مولد النبي


Morgen, am 9. November 2019 (nach unserer Zeitrechnung), feiert ein Teil der islamischen Welt ein Fest zu Ehren der Geburt des Religionsgründers Mohammed. Dieser Tag wird in den unterschiedlichen islamischen Ländern nicht nur recht unterschiedlich benannt (zum Beispiel Türkei: Mevlid, Tunesien: Mouled, Pakistan und Indien: Milad Unn Nabi, etc.) sondern auch höchst unterschiedlich begangen. In den asiatischen Ländern finden Massenumzüge mit grünen Fahnen statt (siehe Titelfoto einer Demonstration in Bhadohi, Indien), im Maghreb ist es zwar ein offizieller Feiertag, doch mehr als eine kurze Ansprache und ein Gebet im Fernsehen vom Mufti gibt es in aller Regel nicht. In solchen Reden wird heutzutage zumeist auf das „vorbildliche Leben“ des Propheten hingewiesen und seine besondere gesellschaftliche und soziale Rolle in den Vordergrund gerückt.

Solche Feste sind erst seit dem Mittelalter überliefert und auch heute noch gibt es Länder, in denen keinerlei Feierlichkeiten stattfinden, so ausgerechnet im Geburtsland des Propheten, Saudi-Arabien. Auf den ersten Blick mag dies verwundern, doch macht es im Sinne der Strenggläubigen durchaus Sinn.

So schreibt etwa die Wikipedia: „Von dogmatischen Muslimen wie den Wahhabiten, den Ahl-i Hadîth oder strengen Sunniten wie den Deobandi wird diese Feier als unzulässige Neuerung (Bid'a) und als verbotene Vergötterung Mohammeds abgelehnt. Die Gegner des Mawlid an-Nabi argumentieren zusätzlich damit, dass es eine Nachahmung des christlichen Weihnachtsfestes sei. Andere Muslime sagen, Mohammed selbst und seine Gefährten hätten bereits seinen Geburtstag besonders begangen, allerdings mit Fasten, nicht mit Festlichkeit.“

Wir freuen uns jedenfalls über den freien Tag (ganz so wie auch die Masse der Tunesier) und werden ihn dazu nutzen, einen ausgedehnten Einkaufsbummel zu machen, da trotz des Feiertags alle Geschäfte geöffnet sind.

http://de.wikipedia.org/wiki/Mawlid_an-Nabi

 

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Jenseits von Eden


Was wir immer wieder von moslemischen Verbandsvertretern nach jedem islamisch motivierten Attentat hören, ist so sattsam bekannt, dass es uns bereits zu den Ohren herausquillt: « Diese Tat hat nichts mit dem Islam zu tun. Die Attentäter haben den Islam missverstanden, denn bekanntlich ist ja Islam Frieden ». Vor allem der Vorsitzende des ZMD, Aiman Mazyek, ist ein wahrer Künstler darin, bei jedem Vorfall dieser Art mit immer neuen, blumigen Sätzen doch immer wieder dasselbe zu sagen. Mit diesen stereotypen Aussagen, regelmäßig gepaart mit dem Ausdruck des herzlichen Beileids für die armen Opfer, macht nun völlig überraschend ein moslemischer Islamwissenschaftler kurzerhand Schluss. Seit ich intensiv und aufmerksam die Nachrichten auf islam.de verfolge habe ich eine solch punktgenaue Analyse (natürlich aus innerislamischer Sicht) noch nie gelesen. Es lohnt sich wohl auch für uns als Religionskritiker, diesem klugen Ausatz die nötige Zeit zu widmen. Murtaza nimmt die aktuellen Mordfälle in Toulouse und Montauban auf und schreibt:

 

Menschen neigen dazu in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Bevor also jemand zu einem "Der Islam ist Frieden" ansetzt, sollten wir vielleicht einen Augenblick innehalten und uns klar machen, was geschehen ist. Ein junger Mann, arabischer Herkunft, der den Namen des Propheten trägt, hat gezielt und kaltblutig drei Kinder jüdischen Glaubens und einen jüdischen Religionslehrer per Kopfschuss hingerichtet. Die Namen der Kinder lauteten Gabriel, Arieh und Myriam. Sie waren vier, fünf und sieben Jahre alt. Der Name des 30-jährigen Lehrers und Vaters der beiden erstgenannten Kinder war Jonathan. Zuvor tötete der Mörder drei französische Soldaten Abel Chennouf (25), Mohammed Legouade (23) und Imad Ibn Ziaten (30), letzere beiden waren Muslime.

[…] Bevor nun aber jemand in alte Gewohnheiten zurückfällt und das Argument vorbringen möchte, dass Mohammed Mehra gar kein Muslim sei […] sollte er lieber schweigen. Seit dem 11. September bringen Muslime Argumente dieser Art vor, wenn irgendwo irgendetwas Schlimmes im Namen des Islam geschieht. Es ist eine bequeme Distanzierung, die es den Muslimen erspart, sich inhaltlich mit den Wurzeln der Gewalt im Namen Gottes zu beschäftigen. Menschen wie Mohammed Mehra legitimieren ihre Akte der Barbarei im Namen des Islam und sie berufen sich auf den Qur’an, weil sie glauben, ein gottgefälliges Werk zu verrichten, das ihnen Eingang in das Paradies verschafft. Sie sehen sich als gläubige Muslime an und sind damit Teil der Umma und somit Teil einer unausgesprochenen innerislamischen Krise.  

Seit dem 11. September haben Muslime sich verpflichtet gefühlt, den Islam zu verteidigen, indem sie die Täter außerhalb des Islam stellten. Da also religiöse Motive im Zusammenhang mit den Gräuel nicht herangezogen werden durften, um die Religion vor jeglichen Makel zu bewahren, versuchte man psychologisch Motive ins Feld zu führen. Mohammed Mehra verfährt ebenso. Er begründet seine Taten dadurch, dass er den gewaltsamen Tod palästinensischer Kinder rächen und ein Zeichen gegen die französische Militärpräsenz in Afghanistan setzen wollte.  

Was bei alledem auffällt, bis heute hat sich die Mehrheit der Muslime davor gesträubt in das Herz der Finsternis vorzustoßen und eine religionsgeschichtliche Erklärung für den Terror im Namen des Islam vorzulegen. "Die" Muslime sind keine Terroristen. Aber Terroristen, die sich auf den Islam berufen, gehören in der Regel dem Wahhabismus an. Ist es also nicht längst an der Zeit, sich kritisch mit dieser islamischen Strömung auseinanderzusetzen und entsprechende Konsequenzen zu ziehen? Der Islam legitimiert keinen Religionschauvinismus und es gibt keine Loyalität im Falschen. Immer wieder weist der Qur’an die Muslime zu Recht, sich selbst gegenüber kritisch zu sein:  
Im Folgenden gibt Murtaza einen religionsgeschichtlichen Überblick, der das Entstehen des islamisch motivierten Terrorismus aus dem Islam heraus beschreibt. Man wird möglicherweise nicht mit jeder einzelnen seiner Schlussfolgerungen übereinstimmen, doch ist die Lektüre dieses kenntnisreichen Textes ausgesprochen spannend und lesenswert. Murtaza gliedert seinen Aufsatz in die Kapitel :

1. Die Wurzeln des Wahhabismus

2. Charakteristikum des Wahhabismus

3. Die Entstehung der Al-Qaida

4. Ist der Islam antisemitisch?

5. Was ist nach Toulouse zu tun?  

 

Lesen Sie den kompletten Artikel auf http://www.islam.de/20027

 

 

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Heiliger Stuhl


Seit dieser Artikel geschrieben wurde hat sich nichts an der Problematik geändert. Deshalb sei er hier noch einmal wiedergegeben.

Wir hatten also einen Staatsbesuch. Dieser „Staat“, der bereits 1870 untergegangen war, wurde auf 44ha und mit rund 500 Einwohnern in den Lateranverträgen 1929 erneut aus der Taufe gehoben. Mussolini, der für die italienische Seite unterschrieb, sicherte sich damit das Wohlwollen der Kirche für seine Politik. Ähnlich verhielt es sich mit dem Reichskonkordat 1933 zwischen Hitler und dem Heiligen Stuhl. So verhindert man Proteste der Kirchen, wenn der Staat ungewöhnliche oder gar verbrecherische Maßnahmen ergreift. Ein probates Mittel! Schon immer in der Geschichte hat Kirche die Nähe der Mächtigen gesucht und gleichzeitig dafür gesorgt, dass unliebsame „Konkurrenz“ von Staats wegen verfolgt und eingeschüchtert wurde. Die Nazis verboten als erstes die Freidenkerverbände, dann die Freikirchen. Die waren mangels Masse leichte Opfer. Das wird bei denen, die die Kirchen gern als Widerstandskämpfer stilisieren wollen, nur allzu gern vergessen oder verdrängt.

Dieser Staat hat auch – obwohl manchmal falsch dargestellt – keinen diplomatischen Dienst, aber immerhin ein schlagkräftige Armee. Alle Botschafter sind beim Heiligen Stuhl akkreditiert und nicht etwa beim Vatikanstaat. Das heißt aber, dass ihr Gegenüber reine Kirchenleute sind und nicht Diplomaten. Gleiches, nur umgekehrt, gilt für die „Botschafter“ (Nuntius) des Heiligen Stuhls in den Ländern, zu denen der Papst diplomatische Beziehungen unterhält. Dieses Konstrukt ist dermaßen ungewöhnlich, dass man mit Fug und Recht nicht von einem Staatsbesuch sprechen kann. Man hat in Kenntnis dieser Tatsachen einen reinen Religionsführer eingeladen, einen undemokratischen dazu, um vor den Demokraten des Bundestags zu sprechen. Möglichen Kritikern soll in diesem Punkt eindeutig Sand in die Augen gestreut werden. Der Papst selbst ist aber im Gegensatz dazu in seiner Rede erfreulich eindeutig und straft die Staatsbesuch-Apologeten Lügen:

Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.

Die Diskussion um die angebliche Respektlosigkeit der ferngebliebenen Abgeordneten ist nur am Rande interessant, zeigt aber ganz deutlich das mangelnde Demokratieverständnis derjenigen, die sich darüber erbosen. Ebenso kritisch muss man wohl die Stimmen betrachten, die an die Inhalte der Papstrede ganz bestimmte Bedingungen knüpfen. Wie sollte man den Papst dazu zwingen können, zu Fragen Stellung zu nehmen, nur weil von manchen Antworten erwartet werden? Missbrauch, Abtreibung, Zölibat, Frauenordination und manches andere mehr standen für Ratzinger nicht auf der Agenda, weshalb auch das Nachhaken in diesem Punkt wenig sinnvoll erscheint, siehe etwa den Artikel Nun hat ER gesprochen. Man sollte sich schon die Mühe machen, sich mit dem auseinanderzusetzen, was er wirklich gesagt hat und welche Konsequenzen sein Besuch in Deutschland mit sich bringt. In diesem Zusammenhang hat Arik Platzek ein interessantes Interview mit Johann-Albrecht Haupt geführt Es ist ein deutlicher Schaden entstanden, das ich zur vollständigen Lektüre wärmstens empfehle. Ich greife deshalb hier nur einen sehr wichtigen Punkt heraus bezüglich des Treffens von Herrn Ratzinger mit den Richtern am Bundesverfassungsgericht:

Die Humanistische Union hat die Form des Treffens mit den Bundesverfassungsrichtern kritisiert. Das ist nur eine Wortmeldung. Was müsste man in Zukunft sicherstellen, damit sich so etwas nicht wiederholt? In diesem Fall ist die Gesellschaft überrumpelt worden.

Haupt: Sicherstellen kann man das in einer religiös, oder vielmehr christlich-religiös geprägten Gesellschaft, wahrscheinlich nicht. Dazu ist die Humanistische Union auch gar nicht in der Lage. Man kann nur versuchen, mit guten Argumenten auf die Öffentlichkeit einzuwirken. Und das ist ja an sich unser Markenzeichen: das wir mit guten Argumenten versuchen, uns in die politische Diskussion einzumischen. Manchmal haben wir mehr Erfolg, manchmal weniger.

Sehen Sie, dass durch dieses Treffen der Souveränität des Bundesverfassungsgerichts als einem weltanschaulich neutralen Verfassungsorgan ein Schaden entstanden ist?

Haupt: Ja, das ist ganz deutlich geschehen. Wenn es in zukünftigen Verfahren darum geht, ob die Grenzen der Neutralität gewahrt oder überschritten sind, muss sich das Bundesverfassungsgericht vorhalten lassen, dass sie sich dem Papst – ich will nicht sagen, zu Füßen geworfen haben -, aber ihm doch sehr nahe getreten sind und eine Nähe nach außen hin gekennzeichnet haben. Und das kann nicht gut sein, denn die Gerichte leben ja auch von der Unabhängigkeit der Richter und davon, dass sie wenigstens den Schein einer Nähe zu einer bestimmten Prozesspartei vermeiden. Diesen wird das Bundesverfassungsgericht in Zukunft nur noch sehr schwer wahren können.

Mich wundert sehr, dass sich die Verfassungsrichter so ohne weiteres von Herrn Ratzinger herbei zitieren lassen. Dieser Staat ist bereits dermaßen von Religion unterwandert, dass kaum noch jemand Anstoß an diesem Bruch aller Regeln nimmt. Für die Gewaltenteilung in Deutschland sieht es zunehmend düster aus. Und wenn dann noch von „islamkritischer“ Seite der Vorwurf kommt, wir befassten uns auf wissenbloggt zu viel mit der Kirche („Die sind doch harmlos, lasst sie in Frieden“), der weiß ganz offensichtlich nicht, wovon er redet.

Der wesentliche Teil der Papstrede befasste sich mit den Grundlagen des Rechts. Auf die Gefahr hin, den einen oder anderen zu langweilen, zitiere ich drei kurze Abschnitte aus dem päpstlichen Diskurs:

Wie erkennt man, was recht ist? In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt. […]

Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewußtsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist. […]

Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?

Zwei Dinge werden klar, die aber in der religiösen Verblendung dieses Herrn zu erwarten waren: Herr Ratzinger verabscheut die Demokratie und bedient sich des dümmlichen Uhrmacher-Arguments (Creator Spiritus). Und die Demokraten, die soeben entwertet wurden, spenden stehenden Beifall – es ist unglaublich. Anscheinend haben sie wirklich nicht verstanden, was ihnen da vorgesetzt wurde. Zusammengefasst kann man sagen: Ihr dürft entscheiden, aber bitteschön nur so wie ich, Papst und Weltenlenker, es euch vorschreibe. In der parlamentarischen Praxis sieht es genau so aus: die zahlreichen vatikanischen pressure groups versuchen mit allen Mitteln, die Entscheidungen des Parlaments im Sinne eines fiktiven Wesens, besser aber der eigenmächtigen Kaste der Priester, zu beeinflussen.

Humanisten und Laizisten stehen da mehr oder weniger hilflos am Rande angesichts dieser totalitären Gewalt, die von Rom aus die ganze Erde zu beherrschen sucht. Es ist noch ein langer Weg zur Vernunft!

Dieser Besuch hat uns jedenfalls keinen Schritt weiter gebracht.

 

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Mythos Integration


„Eine Korrektur“ möchte Rainer Oechslen, Islambeauftragter der bayrischen Landeskirche, am Begriff der „Integration“ vornehmen. Er meint, erst eine „Richtigstellung der Begriffe“ erlaube nach Konfuzius eine gute Regierung. Allerdings gewinnt man bei Lesen seines Artikels, in dem er mit den sechs Mythen der Integration aufräumen will, eher den Eindruck, als sollten hier Wörter verbogen werden mit dem Ziel, jedwede Integration der Zuwanderer in Deutschland generell überflüssig zu machen. Er sagt zwar ausgesprochen wortreich, was alles nicht Integration bedeute, und das mit einer teilweise Schwindel erregenden Faktenakrobatik, gibt aber nirgendwo einen einzigen Hinweis darauf, wie Integration sich denn nun abzuspielen habe. Doch schauen wir uns seine „Mythen“, hier veröffentlicht, in kleinen Auszügen aus der Nähe an:

1. Mythos: Integration heißt Assimilation

Häufig wird in der gegenwärtigen Debatte gesagt, Zuwanderer müssten sich 'anpassen' oder 'angleichen'. Fragt man nach, was das bedeutet, so kann man etwa hören, dass muslimische Frauen kein Kopftuch tragen sollten. Derlei hat mit Integration nichts zu tun.

Die völlige Angleichung von neuen Mitgliedern einer Gruppe oder Gesellschaft an die bisher herrschenden Sitten und Ideen nennt man Assimilation. Diese von Zuwanderern zu verlangen würde bedeuten, dass sich Zuwanderer von ihren Wurzeln abschneiden und auf ihre kulturelle Identität verzichten müssen.

Er benutzt also, nur unwesentlich umschreibend, genau das Argument Erdogans, dass Assimilation ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei. Mithin hat Deutschland dieses Verbrechen in seiner Geschichte schon des Öfteren begangen. Die Nachfahren der Polen, Italiener, Spanier, Griechen und so weiter müssen sich also umgehend diskriminiert fühlen, weil sie die Frechheit hatten, sich in die Aufnahmegesellschaft nicht nur zu integrieren, sondern in ihr aufzugehen, ja, sich mit ihr auch genetisch zu vermischen, so dass außer bei den Namen nichts mehr von der ehemaligen Fremdartigkeit zu spüren ist. Das Kopftuch ist eben nur das äußere Merkmal der mangelnden Integrationsbereitschaft und nicht kulturelle Folklore, die man den Zugewanderten natürlich zugestehen muss. Also hat es sehr wohl mit Integration zu tun, auch wenn es Herrn Oechslen ganz und gar nicht schmeckt.

2. Mythos: In Deutschland spricht man Deutsch
Zweisprachigkeit in Deutschland keine Seltenheit: Sogar zweisprachige Ortsschilder gibt es in der Gegend von Cottbus/Chóśebuz. Bis 1918 lebte im Deutschen Reich eine große polnische Minderheit. Natürlich bedarf es zur Kommunikation in einer Gesellschaft einer gemeinsamen Sprache. Aber auch hier muss man irrige Vorstellungen korrigieren.

Deutschland war auch vor den Zuwanderungswellen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts kein sprachlich einheitliches Land. Es gibt zwar eine einheitliche Landessprache, aber die sorbische Minderheit im Südosten und die Dänen im Norden pflegten und pflegen ihre Muttersprachen neben dem Deutschen.

Er findet es nicht einmal peinlich, auf die Viersprachigkeit der Schweiz hinzuweisen, und merkt nicht, dass ihn dies und die oben genannten Beispiele auf sehr glattes Eis führen. Die Schweiz in ihrer heutigen Form ist bereits als viersprachiges Gebilde zusammengewachsen, die Sorben und Dänen sind so zu sagen Opfer deutscher Landnahme in der Vergangenheit. Der Vergleich wäre also nur dann passend, wenn im Laufe der Geschichte Deutschland Teile der Türkei oder Nordafrikas annektiert hätte. Dann sollte diesen Landesteilen sehr wohl eine offizielle Zweisprachigkeit zugestanden werden. Oder stellt sich Herr Oechslen vor, wir sollten gleich ganze Regionen in Deutschland als Türkisch, Arabisch oder sonst wie deklarieren, nur damit seiner hinkender Vergleich auf die Beine kommt? Und wenn dies die geeignete Form von Integration sein sollte, warum schlägt er solche Regionen nicht auch für die Ex-Polen, Ex-Italiener etc. vor? Ach ja, ich vergaß: an diesen ist das „Menschenrecht“ bereits vor langer Zeit vorbeigeschlittert.

3. Mythos: Die Deutschen integrieren sich im Ausland ohne weiteres

Bekanntlich sind im 19. Jahrhundert in immer neuen Wellen Deutsche in die Vereinigten Staaten von Amerika ausgewandert. Zwischen 1850 und 1914 kamen etwa fünf bis sechs Millionen in die neue Welt. 'Ghettobildung' war völlig normal. In New York gab es ein "Little Germany" mit deutscher Kirche, deutschem Metzger, deutschem Bäcker, deutscher Zeitung.

Auf dem Land gab es nicht nur deutsche Dörfer, die etwa "Frankentrost" oder "Frankenmuth" hießen und heißen. Es gab ganze deutsche Landkreise. Man verlangte für die Schulen in diesen Landkreisen ausschließlich deutsche Lehrer und unterrichtete weitgehend nach deutschen Lehrplänen.

Und wieder verwechselt Oechslen (mit Absicht?) Äpfel mit Birnen. Im 19. Jahrhundert suchte dieses große, weitgehend menschenleere Land fast schon verzweifelt Siedler, die das Land urbar machten. Deutsche waren hochwillkommen, da sie als besonders fleißig und anspruchslos galten. Natürlich wurden ihnen in abgeschlossenen Regionen zunächst Sonderrechte eingeräumt, die sich Stück um Stück verloren. Der falsche Vergleich beruht aber im Wesentlichen darauf, dass heute im Gegensatz zum 19. Jahrhundert eine erheblich größere Mobilität herrscht und auch aus wirtschaftlichen Erwägungen durchaus wünschenswert ist. Mit der Mobilität beginnt auch automatisch die Durchmischung und damit die schreckliche Assimilation. Es ist doch erstaunlich, dass die nach dem zweiten Weltkrieg ausgewanderten Deutschen niemals dieselben Sonderrechte erlangten und verlangten, wie sie den frühen Siedlern zugestanden wurden. Sollten wir also den Einwanderern in Deutschland unbesiedelte Landschaften zur Urbarmachung zur Verfügung stellen, damit wir Oechslens „Gedankengang“ nachvollziehen können? Eine abstruse Vorstellung.

4. Mythos: Haupthindernis für die gesellschaftliche Integration ist der Islam

Ist es nicht erstaunlich, welch prägende Kraft man von interessierter Seite der Religion der Muslime zuschreibt, während man andererseits meint, die gesellschaftliche Bedeutung des Christentums liege nunmehr seit Jahrzehnten im Schwinden? Läge es nicht viel näher, bei Muslimen wie Christen die Religion als einen Identität stiftenden Faktor unter anderen anzusehen?

Das ist alles, was Oechslen zur Religion zu sagen hat. Er stellt sich schlicht nicht einmal die Frage, warum denn wohl das weitgehend zur Folklore mutierte Christentum keinesfalls mit dem Ideologiesystem Islam verglichen werden kann. Wir begegnen hier einmal mehr der üblichen Gedankenlosigkeit, die in unseren etablierten Kirchen vorherrscht, der Islam sei schließlich auch nur eine Religion wie das Christentum. Damit ist das Thema Religion für Oechslen auch bereits abgehakt und er wendet sich den „wahren“ Ursachen der Abschottung zu.

Das entscheidende Hindernis für die volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist bei Muslimen genau wie bei anderen Zuwandern und bei Alteingesessenen ein geringes Einkommen und eine niedrige formale Bildung.

Sollen die Arbeiter aus Ostanatolien, die ihr Heimatdorf bei der Ausreise nach Deutschland zum ersten Mal verlassen haben, auf einmal die FAZ lesen oder im Restaurant Filet Bourguignon bestellen, um zu beweisen, dass sie sich nicht in einer Parallelgesellschaft abschotten?

Ich bin nicht bereit, einen solchen offenkundigen Unsinn (unter verschiedenen Aspekten!) mit einem Kommentar zu bedenken. Der Absatz spricht für sich, aber gegen den Urheber. Doch schließlich kommt Oechslen so ganz nebenbei noch einmal auf das Thema Religion zurück.

Natürlich spielt auch die Religion eine Rolle, aber oft erst sekundär: wenn etwa Leute, die sich in Deutschland fremd fühlen, in eine Religion flüchten, die ihnen früher gar nicht soviel bedeutet hat, nun aber ein wenig Halt bietet.

Dabei kommt ein sehr strenger religiöser Orientierungsrahmen dem Bedürfnis nach Geborgenheit unter Umständen entgegen. Man spricht dann von 'Fundamentalismus' – aber eigentlich geht es um Komplexitätsreduktion: Eine als unübersichtlich und bedrohlich empfundene gesellschaftliche Wirklichkeit soll vereinfacht werden.

Es geht also, das lernen wir nun, um „Komplexitätsreduktion“, um Flucht in die Religion angesichts der bösen Mehrheitsgesellschaft. Oechslen kommt nicht einmal auf die Idee, dass er Ursache und Wirkung hemmungslos vertauscht. Erst die von Beginn an vorhandene Verachtung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft mit ihren als skandalös empfundenen Sitten und Bräuchen verhindert jeden Ansatz zur Integrationswilligkeit und –fähigkeit. Wer sich nicht vermischen will, kann sich auch nicht vermischen, da kann die Gemeinschaft der hier bereits länger Lebenden so viele Integrationsanstrengungen unternehmen wie sie will. Hinzu kommt der unabdingbare Wunsch, die Deutschen hätten sich geflissentlich den Moralvorstellungen einer im Mittelalter stecken gebliebenen Ideologie anzupassen, und nicht etwa umgekehrt. Solche Forderungen sind offensichtlich noch nicht bis in die Kirchenspitzen vorgedrungen, und wenn, dann werden sie gar noch als gerechtfertigt empfunden, weil man unter Strich für das Christentum Gleiches anmahnt.

Den nächsten Punkt kann man aufgrund nunmehr gelebter Praxis nur unterstreichen, er reflektiert allerdings Vergangenes, das keinen Bezug mehr zur heutigen Situation hat. :

5. Mythos: Deutschland ist kein Einwanderungsland

Der Satz "Deutschland ist kein Einwanderungsland" ist eine langjährige Lebenslüge der deutschen Politik. Er wurde von manchen Politikern auch dann noch bis zum Überdruss wiederholt, als das Gegenteil bereits mit Händen zu greifen war.

Doch kommen wir zum sechsten und letzten Mythos des Herrn Oechslen :

6. Mythos: Integration ist eine Bringschuld der Zuwanderer

Die Rede von den "Integrationsverweigerern" ist verräterisch. Denn damit sind ja stets Migranten gemeint. Sie "verweigern" – so sagt man – die Integration, indem sie z.B. nicht ausreichend Deutsch sprechen oder ihre Kinder nicht zur Schule schicken. In Wahrheit ist Integration ein Veränderungsprozess, der 'neue' und 'alte' Mitglieder einer Gesellschaft betrifft.

Wiederum wird die „Schuldfrage“ schlicht umgekehrt. Die ‚alten’ Mitglieder sind die „Integrationsverweigerer“, und da sie zahlenmäßig um ein Vielfaches schwerer wiegen, muss natürlich auch ihre Schuld größer sein. Welch groteske Verdrehung der tatsächlichen Gegebenheiten!

Natürlich dürfen in einer solchen Darstellung auch die Angriffe auf Alice Schwarzer und Thilo Sarrazin nicht fehlen. Es wäre ja sonst unvollständig.

