eheloses Leben der Aussage zu: 'Ich habe einen eigenständigen Weg gefunden, den ich verantworten kann'."

Ein sexuallos lebender Priester braucht keinen eigenständigen Weg, den er verantworten kann, also sind die angeführten 67 % den im obigen Interview angeführten Verhaltensweisen zuzuordnen. Wobei natürlich auch die 67% der Zulehner-Befragten zu überdenken sind: wie viele von den anderen 33 % werden gelogen und geheuchelt haben?

Die nächste Interviewfrage lautete: "Wenn es so schwierig ist, diese Sexabstinenz zu leben, warum werden Männer Priester?" Die Antwort dazu: "Die allermeisten haben den Vorsatz gefasst, das mit dem Zölibat schon irgendwie hinzukriegen. Sie kämpfen auch darum, doch sie merken nach ein paar Jahren, dass es gar nicht so einfach ist. Dann gibt es zwei Strategien. Die einen kämpfen weiter, halten an der Sexabstinenz fest, jahrelang, mit mehr oder weniger Erfolg, immer mehr frustriert. Andere kommen zum Schluss, sie müssten nun das Beste daraus machen, und nutzen die Möglichkeiten, die es gibt. Eben: Prostitution, Affären, Internetpornografie. Diese Gruppe kann das irgendwie mit ihrem Gewissen vereinbaren. Die erste Gruppe aber leidet sehr, weil es schwierig ist, wenn man einsehen muss, dass man hinter den eigenen moralischen und den kirchlichen Erwartungen zurückbleibt."

Ein dazu passender Witz: Kommt ein Patient zu einem Facharzt und lässt sich durchuntersuchen. Der Arzt untersucht, testet und befragt dann den Patienten noch im Detail, unter anderem auch über das Geschlechtsleben, wie oft geht's noch? Die Antwort: ein- bis zweimal im Monat. Der Doktor: das gibt's doch nicht, man wäre ungefähr gleich alt, beim Doktor ginge das noch drei- bis viermal in der Woche! Der Patient: Sie sind Arzt in der Stadt, aber ich bin Pfarrer am Land…

Auch nach den katholischen Gehbräuchen des Missbrauchs wird gefragt, die Antwort auf die Frage, ab das etwas mit den Missbrauchsfällen in der Kirche zu tun hätte, lautet: "Indirekt schon. Wie in allen Gesellschaftsgruppen gibt es auch unter den Klerikern Kernpädophile. Aber das ist wahrscheinlich eine sehr kleine Gruppe. Dann gibt es eine Art von Gelegenheitspädophilie. Das sind Menschen, die als Priester sexuell unreif sind, weil sie keine Erfahrungen haben und möglicherweise das Thema auch in der Familie schon schwierig und tabuisiert war. Als Priester haben sie dann plötzlich eine Machtposition und sind beispielsweise umgeben von 15-jährigen Ministranten, die genauso auf der Suche nach ihrer Sexualität sind. Von dieser sexuellen Unreife kann sich der Priester animiert fühlen, weil diese Jugendlichen den Eindruck erwecken können, dass sie manipulierbar seien." Und auf die Frage, ob sich Männer mit Sexualproblemen das priesterliche Berufsfeld aussuchen, gibt der Psychologe und Ex-Priester eine zustimmende Antwort.

Das Interview gibt wieder einmal eine klare Antwort, ein Sexualverbot funktioniert nicht, bzw. nur bei Männern ohne Sexualtrieb. Darum wieder einmal das so wahre Jesuswort zur Freiheit von Sexualität, auf die Frage nach Ehelosigkeit steht in Matthäus 19, 11-12: "Dies Wort (Ehelosigkeit) fassen nicht alle, sondern die, denen es gegeben ist. Denn es gibt Verschnittene, die von Geburt an so sind; und es gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten worden sind; und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreiches willen. Wer es fassen kann, der fasse es!"

Ein problemloses Leben im Zölibat setzt Sexuallosigkeit, also Kastration, voraus! Was hier schon oft verkündet wurde und heute wieder einmal nicht nur mit der hier schon gewohnten Jesushilfe, sondern nun auch mit expriesterlicher Psychologenunterstützung wiederholt werden konnte!

Aus http://www.atheisten-info.at/infos/info4536.html

 




Martin Moder: „GENPOOL PARTY“


GenpoolRezension von Gerfried Pongratz:

Wer Martin Moder als Science-Slammer, Science Buster und Buchautor („Treffen sich zwei Moleküle im Labor“) kennt, weiß, was ihn erwartet: Seriöse Wissenschaft, locker leicht – nicht seicht! – dargeboten; gekonnt nach alter Medienweisheit: „Humor ist der beste aller Informationsträger“.

Mit Anekdoten zur Wissenschaftsgeschichte und mit neuen Erkenntnissen zu ausgewählten Kapiteln biologischer Forschung vermittelt das Buch populärwissenschaftlich fundiertes Wissen. Der Untertitel, „Wie die Wissenschaft uns stärker, schlauer und weniger unausstehlich macht“, gibt die Hauptrichtungen der Ausführungen vor: Ist es möglich – und wenn ja, mit welchen Methoden –, sich unter Zuhilfenahme von Genetik körperlich und geistig weiter zu entwickeln und das eigene Verhalten zu optimieren?

