Ballaststoffreicher Geist, ballaststoffreicher Körper


diet-398612_640Dies ist kein TTIP-Artikel. Wer nicht weiß, worum es bei dem Handelsabkommen geht, der kann den ersten Teil überspringen. Wer sich wegen TTIP Sorgen um die Verwässerung von Reinheitsstandards macht, der kann sich trösten lassen: Es kommt auch so dicke genug (Bild: mojzagrebinfo, pixabay).

In Anbetracht des Folgenden muss man TTIP (bis auf die Schiedsgerichte) entspannter sehen: Wenn sie's nur richtig verkauft hätten, wäre die Durchsetzung von TTIP gar kein Problem gewesen. So in der Art: Jetzt gibt's US-Outlets superschnäppchenbillig …

Na schön, sammeln wir mal die hausgemachten Probleme ein, ehe wir uns über TTIP aufregen. Den Einstieg in unseren Gesundheits-Cocktail liefert Spektrum.de mit Lebensmittelunverträglichkeiten: Die Angst vor dem Teller (6.3.): Immer mehr Menschen kaufen gluten- oder laktosefreie Produkte, weil sie glauben, die konventionellen Pendants schlecht zu vertragen. Experten beobachten jedoch keinen Anstieg der Lebens­mittelintoleranzen. Die subjektiven Beschwerden sind aber trotzdem da.

Am Ende kommt's raus, dass der Trend Frei von (Gluten, Laktose, freien Radikalen bösem Cholesterin usw. usf.) nur den wenigsten was bringt. Ernährungssensible konsumieren das Frei-von-Zeug ohne nachweisbaren Nutzen. Anders als der Volksglaube wahrhaben will, sind Lebensmittel heute generell "gesunder" und weniger schadstoffbelastet sind als noch vor 20 Jahren. Gedankt ist's den EU-Lebensmittelgesetzen.

Je gesünder wir objektiv sind, desto kränker fühlen wir uns laut Spektrum, und der "Morbus Google" macht es Hypochondern leicht. Da können sie in Krankheitssymptomen schwelgen, und irgendeins wird schon zur werten Befindlichkeit passen.

Die Süddeutsche Zeitung beackert das Thema in Reform der Öko-Richtlinien – Nur Populismus, mehr nicht (29.3.): Die Verbraucher werden demnach nur in einem Irrtum bestärkt: dass das Bio-Siegel bessere Lebensmittel verspreche. Dabei sind Bio-Produkte nicht nachweislich gesünder als andere. Diese Tatsache löst zwar stets Entrüstung aus, wenn sie wieder einmal durch einen Test bestätigt wird, ist aber einfach eine erfreuliche Folge der strengen Lebensmittelgesetze in der EU.

Laut SZ sei es trotzdem sinnvoll, Bio-Produkte zu kaufen, denn Bio-Betriebe gehen, sofern sie nach den derzeit geltenden Regeln wirtschaften, rücksichtsvoller mit der Natur um. Und irgendwie umgeistert ein implizites Schlankheitsversprechen das Bio-Zeug, so nach der Logik biologisch = natürlich = schlank vs. unbiologisch = unnatürlich = krank (oder mindestens dick).

Bei DIE WELT läuft das Thema unter Gesundheit – Nährstoffmythos – Über die Sinnlosigkeit von Vitamintabletten (22.3.): Eine rote Pille für den Muskelaufbau, eine blaue mit Antioxidantien. Nicht nur unter Sportlern sind Vitaminpräparate beliebt.

Dabei seien die meisten sinnlos – und einige können sogar laut Welt sogar schaden. Wie es scheint, ist dies Jahr im März (aus dem Monat stammen alle 3 Artikel) die große Sinnlosigkeit beim Fressen ausgebrochen. Und das bei einer Sache, die vielfach in den Rang einer Religion erhoben wird (TTIP lässt grüßen). Das läuft quasi auf Ketzertum hinaus.

Daran beteiligt sich ZEIT ONLINE mit 3 Monaten Verzögerung. Ökologische Lebensmittel – Bio in der Sinnkrise heißt es am 17.6.: Nachhaltig produzierte Erzeugnisse sind in Deutschland gefragt wie nie. Doch ihr Erfolg schafft neue Probleme.

Essen sei zu einer Ersatzreligion geworden, assistiert die Zeit wissenbloggt. Bei der Einkaufsentscheidung gehe es jetzt, elitär zu sein und sich habituell abzugrenzen. Das Ganze mit Bezug auf die Revision der bestehenden EU-Öko-Verordnung – und flugs sind wir mit diesem Link wieder im gefährlichen März gelandet (25.3.).

Zum Trost hält die Zeit einen weiteren Artikel bereit, Quengelzone – Wo Gesundheit wohnt – Marcus Rohwetters wöchentliche Einkaufshilfe (18.6.). Der Autor mokiert sich über Sub-Gesundheiten. Da ist die Rede von darmgesunden Frühstücksflocken, mundgesunden zahnärztlichen Zusatzleistungen, fußgesunden Schuheinlagen, hautgesunden Mikronährstoffen.

Geht's noch? Kommen demnächst die augengesunden wissenbloggt-Artikel? Und die hirngesunde Politik – obwohl … wenn man mal so angekränkelt dran denkt … schlecht wäre das nicht, oder?
 

Siehe auch

 




USA: Folter für arme Straffällige


prison-370112_640Die CIA hat keineswegs die Marktführerschaft im US-amerikanischen Folterwesen, wie man angesichts der Berichterstattung meinen könnte (hier eine Auswahl von SZ-Links). Der American Dream von Freiheit, Gleichheit und Wohlstand für alle hat noch andere Elemente hervorgebracht, von denen der Rest der Welt einiges lernen kann, nämlich, wie man es nicht machen soll.

Zunächst wäre da die Spitzenstellung der amerikanischen Gefängnisindustrie mit 2 Millionen Inhaftierten zu erwähnen – eine Weltbestleistung. Kein Staat hält mehr von seinen Bürgern unter Verschluss. Weil die Gefängnisse überfüllt sind, gibt es eine privatisierte Gefängnisindustrie mit immer mehr privaten Gefängnissen, die von  börsennotierten Gefängnisfirmen betrieben werden, ein Milliardenmarkt.

Es geht nun nicht um die Frage, warum die Gefängnisse so voll sind (zum großen Teil wegen Drogendelikten, aber die Drogenprohibition ist ein anderes Thema). Auch geht es nicht um die unterschiedliche Repräsentation zum Beispiel der afrikanischstämmigen Bewohner, die 13% der Bevölkerung ausmachen, aber im Knast dreimal stärker vertreten sind. Es geht um die Praktiken der Get Out of Jail, Inc., der sogenannten probation services (Bewährungsfirmen, Judicial Correction Services heißt der Marktführer, von dem die ganze Branche den Namen JCS geerbt hat, Bild: babawawa, pixabay).

Zu JCS sagt wiki: JCS is part of the highly lucrative private "extra-carceral" or "alternatives to incarceration" industry, which includes private halfway houses, probation services and/or electronic monitoring … (and) services such as Judicial Correctional Service … is "offender-funded", shifting the cost of probation onto probationers.

Die Alternativen zum Einsperren bestehen aus einer ganzen Industrie, die Überwachung für Freigänger leistet und eben auch "Bewährungsdienste" anbietet. Das Prinzip dabei ist, dass der Überwachte für seine Überwachung zahlt, und dass daraus private Profite generiert werden.

Die einschlägige Firma JCS war laut wiki von 2008…2010 die am schnellsten wachsende Firma in den USA, 2012 kamen dann die Prozesse wegen Missbrauch. Die aggressive Verfolgung der Bestrafung hatte oftmals eine Verdoppelung der Beträge zur Folge, eine Hälfte für den Staat, die andere Hälfte fürs Eintreiben.

There are a lot of reputable, honest people in this industry, sagt ein maßgeblicher Artikel zum Thema, es gibt eine Menge ehrliche, anständige Leute in der Branche. Aber so sind eben nicht alle, und darüber berichtet der New Yorker in Does the alternatives-to-incarceration industry profit from injustice? (23.6. von Sarah Stillman, mit dem witzigen Vortitel A Reporter at Large). Das Fazit des ausführlichen Artikels: There’s nothing wrong with making a profit, but our court system is not a business, and our courts should not be used as a profit channel, Profite machen ist okay, aber das Justizsystem ist kein Geschäft und sollte nicht zum Profitegenerieren benutzt werden.

Wird es aber. Darüber berichtet Stillman des längeren, ein Beispiel: Eine Delinquentin bekam 2 Jahre Bewährungsstrafe plus Strafzahlungen von 200 Dollar pro Monat. Die Zahlungen wurden ausgelagert an die for-profit company Judicial Correction Services. JCS bekam 40 Dollar davon fürs Aufpassen (“supervision” fee). Die Delinquentin lieferte das Geld ab, an eine Beamtin, wie sie meinte. Bis sie ihren Job verlor, da reichten die Zahlungen bloß noch für die supervision fee der Aufpasserfirma und nicht mehr fürs Zahlen der Strafe. Die wurde durch Zins und Zinseszins immer größer, bis sie ein Mehrfaches der ursprünglichen Strafe ausmachte, bei ständigen Zahlungen an JCS.

Was für ein Drama das für die Betroffene war, kann man sich ausmalen. Das Geld für die nötigsten Dinge fehlte, weil JCS es absaugte, und die Schuldenlast wuchs nichtsdestotrotz. Das ist Folter vom Feinsten, und zwar jahrelang.

Das Thema wurde von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 14.12. aufgegriffen, Roland Lindner schrieb über die Bewährungsindustrie in den USA: Kein Geld? Keine Gnade! (nicht online). Auch hier das Fazit: Man kann nicht sagen, die Verurteilten bekämen eine Gegenleistung, das sei ja wie ein Bankkredit. Die Gerichte sind nun mal keine Banken, und eine Geldstrafe ist kein Kredit.

Das Ganze kann zu sehr missbraucht werden, dann artet es in schlimme Erpressung aus. Nun gut, es wird differenziert. Wer Geld hat, kann das einfach bezahlen, und fertig, dann funktioniert das System wie beabsichtigt. Aber da kommen schon mal welche, ausgestattet mit Insignien des Reichtums, und reklamieren Zahlungsunfähigkeit. Dann fangen die Probleme an. Man kann das nicht so leicht beurteilen, ob genug Geld da ist, damit es regulär ablaufen kann. Und wer kein Geld hat, landet praktisch in der Hand der Kniebrecher-Mafia.

Nicht dass die Firman es so treiben wie die illegalen Geldeintreiber; das haben sie gar nicht nötig. Sie haben nämlich das ultimative Druckmittel, den Delinquenten jederzeit ins Gefängnis zu schicken, wenn er nicht zahlt. Mehr noch, sie profitieren, wenn er nicht fristgerecht zahlen kann, denn je länger es dauert, desto mehr Monatsgebühren können sie für ihre "Leistungen" (=Handaufhalten) anrechnen.

Das ist ein schwerer Interessenskonflikt, möglichst viel Geld aus jedem Bestraften zu holen gegenüber der ursprünglch beabsichtigten Unterstützung der Betroffenen. Ein Zitat aus dem FAZ-Artikel: Die Bewährungsindustrie ist ein Beipiel dafür, wie die USA ihren Strafvollzug privatisieren. Und oftmals ruinieren die privaten Bewährungsunternehmen das Leben der Menschen. Es kann schon reichen, wenn der Judicial Correction Service 1000 Dollar Strafe mit 1000 Dollar Gebühren beaufschlagt, um eine prekäre Existenz in den Bankrott zu treiben.

Dabei geht es letztlich nur um Kleinigkeiten. Die Verurteilten haben oft nur einen Verkehrsverstoß begangen wie Falschparken, Geschwindigkeitsüberschreitung, Fahren ohne Gurt, Ladendiebstahl, öffentliche Trunkenheit oder andere Ordnungswidrigkeiten. Arme Leute mit prekären Finanzen dafür ins Fegefeuer der unbezahlbaren Gebühren zu schicken, mit Gefängnisaufenthalten, über die private Kassierer entscheiden, ist unmenschlich. Der Protest gegen solche Geschäftspraktiken rührt sich auch vielfach. Es ist aber nicht damit getan, die private Bewährungsindustrie zu regulieren. Sowas gehört zu den Obliegenheiten, die der Staat exklusiv übernehmen muss (Bild: Openclips).


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Sophistik zur Migration: "Es ist gut für die Armen, dass die Reichen reich sind"


music-35026_640NemopixabayDer Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 22.6. ist nicht online. Er trägt den provokanten Titel Es ist gut für die Armen, dass die Reichen reich sind. Es handelt sich um ein Interview mit dem emeritierten Professor für Soziologie und Politikwissenschaften (und Euro-Gegner) Erich Weede (Bild: Nemo, pixabay).

Das grundlegende Argument dabei: Wenn die Armen nicht die globale Ausbeutung hätten, dann ginge es ihnen noch schlechter. Nur ist besser als das Allerschlechteste noch lange nicht gut. Die Argumentation ist daher mit Vorsicht zu genießen, zumal der Autor sich auch stark in Sophistik zeigt – mehr dazu unten.

Immerhin hat es für einige Staaten geklappt, dass sie sich entwickelt haben, Japan sogar ohne den Umweg über Arbeitsmigranten. Sonst sei die Freiheit zur Migration gut für beide Staaten, Quelle und Ziel, so der Artikel. Indem die Befähigten wegziehen, üben sie Druck auf die Herrschenden aus, die Verhältnisse zu verbessern. Eine offene Welt mit der Freiheit zur Migration sei daher wichtig. Wir können zwar nicht 2/3 der Welt das Zuwanderungsrecht in die reichen Länder geben, aber einem Kontingent von Leistungsträgern, und das wirke sich positv aus.

Geschichtlich gab's Freiheit und Menschenrechte zuerst auch nur für eine dünne Schicht, dass die Allgemeinheit solche Rechte erworben hat, ist auch für Europa neu. Eine pragmatische Sicht sei daher angebracht, man solle sich das nicht aus Ideologie kaputtmachen. Soweit der nicht onlinene Artikel.

Der provokante Titel Es ist gut für die Armen, dass die Reichen reich sind, wird davon nicht recht gestützt. Um mehr über die Argumente Weedes zu erfahren, liegt ein Blick auf seine anderen Artikel bei der FAZ nahe, Zuwanderung – Wie lässt sich die Armut in der Welt abbauen? (5-teiliger Artikel vom 8.6.). Es geht mehr um die ethische Frage, wie kann man die Zuwanderungsbeschränkungen verteidigen?

Weedes Vorgabe: Wer staatliche Zuwanderungsschranken in reichen Ländern gegen Armutszuwanderung verteidigt, der argumentiert gegen die am schnellsten wirksame denkbare Maßnahme zum Abbau der Armut in der Welt. Kann man das verantworten?

Einmal wird dazu die "dualistische Ethik" herangezogen, das Messen mit zwei Maßstäben. Also keine bedingungslose Öffnung der Grenzen von Wohlstandsinseln für arme Zuwanderer, denn jeder ist sich selbst der Nächste, und den einkommensschwachen Mitbürgern darf man solche Konkurrenz schon gar nicht zumuten.

Diese Haltung stehe für eigennütziges Denken dieser Mitbürger, während es für die Reicheren auf den Zwiestreit zwischen Eigennutz und Mitmenschlichkeit oder Altruismus hinauslaufe, auf eine dualistische Ethik eben. Man nehme auf Landsleute Rücksicht, die sich nur einen Gebrauchtwagen leisten können statt eines neuen, jedoch nicht auf Fremde denen die zweite Mahlzeit am Tag fehlt, so lautet das Argument aus Weedes Sicht.