Vieles wurde erreicht. Und nun, im siebten Jahrzehnt ihres Lebens, begegnen Frau Schwarzer massenhaft Frauen und Mädchen mit Kopftuch, das sie nicht anders verstehen kann, denn als Symbol der Unterdrückung.

Und Thilo Sarrazin: Auf einem Podium in München nannte man ihn einen "Kleinbürger, der mit einer ungeordneten Welt nicht klarkomme". Das trifft die Sache recht genau. Aber das "gediegene Münchner Bürgertum" tobt vor Wut, als man sein neues Idol angreift (SZ vom 1.10.10). Hier meldet sich Verweigerung zu Wort, Weigerung eine neue gesellschaftliche Wirklichkeit zu akzeptieren, Ablehnung eines Lern- und Veränderungsprozesses, von dem man doch dunkel ahnt, dass er unvermeidlich ist.

Ich möchte dem nur hinzufügen, was ich selbst von Frauen denke, die mir mit Kopftuch entgegen treten (und ich sage dies auch laut in „meinem“ Land). Ich empfinde dieses religiös verbrämte Outfit als Provokation, als Beleidigung meiner Intelligenz, weil ich genau weiß, was diese Frau mir gegenüber zum Ausdruck bringen will: Ich trage dieses Kopftuch, weil Du ein mieses Schwein bist, das mich sofort vergewaltigen würde, sobald ich es ablege. Ich finde, dass mich dieser Satz durchaus beleidigt.

  




Takfir : das innerislamische Chaos


Die Debatte über den Islam hat die zivilisierte Welt erreicht. Allerdings fällt es ihr schwer, zu wirklich sauberen und analytisch korrekten Bewertungen zu kommen, da außerhalb (aber teilweise auch innerhalb) der islamischen Umma wenig bekannt ist, wie weit die Fraktionierung der moslemischen Welt bereits vorangeschritten ist. Den meisten ist allenfalls bekannt, dass es Sunniten gibt (gesteuert von Al-Azhar in Kairo) neben den Schiiten, deren überwiegender Teil im Iran siedelt (gesteuert von der geistlichen Hochburg Qom). Man hört auch gelegentlich, dass Schiiten sunnitische Moscheen in die Luft sprengen – vor allem im Irak – und im Gegenzug sich Sunniten als Selbstmordattentäter auf vornehmlich von Schiiten besuchten Märkten betätigen. Hinter diesem Getöse bleibt der Außenwelt zumeist verborgen, was sich hinter den Kulissen abspielt.

Häufig wird nur wahrgenommen – vor allem von den so genannten Islamkritikern – was die Extreme sich leisten: Gewalt im Namen Allâhs. Dass die große Masse „normaler“ Moslems in den „gemäßigten“ Staaten wie zum Beispiel Tunesien längst andere Vorstellungen davon hat, wie der Glauben sich in ein modernes Weltbild einfügt, passt ganz offensichtlich nicht ins Bild. Allerdings ist es genau so falsch, wenn die Kanzlerin in ihrer Entschuldigung für die Äußerungen anlässlich des Todes von Bin Laden meint, dieser habe den Koran missverstanden. Genau das Gegenteil ist der Fall: er hat ihn wörtlich genommen. Siehe hierzu den viel diskutierten Artikel auf  Wissenrockt.

Genau dies aber wollen die so genannten „Kulturmoslems“ bereits seit längerem nicht mehr akzeptieren. Sie wollen leben und arbeiten wie im Westen und sich nicht fünf Mal am Tag um ihre Religion kümmern. Sie verhalten sich in diesem Punkte fast deckungsgleich mit der Masse der „Kulturchristen“, die die christlichen Feiertage begehen, sich aber das restliche Jahr von Herzen wenig darum kümmern, was die Oberbosse ihrer Institutionen täglich von sich geben. Die relative Anzahl der Kulturmoslems ist in den einzelnen Ländern natürlich völlig unterschiedlich. Am weitesten fortgeschritten auf dem Weg in eine Säkularisierung der Religion sind dabei solche Gesellschaften, die seit vielen Jahren mit intensiven Ausbildungsanstrengungen für den Aufbau einer funktionierenden Mittelschicht gesorgt haben. Bestes Beispiel bleibt für mich dabei Tunesien, doch auch im Iran existiert diese Mitte, die nur derzeit noch weitestgehend vor sich hin vegetiert, da sie von Staats wegen sich nicht entfalten kann. Dass diese erkennbare Abwendung von den strengen Normen des 1.400 Jahre alten Glaubens nicht allen passt, und dass sich Gegenbewegungen extremer und extremster Art herausbilden, ist nur logisch und verständlich. Doch irgendwann werden vielleicht auch die Protagonisten der scharfen Auslegung erkennen: Allâh schafft keine Jobs!

In einer lesenswerten Studie hat nun Christian H. Meier unter dem Titel „Der Kampf um Deutungshoheit über den Islam“ eine Diskussion eröffnet, die hoffentlich auch über die Seite Qantara hinaus in Zukunft wahrgenommen werden wird.

  

 

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Ehen werden im Himmel geschlossen


Dieser Spruch, von Oscar Wilde satirisch-bissig verdreht als "Scheidungen werden im Himmel beschlossen" und wie beiläufig in die Komödie „The Importance of being E(a)rnest“ eingestreut, kennzeichnet überdeutlich, wie früher die Partnerwahl quasi regelhaft vonstatten ging. Nicht die Partner finden sich, sondern die Ehe wird von den Familien ausgemacht, arrangiert. In unserer aufgeklärten Welt, mit Ausnahme vielleicht einiger rückständiger Gebiete auf dem platten Land, gilt diese Art der Partnerfindung allerdings seit geraumer Zeit – und wohl zu recht – als ein eklatanter Verstoß gegen die Menschenrechte, einmal ganz davon abgesehen, wieviel „Glück“ eine solche Ehe wohl produzieren mag. Ein Sonderfall liegt sicherlich dann vor, wenn einer der beiden Partner unter Androhung oder Volllzug von körperlicher Gewalt in diese Ehe gezwungen oder in ihr gehalten wird. Doch nur dieser offensichtliche Ausnahmefall kann rechtlich verfolgt werden und ist seit 2010 ein eigener Straftatbestand. Betroffen sind davon nur 0.035%  aller existierenden Ehen in Deutschland. Wundert es irgendjemanden, dass nicht mehr Fälle bekannt werden?

Die Zahlen wurden geliefert durch eine Studie, die im Auftrag der Bundesfamilienministerin Christina Schröder und federführend von der Hamburger Lawaetz-Stiftung und der Frauenorganisation Terre des Femmes erstellt worden war.

Da vor allem moslemische Familien davon betroffen sind, wittern die Berufsmoslems darin gleich wieder eine Attacke auf den Islam. So empört sich Nurhan Soykan lautstark in einem Artikel auf islam.de: Das Thema Zwangsehe führt immer wieder zu hitzigen Debatten, schon die Definition ist umstritten. Die vorliegende Studie spricht nur dann von einer Zwangsheirat, wenn mindestens einer der Ehepartner durch Gewalt oder Drohungen zum Heiraten gezwungen wird. Davon zu unterscheiden sind sogenannte arrangierte Ehen, bei denen der Partner ebenfalls von Verwandten oder Dritten ausgesucht wird, die Eheleute damit aber einverstanden sind.

Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Perfidie das wirkliche Problem, das Arrangieren von Ehen, quasi in einen Nebensatz als unwichtig verschoben wird. Denn genau dies kennzeichnet die Lebenswirklichkeit moslemischer Paare. Einer Gewaltandrohung bedarf es dazu  in aller Regel nicht. Das Wort der Väter hat in einer typisch moslemischen Familie Gesetzeskraft. Und natürlich erklären sich die betroffenen Kinder einverstanden. Gewaltandrohung ist ja auch nur dann nötig, wenn sie aufmucken sollten. Das Geschrei der moslemischen Interessengruppen geht also vollumfänglich am wahren Problem vorbei. Das wird nicht einmal diskutiert, so selbstverständlich ist in diese rückständige Kultur eingebügert.

Meine eigenen Beobachtungen zu diesem Thema stammen (wie sollte es wohl anders sein) aus meinem Gastland Tunesien. Auf dem Land ist die arrangierte Ehe nach wie vor der Regelfall. Mit dem Zerfall traditioneller Familienstrukturen in Ballungsgebieten, also ganz ähnlich der Entwicklung in der Vergangenheit in Europa, gibt es aber zwei bemerkenswerte Tendenzen. Zum einen suchen und finden sich die jungen Leute immer häufiger freiwillig zum Ehebund zusammen und zum anderen scheitern in zunehmendem Maße Zwangsverbindunngen der genannten Art. Die Scheidungsrate nimmt von Jahr zu Jahr zu – und die Trennung wird in den meisten Fällen von Frauen verlangt, die sich endlich ihres Paschas entledigen wollen. Diese Entwicklung wird wohl kaum aufzuhalten sein.

Ich gehe einmal davon aus, dass meine tunesischen Beobachtungen auch auf die Türkei zutreffen mit denselben Unterschieden zwischen Anatolien und den Großstädten wie Ankara oder Istambul. Bei den Türkischstämmigen in Deutschland scheint aber die nachgeholte „Cousine aus Anatolien“ wohl eher kein Klischee, sondern ein sehr häufig anzutreffender Fall zu sein.

Ich erspare mir an dieser Stelle jede weitere Bemerkunng dazu, welche Schlüsse aus diesem Umstand für die Integrationsfähigkeit dieser neudeutschen Bevölkerung daraus gezogen werden müssen.

 

 

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Evangelische Nachhilfe


Die Kirchenaustrittswelle entwickelt sich zum Tsunami. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Laut einer Analyse des Sinus Instituts (Heidelberg) beträgt das Schwundpotential ca. 5.5 Mio. Christen, von dem vor allem die Evangelischen betroffen sind: Den Kirchen droht eine massive Austrittswelle. Ganz im biblischen Sinne sollen nun gegen den Schwund Menschen gefischt werden. Was das bedeutet, erklärt Rainer Buchheim in No heaven – only sky:

Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder, die von Beruf Fischer waren, Simon, der auch Petrus genannt wird, und Andreas. Sie warfen gerade ihr Netz aus. Jesus sagte zu ihnen: „Geht mit mir! Ich mache euch zu Menschenfischern.“ Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.
(Mt 4; 18-20)

Oh wäre doch Petrus nicht von gar so schnellem Entschlusse gewesen! Schließlich äußerte Jesus seine Gleichnisse und Metaphern nicht ohne tieferen Sinn. Und dieser könnte hier darin bestanden haben anzudeuten, worum es ihm wirklich ging.
Wäre der gute Simon Petrus nur ein wenig kritischer gewesen, so hätte er möglicherweise seinem verehrten Meister die Frage gestellt:
„Oh Herr, weißt du denn nicht, was ein Fischer tut? Zunächst knüpft er ein Netz, so fein, dass das Fischlein es frühestens erkennt, wenn es zu spät ist; aber auch so fest, dass es für das gefangene Fischlein kein Entrinnen gibt, mag es auch noch so heftig zappeln.
Sodann hievt er das volle Netz in sein Boot, entzieht also den Fischlein ihr natürliches Element, so dass die Körper verschmachten und ihre Seele aufgeben. Dann bringt er sie an Land um sie zu verkaufen.
Nun, oh Herr, mit Fischen mag das angehen, denn sie sind unsere Nahrung. Aber mit Menschen?“
Wäre Petrus ein Weiser gewesen anstatt ein Mitläufer, wer weiß…

Nun dürfte sich die Evangelische Kirche die Menschenfischerei wohl anders beurteilen als von Rainer Buchheim karikiert. Sie will allen Ernstes den Abtrünnigen, den Zweifelnden oder den Entwöhnten Kurse zum Glauben anbieten, Nachhilfestunden im Christsein so zu sagen. Dazu startet sie eine aufwändige Kampagne Kurse zum Glauben (siehe die Plakate, die uns wohl bald bundesweit beglücken werden), in der Prominente und weniger Prominente Aussagen dazu machen, wie schön es doch ist, (wieder) Christ zu sein. Und daher fragt die Aktion:

Woran glauben Sie?

Die einen glauben an Gott, die anderen an die Wissenschaft, manche glauben an sich selbst und manche an gar nichts. Und wie ist das bei Ihnen? Woran glauben Sie? Geht es Ihnen wie vielen, die christlich getauft sind, aber den Bezug zu Kirche und Glauben verloren haben? Gehören Sie zu denjenigen, die zwar regelmäßig in die Kirche gehen, aber trotzdem den Wunsch nach einer intensiveren Beschäftigung mit dem Glauben verspüren? Oder sind Sie vor Jahren aus der Kirche ausgetreten, möchten nun aber mit Ihrer gewonnenen Lebenserfahrung nochmals über die Bedeutung des Glaubens nachdenken?

Den christlichen Glauben neu entdecken

Die Evangelische Kirche lädt Sie ein, Ihren Glauben wieder neu zu entdecken. Oder zumindest, sich nochmals mit der Bibel, mit der Geschichte von Jesus Christus und mit der Frage zu beschäftigen, woran Sie eigentlich glauben. Dazu bieten viele Gemeinden und Bildungseinrichtungen Kurse zum Glauben an, die sich speziell an Erwachsene richten.

Wer glaubt weiß mehr

Viele, die schon einen solchen Kurs mitgemacht haben, sind froh über die Impulse, die sie dadurch für ihr Leben gewonnen haben. Deshalb möchten wir Sie ermuntern und herzlich einladen, einen Kurs zum Glauben in Ihrer Nähe zu besuchen. Vielleicht gelangen auch Sie dabei zu der Erkenntnis: Der Glaube ist ein starkes Fundament, um unsere Welt und unser Dasein besser verstehen zu können.

Viele tote Fische? Über den Erfolg der Kampagne wurde bisher noch nichts bekannt.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




„Ein Schritt vor, zwei zurück“


Ins „Dar Essalam“, das Haus des Friedens, ist die Welt nach Allahs Wille erst dann eingetreten, wenn sie sich vollständig seinen Anweisungen, sprich den Regeln des Korans,  unterworfen hat (Islam = Unterwerfung). Bis zu diesem Zeitpunkt lebt ein Moslem, wenn er seine Quellen wörtlich nimmt, im „Dar al-Harb“, dem Haus des Krieges. Auf welche Art und Weise dieser Krieg geführt werden soll, hängt dabei ganz entscheidend davon ab, in welchem Umfeld er stattfindet und welche Interpretation der einzelne Moslem den allgemeinen Anleitungen entnimmt. Fällt diese Interpretation extrem oder fundamentalistisch aus, wie dies bei Wahhabiten oder Salafisten der Fall ist, verschwimmt die Grenze recht bald in Richtung terroristischer Vereinigungen, von denen Al-Qaeda nur die augenfälligste und seit 9/11 bekannteste Variante darstellt. Während solche Vereinigungen in den gemäßigten islamischen Ländern wie beispielsweise Tunesien und Algerien mit AQMI (Al-Qaeda du Maghreb islamique) nur punktuelle „Erfolge“ erzielen können etwa durch Attentate oder Pressionen und Einschüchterungen der einheimischen Bevölkerungen, zieht sich inzwischen quer durch Afrika, von Mauretanien über Mali, den Norden Nigerias bis hin zum Horn von Afrika ein breites Band terroristischer Gewaltherrschaft, in dem der offene Krieg gegen alle Andersdenkenden ausgebrochen ist. Dieser Entwicklung steht die Presse in den zivilisierten Ländern, und wohl auch deren Politiker, mangels Hintergrundkenntnissen weitestgehend hilflos gegenüber.

In Europa und speziell in Deutschland begegnen wir ganz offensichtlich derzeit einem anderen Typus von Islam. Zwar haben auch Salafisten und andere Extremisten ihre Anhängerschaft, doch stellen sie mit geschätzten 30-50.000 Mitgliedern eine winzige Minderheit dar. Zu einer wie auch immer gearteten „Kriegsführung“ fehlt ihnen so gut wie alles, selbst zur Organisation terroristischer Anschläge sind sie nicht zuletzt dank der guten Überwachungsarbeit unserer Sicherheitsorgane kaum in der Lage. Die weit überwiegende Anzahl der in Deutschland lebenden Moslems ist weit von solchen fundamentalen Auffassungen entfernt. Etwa die Hälfte von ihnen wird nach den Erhebungen von fowid als mehr oder weniger ungläubig eingeschätzt, selbst wenn sie sich nicht offiziell als Ex-Moslems bekennen. Es reicht zumeist die Klassifizierung „nicht praktizierend“, was aus dem Mund eines Moslems etwas ganz anderes (mutiges) bedeutet, als wenn dies von einem Christen käme. Die andere Hälfte kann man als „fromm“ einstufen, doch lehnt sie aus Überzeugung Gewalttätigkeit ab. Ihr Glauben, die Riten und die Feste sind aus der Tradition vorgeprägt und werden vor allem dort ausgeübt, wo viele Moslems raumnah beisammen sind. In der derzeitigen Situation stellen sie keine unmittelbare Gefahr für die Gemeinschaft dar. Ob sich das bei zunehmender Anzahl einmal ändern wird sei dahingestellt.

Interessanter als die einzelnen Gläubigen, deren Religiosität wir als Humanisten zu respektieren haben (siehe auch unser Manifest) stellt sich die Arbeit der Verbände dar, die in ihrem Namen sprechen. Zusammengefasst agieren sie als KRM (Koordinationsrat der Muslime) und treten gegenüber den staatlichen Organen als die einzig befugten Vertreter aller Moslems in Deutschland auf (obwohl das nicht den wirklichen Gegebenheiten entspricht).  Sie versuchen dabei, sich ähnlich wie die Kirchen zu organisieren (vielleicht sogar mit dem Ziel der Körperschaft des öffentlichen Rechts). Sie sprechen bereits selbst von einer „Verkirchlichung“ ihrer Organisation. Und das hat gute Gründe: sie möchten unter dem Strich in den Genuss derselben Privilegien gelangen, die sich die Staatskirchen in der Zeit nach der Aufklärung Stück um Stück wieder angeeignet (ergaunert?) haben. Auf diesem Wege sind sie dank der tätigen Unterstützung durch die Amtskirchen sehr gut (und in der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt) vorangekommen. Die Einrichtung islamisch-theologischer Lehrstühle und die Einführung von islamischem Religionsunterricht in den Schulen (alles vom Staat finanziert) sind nur die hervorstechenden Beispiele auf ihrem Weg zu völliger Gleichberechtigung mit den Kirchen. Sie können es sich inzwischen sogar leisten, Forderungen zu stellen, die weit darüber hinausgehen wie Halal-Essen in Kantinen oder getrennte Badezeiten für Männer und Frauen in öffentlichen Schwimmbädern.

Es beginnt sich zu rächen, dass die Politik dem Treiben der Amtskirchen bereits viel zu lange tatenlos zugeschaut hat, oder deren Treiben sogar ganz nach Kräften unterstützt hat. Wer heute anstrebt, den Islam in den privaten Bereich zu verlagern (wo er nach unserer Auffassung wie jede andere Religion hingehört), muss sich sagen und vorhalten lassen, dass er nicht rechtzeitig Vorsorge getragen hat bei der Eindämmung überbordender Privilegien. Wenn sich angesichts der selbstverschuldeten Situation dann Politiker hinstellen und von der Chimäre eines angeblich jüdisch-christlichen Abendlandes faseln (nicht selten kommen diese Damen und Herren aus Bayern), dann müssen sie sich nicht wundern, wenn verstimmte Reaktionen aus moslemischen Kreisen kommen.

Eine solche Reaktion sei unserer Devise „audiatur et altera pars“ folgend hier präsentiert:  http://www.islam.de/20141

Wissensstand vom Beginn 2012.

 

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الديمقراطية والا الاسلام


Die unverstandene Dichotomie:

Nach Auflösung des West-Ost-Gegensatzes trat ein Konflikt ins Licht, der jahrzehntelang fast völlig überdeckt von anderen Problemen dahingeschlummert hatte. Eine kulturelle Auseinandersetzung (Huntington: „clash of civilisations“), die das 21. Jahrhundert in erheblichem Ausmaß beschäftigen wird, die Dichotomie zwischen demokratischer und islamischer Weltauffassung. Das lässt sich auch ohne größere prophetische Gaben leicht vorhersehen. Nein, besser: wir sehen uns bereits in vollem Umfang mit diesem Konflikt beschäftigt. Das aus dieser Erkenntnis einsetzende Sendungsbewusstsein vor allem amerikanischer Politiker ist bekannt – der Ausgang der begonnenen Experimente in Irak und Afghanistan aber noch durchaus ungewiss. Manche gehen bereits davon aus, dass sie gescheitert sind, manche hoffen immer noch, dass sich westliche Demokratie in islamischen Ländern notfalls auch mit Waffengewalt einführen ließe.  

Bei dieser Auseinandersetzung ist den meisten offensichtlich nicht klar, wo denn nun genau die eigentlichen Konfliktlinien verlaufen. Es lohnt sich also, einen näheren Blick auf die Besonderheiten dieser Dichotomie zu werfen.

„Religion“ heißt auf Arabisch دين  (spricht sich etwa wie [di:n]). Islam (الاسلام ), Christentum, Judentum sind also دين. Außer als Lehnwörter (siehe oben  الديمقراطية, sprich: dimokratiyya) kennt das Arabische (ebenso wie die europäischen Sprachen außer dem Griechischen) keine eigenen Begriffe für Demokratie, Diktatur oder ähnlichem. Fragt man näher nach, wie man denn zum Beispiel ein Gesellschaftssystem wie „Demokratie“ am besten auf Arabisch wiedergibt, bekommt man eine überraschende Antwort: Auch „Demokratie“ ist  دين. Wenn sich die erste Verblüffung gelegt hat, wird einem schnell klar, woran das liegt.

Demokratie ist ein Gesellschafts- und Politikmodell, das als Voraussetzung eines aufgeklärten, laizistischen Staates bedarf, in dem Gewaltenteilung, Menschenrechte, Meinungs- und Bekenntnisfreiheit sowie Minderheitenschutz wenigstens näherungsweise verwirklicht sind. Sie sagt nichts darüber aus, an was ihre Bürger – falls überhaupt – zu glauben haben – sieht man einmal von dem höchst umstrittenen Gottesbezug in der Präambel zum deutschen Grundgesetz ab.

Islam ist klassisch gesehen eine Religion und gleichzeitig ein Gesellschafts- und Politikmodell. Wie genau dies aussieht, wie es sich in der Geschichte entwickelt hat und wie es heute angewandt wird, dazu unten mehr.

Zunächst aber: Wie kann ein Dialog aussehen? Wer kann die Diskussion führen? Politiker? Religionsvertreter? Wie können Demokratie, Religionsvielfalt  und Islam in Einklang gebracht werden?

Wenn Kirchenvertreter – wie zuletzt der „deutsche“ Papst bei seiner Nahost-Visite – zum interreligiösen Dialog der drei monotheistischen Weltreligionen aufrufen, sind sie sich wohl nicht darüber im Klaren, dass damit nur ein kleiner Teilaspekt des Problems abgedeckt wird. Von rein religiöser Warte aus betrachtet stellt sich die Angelegenheit relativ simpel dar: man hat einen angeblich gemeinsamen Gott, der sich in verschiedener Weise offenbart haben soll, die Riten- und Regelbefolgungen sind unterschiedlich. Aber immerhin rekurriert man weitgehend und vordergründig auf dasselbe Personal: Abraham (Ibrahim), Moses (Moëz), Jesus (Isa Ben Maryam) und viele der alttestamentarischen Propheten. Eine optimistische Vorstellung: man konzentriert sich auf das Verbindende, lässt unterschiedliche Riten zu – und schon hat man weit mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung hinter sich: eine allumfassende Ökumene.

Gehen wir einmal davon aus, dieser interreligiöse Dialog könne zu irgendeinem Erfolg  führen. Was wäre damit gewonnen? Was würde das für einen Vorteil für die Gesellschaft bringen? Im Idealfall ein wenig mehr Toleranz und Respekt für den jeweils Andersgläubigen – das wäre schon ein Gewinn. Doch was geschieht mit denen, die sich keiner der drei Religionen anzuschließen vermögen – in Deutschland immerhin ein gutes Drittel der Bevölkerung? Peter Scholl-Latour, der so genannte Nahostexperte, versteigt sich sogar zu der nach unserer Sichtweise, aber z.B. bei PI vertretenen, völlig unsinnigen Forderung, der Westen müsse wohl nach amerikanischem Zuschnitt eben wieder etwas christlicher werden, damit er von den Moslems als Gesprächspartner ernst genommen werden könne. „Atheisten sind in den Augen der Moslems nichts, sie sind weniger als Schweine“ (Scholl-Latour). Dann wäre man in der Tat einem positiven Ergebnis des Dialogs der Religionen ein Stück näher – doch um welchen Preis? Der große Vorteil unserer pluralistischen Gesellschaft liegt doch unter anderem auch darin, dass auch solche, die neben der physikalischen und biologischen Welt keine metaphysischen oder transzendentalen Elemente anerkennen können, ihre Lebensberechtigung haben und ihre Meinung frei vertreten können ohne als Ketzer oder Häretiker angeprangert oder gar physisch vernichtet zu werden.

Religiöse Gesellschaften in der Praxis

Die „einzige echte Demokratie“ des Nahen Ostens, das „jüdische“ Israel, ist stolz auf seine gesellschaftspolitischen Errungenschaften, die sie von der arabischen Umwelt absetzen. Das demokratische Verständnis der Gründergeneration (von extremen Zionisten einmal abgesehen) steht dabei wohl außer Frage, doch heute? Welche Rechte haben Moslems, Christen und religionsfreie Humanisten im „Gelobten Land“? Schaut man genau hin, so erkennt man, dass modernere politische Regungen wie z.B. Israel Beitenu des Außenministers Liebermann statt von demokratisch gebotener Vielfalt eher von einer jüdischen Ethnokratie basierend auf Thora und Halacha träumen. Noch haben sie nicht die Mehrheit und es gibt weiterhin moslemische Abgeordnete in der Knesseth und arabische Bürgermeister – doch wie lange noch? Bevor unsere jüdischen Freunde im Blog protestieren: ich sehe die Gefahr nicht reell, sondern allenfalls als latente Bedrohung für die Demokratiefähigkeit Israels.

Das ur-katholische Verständnis von Staat und Religion lässt sich deutlich am Vatikan ablesen: Demokratie? Fehlanzeige! Der gesetzgeberische Souverän ist Gott mit seiner Offenbarung, sein Stellvertreter ist weltliches und geistliches Oberhaupt dieses international weitgehend anerkannten „Staates“, einer Theokratie von Mussolinis Gnaden mitten im aufgeklärten Europa. Es bleibt abzuwarten, was der Chef dieser Theokratie den Demokraten des Bundestages bei seinem Besuch im September des Wir-sind-Papst-Jahres zu berichten haben wird.