Das Thema „Stärker werden“ im Sinne von „Genoptimierung“ beschreibt einerseits Grundlegendes zum menschlichen Körper (30 Billionen Zellen in >200 Zelltypen) und dessen Genom und andererseits die derzeit vorhandenen Möglichkeiten, Letzteres positiv zu verändern. „Optimierung“ durch „Gendoping“ ist schwierig, aber – besonders an Embryonen – gut möglich; vor allem Defekte an einzelnen Genen können bereits erfolgreich behandelt werden, für die Zukunft ergeben sich noch sehr viele weitere (auch komplexere) positive Aspekte. Martin Moder erklärt dazu das CRISPR/Cas9–System und die sich daraus entwickelnden Chancen – aber auch Risiken und ethischen Probleme („Designer Babys“). Um Gene gezielt zu verändern, besteht die Methode aus zwei Komponenten: eine legt fest, an welcher Stelle die DNA verändert werden soll (gRNA), die andere (Cas9) führt an der betreffenden Stelle die gewünschte Veränderung (enzymatisch, als Genschere) durch. Die CRISPR/Cas9 Methode steht erst am Anfang ihrer möglichen Entwicklungen, weitere Schritte folgen laufend. So wird es z.B. auch einmal möglich sein, „Genom-Komplettsynthesen“ herzustellen, bzw. den Code des Lebens grundlegend umzuschreiben; derzeit klingt das noch utopisch, in Anfangsstadien ist es aber bereits mit einem Bakterium gelungen und zeigt bei Hefen Fortschritte.

Zum Thema „Klüger werden“ definiert das Buch Persönlichkeit und Intelligenz im Zusammenhang mit Genetik und beschreibt deren Vermessung mittels Korrelationen und IQ-Tests. Die „Anlage-Umwelt-Kontroverse“ fragt nach Einflüssen der Umwelt im Vergleich zu genetischen Dispositionen. Mit Zwillingsstudien (eineiige Zwillinge im Vergleich zu zweieiigen) gelang es, die genetische Veranlagung von Intelligenz unter weitgehender Ausschaltung von Umweltfaktoren mit folgendem Ergebnis zu erforschen: „Bei der Intelligenz ist eine Vererbbarkeit von 50 Prozent… ein Mittelwert. … Mit zunehmendem Alter wächst… auch der Einfluss unserer Gene auf die Intelligenz. Während die Vererbbarkeit bei Kindern nur etwa 20 Prozent beträgt, lassen sich die Intelligenzunterschiede zwischen Erwachsenen zu etwa 80 Prozent genetisch erklären“ (S. 82). Dass solche Erkenntnisse auch kontroversiell bewertet und die Methoden im Hinblick auf ihre jeweiligen Vor- und Nachteile hinterfragt werden, versteht sich von selbst, wobei das Thema Chancengleichheit je nach Herkunft und Lebensbedingungen der Menschen eine große Rolle spielt. Aus den daraus resultierenden Erkenntnissen ergibt sich: „Je fairer eine Gesellschaft ist, desto höhere Werte sind für die erbliche Komponente der Intelligenz zu erwarten“.

Neben den Vorteilen von Intelligenz u.a. bei der Partnerwahl („Macht Intelligenz sexy?“) beschreibt Martin Moder auch den „Flynn-Effekt“ (die weltweiten IQ-Werte stiegen seit 100 Jahren etwa 3 Punkte pro Jahrzehnt, stagnieren aber derzeit) sowie dessen Auslöser und erläutert dabei verschiedene Methoden zur Intelligenzsteigerung: z.B. durch „Smart Drugs“, wie Ritalin und Modafinil, durch „Hirnstimulation per Magnetstab“, durch „Transkranielle Gleichstromstimulation“ und durch „Rotlicht-Kopfbestrahlungen“.

„Die Biologie menschlichen Verhaltens“ bildet einen weiteren Abschnitt des Buches; sie beschäftigt sich mit dem Einfluss der Biologie auf Entscheidungsverhalten, Persönlichkeit, politische Haltung etc. Ein evolutionär entwickeltes „Verhaltens-Immunsystem“ schützte unsere Vorfahren vor Infektionen; die oftmals unbewusste Angst vor Infektionen und Parasiten kann heutige Menschen zu Überreaktionen, autoritärem Denken und zur Ablehnung Fremder bis zu Fremdenhass führen: „Dass sich unser Moralverständnis durch simple biologische Umstände beeinflussen lässt, ist nicht neu“(S. 124).