Solch Eigennutz und dualistische Ethik rufe einen unangenehmen Nachgeschmack und ein schlechtes Gewissen hervor, zumal wir altruistischer seien, als die ökonomischen Theorien behaupten. Man muss aber nicht den Altruismus strapazieren, um ein schlechtes Gewissen zu machen, denn es gibt noch andere Argumente gegen den unbegrenzten Zuzug.

Das kommt in dem Artikel nicht so raus, aber aus der Sicht der Migranten geht es oft nur darum, in die bessere Zivilisation überzuwechseln, bloß ohne deswegen ihre Werte zu übernehmen. Dieser Widerspruch ist ein schwerwiegendes Argument gegen die Migration, das der Artikel nicht entsprechend würdigt.

Was ganz fehlt, ist die Bevölkerungsfrage. Immerhin ist in fast allen Wohlfahrtsstaaten die Geburtenrate unter Bestandserhaltung, während einige Länder immer noch (mit abnehmender Tendenz) auf Vermehrung eingestellt sind. Das ist nicht nachhaltig und liefert ein wichtiges Argument. Dass man sich die überproportionale Vermehrung per Immigration ins Land holt, hat den Populisten Argumente gegeben. Nichtsdestotrotz muss man realisieren, dass Revierverteidigung und Besitzstandswahrung zur biologischen Ausstattung unserer Spezies gehören. Das altruistische "Jeder darf alles überall" ist kein angeborenes Dogma.

Merkwürdig wird es, wenn Weede seine Logik dahin ausführt, dass arme Länder von den Vorteilen ihrer Rückständigkeit profitierten. Das ist ganz dicht an der verschrobenen Argumentation dran Es ist gut für die Armen, dass die Reichen reich sind. Das grenzt an Sophistik, und man möchte in Erinnerung rufen, dass die Rückständigkeit zunächst mal mit schweren Nachteilen verbunden ist, immerhin so gravierend, dass sie viele Leute in die Emigration treibt. Die Vorteile sieht der Artikel in den  Wachstumsimpulsen; von einem niedrigen Niveau aus wächst es sich schneller. Die Kopie kann den Aufschwung womöglich besser als das Original nachvollziehen, weil die Wege dann schon gangbar sind.

Aus diesem Grund müssten die (potentiellen) Zuzügler am Erhalt des Westens interessiert sein, der ihnen doch die Perspektiven einer auskömmlichen Lebensweise vorlebt. Zuwanderungsschranken seien daher auch im Interesse der Migranten, denn zu viele würden das Modell beschädigen oder zerstören. Bei einer schrumpfenden einheimischen Jugend und Arbeitsbevölkerung sinke die Assimilations- und Integrationskraft der Wohlstandsländer eher als dass sie steige, das sehe man in vielen Schulen und Stadtvierteln der europäischen Großstädte schon jetzt.

So sehen also die Argumente zur Begrenzung der Massenzuwanderung unter "universell humanitären Gesichtspunkten" aus, und nicht nur per Rechtfertigung mit der "dualistischen Ethik". Soweit der Weede-Artikel.

Was man noch vermisst, ist das Argument von der Kanalisierung des Drucks. Der Migrationsdruck wird immer größer, das ist wohl nicht zu bestreiten. Doch sollte dieser Druck nicht besser zuhause ausgeübt werden, um Frieden, Ehrlichkeit und Ordnung zu schaffen? Ist der Leidensdruck nicht falsch kanalisiert, wenn das Fortgehen zunehmend als beste Lösung erscheint?  Enthebt das die Herrschenden nicht eher der Notwendigkeit zu Reformen, als dass es sie dazu anspornt?

Weiteres zum Thema:

 




Lea Rieck: Sag dem Abenteuer, ich komme


Sag dem AbenteuerRezension von Gerfried Pongratz:

Abenteuerreisen sind „in“ – mit herkömmlichen und/oder ungewöhnlichen Verkehrsmitteln rund um den Globus. Vieles ist möglich und über fast alles wird berichtet; in Internetmedien und Büchern (bei Amazon werden für das 1. Halbjahr 2019 unter „Abenteuerreisen“ sechzig deutschsprachige Neuerscheinungen angekündigt). Die Qualität mancher Berichte und Druckerzeugnisse ist bescheiden, die Qualität des vorliegenden Werks ist es nicht. Es gehört zu den Spitzenprodukten des Genres Reiseliteratur, es ist eines der seltenen Bücher, das man nach den ersten Seiten nicht mehr aus der Hand legen mag. „Sag dem Abenteuer, ich komme“ nimmt mit zu hochemotionalen, spannenden Erlebnissen und außerordentlichen Begegnungen, vermittelt breitgefächertes Wissen zu Land und Leuten, lässt intellektuell und emotionell in fremde Kulturen eintauchen: humorvoll-locker, oft nachdenklich, manchmal leise ironisch, nie voyeuristisch, stets mit Respekt und einem gehörigen Maß Demut.

An einem Dezember-Büronachmittag in München beschließt eine beruflich und privat sehr erfolgreiche 30-jährige Frau: „Dies ist meine Zeit. Ohne ein Wenn und tausend Aber. Ich mache eine Weltreise auf dem Motorrad“ (S. 16) – BE THERE OR BE SQUARE!

Es folgen monatelange Vorbereitungen, bis es im April 2016 so weit ist: LEA RIECK auf „CLEO“, der Triumph Tiger Maschine, ruft dem Abenteuer „ICH KOMME“ entgegen.

Die große Freiheit beginnt! Über Österreich und mehrere Balkanländer führt die erste Etappe nach Istanbul, wo die Autorin Zeugin des gerade ausbrechenden Militärputsches wird. Über die Türkei, Rußland, Tadschikistan, Kirgistan, China, Pakistan, Indien, Nepal, Myanmar, Thailand geht es nach Australien und Tasmanien. Es folgen Argentinien, Feuerland, Patagonien, Chile, Peru, Panama, USA, Kanada, Marokko, Westsahara und Europa: 90.000 Kilometer in 516 Tagen auf dem Motorrad!

In 8 Haupt- und zahlreichen Unterkapiteln erzählt Lea Rieck die Geschichte von „Eine Frau/Eine Welt/Eine Reise“. Mit literarisch bunten Bildern in stimmungsvollen Nuancen, mit einfühlsamen Beschreibungen, treffenden Metaphern, mit Lebensfreude, Liebes- und Leiderfahrungen.

Der Leser/die Leserin begleitet die Autorin zu Orten herausragender Schönheit, reist mit durch großartige Landschaften („man spürt das Leuchten der Sonne, das Vibrieren der Maschine“), kämpft sich über waghalsige Strassen und gefährliche Pässe mit hoch in schneebedeckte Gebirge, fühlt mit die Einsamkeit endlos scheinender Wüsten und die Strapazen auf langen öden Strassen im Nirgendwo.

Neben der Beschreibung von unglaublich Schönem und Erhabenem werden auch Plätze abgrundtiefer Häßlichkeit, brutalster Gemeinheit (z.B. das Rotlichtviertel in Bangkok) nicht ausgeblendet und unangenehme Erfahrungen, persönliche Krisen, Zweifel und Mutlosigkeit nicht verschwiegen.

Lea Riecks Buch berichtet von Kameradschaft und gegenseitiger Hilfe, von wunderbaren Begegnungen mit Einheimischen und deren, trotz Armut, fast unglaublicher Großzügigkeit, von gemeinsamen Fahrten mit anderen Motorradreisenden, die zu tiefen Freundschaften und Liebe führen. Auch komische Situationen kommen nicht zu kurz; in Nepal z.B. verfängt sich Leas Kleid im Hinterrad des Motorrades und sie sitzt plötzlich, von umherstehenden Straßenarbeitern höchst erstaunt betrachtet, nackt auf der Maschine.

Als junge Frau auf einem Motorrad, allein rund um die Welt, erlebt sie nicht nur schöne und erfreuliche Dinge; oftmals gilt es auch, dramatische Vorkommnisse zu bewältigen und kritische Perioden durchzustehen: z.B. einen Sturz mit Gehirnerschütterung, Lebensmittelvergiftung, Durchfallerkrankungen, eine gefährliche Augenverbrennung. Die Autorin berichtet dabei von schweren Stunden tiefster Niedergeschlagenheit, von Depressionen und Tränenausbrüchen; die Offenheit ihrer Erzählungen berührt den Leser und zieht ihn mitten ins Geschehen.

Lea Rieck versteht es, einfühlsam zu erzählen und Spannung aufzubauen; immer wieder stellt sie kritische Fragen an die Welt, an sich selbst und indirekt auch an ihre Leser, die zum Nachdenken anregen und nicht leicht zu gebende Antworten suchen. Einschübe mit Reflexionen zur eigenen Jugend als Leistungsschwimmerin in München sowie Gedanken zum liebevollen Aufwachsen in ihrer Familie, zum Werdegang der Eltern, zu Prägungserfahrungen durch den 8 Jahre älteren Bruder, erleichtern das Verständnis ihrer Intentionen und Herangehensweisen.

Die Inhaltsfülle des Buches lässt sich in gebotener Kürze nicht abbilden, einige Zitate der Autorin verdeutlichen ihr Denken und Fühlen:

  • Zur oftmals zu hörenden Phrase, Abenteuerreisende suchen sich selbst:
    Man kann auch einfach losziehen um des Losziehens willen und nicht, weil man etwas sucht. So ist es bei mir. Ich reise, weil ich Lust darauf habe. Weil ich mich als Reisende lebendig fühle“ (S. 150/151).
  • Zu allgegenwärtigen Werbeaufschriften:
    …„(so) kommt mir die Welt gleich weniger abenteuerlich vor: Überall wo ich hinfahre, war Coca-Cola schon lange“ (S. 170).
  • In einem Luxushotel in Bangkok:
    „Nicht Bangkok berührt mich, verändert mich und macht mich glücklich, sondern der Weg hierhin“.

    Luxus ist, „dass ich Zeit habe, die ich mit den Dingen füllen kann, die ich möchte. Dass ich einen Pass besitze, mit dem ich fast in jedes Land reisen kann. Dass ich leben kann, wo ich will und wie ich will. Und lieben kann, wen ich will“ (S. 177).

  • Unter einem Foto, auf dem das Motorrad im Schlamm liegt und viele Menschen sie umringen:
    „Platte Reifen, Stürze im Schlamm, zerrissene Kleider und andere Mißgeschicke – je schlechter die Straßen und je größer mein Pech, desto freundlicher die Menschen in Indien und Nepal (S. 192).
  • Nach der Begegnung mit einem kleinen Mädchen in Panama, das zur Retterin aus einer gefährlichen Situation (Überfall) wurde:
    „Ich habe erst auf dieser Reise zu verstehen begonnen, was es wirklich bedeutet, den Ernst des Lebens kennenzulernen – und wie glücklich wir uns schätzen können, wenn wir ihm nie begegnen müssen“.
  • Auf die Feststellung eines Bekannten „…du bist jetzt sicher eine andere als vorher“:
    „Bin ich das? Ich habe Freundschaften geschlossen mit Menschen, die eine gemeinsame Sprache sprechen – und zum ersten Mal auch mit Menschen, die das nicht taten. Ich bin gestürzt, habe mich verletzt, bin wieder aufgestanden. Ich habe gezweifelt, vertraut, gelernt. Ich habe geliebt, geweint, alles Glück der Erde gesehen und ihr Leid. Ich bin krank gewesen, aber die meiste Zeit gesund. Ich habe mir helfen lassen und mir selbst geholfen. Ich bin älter geworden, habe Falten vom Wind und der Sonne… Mein Herz ist jünger, verspielter, leichter geworden. Ich bin lebendig“ (S. 358).

    „Ich bin noch dieselbe, aber mein Blick hat sich geändert. Das Fremde ist zum Vertrauten geworden – und auf das Vertraute habe ich einen neuen Blick gewonnen“ (S. 359).

Sag dem Abenteuer, ich komme“ ist ein Buch, das alle Kriterien des Genres „Abenteuerliteratur“ in höchstem Maße erfüllt und darüber hinaus wache Blicke nach außen, kritische Innenschau und kluge Lebensbilanz bietet. Obwohl die Autorin die Platitüde einer „Reise zu sich selbst“ ablehnt, gewinnt man als Leser den Eindruck, dass auch solche Erfahrungen gewonnen wurden. Texte voll Heiterkeit, Empathie und Poesie, zeitweise auch voll Melancholie und Trauer, beschreiben Situationen des Loslassens und Wiederfindens – als Ergebnis eines großen Abenteuers, das das eigene Leben prägt und fremdes besser verstehen läßt. Zahlreiche aussagekräftige Fotos erweitern die Freude am Lesen!

 

 Lea Rieck: Sag dem Abenteuer, ich komme

© Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2019, ISBN 978-3-462-05224-4, 374 Seiten.

 

Gerfried Pongratz 3/2019

 




Klassenunterschiede fördern Religion


Pyramid_of_Capitalist_SystemWas auf dieser Homepage (atheisten-info) ziemlich regelmäßig festgestellt wird, kann nun auch in der Nr. 1/2013 der Zeitschrift "Bild der Wissenschaft" nachgelesen werden. Je größer die Klassenunterschiede in den Gesellschaften sind, desto höher ist die Bedeutung der Religion. Und umgekehrt: je mehr Bedeutung Gleichheit in einer Gesellschaft hat, desto säkularer und religionsfreier ist sie.

Die Religion als "Opium des Volkes" erfährt eben genau dann Nachfrage, wenn die entsprechende Definition von Karl Marx zutrifft: "Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes."

Das Ausmaß des Leidens der bedrängten Kreatur in einer herzlosen Welt, verbunden mit geistlosen Zuständen ist und bleibt die wesentliche Voraussetzung für die Bedeutung von Religion.