Was macht aber das Besondere am Islam aus? Der Grund ist historischer Natur. Von Beginn an in Medina und später in Mekka gab es im Islam keinen Widerspruch zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Offenbartes Recht (qur’an und sunna = schari’a) war Basis des Zusammenlebens. Anders als Moslems waren Christen nicht von vornherein im Besitz weltlicher Macht. Sie waren gezwungen, ihre eigene Organisation abseits weltlicher Staatsstrukturen zu formieren. So entwickelte die katholische Kirche beispielsweise sogar ihr eigenes Rechtssystem (canones), das unabhängig von staatlichen Institutionen funktionierte, und das sie nur allzu häufig missliebiger weltlicher Macht aufzudrücken versuchte. Ansonsten arrangierten sich aber die Kirchen – so vor allem auch später Luther – mit den weltlichen Machtverhältnissen, die sie gerade vorfanden, egal ob demokratisch, monarchisch oder totalitär.

Solche Arrangements hatte der Islam bisher nie nötig. Deshalb hat er auch keine vom Staat unabhängige Organisationsstruktur. Man könnte überspitzt sagen: Islam organisiert sich als Staat oder ihm fehlen jedwede Merkmale einer eigenständigen, religionsgebundenen Struktur. Man sieht hier bereits einen wesentlichen Grund, warum die moslemischen Organisationen wie der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) oder Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) sich so schwer tun.

Der ideale Staat hat nach moslemischer Auffassung nur einen Souverän: Allah. Sein Wille offenbart sich direkt im Koran, indirekt in der Sunna (Hadithe), also den aufgezeichneten Äußerungen Mohameds zu Lebzeiten. Zusammengefasst ergibt das die Scharia, über die im Westen teilweise völlig falsche Vorstellungen herrschen aufgrund von medialen Horrorberichten. Alle Nachfolger des Propheten gelten als Stellvertreter Gottes (khalifa), die das Gesetz umzusetzen haben und allenfalls Ausführungsbestimmungen (qanun = canones) erlassen, um alles, was in der Scharia nicht geregelt ist, mit Leben zu füllen. Dem Kalifen, der im Idealfall ein gütiger Richter und Philosoph, aber auch ein guter Kämpfer sein soll, steht ein Beratergremium zur Seite (die Schura). Das gemeine Volk (die Umma) hat ohne zu hinterfragen den Weisungen des Kalifen zu folgen. Unklar bleibt, wie das Beratergremium zusammengesetzt sein soll und von wem es gewählt wird, oder was zu tun ist, falls der Kalif den definierten Anforderungen nicht entspricht. Die Parallelen zum Vatikanstaat (bis auf die Kämpferqualitäten) sind verblüffend.

Bis zum vierten Kalifat in der Nachfolge Mohameds hat das auch alles ganz gut funktioniert. Danach wurde die Situation immer verworrener und zerrissener, bis sich schließlich die Philosophen daranmachten, die offensichtlichen Mängel des Systems zu analysieren und damit eventuell zu beseitigen. Zu nennen ist hier vor allem Ibn Rushd (Averroës), der aus einer einflussreichen Richterfamilie stammte, selbst Recht, Philosophie und Medizin studierte, und als qadi (Richter) eine einflussreiche Stellung in der nordafrikanisch-andalusischen Almohaden-Dynastie einnahm. Unter seinen wohl insgesamt 84 Werken sind 55 noch bekannt, vor allem sein Kommentar zu Platons politeia ist im westlichen Kulturkreis von großem Einfluss  gewesen.

Wie Platon unterscheidet er zwischen der Elite und der Masse eines Volkes. Als unzulänglich bei Platon empfindet er, dass nur die Gebildeten letztlich Glückseligkeit erlangen können, nicht aber die Masse des Volkes. Im islamischen Idealstaat sei dies aufgrund der religiösen Basis auch für die einfachen Leute möglich, nicht nur im Diesseits, sondern vor allem auch im Jenseits. Zudem ist Platons Staat auf reine Vernunft gegründet, es mangelt ihm sozusagen die geistliche Überhöhung, Allahs Offenbarung, die weit über aller Vernunft anzusiedeln ist. Gleichwohl misst er der Vernunft (außer bei der Staatsräson) einen so hohen Stellenwert zu (duplex veritas?), dass er letztlich von orthodoxen Geistlichen geächtet und verbannt wurde, seine Werke wurden verbrannt. Bei den möglichen Staatsformen geht er mit Platon allerdings weitestgehend konform – vor allem in seiner Ablehnung der Demokratie, die als irrende Vorform der Tyrannei zu betrachten sei. (Zur weitergehenden Information sei empfohlen: Michael Jainzik, „Zwischen nomos und schari’a“, Concilium medii aevi 5 (2002), 143ff)

Islam in der Demokratie?

Seit der Abschaffung des letzten Kalifats 1924 nach Untergang des Osmanischen Reiches gibt es heute keinen modernen islamischen Staat mehr, der nach dem geschilderten Grundprinzip aufgebaut wäre. Fast alle geben sich einen demokratischen Anstrich, der allerdings Mühe hat, die polizeistaatlichen, diktatorischen und nepotistischen Strukturen zu übertünchen. Neben dem Problem, dass den Menschen grundlegende bürgerliche Rechte vorenthalten werden, ergibt sich ein unangenehmes psychologisches Element: Man ist ja nun einmal Demokratie, was der Bevölkerung auch immer wieder eingehämmert wird, also werden im Empfinden der Bevölkerung auch alle Mängel, die sich überall zeigen, der Demokratie angelastet. Da kann sich demokratisches Bewusstsein in unserem Sinne nicht oder nur sehr schwer entwickeln. Wie ernst dieser demokratische Scheinmantel genommen wird musste ich am eigenen Leib erfahren, als ich wegen meiner Äußerung, man lebe doch wohl in einer „Demokratur“, von „guten“ Freunden denunziert wurde – zum Glück ohne Folgen.

Einen Sonderfall stellt zweifellos die Türkei dar. Als einziges moslemisches Land der Welt hat sie den Laizismus zur Grundlage des Staatsverständnisses gemacht neben Nationalismus, Etatismus und Republikanismus – mithin finden wir hier eine eindeutige Trennung zwischen Religion und Staat, auch wenn man von außen gesehen nicht den Eindruck hat, dass die handelnden Akteure (wie beispielsweise die Adalet ve Kalkınma Partisi, kurz AKP, zu deutsch: Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) dies immer und vollständig verinnerlicht haben. Auch dürfte sich in ländlichen Gebieten, in denen noch immer archaische Strukturen tribalen Ursprungs die Oberhand haben, bis heute kaum festgesetzt haben, dass man in einer Demokratie lebt. (Vertiefend: Patricia Foertsch, „Islam und Demokratie“, Almanya Infodienst N° 3 der Konrad Adenauer Stiftung).

Extremistische Strömungen im Islam (und ich meine nicht einmal nur die militanten) vertreten die Ansicht, der Kampf gegen den Okzident müsse so lange weitergehen, bis die ganze Welt nach der Scharia lebt. Dann erst ist Allahs Wille erfüllt. Wie sähe solch ein Leben aus? Als Beispiel wird immer wieder die moslemische Herrschaft über Andalusien angeführt, die angeblich von so viel Toleranz gegenüber Andersgläubigen getragen war. Immerhin: es hat praktisch keine Zwangsbekehrungen gegeben. Individuelle Mission war anders als im Christentum nicht vordringlicher Zweck der Islamisierung. Jedoch mussten die „Schriftgläubigen“ (Juden und Christen) erheblich erhöhte Steuern entrichten und waren von weiten Teilen des öffentlichen und politischen Lebens ausgeschlossen. Auch Zwangsdeportationen von Juden nach Marokko sind geschichtlich belegt (weil sie ihre Tracht nicht ablegen wollten). Für Christen und Juden sicherlich keine angenehme Vorstellung, unter der Scharia leben zu müssen – und was wäre zudem mit all denen, die die Präponderanz der Metaphysik gegenüber dem Realen nicht anerkennen können? Hierfür gibt es keine geschichtlichen Beispiele, doch wenn man bedenkt, was die Scharia zum Apostatentum sagt, schwant dem Leser sicherlich nichts Gutes! Glaubensabtrünnige und damit wohl auch Atheisten sind mit dem Tode zu bestrafen.

Dieses islamische religiös-politische Sendungsbewusstsein steht damit auf einer Stufe mit dem westlich-demokratischen Sendungsbewusstsein. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Demokratie mit all seinen bürgerlich-weltlichen Freiheiten für „echte“ Moslems ein ebenso rotes Tuch darstellt wie für uns die Vorstellung, unter der Scharia leben zu müssen.

La révolution des Jasmins

Und nun erleben wir, direkt vor unserer Haustür, dass sich ein islamisches Land, Tunesien, mit großer Entschlossenheit von innen heraus daranmacht, eine Demokratie zu entwickeln mit allen dazugehörigen Strukturen wie Rede- und Bekenntnisfreiheit, unabhängiger Presse, unabhängiger Justiz und politischen Parteien. Natürlich stellt sich angesichts der bisherigen Erfahrungen die Frage, ob ein solches Experiment überhaupt Chancen der Realisierung hat.

Man sollte wissen, von wem die Revolution, der man inzwischen den Namen „Jasmin-Revolution“ gegeben hat, in ihrer politischen Dimension wirklich initiiert wurde. Dazu hat ein angesehener Bankier im tunesischen Fernsehen (unter Tränen) eine bemerkenswerte Aussage gemacht. Wann immer er nach Hause kam fand er seinen Sohn vor dem Computer mit Facebook, Twitter und Ähnlichem beschäftigt. Er hielt all dies für Spielkram, dem er allenfalls lächelnde Nicht-Beachtung schenkte, gelegentlich verbunden mit der Ermahnung, sich doch lieber mit etwas Sinnvollerem zu beschäftigten. Als er am Freitag (14. Januar 2011) nach Hause kam, war sein Sohn nicht da. Als er den Fernseher einschaltete sah er die Menge der jungen Demonstranten, die zusammen mit den streikenden Richtern und Rechtsanwälten viereinhalb Stunden lang das Innenministerium belagerten. In der Menge entdeckte er durch Zufall seinen Sohn in den vordersten Reihen. Stolz und Trauer überkamen ihn gleichzeitig. Stolz, weil er erkannte, was sein Sohn all diese Zeit vor dem Computer wirklich gemacht hatte, und für das er nun mit dem Mut der Jugend vor aller Augen eintrat. Trauer, weil er schlagartig sah, was seine Generation, karrierebewusst und mit dem System arrangiert, versäumt hatte, was längst hätte geschehen müssen.

Die Jugend lehrt die Eltern, was Demokratie heißt.

Da ich einige dieser jungen Leute aus der Blogger-Szene kenne, weiß ich ungefähr, wie sie „ticken“. Nicht ein einziger von ihnen ist Moslem in dem Sinn, der auf islamkritischen Blogs häufig pauschal als „der Moslem“ dargestellt wird. Kurz: sie haben mit Religion nichts am Hut! Mein zwanzigjähriger Neffe, Student der BWL, ist ein typisches Beispiel dafür. Er lebt wie seine Altersgenossen im Westen ein freies und ungebundenes Leben, besucht nie eine Moschee, aber er würde von sich immer behaupten, Moslem zu sein. Ich bezeichne diese hier weit verbreitete Art von Moslems als „Kulturmoslems“ und vergleiche sie mit den vielen Deutschen, die nie eine Kirche von innen sehen, aber trotzdem an Weihnachten einen „Christbaum“ aufstellen, und damit ihr Eingebettetsein in die hiesige Kultur demonstrieren.

Islamische Scharfmacher haben bei diesen jungen Leuten (und ihren Eltern!) nicht die geringste Chance. Die im Titel gestellte Frage „Demokratie oder Islam“ ist hier nicht virulent, sie muss umformuliert werden in Demokratie und ein in den privaten Bereich verschobener Islam. Ich vertraue darauf, dass sich diese Idee hier durchsetzt, sonst hätte ein weiteres Verbleiben in diesem Land für meine Frau und mich keinen Sinn.

(Das Original des Fotos im Banner stammt von Götz Burggraf und Sie können es hier bestaunen.)

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Vom Primat der göttlichen Moral


Wie gering die Bereitschaft von Religionen ausgeprägt ist, weltliches Recht als übergeordnet anzuerkennen und danach zu handeln, zeigt sich nicht nur in den täglichen Forderungen nach neuen Sonderrechten für Moslems, sondern auch Christen sind trotz stetiger gegenteiliger Beteuerungen nicht bereit zurückzustecken, wenn weltliches Recht mit den eigenen Vorstellungen kollidiert. Belege für diese Behauptung sind zahlreich, typisch sind die Scharia-Vorbehalte der OIC (Organisation of Islamic Countries) gegenüber der Menschenrechtsdeklaration von 1948 ebenso wie die fehlende Unterschrift der Römisch Katholischen Kirche. Die Kumpanei zwischen Katholiken und Moslems geht aber viel weiter, wie der gemeinsame Kampf gegen die Blasphemie oder die Homosexualität zeigt. Dabei stellt sich der Vatikan einmal mehr auf die Seite der Unrechtsstaaten, in denen die Menschenrechte keinen Pfifferling wert sind und in denen Minderheiten gleich welcher Natur rigoros verfolgt werden.

Dabei ist es völlig gleichgültig, ob Homosexualität erblich bedingt ist, durch Sozialisation erklärt wird, oder ob sie als Krankheit deklariert wird. Gegen die Diskriminierung dieser Randgruppe wendet sich eine Resolution von 83 Staaten in der UNO unter der Federführung von Kolumbien. Die im März 2011 im UN-Menschenrechtsrat in Genf von Kolumbien verlesene Erklärung trägt den Titel: "Gewaltakte und Menschenrechtsverletzungen wegen der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität verhindern". Darin äußern die Unterzeichner Sorge über die Diskriminierung von Schwulen und Lesben "in jeder Weltregion". Die beklagten Menschenrechtsverletzungen schlössen "Tötungen, Vergewaltigungen, Folter und strafrechtliche Verfolgung" ein, also genau das, was in mehrheitlich moslemischen Ländern, aber auch in evangelikal dominierten, an der Tagesordnung ist. Von den mehrheitlich moslemischen Ländern schlossen sich nur Albanien und Bosnien-Herzegowina der Resolution an. Wie nicht anders zu erwarten, empörten sich die römischen Menschenrechtsverletzer umgehend. Doch nicht etwa gegen diejenigen, die die Menschenrechte mit Füssen treten, was man ja aufgrund der „Christlichkeit“ mit Fug und Recht erwarten dürfte – nein – die Empörung traf diejenigen Staaten, die die Resolution eingebracht haben. Queer.de  berichtet:

Scharfe Kritik am Papier hat die katholische Kirche geäußert. Der Vatikan warnte nach Verkündigung der Erklärung davor, dass die Akzeptanz von Homosexuellen zur Verfolgung von Christen führen könne: "Viele werden attackiert, wenn sie sexuelles Verhalten zwischen Menschen des selben Geschlechts nicht unterstützen", sagte Erzbischof Silvano Tomasi, der Vertreter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen. Wenn sie ihre moralischen Bedenken äußerten, würden Gläubige "stigmatisiert, verteufelt und verfolgt." Der Erzbischof verteidigte das Recht der Staaten, Homosexualität zu verbieten: Staaten müssten das Recht haben, "gewisse sexuelle Handlungen" zu regulieren und gewisse "sexuelle Verhaltensweisen" per Gesetz zu untersagen

Dazu erübrigt sich im Prinzip jeder weiter gehende Kommentar. Man stellt sich – Spitze der Perfidie und Bigotterie – offen auf die Seite der Mörder und beweint gleichzeitig die mangelnde Toleranz der Aufgeklärten gegenüber der Kirche. Diese Schizophrenie setzt sich in religiös überwucherten Web-Publikationen wie Politically Incorrect fort: Man empört sich über die „Baukräne“ im Iran, betreibt aber simultan eine gnadenlose Hetze gegenüber denen, die Opfer solcher Massaker sind. Als ob es einen Unterschied machte, ob Minderheiten konkret ausradiert werden, oder ob man nur indirekt Beifall dazu klatscht. Da kann man leicht sagen, dass die heilige römisch katholische Kirche in letzter Zeit keinen Homosexuellen selber aufgehängt hat. An Schäbigkeit ist das wohl kaum noch zu überbieten. Ein solches Verhalten ist wohl kaum geeignet, ein „christliches Abendland“ schmackhaft zu machen.

Mit einer Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht, fordern Muslime den Schlachtruf des Muezzins vom Minarett herab und Katholiken christliche Symbole in staatlichen Einrichtungen, und beide völlig unabhängig davon, ob andere dadurch eingeschränkt, geschädigt, oder in ihrem Befinden belästigt werden.

Gilt es aber – reichlich selten genug – den weltlichen Gesetzen zur Geltung zu verhelfen, erhebt sich ein großes Geschrei über die Intoleranz gegenüber den Religionen. Zwei typische Bespiele werden von Kath.net beweint: USA: Toleranz für jeden – außer für Katholiken? Amerikanische Katholiken sind besorgt, dass ihnen immer mehr Freiheiten genommen werden.

Um welche Freiheiten handelt es sich dabei? Man liest: (…) in San Antonio in Texas, fanden die Äußerungen des atheistischen Elternpaares Christa und Danny Schultz sehr viel Beachtung. Sie waren besorgt, dass ihrem Sohn Schaden zugefügt wird, wenn er mit Worten wie Gott oder Gebet bei seiner Schulabschlußfeier konfrontiert würde. Chef- US-Bezirks-Richter Fred Biery entschied daraufhin, dass bei der Graduiertenfeier der Oberschule keinerlei Gebet gesprochen werden darf und auch nicht das Wort „Gott“ oder ein „Amen“ erwähnt werden soll, da dies den Teilnehmern der Feier schaden würde. Jedem, der diesem Urteilsspruch zuwiderhandelt, wird mit einer Gefängnisstrafe gedroht. Amerikanische Katholiken kommentieren, dass dieses dem Ersten Staatsgesetz der Meinungsfreiheit widerspricht. "Wir können das tun was wir wollen und sollten nicht darauf achten müssen gewisse Dinge nur tun zu dürfen wenn es dem Anderen auch genehm ist. Katholischen Christen darf es nicht verboten werden, das zu tun, was ihre Religion ausmacht. Ein Christ spricht ganz natürlich jeden Tag vom lieben Gott und keiner hat das Recht, ihn gesetzlich zu belangen, wenn er nicht den Mund hält".

Diese Form des steten Beleidigtseins, wenn Ansprüche aus offensichtlichen Gründen nicht anerkannt werden, kennen wir ja auch zur Genüge von der moslemischen Propaganda-Maschinerie. Doch wiederum die Frage: warum wird von so vielen mit zweierlei Maß gemessen, je nachdem, von welcher Seite Forderungen gestellt werden? Ist der Ruf des Muezzins vom Minarett herab etwas anderes als die christliche Berieselung mit Gebeten in einer notabene weltlichen Schulabschlussfeier?

Ein weiteres Beispiel, wie sich die katholische Kirche über gesetzliche Bestimmungen hinwegsetzt, und ihre eigene Vorstellung von Moral anderen – obwohl vom Staat finanziert – aufzwingen will, findet sich hier: Amerikanische Katholiken sind besorgt, dass ihnen ihre religiösen Freiheiten immer mehr genommen werden. Grund für die Annahme ist ein neues Gesetz, erlassen vom Bundesstaat Illinois. Im Mittleren Westen der USA hat am 26. Mai 2011 die Diözese von Rockford beschlossen aus einem Adoptionsprogramm für Kinder auszusteigen. Die Diözese will keine Kinder an unverheiratete oder gleichgeschlechtliche Paare vermitteln. Weiterlesen

Da passt es den Katholiken natürlich gut ins Konzept, dass auch die Evangelischen am selben Strang ziehen, wenn es gilt, einen antikirchlichen Stimmungswandel zu konstatieren. So erklärte der evangelische Kirchenpräsident Christian Schad: Atheistische Forderungen finden zunehmend positive Resonanz.

Seltsam nur, dass wir Atheisten davon so wenig wahrnehmen und lediglich konstatieren können, dass sich der religiöse Einfluss in der Gesellschaft immer stärker breitmacht. Doch lesen Sie mehr zum Thema Antikirchlicher Stimmungswandel.

Das sind Puzzleteile einer groß angelegten Kampagne des Vatikan gegen den Säkularismus, der sich im Motu proprio „Ubicumque et semper“ angekündigt hat, und das nunmehr in der Koalition mit Protestanten und Moslems seine Fortsetzung findet. Wir sind sicherlich noch nicht am Ende der Aktionen angekommen und sollten genau beobachten, mit welchen Mitteln die Gegenseite den Kampf führt.

Da trifft es sich auch gut, dass Psychiater nun festgestellt haben, beim Atheismus handele es sich um eine schlichte Geisteskrankheit, verwandt dem Terrorismus derer, die den Koran nicht verstanden haben. Auch oder gerade, wenn Sie dieses „Argument“ unbeschreiblich lächerlich finden sollten, versäumen Sie bitte nicht, sich darüber zu informieren. Systemfeinde als psychisch krank zu bezeichnen hatte schon in anderen Gesellschaftsformen Methode. Sind wir jetzt hier auch schon soweit?

Passend zum Thema (aus Atheist Cartoons):

 




Totaliter aliter


Der gelegentliche Blick in die Mailbox fördert zumeist nur Banales, Informatives  oder Persönliches zutage. Doch heute morgen fand ich wirklich Erstaunliches vor, das ich dem Leser nicht vorenthalten möchte. Doch dazu gleich!

Ab einem gewissen Alter kommen viele – und ich schließe mich da nicht aus – nicht umhin, sich zumindest gelegentlich Gedanken darüber zu machen, dass dieses Leben endlich ist und irgendwann (in hoffentlich ferner Zukunft) zuende gehen wird. Man kann prophylaktisch, obwohl niemand so recht daran glaubt, schon einmal die Einladungen zum 100. Geburtstag verschicken und sich dann besser fühlen. Doch selbst solch eine Verlängerung, die wohl nur die wenigsten von uns erreichen werden, ändert keinen Deut am Grundproblem: irgendwann ist einfach Schluss. Aus, basta!

Seit Epikur müssen wir uns immerhin keine Gedanken darüber machen, dass „Tod“ etwas Furchterregendes sei. In Kürze: „Solange du bist ist er nicht – und wenn er ist bist du nicht mehr. Also wovor fürchtest du dich, mein Freund?“ Damit wird allenfalls die Art des Hinübergleitens von einem Zustand in den anderen zu einem möglichen, Furcht auslösenden Problem. Es kann von Schmerzen und Ängsten begleitet sein, oder es präsentiert sich wie die Verabreichung einer Narkose, sanft und unmerklich nur ohne Wiedererwachen. Wie auch immer!

Wenn man nicht so skurrilen Gedanken wie dem Glauben an ein ewiges Leben in Paradies oder Hölle anhängt, stellt sich die Angelegenheit schon sehr viel einfacher dar. Ja, auch der Gedanke an ein ewiges Leben im Paradies ist furchterregend, wenn man genau hinschaut. Machen die Apologeten dieser Unsinnsidee sich eigentlich keinerlei Gedanken darüber, wie lang in Wirklichkeit eine Ewigkeit ist? Eine unendliche Abfolge von Tagen – und nicht ein einziger bringt uns dem Ende näher. Alle (inklusive mein Ahnherr Luther) stehen in voller Blüte,  man schreitet über die sanften Almen, muss sich um nichts Banales wie etwa Essensbeschaffung kümmern, ein Tag vergeht wie der andere ohne die geringste Herausforderung, nicht einmal ein kleiner Streit mit der (nun gleichaltrigen) Schwiegermutter ist eingeplant. Selbstmord durch Langeweile würde wohl zur liebsten Freizeitbeschäftigung werden.

Zum Glück sind aufgeweckte Menschen nicht gezwungen, einem solchen Horrorszenario auch nur eine Sekunde lang Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn das Licht einmal final abgeschaltet ist, kümmert uns nicht mehr, was denn wohl Verwandte oder Bekannte über den Verblichenen zu sagen haben – wir wissen es halt nicht, und Empfindungen wie Neugier sind sicherlich beim Toten nicht mehr vorhanden. So in etwa dachte ich mir das auch immer – bis mich heute morgen diese vetrackte Mail erreichte. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass Absender und Empfänger identisch waren. Doch lesen Sie selbst:

 

Totaliter aliter

Als ich heute nachmittag meinen üblichen Rundgang durch die Nachbarschaft machte, bemerkte ich plötzlich, dass mir die Beine weich wurden, mein Bewusstsein begann auszusetzen und ich stürzte der Länge nach hin auf den Gehweg. Herzinfarkt, Gehirnschlag, was auch immer – das passiert halt. Ich machte mir keine Gedanken darüber. Doch halt: wieso „ich“? „Ich“ war doch nicht mehr, „ich“ lag doch dort auf dem Gehsteig und einige Leute scharten sich um mich. Sie sprachen miteinander, doch ich konnte nichts hören, einer bediente sein Telefon, wahrscheinlich orderte er eine Ambulanz. „Ich“ entfernte mich zusehendst von mir, erst langsam, dann immer schneller nach oben, bis ich die Gruppe um meine Leiche herum kaum noch wahrzunehmen vermochte. Schließlich war ich so weit weg vom Geschehen, dass ich nunmehr völlig allein immer weiter emporgetragen wurde wie ein Lichtwesen, das einem unbekannten Licht entgegen strebte.

Ich konnte nicht feststellen, dass mein ICH von irgendetwas wie einem Körper begleitet würde. Und dennoch verlangsamte sich plötzlich mein Aufwärtsstreben, so als ob es von der Schwerkraft zurückgehalten und abgebremst würde. Im Gegenteil  begann ich nunmehr zu fallen, musste hilflos mitansehen, wie ich mich der Erde wieder näherte – ganz so wie es früher in Träumen so häufig passierte. Doch kein schweißgebadetes Erwachen erlöste mich aus dem Albtraum. Ich schlug mit großer Geschwindigkeit auf – zu meinem Erstaunen war dieser Aufprall völlig schmerzfrei. Erst im Zurückfedern erkannte ich, um welchen Ort es sich bei meinem Aufschlag handelte: die Tastatur eines Laptops! Augenblicklich sah  ich die Chance, die sich durch diesen Zufall bot. Jetzt musste es nur noch gelingen, dass ich meinen erneuten Fall gezielt auf die Buchstaben richten konnte – es funktionierte zu meiner großen Freude. Wer hat schon ein solches Glück, authentisch von seiner letzten Reise berichten zu können?