„Die Vermessung der Persönlichkeit“ geschieht mit dem „Big-Five-Persönlichkeitstest“, der den Charakter eines Menschen in fünf Bereiche unterteilt: „Extraversion“ (Geselligkeit), „Neurotizismus“ (Emotionale Labilität), „Offenheit“ (für Erfahrungen), „Verträglichkeit“ (Rücksichtnahme, Mitgefühl), „Gewissenhaftigkeit“ (Perfektionismus, Fleiß). Das Buch beschreibt die aus dieser Einteilung sich ergebenden Konsequenzen im Hinblick auf Individualität, Verhalten, Chancengleichheit etc. bis hin zu Wegen und Möglichkeiten, Verbesserungen des eigenen Verhaltens zu erzielen. Dabei wird auch der Einsatz von Drogen, speziell z.B. von Psilocybin (halluzinogener Wirkstoff in Pilzen) nicht ausgeklammert; die Erforschung von Drogenwirkungen im Hinblick auf das Bewusstsein, das „Ich“ und die Überwindung von (Todes)Angst führte zu wichtigen Erkenntnissen.

„Das Streben nach Glück“ wird vom Belohnungssystem im Gehirn ausgelöst; es motiviert zu Aktivitäten, steht aber auch Gefühlen der Zufriedenheit entgegen. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der positive Gefühle vermittelt, besonders in hoffnungsvollen Erwartungen. Das Glücksniveau von Menschen lässt sich ebenfalls durch Zwillingsstudien ermitteln; nach derzeitigen Erkenntnissen beruht Glücksempfinden zu etwa 50 Prozent auf genetischer Veranlagung, 40 Prozent resultieren aus täglich getroffenen Entscheidungen und 10 Prozent lassen sich durch allgemeine Lebensumstände erklären. Die größte Glücksquelle bildet der Umgang mit positiv gesinnten Mitmenschen – möglichst verbunden mit gemeinsamen Erlebnissen. Zu einem zufriedenen Leben gehört auch, diesem Sinn zu geben; Zufriedenheit fördert auch die Gesundheit, das Risiko für Schlaganfälle, Alzheimer etc. wird deutlich vermindert. Bewusstes Streben nach Glück wirkt kontraproduktiv; es führt zu Unzufriedenheit – zu einer „Hedonistischen Tretmühle“ -, die vielfältig negative Auswirkungen zeitigt.

Ein wichtiges Thema des Buches bilden Fragen des gedeihlichen Miteinanders. Studien zeigen, dass sich die Unterschiede im Empathieempfinden zwischen Menschen zu etwa 20 bis 70 Prozent genetisch erklären lassen; antisoziale Persönlichkeitsstörungen, wie etwa das völlige Fehlen von Empathie, betreffen etwa ein Prozent der Bevölkerung. Diese Störungen sind stark durch Genetik geprägt und beinhalten große Risiken. In diesem Zusammenhang beschreibt der Autor auch Gefahren, die von genveränderten Mikroorganismen („Biowaffen“) ausgehen und die gesamte Menschheit bedrohen. Manche Forscher stellen dazu die Idee einer ethischen Optimierung des Menschen – genetisch oder medikamentös – in den Raum, einige Präparate wie Prozac (Serotoninspiegelerhöhung im Gehirn) bieten positive Ansätze. Insgesamt meint der Autor allerdings, dass diese Vorhaben nicht zielführend sind und es außerdem keiner ethischen Optimierung bedarf, die Welt zu retten: „Sie ist nicht so schlecht, wie sie uns oftmals erscheint“.

Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die grundlegende Veränderung unserer Biologie erstmals in Reichweite ist“. „Die Verlockung, sich selbst oder andere genetisch zu verbessern, wird immer vorhanden sein – sei es getrieben von Egozentrik, Größenwahn oder Nächstenliebe“ (S. 179). „Ich habe mich in diesem Buch bewusst darauf beschränkt, zu beschreiben, was derzeit möglich ist, was nicht und was demnächst möglich sein wird. Die Frage, in welchen Fällen es sinnvoll und gut ist, den Menschen zu verändern, überlasse ich gerne den Wissenschaftsphilosophen“ (S. 181).

Das Buch belegt mit alten und neuen Forschungsergebnissen wieder einmal, wie sehr wir Menschen biologisch determiniert sind. Martin Moder vermag es, diese Tatsache in bester Science-Slam-Manier auf hohem Level heiter – z.T. slapstickartig – zu präsentieren und damit eventuelle Frustrationen über „wie wenig Herr im eigenen Haus wir sind“ zu entkrampfen. Für manche Leserinnen und Leser könnte die Häufigkeit humoriger Nebenbemerkungen und die Flapsigkeit mancher Formulierungen eventuell reduzierter sein, die jugendliche Frische dieser Form von Wissensvermittlung wird aber vermutlich viele, vor allem jüngere Leser ansprechen, bzw. begeistern. GENPOOL PARTY ist ein vergnüglich zu lesendes Buch für Menschen, die entweder erst am Beginn einer biologischen „Wissenskarriere“ stehen, oder als „alte Hasen“ ihr Wissen auffrischen und mit neuen Erkenntnissen (auch zu ihren beschleunigt ablaufenden Alterungsprozessen) schmunzelnd erweitern möchten.