Einige markante Sätze aus dem BdW-Artikel
von Rüdiger Vaas, GÖTTLICHE GESELLSCHAFTEN:

• "Je ungerechter es in einer Gesellschaft zugeht und je weiter die Schere zwischen den Einkommen geöffnet ist, desto höher ist der Stellenwert der Religion (..). Und: In Ländern mit größeren Einkommensunterschieden sind sowohl ärmere als auch reichere Menschen eher religiös als in Ländern mit geringeren Unterschieden – Reiche sogar überproportional stark. In wirtschaftlich ausgeglichenen Ländern sind sie dagegen weniger religiös als die Armen."
• "Atheistischere Länder sind friedlicher. Das zeigte der britische Religionswissenschaftler und Biologe Tom Rees mit einer Auswertung des Global Peace Index 2009. Dieser bewertet den Friedensgrad anhand von 23 Kriterien – darunter Kriege, Bürgerkriege, das Ausmaß von Menschenrechtsverletzungen und Waffenhandel, die Zahl der Morde und der Gefängnisinsassen sowie der Grad der Demokratisierung. Wie friedlich ein Land ist, korreliert positiv mit dem Prozentsatz der Atheisten und negativ mit dem Prozentsatz derjenigen religiösen Menschen, die (..) mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besuchen."
• "Viele Studien haben auch einen engen Zusammenhang zwischen Ängstlichkeit und Religiosität nachgewiesen. Einerseits sind religiöse Menschen ängstlicher, andererseits kann Religion die Angst auch mindern. Dies ist eine weitere Erklärung, warum in kritischen Situationen und instabilen Ländern mehr Menschen gläubig sind."
• "Wenn es um das Ausmaß des Glaubens geht, ist das Einkommen des Einzelnen weniger wichtig als die Qualität der Gesellschaft: In Ländern mit größeren Problemen sind mehr Menschen religiös – unter den Armen genauso wie unter den Reichen. In stark religiösen Ländern sind Nichtreligiöse im Schnitt unglücklicher als Religiöse. In weniger religiösen Ländern haben sie hingegen weniger negative Emotionen als ihre religiösen Mitbürger. Das Fazit (..) lautet: In besser gestellten Gesellschaften leben mehr Nichtreligiöse, und sie fühlen sich tendenziell gleich gut oder besser als Religiöse – in Ländern mit ungünstigeren Lebensbedingungen dagegen haben Religionen mehr Anhänger, und religiöse Menschen fühlen sich besser als nichtreligiöse."
• "Höhere Steuern verringern in demokratischen Gesellschaften das Auseinanderklaffen der Einkommensschere und die 'Ausbeutung' öffentlicher Mittel. In Ländern mit mehr religiösen Menschen sind die Einkommensunterschiede in der Regel größer, die Steuersätze niedriger und die staatlichen Sozialausgaben geringer. Aber warum geben Länder mit einer religiöseren Bevölkerung weniger für die soziale Wohlfahrt aus? Die Antwort klingt überraschend: Weil es eine Mehrheit der Gläubigen so will. Denn nichtreligiöse Menschen befürworten staatliche Wohlfahrt meist stärker als religiöse."
• "Länder, in denen der Glaube eine relativ geringe Rolle spielt, schneiden im Hinblick auf den Zustand ihrer Demokratie besser ab – Spitzenreiter sind nordeuropäische Nationen."
• Und Religion war und ist deshalb ein Herrschaftsmittel: "Religion lässt das Interesse an materiellem Wohlbefinden sinken und verspricht Belohnung im Jenseits. Dadurch bleiben die Privilegien der Reichen bestehen, genau wie die Bedingungen sozialer Ungleichheit."

Der neue Papst Franz kommt aus Südamerika, wo die Religion genau aus den hier angeführten Gründen weitaus mehr Bedeutung hat als in Europa. Die soziologischen Hintergründe für diesen Sachverhalt sprechen somit ganz klar gegen die gesellschaftliche Bedeutung von Religion und für säkulare Gemeinschaften. Die Religionen müssten daher darauf setzen, dass der zurzeit herrschende Neoliberalismus weiterhin die Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Masse der Menschen verschlechtert. Der Papst machte des öfteren Äußerungen zugunsten der Armen. Womit er dabei aber kaum das Herangehen der Befreiungstheologen meinte, nämlich die Verhältnisse zu ändern, sondern sozusagen ein Mehr an Almosen forderte. Klostersuppensozialismus bringt den Menschen kaum was, hält aber die Klassenverhältnisse stabil: wenn die Klassenunterschiede groß sind, dann ist auch die Religion groß, weil der bedrängten Kreatur in einer herzlosen Welt die Religion als – vielleicht einzige – Hoffnung bleibt.

Für eine bessere, eine gerechtere Welt zu sein, gegen die ständig steigende Ausbeutung, gegen Banken und Konzerne und raffgierige Manager aufzutreten, verbessert auch die geistigen gesellschaftlichen Verhältnisse, weil das "Opium des Volkes" weniger Suchtgefahr verbreitet, wenn die Verhältnisse besser werden. Seit dem Konkurs des Realsozialismus und dem daraus folgenden politischen Niederbruch der Sozialdemokratie und der Spezifizierung der heutigen Linken auf eine Art Almosensozialismus für Randgruppen sind allerdings die Verhältnisse so, dass "Reformen" grundsätzlich nur noch Verschlechterungen für den Großteil der Bevölkerung bedeuten und speziell die Christenparteien ihre menschenfeindlichen Ideen wieder wie ehedem umsetzen können. In den aufgeklärten europäischen Staaten wird es trotzdem nicht möglich sein, die alten Voraussetzungen für Religiosität der breiten Masse der Bevölkerung wieder zu steigern.

Denn das "Kommunistische Manifest" schloss mit dem Satz "Die Proletarier dieser Welt haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" In den letzten 150 Jahren haben durch die Arbeiterbewegung die arbeitenden Menschen zwar ihre Ketten nicht verloren, aber in wahrnehmbarem Ausmaß eine neue Welt mit besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen gewonnen. Und diese gewonnene Welt noch mehr zu verlieren, dagegen werden sich die Menschen zur Wehr setzen, der Neoliberalismus kann nicht endlos so weiter machen wie bisher, es kommt nicht die Situation, dass die Menschen in ihrer Bedrängung wieder religiös werden, sondern dass die Laternen zu wenig sein werden, um die für die Bedrängung und Ausbeutung Verantwortlichen daran aufzuhängen.

Ca Ira! Das geht ran!

http://www.youtube.com/watch?v=-0rgnqj2dBk&feature=player_embedded

Das war historisch schon mal. In der französischen Revolution ging es um die Aristokraten. Für diese gibt es im Neoliberalismus die passenden Äquivalente für den schon langsam anschwellenden Volkszorn. Wenn allerdings die politische Linke weiterhin nur Trostpflaster verteilt für die Löcher, die der Neoliberalismus in die Menschenköpfe schlägt, dann kann der Volkszorn auch von der falschen Seite kommen. Das hatten wir auch schon einmal. Die Linke wird daher wieder sozialistische Politik machen müssen und keine almosensoziale, mit Karl Marx für die arbeitenden Menschen und eine gerechte Gesellschaft!

Quelle: www.atheisten-info.at

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Qubits: auf und nieder, immer wieder


binary-715786_640Die University of New South Wales UNSW ist weit weg in Sydney. Was ein Team von Wissenschaftlern dort zuwegebrachte, schien auch weit weg. Aber sie haben zwei verschränkte Qubits in einem Siliziumsubstrat geschaffen, und damit den Weg für verlässliche Quantencomputer ein Stück weiter freigemacht (Bild: geralt, pixabay).

Der Artikel bei Gizmag heißt Quantum computers inch closer to reality thanks to entangled qubits in silicon (16.11.): Funktionsfähige Quantencomputer sind noch Jahre entfernt, aber der Fortschritt in diese Richtung beschleunigt sich. Man hat jetzt grundlegende Strukturen in Silizium realisiert, die Quanteninformation für 30 sec speichern konnten. Dabei wurde das Prinzip des "lokalen Realismus" aus der klassischen Physik verletzt, wie es in dem wb-Artikel über Anton Zeilingers Buch Einsteins Spuk für verschränkte Photonen ausführlich beschrieben wird.

Nun ist das also auch für ein Phosphor-Atom in einem Silizium-28-Substrat gelungen, das einen verschränkten Elektronen- und Kernspin hatte. In der Prosa des UNSW-Artikels ist von verschränkten HiFi-Qubits (high-fidelity quantum bits) die Rede, und die Auswirkungen betreffen nicht nur Quantencomputer und Quantenkryptografie, sondern auch Pharmaka-Design, Übernacht-Auslieferungen und Partikelexperimenten.

So vollmundig wird heute gern bei physikalischen Experimenten argumentiert. Was an der Sache wirklich dran ist, scheint die Übertragung des Photonen-Experiments auf ein Phosphor-Atom zu sein, nachdem bereits andere Forscher dasselbe für verschränkte Elektronen realisierten. Auf die Bellsche Ungleichung muss hier nicht weiter eingegangen werden, dazu sei nochmal auf Einsteins Spuk verwiesen. Dort ist der Zusammenbruch des "lokalen Realismus" beschrieben, dem Prinzip der klassischen Physik, wonach beides gelten muss:

  • der Realismus, d.h. das experimentelle Resultat soll durch Eigenschaften der Partikel bestimmt sein und nicht durch die Beobachtung, sowie
  • die Lokalitätsannhahme, nach der die physikalische Situation der Messung am einen Exemplar der verschränkten Partikel nicht vom anderen, entfernten, abhängen kann.

Es fehlt nicht der Hinweis darauf, dass dies die "spukhafte Fernwirkung" ist, die Einstein abgelehnt hat. Der UNSW-Artikel belegt  das mit mit hübscher Prosa: Zwar könne die Verschränkung ohne Verletzung der Bellschen Ungleichung erreicht werden, aber beim Quantencomputer sei die Verletzung wünschenswert. Sie mache die Qubit-Operationen verlässlicher und erlaube mehr Zugriff zu dem Spuk-Verhalten, das der Quantencomputer braucht.

So wird die Leistung der Forscher um Professor Andrea Morello gefeiert. Die Verletzung der Bellschen Ungleichung sei nun erstmals für ein Phosphor-Atom realisiert. Die vier Zustände der verschränkten Spins (up und down, beide up, beide down und die Superposition davon) konnten zuverlässig erzeugt werden.

Dazu mussten die Qubits besonders stark verschränkt werden, quantisiert wurde das auf einer Korrelationsskala, wo klassische Partikel nicht über eine Korrelation von 2 hinauskommen und für verschränkte Partikel die Obergrenze von 2,83 gilt. Der erzielte Wert von 2,70 ist ein Rekord, umzusetzen in 96-97% Zuverlässigkeit.

Jede Unperfektheit lässt die Korrelation drastisch sinken, also war äußerste Präzision nötig. Man habe einige der besten Qubits der Welt erzeugt, so Professor Morello, und man könne sie mit nahezu perfekter Akkuratesse handhaben.

Und das in einem Standard-Silizium-Chip, der winzige Strukturen – und demnach das Potential für viele Qubits – enthält. Allerdings muss man immer noch mit Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt operieren und in einem starken Magnetfeld. Macht nix, sagt der Artikel, Quantencomputer sollen ja nicht die traditionellen Computer ersetzen, also kein Problem.

Weitere Versuche sollen nun die Schalter realisieren, die man mit Elektronen-Qubits zu bauen hofft. Dann geht's um längere Memory-Stabilität und fehlersichere Architektur für mehr als nur 2 Qubits. Der aktuelle Zustand erlaubt das nicht, weil Elektron und Kern vom selben Atom genutzt wurden. In Zukunft sollen verschiedene Atome verschränkt werden, und es soll bis in eine Entfernung von 1 cm reichen.

Man habe schon viel gelernt, so der Artikel, und es gehe weiter. Wenn man viele Atome benutzen kann, könne man sie paarweise oder in größeren Gruppen verschränken. Je mehr Spins verschränkt werden, desto mächtiger werde der Computer. Das Ziel für die nächsten 4-5 Jahre seien 10 Qubit-Quantencomputer. Bis dahin sieht sich Professor Morello durch das Standard-Silizium im Vorteil gegenüber Konkurrenten.

(Die Überschrift erlaubt sich eine freie Übersetzung der Spinzustände up und down)

Links dazu:

 




Megatrend Ungleichheit


man-67334_640Alle halbe Jahre ist es soweit, und es gibt neue Ungleichheits-Zahlen. Wenn sie nicht von der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development = Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) kommen, dann vom ZEW (Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung und dem IMK-Institut der Hans-Böckler-Stiftung.

Die frischen Zahlen werden je nach Gesinnungslage interpretiert, und unsere Regierung wollte daraus eine Trendwende zu weniger Ungleichheit lesen. Die jetzige Kriegsministerin von der Leyen war im März 2013 Bundesarbeitsministerin und behauptete in ihrem umstrittenen Armuts- und Reichtumsbericht: "Die Ungleichheit der Einkommen nimmt derzeit ab." Dem war und ist mitnichten so. Die Ungleichheit wächst und gedeiht (Bild: geralt, pixabay).

Der aktuelle IMK-Report von November 2015 sagt es hübsch verklausuliert: Zwar kann daraus nicht ohne weiteres eindeutig auf einen weiteren Anstieg der Ungleichheit der Markteinkommen nach 2005 geschlossen werden, jedoch erscheint die für die Verteilung der Nettoeinkommen ausgewiesene Moderation des Ungleichheitsanstiegs, welche wesentlich auf einem Rückgang der Ungleichheit der Markteinkommen beruhte, hinfällig. Folglich ist davon auszugehen, dass die tatsächliche Verteilung der Nettoeinkommen in Deutschland bereits während der zweiten Hälfte der 2000er Jahre noch ungleicher geworden ist.

Bei wissenbloggt wird aber ohne weiteres eindeutig geschlossen, dass die Ungleichheit nicht zurückgegangen ist, nicht zurückgeht und nicht zurückgehen wird. Das lässt sich mit vielen Informationen belegen, eine kleine Auswahl:

  • Süddeutsche Zeitung vom 19.5.: Arbeitsmarkt weltweit – Nur jeder Vierte hat einen stabilen Job.
  • OECD-Sozialbericht: Einkommensungleichheit in Deutschland im Mittelfeld, Vermögensungleichheit hoch (21.5.), steigende Ungleichheit wird festgestellt, Deutschlands obere 10% besitzen 60% der Nettohaushaltsvermögen, im OECD-Schnitt sind's sonst 50%.
  • die SZ kommentiert das in OECD zu sozialer Ungleichheit – Je ungleicher, desto ärmer (21.5.): Deutschland und viele andere Industriestaaten werden ungleicher. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist im Westen so hoch wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr, so eine Studie der OECD. Demnach ist die Gleichheit in Skandinavien am größten und in den USA und Großbritannien am kleinsten, mit Deutschland im Mittelfeld
  • noch eine OECD-Publikation von 2015 heißt In It Together – Why Less Inequality Benefits All: In der guten Zeit wuchs die Ungleichheit, und in der schlechten Zeit ging's damit weiter – die niedrigen Einkommen werden immer weiter abgehängt.
  • bei ZEIT ONLINE heißt es am 10.6. in Armut: Zu wenig zum Leben: Wer arbeitet, sollte davon vernünftig leben können. Doch wie viel Prozent leben trotz Arbeit in Armut? Die Zeit-Infografik zeigt es für eine Reihe von Ländern. Die Zeit-Zahlen der working poor sind von 2013. In Griechenland sind's 15,8%, in Japan 12,9%, in den USA 11,9%, in Großbritannien 5,3% und in Deutschland 3,0%
  • und weil nun schon die richtig Armen dran sind, noch ein SZ-Bericht vom 24.9. über den UNO-Erfolgsbericht der "Millenniums-Ziele" vom schwindenden Hunger in der Welt. In Politischer Philosoph – "Mit falschen Zahlen beruhigt"  ist zu lesen, dass wieder Betrug im Spiel ist. 1990 gab es 1 Milliarde Hungerleidende, jetzt nur noch 870 Millionen – aber die Zählmethode der FAO wurde geändert, und zwar rückwirkend. Hungerleidend ist nur noch, wer 1 Jahr nicht über die Kalorienzahl für Sitzende kommt, Mineralien und Vitamine werden nicht mitgezählt, und wieso Sitzen und wieso 1 Jahr? Und falls es eine Besserung gibt, liegt die nicht an den Millenniums-Zielen, sondern am globalen Wirtschaftswachstum. Mehr noch, das Armuts-Maß von unter 38 Dollar pro Monat verleitet die Regierungen, genau da anzusetzen, um möglichst viele von 37 Dollar auf 39 zu bringen, und dabei die Allerärmsten zu missachten. Dazu noch mehr Ungleichheits-Zahlen: die oberen 0,1% der USA besitzen soviel wie die unteren 40% der Welt – 30.000 Leute haben soviel wie 2,8 Milliarden.

Die Link-Auswahl macht die sozialen Auswirkungen der Ungleichheit klar. Die existenziellen Probleme der Welt lassen sich nur mit freien Märkten, Rechtsstaat und Demokratie lösen, schreibt die SZ in den aktuellen Artikeln Ungleichheit wird noch größer (2.11. "Studie zu Einkommen – Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland wächst") und Eine zu simple Formel (3.11. "Chancen – Arbeit allein kann Ungleichheit nicht bekämpfen"). Vielleicht hätte die SZ noch dazuschreiben sollen, dass Markt, Rechtsstaat und Demokratie nix nutzen, wenn immer mehr die Lobby regiert und zum Ausgleich immer mehr gelogen wird.