Während ich dies tippe merke ich, dass meine Aufprallgeschwindigkeit auf die Tasten mit jedem Buchstaben geringer wird. Es scheint eine Kraft an mir zu zerren, die mich wohl endgültig von der Erdenschwere befreien wird und mich auf eine Weiterreise mit unbekanntem Ziel expediert. Ich muss jetzt nur aufpassen, dass ich mit dem letzten Schwung noch die Absendetaste erreiche, sonst war alles vergeblich.

Ich grüße alle, die mich kannten, und wünsch

____________________________________________

Da brach es ab. Keine Unterschrift, kein Absender außer meinem eigenen – wer hatte mir dies übermittelt und vor allem: was wollte er mir mitteilen?  Soll sich der Leser selber einen Reim darauf machen – ich bin zu müde dazu.

PS: Wer Schwierigkeiten mit demTitel der Mail haben sollte, der wende sich vertrauensvoll an unseren Experten für Latein, der hier allen bestens bekannt ist.

 

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Die Sprache der Hetzer


In Hammamet in Tunesien gibt es eine kleine, aber durchaus aktive katholische Gemeinde mit einem schön gelegenen ruhigen Zentrum nur 2 Gehminuten vom Mittelmeer entfernt. Im Garten vor der Kirche finden meist gut besuchte Zusammenkünfte und Wohltätigkeits-Basare statt. Die Priester sind zumeist Franzosen, die wohl von der «Weltkirche» jeweils für gewisse Zeit hierher abkommandiert werden. Während der Feriensaison liegen die Texte in vielen Sprachen aus, und je nachdem aus welchen Ländern die Besucher der Messen stammen, wird die Predigt von vorher gebetenen Laien in der jeweiligen Landessprache verlesen. Ich selbst habe eine derartige Bitte des Priesters allerdings dankend abgelehnt.

Die tunesischen Gemeindemitglieder leben und arbeiten in dem islamischen Umfeld, doch eines Tages gehen auch sie den Weg, den wir alle noch vor uns haben, und sterben. Der christliche Friedhof liegt an sehr prominenter Stelle an der massigen Mauer der Medina. Er ist bestens gepflegt und lädt zum Verweilen ein. Hier befindet sich auch das Grab Bettino Craxis, dessen Witwe nach wie vor die Fondazione Bettino Craxi leitet und sehr viel Gutes für Kinder stiftet – unabhängig von deren Religionszugehörigkeit.

Ich habe noch nie gehört, dass irgendjemand in Tunesien mit Ausnahme der Salafisten  Anstand genommen hätte an den Friedhöfen anderer Glaubensrichtungen. So gibt es auch etliche jüdische Friedhöfe, ein recht grosser sogar in der Nachbargemeinde von Hammamet, der Gouvernoratsstadt Nabeul. Und natürlich gibt es im Land verstreut noch etliche mehr – chistlich und jüdisch.

Niemand hier – nicht einmal die Salafisten – käme auf die absurde Idee, unter Hinweis auf die Existenz solcher Friedhöfe nun eine schleichende Christianisierung oder Judaisierung Tunesiens herbei zu fabulieren.

Doch schauen wir uns einmal den umgekehrten Fall an. Da berichtet die WAZ am 29. Juni:

Muslimische Vereine sollen ab 2013 eigene Friedhöfe in Nordrhein-Westfalen betreiben dürfen. Kommunen sollen muslimischen Vereinen einen Friedhof genehmigen können, wenn die Religionsgemeinschaft den dauerhaften Betrieb sicherstellen kann.

Das sieht ein Gesetzentwurf der rot-grünen Landesregierung vor, der in Kürze in die Verbändeanhörung geht. Anschließend wird der Landtag beraten. Bis zum Frühjahr 2013 soll es dann in NRW ein neues Bestattungsgesetz geben.

Ministerin Barbara Steffens (Grüne) will den Muslimen eine nach dem Brauchtum ausgerichtete Bestattung aus einer Hand erleichtern und sich für eine bessere Qualität der Leichenschau einsetzen. Viele Muslime lassen sich heute in ihren Herkunftsländern bestatten. Künftig könnten sich mehr muslimische Bürger in NRW in Grabstätten in der Nähe ihrer Kinder und Enkelkinder bestatten lassen, sagte Steffens. Bisher gibt es in NRW keine Friedhöfe in muslimischer Trägerschaft.

Man möchte meinen, dass es langsam an der Zeit ist, dass Moslems auch in NRW endlich ihre eigenen Begräbnisstätten bekommen, ebenso wie die Juden (um nur diese zu nennen) ganz selbstverständlich ihre eigenen Friedhöfe betreiben. Den ca. 200.000 Juden in Deutschland stehen mittlerweile geschätzt 4-5 Millionen Moslems gegenüber (zu den Zahlen der Religionen in D siehe Religionen in Deutschland: wikipedia. Zu den jüdischen Friedhöfen vergleiche Jüdische Friedhöfe in Deutschland: hier). Es ist auch durchaus nicht so, dass die Regierung von NRW mit ihrem Erlass Neuland beschritte. Den ersten moslemischen Friedhof in Deutschland kann man (als Sehenswürdigkeit in den Stadtführer aufgenommen) seit 1866 in Berlin am Columbiadamm in Augenschein nehmen (Berlin-Sehenswuerdigkeiten). In der Zwischenzeit sind etliche hinzugekommen.

Auch der WAZ (siehe auch deren Titelbild des jüdischen Grabfelds in Kiel) war dieser Erlass keinen grossen Aufmacher wert. Zu selbstverständlich ist die Botschaft.

Doch betrachten wir, was auf rechtsgewirkten Islamhetzerseiten aus dieser Story gemacht wird. Ich wähle ganz bewusst nicht das Flaggschiff der Islamophoben, Politically Incorrect, sondern einen der vielfältigen Ableger dieser Art von Hinterhofblogs, Quotenqueen, im November 2010 von drei bei PI geschassten Redakteuren und Autoren gegründet. (Anmerkung: Unter einem Hinterhofblog verstehe ich ein lichtscheues Gebilde, das es nicht einmal wagt, die presserechtliche Verantwortung für das eigene Geschreibsel zu übernehmen, sondern sich mit anonymen Betreibern möglichst auf für die Justiz schwer zugänglichen ausländischen Servern herumtreibt).

Sie sind sich nicht zu schade, auch noch die Toten für ihre wirre Argumentation heranzuziehen, um unter ihren Lesern die Angst vor der Islamisierung Deutschlands zu schüren. Dass dabei auch noch – so  ganz nebenbei – einige Seitenhiebe auf die verhassten Sozialdemokraten und Grünen abfallen, versteht sich so zu sagen am Rande. Es gibt mit Sicherheit an den verschiedensten Ausformungen des Islam in Deutschland und den potenziellen Gefahren, die durch diese Religion für die Gesellschaft ausgehen, etliches zu kritisieren, doch wenn man auch noch den Toten ihre Ruhe nimmt, so ist das in einer geradezu unbeschreiblichen Weise schäbig und verantwortunngslos. Doch lesen Sie selbst auf quotenqueen :

Damit die dringend benötigten Fachkräfte uns auch über den Tod hinaus erhalten bleiben und nicht posthum noch dahin zurückkehren, wo mancher besser geblieben wäre, führt die neu gewählte Pleiteregierung von Hannelore Kraft jetzt neue Friedhöfe nur für Mohammedaner ein. Schließlich kann man den Rechtgläubigen nicht zumuten, neben Ungläubigen zu ruhen. Im Gespräch sind auch weitere Rücknahmen zivilisatorischer Errungenschaften im Bestattungsgesetz. Mohammedaner müssen ihren Glauben entsprechend sofort beigesetzt werden, also ohne die in der Zivilisation übliche Wartezeit. Und Särge sind auch nicht üblich, da es in der Wüste kein Holz gibt. Da ist noch einiges kultursensibles Entgegenkommen drin.

[…]

Was wird wohl passieren, wenn der muslimische Verein nach einiger zeit erklärt, dass ihm der Friedhof doch zu teuer wird?

Jeden weiteren Kommentar hierzu erachte ich von meiner Seite aus als überflüssig.

Nur ein kleiner Nachsatz: Ohne es zu merken stellen sich solche Schreiberlinge auf ein und dieselbe Stufe mit den Salafisten – nur mit umgekehrtem Vorzeichen.

Erstveröffentlichung im Juli 2012.

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Afrika - Neue Heimstatt für Jesus


„In Italien ist es warm und die Sonne scheint fast immer. Dagegen ist das graue Norddeutschland von Kälte, Regen und Stürmen gepeinigt.“ Dieses Faktum war den armen Friesen zu Beginn des achten Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung nur zu leidvoll bewusst. Dagegen konnten auch Thor und das ganze restliche Panoptikum an germanischen Göttern und Halbgöttern, die durch die Vorstellungswelt der armen Heiden geisterten, nichts ändern. Bonifatius aber versprach Abhilfe. Das Wetter werde sicherlich wie in Italien, wenn man sich nur dem richtigen Gott zuwendet.

Verwunderung griff aber um sich, als sie die „Begründung“ für diese offenbaren klimatischen Unterschiede erfuhren. „Aufklärer“ der Friesen war der aus Wessex (heute Grafschaft Devon) stammende Wynfryth, der aber seinen Kampfnamen, der ihm von Papst Gregor II. anlässlich einer Pilgerreise nach Rom verliehen worden war, bevorzugte: Bonifatius, also in etwa „derjenige, der Gutes tut“. Er wurde natürlich heilig gesprochen und gilt heute als der „Apostel der Deutschen“. Für Jospeh Ratzinger, der sich neuerdings zum Obermissionar des so arg verweltlichten Westens berufen fühlt, ist er ein glühendes Vorbild, dem nachzueifern jedes anständigen Christen Pflicht bedeutet, so am 11. März 2009 in einer Generalaudienz vor 50.000 verklärten Pilgern in Rom.

Mission damals und heute

Bonifatius’ „Begründung“ war so simpel wie haarsträubend: „In Italien wohnen eben Christen, die von Gott dafür mit angenehmem Klima belohnt werden“. Als ich dies kurz vor meinem Examen 1969 in einer Oberseminararbeit wohl wahrheitsgemäß als plumpen Trick und schlichte Lüge bezeichnete, erboste sich mein gläubiger Professor am Rand des Manuskripts mit der Bemerkung: „Kirchenfeindlichkeit geradezu Bismarckscher Prägung!“ Die Friesen hat Bonifatius nicht überzeugt: sie jagten ihn davon. Das war aber nicht der einzige Griff des guten Apostels der Deutschen in die Trickkiste. Kurz nach 723, nunmehr mit einer beträchtlichen fränkischen Streitmacht zu seiner Sicherheit gegen etwaige heidnische Feindseligkeiten im Rücken, ließ er in Geismar bei Fritzlar die dort zu Ehren Thors stehende Donareiche fällen. Als kein Blitz vom Himmel fuhr, um den Frevler zu bestrafen, konnte er frohlockend verkünden: „Seht her, Euer Gott existiert ja gar nicht, sonst würde er sich das nicht gefallen lassen“. Die Heiden waren verdutzt, ihnen standen die Münder offen, so dass sie nicht einmal auf die naheliegende Idee kamen, eine christliche Kapelle in der Nähe einzureißen, um die Reaktion des Christengottes zu prüfen.

Doch trotz all dieser Lügenmärchen ging die Christianisierung nur schleppend voran. Aber Bonifatius wollte es noch einmal wissen. So wagte er sich im gesegneten Alter von über achtzig Jahren noch einmal in die Friesenlande, die er als junger Missionar so schmählich hatte verlassen müssen. Er wollte einfach nicht begreifen, dass diese widerborstigen Leute partout nichts mit seinem vorderorientalischen Wanderprediger zu tun haben wollten. Die Quittung folgte auf dem Fuße: die Friesen hatten nunmehr die Nase voll und erschlugen den Quälgeist mitsamt seiner Mannschaft am 5. Juni 754.

Kolonialisierung brachte abrahamitische Religionen nach Afrika

Als Jahrhunderte später Sachsen und Friesen sich noch immer nicht dem römischen Kreuz beugen wollten, riss schließlich Karl dem Großen der Geduldsfaden. Mit gewaltiger Streitmacht seiner Gotteskrieger ließ er Tausende der Widerspenstigen dahinmetzeln, allein in Verden an der Aller kostete das Massaker im Namen christlicher Nächstenliebe 4 500 Menschenleben. Die lange und leidvolle Geschichte der Missionierung in Norddeutschland zeigt archetypisch die Vorgehensweise der vermeintlich friedvollen Religionen. War man in der Minderheit, versuchte man es mit Lüge und Verstellung, im Koran etwa „Taqiyya“ genannt. Hatte man die Macht, wurde der Ungläubige schlicht militärisch überrannt und zur Annahme des jeweils „rechten Glaubens“ gezwungen. Die monotheistischen Weltreligionen stehen sich hier in nichts nach, mit einer Ausnahme: Juden missionieren nicht.

Wenn also Bonifatius-Verehrer Benedikt XVI. das Übel des um sich greifenden Atheismus per Mission ausrotten will, dürfen wir gespannt sein, zu welchen Tricks und Lügen der Vatikan diesmal greifen wird. Militärische Macht kann er ja mangels Masse zum Glück nicht einsetzen. Der Islam verhält sich in diesem Punkte völlig systemkonform. In Europa und Amerika greift er zur Taqiyya. Dort wo er militärisch stärker ist wie etwa in Somalia, Sudan, Pakistan, Afghanistan oder auch im Norden Nigerias zählt nur noch nackte Gewalt mit Terror und Unterdrückung – auch gegen die eigenen Glaubensbrüder, wenn deren Ideen nur ein Quäntchen von der angeblich „reinen Lehre“ abweichen. Das Mittelalter lässt grüßen.

William Black, Dozent für Theologie und christliche Geschichte, stellt mit Verweis auf Nordafrika fest: “Das Christentum war afrikanisch seit der Zeit der Apostel.” Spätestens aber die Kolonialisierung brachte die christliche Religion nach Afrika. Vorher, heute noch teilweise, herrschten Naturreligionen vor, die sich ganz offensichtlich evolutionär entwickelt haben, da der Mensch von Beginn an auf der Suche nach Erklärungen für das Unbekannte war. Wo kommen Blitz und Donner her? Wer ist verantwortlich für Sonnenschein und fruchtbringenden Regen? Das simplifizierte Weltbild ist immer vom Prinzip her gleich: für das Gute sind die Götter verantwortlich, die man deshalb ehren muss, oder denen man sogar Opfer bringen muss, das Böse wird von Dämonen und Teufeln hervorgebracht, vor denen man Angst und Furcht haben muss. Wie passend, dass auch die abrahamitischen Religionen im Grunde vergleichbar einfältig gestrickt sind. Mission in Afrika: Ein gütiger, manchmal auch zorniger Gott, der in seiner Ohnmacht die bösen Satane und Teufel einfach nicht in den Griff bekommt, sonst gäbe es sie ja nicht mehr.

Wenden sich also – wie heute in Europa – die ehemals Gläubigen in Scharen von den Religionen ab, so kann man sie mit einer Angstkampagne möglicherweise zurückgewinnen: Die Abwendung von Gott produziert „eine Kultur des Todes“ und „Satan füllt die Lücke“, behauptet Prälat Obiore Ike aus Nigeria, wenn er deutschen Christen weismachen will, wie sie von Afrika lernen können. In Afrika scheint eine solche primitive Angstmache zu funktionieren: die Kirchen – vor allem auch die aggressiven Evangelikalen – gewinnen stetig an Mitgliedern. Gestützt auf den traditionellen Aberglauben und unter geschickter Ausnutzung lokaler Gepflogenheiten ist Afrika zum religiösesten Kontinent der Erde geworden.

In einer umfassenden Studie des Pew Forum, die von CNN publiziert wurde, wird festgestellt, dass Afrikaner zu den religiösesten Menschen dieser Welt zählen. Etwa 150 Millionen Evangelikale gibt es bereits, und nach einer Verdreifachung der Mitgliederzahlen während der letzten 30 Jahre weiß die katholische Kirche heute ähnlich viele Menschen hinter sich. Der Humanist Leo Igwe hat dazu einen bemerkenswerten Aufsatz veröffentlicht. Als Kenner der afrikanischen Szene und leidender Betroffener dieses Wahns schreibt er: „Gemäß dieser Studie glaubt mindestens die Hälfte der Christen in Afrika unterhalb der Sahara, dass Jesus noch zu ihren Lebzeiten wiederkehren wird. Einer von drei Moslems erwartet die Wiedererrichtung des Kalifats – das goldene Zeitalter des Islam – bevor sie sterben. Mindestens 30 Prozent der Menschen in Afrika geben vor, göttliche Heilungen erfahren zu haben, oder gesehen zu haben, wie der Teufel ausgetrieben wurde, oder eine direkte Offenbarung Gottes empfangen zu haben. Ein Viertel glaubt, dass Opfergaben für die Ahnen sie vor schlimmen Ereignissen schützen können. Und bemerkenswerte Prozentzahlen glauben an Zauber und Amulette. Viele konsultieren traditionelle religiöse Heiler…”

In Nigeria werden jährlich sieben Mal soviele Priester wie in Deutschland geweiht

Wenn man diesen horrenden Unsinn liest, der durch die umfassende Studie mit über 25.000 Befragten in 19 Sprachen gut untermauert ist, so zweifelt man am Verstand der Kirchen – falls man es nicht ohnehin schon tut – , dass sie sich auf einen solchen Synkretismus einlassen. Das ist ja kein Einzelfall, wie die Inkorporation von Voodoo in der Karibik, oder die simple Weihnachtstanne an der Bethlehemer Krippe zeigen. Doch was will man von Priestern erwarten, die Seelenmessen lesen und damit den Kontakt zu den Toten herstellen, oder die Heiligenbilder verehren, auch in Form von Amuletten, oder die als religiöse Heiler den Satan per Exorzismus austreiben. Das steht diesen afrikanischen Bräuchen in frappierender Weise nah und wird deshalb auch schamlos genutzt. Wäre Jesus Leichnam nicht aus seiner Gruft gestohlen worden würde er sich, ganz metaphorisch gesprochen, wohl im Grabe umdrehen, wenn er sähe, was aus „seiner“ Kirche geworden ist.

Der Glaube an solchen Hokuspokus ist zum Glück in Europa seltener geworden, auch unter den Gläubigen. Umso befremdlicher wirkt es, wenn afrikanische Theologen wie Ibiora Ike daherkommen, und die Spiritualität Afrikas geradezu als Vorbild hinstellen. Das Interview mit Ike ist auch deshalb so unerträglich, weil dieser Unsinn mit einer freundlich lächelnden Leichtigkeit vorgetragen wird: „Jesus hat in Afrika eine neue Heimstatt gefunden“. Zur Untermauerung dient ihm auch, dass allein in Nigeria jährlich 700 Priester geweiht werden, in Deutschland sind es dagegen etwa 100 pro Jahr. All das heißt doch im Klartext: Hier liegt die wahre Frömmigkeit von heute, nehmt euch ein Beispiel daran. Da solche Avancen sicherlich nicht ohne Abstimmung mit dem Vatikan erfolgen, darf man davon ausgehen, dass sich hier im Kern bereits die neue Taktik herauskristallisiert, mit der die Re-Christianisierung Europas erfolgen soll. „Völker dieses Kontinents: schaut auf Afrika und erkennt, dass hier ein großes Vorbild glühenden Glaubenseifers vor euch steht, dem nachzufolgen heilige Christenpflicht ist.“ Und im Grunde sieht der erstaunte Betrachter nichts anderes als einen neuerlichen Griff in die Trickkiste, die eines Bonifatius nicht unwürdig wäre.

Der Artikel erschien zuerst im November 2012

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Islam trifft Moderne


Je geringer die Bildung desto größer die Gewissheit, im Besitz der Wahrheit zu sein. Das ist eine Binsenweisheit, die sich an den verschiedensten Objekten eindeutig belegen lässt. Der Intelligente fragt sich, warum denn wohl der Apfel vom Baum gefallen ist, der Tölpel freut sich, ihn nicht erst pflücken zu müssen, und frisst ihn auf. Weitergehende Gedanken sind Zeitverschwendung.

Die richtigen Fragen zu stellen hängt dabei allerdings nicht nur von der persönlichen Intelligenz eines Individuums ab, sondern vor allem auch davon, wie viele Fragen eine Gesellschaft überhaupt zulässt. Repressive Strukturen begünstigen weder das Fragenstellen noch die Kreativität. Das beginnt in den Familien mit stark patriarchalischer Ausrichtung, setzt sich in Schulen fort, in denen die Autorität des Lehrers davon lebt, dass seine Meinung sakrosankt ist, endet beim Militär in einem starren System von Befehl und Gehorsam. Wer all dies durchlaufen hat – nie angereizt, eigene Fragen zu stellen – hat schließlich auch an der Universität das Fragen verlernt. Dergleichen geschlossene Gesellschaften können es sich sparen, Geld für Forschung und Wissenschaft zu investieren. Es wird nicht viel dabei herauskommen.

Wer an dieser Stelle vorankommen will, tut sich keinen Gefallen, wenn er diese Strukturen unangetastet lässt. Nur wer die Fesseln einer solchen Gesellschaft zu sprengen in der Lage ist kann eine gewaltige Welle an Kreativität freisetzen. Vollständig wird aber auch dies nur gelingen, wenn parallel zur Sprengung dieser allgemeinen Fesseln auch und vor allem die von der Gesellschaft den Frauen auferlegten Fesseln fallen. Ohne Gleichberechtigung der Geschlechter keine wahre Freiheit.

Mit der Auferlegung fesselnder Denkverbote haben vor allem die monotheistischen Religionen den Menschen über Jahrhunderte hin Schreckliches angetan. Dabei denke ich weniger an die physische Verfolgung von Häretikern oder Apostaten (so schlimm diese Verbrechen auch sein mögen), sondern an die allgemeine Lähmung, die sich aus solchen Denkverboten notwendigerweise ergibt. Eine attraktive Betrachtung der Wissenschaftsgeschichte ohne Einfluss solcher hemmenden Faktoren kam ja (vielleicht scherzhaft, aber durchaus überzeugend) zu dem Schluss, dass die ersten Züge im 11. Jahrhundert verkehrt hätten und im 15. Jahrhundert der Flug zum Mond geglückt wäre. Die Fantasie reicht wohl nicht so weit sich vorzustellen, wo wir heute stünden.

Der Befreiungskampf begann mit einem ersten kleinen Schritt vor nunmehr knapp 500 Jahren und manifestierte sich (der Sage nach) in einem ketzerischen Pamphlet eines kleinen Mönchs an einer Kirchentür in Wittenberg. Das mag gering klingen, doch immerhin ermöglichte diese daraufhin einsetzende „Reform“ zumindest das Gefühl, anders sein zu dürfen, dem Einheitsbrei entronnen zu sein. Das Entweichen aus der Uniformität ist immer ein erster Schritt zur individuellen Befreiung und damit sehr häufig zur geistigen Entfaltung. Die Geschichte von Aufklärung, technischen Revolutionen, Industrialisierung und Entwicklung in eine Forschungsgesellschaft muss ich hier wohl nicht nachzeichnen. Sie ist bekannt. Sie hat Gewaltiges erreicht, birgt in ihrer postmodernen Version allerdings auch erhebliche Risiken, die aber hier nicht unser Thema sind.

Unglücklicherweise hat sich die Menschheit in diesen Fragen nicht symmetrisch entwickelt. Was lange Zeit zunächst durch Kolonialismus, später den Ost-West-Konflikt fast völlig verdeckt wurde, tritt nun zunehmend als „Clash of Civilisations“ in den Vordergrund und führt vor allem an den Nahtstellen zu erheblichen Verwerfungen und teilweise auch großen Ängsten. Auf diese außerhalb Europas stattfindenden Konflikte, bei denen sehr viel Blut fließt, mag ich hier nicht eingehen.

Vielleicht ist es etwas überspitzt, aber man kann cum grano salis sagen, dass auch in Deutschland, oder allgemein in Westeuropa, eine fortschrittliche, menschenrechtsorientierte Zivilisation auf archaische Kulturen trifft, die so gar nicht ins Weltbild passen wollen. Entsprechend hilflos wirken viele Reaktionen auf diese neue gesellschaftliche Herausforderung. Und nun ist es wieder ähnlich wie mit dem fallenden Apfel. Der Intelligente analysiert die Situation und entwickelt Lösungsmöglichkeiten, der Tölpel will das Problem dadurch umgehen, dass er den störenden Faktor aus dem Lande wirft, was aber ohne Missachtung unserer zivilisatorischen Errungenschaften kaum möglich ist. Da es auch müßig ist, sich darüber Gedanken zu machen, wie es zu dieser Situation gekommen ist, bleibt zunächst einmal festzuhalten: in Europa leben Moslems – für manche noch immer eine geradezu entsetzliche Vorstellung! Doch: „der“ Islam ist hier angekommen, er wird nicht wieder weichen. Das sei allen Träumern ins Gebetbuch geschrieben, die da immer noch glauben, nur eine neue Reconquista führe zur Rettung des untergehenden „jüdisch-christlichen“ Abendlandes. Wer davon träumt, ohne aktiv etwas zur Lösung der zweifellos anstehenden Probleme beizutragen, wird eines unguten Morgens aufwachen und einsehen müssen, dass sein Kampf verloren ist.

Der erste große Fehler einer falschen Betrachtungsweise liegt ja bereits darin, von dem Islam und den Moslems zu sprechen, wenn das Problem angegangen wird. Diese Pauschalierung führt dann schnell zu einigen unguten Unterstellungen. Ich will es einmal versuchen anders deutlich zu machen worum es geht. Wenn ich hier in Tunesien Leute befrage, was sie denn so vom Christentum wissen (und ich tue das seit nunmehr 14 Jahren), so kommt unter dem Strich immer wieder dasselbe heraus: Christen haben den Propheten Isa Ben Mariam zum Gott erhoben, sind also Polytheisten, und repräsentieren eine archaische Urform von Glauben, die sie möglichst bald gegen den viel weiter entwickelten Islam eintauschen sollten. Der letzte Gesandte Gottes war ja schließlich Mohammed – also muss der die Wahrheit wissen und nicht die fehlgeleiteten Christen. Auf weitergehende Fragen nach der Aufspaltung des Christentums in Hunderte von konkurrierenden Konfessionen, Sekten und Grüppchen kommt in aller Regel nur ein unwissendes Kopfschütteln.