Martin Moder: „GENPOOL PARTY“

© Carl Hanser Verlag GmbH, München, 2019, ISBN 978-3-446-26190-7, 208 Seiten

 

 

Dr. Gerfried Pongratz 4/2019




Es gibt keine Religionsersatzpflicht!


EthikIn Österreich will die ÖVP nun wirklich einen Ethikunterricht einführen, den allerdings nicht alle besuchen müssen, sondern nur Nichtteilnehmer am Religionsunterricht! Was eine deutliche Einschränkung des Rechtes auf Religionsfreiheit bedeutet!

Die Religionsfreiheit steht im Artikel 14 des Staatsgrundsgesetzes:
(1) Die volle Glaubens- und Gewissensfreiheit ist jedermann gewährleistet.
(2) Der Genuss der bürgerlichen und politischen Rechte ist von dem Religionsbekenntnisse unabhängig; doch darf den staatsbürgerlichen Pflichten durch das Religionsbekenntnis kein Abbruch geschehen.
(3) Niemand kann zu einer kirchlichen Handlung oder zur Teilnahme an einer kirchlichen Feierlichkeit gezwungen werden, in sofern er nicht der nach dem Gesetze hiezu berechtigten Gewalt eines anderen untersteht.

Und dann gibt es aus derselben Zeit auch gesetzlich Regelungen dieser Art:
Im Gesetz vom 25. Mai 1868 über die interkonfessionellen Verhältnisse der Staatsbürger werden die religiösen Verhältnisse in Österreich staatlich-rechtlich geordnet. Über den Konfessionswechsel und Kirchenaustritt heißt es:
Artikel 4. Nach vollendetem 14. Lebensjahr hat Jedermann ohne Unterschied des Geschlechtes die freie Wahl des Religionsbekenntnisses nach seiner eigenen Überzeugung und ist in dieser freien Wahl nötigenfalls von der Behörde zu schützen. Derselbe darf sich jedoch zur Zeit der Wahl nicht in einem Geistes- oder Gemütszustande befinden, welcher die eigene freie Überzeugung ausschließt. (..)
Artikel 6. Damit jedoch der Austritt aus einer Kirche oder Religionsgenossenschaft seine gesetzliche Wirkung habe, muss der Austretende denselben der politischen Behörde melden, welche dem Vorsteher oder Seelsorger der verlassenen Kirche oder Religionsgenossenschaft die Anzeige übermittelt. Den Eintritt in die neu gewählte Kirche oder Religionsgenossenschaft muss der Eintretende dem betreffenden Vorsteher oder Seelsorger persönlich erklären.
Artikel 7. Die Bestimmung des § 768 lit. a) ABGB., vermöge welcher der Abfall vom Christentum als Grund der Enterbung erklärt wird, dann die Verfügungen des § 122 lit. c) und d) StG., womit derjenige, welcher einen Christen zum Abfalle vom Christentum zu verleiten oder eine der christlichen Religion widerstrebende Irrlehre auszustreuen sucht, eines Verbrechens schuldig erklärt wird, sind aufgehoben. Es ist jedoch jeder Religionspartei untersagt, die Genossen einer anderen durch Zwang oder List zum Übergang zu bestimmen. (..)

Soweit ein paar Gesetzeszitate.

Der Religionsunterricht war zu Anbeginn der Schulpflicht ein wichtiges Element, die religiöse Erziehung steht dadurch auch heute noch im Schulorganisationsgesetzes §2: "Die österreichische Schule hat die Aufgabe, an der Entwicklung der Anlagen der Jugend nach den sittlichen, religiösen und sozialen Werten sowie nach den Werten des Wahren, Guten und Schönen durch einen ihrer Entwicklungsstufe und ihrem Bildungsweg entsprechenden Unterricht mitzuwirken. Sie hat die Jugend mit dem für das Leben und den künftigen Beruf erforderlichen Wissen und Können auszustatten und zum selbsttätigen Bildungserwerb zu erziehen."

Das Grundrecht der Religionsfreiheit gilt aber auch im Schulbereich, darum ist im Religionsunterrichtsgesetz (1949) die Abmeldung vom Religionsunterricht vorgesehen, zum Religionsunterrichtsbesuch heißt es dort:
§ 1. (1) Für alle Schüler, die einer gesetzlich anerkannten Kirche oder Religionsgesellschaft angehören, ist der Religionsunterricht ihres Bekenntnisses Pflichtgegenstand an den öffentlichen und den mit dem Öffentlichkeitsrecht ausgestatteten …. Schulen.
(2) Schüler, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, können jedoch von ihren Eltern zu Beginn eines jeden Schuljahres von der Teilnahme am Religionsunterricht schriftlich abgemeldet werden; Schüler über 14 Jahren können eine solche schriftliche Abmeldung selbst vornehmen.