Wenn sich was gebessert habe, dann lag das an der Agenda 2010, so die Artikel. Es war nur eine "vermeintliche Trendwende", was die Bundesregierung aus dem sozioökonomischen Panel (SOEP), als Verbesserung lesen wollte. Die ZEW-IMK-Studie stellte außerdem fest, dass die sehr reichen Menschen deutlich unterrepräsentiert waren,  der reichste Haushalt besaß laut SOEP nur 50 Millionen Euro, als ob es die ganzen Milliardäre nicht gäbe. Das obere Zehntel hatte laut SOEP jährlich 6.000 Euro Kapitaleinkommen und laut Steuerstatistik 50.000.

Nur bei der Finanzkrise 2009 schloss sich die Schere ein bisschen, weil in die Kapitalerträge stark rückläufig waren, und seither wächst die Ungleichheit um so stärker. In Deutschland ist es so, in der Eurozone ist es so, in den USA ist es so. In der Formulierung von Zero Hedge heißt das am 31.8. The Oligarch Recovery: Low Income Americans Can't Afford To Live In Any Metro Area: We were told we needed to bail out Wall Street in order to save Main Street. … Wall Street has never done better, and Main Street has never done worse. Der Lohnanteil vom nationalen Einkommen in den USA sank von dem Spitzenwert 70% auf aktuell 52%: "No way Joe 6ix pack can afford to live in metro areas."

Was bleibt außer der netten Benamsung des Otto-Normal-Amerikaners als Joe 6ix pack? Die Ungleichheit lässt sich nicht weglügen, auch wenn die statistischen Betrugsmethoden immer weiter ausgefeilt werden. Der Schlußsatz des SZ-Artikels sagt, dass es auch ehrlich geht: in Deutschland wisse man so gut wie nix über Vermögende, aber z.B. die spanische Vermögensteuer-Statistik liefere zuverlässige Daten.

Es geht also, man will es nur nicht. Man will Erfolge vorgaukeln, wo keine sind. Die UNO tut's, das Bundesregierung tut's. Die Armut bleibt, und der Trend zur Ungleichheit ist seit zig Jahren manifest. Es wird massiv von unten nach oben umverteilt.

Unternehmen wurden von Steuerreformen begünstigt, Banken von Rettungsmaßnahmen. Die Vermögenden kanalisieren ihr Geld in Steueroasen (siehe auch die SZ-Berichte vom 1.11.  Steuerfahndung – Daten über Banken und Betrüger und vom 2.11. Geheime Konten – Steuerparadies Deutschland). Demnach ist Deutschland auf Platz 8 der weltweit "schädlichsten Schattenfinanzplätze". Sogar bei der Erbschaftssteuer wird verkehrtrum umverteilt, siehe Beim Staat gibt’s viel zu erben und den SZ-Bericht vom 7.10. Viel für wenige – Erbschaft "Die Art des Vererbens zementiert die Ungleichheit": Von den gut zwei Billionen Euro, die in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich an die nächste Generation fallen, vererben die reichsten 2% ein volles Drittel.

Wie immer ist in den Betrachtungen nicht berücksichtigt, dass die Staatsschuld enorm gestiegen ist, dass es schwarze Kassen (bad banks) gibt, dass das Staatsvermögen ausverkauft wurde, dass die Infrastruktur verfällt, dass sich implizite Schulden (Pensionszusagen) und explizite Rettungsrisiken billionenweise auftürmen. Diese Lasten vergrößern die Ungleichheit noch mehr. Sie wird nicht zementiert, sondern vermehrt.

Seit längerem ist es Zeit für die Umverteilung von oben nach unten. Das findet sogar die SZ angemessen. Wie es aussieht, wird aber immer weiter von unten nach oben umverteilt, oder in der zweiten Hauptrichtung von Nord nach Süd. Die nächste Welle der Bankenrettung lässt schön grüßen; zwischendurch wird wieder mal horizontal umverteilt. Bei den Geldern für die Immigranten geht's von Nord nach Süd, siehe Diskurs “offene Grenzen” analysiert. Aber immer zahlt die Allgemeinheit und nie zahlen die Vermögenden.

 

Weitere Links:




Der weiße Nebel wunderbar


field-643510_640Wenn wissenbloggt sich um einen künstlerischen Touch bemüht, ist das nichts als Vernebelung (Bild: Pezibear, pixabay). Die Anspielung auf das Abendlied von Matthias Claudius nimmt nur die Vorlage von Zero Hedge auf, wo es am 15.10. um den allumfassenden Nebel geht – The Fog Of "Everything": Why America's Eternally Caught Off Guard In The Middle East. Der Artikel ist ein Plädoyer gegen die Geheimdienste und gegen die US-Kriegstreiberei.

Der Autor Tom Engelhardt wundert sich zunächst, dass so viele Geheimdienstschaffende gebraucht werden, um im Geheimen was zu produzieren? Nix wie Nebel.

Dafür zuständig sind 1500 "senior commanders” (civilian, military, and contract analysts) beim U.S. Central Command (CENTCOM, in der MacDill Air Force Base in Tampa, Florida), die allein mit dem Luftkrieg gegen ISIS befasst sind. Ihre Aufgabe: das Bombardement mit einem unverdienten Anschein von Erfolg aufzupolieren.

CENTCOM ist eins von 6 US-Militärkommandos, die den Planeten unter sich aufgeteilt haben wie einen Kuchen. CENTCOM ist zuständig für den ganzen Bereich des Mittleren Ostens, von Pakistan bis Ägypten – ein terrorgeplagter Staat neben dem anderen. Viel Arbeit, ja, aber 1500 Leute allein für die Analyse?

Der Autor regt sich über diese 1500 Beschäftigten auf, zu denen noch ungezählte andere kommen, z.B. in der al-Udeid Air Base in Katar. (Engelhardt kennt offensichtlich nicht die deutsche föderalistische Bürokratenflut, 900 Kommissionen allein, um die Gesetze der 16 Landesparlamente kompatibel zu machen).

Er rechnet 1500 plus mindestens 3500 Beschäftigte beim Bodenpersonal im Irak, Stand jetzt – und man möge sich vorstellen, was all die Leute treiben. Immerhin ist das ein erfolgloser Krieg in Syrien und Irak, genauso wie in Afghanistan und Jemen (letzterer von den Saudis geführt und von den USA unterstützt). Was um alles in der Welt können 1500 Leute analysieren, außer dass die Sache schiefging? Und wer soll den ganzen Output lesen, den die 1500 Leute produzieren?

Natürlich hat das gargantueske Biest ("gargantuan beast") des US-Militär- und Geheimdients-Universums unvergleichliche Datenströme, die das CENTCOM-Hauptquartier überfluten und die 1500 überwältigen.

Da gibt's die HUMINT (“human intelligence”) von den Bodentruppen und -agenten, die GEOINT ("satellite intelligence") aus dem All, um nur die Überschriften zu nennen. Ironischerweise folgert der Autor, da müsse es ungezählte Tonnen von SIGINT ("signals intelligence") geben, und all die Drohnen, die den Mittleren Osten überfliegen, müssten ganze Ströme von Videos liefern, FMV ("full motion video"), wie Engelhardt den Militär-Jargon persifliert. Dazu noch die Informationen der verbündeten Geheimdienste inclusive der “five eyes“ nations (Australien, Kanada, Neuseeland, das United Kingdom und die United States) sowie aus den Ländern der Region. Nicht zu vergessen den allgemeinen täglichen Datenstrom ("humdrum"), oder OSINT ("everyday open-source material") aus Radio, TV, Presse, Internet, Journalen und werweißwas.

Zu den offiziellen Analysten gehört ein Geheimdienstsystem von gewaltiger Größe, wahrscheinlich mehr als bei den totalitären Systemen des 20. Jhds. Allein die USA haben 17 Geheimdienste ("agencies and outfits"), die fast 70 Mrd. US-Dollars pro Jahr konsumieren – im Zeitraum 2001-2013 läppterten sich 500 Mrd. zusammen. Wem das nicht den Atem verschlägt, der denke an die 500.000 Geschäftsbeziehungen ("private contractors"), die an dem System dranhängen. Zugang zu “top secret”-Information haben 1,4 Millionen Leute (34% davon zivil), Zugang zu “confidential and secret”-Information haben 5,1 Millionen – Orwell lässt grüßen.

Es ist tatsächlich ein orwellsches Überwachungssystem, was in den letzten Jahren aufgebaut wurde. Bis in alle Länder der Welt hinein werden Milliarden von Emails und Telefonanrufen angezapft, Accounts gehackt, Videospieler und Kongresse überwacht. Mindestens 35 Staatsführer wurden ausspioniert, ebenso wie der UNO-Generalsekretär.

After all, whom can you trust? fragt der Autor zurecht. Das heutige Überwachungssystem übertriftt die wildesten Träume der Science-Fiction-Autoren. Es sammelt "yottabytes" von Information, bis die Geheimdienste darin ertrinken. Nichtsdestotrotz haben die US-Militärs noch ihr eigenes Geheimdienstsystem draufgesetzt. Aber was tun die alle?

Die Normalmenschen haben keinen Zugang zu den Geheiminformationen, außer wenn was geleakt wird. Wie also die Effizienz der "intelligence operations" messen? Kaum möglich, meint Engelhardt, aber dann bietet er einen eigenen Maßstab an: TSMS ("TomDispatch Surprise Measurement System") TomDispatch ist der Blog des Autors, und er spricht von einem Überraschungs-Messungs-System, soll heißen, was wissen sie, und wann wussten sie's? (Mit der impliziten Antwort, sie wussten's nicht, bevor es passierte.)

Als Beispiele nennt der Autor die letzten Kämpfe in Kundus, wo jeder Nachrichtenleser und -hörer wusste, dass die Taliban aus den "hinterlands" vorstoßen und die Verteidigung der Stadt testen. Das führte zu der Geheimdienstmeldung, die werden ein bissel rumschießen und aufgeben, sie werden keinen Boden gewinnen. Als sich die Lage verschärfte, wurde immer noch abgewiegelt, Kundus sei nicht in Gefahr, überrant zu werden. Und dann waren die Offiziellen überrascht, als Kundus eingenommen wurde.

Das hätte nicht passieren dürfen, so die Einschätzung des US-Militärs vor Ort, dass man so überrascht wurde. Die afghanische Armee kämpfte zwar, aber nicht so gut wie die US-Ausbilder, -Ausrüster, -Unterstützer dachten. Nicht dass so eine Erfahrung neu gewesen wäre, so war's  schon 2014 in Mossul und anderen nordirakischen Städten, als man es noch mit relativ wenig IS-Truppen zu tun hatte. Auch da war die US-Militärführung bis hoch zu Präsi Obama überrascht (“caught off guard"), wie schnell die US-gepäppelte Armee kollabierte. Nochmal dasselbe Spiel 2015 in Ramadi (auch Irak).

Noch ein Beispiel für die Scheuklappen-Denke des US-Militärs liefert das 500-Millionen-Dollar-Programm zum Training von "moderaten" Syriern, als Gegner für den IS. Der Riesenaufwand, eine Armee aufzubauen, auszustatten und zu trainieren, brachte am Ende die Division 30 hervor, eine 54-Mann-Truppe. Da habe der Elefant eine Maus geboren, und schlimmer noch, die Maus kämpfte schlecht. Gleich beim ersten Einsatz im Reich der al-Nusra Front wurden 2 von ihren US-Führungsoffizieren gekidnappt, und die Truppe wurde niedergekämpft. Wer nicht getötet wurde floh – ein Desaster, und wieder diese Überraschung. Die Geheimdienstler hatten gedacht, die al-Nusra Front würde ihre Truppe als Verstärkung willkommenheißen.

So viele Überraschungen sprechen für massives Geheimdienstversagen. Nochmal der Spruch, das hätte nicht passieren dürfen, so eine anonyme US-Stimme. Ein Wunder ist das Versagen nun nicht, denn die al-Nusra Front war als Feind eingestuft, und einige von ihren Militanten waren das Ziel von US-Luftangriffen gewesen. Und die sollten die US-Hilfstruppe willkommenheißen? Das Gegenteil war der Fall, und außerdem war Verrat im Spiel. Die al-Nusra Front war vom türkischen Geheimdienst vorgewarnt worden, so dass sie sich rechtzeitig zum Angriff auf die Hilfstruppe vorbereiten konnte.

Der nächste Schock kam mit der nächsten US-Hilfstruppe von 74 "Moderaten". Die übergab gleich 1/4 ihrer Ausrüstung (LKWs, Waffen, Munition), an die al-Nusra Front, um freie Passage zu bekommen. CENTCOM wusste wieder von nichts, sie dementierte das peinliche Ereignis noch. Aber dann posierten die al-Nusra-Militanten mit den erbeuteten Waffen im Internet, und CENTCOM hatte eine weitere Schlappe einzugestehen.

Und es geht noch weiter. Auch das neue russische Übereinkommen mit dem Irak (einem Verbündeten der USA!) zum Austausch von Anti-ISIS-Geheiminformationen überraschte die CENTCOM. Man wusste nur, eine Gruppe von russischen Militärs war in Bagdad. So war's dann auch bei der russischen Hochrüstung in der Region. Wieder war der US-Geheimdienst überrascht. Als ob er die Zeitungen nicht lesen würde, war er "caught off guard”, "caught flat-footed" und "caught by surprise” – den US-Offiziellen gehen bald die Synonyme aus. Dessenungeachtet begannen die Russen die Bombardements und erwischten die US-Geheimen wie? Natürlich "off guard".

Man darf laut Engelhardt getrost annehmen, dass alles, was im Mittleren Osten passiert, den US-Geheimdienst überrascht. Ungeachtet der üppigen Ausstattung mit Personal und Einrichtungen, bewegt er sich in einem Morast der Ignoranz ("quagmire of ignorance"). Er kann die US-Politik nicht vor Überraschungen bewahren, und das trotz der umfassendsten Geheimdienstoffensive der Welt.

Das bringt Engelhardt zu der Phrase mit dem Kriegsnebel ("fog of war"). Damit umschreibt er die Unfähigkeit der Kommandeure zu erfassen, was wirklich passiert. Mehr noch, er möchte die Phrase Geheimdienstnebel einführen, "the fog of intelligence". Die Superlative beim Input und der Mangel an Output führen zum Führungsnebel (" the fog of leadership"), und letztlich ist das US-Geheimdienstsystem nichts als ein gigantischer Nebelwerfer ("giant fog machine").

Der Autor bestreitet nicht die Schwierigkeiten, die aus der Vorschau in zukünftige Zeiten und der Aufklärung in fremden Ländern entstehen. Im Verein mit diesem Grundproblem werden Daten-Überfluss ("overwhelming data stream"), Scheupklappendenken ("groupthink") und limitierte Denke ("constrained mindsets") von Washington & Pentagon zu einer Formel fürs Nebelwerfen.

Das führt Engelhardt zu dem Verdacht, man kann die meisten der 17 US-Geheimdienste abschaffen, genauso wie die die ganzen Geheiminformationen von der NSA. Eine Gruppe von Unabhängigen Analysten und Kritikern kann aus öffentlich zugänglichem Material bessere Aufschlüsse gewinnen. Da steckt ja alles drin, über die globale Situation, über die US-Kriege, über den dornigen Weg in die Zukunft ("beleaguered path into the future").