Ganz Vergleichbares, Pauschalierendes findet sich in Europa, wenn man Christen nach dem Islam befragt. Zum Beispiel ist auch hier wenig bekannt, in welche Gruppen und Grüppchen sich all das aufgespalten hat, was gemeinhin unter „Islam“ subsummiert wird. Es ist nicht unser Thema, doch der Interessierte lese es hier in Kurzform nach: Welche Strömungen gibt es im Islam?. Der größte Fehler der so genannten christlichen Islamkritiker liegt aber in einer viel weitergehenden Unterstellung: Ein Moslem ist nur dann ein Moslem, wenn er buchstäblich nach den überkommenen Rezeptbüchern (Koran und Ahadith) lebt. Für alle diejenigen, auf die das nicht zutrifft (und das ist die übergroße Mehrheit) gilt dann eben: „Da ist der Chip drin“. Sie werden also denunziert als Schläfertruppe oder fünfte Kolonne, die im Fall der Fälle sofort bereit ist, für Ihre Religion einzuspringen und alle Ungläubigen abzumurksen. Das ist erkennbar aus Angst geborener Unsinn.

Betrachtet man „moderne“ islamische Gesellschaften (auf die Gefahr hin, eine contradictio in adiecto zu produzieren), so stellt man schnell fest, dass dem durchaus nicht so ist. Das Stichwort heißt auch dort Frauen und Bildung. Vom stark westlich geprägten Libanon einmal abgesehen, hat zweifellos Tunesien unter den arabischen Ländern den höchsten Bildungsstandard und die am besten entwickelten Freiheitsrechte für Frauen. Allein diesem Umstand ist es zuzuschreiben, dass im Gefolge der Revolution vom 14. Januar 2011 (der neue Nationalfeiertag, es wird bereits fleißig geschmückt) die Extremisten zwar einen relativen Erfolg verbuchen konnten, aber weit davon entfernt sind, die Geschicke dieses Landes in Richtung der Shari’âh zu verändern. Selbst bei ihnen setzt sich die Erkenntnis durch, dass eine moderne Wirtschaft ohne bürgerliche Freiheiten nicht zu realisieren ist. Das bringt zwar den Salafisten Zulauf (teilweise auch den Terroristen von Al-Qaida du Maghreb Arabe), doch sind das überschaubare Größen, die mit sicherheitstechnischen Mitteln weitgehend unter Kontrolle gebracht werden können.

Welche Erkenntnisse ermöglicht das für die Situation in Europa, speziell in Deutschland? Da nach unserem Selbstverständnis restriktive und undemokratische Methoden ausscheiden, kann es auch hier nur ein Motto geben: Bildung und Frauenbefreiung. Wenn man mir an dieser Stelle entgegenhält, dass auch ein Mohammed Atta „gebildet“ war, dann sei gesagt, dass Bildung nicht vor Torheiten schützt, doch die Chancen dazu im statistischen Mittel erheblich reduziert. Beide Ansätze zu diesen Problemlösungen sind kürzlich auf Wissenbloggt zu Gehör gekommen. Am besten bringen sich ohne Zweifel an dieser Stelle nicht irgendwelche gebildeten deutschen Oberlehrer ein, sondern diejenigen, die ganz nahe am Sachstand sind wie Ali Utlu mit Ali Utlus Appell oder die Damen von FreeMinds mit Waiting for your rescue. Ihnen sollte unsere vollste Sympathie, Unterstützung und Ermutigung gelten. Ich gehe davon aus, dass sich solche Initiativen in zunehmenden Umfang bilden werden. Wo immer möglich, sollten gerade Humanisten an ihrer Seite stehen. Auch eine ganz und gar nicht untypische Erfolgsgeschichte durften wir auf WB bereits lesen: Zwischen Moschee und Moderne

Einen ganz schwierigen Punkt in unserem Zusammenhang stellen dabei die islamischen Organisationen dar, die ganz offiziell vorgeben, „die“ Moslems in Deutschland zu vertreten, obwohl dies nur für einen ganz geringen Teil gilt. Sie greifen dennoch nach dem Vorbild der Staatskirchen nach politischer Macht mit Einfluss auf Medien und Gesellschaft. Die humanistische Antwort dürfte auch an dieser Stelle klar sein, obwohl das unseren christlichen Freunden überhaupt nicht schmeckt.

Ich hoffe, mit diesem Aufsatz ein wenig zur Versachlichung der Diskussion beizutragen und würde mich freuen, wenn er bei der Formulierung unseres Programms zur Integrationspolitik von DIE HUMANISTEN Berücksichtigung fände.

Der Artikel stammt vom Januar 2013.

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Clevere Vettern


Spätestens seit dem Erscheinen von „Gorillas im Nebel. Die Leidenschaft der Dian Fossey“ (siehe Kaufhinweis am Ende des Artikels) ist das Verhalten unserer nächsten Verwandten ins Blickfeld einer größeren Öffentlichkeit geraten. Die festgestellten Ähnlichkeiten in Verhalten und Gefühlsleben sind so auffällig, dass sie nicht mehr ignoriert werden können. Unsere Vettern stehen uns ganz offensichtlich näher als manchem, der die „Ebenbildlichkeit“ von Gottes „Krone der Schöpfung“ propagiert, lieb sein kann. Es scheint also an der Zeit, sich ernsthafte Gedanken über eine Neuordnung unseres Verhältnisses zu den nichtmenschlichen Primaten zu machen.

In „Menschenrechte für die Großen Menschenaffen – Das Great Ape Projekt“ von 1993, angestoßen von Jane Godall und Peter Singer (Näheres bei Wikipedia) findet sich zu Beginn die „Deklaration über die Großen Menschenaffen“, die das Ziel des Great Ape Project festlegt:

"Wir fordern, daß die Gemeinschaft der Gleichen so erweitert wird, daß sie alle Großen Menschenaffen miteinschließt: Menschen, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans.

Die „Gemeinschaft der Gleichen“ ist die moralische Gemeinschaft, innerhalb derer wir bestimmte moralische Grundsätze oder Rechte anerkennen, die unsere Beziehungen untereinander regeln und gerichtlich einklagbar sind."

Diese Rechte und Grundsätze umfassen das Recht auf Leben, den Schutz der individuellen Freiheit und das Verbot der Folter. Innerhalb des Buches wird von den verschiedenen Verfassern erklärt, was die „Gleichheit“ von Menschen und anderen Großen Menschenaffen ausmacht. So stimmt ihr Erbgut zu fast siebenundneunzig Prozent überein; zwischen Menschen und den Großen Menschenaffen sind Bluttransfusionen möglich. Das Projekt betont jedoch, dass die genetische Verwandtschaft nicht allein ausschlaggebend ist; vielmehr sind es das durch die genetische Ähnlichkeit ermöglichte ähnliche Gefühls- und Denkvermögen sowie Verhalten und Ich-Bewusstsein der Großen Menschenaffen. Diese lassen sich schon seit Charles Darwins Forschungen ausgezeichnet beobachten, zum Beispiel in den verschiedenen Gefühlsregungen, die sich bei Menschenaffen in ähnlichen Gesichtsausdrücken wie beim Menschen zeigen. Auch eine Konversation mit ihnen über Zeichensprache ist möglich. Die Ähnlichkeit der Menschen und Großen Menschenaffen ist also nicht zu leugnen, was die moralischen Ungleichheiten in ihrer Behandlung in Frage stellt.

Doch auch an technischen Fertigkeiten, ja regelrechter Kultur, stehen uns Die Menschenaffen viel näher als bisher bekannt. So berichtet die Welt in einem höchst lesenswerten Artikel über die Arbeit und die Ergebnisse einer japanischen Forschergruppe:

Im afrikanischen Guinea ist ein sensationeller Affenstamm aufgetaucht – und das nur einen Steinwurf von menschlichen Siedlungen entfernt. So schlau war bisher kein Clan.

Diese Schimpansen lassen wirklich alle staunen, selbst erfahrenste Wissenschaftler. Japanische Zoologen haben nämlich im Urwald von Guinea in Afrika einen Affenstamm entdeckt, dessen Mitglieder eine Erfindungskraft und Intelligenz besitzen, wie sie bisher bei keinem Tier beobachtet wurde. Sie bauen sich Werkzeuge, und zwar sehr unterschiedliche, je nach Funktion. So clever sind keine ihre Artgenossen.

(Die Welt bietet in diesem Zusammenhang übrigens einen kostenlosen Intelligenztest an, den Neugierige dazu nutzen könne, etwas mehr über sich zu erfahren).

Diese Schimpansen angeln, wischen, säubern, schlagen, löffeln, loten, schöpfen, extrahieren, stampfen, hämmern. Sie tricksen Menschen aus und vertreiben Angreifer mit gezielten Steinwürfen oder grob gezimmerten technischen Hilfsmitteln. Sie basteln sich Schwämme aus zerkauten Pflanzen und falten Palmblätter zu Trinkbechern und Sitzkissen.

Insgesamt kommt Matsuzawa auf ein Repertoire von 24 verschiedenen Tätigkeiten, die sich seine Schimpansen im Laufe der Jahre mithilfe ihrer Werkzeuge angeeignet haben. Dabei stellen sich die Weibchen grundsätzlich geschickter an als die Männchen. Mit einer Ausnahme – wenn es ums Algen-Angeln in den nahe gelegenen Teichen geht. […]

Schon die Jungtiere spielen auf sehr eigene Art und sind anspruchsvoll: So geben sich die Affenkinder von Bossou nicht mit Stöcken als Spielzeug zufrieden, sondern suchen sich lebende Kuscheltiere – vorzugsweise Klippschliefer, die afrikanischen Verwandten des Murmeltiers. "Die jungen Schimpansen schleudern sie gegen Bäume, um sie zu betäuben oder zu lähmen, tragen sie mit sich herum, streicheln ihr Fell und spielen auch mit toten Klippschliefern wie mit Puppen", berichtet Matsuzawa.

Wie kam es zu dieser Kreativ-Enklave im Urwald? Warum gibt es noch Affen, die wie zu Urzeiten mit den Fingern nach Larven pulen, während ihre Artgenossen im Nachbarwald längst Essbesteck und Jagdwaffen erfunden haben? Auf diese Frage hat der Verhaltensforscher Carel van Schaik im Urwald von Sumatra eine Antwort gefunden: "An Orten, an denen die Mitglieder eines Clans mehr Zeit miteinander verbringen, beobachten wir ein größeres Repertoire an Innovationen." Die Menschenaffen lernen voneinander – und während sie lernen, fördern sie ihre Intelligenz: "Kultur macht schlau", sagt van Schaik.

Bei Matsuzawas Vorzeige-Schimpansen führt diese Kombination aus Wissbegierde und Kreativwerkstatt sogar so weit, dass die Tiere ihre menschlichen Nachbarn austricksen. Sie entschärfen die Fallen der Dorfbewohner. In weiten Teilen Afrikas ist es üblich, Drahtschlingen auszulegen, um Rohrratten oder Antilopen zu erlegen. Primatenforscher kritisieren das, da so auch Affen zu Tode kommen können.

Die smarte Gruppe in Guinea verletzt sich im Vergleich zu anderen Affen jedoch nur erstaunlich selten an den Fallen. Und die Forscher beobachteten denn auch einige ihrer Mitglieder, die ganz behutsam die Fallen unbrauchbar machten. Die Affen lockerten dazu die Drahtschlinge und die biegsamen Baumtriebe. Dabei vermieden sie es geschickt, die Schlinge selbst zu berühren.

Meister im Nachäffen

Eine entscheidende Sache, die "uns" von "denen" aber immer noch unterscheidet, glaubt der Leipziger Max-Planck-Zoologe Michael Tomasello gefunden zu haben. Er nennt es den "Ratschen-Effekt". Demnach gelingt es nur dem Menschen, kulturell auf dem aufzubauen, was die Generation vor ihm gelernt hat – wie eine Ratsche, die sich immer einen Zacken weiter drehen lässt, aber nie zurück.

Diese Evolution von Kultur gebe es nur beim Menschen, behauptet Tomasello. "Affen äffen zwar auch nach", sagt er, "aber die wahren Meister im Nachäffen sind Menschenkinder."

Und doch: Affenkinder können ihren menschlichen Cousins ziemlich nahekommen. Das hat sich bei den Schimpansen von Bossou gezeigt. So knacken Affen in Westafrika seit Jahrhunderten ihre Nüsse auf einem Amboss. Auch in Bossou macht man das so, aber hier ist die Evolution schon einen Schritt weiter gekommen: Die Schimpansen setzen sogar Steine unter den Amboss, um ihn in abschüssigem Gelände zu stabilisieren.

 

Gorillas im Nebel – Die Leidenschaft der Dian Fossey

 

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Ehe light


Vor knapp zehn Jahren wurden in Frankreich die Artikel 515-1 bis 515-7 des Code Civil geändert. Sie enthalten die rechtlichen Voraussetzungen und verweisen auf die Durchführungsverordnungen für PACS (Pacte civil de solidarité), häufig im allgemeinen Sprachgebrauch in Frankreich (und ebenso in der frankophonen Schweiz) als „Partenariat“ bezeichnet, für das es im Deutschen den unschönen Neologismus Verpartnerung gibt. Oh Weh – nicht schon wieder das Thema Homo-Ehe, wird jetzt vielleicht mancher sagen. Weit gefehlt: davon ist in diesem Artikel nicht die Rede.

Die Franzosen haben beim PACS – sei es Zufall, sei es Absicht, das ist nirgendwo erkenntlich – keine Beschränkung auf Gleichgeschlechtlichkeit eingebaut: der Punkt, für welche Geschlechterkombination denn dieser Pakt gelten solle, fehlt (siehe http://vosdroits.service-public.fr/N144.xhtml ). Das ist wieder einmal so erfrischend anders als bei entsprechenden deutschen gesetzlichen Regelungen, bei denen man manchmal den Eindruck hat, auf der nächsten Seite folge nun sicher, welche Haustierkombination denn keinesfalls bei der Verpartnerung geduldet werden dürfe. Es hat auch in Frankreich eine Weile gedauert, bis sich die Möglichkeit herumgesprochen hatte, dass auch heterosexuelle Partner in den Genuss dieser neuen Regelung kommen dürfen. Inzwischen nehmen mehr Heterosexuelle PACS für sich in Anspruch als Homosexuelle. Wieso wählen Paare, die anders als Gleichgeschlechtliche die Wahl hätten, eine Regelung, die deutlich weniger direkte Vorteile bietet als die normale Ehe? Offensichtlich ist die hergebrachte Form der Ehe für viele nicht mehr ausreichend attraktiv.

Unser Eherecht – kommen wir also zurück nach Deutschland – reflektiert noch immer das traditionell-christliche Familienbild, eine Idylle, die bereits seit langem aufgehört hat zu existieren. Seit Erfindung der derzeit gerade dominierenden Götter ist der Menschheit von interessierten Kreisen eingeredet worden, dieses fiktive Gebilde fordere das ein: Ehe ist unauflöslich, basta! Doch diese Indoktrination funktioniert nur noch bei immer weniger Menschen, und der Gesetzgeber hat, wenn auch nur zögerlich und Schritt um Schritt, das Eherecht den Lebensrealitäten angepasst. Zuletzt wurde die gesetzliche Möglichkeit zur Scheidung auf Malta eingeführt gegen den erbitterten Widerstand…, na, wer weiß es?

Zur Lebenswirklichkeit heutiger junger Paare (jeder von uns Älteren sieht das an den eigenen Kindern) gehört ein ganz typischer Ablauf. Sie lernen sich kennen und lieben und nach einiger Zeit steht die Entscheidung an, die separaten Wohnhöhlen gegen eine gemeinsame einzutauschen. Von klugen Eltern werden sie dabei unterstützt. Ein Problem gibt es mit einer solchen Regelung erst dann, wenn sich Nachwuchs ankündigt. Dann müssen Entscheidungen her, doch die Alternativen Ehe oder bloßes Zusammenleben trotz Kind sind beide nicht sonderlich anziehend. In beiden Fällen beginnen die Schwierigkeiten nämlich im Fall des möglichen Scheiterns der Beziehung: weitgehende Rechtsunsicherheit ohne Trauschein, komplizierte und langwierige Verfahren mit Trauschein.

Vor allem die Unwägbarkeiten bei einer Scheidung führen inzwischen dazu, dass eine zunehmende Zahl Kinder „unehelich“ geboren wird, obwohl die Eltern beisammen leben und sich durch ihre Entscheidung gegen den Trauschein sämtlicher steuerlicher Vorteile begeben.

Eine Ehe ohne Ewigkeitsversprechen wäre somit das Gebot der Stunde, meint Anjes Tjarks von den Hamburger Grünen (GAL).

Die Welt berichtet: Hamburgs Grüne planen eine Ehe light

 

 

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Jeder nach seiner Façon


"Jeder soll nach seiner Façon selig werden", so schrieb am 22. Juni 1740 Friedrich II, König von Preußen, und dokumentierte damit die für Preußens wirtschaftliche Entwicklung wichtige Toleranz gegenüber Einwanderern und religiösen Minderheiten, vor allem Hugenotten und Katholiken. Diese Toleranz sowie die endgültige Abschaffung der Folter 1754 sind herausragende Größen seiner Amtszeit. Die aus dem re-katholisierten Frankreich geflohenen protestantischen Hugenotten genossen dabei wohl die größten Freiheiten mit wirtschaftlichen Starthilfen, Steuerprivilegien und zunächst sogar eingeschränkter eigener Gerichtsbarkeit. Dass diese Toleranz sich nicht etwa nur auf „Christen“ reduzierte beweist ein Brief Friedrichs ebenfalls aus dem Jahre 1740:

„Alle Religionen seindt gleich und guht, wan nuhr die Leute, so sie profesieren , erliche Leute seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land pöbplieren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen“.

Die Eingewanderten integrierten sich und assimilierten schließlich mit der einheimischen Bevölkerung. Nur ihre Namen wie z.B. de Maizière zeugen noch bis heute davon, dass sie einst aus der Fremde kamen. Insoweit kann man Brandenburg-Preußen des 18. Jahrhunderts durchaus als Musterbeispiel für gelungene Integration anführen. 

Der Zuzug nach Deutschland setzte sich im 19. und 20. Jahrhundert fort. Mit der beginnenden Industrialisierung zog es zunächst viele Polen aus den preußischen Ostgebieten (Polen existierte nicht als Staat) vor allem ins Ruhrgebiet und dämpften den Mangel an Arbeitskräften. Später zogen andere Nationalitäten nach: Italiener, Serbokroaten, Spanier, Griechen und viele andere mehr. Niemand nimmt heute ernsthaft Anstoß an Namen wie Podolski, di Lorenzo, Olic und anderen. Sie alle sind „gute Deutsche“ geworden. Deutschland ist eben nie wirklich „rasserein“ im Sinne der verquasten Blut- und Boden-Theorie der Nationalsozialisten gewesen, wahrscheinlich zu seinem Glück. Doch plötzlich soll das für Özdemir nicht mehr gelten? Was ist an Özdemir ungewöhnlicher für deutsche Lippen und Ohren als Podolski? Oder liegt es wirklich an den religiös-kulturellen Unterschieden zwischen den Immigranten und der aufnehmenden Gesellschaft?

Dabei ist die Gegenwart von Moslems in Deutschland doch durchaus nichts Neues. Bereits

im Jahr 1732 ließ der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. in Potsdam am Langen Stall einen Gebetssaal für zwanzig seiner türkischen Gardesoldaten errichten. Die älteste erhaltene deutsche Moschee steht seit 1928 in Berlin, die Wilmersdorfer Moschee, ein prächtiger Bau (http://www.eslam.de/begriffe/w/wilmersdorfer_moschee.htm). Nun gut, inzwischen sind es mehr geworden, ca. 340 als solche erkennbar, nicht gezählt die so genannten Hinterhofgebetsräume, die niemand wirklich will. Auf  knapp 12.000 Moslems in Deutschland kommt gerade mal eine einzige Moschee, dagegen auf knapp 900 Protestanten eine Kirche. Von einer Überrepräsentanz im öffentlichen Erscheinungsbild kann also wohl kaum geredet werden.

Eine aufgeheizte und feindselige Debatte

Trotz dieser Fakten wird die Debatte über islamische Einwanderung mit ungeahnt schrillen Tönen von Befürwortern und Gegnern geführt. Das geht hin bis zu völlig substanzlosen Beleidigungen. Zum beliebtesten Neologismus in diesem Streit scheint  dabei die Wortschöpfung „Hassprediger“ für Aktivisten beider Seiten zu avancieren. Islamkritiker wie Henryk M. Broder werden dabei gern in die Ecke von „faschistischen Antisemiten“ gestellt, Islambefürworter müssen sich den Vorwurf des „Verrats am Volkswillen“ anhören. Irrationale Ängste dienen auf beiden Seiten zur Emotionalisierung der jeweiligen Gefolgschaften, „schleichende Islamisierung“ hier gegen „Aussterben der deutschen Bevölkerung“ dort. Es fällt langsam schwer, sich durch den Wust an veröffentlichten Meinungen hindurchzuarbeiten, um zu den Fakten und auch den objektiven  Schwierigkeiten dieses Dialogs zwischen Immigranten und aufnehmender Gesellschaft vorzustoßen.

Was seit Jahrhunderten relativ reibungsfrei funktionierte scheint in ein großes Desaster zu münden. Deutschland ist nun seit einigen Jahren auch offiziell ein Einwanderungsland und seitdem klappt es einfach nicht mehr mit der Integration. Es scheint so zu sein, dass sich die Probleme wirklich an der andersartigen Religion Islam festmachen lassen, denn weiterhin gibt es mit Einwanderungen aus dem europäischen Raum oder aus Asien keine sonderlichen Schwierigkeiten. Schauen wir uns also genauer an, was Aufnehmende und Aufgenommene jeweils an gegenseitigen Forderungen stellen, um besser beurteilen zu können, wo sich mögliche Kompromisslinien für gegenseitiges Verstehen abzeichnen. Kann der Disput in zivilisatorisch vertretbare Bahnen gelenkt werden?

Die Voraussetzungen aus bisher unbeachteter säkular-humanistischer Sicht

Die grundgesetzlich zugesagte Garantie von Religions-, Presse-, Kunst- und  Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, für das sich alle demokratischen Menschen stark machen und für deren Erhalt und Ausbau sie sich aktiv einsetzen sollten. Diese Grundrechte werden in Deutschland in vielfältiger Weise ausgehöhlt. Das beginnt bereits mit der Anerkennung von Religionsgemeinschaften als Körperschaften „öffentlichen“ Rechts bis hin zum Einzug einer Kirchensteuer, der man sich nur durch „Austritt“ entziehen kann, weil in aller Regel andere, nämlich die Eltern, über den „Eintritt“ entschieden haben. Die Organisation der Religionsgemeinschaften nach Vereinsrecht wäre daher die erste dringliche Maßnahme, um überbordende Privilegien einiger weniger Religionen oder Konfessionen abzubauen. Die große Mehrzahl der Religionen ist nämlich nicht nach öffentlichem Recht organisiert. In solche Vereine könnte jeder wenn er denn will ab Beginn der Geschäftsfähigkeit eintreten und hätte dann natürlich seine Vereinsbeiträge zu entrichten.

Die Finanzierung der Religionsgemeinschaften aus allgemeinen Steuermitteln ist sofort zu beenden. Hierzu gehört auch die Anerkennung sogenannter Bekenntnisschulen, religionsgebundener Kindergärten, Krankenhäusern und anderer karitativer Einrichtungen, die, ohne dass die Mehrheit der Kirchensteuerzahler es überhaupt mitbekommt, bis auf wenige Prozentpunkte aus öffentlichen Mitteln finanziert werden. Überspitzt gesagt: Die Allgemeinheit, religionsgebunden oder nicht, bezahlt dafür, dass sich Religionen ein Mäntelchen der Barmherzigkeit umhängen können. Oder mit einem konkreten Beispiel: jeder Steuern zahlende Moslem finanziert mit seinem Obolus, dass sich z.B. die katholische Kirche repräsentativ in der Öffentlichkeit darstellen kann.

Eine Lösung auf Vereinsbasis würde solche Unsinnigkeiten verhindern. Wenn jemand Bekenntnisschulen, gleichgültig ob christlich, moslemisch oder humanistisch (wie jetzt in Bremen), einrichten will, wogegen überhaupt nichts einzuwenden ist, sofern sich solche Schulen an die allgemein verbindlichen Lehrpläne halten, so soll er sie gefälligst zu 100% selber finanzieren – als Privatschule mit Gebühren oder aus Vereinsmitteln. Es können hier natürlich nur Teilaspekte betrachtet werden, doch gilt das Gesagte sinngemäß für alle Bereiche, in denen die Religionsgemeinschaften überprivilegiert sind.

Erst wenn über einen solchen Privilegienabbau nachhaltig entschieden wird, mithin die Laizität des Staates endlich als oberstes Gebot anerkannt wird, kann sinnvoll über die Integrationsfrage von moslemischen Einwanderern neu nachgedacht werden. Warum?

Moslems fordern durchaus zu Recht und unter Bezug auf das Grundgesetz, dass sie wie alle anderen Religionsgemeinschaften behandelt werden. Da das aber bereits grundgesetzlich garantiert ist, geht ihr Vorstoß offensichtlich noch in eine ganz andere Richtung. Sie wollen dieselben grundgesetzlich nicht abgedeckten Privilegien wie die akzeptierten Religionsgemeinschaften, mit anderen Worten: sie wollen auf die Gesellschaft als Ganzes Einfluss ausüben. Hier liegt die eigentliche Crux des Problems. Während nämlich seit der Aufklärung die Kirchen, wenn auch zähneknirschend, die Vorherrschaft weltlichen Rechts vor kirchlichem Recht anerkennen mussten und sich somit in gewissem Umfang in diese Rolle gefügt haben, verfolgen Muslime, die ohne vergleichbare Aufklärung ihren Weg in der westlichen Welt suchen, unter dem Strich eine andere Gesellschaftsordnung (siehe Demokratie oder Islam ), da schon vom Prinzip her von Menschen gemachtes Recht nicht höher stehen darf als „göttliches“ Recht.

Ist denn ein auf den privaten Bereich beschränkter Islam, das heißt ein an die demokratischen Strukturen des Okzidents angepasster Islam, überhaupt denkbar? Betrachtet man die Masse der moslemischen Einwanderer in Deutschland, so scheint dies durchaus möglich. Die Mehrzahl will ganz offensichtlich ihre Religion leben, ohne weitergehende Ansprüche daraus abzuleiten. Allerdings hat diese Masse keine Stimme. Betrachtet man das Vorgeplänkel zur DIK II, merkt man schnell, dass die dort vertretenen Verbände ganz andere Ziele im Sinn haben. Sie geben vor, die Mehrzahl der Moslems in Deutschland zu vertreten, Abstimmungsergebnisse aufgrund von intelligent an Moslems gestellten Fragen darüber liegen aber nicht vor. Die Verbände sind aber die Meinungsführer. Weitsichtige Moslems wie etwa Necla Kelek (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,686385-2,00.html) oder Bassam Tibi (http://en.wikipedia.org/wiki/Bassam_Tibi und http://www.spiegel.de/international/spiegel/0,1518,440340,00.html) haben in diesem Umfeld keine Chance. Für die Hardliner der Verbände sind Wörter wie „Euro-Islam“, also ein in die demokratischen Strukturen des Westens eingepasster Islam, Fremdwörter, und die sind bedrohlich, weil dabei die „reine Lehre“ verloren gehen könnte.