Das bedeutet, dass der Religionsunterricht nur für Mitglieder einer gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaft als Pflichtgegenstand gilt und das auch nur im eingeschränkten Umfang, weil es das Recht auf Abmeldung gibt. Durch die Einführung eines Ethikunterrichtes für Nichtreligiösorganisierte kann kein Pflichtunterricht entstehen, weil es keine Religionspflicht gibt, kann es auch keine Ersatzreligionspflicht geben.

Daher Ethikunterricht entweder für ALLE oder wenn nur für die Konfessionslosen, dann mit derselben Abmeldemöglichkeit wie beim Religionsunterricht.

Denn wenn man einen neuen Unterrichtsgegenstand einrichten will, um Schüler darauf vorzubereiten, selbstbestimmte, verantwortliche und tolerante Bürger einer modernen pluralistischen Demokratie zu werden, dann muss dieser Unterricht nicht nur den Nichtreligiösen, sondern allen erteilt werden (Staatsbürgerkunde, Lebenskunde). Weil eine Erziehung zu selbstbestimmten, verantwortlichen und toleranten Bürger einer modernen pluralistischen Demokratie erhält man im Religionsunterricht nicht!

 

Aus http://www.atheisten-info.at/infos/info4533.html




Christlicher Sexualkundeverein Teenstar


BibelDieser in Schulen auftretende Verein geriet wegen seiner strengkatholischen Weltsicht nun zunehmend in Kritik, am 28.3.2019 meldete der ORF: "Das Programm des christlichen Sexualkundevereins TeenSTAR ist laut zwei Analysen für das Bildungsressort wegen Falschinfos und teils menschenrechtlich bedenklicher Aussagen in Schulungsmaterial nicht für den Einsatz an Schulen geeignet. Weil der Verein laut Ministerium aktuellere, unbedenkliche Unterlagen vorgelegt hat, darf er aber weiter an Schulen aktiv sein. Grüne und SPÖ fordern ein Verbot."

Wolfgang Plaute vom Bundeszentrum für Sexualpädagogik hatte sich gegen die Tätigkeit des Vereins an Schulen ausgesprochen, dazu wurde im ORF-Bericht auch auf den kirchlichen Einfluss verwiesen: "Gegenüber der ZIB2 kritisierte er gestern, dass seine Stellungnahme vom Bildungsministerium 'aus zu kirchenkritischen Haltungen heraus' nicht berücksichtigt worden sei. Das Ministerium soll laut dem Bericht zudem selbst von der katholischen Kirche und von TeenSTAR unter Druck gesetzt worden sein."

Vorgehalten wurden dem Verein Teenstar speziell dessen in den Schulen verbreiteten Ansichten, Homosexualität sei ein heilbares Identitätsproblem, Selbstbefriedigung schädlich, sowie dass kein Sex vor der Ehe und nur natürliche Empfängnisverhütungen propagiert wurden. Also die katholische Sexuallehre dem Verein als Grundlage dient.

Im Morgenjournal vom 2. April wurde nun gemeldet: "Teenstar: Faßmann empfiehlt keine Zusammenarbeit – Der christliche Verein Teenstar betreibt seit Jahren in Schulen Aufklärungsunterricht. In den vergangenen Monaten ist der Verein wegen verstaubter Ansichten in die Schlagzeilen gekommen. Nach einer ersten Prüfung durfte der Verein trotzdem weiterarbeiten. Jetzt empfiehlt Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) den Schulen Teenstar nicht mehr zu buchen. In Zukunft wird das Ministerium alle Vereine prüfen, die Sexualkunde an Schulen anbieten."

Aus http://www.atheisten-info.at/infos/info4529.html

 




Welches sind die „christlichen Werte“, die die Kirche vermittelt?


nicholas-1562830_1280geraltWir bringen einen Artikel von Prof. Dr. Uwe Lehnert bei Freigeist-Weimar.de (7.8.13): Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit werden die sog. christlichen Werte beschworen. Aber gibt es eigentlich “christliche Werte”? Was wird eigentlich unter den “christlichen Werten” verstanden? (Bild: geralt, pixabay)

Es sind nach christlicher Lehre die Anerkennung "Gottes" als Schöpfer der Welt und des Menschen und zugleich als oberste Moralinstanz, die Zehn Gebote und die wesentlichen Aussagen der Bergpredigt wie Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Barmherzigkeit. Alle diese normstiftenden Prinzipien würden aus der Bibel folgen, deshalb habe dieses Buch als Grundlage allen täglichen, vor allem moralischen Handelns zu gelten.

Unterziehen wir diese sogenannten christlichen Werte einer kurzen Beurteilung.

Erstens: Den christlichen Gottesglauben für alle Menschen verbindlich zu machen, ist in einer multi-weltanschaulichen Gesellschaft undemokratisch. Dies ist konkret der Fall, wenn Verbote, wie z. B. zum Schwangerschaftsabbruch, zur Sterbehilfe oder zur Embryonenforschung, mit dem christlichen Menschenbild begründet, aber als Gesetze allgemein verbindlich gemacht werden, also auch für Anders- und Nichtgläubige gelten sollen.