Was stattdessen geschieht, ist das Verbuddeln von bald 3/4 Billionen Dollars in einem Unsinnsgeheimsystem ("un-intelligence system") – Willkommen im weißen Nebel wunderbar ("the fog of everything").

repeathistory

Anmerkung wb: Die aktuellen News besagen klar, dass unsere Politiker immer noch nix aus Afghanisten gelernt haben. Sie wollen weiter so tun, als ob der Militäreinsatz dort Sinn machen würde (USA und Deutschland gleichermaßen). Unsere deutsche Kriegsministerin erwägt sogar eine Ausweitung des "Bundeswehr-Engagements" in Mali, Militäreinsatz – Wieso die Bundeswehr im Norden Malis helfen soll (SZ 15.10.).

Hoffenlich ist das kein Ablenkungsmanöver, mit dem die kriegslüsterne Ministerin von der Leyen von ihren Plagiatsvorwürfen ablenken will. Merkwürdiges geschieht da, Elite-Uni Stanford zieht Vorwurf gegen von der Leyen zurück (SZ 12.10.). Die Ministerin schmückt ihren Lebenslauf mit Stanford-Etiketten, für die sie keinerlei Schein oder Abschluss erbringen musste, und erst moniert die Uni das, um dann zu kneifen. Die MHH ist da wohl weniger zu beeinflussen, wenn es um den Doktortitel geht? Oder wallt auch hier der weiße Nebel wunderbar?

 

Weitere wb-Links:

Wenn das hilft, das idiotische Afghanistan-Abenteuer




Religiöser Reinfall


imaginaryenemyPardon, das Ereignis haben wir verpasst – und nochmal pardon, weil's eh nicht geklappt hat. Doch nun der Reihe nach:

Der 7.10. war der Tag des Weltuntergangs, und keiner hat's gemerkt. Es war auch nur ein kleiner, unwichtiger, siehe Liste der Weltuntergänge von Die Unmoralische. Da steht er gar nicht erst drin. In die Liste der internationalen Welt- und Gedenktage hat es gleich gar kein Weltuntergang geschafft. Da fehlt wohl die Beständigkeit, damit es jedes Jahr am selben Tag gefeiert werden kann. Wenn's eh nie klappt, wird's doch wiederholbar, und damit wäre die Welttagesliste die richtige Rubrik, etwa zwischen dem Tag der Epilepsie und dem Tag der Seifenblasen (beides 5.10.).

Wenn's eh nie klappt, könnte man auch fragen, warum dann darüber schreiben? Diese Frage ginge an den britischen Guardian vom 8.10., der sich über den ausgebliebenen Doomsday beschwert: Leader of Christian group adjusts incorrect doomsday prediction: 'Soon'. 2 Tage zuvor hieß es noch erwartungsfreudig Christian group predicts the world will be 'annihilated' on Wednesday.

Eine Vorbetertruppe, die sich eBible fellowship nennt und in Philadelphia beheimatet ist, hat ihre Voraussage korrigiert, dass nämlich die Welt am 21.5.2011 untergeht. Nein, sie geht am 7.10.2015 unter, das sei der Tag, von dem Gott gesprochen habe.

Anscheinend spricht Gott ziemlich undeutlich, denn der 7.10. war's dann auch nicht. Aber der Tag der vollständigen Auslöschung kommt "bald", die Welt wird mit Feuer ausgelöscht. Oder war's das Verbrennen in der Sintflut? Besonders logisch ist das nicht, auch wenn dem eBible-fellowship-Oberfellow eine bemerkenswerte Pretiose von Folgerung gelingt:

 easiertofool“Nachdem heute der 8.10. ist, war die Voraussage vom 7.10. offensichtlich unkorrekt."

Als die Uhren rund um den Globus Mitternacht überschritten und der Mittwoch zum Donnerstag wurde, konnte das Versagen nicht mehr geleugnet werden. Aus der "hohen Wahrscheinlichkeit" des Weltuntergangs wurde das hundertprozentige Versagen.

faithspeakingDie Ausreden klingen bekannt: "So eine Überraschung aber auch, dass es nicht passierte. Doch man kann beruhigt sein, Gottes Wille ist immer perfekt. Außerdem bedeutet eine hohe Wahrscheinlichkeit ja nicht, dass etwas wirklich passieren muss. Es gibt auch eine Wahrscheinlichkeit, dass es nicht passiert."

religioadvertizingUnd das, obwohl die Wahrscheinlichkeit wirklich extrem hoch war, wie der Bericht verlautbart. Der 7.10.2015 war nämlich der letzte Tag vom Fest der Tabernakel oder Sukkot. Was dieser jüdische Klimbim besagt, ist unwesentlich, aber: In den meisten Quellen endet das am 5.10., es passt also tatsächlich zwischen Epilepsie und Seifenblasen.

Die Bibelstudien gehen nun weiter, Gott weiß genau, wann das Ende kommt, und die Bibelleser wissen mehr, so der eBible-fellowship-Guru. Das trieb sogar die bibelfreundliche Süddeutsche Zeitung zum Ketzern. Angebliche Apokalypse am 7. Oktober, hieß es, Blöd, wenn der Weltuntergang doch nicht kommt (9.10.):

cultreligionNebulös herumschwafeln und auf offengelassene Hintertürchen verweisen: [der Obergiuru], der das Ende des Planeten für 7. Oktober vorausgesagt hat, zeigt, wie man sich aus sowas wieder herausredet.

Die SZ-Prosa sagt gegen eBible-fellowship das, was genauso gegen die anderen Religionen gesagt werden müsste. Wer keine Sorgen habe, der müsse sich welche suchen. Und warum sollte er dem Mainstream folgen und Angst vor Krankheit oder Armut haben? Es lasse sich doch mit Höherem klotzen, mit dem Weltuntergang zum Beispiel.

jesusmadeup

Das religiöse Gekleckere ist natürlich genauso lächerlich wie das Geklotze. Merkantil ist es allerdings weit voraus. Man bedenke, was aus dem Weltuntergang alles rauszuholen wäre. Noch fehlt die Beständigkeit, um es ins Establishment der Welttage zu schaffen.

Die fehlende Substanz ist natürlich nicht das Problem, wie man an den Religionen oder am Weihnachtsmann sieht. Da steckt auch Null Substanz dahinter, und es funktioniert trotzdem. Dasselbe kann der Weltuntergangstag (WE) auch erreichen. Er kann sich kommerziell etablieren. Als Produkte braucht man nicht nur WE-Rettungsringe ins Auge zu fassen, sondern all das Brimborium der erfolgreichen Vermarktung. WE-Roben, WE-Fahnen, WE-Eier – pardon, Eier sind für Ostern vergeben. Dann also WE-Würfel, mit denen man den nächsten WE auswürfeln kann.

Und vielleicht noch die WE-Banane? Die Banane kommt vor dem Fall … Dazu ein Spruch von Karlheinz Deschner: „Je größer der Dachschaden, desto besser der Ausblick zum Himmel." (von Freigeist Weimar übernommen)

Links dazu:




An Zigaretten beißt man sich die Zähne aus


rauchenschlimmJaja, Rauchen ist böse, böse, böse. Wer das noch nicht weiß, der hat die letzten 50 Jahre auf Eis gelegen. Wer's trotzdem tut, das Böse, Böse, Böse, dem wird per EU-Warnhinweis gedroht (eine von den EU-Errungenschaften, auf die man gut verzichten könnte). Die EU-Anti-Raucher-Prosa heißt:

  • „Rauchen tötet“ oder
  • „Rauchen kann tödlich sein“ oder
  • „Rauchen fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu“

und wird garniert mit einem ergänzenden Warnhinweis aus einer Liste von 16 Positionen, z.B. Raucher sterben früher, Rauchen kann tödlich sein usw. usf. Die Drohungen umfassen Lungenkrebs, Verstopfung, Herzinfarkt, Arterienverkalkung, Durchblutungsstörungen, Impotenz, Hautalterung. Was noch fehlt? Der Zahnausfall.

Das wurde jetzt herausgeforscht. Das Wissensmagazin scinexx.de berichtet über den neuen Schrecken in Raucher werden früher zahnlos – Risiko für vorzeitigen Zahnverlust steigt mit Zigarettenmenge (15.9.).

Wer raucht, hat demnach ein ca. dreifach höheres Risiko, seine Zähne vorzeitig zu verlieren. Das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie. Rauchen fördert Parodontitis, und das wiederum führt unbehandelt zum Ausfallen der Zähne. Und je mehr Qualm, desto weniger Beisserchen.

rauchentodNochmal die gruselige Liste in der Version scinexx: Rauchen fördert Lungenkrebs, Gefäßerkrankungen, Rheuma und Impotenz. Raucher sind anfälliger für Infektionen und nicht so leicht zu narkotisieren (letzteres leuchtet leicht ein).

Und nun wird den Rauchern der Zahn gezogen, eben mit der schlechten Nachricht fürs Gebiss. An der bissigen Studie EPIC des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) nahmen 23.376 Teilnehmer teil. Wie viele Zähne dran glauben mussten, wurde allerdings verschwiegen.

Nur der Zahnausfall-Beschleunigungs-Faktor 2,5 für Raucherinnen und 3,6 bei Rauchern wurde verlautbart. Dosisabhängig ist der Faktor auch noch, Starkraucher mit Tagesleistung über 15 Lullen lagen zähnemäßig vorn.

Was soll's könnte man sich sagen, mit rauch-braunen Zähnen lächelt sich's eh nicht so schön. Und wenn die Selbstverschönerungswelle von Piercing und Tattoo weiterläuft? Wer weiß, dann geht sie den Leuten womöglich an die Zahnwurzeln. Jeder zweite Beißer raus, das wär' doch viel individueller. 32 Zähne Originalausstattung ergeben 32! (32 Fakultät = 32 * 31 * … *2 *1 = 263.130.836.933.693.550.000.000.000.000.000.000 = 2,6 e+35) Möglichkeiten. Das reicht allemal für alle, um sich ein individuelles Gebiss zuzulegen.

Na schön, das war eine Abschweifung. Normalerweise soll man die Risiken und Nebenwirkungen von Rauchen ernstnehmen. Wenn's Zahnfleischbluten ist, dann droht die Zahnfleischentzündung. Um so mehr, weil der Rauch auch die Durchblutung des Zahnfleischs behindert und damit Zahnfleischbluten maskiert. Wenn also ein Raucher anscheinend gesundes Zahnfleisch blecken kann, dann täuscht das.

Der Rat lautet: Sofort aufhören, es ist noch nicht zu spät. Wer aufhört, kann seine Zähne regenerieren. Nichtrauchen lässt das Zahnverlust-Risiko schrumpfen. Nach 10 Jahren Nichtrauchen sinkt das Zahnverlust-Niveau auf ein echtes Nichtraucherniveau, d.h. die auf ganz normale Parodontose, die jeder kriegt.

So richtig sind die Ursachen noch nicht entstrubbelt, aber trotzdem sollen bitte alle Leute Nichtraucher bleiben oder es jetzt werden, so wird der Forschungsleiter zitiert. Und wenn es schon gegen den blauen Dunst geht …

religionharmsDas Thema blauer Dunst darf man ruhig ausweiten, und schon ist der Umschwung vom Zahnausfall zum Verstandsausfall geschafft. Das Bild karikiert dies sehr schön, nur müsste der Warnhinweis auf der Bibel und auf dem Koran stehen.

Da gehört er eigentlich hin. Man könnte es sich auch als Sticker an der Brust des Papstes vorstellen. Zu dem Zweck darf sich die EU-Kommission gern mal was Kreatives einfallen lassen. Wenn die EU schon bevormundende Faxen macht, dann bitte richtig.

 




Glück & Gold und Geld


hon-gromyko-g.-mittag-pjotr-abrassimovDie fortschrittlich-kapitalistische site Zero Hedge glänzt wieder mal mit einem pointierten neoliberalen Artikel, bei dem es sich ums Geld dreht. Und ums Glück, und wie beides zusammenhängt.

The Rich, The Poor, & The Trouble With Socialism heißt der Artikel vom 9.8., und er zeigt ein paar Fakten auf. Armut ist demnach auf eine bestimmte Art besser als Reichtum: Die Armen glauben noch an die Illusion, Geld würde glücklich machen. Die Reichen wissen das besser. Aber sie sprechen nicht drüber, aus Angst, die Bewunderung würde in Mitleid umschlagen.

"Was, du hast all den Schotter ("moolah") und bist nicht glücklicher als ich?"
"So isses, Mann."
"Du armes Schwein."

Im Originaltext heißt der letzte Spruch “You poor S.O.B.” mit der Bedeutung "Standard Operational Bullshit". Oder aber "son of a bitch", das möge der Leser selbst entscheiden. 

Worum es geht, ist etwas anderes als die Freundlichkeiten der amerikanischen Redeweise. Ins Visier geraten die Freundlichkeiten der Regierung, speziell die Vorstellung, die Regierung könne das Volk glücklicher machen. In der einfachsten Form geht das so: Sie nehmen den Reichen was weg und geben's anderen. Das hat den (politischen) Vorteil des Stimmenkaufs und auch den des gehobenen Status'.

Denn alles ist Status, sobald man Essen, Unterkunft und ein paar sonstige Notwendigkeiten hat. Status, Eitelkeit und Macht sind die Bestimmungsgrößen. Mehr Geld hilft, sich besser zu fühlen und auf andere attraktiv zu wirken. Dabei zählt nicht allein das Geld, sondern der Rang, das Ansehen in der Gesellschaft.

Doch niemals habe eine Regierung Reichtum geschaffen, denn dazu gebe es gar keine Möglichkeiten, und auch gar keine Absichten. Alles, was die Regierungen tun können, ist Macht zu verschieben, Reichtum oder Status – und immer profitiere der eine auf Kosten der anderen.

Vorausgesetzt, das Geld fließt von den Reichen ab, sind die meisten Menschen damit zufrieden, zumindest auf kurze Zeit. Je länger die Umverteilung allerdings währt, desto ärmer werden alle.

Diese Legende des Neoliberalismus' wird mit einem Maggie-Thatcher-Spruch gewürzt: Der Ärger beim Sozialismus ist, dass das Geld der anderen knapp wird ("The trouble with socialism is that you run out of other people’s money"). Und natürlich, indem die Umverteilung Fehlallozierungen schafft, indem die Signale des Marktes verfälscht werden.

Gesellschaften, die diesen "Diebstahl" von den Reichen nicht begehen, stehen besser da, und nach einer Weile wird die Diskrepanz zum Problem. Der Artikel besagt, die Umverteiler sehen dann, dass sie zurückfallen. Dann ändern sie ihre Politik, um wieder konkurrenzfähig zu werden (Beispiele Großbritannien und China in den 1970er-Jahren und Sovietunion in den 1980ern). Oder die durch Umverteilung verarmte Gesellschaft wird von reicheren erobert, die mehr Geld für Waffen ausgeben können.

Natürlich hat das Nivellieren der Einkommen einen angenehmen Aspekt für die Massen, es macht die Abstände aus beiden Richtungen kleiner (die von unten werden erhoben und die von oben heruntergezogen). Doch es gibt machtvolle Kräfte dagegen. Wenn die Reichen mit Steuern, Enteignungen und Gleichmacherei überzogen werden, suchen sie nach Auswegen.

Sie grenzen sich aus. Sie schaffen sich eigene Refugien, medizinische Versorgung, Renten, Parkplätze, Chaffeure und Helfer. Zitiert wird eine Studie, nach der die kommunistischen Führer einen höheren Abstand zu ihrem Volk aufbauten als die Reichen zu den Armen in Amerika (unter dem Präsi Reagan).