Der Innenminister tut also gut daran, neben den Verbänden zur DIK auch nicht organisierte Moslems einzuladen und ihnen eine Stimme zu geben. Auch Ex-Moslems wie z.B. Mina Ahadi können durchaus dazu beitragen, die Gefahren einer ungezügelten Ausbreitung einer über die reine Religion hinausgehenden islamischen Ideologie zu belegen und in die Diskussion einzubringen.

Fazit

Aus säkularer Sicht lässt sich mithin zeigen, dass feinsinnige Unterscheidungen zwischen Islam und Islamismus, gedacht zur Unterscheidung zwischen gemäßigten und extremen Kräften, wenig hilfreich sind, wenn es darum geht, Religionen im Allgemeinen die Begrenzung ihrer Wirkungsmöglichkeiten zu zeigen. Auf Entgegenkommen der Beteiligten darf man dabei nicht hoffen, weil diese Begrenzungen alle treffen müssen, wenn einigermaßen Aussicht auf Erfolg bestehen soll. Auch die von linker Seite vorgeschlagene Differenzierung zwischen Islam und politischem Islam (s. etwa Thomas Schmidinger: „Gottesstaat und Demokratie“) ist nicht wirklich hilfreich, da sie nur der oberflächlichen Befriedung dient, das Problem aber nicht im Kern anpackt.

Integration ist möglich, entgegen dem populistischen Geschrei auf Sites wie pi-news.net, sogar sehr gut möglich, wenn jeder die Grenzen kennt und einhält. Hier hat die Islamkonferenz eine große Aufgabe, der sie bisher nicht einmal im Ansatz gerecht wird.

Wer es wirklich ernst meint mit der Integration von Muslimen in Europa, kommt um klare Definitionen und Begrenzungen der politischen Einwirkungsmöglichkeiten von Religionen nicht herum. Schon der „Alte Fritz“ hätte es sich wohl verbeten, wenn jemand aufgrund seiner Religion versucht hätte, auf seine Staatsführung Einfluss zu nehmen. Beschränken wir uns also auf das Wesentliche, so können wir mit Friedrich II nur wiederholen:

Jeder soll nach seiner Façon selig werden

Hoffen wir, dass das in absehbarer Zukunft auch für säkulare Humanisten (Friedrich: „Heiden“) gilt!

 

 

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Gott und die Welt


petersdom-2e22df13-40f4-4bd9-a521-c8efabd84371„In Verantwortung vor Gott und den Menschen“ steht als Verpflichtung in der Präambel des deutschen Grundgesetzes. Angesichts der stark steigenden Zahlen derer, die sich in den letzten Jahrzehnten von den Kirchen befreit haben und der zusätzlichen großen Menge derer, die nur aus gesellschaftlichen oder familiären Gründen weiterhin im Schoß der Kirchen verbleiben, muss die Frage erlaubt sein, ob dieser Gottesbezug noch zeitgemäß ist, oder ob er nicht inzwischen einen regelrechten Affront gegenüber den Nicht- oder Andersgläubigen darstellt. Das Grundgesetz gilt immerhin für alle Deutschen, nicht nur für die verbliebenen Reste der aussterbenden Spezies homo religiosus. Jeglicher Vorstoß in Richtung Vernunft ist in den vergangenen Zeiten nach dem Kriege am erbitterten Widerstand der kirchlichen Lobby gescheitert. Man fragt sich unwillkürlich, was diese damit bezweckt, welche wahren Gründe sich hinter diesem besessenen Kampf verbergen.

Ginge es den Kirchen lediglich darum, ungestört ihre Riten befolgen zu dürfen, könnte es ihnen doch völlig egal sein, wie sich dieses weltliche Gebilde Staat organisiert und seine Gesetze demokratisch abgestimmt formuliert. Niemand will und wird ihnen das Recht auf Ausübung ihrer Religion nehmen. Es geht also nicht um die Verteidigung des religiösen Freiraums, sondern offensichtlich um die Meinungshoheit, um Dominanz, ja letztlich um die Disziplinierung aller Abtrünnigen oder Nie-Dort-Gewesenen. Es findet so zu sagen eine Fortsetzung der Inquisition mit anderen Mitteln statt. Zwar darf man Häretiker und Ketzer nicht mehr so ohne weiteres auf dem Scheiterhaufen von ihren Sünden befreien, aber das Beharren auf einer unsinnigen Formel zeigt jedermann eiskalt und gnadenlos: Wir sind noch da, warte nur ab, bis wir wieder die alleinige Bestimmungsgewalt haben, dann geht es Dir an den Kragen.

Auch in den nie zu einer gemeinsamen Verfassung geronnenen Lissabon-Prozess haben sich die Kirchenvertreter eifrig bemüht – unterstützt von den deutschen Vatikan-Parteien – ihre diskriminierenden Bestrebungen einzubringen. Es hat nicht gereicht, da selbst die überwiegende Mehrzahl der so genannten „katholischen“ Länder dem Begehren Widerstand entgegensetzte. Seitdem herrscht helle Verzweiflung bei den Katholiken, die so weit führte, dass katholischen Abgeordneten mit Exkommunikation gedroht wurde – ein wohlfeiles Machtmittel, das aber nicht mehr ganz so zieht wie noch in früheren Jahren, als von jeder Kanzel Wahlkampfpropaganda betrieben wurde.

Sie geben nicht auf. Im Rahmen der Kampagne, einen Gott in die europäische Verfassung (so sie irgendwann kommen sollte) einzuführen, veröffentlichte Kath.net nunmehr ganz brandaktuell ein Interview, das der kürzlich verstorbene Otto Habsburg der Organisation „Kirche in Not“ 2007 gab:

Papst Johannes Paul II. hat immer wieder davon gesprochen, Europa müsse auch eine Seele haben. Wie hat er das gemeint?
Der Kampf um die Seele Europas ist der Kampf um den Gottesbezug in der Verfassung. Wenn die Menschenrechte, die eines der wesentlichen Elemente Europas sind, einen Sinn und einen Inhalt haben sollen, muss es logischerweise einen Gott geben. Denn das Menschenrecht fußt schließlich auf dem Gedanken, dass der Mensch als von Gott erschaffenes Wesen eigene Rechte hat. Aus diesem Grund plädiere ich dafür, den Gottesbezug in die Europäische Verfassung einfließen zu lassen.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: ohne Gottesbezug ist die Seele Europas in Gefahr! Aber schlimmer noch: ausgerechnet die Menschenrechte, die der Vatikan neben Weißrussland nie unterzeichnet hat, dienen jetzt nachgerade als Gottesbeweis. Wusste dieser Mann zum Zeitpunkt des Interviews überhaupt noch, wovon er redete? Doch es geht bizarr weiter:

Die Gegenseite ist heute aktiver denn je. Der Teufel ist immer dort in der Nähe, wo der liebe Gott ist – weil er der Widersacher Gottes ist. Die antichristlichen und antireligiösen Kräfte sind gut vorbereitet, was von unserer Seite nicht behauptet werden kann. Hier gibt es für die Christen noch viel zu tun.
Reicht es denn nicht, wenn man einfach die Menschenrechte in die Verfassung schreibt und sich an diese vernünftigen Grundsätze hält?
Es reicht eben nicht! Hinter all dem muss eine höhere Autorität stehen. Das war der Grund, warum früher Gott in allen Dokumenten erwähnt wurde, jene höhere Autorität, die die Kontinuität der ganzen Sache verbürgt. Wir brauchen einen Gottesbezug in der Europäischen Verfassung, wobei dieser von allen Monotheisten getragen werden sollte.

Langsam schwant selbst dem kritischsten Leser, warum sich die Amtskirchen so herzhaft über die Präsenz des Islams in Europa freuen: Schützenhilfe für die erschlaffende Kraft des Christentums („alle Monotheisten“!). Und die Menschenrechte reichen natürlich nicht aus, denn denen fehlt die „höhere Autorität“.  Deutlicher kann man dem Scharia-Vorbehalt der OIC-Staaten nicht Beifall klatschen. Ob das allen Katholiken bewusst ist, die da immer noch meinen, vereint mit ihren Kirchen den Islam in Europa eindämmen zu können?

Wer an Gott glaubt, ist in dieser Frage unser Verbündeter. Auf anderen Gebieten mag es durchaus Differenzen zwischen den Religionen geben. Aber wenn wir die europaweite Perspektive sehen, müssen wir alle Kräfte sammeln und die Menschen vereinen, die an Gott glauben und für einen Gottesbezug in der Europäischen Verfassung eintreten.
Könnte es zu einer Re-Christianisierung oder zu einer Re-Vitalisierung des Christentums in Europa kommen?
Ich bin überzeugt, dass es dazu kommt. Ich sehe viele Zeichen, die das bestätigen. Wer, außer der katholischen Kirche, hätte weltweit solche Jugendtreffen zustande gebracht?
Wir leben in einer Zeit großer Veränderungen. Die Lebensbedingungen sind heutzutage ganz andere als früher. Die junge Generation hat das verstärkte Bedürfnis nach Halt, sie befindet sich auch wieder mehr auf der Suche nach Gott. Diese Chance gilt es zu nutzen.
Vor allem müssen junge, christliche Menschen in die Positionen kommen, wo Entscheidungen, auch für Europa, getroffen werden. Hier müssen sie für ihren Glauben

Wer sich die ganze Story zu Gemüte führen möchte, sei verwiesen auf http://www.kath.net/detail.php?id=32213

 

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Vrône Lîcham


Ich werde mir sicherlich nicht die Mühe machen, aufwändige Recherchen zu einem überflüssigen Fest zu unternehmen, von dem selbst kaum noch ein Katholik weiß, worum es wirklich geht. Die meisten lässt es eh kalt und die wenigen, die es noch begreifen und mitmachen, verhelfen einmal mehr dazu, katholischen Pomp penetrant in die Öffentlichkeit zu tragen. Die klug gewählte Jahreszeit und der geschickt ausgesuchte Wochentag für das Brimborium (neudeutsch: event) bringen allerdings stressgeplagten Arbeitnehmern unter Einschluss des „Brückentags“ einen willkommenen Kurzurlaub bei meist gutem Sommerwetter. Während sich die Beinharten mit den Monstranzen abschleppen und mit den prunkvollen Baldachinen aus 1001 Nacht, liegen sie genüsslich in den Isarauen, sitzen in den Biergärten und lassen den „lieben Gott“ einen guten Mann sein. Da es ja auch googlefaule und weniger exzellent mit katholischen Interna vertraute Humanisten geben soll, sei hier auf die Wikipedia verwiesen, die wenigstens einige der notwendigen Fakten liefert. Ein Dankeschön an Juliana von Lüttich für diesen Tag, den ich sicherlich irgendwo in einer gemütlichen Restauration mit Handkäs und Musik und einem Bempel Äppelwoi an den Ufern des Mains verbringen werde.

Wikipedia: Das Fronleichnamsfest ist ein Hochfest im Kirchenjahr der katholischen Kirche, mit dem die leibliche Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie gefeiert wird. Die Bezeichnung Fronleichnam leitet sich vom mittelhochdeutschen vrône lîcham „des Herren Leib“, ab (vrôn „was den geistlichen oder weltlichen Herrn betrifft“ und lîcham „der Leib“). In der Liturgie heißt das Fest „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“, regional wird es auch „Prangertag“ oder „Blutstag“ genannt. Im Englischen und in anderen Sprachen trägt das Hochfest den Namen „Corpus Christi“.

Fronleichnam wird am Donnerstag nach dem Dreifaltigkeitsfest begangen (am 60. Tag nach dem Ostersonntag) und fällt somit frühestens auf den 21. Mai und spätestens auf den 24. Juni. Der Donnerstag als Festtermin steht in enger Verbindung zum Gründonnerstag und der damit verbundenen Einsetzung der Eucharistie durch Jesus Christus selbst. Wegen des stillen Charakters der Karwoche erlaubt der Gründonnerstag keine prunkvolle Entfaltung der Festlichkeit. Aus diesem Grund wurde das Fest Fronleichnam bei seiner Einführung auf den Donnerstag der zweiten Woche nach Pfingsten gelegt. In Ländern, in denen Fronleichnam kein gesetzlicher Feiertag ist, kann das Hochfest auch am darauffolgenden Sonntag gefeiert werden.

Das Fest der leiblichen Gegenwart Christi im Altarssakrament wurde erstmals 1246 im Bistum Lüttich gefeiert und 1264 von Papst Urban IV. durch die Bulle Transiturus de hoc mundo zum Fest der Gesamtkirche erhoben. Unter anderem schrieb Urban IV.: „Wir haben es daher, um den wahren Glauben zu stärken und zu erhöhen, für recht und billig gehalten, zu verordnen, dass außer dem täglichen Andenken, das die Kirche diesem heiligen Sakrament bezeigt, alle Jahre auf einen gewissen Tag noch ein besonderes Fest, nämlich auf den fünften Wochentag nach der Pfingstoktav, gefeiert werde, an welchem Tag das fromme Volk sich beeifern wird, in großer Menge in unsere Kirchen zu eilen, wo von den Geistlichen und Laien voll heiliger Freude Lobgesänge erschallen.“

Das vierte Laterankonzil hatte 1215 die Wandlung der eucharistischen Gestalten mit der Transsubstantiationslehre präzisiert und zum Dogma erhoben. Katholiken glauben, dass in der Heiligen Messe die eucharistischen Gestalten durch die Wandlung wahrhaft zum Leib und Blut Christi werden und Christus darin gegenwärtig ist und bleibt.

Die Anregung zu dem Fest soll auf eine Vision der heiliggesprochenen Augustiner-Chorfrau Juliana von Lüttich im Jahre 1209 zurückgehen. Diese berichtete, sie habe in einer Vision den Mond gesehen, der an einer Stelle verdunkelt war. Christus habe ihr erklärt, dass der Mond das Kirchenjahr bedeute, der dunkle Fleck das Fehlen eines Festes des Altarssakraments. Aus der Einführungsbulle Transiturus hoc mundo geht aber auch hervor, dass Papst Urban IV. als primären Einführungsgrund des Festes den siegreichen Triumph über die Ketzerei favorisierte, die die Transsubstantiation geleugnet hatte.

Für das Fest entstand ein eigenes Mess-Proprium und Stundengebet, für das Thomas von Aquin als Autor gilt, ebenso wie für die Hymnen, die den Charakter des Fests entscheidend geprägt haben: Panis angelicus, Pange lingua, Adoro te devote, Verbum supernum prodiens und die Sequenz Lauda Sion.

Die erste Fronleichnamsprozession in Bayern fand 1273 in Benediktbeuern statt. Mit einer Sakramentsprozession wurde das Fest erstmals 1279 in Köln begangen. Ihren Höhepunkt an festlicher Gestaltung erreichte die Fronleichnamsprozession im 17. und 18. Jahrhundert. In München zog die Prozession zwischen den Stadtmauern hin, und die vier Evangelien wurden an den vier Stadttoren Schwabinger Tor, Isartor, Sendlinger Tor und Karlstor verlesen.

 




Christlicher Humanismus?


BeneAus gegebenem Anlass – da die Diskussion nicht abreißen will – stelle ich diesen Artikel vom 1. Januar 2012 noch einmal ein. Manche Passage würde ich zwar heute etwas differenzierter formulieren, doch im Kernpunkt sehe ich keinen Anlass zu grossen Veränderungen.

Vorangestellt sei ein kurzes Exzerpt aus Wikipedia, in dem eine wohl gültige Definition des Humanismus als Weltanschauung gegeben wird:

Humanismus ist eineWeltanschauung, die auf die abendländische Philosophie der Antike zurückgreift und sich an den Interessen, denWerten und der Würde des einzelnen Menschen orientiert. Toleranz, Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit gelten als wichtige humanistische Prinzipien menschlichen Zusammenlebens. Die eigentlichen Fragen des Humanismus sind aber: „Was ist der Mensch? Was ist sein wahres Wesen? Wie kann der Mensch dem Menschen ein Mensch sein?“ Humanismus bezeichnet die Gesamtheit der Ideen von Menschlichkeit und des Strebens danach, das menschliche Dasein zu verbessern. Der Begriff leitet sich ab von den lateinischen Begriffen humanus (menschlich) und humanitas (Menschlichkeit). Der Humanismus beruht auf folgenden Grundüberzeugungen:

  1. Das Glück und Wohlergehen des einzelnen Menschen und der Gesellschaft bilden den höchsten Wert, an dem sich jedes Handeln orientieren soll.
  2. DieWürde des Menschen, seine Persönlichkeit und sein Leben müssen respektiert werden.
  3. Der Mensch hat die Fähigkeit, sich zu bilden und weiterzuentwickeln.
  4. Die schöpferischen Kräfte des Menschen sollen sich entfalten können.
  5. Die menschliche Gesellschaft soll in einer fortschreitenden Höherentwicklung die Würde undFreiheit des einzelnen Menschen gewährleisten.

Die Humanität ist die praktische Umsetzung der Ideen des Humanismus. Dazu gehören die Güte, die Freundlichkeit und das Mitgefühl für die Schwächen der Menschen, seiner selbst inne und mächtig zu werden und sich im Mitmenschen selbst wiederzufinden.

Diese Definition ist durchaus tauglich, wenn es darum geht, den Idealzustand menschlichen und zwischenmenschlichen Verhaltens gewisser Maßen statisch zu skizzieren. Diese Definition ist untauglich, da sie es versäumt, Aussagen darüber zu machen, woher diese Verhaltensweisen kommen (generiert oder oktroyiert) und in welche Richtung sie sich entwickeln sollten. „Fortschreitende Höherentwicklung“ ist zu schwammig, um in irgendeiner Weise dienlich zu sein.

Eine solch unvollkommene und geradezu schwammige Beschreibung des Wesens des Humanismus birgt die Gefahr, dass sich praktische jede beliebige andersgeartete Weltanschauung seiner bedienen kann. So wird dieser schöne, doch richtig „menschlich“ klingende Begriff recht bald Opfer von Religionen und Ideologien. Schon der antike Ausgangspunkt bei Platon war nicht sonderlich pragmatisch angelegt. In der politeia lehnt Platon Privateigentum ab (später in den nomoi leicht revidiert), was fast Anklänge an urkommunistische Vorstellungen erlaubt. Doch mit einem wesentlichen Grundrecht, dem auf freie Selbstbestimmung, hapert es bei Platon. Die Demokratie verdammt er als „Vorstufe zur Tyrannei“. Dies wird Jahrhunderte später vom großen „Aufklärer“ der andalusisch-islamischen Welt, Ibn Rushd (Averroës), aufgegriffen in seiner Interpretation der politeia. Damit desavouiert selbst der Vater der duplex veritas auch einen islamischen Humanismus, falls so etwas angesichts des „ewigen“ Koran überhaupt möglich ist, in den Bereich der Schimären.

Mit diesen beiden Beispielen möchte ich nur kurz andeuten, was folgerichtig in dem Augenblick offensichtlich mit Notwendigkeit passieren muss, wenn sich Ideologien oder Religionen des Begriffs bemächtigen. Jeder kann sich anhand des längeren Wikipedia-Eintrags selber ein Bild davon machen.

Im Zentrum des Humanismus steht eindeutig der Mensch in seinem Umfeld mit allen seinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Das impliziert stringent seine Selbstbestimmung in allen das Leben betreffenden Fragen, die nur dort ihre Begrenzung findet, wo Rechte des Mitmenschen berührt sein könnten. Jedes Aufpropfen einer Fremdbestimmung des Menschen durch Ideologien oder Religionen zerstört bereits im Ansatz das Wesen des Humanismus. Der Mensch verliert dergestalt die Mitte, er wird an die Seite geschoben, um anderen Prinzipien den Vorrang einzuräumen.

Den Humanismus wie wir ihn heute verstehen gibt es erst seit der Aufklärung, also ab dem Augenblick, als man sich den Menschen als Individuum mit einklagbaren Rechten vorzustellen begann. Die Bill of Rights, die amerikanische Verfassung und die diversen Menschenrechtserklärungen sind die Eckpunkte, an denen sich unsere heutige Auffassung festmachen lässt. Betrachten wir also die Okkupanten des Humanismus, so müssen diese sich daran messen lassen, inwieweit sie den drei beispielhaft genannten Erklärungen zustimmen oder nicht. Weder die Organisation islamischer Staaten (OIC) noch der Vatikan erkennen die Menschenrechte an. Ihr Vorbehalt ist praktisch identisch formuliert, dass sie nämlich nicht menschliches Recht über das durch ihre Schamanen interpretiertes fiktives Recht eines Gottes stellen wollen. Fremdbestimmung pur – keine Spur einer Anerkennung des Humanismus. Bezeichnend ist auch, dass bei der UN-Abstimmung von 1948 die damaligen kommunistischen Staaten mit Nein gestimmt haben. Ihr Gott: eine ebenso menschenverachtende Ideologie wie sie von den Religionen Islam und Christentum repräsentiert werden. Wäre das nationalsozialistische Deutschland Mitglied der UN gewesen, kann man wohl von einer ebensolchen Ablehnung ausgehen.

Bevor ich mich der im Titel genannten contradictio in adiecto zuwende sei mir ein kurzer Blick auf die „moderne“ islamische Philosophie erlaubt, zumal ich darauf bereits in meinem Aufsatz  الديمقراطية والا الاسلام (http://www.wissenbloggt.de/?p=375) eingegangen bin.

Der tunesisch-französische Autor Abdelwahab Meddeb hält den islamischen Humanismus, der mit bedeutenden Ärzten, Gelehrten und Philosophen auf eine lange Tradition zurückblicken kann, durch den «Islamismus» für bedroht:

„Die Keime des Islamismus […] sind bereits im koranischen Text vorhanden. Die Dinge wären sehr viel einfacher, wenn es nicht diese islamistische Lektüre des Korans gäbe. Die Islamisten wollen aus ihrer Lesart die einzig richtige machen, dabei ist es ja gerade die Eigenart von Texten, unendlich viele Interpretationen zu ermöglichen […] Das enorme Problem des Islam besteht gerade darin, dass der Islamismus versucht, seine Botschaft in alle Richtungen zu verbreiten. Der offizielle Islam, der eine Art letzter Metamorphose des traditionellen Islam ist, wird heute zunehmend von islamistischem Gedankengut durchsetzt und vergiftet.“

Auch dieser Ansatz führt in die Irre, und zwar aus zwei einleuchtenden Gründen. Auch Meddeb bezweifelt nicht die Stellung eines Gottes als oberster Legislator und des weiteren folgt er der auch in Europa stark verbreiteten Meinung, es gäbe einen Unterschied zwischen Islam und Islamismus (oder auch: politischer Islam). Das sind problematische Ansätze. Solange wir keinen fest etablierten Euro-Islam im Sinne eines Bassam Tibi konstatieren können oder ausreichende Anhängerschaften eines liberalen Islam im Sinne einer Seyran Ates, bleibt jedes philosophische Bemühen eines Herrn Meddeb Makulatur. Die Schmähung des Humanismus durch Einverleibung in eine menschenfeindliche Religion kann dabei mit höchstem Wohlwollen nur als „window dressing“ unter Ausnutzung eines offenbar beliebten, aber missverstandenen Begriffs interpretiert werden.

Dass auch die Christen nicht faul bei der Okkupation religionsfremder Begriffe sind beweist einmal mehr Herr Ratzinger  (nach einem Artikel des Hamburger Abendblatts): Papst Benedikt XVI. hat zum Jahresende zu einem neuen christlichen Humanismus aufgerufen. Ein solcher Humanismus müsse in der Lage sein, Kultur und soziales Engagement aus christlichem Geist hervorzubringen, sagte er am Sonnabend in einem Silvestergottesdienst im Petersdom. Das setze eine Neubelebung christlichen Lebens und einen vertieften Dialog mit der modernen Kultur voraus. Es gelte, die „Schönheit und Aktualität des Glaubens“ wiederzuentdecken, betonte Benedikt XVI vor mehreren tausend Zuhörern. Der Glaube dürfe kein „isolierter Akt“ bleiben, der nur „einige Momente“ des Lebens betreffe. Er müsse den gesamten Alltag prägen und eine „beständige Orientierung“ darstellen, die den Menschen „gerecht, wirksam, wohlwollend und gut macht“.

Zwei Gesichtspunkte sind dabei bemerkenswert. In seiner Verblendung und seiner Machtgier kann sich Herr Ratzinger überhaupt nicht vorstellen, dass Menschen auch ohne göttliche „Orientierung“ gerecht, wohlwollend und gut sein können. Empathie als evolutionär entwickelte Eigenschaft widerspricht trotz der vorliegenden Tatsachen eindeutig seinem Universalanspruch auf „Nächstenliebe“.

Der zweite wichtige Punkt findet sich in der Formulierung „neuer christlicher Humanismus“. Er möchte also anknüpfen an etwas, was mit der Aufklärung „verloren“ wurde, der „klassische“ christliche Humanismus. Dabei ist es so leicht – auch abgesehen von der generellen Unvereinbarkeit von Religion und Humanismus – auch diese Referenz ad absurdum zu führen. Als so genannte „christliche“ Humanisten werden immer wieder Francesco Petrarca und Erasmus von Rotterdam genannt. Man möchte dabei von christlicher Seite gern übersehen, wie sich diese beiden Herren zu den Grundüberzeugungen Herrn Ratzingers geäussert haben.

Erasmus von Rotterdam: „Um jedoch nicht weiter auf diese endlosen Einzelheiten' einzugehen, will ich euch in aller Kürze dartun, dass die ganze christliche Religion eine gewisse Verwandtschaft mit der Torheit hat und zu der Weisheit in gar keiner Beziehung steht." (Referenz : http://hpd.de/node/2349).

Francesco Petrarca: „Es ist üblich und alter Brauch, Erzählungen, die zum größten Teil erlogen und erdichtet sind, mit dem Mäntelchen der Religion und der Heiligkeit zu umkleiden, auf dass den menschlichen Betrug die Vorstellung von einer Gottheit decke." (Referenz: http://hpd.de/node/2410).

Sind den Apologeten eines «christlichen» Humanismus diese Zitate nicht bekannt, oder werden sie aus Böswilligkeit nicht berücksichtigt ?

Lug und Trug ziehen sich durch die Geschichte der Religionen, und es ist dringlich – heute offenbar mehr denn je –  an der Zeit, solchem Treiben Einhalt durch Aufklärung zu gebieten.