Zweitens: Die Zehn Gebote (vgl. 2. Buch Mose, dort steht der Originaltext!) stammen aus archaischer Zeit. Das 1. Gebot verneint die Religionsfreiheit und droht mit Sippenhaft ("bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation"), das 10. Gebot spricht wie selbstverständlich von Sklaven (neuerdings schönfärberisch "Diener" genannt) und stellt Frauen den Sklavinnen und Haustieren gleich, quasi als natürlichen Besitz des Mannes dar, von Gleichberechtigung der Geschlechter ist keine Rede.

Die Gebote 5 bis 9 sind selbstverständliche Verhaltensnormen, die weltweit in jeder Gesellschaft Gültigkeit haben, also nicht als typisch christlich gelten können, sie finden sich im Grundsatz bereits im Ägyptischen Totenbuch und im Codex Hammurabi des antiken Mesopotamien – also schon lange vorher niedergeschrieben.

Drittens: Auch die Grundaussagen der Bergpredigt entsprechen in weiten Teilen einem weltweit gültigen Ethos. Die gern als spezifisch christlich bezeichnete Barmherzigkeit und Nächstenliebe findet sich auch in anderen Religionen und Kulturkreisen und entspricht im Übrigen dem, was mit Solidarität bezeichnet wird, ein Prinzip gegenseitig praktizierter, evolutionär entwickelter Mitmenschlichkeit.

Viertens: Die in vielen Teilen Gewalt (z.B. Landraub) und Inhumanität (z.B. Sklaverei) rechtfertigende sowie heutige moralische Standards negierende Bibel als Grundlage moralischen Verhaltens zu bezeichnen, zeugt von sträflicher Unkenntnis weiter Teile der Bibel.

Es gilt vielmehr festzustellen:

Die uns heute wichtigen Werte und Normen stammen gerade nicht aus der Bibel, sie sind Ergebnis moralisch-ethischer Weiterentwicklung des Menschen und der menschlichen Gesellschaft selbst. Es sind dies die Menschenrechte wie Meinungsfreiheit als geradezu grundlegendes Recht, das Recht auf Selbstbestimmung, Gleichheit und Gleichberechtigung, Religions- und Wissenschaftsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und vieles andere mehr.

Nichts davon steht in der Bibel, sie steht einem demokratischen, die Menschenrechte verbürgenden Staat geradezu entgegen. Alle diese Rechte mussten vielmehr dem Christentum bzw. einer politisch agierenden Kirche in verlustreichen Kämpfen abgetrotzt werden. Die Kriterien, nach denen selbst Christen die Steinigung von Ehebrecherinnen, das Töten von Homosexuellen oder das Kaufen und Halten von Sklaven ablehnen, obwohl diese Gebote bzw. Aufforderungen biblisch legitimiert sind, stammen gerade nicht aus der Bibel, sie sind ein Ergebnis der auf Vernunft gründenden Aufklärung.

 

Uwe Lehnert

 

Kommentar wb: Also noch nicht mal die Nächstenliebe ist originär christliches Kulturgut.

Der Beitrag ist dem Buch von Uwe Lehnert entnommen: Warum ich kein Christ sein will – Mein Weg vom christlichen Glauben zu einer naturalistisch-humanistischen Weltanschauung. Marburg, 2015, 6., aktualisierte und erweiterte Auflage, 500 Seiten, 24,95 €, bei AmazonInfo vom neuen Verlag.




Deutschland ist Missionsland geworden


BonifatiusDies war einer Kurzmeldung von der Site evangelisch.de vom 30.3.2019 zu entnehmen:

Als einen "Glücksfall" für die Weitergabe des christlichen Glaubens hat der frühere Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, den Hänssler-Verlag bezeichnet.
Bei der Jubiläumsfeier zum 100-jährigen Bestehen des evangelischen Medienunternehmens sagte Kauder am Freitagabend in Sindelfingen bei Böblingen, Deutschland sei zum Missionsland geworden. Ihn sorge nicht die zunehmende Zahl von Muslimen im Land, sondern das zu leise Auftreten von Christen, betonte der CDU-Politiker.

Soweit dei Meldung. Mit seiner Aussage liegt der Herr Fraktionsvorsitzende a.D. aber sehr weit neben der Realität! Wo gibt's in Deutschland eine wahrnehmbare Missionierung? Es laufen zwar wahrscheinlich auch dort immer noch ein paar Zeugen Jehovas von Haus zu Haus und von Tür zu Tür, aber was bringt ihnen das? Ein bisschen Bewegung! Innerhalb von gut 100 Jahren hat man z.B. in Österreich um die 20.000 Jehova-Jünger produziert, das sind ca. zwei Promille der Bevölkerung. Man sieht hin und wieder auch wo einen Infostand von Evangelikalen, dort werden sogar Bibeln verteilt, aber das Volk eilt uninteressiert daran vorbei, in Österreich soll's nur um die 4000 Evangelikale geben.

Und die katholische Kirche? Die hatte bekanntlich sogar eine Neumissionierung Europas in Planung gehabt! Wie hier schon häufig genug zu lesen war, hatte man 2011 für die Fastenzeit 2012 eine große Versuchsreihe in einer Reihe von Großstädten geplant gehabt, die dann kommentarlos einfach nicht durchgeführt wurde.