Gewisse Genossen waren gleicher als gleich (dazu wird das Bild oben aus dem Bundesarchiv herangezogen, mit den Parteigrößen Günter Mittag, Erich Honecker, Andrej Gromyko, Pjotr Abrassimov). Wovon der Autor nichts weiß, ist die Bescheidenheit Honeckers, der in einer normalen Wohnung und ohne Datscha lebte.

Im Gegenteil sieht er etwas gewollt den Bezug zu Gold hergestellt, das ja traditionell eine Form des Geldes ist. Geld erhält seinen Wert erst durch die Ökonomie, aus sich selbst heraus hat es keinen (beim Gold ist es nicht viel anders, aber es gab den Goldstandard, der das Kreditvolumen bis 1973 halbwegs stabil hielt).

Genauso wie der Normalverbraucher an mehr Glück aus mehr Geld glaubt, besagt der Artikel, tun's auch die Politiker. Ihr Glaube sei etwas komplizierter: Sie wissen, dass es die Wirtschaft ist, die Reichtum produziert, und nicht das Geld. Trotzdem glauben sie laut Autor, mehr Geld zu schöpfen, ließe die Wirtschaft besser funktionieren und mache das Volk reicher.

Beim heutigen Wirtschaftssystem bedeutet das nicht, mit Bargeld in Form von Scheinen und Münzen um sich zu werfen. Aber sie schaffen digitales Geld, und damit heben sie den Betrug auf einen neuen Level. Dies Vorgehen sei zum Untergang verdammt.

Denn den neu aufgelegten Staatsanleihen stehen keine realen Werte mehr gegenüber, sondern nur noch Versprechungen. Es sind die Versprechen der Regierung, die Zinsen aus zukünftigen Einnahmen zu bedienen (und wenn die Einnahmen nicht kommen, dann schöpfen sie noch mehr Geld).

Das Vertrauen der Märkte in solche Papiere ist gering, und sie können nur mit hohen Renditen (=Zinsen) verkauft werden. Gegenüber dem Goldstandard ist das eine enorme Erweiterung. Das Gold fungierte als Limit für solche Bestrebungen, während die Abschaffung des Goldstandards auch die Abschaffung der Kreditgrenzen bedeutete. Seither werde das Bankensystem als Mittel für eine unkontrollierte Expansion der Kredite missbraucht.

Der Artikel untermalt das mit den Kurven der Kreditmarktschulden und der Staatsschulden in Bezug zum Bruttosozialprodukt. Wesentliche Aussage: Früher lief das parallel, heute haben die Kreditmarktschulden alles abgehängt.

debt-debt-and-little-growth-1024x574Bei aller neoliberalen Färbung ist das eine wichtige Aussage. Der Artikel zeigt zwar totale Ignoranz gegenüber der zunehmenden Ungleichheit und allen Erkenntnissen, dass Massenkaufkraft positiv wirkt. Und er verkennt die Tatsache, dass der Staat durch gute/schlechte Regulierung durchaus Wohlstabd ermöglichen/verhindern kann.  Dafür spricht er einen ganz wichtigen Punkt an.

Das Phänomen der ausufernden Kreditmarktschulden breitet sich nicht nur in den USA aus, sondern überall, vor allem in der Eurozone. Es gibt zuviele Billionen Dollars, Euros usw. denen keinen realen Werte gegenüberstehen (siehe auch Das 10-Billionen-Problem und Neue EZB-Kritik: EuGH reingelegt). Diese Art der Beglückung ist Stoff für die nächste Finanzblase, muss man befürchten.

Siehe auch Der Euro: größter Feind Europas und Steuerflucht in die Target-Salden

 

 




Der Euro: größter Feind Europas


ball-665090_640Die Durchhalteparolen gehen etwa so: Mit dem Euro sind unsere Länder auf Gedeih und Verderb aneinandergebunden. Nachdem wir die Entscheidung dafür getroffen haben, müssen wir nun die Konsequenzen tragen – welche heißen, fiskalische und womöglich politische Union. Nur dann wird der Euro richtig funktionieren (Bild: geralt, pixabay).

Fakt ist aber, wir sind gar nicht gefragt worden, und wenn man uns gefragt hätte, dann hätte die deutsche Mehrheit gegen den Euro gestimmt. Wiki dazu: Am 2. Mai 1998 beschlossen die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel die Einführung des Euro. Bundeskanzler Kohl war sich bewusst, dass er damit gegen den Willen einer breiten Bevölkerungsmehrheit handelte.

Uns werden die Konsequenzen einer Entscheidung auferlegt, die andere gegen unseren Willen getroffen haben. Das heißt, das undemokratische Verfahren geht weiter. Die Rede ist nun von Lernkurve und Anpassung an die Realität, Kehrtwende vom Spardiktat und Krediten mit Strafzinsen zum Einlenken und zu Schuldenerleichterungen (SZ 23.6.)

Wiederum Fakt ist, dass das Volk nicht gefragt wird. Das hohe politische Ziel der Fiskal- und Politik-Union soll ohne demokratische Zustimmung erreicht werden. Die gewählten Regierungen entscheiden das ohne ihr Volk und anscheinend ad hoc. In der deutschen Regierungserklärung 2013-2017 ist von einer europäischen fiskalischen oder politischen Union nicht die Rede. Trotzdem erfolgt medienweit eine Einstimmung darauf, mit vielen Stimmen, die dafür werben (siehe u.a. Nicht Banken, sondern Bürger). Da wird medialer und politischer Druck aufgebaut, der einzig in diese Richtung geht und Alternativen ausgrenzt. Das gibt einigen Anlass, die Entwicklung zu hinterfragen.

Handel

Das Ziel des Euros hieß zunächst Handelserleichterung, und er war mit der Herstellung des freien Kapitalverkehrs verbunden. Auch ein Kuhhandel spielt dabei eine Rolle: Die Zustimmung Frankreichs zur Wiedervereinigung gegen die Zustimmung Deutschlands zur „Vertiefung der Wirtschafts- und Währungsunion“. Es war also von Anfang an ein politisches Projekt, nicht bloß eine technische Umtauscherleichterung. Als solche wäre der Euro auch durch das Bezahlen mit Karten bald obsolet geworden, und freier Kapitalverkehr funktioniert ja auch mit verschiedenen Währungen.

Das höhere Ziel der einheitlichen Währung waren Friede und Freundschaft aus der Sicht der deutschen Franktion und Teilhabe am deutschen Wirtschaftserfolg aus der Sicht französischen Fraktion. Nach 16 Jahren Euro muss man feststellen, diese Ziele sind verfehlt worden.

Real hat der Euro nur kurze Zeit Glück gebracht (mehrheitliche Zustimmung der Völker, Pump-Euphorie in Griechenland). Jetzt kommt immer mehr Zank und Hader auf, und stellenweise wird richtiger Haß geschürt. Obendrein belastet der Euro die Bilanzen, denn er hat sich als ungeheuer riskant und kostspielig herausgestellt.

Als Griechenland in den Euro eintrat, waren die griechischen Verhältnisse etwa gleich denen in der Türkei. Aus dieser vergleichbaren Ausgangsbasis heraus nahmen die Länder eine ganz unterschiedliche Entwicklung. Die nicht subventionierte Türkei boomte trotz einer Schwachwährung mit hoher Inflation. Das irre hoch subventionierte Griechenland liegt  darnieder. Je mehr es subventioniert wird, desto schlimmer wird die Lage.

Zahlen

Weil die Kosten noch besser versteckt sind als viele Risiken und Nebenwirkungen, kann man sie nur als Daumenpeilung angeben. Allein für Griechenland sind etwa 1/2 Billion Euros in Bewegung gesetzt worden (siehe auch That’s Greek to me):

  • diverse Rettungsgskredite aus den Rettungsschirmen
  • ELA-Nothilfekredite, die ständig an den Rettungsgeldern vorbei vergeben werden
  • Target-2-Kredite, die nicht Kredite heißen, aber die Kapitalflucht finanzieren, in Billionenhöhe, griechischer Anteil ca. 1/10
  • der griechische Anteil aus den EZB-Billionenverteilungsaktionen der Staatsanleihenaufkäufe und Liquiditätshilfen
  • der griechische Anteil an der EZB-Geldschwemme, mit der die Zinsen gesenkt werden, damit die Euroland-Staatsschulden bezahlbar bleiben

Das ist ein furchteinflößendes Instrumentarium mit ruinösem Potental. Noch mehr davon wäre eine Horrorvorstellung. Das Verrückte ist, solch ein Aufwand muss nur deshalb getrieben werden, weil der Euro Griechenland keine Abwertung mehr erlaubt. Hätte Griechenland noch die Drachme, wäre nichts davon nötig geworden.

Reformen

De facto hat der Euro Griechenland ins Unglück gestürzt, und er hat dies Potential auch bei anderen Ländern. Die mögen im Moment ganz gut dastehen, vielleicht haben die Reformen was bewirkt. Aber sie haben viel Geld gekriegt, das sie nicht belastet, weil sie keine Zinsen zahlen müssen (und vielleicht auch keine Tilgung, wenn die irgendwann mal fällig wäre). Wenn's nur auf die Art geht, mit ständigen Subventionen, dann entstehen gefährliche Abhängigkeiten.

Das Unglückspotential des Euros wird geflissentlich ignoriert, wenn mit der "fehlgeleiteten Austeritätspolitik" gehadert wird, der das griechische Elend angebllich zu verdanken ist. Es ist schlimm, wenn die Geschäfte dichtmachen müssen, wenn Häuser und Wohnungen zwangsversteigert werden, wenn es Arbeitslosigkeit und Sozialabbau gibt – selbst gegenüber dem Staat, der nun vom Konto einziehen darf ohne Rücksprache.

Das sollte aber kein Grund sein, die gemachten Fehler immer weiter fortzuschreiben. Stattdessen sollte realistisch geholfen werden – und das führt erstmal zu der Einsicht, dass die geforderten Reformen illusorisch sind. Der Sparzwang für die Wehrlosen als Ersatz für Reformen ist doppelt falsch:

Da wird nämlich mit zweierlei Maß gemessen. In Griechenland sind weder Regierung noch Volk zu den großen Reformen bereit, die das Land auf Euro-Standard heben könnten. Man will lieber weiter Fakelaki machen und nimmt dafür den Reichen nix weg – na und? Welcher Euro-Politiker kann das kritisieren, wo die Euro-Politik den Reichen das Geld vorn und hinten reinschiebt?

Missbrauch

Die Euro-Politik des Milliardenjonglierens wurde schließlich zum Anlass genommen, die Finanzwelt zu beschenken. EZB und Rettungsschirme wurden und werden in größtem Maßstab missbraucht, um den Banken unverdiente Profite zuzuschanzen. Die Banken kassieren für die Risiken, die Euroland-Allgemeinheit haftet dafür. 90% der Rettungsgelder gehen direkt an die Banken.

Das Konzept liegt auch den erwähnten EZB-Maßnahmen zugrunde, die den Banken die schlechten Risiken abkaufen und ihnen den Profit sichern. Bei Target 2 ist es anders; da profitieren auch Privatpersonen, die ihr Geld dem griechischen Zugriff entziehen. Natürlich haftet auch da die Euroland-Allgemeinheit. Sie muss sich solidarisieren an Stelle der Griechen, Italiener, Spanier, die sich entsolidarisieren.

Sozialismus

Das grundsätzliche Euro-Konzept ist das des Sozialismus'. Es geht  nach dem Prinzip, niemand haftet außer der Euro-Allgemeinheit. Man hat uns nicht gefragt, ob wir diesen Sozialismus wollen. Dabei ist er im Anspruchsdenken längst angekommen.

So muss man die griechische Kritik am IWF verstehen, dem einzigen Rettungsgeld-Geber, der die Einhaltung von Regeln verlangt. Der Internationale Währungsfonds hat nur einen kleinen Anteil an den Rettungsmilliarden. Die Griechen griffen ihn desto heftiger an, weil er Zinsen und Rückzahlung verlangt wie bei allen anderen Ländern auch.

Die Euro-Rettungsgelder haben ganz andere Konditionen. Anfangs wurde das Zinszahlen noch ernst genommen. Da wurden neue Schulden gemacht, um die Schuldzinsen zu bedienen, so dass die Schuldenlast immer weiter stieg. Dann wurde stillschweigend in den Geschenkemodus umgeschaltet. Die Zinsen sind nun ausgesetzt, und die Rückzahlung ist um zig Jahre hinausgeschoben – realistisch gesehen bis zum Sankt-Nimmerleinstag. So wahrt die Politik das Gesicht, weil es doch das Versprechen gab, dass alle Schulden zurückgezahlt werden.

Verantwortung

Griechenland ist seit Jahren praktisch pleite und kann nix zurückzahlen. Aber man tut so als ob. Um den Schein zu wahren, wurde ein Lügengebäude von großem Ausmaß aufgetürmt.

Im Euroland ist die Missachtung von Verträgen, die Nichteinhaltung von Regeln und der Bruch von Versprechungen zum politischen Standard geworden. Auch die Negativvoten von Holland und Frankreich gegen die europäische Verfassung stören nicht. Das wird alles auf dem Altar des hohen Ziels Euro-Demokratiebaustelle geopfert. Die Konsequenz ist die Abschaffung der Verantwortlichkeit. Der Weg zur Fiskalunion ist der Weg in einen rechtsfreien Raum. Schon jetzt zählt nur noch der Kuhhandel, und man kann sich auf nichts mehr verlassen. Wie wäre dann zu erwarten, dass sich in der erstrebten Union irgendjemand an die Regeln halten würde?

Von der deutschen Kanzlerin Merkel stammt der Spruch, scheitert der Euro, scheitert Europa. Der Herr Mayer, der bei der FAZ für die Weltwirtschaft zuständig ist, korrigiert das: Scheitert das Recht – dann scheitert Europa wirklich. Die Logik spricht gegen Merkel und für Mayer.

Geschenke

Die vorexerzierte Verantwortungslosigkeit bedeutet jetzt schon, dass zahlungsunfähige Länder ihre Schulden auf die Euro-Allgemeinheit abwälzen dürfen. Das klappte im Beispiel Zypern noch nicht 100-prozentig, und im Fall Griechenland bekamen einige Anleihe-Gläubiger 50%, andere 90%, andere 100%. Welche Gläubiger wie behandelt werden, entscheiden keine Verträge, sondern die Politiker.

Demokratische Willensbildung fand nicht statt, als die Politik den Euro-Sozialismus mehr oder weniger heimlich einführte. Am Anfang hieß es noch no bail out, jetzt heißt es „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Politische Willkür ersetzt den Volkswillen, und diese Willkür ist natürlich das Objekt stetigen Kuhhandels.

Dabei spielen die Lobbys ihre einnehmende Rolle. Die Banken verstehen es, Druck zu machen. Das Ergebnis fällt entsprechend aus: Wir haben den Sozialismus für Kapitalisten gekriegt. Das Geld der Allgemeinheit landet in der Finanzindustrie.

Auch wenn noch drumrumgelogen wird, sind die Rettungsgelder (außer IWF, und vielleicht auch nur zu 90%) Geschenke. Die Dimension ist so, dass man fragen muss, was bringen noch mehr Geschenke? Können wir uns das überhaupt noch leisten?

Das Schlimme ist doch, Griechenland hat den Schaden gehabt und hat ihn immer schlimmer – aber die Lasten wurden längst abgewälzt. Das Euroland hat enorme Rettungsanstrengungen unternommen und trotzdem keinen Erfolg. Die Risiken und Kosten sind woanders gelandet, unter Hinterlassung von immer neuen Kollateralschäden. Und das alles für ein Problem, das sich unter der Drachme von allein lösen würde.