 

 

 

 




Gott würfelt nicht


Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schien die Physik weitgehend an ihre Grenzen gestoßen zu sein. Was sollte es noch Neues im „realen Dasein“ zu erforschen geben? Planeten zogen ihre Bahnen nach Newtons Gesetzen, Mechanik, Thermodynamik, Elektro-Magnetismus, Wellenlehre und vieles anderes boten kaum noch Chancen für nachwachsende Physiker, sich zu profilieren, Ruhm und Ehre einzuheimsen. Vielfach wurde davon abgeraten, dieses Fachgebiet überhaupt als Studienanfänger in Erwägung zu ziehen.

Doch dann kam alles ganz anders. Das beginnende zwanzigste Jahrhundert wurde Zeuge des Beginns einer beispiellosen Wissensexplosion, an deren Ursprung ein Name nicht wegzudenken ist: Albert Einstein. Untrennbar mit ihm verbunden bleiben für die Öffentlichkeit seine spezielle und allgemeine Relativitätstheorie. Die Arbeiten hierzu haben ihn zu einem internationalen Popstar der Physik gemacht und ein Medieninteresse wie niemals vorher und wohl nur selten nachher entfacht. Jedes Kind weltweit kannte und kennt seinen Namen – seine Theorien und die weit reichenden Folgerungen daraus haben allerdings nur die wenigsten verstanden. Außerhalb von Fachkreisen ist dabei noch weniger bekannt, dass Einstein auch Mit-Vater der zweiten großen physikalischen Umwälzung des zwanzigsten Jahrhunderts ist: der Quantenphysik.

Seine Arbeit zur Deutung des photoelektrischen Effekts mit Hilfe der Lichtquantenhypothese brachte ihm schließlich 1921 den Physik-Nobelpreis, nachdem er seit 1910 bereits mehrfach für den Nobelpreis wegen der Relativitätstheorie vorgeschlagen worden war. Obwohl die britische Sonnenfinsternis-Expedition von 1919 eindeutige Belege für die Richtigkeit der Relativitätstheorie erbracht hatte, konnte sich das Nobelpreiskomitee wegen immer noch bestehender Vorbehalte nicht dazu durchringen, ihm hierfür den Preis zu verleihen. Für das allgemeine Publikum verstärkte sich dadurch die Meinung, das Komitee habe eine „Notlösung“ einer eindeutigen Stellungnahme vorgezogen, vor allem auch weil Einstein seinen Vortrag vor der Akademie zudem nicht zur Quantenphysik hielt, sondern zur Relativitätstheorie.

Die weitere physikalische Forschung wurde bis auf den heutigen Tag dabei in weitaus größerem Maße von der Quantenmechanik bestimmt als von den Lehren der Relativität. Einstein selbst bekannte, dass er sich in seiner wissenschaftlichen Laufbahn wohl zehnmal mehr mit den Quanten als mit dem Raum-Zeit-Kontinuum beschäftigt hat. Weitere spektakuläre Erfolge blieben dem Genie allerdings versagt. Seine Suche nach der Weltformel aus Gravitation und Elektromagnetismus scheiterte kläglich, musste schlicht schon deshalb versagen, weil ihm weder die schwache noch die starke Kernkraft bekannt waren, das heißt, bereits sein Ansatz war zu verengt. Sein Kampf gegen die neuen Protagonisten der Quantenphysik wie etwa Born, Pauli oder Heisenberg war vergeblich – er wurde immer wieder in allen Punkten widerlegt. Besonders zu schaffen machte ihm die von Heisenberg formulierte Unschärferelation.

Die Nichtbestimmbarkeit von Ort und Impuls eines Teilchens zur gleichen Zeit stieß auf seinen erbitterten Widerspruch, der in dem Ausspruch gipfelte: „Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der nicht würfelt“ (so in einem Brief an Max Born aus dem Jahr 1926). Journalisten, von Berufs wegen auf der Suche nach griffigen Formulierungen, machten flugs daraus: „Gott würfelt nicht“. Einsteins Haltung zur Quantenphysik findet sich knapp und verständlich dargestellt in “Einstein und die Quantentheorie”.

Die Affinitäten zwischen Religion und Physik

Vor allem Physiker legen eine Neigung an den Tag, sich zu Gott und Religion zu äußern, die auf den ersten Blick verwundert, da sie sich ja eher mit dem Rationalen dieser Welt als mit dem irrationalen Transzendenten beschäftigen. Ihre Feststellungen die Religion betreffend sind dazu meist in hohem Maße missverständlich. Sie führen dazu, dass Physiker nicht selten von den Religionen gleich welcher Couleur als „die Ihren“ vereinnahmt werden. Andere Wissenschaftler wie zum Beispiel Biologen entgehen solcher Inanspruchnahme durch klare Opposition. Der Mythos der Genesis ist schlicht nicht in Einklang zu bringen mit den Fakten der Evolutionslehre. Und solange die Theologie ihre aus dem damaligen Zeitgeist heraus geborenen Fabeln nicht als solche benennt, wird das auch so bleiben. Biblische Exegese ist in diesem Punkt allerdings schon erheblich weiter als fundamentalistische Interpretationen der Schriften durch Evangelikale oder Moslems. Sind Physiker etwa gläubiger als Biologen? Werden sie zu Recht als Zeugen für transzendentale Vorstellungen vereinnahmt?

Betrachtet man die Umstände der Zeugennahme genauer, so stellt man fest, dass es eher um ein Spiel mit Begriffen als um wahre Sachverhalte geht. Da werden die Dinge gedreht und gewendet, bis sie in die eigenen Vorgaben passen. So sagt der Kreationismus-Apologet Adnan Oktar (Harun Yahya) „[laut] Albert Einstein, der als bedeutendster Wissenschaftler des 20sten Jahrhundert gilt, „ist Wissenschaft ohne Religion lahm“, was soviel bedeutet wie, dass die Wissenschaft ohne die Führung der Religion nicht korrekt fortschreiten wird, sondern er [?] eine Verschwendung von Zeit darstellt, bis bestimmte Ergebnisse erzielt werden, und schlimmer noch, diese oftmals ergebnislos ist [?]“. Einstein befindet sich bei Adnan Oktar in einer langen Liste von Wissenschaftlern, deren angebliche Religiosität gegen die weitverbreitete Annahme spricht, alle Forscher seien materialistische Darwinisten und verdammenswerte Atheisten.

Da nicht sein kann, was nicht sein darf, wird alles ins Schema der eigenen religiösen Vorstellungen gepresst: „Der Quran zeigt der Wissenschaft den Weg“. Und: „Wissenschaft bietet eine Methode an, durch die das Universum und alles darin Enthaltene untersucht werden kann, um die Kunst in Gottes Schöpfung zu entdecken, und der Menschheit dadurch erkennbar zu machen“. Für Oktar ist klar, wenn ein Wissenschaftler das Wort „Gott“ oder „Religion“ in den Mund nimmt, dass er dann notwendigerweise darunter das gleiche verstehen müsse wie Oktar selbst. Jeder Physiker von Rang würde es sich wohl verbitten, als Auftragsforscher im Namen des Korans gekennzeichnet zu werden.

Doch was meinte Einstein nun wirklich, als er sagte, Wissenschaft ohne Religion sei lahm, oder als er „den Alten“ keinesfalls beim Würfelspiel sehen wollte? Wir dürfen mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass Einstein kein Moslem war, und dass er weit davon entfernt gewesen wäre, in das krude Weltbild eines Adnan Oktar zu passen. Über Einsteins religiöse Vorstellungen ist viel geschrieben und viel gerätselt worden. Dabei kann es gar nicht klarer ausgedrückt werden als er es selbst gesagt hat. Für ihn waren die Inhalte der drei abrahamitischen Religionen „kindischer Aberglaube“ und noch stärker in Abgrenzung der über ihn in dieser Frage herrschenden Vorurteile: „Es war natürlich eine Lüge, was Sie über meine religiösen Überzeugungen gelesen haben, eine Lüge, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott und ich habe dies niemals geleugnet, sondern habe es deutlich ausgesprochen. Falls es in mir etwas gibt, das man religiös nennen könnte, so ist es eine unbegrenzte Bewunderung der Struktur der Welt, so weit sie unsere Wissenschaft enthüllen kann.”  Punkt. Klar gesagt.

Institutionalisierte Religionen, die ihren verängstigten Anhängern Riten abverlangen, um sie zu disziplinieren und vor der Hölle zu bewahren, waren Einstein ein Graus. Er unterschied klar in drei Gruppen: primitive „Furcht-Religionen“, so genannte „Moral-Religionen“ und seine eigene Kennzeichnung einer „kosmischen Religiosität“, die zu keiner Theologie, sondern zu Wissenschaft und Kunst führe. Die Missverständnisse waren ihm dabei recht egal: „Es schert mich einen Teufel, wenn die Pfaffen daraus Kapital schlagen. Dagegen ist kein Kraut gewachsen“.

Si comprehendis, non est deus

Ist es also pure Koketterie, wenn Physiker mit den Begriffen „Gott“ und „Religion“ zu spielen scheinen? Oder gibt es gar einen inneren Zusammenhang? Das Gemeinsame an Quantenphysik und Theologie ist, dass sie beide ein Realismusproblem haben.

Die Welt der Quanten entzieht sich anders als die Mechanik vollständig unserer sinnlichen Vorstellungskraft. Sie lässt sich hervorragend in der Sprache der Mathematik erfassen, doch sobald sich Physiker an eine Übersetzung der Erkenntnisse in die Sprache der makroskopischen Erfahrungswelt herantrauen, wird es unendlich schwierig. So geht es auch der wohl berühmtesten Übertragung mikroskopischer Vorgänge in die Alltagssprache: Schrödingers Katze, die gleichzeitig tot und lebendig ist. Um das Gedankenexperiment Schrödingers wirklich zu verstehen muss man sich – vertrackte Logik – in der Quantenphysik zumindest ein wenig auskennen.

Wir begegnen dem Problem der positiven Darstellung nicht wirklich begreifbar darstellbarer Phänomene. Und hier genau an dieser Stelle treffen sich moderne Physik und die klassischen Religionen. Die prinzipielle Unübersetzbarkeit quantenmechanischer Vorgänge hat ihren Widerpart in der affirmativen Theologie. Beide Seiten sind gezwungen, zu Bildern zu greifen, um verständlich zu erscheinen. Verstehen Sie die Unschärferelation in Relation zur Unmöglichkeit positiver Aussagen über Impuls und Ort? Verstehen Sie das Wesen Gottes in seiner Unbeschreibbarkeit als Wirkung für den Menschen?

Falsche Bilder schaffen dabei falsche Eindrücke. Sie führen bei „Gott“ im Zweifel zum gütigen Vater mit Rauschebart, in der Physik zur untoten Katze. Geholfen ist mit solchen Bildern niemandem. Im Gegenteil wird der Eindruck erweckt, ein Bild vermittele eine anerkannte Wahrheit über das Wesen der Dinge. Solche „positiven“ Darstellungen finden sich in allen Religionen, zum Beispiel die 99 Benennungen für „Allah“ im Koran, jede einzelne soll ein Wesensmerkmal dieses Wesens wiedergeben. Das führt im Zweifel zu der völlig falschen Vorstellung, „Gott“ sei tatsächlich so wie beschrieben. Doch kann genau so gut das jeweilige Gegenteil der Fall sein.

„Wenn Du meinst zu verstehen – ist es nicht Gott“, sagte bereits der Kirchenvater Augustin und begründete im christlichen Bereich das, was man unter „negativer Theologie“ versteht. Ein heutiger Protagonist dieser Gedankenrichtung ist der Theologe Andreas Benk: „Gott ist nicht gut und nicht gerecht, nicht vollkommen und nicht allmächtig, Gott ist nicht Vater und nicht Mutter, nicht Geist und nicht Person. Eine solche Feststellung ist für viele Christinnen und Christen verstörend – und doch ist es jüdische, christliche und muslimische Einsicht. Es geht nicht um eine esoterische Lehre und nicht um eine theologische Spitzfindigkeit. Es geht um die Unangemessenheit jeder Rede von Gott: Gott entzieht sich unvermeidlich all unseren Vorstellungen und all unseren Versuchen, ihn zu begreifen“.

Diesem eigentlich selbstverständlichen theologischen Ansatz entzieht sich aber die offizielle Kirche mit aller Macht. Bei einem Papst, der gemeinhin als „intellektuell“ angesehen ist, erstaunt dies ganz besonders. Doch statt das Unbegreifliche als solches zu benennen wie es die negative Theologie versucht, ergießt sich Benedikt XVI. gleich in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ (Gott ist die Liebe) von 2005 ins genaue Gegenteil. Diese selektive Wahrnehmung des Gottesbildes in der affirmativen Theologie mag zwar die eigenen Schäfchen beruhigen, für einen Unvoreingenommenen stellt es aber geradezu einen Anschlag auf die Intelligenz dar. „Deus caritas est“ gibt vor, etwas von Gott zu verstehen, dass so nicht existiert, und leicht konterkariert werden könnte mit dem Bild des eifersüchtigen und zornigen Jahwe, der ganz Sodom und Gomorrha wegen der Sünden einzelner vom Erdboden vertilgt inklusive aller unschuldigen Kinder. Caritas? Oder betrachten wir diesen persönlichen Gott (Einstein: „kindischer Aberglaube“), der angeblich in jeder Sekunde bei jedem Individuum anwesend ist, in seinen Werken und Gedanken.

Ist ein solches Kontrollmonstrum, schlimmer als Big Brother, überhaupt denkbar? Wenn an dieser Stelle der Atheismus auch ohne die geringsten Beimengungen von Agnostizismus ein klares Nein entgegensetzt, so hat er ohne Zweifel Recht, auch ohne selbst Religion zu sein. Bischof Walter Mixa – falls er denn diese Zeilen liest – kann sich beruhigt zurücklehnen: er muss sich keine Sorgen machen, dass jenes höhere Wesen ihn nach allem sonstigen auch noch dabei überwacht, ob er sich wenigstens beim Toilettengang gottgefällig den Hintern abwischt.

Konklusion

Physik und Religion machen einen entscheidenden Fehler, wenn sie versuchen, die Grenzen des Beschreibbaren formulatorisch zu überwinden. Es mutet an, als wollten sie ein altes Buch mit unsichtbarer Schrift (siehe Abb.) in eine moderne Sprache übersetzen. Sie werden dadurch nicht wie erhofft glaubwürdiger. Einstein hat dies gut erkannt, aber er gibt dem Unbeschreibbaren einen Namen: „Gott“. Und setzt also alles, was wir nicht wissen, vielleicht niemals wissen können, dem gleich, was auch die Religionen so bezeichnen. Das ist klug und gefährlich zugleich. Klug ist es, weil es kennzeichnet, dass wir gewisse Erfahrungen wie das eigentliche Wesen der Singularität des Urknalls wahrscheinlich niemals werden beschreiben können, ja, in diesem speziellen Fall nicht einmal in mathematische Formeln kleiden können (zu viele „Unendlich“).

Wir wissen nicht einmal, ob es wirklich der Urknall war, auf den Johannes-Paul II. 1992 so gerne aufgesprungen ist, oder ob es statt des Big Bang nicht eher einen sich wieder und wieder erneuernden Big Bounce gegeben hat, wie es etwa Bojowald mit seiner Schleifen-Quantengravitation (gequanteltes Raum-Zeit-Kontinuum) anspricht. Gefährlich ist es, weil diese Kennzeichnung, wie die Geschichte zeigt, eine Vereinnahmung durch die Offenbarungsreligionen mit ihrer dogmatischen und affirmativen Interpretationen des Wesens Gottes nicht hinreichend ausschließt.

Negative Theologie eines Augustinus und eines Andreas Benk könnte sich dagegen gut mit den Ansichten der Physiker treffen, dass bestimmte Dinge sich niemals werden formulieren oder mathematisch umschreiben lassen. Hier liegt ein wesentlicher Wert der „kosmischen Religiosität“ eines Einstein, dem sich auch der hartgesottenste Atheist nicht verschließen könnte, wenn er nicht in ein quasi-religiöses Dogmenschema verfallen möchte: er würde angesichts dieses „Scio nescio“ zu den letzten Fragen unweigerlich zum Agnostiker.




Religionsfreiheit - muss das sein?


Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde am 10. Dezember 1948 von der Vollversammlung der UNO mit 48 zu null Gegenstimmen bei acht Enthaltungen, seitens muslimischer und kommunistischer Regierungen, beschlossen.

In der heutigen Diskussion gewinnt man sehr oft den Eindruck, als sei lediglich der Artikel 18, in dem neben der Meinungs- und Gewissensfreiheit auch von der Religionsfreiheit die Rede ist, von ausschlaggebendem Interesse.

Es hört sich so an, als sei ausgerechnet dieses Menschenrecht auf Religionsfreiheit das Wichtigste von allen. Wichtiger als zum Beispiel das Verbot von Folter und Sklaverei oder die Unantastbarkeit der Person und ihres Eigentums.

Bei der Berufung auf die Religionsfreiheit bilden sich erstaunliche Fronten. Das eher linke Spektrum bis weit in die Reihen von CDU/CSU hinein aber auch die römisch-katholische und evangelische Kirche pochen darauf, dass dieses Recht selbstverständlich auch dieser  nunmehr in nennenswertem Umfang in Europa aufgetauchten Religion, dem Islam, zustünde.

Aber es erinnern konservativ eingestellte Bürger, die zumeist islamkritisch eingestellt sind, eher daran, dass dieses Recht für den Islam im Gegenzug auch den anderen Religionen in von muslimischen Mehrheiten bestimmten Nationen zugestanden werden müsse.

Bei dieser zweiten Betrachtungsweise kommen wir dem ursprünglichen Sinn von Religionsfreiheit schon beträchtlich näher. In einer politischen Landschaft, die seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 (siehe wikipedia) durch den Grundsatz „cuius regio, eius religio“ gekennzeichnet war, stellte die prinzipiell mögliche Abnabelung von der Religion des Herrschers in der Tat einen gewaltigen Fortschritt dar, von dem islamische Länder in aller Regel weit entfernt sind. Mit anderen Worten: nicht der Staat hat zu bestimmen, nach welchem Ritus sich ein Paar trauen darf, sondern das Paar selbst. Solange es keine Zivilehe gab (erst unter Bismarck eingeführt) war dies ein bemerkenswerter Fortschritt. Eine in diesem Sinne verstandene Religionsfreiheit bedeutet im Grunde nichts anderes als eine Vorstufe dessen, was wir heute als Laizität des Staates verstehen. Er hat sich aus dem positiven oder negativen Bekenntnis seiner Bürger herauszuhalten. Wird dagegen heute von Religionsfreiheit gesprochen, so wird man mit der Nase darauf gestossen, dass damit nur die die Erhaltung und Festigung von Privilegien gemeint ist.

Laizität (am Beispiel Tunesien)

Umso erfreulicher ist es, dass in einem islamischen Land, Tunesien, eine machtvolle Demonstration für die Laizität des Staates („I laïque Tunisia“) stattgefunden hat.

Den rund 15.000 Manifestanten ging es – wie das hochgehaltene Transparent in bestechender Kürze und Eindeutigkeit zeigt –  um die Toleranz zwischen den Weltanschauungen und die Aufhebung der staatlichen Bevorzugung einer einzigen Religion.

Gleichzeitig geht aber auch um die negative Religionsfreiheit – der junge Mann ist Atheist – und die echte Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und all das in einem einzigen Plakat, in einem einzigen Wort vereint. Vergleichbares war in keinem anderen der von Revolutionen erschütterten Länder zu vernehmen.

Natürlich gibt es auch in Tunesien Bewegungen konservativer Muslime, die von der Einführung eines Emirats träumen, doch scheint die Zeit über sie hinweggegangen zu sein. Die angedachte Aktion junger Frauen, den aus dem Exil zurückkehrenden Terroristen Rachid al-Ghannouchi am Flughafen im Bikini zu begrüßen, um ihm zu zeigen, wie das moderne Tunesien aussieht, scheiterte lediglich an den Wetterbedingungen. So wurde ihm nur entgegengehalten: „Allah schafft keine Jobs“ – auch dies eine bemerkenswerte Aussage, die nicht unbeobachtet blieb. Die Extremisten erhielten zwar in den Wahlen vom 23. Oktober eine erschreckend hohe Stimmenzahl, doch betonen sie unablässig, die derzeit bestehenden Freiheiten nicht antasten zu wollen. Wohl zu recht wird dies nicht wirklich von den meisten geglaubt, wie in dem guten Kommentar von Abdelhamid Gmati „Croire ou ne pas croire“ in lapresse.tn deutlich wird.

Meinungs- und Gewissensfreiheit

Das allgemeiner gefasste Prinzip der Meinungs- und Gewissensfreiheit, wie es etwa von dem Aufklärer Diderot vorgetragen wurde, und das in der französischen Revolution seinen Niederschlag fand, hätte im Grunde bereits zu diesem Zeitpunkt eine Diskussion über die Frage der Religionsfreiheit als Unterabteilung der viel weiter gefassten Meinungsfreiheit überflüssig gemacht.

Ein Beispiel kann verdeutlichen, wie schnell die beiden Freiheiten auf Kollisionskurs gelangen können. In einem „schwach-islamischen“ Land wie Tunesien bestand und besteht für bekennende Juden und Christen staatlich garantierte Kultusfreiheit.

Moscheen und Kirchen werden wegen der latent immer vorhandenen Extremismusgefahr gesondert bewacht und beschützt. Wenn man einmal davon absieht, dass laut gültiger Verfassung nur ein Moslem Staatspräsident werden kann, herrscht eine für ein muslimisches Land erstaunliche Religionsfreiheit.

Trotzdem hätte sich wohl niemand vor dem 14. Februar 2011 getraut, eine Meinung zu äußern etwa der Art, Mohammed sei wegen seiner Heirat mit der neunjährigen Aische nach moderner Rechtsauffassung ein Pädophiler. Er hätte wohl erhebliche Probleme mit der Religionspolizei bekommen. Hier steht eindeutig die „Religionsfreiheit“, die sich bereits damit als ein Privileg dekuvriert, oberhalb der Meinungsfreiheit angesiedelt.

Der Sonderfall, wenn ein Ausländer eine muslimische Tunesierin heiratet, wurde bereits vor knapp einem Jahr ausführlich dargestellt * (Liebe unter dem Halbmond). Wenn sich dann in Deutschland ein islamischer Interessenvertreter und Lobbyist wie Aiman Mazyek hinstellt und den Politikern verkaufen will, „es gibt keinen Zwang im Glauben“, dann darf man ob dieser eigenwilligen Koranauslegung durchaus nachdenklich werden.

Ganz außerordentlich bedenklich und krass gegen die Menschenrechtserklärung positioniert stellt sich die Situation in „richtig“ islamischen Ländern wie Iran, Saudi-Arabien, Pakistan und Afghanistan dar, deren Rechtssystem weitgehend auf der Scharia basiert.

Drakonische Strafen für Ehebrecher, Homosexuelle oder Apostaten wie Steinigung, Auspeitschung oder Köpfung sind schlicht mit unserer Vorstellung von Menschenrechten nicht vereinbar, laufen aber gleichwohl unter „Religionsfreiheit“, da es schließlich die Religion ist, die diese Regeln vorschreibt. Solche Zustände sind dermaßen indiskutabel zu Beginn des dritten Jahrtausends hiesiger Zeitrechnung, dass an dieser Stelle wohl nicht weiter auf sie eingegangen werden muss.

Die Situation in Europa

Wenden wir uns also wieder der Situation in Europa mit seinen demokratisch verfassten Staaten zu. Man sollte meinen, dass die mit der französischen Revolution erreichte Entmachtung der absolutistischen Herrscher und der mit ihnen aufs heftigste kooperierenden christlichen Potentaten sich im Sinne einer vernünftigen Laizität des Staates verfestigt hätte.

Das Gegenteil ist der Fall. In zähem Kampf und mit geschickter Lobbyarbeit ist es den Kirchen, allen voran natürlich der römisch-katholischen in den letzten 200 Jahren gelungen, ihren Einfluss auf das gesellschaftliche Leben geradezu krakenhaft wieder auszudehnen.

Ihre Präsenz in der Öffentlichkeit und ihr Einfluss auf das politische Alltagsleben übersteigen dabei inzwischen bei weitem den prozentualen Anteil ihrer Anhänger. Hinzu kommen die Gier und die verfassungsrechtlich bedenkliche Forderung nach allgemein staatlichen Leistungen, die von jedem Mitbürger – gleich ob mit christlichem, muslimischem, jüdischem, atheistischem oder sonst welchem Bekenntnis – getragen werden müssen.

Der Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO) hat einen Teil der direkten, Zuwendungen in einem informativen Faltblatt zusammengestellt. Dass darüber hinaus jedoch jährlich Milliardenbeträge an die Kirchen fließen, damit diese sich mit ihren angeblichen karitativen Leistungen brüsten können, finden sich akribisch nachgewiesen im „Violettbuch“ vom Wissenschaftler Dr. Carsten Frerk.

Man kann festhalten, dass sich die Amtskirchen – anders als die Freikirchen – eine Position erarbeitet und teilweise gegen die Bestimmungen der Weimarer Verfassung und des Grundgesetzes erschlichen haben, die mit den Forderungen nach religiöser Neutralität des Staates nur noch entfernt etwas zu tun haben.

Wen nimmt es da wunder, wenn nun diese neue Religionsgemeinschaft Islam in ihren verschiedenen Formen daher kommt und für sich dieselben Privilegien einfordert, die den etablierten religiösen Gemeinschaften in Deutschland so ans Herz gewachsen sind?

Angesichts dieser neuen Herausforderung macht sich eine geradezu lethargische Hilflosigkeit breit. Wie viel darf man ihnen gewähren, wenn gleichzeitig bekannt ist, dass diese Religion sich anschließend nicht damit zufrieden gibt, still als Gemeinde der Moslems vor sich hin zu arbeiten und den Anhängern ein spirituelles Zuhause zu geben, sondern klare und weit darüber hinaus gehende Ziele der politischen Einflussnahme auf die Gesellschaft verfolgt, ganz so, wie es auch von den Kirchen praktiziert wird.

Wer da immer noch glaubt, man könne sich mit dem Islam rein theologisch auseinandersetzen, verfehlt die wirkliche Problematik. Es kann nicht darum gehen, sich gegenseitig Suren und Bibelzitate um die Ohren zu hauen, oder Diskussionen darüber anzuzetteln, welcher der propagierten Götter denn nun der bessere sei – nein: die Frage kann ausschließlich und nur politisch entschieden werden.

Doch zu einer Rückbesinnung auf die Werte der Aufklärung fehlen ganz offensichtlich die Kraft und der Wille bei den im Parlament vertretenen Parteien. Muss denn wirklich erst eine neue Revolution her, um dieses Problem zu lösen?