Kauder hat ja wohl richtig erkannt, dass es die Religionsgemeinschaften nötig hätten, zu missionieren, weil das Interesse an Religion dahinschwindet, was sich strukturell auch daran zeigt, dass die innerfamiliäre Weitergabe der Religion weitgehend verschwunden ist und religiöse Nachfrage gibt's kaum noch. Ohne Mission gibt es auch kein Missionsland, Deutschland ist darum kein Missionsland…

Aus http://www.atheisten-info.at/infos/info4526.html

 




Michael Blume: „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“


AntisemitismusRezension von Gerfried Pongratz:

Nach „Islam in der Krise“ (2017) widmet der Religions- und Politikwissenschaftler Michael Blume sein neuestes Buch den „tiefen Ursachen des Antisemitismus“, verbunden mit dem Versuch, „das ‘Mysterium‘ ein wenig zu enthüllen“ (S. 170). Der Untertitel „Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern“ verdeutlicht die Hauptrichtung der Darstellungen; neben religionswissenschaftlichen sind es vor allem medienwissenschaftliche Erläuterungen, die die Grundlagen und Entwicklungen sowie das zerstörerische Potential von Antisemitismus beleuchten.

Drei Hauptkapitel bilden das Grundgerüst des Buches. Das erste „Mythen und Missverständnisse“ beschreibt die „Kennzeichen des Antisemitismus“: Er resultiert aus einer Gemengelage von Verschwörungsmythen (nicht Verschwörungstheorien, die widerlegbar wären), die seit biblischer Zeit schreckliche Auswirkungen zeitigen und auch heute noch die Grundlagen der Zivilisation erschüttern können: „Jedes Volk, jede Kultur und jede Religion, in denen Verschwörungsmythen die Wahrnehmungen und Debatten prägen, verurteilt sich selbst zu Ignoranz, Gewalt und Armut“ (S. 21).

Die z.T. autobiografischen Ausführungen – der Autor wurde von der Landesregierung Baden-Württemberg zum ersten Beauftragten gegen Antisemitismus in Deutschland berufen – münden in die Erkenntnis einer allgemeinen, nicht nur gegen Juden gerichteten Bedrohung der Gesellschaft durch Antisemitismus: „Deswegen dient der Kampf gegen Antisemitismus dem Schutz aller Menschen, Religionen, Weltanschauungen und Staaten. Antisemitismus bedroht am Ende uns alle“ (S. 171).

Der Autor vertritt die These, dass für das Verständnis von Semitismus und Antisemitismus keine Pseudo-Genetik und keine Verschwörungsmythen notwendig sind: „…vielmehr haben wir es mit der immer noch völlig unterschätzten Wirkung von Medien zu tun. Haben wir erst einmal begriffen, wer dieser mythologische „Sem“ (Anm.: ältester Sohn Noahs) laut den frühen Überlieferungen war, welche Erfindungen und Tätigkeiten ihm symbolisch zugeschrieben wurden – dann ergibt sich auch ein neuer Blick auf die Gegenmythen des Anti-Sem-itismus“ (S. 31). Das Buch beschreibt die Kennzeichen und Geschichte des Antisemitismus mit seinen christlichen (bis hin zu Luther) und muslimischen Wurzeln sowie auch nichtreligiösen Antisemitismus und die Verknüpfung von Antisemitismus mit Antiamerikanismus: „Antisemitismus funktioniert wie eine das Böse verabsolutierende „Weltreligion“.

Das zweite Hauptkapitel „Sems Erfolgsgeheimnis“ erläutert, wie sich aus „der Geburt des Schreibens“ die „Geburt der Zivilisation“ entwickelte und dabei auch Antisemitismus begründete. Religion und Recht entstanden im Medium der Alphabetschrift; nicht mehr Tempel, sondern Schriften wurden die bedeutendsten Träger der Lehren (S. 101); „…die Geistes- und Kulturgeschichte unseres Planeten ist nicht ohne den massiven Einfluss der Medien zu verstehen“ (S. 102). „Die Alphabetschrift ist die Botschaft, gegen die sich die Gegenmythologie des Antisemitismus bis heute stemmt“ (S. 105). Die unterschiedliche Gestalt der Alphabetschriften (hebräisch: nicht vokalisiert, griechisch/lateinisch: vokalisiert) erklärt nicht nur die Heranbildung des Judentums, sondern auch das Auseinanderbrechen von Juden- und Christentum sowie später von Religion und Wissenschaft. Vokalarme Alphabete erzeugen „Mehrdeutigkeiten“ und Auslegungsräume, vokalisierte eignen sich besser für präzise Aussagen, Philosophien und Wissenschaften. „Ob reich oder arm: Wer liest, schreibt und gelesen wird, übt Macht aus und entscheidet mit, was überhaupt und wie erinnert wird“ (S. 121). Jüdinnen und Juden vermochten sich über ihre Schriften ….zurückbinden, dagegen formulierten schon frühe Antisemiten Verschwörungsmythen“ (S. 124).