Problem

Nachdem der Schlamassel nun mal angerichtet ist, gibt es keine kostengünstige Lösung mehr. Aber die Rückkehr zur Drachme ist die einzige Lösung mit Erfolgsgarantie. Auch wenn der Ausstieg den hässlichen Namen Grexit trägt und mit hässlichen Gefühlen verbunden ist; auch wenn er extrem teuer ist. Dafür bietet er Griechenland mit Sicherheit ein Entkommen aus der prekären Situation.

Bei allen anderen Lösungen gibt es diese Sicherheit nicht, denn das grundlegende  Problem der Wettbewerbsfähigkeit bleibt ungelöst. Noch mehr Geld, noch mehr Geschenke, noch mehr so tun als ob – das würde nur eine Scheinblüte erzeugen. Ein paar Jahre später hat sich die Schere erneut geöffnet, und die Diskrepanz zwischen ökonomischer Realität und Machbarkeitswahn wird wieder sichtbar.

Wettbewerbsfähigkeit kann nicht politisch herbeiregiert werden. Die Politik kann den Rahmen dafür schaffen. Doch nur die Firmen können den Erfolg realisieren, indem  sie gut wirtschaften.

Wettbewerb

Im internationalen Wettbewerb zu bestehen, mit sozialen Standards und gutem Lohn, das schaffen nur wenige. Deutschland schafft es nicht. Wie man am neuen Prekariat sieht, haben zu viele Menschen keinen Anteil am Erfolg. Griechenland geht dieser Erfolg ganz ab. Das sollte eigentlich als bewiesen gelten.

Der Wunderglaube an die allgemeine Prosperität unter der Finanzunion ist die allgegenwärtige Euro-Lebenslüge. Unausgesprochenermaßen gilt das Dogma, alle werden kompatibel unter der Hartwährung. Die wurde sogar extra aufgeweicht, um es leichter zu machen. Und wenn's trotzdem nicht klappt, soll der Erfolg herbeisubventioniert werden.

Am Beispiel der DDR konnte man sehen, wie schlecht die großmaßstäbliche Subventionierung funktioniert. Die unbedarfte Politik konnte nicht gegen die smarten Geschäftemacher bestehen. Missbrauch in größter Dimension kanalisierte das Geld in private Taschen. Am Ende war das Geld abgezockt und die Industrie trotzdem flächendeckend plattgemacht. Im Fall der DDR half noch der persönliche Einsatz von Vielen, um Strukturen aufzubauen, und es ging ja um ein vereinigtes Land. Bei all den günstigen Umständen ist der Aufpäppelerfolg immer noch ziemlich mau.

Im Fall Griechenland sind die Bedingungen schwieriger. Es ist ja schon sehr viel Geld im Spiel, das sehr schlechte Wirkung hatte. Eine dauerhafte Subventionierung ist wohl kaum durchzusetzen, egal wie sie verbrämt wird. Die europäische Solidarität wurde für die Banken missbraucht und dürfte bald aufgebraucht sein. Obendrein ist die sichere Lösung mit der Drachme verfügbar, die Griechenland garantiert wieder unabhängig macht.

Union

Demokratische Entscheidungsfindung ist eigentlich auch ein Wettbewerb. Unter guten Ideen soll die beste gewählt werden. Und auch bei diesem Wettbewerb versagt das Euroland: eine demokratische Zurwahlstellung findet nicht statt. Die Politiker wissen zu gut, wie das Ergebnis ausfallen würde.

Der Wunsch der Bevölkerung nach politischer und finanzieller Union ist minimal. Nicht mal die potentiellen Empfänger wollen dauerhafte Subventionierung. Man möchte selbstbestimmt bleiben. Die Leute sehen die real existierende Euro-Politik als fortwährenden Kriseneinsatz, als ständigen Schlamassel, als ewiges Politiker-Hickhack. Sie sehen die regelmäßigen  Notaktionen, mit denen Einigung auf den letzten Drücker erzwungen wird, weil ein Konsens sonst nicht möglich erscheint. Sie sehen, wie der Dilettantismus regiert und das Euroland vom Markt abgezockt wird, wie die fehlende Ausstiegsklausel, das fehlende Insolvenzrecht und die fehlende Ausgleichsmöglichkeit für T-2-Schieflagen alles komplizieren, und wie die Probleme mit Geld zugeschüttet werden.

Für viele ist Vertragsbruch das Kennzeichen der Euro-Politik. Lüge, Täuschung, Willkür, Fehlallozierung, Konkursverschleppung, Kapitalflucht, Spekulationswellen, Geldschwemme, Bankenbeglückung und exorbitante Risiken und Verluste – das ist alles Euro. Viele trauern der Rechtssicherheit hinterher und dem Verursacherprinzip, wonach jeder für sich selber verantwortlich ist. Wer möchte schon für alles haften, was die Politik verzapft?

Besonders unangenehm vermerken viele den legeren Umgang mit Geld. Tausender und Millionen werden penibel geprüft, aber die Milliarden werden mit Leichtfertigkeit vergeben. Seit den irischen Enthüllungen (siehe wissenbloggt-Artikel Irland-Lob hinterfragt und dem 55,5 Mrd.-Rechenfehler) kann das keiner mehr abstreiten.

Zu alldem herrscht noch Undank gegenüber den Rettern. Im griechschen Fernsehen kann man Deutschenhass sehen, und die vorige Regierung möchte Kriegsschulden von 278 Milliarden Euro geltend machen. 

Fazit

Das Wort „Euro“ stammt vom griechischen Εὐρώπη (Eurṓpē). Das verleitete wohl dazu, Griechenland (gegen die Richtlinien) in den Euro aufzunehmen. Damit tat man weder Griechenland noch dem Rest vom Euroland einen Gefallen.

Es ist Zeit für Pragmatismus statt Dogmatismus. Realistisch gesehen wirkt der Euro nicht völkerverbindend, sondern er schafft Zerwürfnisse. Er unterstützt eine Kaste von Eurokraten und -politikern bei der Machtergreifung. In ständigen  Katastropheneinsätzen fällen sie Entscheidungen fernab von Wählers Willen und dicht dran an den Euro-Kassen. Die Katastropheneinsätze bringen den Euro-Machern Kontrolle über immer mehr Geld – dabei sind sie bloß nötig zur Korrektur der Fehler, welche die Euro-Politik selber gemacht hat. Sie bleiben weiterhin nötig, um die Folgefehler der Katastrophen-Entscheidungen zu korrigieren, und dann die Folgefehler der Folgefehler, bis die Euro-Oberherren über das ganze Geld verfügen. Das Missbrauchspotential wächst in exorbitante Höhen. Nichts anderes gefährdet Europa in solchem Ausmaß.

Dabei kann man noch nicht mal behaupten, der Euro würde für die Machtergreifung instrumentalisiert. Seine Wirkungen sind so gravierend, dass die herkömmlichen Strukturen nicht ausrechen, um damit zurandezukommen. Der Euro selber ist das Problem. Die angestrebte Wirkung von wirtschaftlichen Vorteilen des Euros wird hundertfach ins Gegenteil verkehrt durch die gewaltigen Verwerfungen. Das Vorgehen löst nicht die Probleme, sondern es deckt sie mit immer mehr Geld zu. Die schlimmste Alternative für die griechischen Probleme heißt deshalb Weiterwursteln, doch genau dahin gehen die Bestrebungen.

Dabei ist das Weitermachen ein Zeichen von Lernresistenz. Die Systemfehler sind ja immer noch drin. Deshalb wird wohl immer wieder das Problem der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit hochkommen, dem durch Abwertung so leicht und durch Euro-Politik so schwer beizukommen ist. Das gilt nicht nur für Griechenland, sondern für alle Euro-Südländer und wohl auch für Frankreich.

Der Euro ist der größte Feind eines prosperierenden Europas, leider. Er schafft Probleme ohne Ende, er macht alle arm außer den Bankern und verführt zur Aushöhlung der Demokratie.

Wäre schön gewesen, wenn's funktioniert hätte – hat es aber nicht. Besser aussteigen, solange nicht alle ruiniert sind. Wenigstens sollte Griechenland eine Chance gegeben werden, ohne den Euro weiterzumachen.

Die Euro-Illusionisten dürfen nicht länger ihre Ideologie vom segenspendenden Euro über das Risiko stellen, die Allgemeinheit zu ruinieren.

Links dazu:




Neukolonialisierung Afrikas?


earth-112388_640Die Immigration aus Afrika ist Thema vieler Überlegungen. Der Schrecken der Mittelmeer-Überquerung in  Schleuser-Booten macht klar, dass Hilfe nötig ist. Mit der Art dieser Hilfe beschäftigt sich  dieser Artikel (Bild: geralt, pixabay). Letzthin fokussiert sich die Diskussion auf 3 Punkte, wie sie in dem wissenbloggt-Artikel Migration versachlicht ausführlicher beschrieben sind:

  1. klar definieren wer kommen soll, mit Visa und Flugreisen für die Betroffenen
  2. Rückkehr-Garantie für die anderen, schon in den Herkunftsländern klarmachen wer kein Visum kriegt, und das auch durchziehen.
  3. für diese Menschen ein Hilfs- und Kooperationsangebot in den Herkunftsländern aufbauen

Selbstverständlich sollen alle boat people gerettet werden, aber sie sollen dadurch kein Bleiberecht erzwingen können. Angesichts der Zahlen ist es nicht anders möglich. Dies Jahr werden bis zu 1 Million Immigranten aus Afrika in Europa erwartet, es können ohne weiteres 2, 5, 10, 20, 50, 100 Millionen werden. Afrikas Bevölkerung hat sich in den letzten 65 Jahren verzehnfacht, in den nächsten 35 Jahren wird nochmal eine Verdoppelung auf 2 Milliarden erwartet.

Wenn alles zum besten bestellt wäre, könnte Afrika diese 2 Milliarden Menschen mühelos erhalten, das Land und seine Ressourcen sind mehr als ausreichend dafür. Es ist aber nicht zum besten bestellt. Viele Staaten sind mit Krieg (auch dank USA) und Bürgerkrieg überzogen, viele sind failed states, wo Anarchie herrscht, in vielen haben die Kleptokraten den Staat in die Insuffizienz getrieben.

Helfer in der Kritik

Das wirft die Frage nach der Hilfe auf: Wer soll die tragen, und wie soll sie aussehen? Es geht jetzt nicht ums Geld, das müssen alle nach Kräften  beisteuern. Es geht um die Fähigkeit, überhaupt effiziente Hilfe zu leisten.

  • die Entwicklungshilfe ist nie über einen Wirkungsgrad nahe 0% hinausgekommen, siehe  Entwicklungshilfe neu hinterfragt. Das Geld kommt in den meisten Fällen nicht bei den Bedürftigen an; dieses Verfahren ist nach den Maßstäben der Vernunft disqualifiziert.
  • feelikemedie Methode USA wird in dem Bild karikiert: Wir sind hier, um Euch Demokratie zu bringen. Wenn wir mit dem Bombardieren & Töten fertig sind und Euer Öl abgepumpt haben, installieren wir eine Marionettenregierung, die von den Banken kontrolliert wird, genau wie in Amerika. Dann seid Ihr frei wie wir! Das Bild sagt alles und disqualifiziert die Methode USA nachhaltig
  • die Methode Euroland wird gerade bei der Griechenland-Hilfe durchgezogen. Sie erreicht einen Wirkungsgrad weit unter 0, je mehr geholfen wird, desto schlimmer wird die Situation. Das sollte die Hilfsmethoden der europäischen Organisationen nach allen vernünftigen Maßstäben disqualifizieren
  • die lokale Alternative ISIS will einen mittelalterlichen Gottesstaat als Lösung und ist erst recht schlecht: Mittelalterliches Leben heißt hohe Geburtenrate und hohe Sterberate,  rudimentäre Infrastruktur, unzureichende Versorgung sowie technischen und zivilisatorischen Rückschritt; damit ist sie auch disqualifiziert
  • bleiben die Kolonialmächte von früher, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal usw. Die waren erstmal darauf bedacht, so viel Geld abzusaugen, dass sie ihre Protzbauten mit griechischen Säulen schmücken konnten (London, Paris, Madrid und Lissabon sind voll davon). Sie haben Aufstände und Befreiungskriege provoziert, disqualifiziert sie das auch? Immerhin wird vielem aus der Kolonialzeit nachgeweint.

Realität

Realistisch betrachtet, ist die Neukolonialisierung längst in Gang. Sie heißt heute Landnahme. Die kolonialen Eingriffe umfassen nicht nur die Vergabe von riesigen Ackerflächen an internationale Konzerne, sondern auch die Spekulation damit. Sie umfassen eine EU-Agrarpolitik, die mit ihren  Agrarüberschüssen (eher Abfällen) die afrikanischen Märkte kaputtmacht, während EU-Trawler zugleich an der Überfischung der afrikanischen Gewässer mitwirken. Sie umfassen die von den USA angezettelten Kriege in Libyen (auch Irak und Afghanistan), den Waffenhandel und die Handelsdominanz und Machtverzerrung, die zur Ausbeutung führt. Sie umfassen die Duldung der Kapitalflucht in die Steueroasen, mit der die kleptokratischen Eliten gefördert werden.

Aber die Neukolonialisierung wird von der Privatwirtschaft und von  kommerziellen Interessenten durchgeführt. Mit Hilfe für Afrika hat das nix zu tun. Die Frage ist, wäre eine Länderpartnerschaft hilfreich, so in der Art, ihr seid für 10-20 Jahre unsere Kolonie, und wir kümmern uns dafür um euch?

Wenn es in den betroffenen Ländern wirklich so schlecht steht, dass die Menschen davonlaufen möchten, könnte sich das als gangbarer Weg erweisen. Man darf natürlich nicht die Kleptokraten, Piraten und Räuberhäuptlinge fragen, sondern man müsste sich direkt an die Bevölkerung wenden (wer solchen Völkerrechtsbruch scheut, der wende sich an die USA mit ihren Erfahrungen bei Marionettenregierungen).

Wer Aufklärungskampagnen unternehmen will, um die unerwünschten Ausreisewilligen zu informieren, der kann auch solche Inhalte anbieten. Die Zurückgeschickten als Informationsüberbriger, das wäre eine gute Lösung: In der Ferne klappt es nicht, aber zuhause wird uns geholfen, wenn wir mittun.

Wirtschaftswunder

Das könnte der Weg in ein afrikanisches Wirtschaftswunder sein. Ein afrikanischer Staat wird temporär zur Kolonie eines europäischen Staats, und die verschiedenen Partnerschaften konkurrieren darum, welche Partner das beste Wunder vollbringen – zum beiderseitigen Vorteil. Die europäische Seite profitiert von Märkten und Rohstoffen, die afrikanische von Aufbau, Infrastruktur und Korruptionsbekämpfung.

Deutschland hatte ja mal Erfahrung mit dem Wirtschaftswunder. Aktuell hat z.B. die Türkei Erfahrung damit und die Tigerstaaten und China. China weiß sehr gut, wie Wirtschaftswunder geht. Nur hat man dort wenig im Sinn mit Demokratie und Menschenrechten, dafür um so mehr mit chinesischem Weltmachtstreben.

Da ist die europäische Hegemonie vorzuziehen, weil sie abgeklärter und menschenfreundlicher ist. Das sollte sie beweisen, indem sie die Ausbeutung beendet, samt der ganzen Schadmaßnahmen, siehe auch Armes Afrika. Fairer Handel bringt Vorteile für beide Seiten. Es gibt keinen Grund, warum man ausgerechnet die Ärmsten am meisten ausbeuten sollte, zumal doch jetzt die Hilfsbereitschaft überall zu sehen ist. 