Deutschland hat die Chance zu einem grundsätzlichen Neuanfang leichtfertig nach der Wiedervereinigung verspielt, weil eben alles „schnell“ gehen musste und es wichtiger schien, den Einigungsvertrag umgehend abzuschließen. Die ursprüngliche Version des Art. 146 im Grundgesetz sah vor, dass das Deutsche Volk sich in freier Selbstbestimmung nach der Vollendung der Einheit eine neue Verfassung gibt und das Provisorium von 1949 ad acta legt.

Tatsächlich aber wurde das Grundgesetz praktisch unverändert in ganz Deutschland für verbindlich erklärt und jede Diskussion umgangen. Dem Umstand, dass Deutschland sich seit 1949, als es noch unter dem Eindruck der Kriegsereignisse und den Schwächen der Weimarer Republik stand, ganz erheblich verändert hat, konnte somit nicht Rechnung getragen werden.
Es hätte klargestellt werden müssen, dass die „Religionsfreiheit“ nicht als Deckmantel dienen darf, um Privilegien oder sogar ungesetzliche Machenschaften zu schützen wie es derzeit in der unseligen Fassung des Artikels 4 im Grundgesetz der Fall ist.

Eine solche Bereinigung hätte bereits bei der Präambel beginnen müssen, mit diesem unsäglichen Satz „Verantwortung vor Gott und den Menschen“, was angesichts einer deutlichen Mehrheit der Deutschen, die nicht mehr an einen persönlichen Gott glaubt, nur schwer vermittelbar sein dürfte.

Was hat eine bronzezeitliche Fiktion in einem weltlichen Gesetzestext zu suchen? Und das muss irgendwann weitergehen mit der Abschaffung der Körperschaften öffentlichen Rechts hin zu einer Organisation unter Vereinsrecht für Religionsgemeinschaften, Abschaffung der Präsenz in Ethik- und Fernsehräten, Schulkommissionen und vieles andere mehr, Abschaffung des staatlich bezahlten Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen und Abhängen der christlichen Symbole in den der Allgemeinheit zugänglichen Räumen.

Bereits mit diesen Maßnahmen hätten sich einige Probleme erledigt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Bei einer Organisation nach Vereinsrecht muss eine Satzung vorgelegt werden. Man stelle sich nun vor, Muslime organisieren sich dergestalt nach Maßgabe der Scharia und in der vorgelegten Vereinssatzung stünde, dass der Austritt aus dem Verein – die Apostasie – mit dem Tode zu bestrafen ist.

Es steht zu vermuten, dass dann auch dem heftigsten Befürworter von „Religionsfreiheit“ klar wird, dass hier etwas nicht stimmen kann. Man stelle sich des Weiteren vor, dieser Verein verlange von neu hinzutretenden Mitgliedern und auch ihren Kindern, sie müssten sich die Ohren abschneiden lassen, weil dies nun einmal vereinsrechtlich so festgelegt sei.

Und in Wahrheit wäre es noch schlimmer: sie verlangten nicht die Ohren, sondern schnippeln an den Genitalien der Mitglieder herum, was normalerweise unter Verstümmelung religionsunmündiger Abhängiger fiele, falls weithin anerkanntes Recht auf religiöse Gruppen angewendet würde.
Es ließen sich noch viele Beispiele anführen, bei denen erst eine vereinsrechtliche Betrachtung klar macht, wie viel von diesen unter „Religionsfreiheit“ segelnden Privilegien schlicht mit moderner Rechtsstaatlichkeit unvereinbar sind. Man mag einwenden, dass das ja „nur“ Muslime treffen würde, alles andere könne dagegen so weiter gehen wie bisher.

Dazu sollte man sich einmal die arbeitsrechtlichen Bedingungen anschauen, unter denen die Mitarbeiter in staatlich zu 95 Prozent finanzierten, aber von der katholischen Kirche geführten Krankenhäusern herrschen.
Apostasie wird zwar nicht (mehr) mit dem Tode bestraft, sondern „nur“ mit dem Verlust des Arbeitsplatzes, arbeitsgerichtliche Prozesse der Betroffenen dagegen enden in aller Regel mit einem Sieg der Kirche – wegen einer sogenannten „Religionsfreiheit“.

Das Grundgesetz

Neben der Präambel, die geändert gehört – zum Glück ist es ja den Vatikanparteien Deutschlands im Parlament nicht gelungen, diesen Unsinn auch noch in den Lissabon-Prozess einzubringen – muss endlich eine Diskussion um die Ausgestaltung von Artikel 4 Grundgesetzt angestoßen werde.

Die entscheidenden Punkte finden sich in Absatz 1 und 2:

1. Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

2. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Besonders der zweite Absatz stellt einen juristischen Stolperstein ersten Ranges dar, weil unter ihm so ziemlich alles subsumiert werden kann, was den Religionsgemeinschaften gerade so in den Sinn kommt.

Es gibt keine ausdrücklich genannten gesetzlichen Beschränkungen. Das Mindeste, das erreicht werden müsste, ist ein Zusatz in diesem Grundgesetzartikel, wie er sich im UN-Zivilpakt aus dem Jahr 1993 findet:

Die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung zu bekunden, darf nur den gesetzlich vorgesehenen Einschränkungen unterworfen werden, die zum Schutz der öffentlichen Sicherheit, Ordnung, Gesundheit, Sittlichkeit oder der Grundrechte und -freiheiten anderer erforderlich sind.

Oder in anderen Worten ausgedrückt: „Alles, was den Bürgern eines Staates erlaubt ist, soll auch gläubigen Bürgern erlaubt sein – und nicht mehr“.

Eine dergestalt begründete Eingrenzung in die allgemeinen zivil- und strafrechtlichen Bestimmungen könnte die zu beobachtenden Auswüchse verhindern – zumindest eindämmen – und böte gleichzeitig den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass der Islam sich nicht auch noch die Privilegien einverleibt, die den anderen derzeit zur Verfügung stehen.

Wenn man davon überzeugt ist, dass ein solcher Verfassungszusatz ein dringliches Desiderat darstellt, sollten die zu ihrem Inkrafttreten erforderlichen Maßnahmen von den humanistischen Institutionen – notfalls auch auf dem Petitionsweg – umgehend eingeleitet werden. Auf Unterstützung durch die kirchliche Lobby wird man dabei aber wohl verzichten müssen.

Somit steht für mich fest: Die Religionsfreiheit, in dem Sinn wie sie heute ausgebeutet wird, gehört abgeschafft

* Eine kleine Ergänzung zu Tunesien: Das Dekret 73, das Tunesierinnen vorschrieb, nur Moslems heiraten zu dürfen, wurde ausser Kraft gesetzt. Und auch ansonsten sind nunmehr alle Regelungen, die Frauen diskriminieren (Ehe-, Familien- und Erbrecht, uam.) inzwischen durch neue Gesetze ausgemerzt worden.

 

 

 




Die letzte Ausfahrt II


Im ersten Teil dieses Beitrags (Das Individuum als selbst bestimmtes Wesen) wurde die Frage abgehandelt, welche Einschränkungen aus humanistischer Sicht für die Freiheit des Individuums akzeptabel sind und welche nicht. Freitod ist nicht strafbewehrt, den Kandidaten, die bei ihrem Versuch scheitern, wird allenfalls eine psychiatrische Behandlung angeboten, verbindlich ist sie nicht. Die katholische Klassifizierung (Selbstmord ist Sünde) kommt bereits deshalb nicht in Betracht, da der Begriff „Sünde“ für einen Humanisten eine inhaltsleere Floskel darstellt, die allenfalls der Disziplinierung richtungsloser Schäfchen dient. Somit gehört der Freitod zum Selbstbestimmungsrecht des Menschen ebenso wie die Entscheidung, ihn zu unterlassen. Moralisch gesehen ist beides gleichwertig.

Die Fragestellung kompliziert sich allerdings, wenn sich der Kandidat aus psychischen oder physischen Gründen nicht in der Lage sieht, seinen Entschluss in die Tat umzusetzen – wenn er mithin Hilfe benötigt. Das Thema der Sterbehilfe schwelt seit vielen Jahren unter der Oberfläche der öffentlichen Meinung dahin und kommt allenfalls an die Oberfläche, wenn es gilt, über einen spektakulären Fall zu berichten, oder wenn – wie gerade in der Schweiz – über die Zulässigkeit vom Wähler abgestimmt wird.

Unbestritten scheint heute in aufgeklärten Teilen der Bevölkerung zu sein, dass es möglich sein muss, ein humanes Sterben zu ermöglichen, es sei denn man akzeptiert Schmerzen und Pein als Strafe eines Gottes. Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS, siehe „Freunde“) bemüht sich seit vielen Jahren mit großem Einsatz, Verbesserungen zu erwirken. Dazu gehört unter anderem die so genannte Patientenverfügung, die es ermöglichen soll, exakte Instruktionen zum Beispiel für die Abschaltung von Apparaturen in der Intensivmedizin zu geben, damit der Sterbeprozess nicht unnötig hinausgezögert wird. Ebenso macht sich die DGHS aber auch mit zunehmenden Erfolgen für einen weiteren Ausbau der in Deutschland noch unterentwickelten Palliativmedizin stark. Beide Initiativen werden in der Öffentlichkeit inzwischen weitgehend unterstützt, allerdings noch nicht sonderlich mit Spendengeldern bedacht. Offensichtlich spenden die Bürger noch immer lieber für Flutopfer in Pakistan, als dass sie ihrer eigenen Zukunft etwas Gutes tun.

Die Tätigkeiten der DGHS gehören eindeutig nicht in den Bereich der aktiven Sterbehilfe. An dieser Stelle muss außerdem genauestens zwischen „aktiv“ und „passiv“ unterschieden werden. Aktive Sterbehilfe gehört in den Bereich „Tötung auf Verlangen“ und diese wird strafrechtlich geahndet. Als gutes Beispiel für die Handhabung können wir die Schweiz heranziehen.

Gerade wurde in Zürich am 15. Mai über 2 Initiativen abgestimmt, die mit diesem Thema zu tun haben. Es geht um Menschen, die keinen Sinn mehr im Weiterleben erkennen und nur noch einen Ausweg sehen: Nämlich physische Leiden, Angst vor Leiden oder einer Krankheit, die die Selbstbestimmung und die Würde des Menschseins ausmacht, nicht zu akzeptieren. Im Kanton Zürich hatten nunmehr zwei Parteien EDU (Eidgenössische Demokratische Union) und EVP (Evangelische Volkspartei) aus religiösen Erwägungen zwei Initiativen gestartet:

Der Text dazu: "Jede Art von Verleitung oder Beihilfe zum Selbstmord soll in der ganzen Schweiz verboten werden". Dazu schreibt der Tagesanzeiger nach der Abstimmung: "Die beiden Vorlagen gegen die Sterbehilfe im Kanton Zürich waren chancenlos. Bei beiden Vorlagen erlitten die EDU und EVP Schiffbruch“. Ein EDU-Kantonsrat zeigte sich enttäuscht über dieses Resultat, „weil sich nicht mehr Zürcher für die Werte der Bibel und Gottes Wort ausgesprochen hätten". Die Kommentare zur abgelehnten Initiative dringen natürlich auch in entsprechend orientierte Publikationen in Deutschland und Österreich vor. So lässt kath.net den italienischen Kardinal Sgreccia zu Wort kommen: „Töten ist kein Recht, sondern ein Verbrechen“. Offensichtlich ist ihm der Unterschied zwischen passiver und aktiver Sterbehilfe unbekannt geblieben.

Zu den obgenannten zwei Initiativen darf man Folgendes wissen. Simbo berichtet: Wir haben in der Schweiz zwei Vereine, "Exit" und "Dignitas". Beide setzen sich für Sterbehilfe ein und sind bereit, sterbewillige Menschen bei diesem Schritt zu begleiten. Allerdings ist zwischen den beiden Vereinen ein frappierender Unterschied festzustellen:

Bei Exit (ca. 55.000 Mitglieder schweizweit) muss man Mitglied und in der Schweiz wohnhaft sein, um in den Freitod begleitet zu werden. Der Wunsch des Patienten ist dort oberste Priorität. Das Mitglied kann verlangen, Vorbereitungen für eine Freitodbegleitung einzuleiten. Ab diesem Moment kann die sterbewillige Person selbst bestimmen, ob und wann sie eine Freitodbegleitung in Anspruch nehmen will. Die Inanspruchnahme von Freitodhilfe ist in der Schweiz erlaubt und legal. Der sterbewillige Mensch muss aber den letzten Schritt "Trinken des Barbituratgemischs" oder "Öffnen des Infusionshahns" selber vornehmen können. Und: der Sterbewillige kann den Vorgang jederzeit abbrechen (es ist zu beachten, dass aktive Sterbehilfe auch in der Schweiz verboten ist). Das Motto des Vereins stammt von  Hermann Hesse: "Was den freiwilligen Tod betrifft: ich sehe in ihm weder eine Sünde noch eine Feigheit. Aber ich halte den Gedanken, dass dieser Ausweg uns offen steht, für eine gute Hilfe im Bestehen des Lebens und all seiner Bedrängnisse".

Der zweite Verein (der Name Dignitas will nicht so recht passen, jedenfalls für mich nicht, sagt Simbo) wurde in der Schweiz vor allem "berüchtigt" dadurch, dass hier so genannter "Sterbetourismus" betrieben wird, d.h. es kommen viele Menschen aus anderen Ländern, um sich hier helfen zu lassen, um zu "sterben". Dem Chef, Herrn Ludwig Minelli (Jurist kein Arzt), wird oft vorgeworfen, sich zu bereichern (bei Exit ist das z.B. nicht der Fall). Doch vor allem die "Methoden" bei diesem Verein sind zum Teil höchst umstritten. So bietet Dignitas auch Helium + Plastiksäcke an, falls sie kein Rezept für Barbiturate erhalten. Da stülpen sich also Menschen Plastiksäcke über den Kopf und drehen den Hahn zur Helium-Flasche auf. Auch dass er Menschen auf Parkplätzen sterben ließ, weil kein entsprechendes Lokal oder eine Wohnung vorhanden waren, stößt bei vielen auf Unverständnis. Und es war sogar die Rede davon, dass in diesem Verein sogar psychisch kranken Menschen zum Suizid verholfen wurde, oder gar Druck ausgeübt wird, falls sich ein Mensch im letzten Moment doch nicht für die Selbsttötung entschließen konnte.

Man sieht, dass es selbst im Bereich der passiven Sterbehilfe erhebliche Auffassungsunterschiede zu notieren gilt, vor allem wenn in die Grauzone zur „Tötung auf Verlangen“ vorgestoßen wird. Auf Yahoo Clever gibt ein Kommentator eine Erklärung zum Thema ab, die ich hier wiedergebe:

Selbstmord und Beihilfe zum Selbstmord sind nicht strafbar. Dagegen wird die Tötung auf Verlangen nach § 216 StGB mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.
Die Abgrenzung zwischen Beihilfe zum Selbstmord und Tötung auf Verlangen richtet sich nach der "Tatherrschaft". Flößt der Partner dem Lebensmüden die Tabletten ein oder verabreicht er ihm die erlösende Spritze, hat der Partner die Tatherrschaft, er wird dann wegen Tötung auf Verlangen bestraft. Nimmt dagegen der Lebensmüde die von dem Partner besorgten Tabletten selbst ein, hat der Lebensmüde die Tatherrschaft und der Partner bleibt straflos.
Das gilt aber nur, wenn der Lebensmüde geistig gesund ist und frei verantwortlich handelt. Ist er dazu z.B. aufgrund von Depressionen nicht mehr in der Lage, hat der andere die Tatherrschaft, selbst wenn er nur die Tabletten besorgt hat.
Unabhängig davon hat der Bundesgerichtshof bisher angenommen, dass die Tatherrschaft in dem Augenblick auf den anderen übergeht, in dem der Lebensmüde bewusstlos wird. Das gilt nach der bisherigen Rechtsprechung als Unglücksfall, bei dem jedermann helfen muss. Leiten hinzukommende Fremde keine Rettungsmaßnahmen ein, werden sie wegen unterlassener Hilfeleistung nach § 323c StGB mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. Unterlassen die Partner oder der behandelnde Arzt Rettungsmaßnahmen, werden sie – je nachdem, ob der Lebensmüde eigenverantwortlich gehandelt hat oder nicht – wegen Tötung auf Verlangen oder wegen Totschlags, jeweils begangen durch Unterlassen, bestraft. Man muss deshalb mit Problemen rechnen, wenn bekannt wird, dass man während des Sterbevorgangs anwesend war.
Inzwischen hat aber der Bundesgerichtshof in einem neuen Urteil zum Unterbleiben bzw. zum Abbruch lebenserhaltender oder -verlängernder Maßnahmen anerkannt, dass die von einem Patienten früher erklärte Behandlungsverweigerung auch dann noch zu respektieren ist, wenn er zu eigenverantwortlichem Entscheiden nicht mehr in der Lage ist. Danach ist die frühere Rechtsprechung zur Tatherrschaft bei bewusstlosen Lebensmüden wohl überholt.

Man sieht, dass Thema nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich kompliziert ist, und von daher eine eindeutige gesetzliche Regelung im Umfeld der Sterbehilfe wünschenswert wäre. Vor allem die Position des Helfers bedarf einer dringenden Klärung. Man informiere sich hierzu auch in dem ausgezeichneten Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Was riskiert der Helfer?.

Simbo und ich haben keine allgemein verbindliche Lösung anzubieten, weshalb wir das Thema in die Hände unserer Leser und Kommentatoren übergeben.  





Die letzte Ausfahrt I


Der Anlass zu diesem Thema ist zwar schon eine Weile her, aber das Problem ist weiterhin hochaktuell. Anlässlich des Freitods von Gunter Sachs hat Wissen Bloggt den Artikel "Gunter Sachs und die Menschenwürde" veröffentlicht, der zu einigen kontroversen Diskussionen führte. Allein schon die Bezeichnungen für den Suizid, Freitod versus Selbstmord, lassen ahnen, welche Beurteilungen in der Öffentlichkeit vorherrschen. Spiegelt „Freitod“ die freie Willensentscheidung des Individuums wider, sein Leben – und damit auch notwendigerweise dessen mögliches Ende – selbst bestimmt zu regeln, impliziert „Selbstmord“ bereits eine Art kriminellen Akt, der möglicherweise gar strafwürdig ist. Doch wie will man einen Toten bestrafen? Darum kann es also wohl weniger gehen als vielmehr um „moralische“ Ächtung und Diskreditierung der Selbsttötung.

Das führt unmittelbar zur logischen Folgefrage, inwieweit und aus welchen Gründen die individuelle Selbstbestimmung eingegrenzt werden kann oder muss. Unter humanistischen Gesichtspunkten darf dabei wohl als unbestritten gelten, dass die Selbstbestimmung dort endet, wo ein Dritter geschädigt oder in seiner Freiheit beeinträchtigt werden könnte. Aus gutem Grund haben wir das in unseren „Regeln“ eindeutig deklariert:

Quod tibi fieri non vis, alteri ne feceris

oder

Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu

Das ist eine Selbstbeschränkung, die auch unmittelbar – sofern sich alle daran halten – dem eigenen Vorteil dient. Leider kann nicht davon ausgegangen werden, dass sich bereits jeder auf dieser humanistischen Erkenntnisstufe befindet. Gaunereien und Verbrechen jeglicher Art, die tagtäglich stattfinden, sprechen eine eindeutige Sprache. Also müssen gesetzliche Regelungen her, die die Zahl solcher Verstöße durch Abschreckung und Bestrafung minimieren, nicht immer mit dem gewünschten Erfolg, da wohl jeder Gauner glaubt, ausgerechnet er würde nie erwischt. Ich möchte an dieser Stelle aber keine Diskussion entfachen darüber, inwieweit bestehende Gesetze verschärft oder konsequenter angewendet werden müssten, um die Effizienz der Strafvereitelung zu erhöhen. Das ist ein anderes Thema. Doch auch eine mehrheitlich konsensuelle Gesetzgebung sollte stets darauf achten, ob nicht etwa Rechte und Freiheiten von Minderheiten in unzulässiger Weise beeinträchtigt werden.

Vor allem dann, wenn „moralische“ Prinzipien für die Begründung rechtlicher Eingriffe ins Feld geführt werden, sollten beim aufmerksamen Bürger sämtliche Alarmglocken schrillen. Denn diese „Moral“ wird eindeutig dominiert von den quasi-ideologischen Lobby-Gruppen, die sich in die Gesetzgebung in einem so unerhörten Ausmaß infiltriert haben, dass es den meisten inzwischen schon gar nicht mehr bewusst ist. Der in dieser „Moral“ geforderte „Respekt“ ist nichts als eine schlichte Einbahnstraße. Mit welcher Selbstverständlichkeit hier Minderheiten einer Mehrheit Regeln aufzwängen, wurde an anderer Stelle bereits deutlich gemacht (siehe den Artikel Karfreitag): „Karfreitag steht exemplarisch dafür, wie kirchliche Pressionsgruppen Besitz vom Staat ergreifen ohne sich auch nur im Geringsten darum zu kümmern, dass sie eine schwindende Minderheit repräsentieren und der Mehrheit auf dem Kopf herumtanzen. So ist es ihnen gelungen, unter Berufung auf die „schützenswerte“ Stille dieses Tages den Staat dazu zu verleiten, alle Festivitäten, die diese Andacht stören könnte, schlicht und ergreifend zu verbieten“. Doch selbst wenn es sich um eine Mehrheit der Bevölkerung handelte: mit welchem Recht will sie dem Düsseldorfer Theater verbieten, in geschlossenen Räumen eine harmlose Komödie aufzuführen? Mit Bezug auf Herrn Moses, der seinen Gott sprechen ließ: „Du sollst den Feiertag heiligen“? Was interessiert das einen Humanisten?

Ein typisches Beispiel im islamischen Raum ist der Ramadan. Auch hier wird „Respekt“ eingefordert. Wer am Ramadan nicht teilnimmt (ca. 50% der Bevölkerung in Tunesien), wird mit mehr oder weniger Druck darauf hingewiesen, doch bitte in der Öffentlichkeit tagsüber nicht zu rauchen, zu essen oder zu trinken. Statt eindeutige Begründungen zu geben hört man allenfalls ein (aus alten Erziehungstagen nur zu bekanntes) „Das gehört sich nicht“. Wenn auch das nichts nutzt, wird die Regel halt in Gesetzesform gegossen wie zum Beispiel in Marokko. Dort wurde eine Gruppe Jugendlicher im letztjährigen Ramadan verhaftet, weil sie in einem öffentlichen Park ganz bewusst und provokativ mit Sandwiches bewaffnet gegen diese Diskriminierung protestierte.

Geradezu schizophren wirkt allerdings die Reaktion der so genannten Islamkritiker auf die beiden absolut vergleichbaren Vorgänge (ich gebe keinen Link, da er ohnehin bekannt ist). Die Verhaftung der jugendlichen Marokkaner wird in Grund und Boden verdammt und als islamistische Pression bezeichnet, aber gleichzeitig werden diejenigen, die bei uns die Aufhebung der speziellen Karfreitag-Gesetzgebung fordern, als kommunistische Unholde gebrandmarkt, die nur ihrem „Christenhass“ frönen. Was stimmt denn nun?

Es wird deutlich, wie schwierig die Situation sich gestaltet, wenn „moralische“ Kriterien zur Basis der Regelung gesellschaftlicher Normen des Zusammenlebens gemacht werden. Der Absolutheitsanspruch der Religionen und Ideologien – der sich in Christentum und Islam gleichermaßen äußert – ist dabei das größte Hindernis für eine freiheitliche selbst bestimmte Lebensführung.

Doch zurück zum Freitod. Entscheidungen kann nur ein Lebender treffen, ein Toter ist schwerlich dazu in der Lage. Mithin gehört auch die Frage, wie ich mein Leben beenden möchte, eindeutig zur selbst bestimmten Lebensführung. Entscheidung heißt in diesem Zusammenhang ja auch nicht Zwang zum Suizid. Natürlich kann man sich Situationen vorstellen, in denen der Kandidat sich etwa durch Erben „moralisch“ genötigt fühlen könnte, vorzeitig sein Leben zu verlassen, doch das ist wohl kaum der Normalfall – und wäre übrigens eine verachtenswerte Einstellung der lauernden Verwandtschaft. Aber ganz natürlich ist die Entscheidung, sein Leben bis hin zum (möglicherweise schweren) Ende durchzuhalten, moralisch gleichwertig mit der Entscheidung, diesen Weg abzukürzen. Daran gibt es nichts zu deuteln, es sei denn, man wolle die angeblichen Gesetze irgendeines Gottes auf den Fall applizieren.

Schwieriger und völlig anders wird die Frage zu stellen sein, wenn dem zum Suizid Entschlossenen die Möglichkeiten oder der Mumm fehlen, sich eigenhändig zu entleiben, und er sich daher in die Obhut von so genannten „Sterbehelfern“ begibt. Doch darum werde ich mich im zweiten Teil kümmern.

Teil II: Die Crux mit der Sterbehilfe

 

Katholische Reaktionen auf den Freitod von Gunter Sachs kann man hier nachlesen:

Warum Selbstmord eine Sünde ist: http://www.kath.net/detail.php?id=31406

Gunter Sachs ist kein Held:http://www.kath.net/detail.php?id=31397




Erdogan sagt „yasak anal“


Tunesien schaffte nach der Jasmin-Revolution die zu Zeiten der Diktatur herrschenden Regeln der Internet-Zensur ab (ich habe darüber berichtet). Inzwischen sind selbst Schmuddelseiten wie Youporn oder Pornhub trotz anfänglicher Diskussion direkt erreichbar. Es gibt keinerlei erkennbare Sperren mehr.

Während sich also dieses kleine Land alle westlichen Freiheiten gönnt (was sicher nicht jedem gefällt), fährt der EU-Beitrittskandidat Türkei schwere Geschütze gegen die Verrohung der Sitten auf. Trotz Ermahnung durch die OECD setzte sie 138 Wörter auf die schwarze Liste, deren Verwendung im Netz hinkünftig unter Strafe gestellt ist. Neben der Sperrung von bereits ca. 5.000 Seiten (wie z.B. Youtube) mit unerwünschten Inhalten nun also auch noch ein Index Verborum. Dabei darf man sich wundern, was da so alles verboten wird. Neben „gay“ (auch in der türkischen Variante „gey“), was man ja wegen der bekannten Homophobie noch verstehen könnte, finden sich dort auch nichts sagende Wörter wie „free“ und „verboten“ (türk. „yasak“), damit bereits der Hinweis auf diese Sperren der Strafandrohung unterliegt.

Schwierigkeiten dürften nun auch eingesessene Internetportale bekommen, in deren Namen sich die anstößigen Begriffe wie beispielsweise „animal“ befinden. So ist „donanimalani.com“  ein seriöser Anbieter von Hardware. Doch wenn ich es recht bedenke: Hardware?

Lesen Sie ausführlich in http://www.derwesten.de/nachrichten/panorama/Tuerkei-verbietet-138-Woerter-id4601950.html#derwestenRSS