Die Wurzeln des islamischen Antisemitismus liegen nicht zuletzt im 1485 erfolgten Verbot des Drucks von arabischen Lettern. Dies ließ die einst führende islamische Zivilisation in eine Bildungs- und Identitätskrise stürzen, von der sie sich bis heute nicht erholt hat (2013 besaß Israel mit 8 Millionen Einwohnern 4.789 Patente, die gesamte arabische Welt mit >300 Millionen Menschen kam auf rund 1.800 Patentanmeldungen; 0,2% der Weltbevölkerung sind Juden, über 20% aller bisher verliehenen Nobelpreise gingen an Personen jüdischer Herkunft). Der Schlüssel des jüdischen Erfolges heißt „Bildung“ und liegt in der jüdischen Betonung des Lernens (wobei allerdings die meisten Erfolge in den Wissenschaften nicht von religiösen, sondern von säkularen Juden ausgingen).

Obwohl Semiten keine Rasse sind, besitzt Antisemitismus seit jeher auch – religiös oder säkular begründet – rassistische, frauenfeindliche und homophobe Elemente; der Autor widmet Rassismus ein eigenes Kapitel: „Die Zukunft ist nicht durch menschliche „Rassen“ und Märchen angeblicher heiler Vergangenheit determiniert, sondern offen für jene, die lesen, forschen, schaffen“. „Rassismus und Antisemitismus erweisen sich nicht nur als sachlich falsch und menschenverachtend, sondern darüber hinaus auch noch als Standortnachteile auf dem Weg ins dritte Jahrtausend“ (S. 152).

Das 3. Hauptkapitel „Mythen, Medien, Mächte“ mit „Ein Blick zurück nach vorn“ beleuchtet religionswissenschaftlich die Entwicklung des Judentums und Antisemitismus‘, „der selbst nach dem Menschheitsverbrechen der Schoah nicht verschwunden ist“ und sich, im Gegenteil, wieder stark verbreitet: „Solange Menschen leben, werden in jeder Generation semitische und antisemitische Mythen um die Herzen und Köpfe ringen“ (S. 167). Dies betrifft auch christlichen Antisemitismus: Es wird „…noch Generationen dauern – wenn es überhaupt je ganz gelingt -, antisemitische Mythen innerhalb der christlichen Traditionen aufzuklären und zu überwinden“ (S. 148).

Es gab und gibt viele Ideologien der Menschenverachtung, aber keine ist so lange, global und intensiv ausgearbeitet worden wie die Mythologie des Antisemitismus. Dies nicht, weil Jüdinnen und Juden bessere oder schlechtere Menschen gewesen wären, sondern weil sie den Semitismus in die Welt gebracht haben: die Alphabetisierung von Religion und Recht und damit die Grundlagen unserer längst globalen Zivilisation“ (S. 169).

Zum Thema Israelkritik: „Keine Frage wird mir häufiger gestellt als jene, ab wann Israelkritik antisemitisch wäre. Dabei ist die Antwort nicht schwer: Israel ist ein Nationalstaat wie jeder andere auch. Es reicht also, Israel als Nationalstaat unter Nationalstaaten zu akzeptieren und das gleiche Maß an Kritik zu üben, wie es auch gegenüber anderen Nationalstaaten zu Recht geübt wird… Erst wenn es uns gelingt, das Verhalten jüdischer und israelischer Menschen und Institutionen mit der gleichen Selbstverständlichkeit zu bewerten wie das aller anderen Menschen und Institutionen auch, ist der Antisemitismus besiegt“ (S. 175).

„Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“ beschreibt in klarer, gut verständlicher Sprache kenntnisreich einige historische und zeitgenössische Wurzeln eines Wahns, eines geschlossenen „Weltbildes“, in dem Juden das Übel der Welt sind. Ob die jüdische Alphabetisierung vor über 3.000 Jahren tatsächlich als Hauptgrund für die Entwicklung von Antisemitismus zu begreifen ist, bleibt nach Ansicht des Rezensenten allerdings offen (Sigmund Freud z.B. sieht im Judenhass einen ödipalen Komplex der Eifersucht auf ein Volk, das sich für das bevorzugte Kind Gottes ausgab sowie auch ein Aufbegehren gegen die Triebverzicht verlangende monotheistische Religion).

Trotz jüngster, sehr besorgniserregender Entwicklungen beschließt der Autor – für den Rezensenten ebenfalls nicht leicht nachvollziehbar – das Buch „Trotz allem optimistisch“: „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass wir – oder realistischer: unsere Enkel – einmal eine Welt mit deutlich weniger Rassismus und Antisemitismus erleben werden“.

Hoffen wir, dass er damit Recht behält!

 

Michael Blume: „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“

© Patmos Verlag, 2019, ISBN 978-3-8436-1123-7, 206 Seiten

 

Gerfried Pongratz 30. 3. 2019