Ach ja, die 360 Mio. von Elmau wären ein guter Anfang gewesen (siehe Bonzenfreie Zone für Elmau!). Dort in Elmau werden sie verpulvert. Auf dem Konto für Afrika würde sich das Geld besser machen, in der Hoffnung, dass es bald Strukturen gibt, wo es sinnvoll eingesetzt werden kann.

Links von wb zum Thema:

… und die letzten news darüber, was aus den 360 Mio. wurde:

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Migration versachlicht


boat-555400_640Die Welle der Migration gemahnt an neue Völkerwanderungen (Bild: terimakasih0, pixabay). Es gibt eine internationale Reiseindustrie für Menschen, denen legale Wege versperrt sind. Sie müssen große Gefahren, Entbehrungen und Kosten auf sich nehmen, um das Land ihrer Wünsche zu erreichen (z.B. die EU außer Malta, siehe Migrants refusing help from Maltese patrol boats). Hier  angekommen, unterliegen sie einer bürokratischen Verschiebepraxis, mit dem Ziel, sie wieder zurückzubringen. 

Bei wissenbloggt sind diese Probleme abgehandelt in den Artikeln Dürfen alle alles überall? und Qualitäts-Schlepper und anderen. Am 2.6. hat Rudolf G. Adam in der Süddeutschen Zeitung seinen bedenkenswerten Standpunkt dargelegt, Außenansicht – Lampedusa ist nicht Ellis Island.

Der Artikel ist ganz SZ-untypisch, weil er dem Dogmatismus widerspricht, nach dem alle willkommen sein müssen. Hier ein Referat über die Inhalte:

Motiv & Motto

Die Motivation sei nachvollziehbar: Perspektivlosigkeit, Armut und das Verlangen nach einem besseren Leben. Grund genug für viele, um das Heimatland zu verlassen. Wie auch im Qualitäts-Schlepper-Artikel geschildert, haben das im 19. Jahrhundert Millionen von Europäern gemacht. Sie wurden in den USA willkommen geheißen, obwohl die meisten keine Flüchtlinge im Sinne der heutigen UN-Konvention waren. Sie waren keine politisch Verfolgten, sondern Immigranten, genauso wie jetzt  die meisten boat people aus Afrika.

Die amerikanische Freiheitsstatue in Ellis Island dient Adam als Symbol für seinen Titel, eine einladende Geste, die im Gegensatz zum Symbol der Abweisung steht – Lampedusa. Dort liegen die Dinge ganz anders. Europa ist selbst zum Anziehungspunkt geworden.

Bemerkenswerterweise findet Adam gute Gründe, weshalb sich Europa das Motto der Freiheitsstatue nicht zum Vorbild nehmen sollte: “Give me your tired, your poor/Your huddled masses yearning to breathe free” (deutsch: „Gebt mir eure Müden, eure Armen/Eure geknechteten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen“ in der Übersetzung von wiki).

Ein wunderbares Credo, dem die Realität entgegensteht. Dazu lenkt Adam die Aufmerksamkeit auf die Ausmaße des Phänomens. Auf der zentralen Route Libyen-Lampedusa/Malta/Sizilien sind letztes Jahr 170.000 boat people gekommen, über das Mittelmeer mindestens 240 000. Nicht gezählt sind diejenigen, die nicht aufgegriffen wurden. Das größte Kontingent sind nicht die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien, sondern Menschen, denen es um bessere wirtschaftliche und finanzielle Perspektiven geht.

Beweggründe

Laut Adam wird die Bewegung Afrika-Europa von drei Trends beeinflusst:

  1. das Wohlstandsgefälle zwischen Europa und den Staaten südlich der Sahara wächst, und solche "eklatanten Differenzen" führen in unserer vernetzten Welt zu "dynamischen Ausgleichseffekten"
  2. das demografische Gefälle wächst ebenfalls. Afrika war 1950 "ein weitgehend leerer Kontinent" mit etwa 100 Millionen Menschen (Europa 450 Mio.). Heute stößt die afrikanische Bevölkerung mit 1 Milliarde bereits an Grenzen (Europa 500 Mio.). Die Prognose für 2050 sieht in Afrika 2 Milliarden (Europa 480 Mio.).
  3. die Politik ist insuffizient (die afrikanische ist gemeint). Da seien keine politischen Wunder zu erwarten. Es werde sich kein Frieden in Somalia und Libyen herbeizaubern lassen, und es werden nicht Wohlstand und Demokratie in Eritrea oder den Subsahara-Staaten ausbrechen.

Was weniger eine Rolle spielt, sind laut Adam die Todesgefahren der Reise. Das zynische Argument mit dem abschreckenden Todesrisiko, das man nicht zu sehr reduzieren dürfe, gilt nicht. Es sei so unmenschlich wie sachlich falsch, und zwar weil Risiken subjektiv eingeschätzt werden. Das Todesrisikobei der Sahara-Durchquerung sei 1%, beim Mittelmeer seien es 3%. Es bleiben 96% Durchkommensquote. In der Wahrnehmung der Migranten wirken die attraktiv im Verhältnis zu den Lebensrisiken in den Herkunftsstaaten.

Dimensionen

Die demographischen Zahlen besagen bei aller Skepsis gegenüber der Demographie, dass die Migrationswelle zu mächtig sei (es sei "eine Migrationswelle von historischen Ausmaßen", der Begriff Völkerwanderung taucht aber nicht auf). Die EU könne nicht jeden aufnehmen. Vielmehr müssten die Staaten die Einwanderer auswählen, nicht umgekehrt.

Dabei seien Faktoren zu berücksichtigen wie die gesellschaftliche Integrations- und Absorptionsfähigkeit, die Arbeitsmärkte, die Bildung, die Kommunikation und die beruflichen Qualifikationen. Aber auch der Aderlass in Afrika gehöre ins Kalkül. Die Lebensumstände in vielen afrikanischen Ländern seien buchstäblich "zum Davonlaufen"; so Adam, aber wenn die besten, die Unternehmergeist und Wagemut zeigen, sich davonmachen, dann beeinträchtigen sie die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren.

Politik

Adam bringt wiederum drei Richtungen, in der die Politik arbeiten sollte:

  1. sollten die Mitgliedstaaten der EU klar definieren, welche Menschen unter welchen Voraussetzungen zuwandern dürfen. Eine EU-weit abgestimmte Einwanderungspolitik sei  gefordert. Wo Einwanderung gebraucht werde, sollte eindeutig klar sein, wer gemeint ist. Für die Betreffenden sollte es Visa geben, und sie sollten per Flugzeug herkommen. Die Entscheidung sollte bereits in den  diplomatischen Vertretungen vor Ort getroffen werden. Weitere "processing centers" würden nicht benötigt, mit dem Argument, wer mal auf dem Weg ist, der lasse sich nicht durch Negativbescheide von seinem Ziel abbringen. Er werde bloß in die Illegalität gedrückt.
  2. sollte schon in den Herkunftsländern klargemacht werden, dass es für jene, die nicht die Kriterien erfüllen, keine Chance auf Zuwanderung nach Europa gebe. Natürlich müssen sie  gerettet werden, aber Adam möchte sie ausnahmslos nach Afrika in Aufnahmelager zurückgebracht sehen. Potentielle Migranten dürften von dieser Gewissheit wirksamer abgehalten werden als von Todesrisiken bei der Überfahrt.
  3. sollten diese Menschen nicht sich selbst überlassen bleiben. Deshalb werde ein neues Hilfs- und Kooperationsangebot für die Herkunftsländer gebraucht. Dazu gehöre die Öffnung des EU-Binnenmarkts für Agrarprodukte – je mehr Produkte legal in die EU kämen, desto weniger Menschen würden illegal kommen. Statt Landraub und Ausbeutung sollte es  Investitionen geben, vor allem in die Bildung.

Zur östlichen Nachbarschaftspolitik der EU müsste eine südliche Nachbarschaftspolitik kommen, schon aus der Einsicht heraus, dass zu großes Wohlstandsgefälle Migrationsbewegungen auslöst. Sicherheit und Stabilität seien nur zu haben, wenn sie auch in den Nachbarregionen walten. Der 1995 in Barcelona begonnene Prozess, die südlichen Mittelmeeranrainerstaaten stärker mit der EU zu verbinden, gipfelte schon 2008 in der Einrichtung einer Union für den Mittelmeerraum. Die müsste auch für Staaten südlich der Sahara geöffnet werden – nur dies würde langfristig "die Push-Faktoren in den Herkunftsländern Afrikas" reduzieren.

Als Fazit sagt Adam, Europa sollte Armutsmigranten abweisen, aber ihren Heimatländern helfen. Ein richtiges Konzept, das zukunftsfähiger ist als eine intransparente und dogmatische Willkommenskultur.

 

Daten von Frontex bis Winter 2014/15, andere Quellen schätzen 500.000 bis 1.000.000 Migranten auf diesen Routen für 2015:

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Fortgesetzter Euro-Betrug für Griechenland


euro-373006_640Derzeit wird darum gerungen, ob Griechenland zum aller-aller-allerletzten Mal Rettungsgelder kriegt, im Austausch gegen Reformversprechen, die wirklich, wirklich, wirklich umgesetzt werden (Bild: hslergr1, pixabay).

Die aktuelle Lage vom 5.6. wird bei ZEIT ONLINE beschrieben in Schuldenkrise – Ökonomen warnen vor Zugeständnissen an Griechenland: Griechenlands Gläubiger fordern Reformen, insgesamt sollen 5 Mrd. Euro eingespart werden. Griechenland hat aber nicht mal die 310 Mio., die gerade für den IWF fällig sind. Es geht also nicht um Rückzahlung der weitaus größeren Rettungsgeldpakete vom Euroland; in dem Bereich wird bloß um neue Kredite verhandelt. An beiden Fronten droht der Zusammenbruch. Es gibt so gerade eben noch einen Zahlungsaufschub beim IWF, ansonsten scheint die Stimmung dahin zu tendieren, dass keinen weiteren Krediten mehr zugestimmt wird.

Der Zusammenbruch droht aber schon so lange, dass man sich beinahe dran gewöhnt hat. Ein weiteres Beispiel für die Einschätzung der Lage sieht man bei der Zeit in Griechenland – Krisengespräch in Brüssel bringt keinen Durchbruch (4.6.): Beide Seiten haben die nächtlichen Beratungen über die griechische Schuldenkrise als konstruktiv bezeichnet.

Nun wird also konstruktiv an der Destruktion weitergearbeitet. Zu den griechischen Verhältnissen schreibt der britische Independent mit Datum vom 30.5. in Greece suffering as insecurity surrounding debt crisis kills businesses across the country: Beim Einsatz des warmen Wetters bevölkern sich Athens Straßen gewöhnlich mit Passanten, die einkaufen, bummeln, essen und trinken. Dies Jahr bleiben die Einkaufspassagen leer. Mit der Ungewissheit um Griechenlands Schuldenkrise herum gehen mehr und mehr kleine Geschäfte konkurs. Seit die neue Regierung übernommen hat, wachsen die Zweifel über Griechenlands Chancen des finanziellen Überlebens.

5-jähriges Jubiläum

Nun ist der griechische Niedergang aber schon 5 Jahre alt, so dass der Bezug auf die neue Regierung fragwürdig erscheint. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat dazu einen Kommentar gebracht, Zu den Griechen fällt mir nichts mehr ein (auch 30.5.): Nach über fünf Jahren Griechenland-Rettung ist die Schuldenlast dort so hoch wie nie zuvor. Unsere Ratlosigkeit könnte hochgefährlich werden.

Der gutüberlegte Artikel von Rainer Hank sieht nämlich im fortschreitenden Verfall der rechtlichen und moralischen Normen in Europa ein großes Risiko. Es könne nicht ohne Folgen bleiben, wenn Griechenland jahrelang mit billigem Geld gepäppelt werde. Im Grunde sind es ja Geschenke, weil eine Rückzahlung so gut wie unmöglich erscheint. Die Solidarität laufe aber ins Leere, Erfolge seien nirgends zu sehen. Die Staatsschulden sind im Bezug aufs BIP so hoch wie nie, es gibt Rezession statt Wachstum, die Arbeitslosenquote boomt mit 25%.

Griechische Zahlen dazu aus anderer Quelle: Staatsschuld 2008: 245 Mrd., 2011: 356 und nach Schuldenschnitt runter auf 281, 2014: 316 Mrd., bei (offiziell) ausgezahlten Hilfen von 239 Mrd. Die Arbeitslosigeit 2010: 11,4% (Jugend 30,0%), 2014: 27,2% (und 56,7%). Das Bruttosozialprodukt 2007: 233 Mrd., 2014: 179 Mrd.

Desaströs

Die subjektive Stimmung ist laut Zeit ebenso "desaströs" wie die objektive Lage. Die Kapitalflucht zieht das Geld der Bürger ab, gemessen am Dritteweltstandard sei Griechenland ein failed state, weil die Grundfunktionen der Staatlichkeit zunehmend ausfallen. Nach Hank ist die Beruhigungsformel der Zentralbank-Hilfsprogramme von der "gekauften Zeit" obsolet, Zeit und Geld seien verspielt worden.

Alle Alternativen seien schrecklich, egal ob Grexit (= Konkurs und Euro-Ausstieg) oder Weiterwursteln (= Hilfsgelder zurückhalten bis neue Reformversprechen kommen). Es wird wieder um die Austerität gerungen: Die Mehrheit, die selbsternannten Pragmatiker, halten die Austerität für die Ursache des Problems. Weil Griechenland ohne sichtbare Erfolge die Staatsausgaben gekürzt habe, plädieren sie für neue Wachstumsprogramme (= noch mehr verlorene Kredite), für  Schuldenerlass und noch mehr Aufweichung der Maastricht-Kriterien. Es halte sich ja niemand an die Regeln, da könne man sie auch gleich abschaffen. Hank sieht darin Hilflosigkeit und Resignation als Pragmatismus verbrämt.

Europaschaden

Demgegenüber wollen die als Dogmatiker titulierten die Einhaltung von Regeln und Verträgen mitsamt der Schulden-Rückzahlung. Ihnen ginge es um Glaubwürdigkeit und Anreiz zu Reformen. Immerhin sei der Auslöser der griechischen Krise kein Austeritätsprogramm gewesen, sondern eine Pump-Orgie. Der griechische Staat habe seinen Bürgern Wohltaten beschert und die "meiste raffinierte Energie seiner Wirtschaftspolitik" in Programme der Konkursverschleppung gesteckt, seit die Eurokrise ruchbar wurde.

Damit werde die Idee von Europa beschädigt. Der Verfall rechtlicher und moralischer Institutionen und Normen wird nach Hank fortschreiten. Mit dem Aufgeben der Idee, wonach eine Staatengemeinschaft sich an Regeln halten sollte, werde auch die Idee von Europa beschädigt wie nie zuvor. Die Euro(pa)-Retter stünden in der Verantwortung für diesen Schaden.

Auch andere Quellen sehen keine Vorteile in dem "aktivistischen US-Modell" des Austeritäts-Stops. Dass der Stop Vorteile habe, sein ein Vorurteil – nur neue Geschenke und noch mehr Umverteilung seien die teuerste denkbare Lösung, die weiterhin Konkursverschleppung bedeute statt Marktbereinigung. Die Probleme würden nur mit höchstem Geldeinsatz als Zeitbombe konserviert.

Betrugsnachweis

Das Euroland-Schlamassel spiegelt sich in der Kette der Meldungen zur Griechenland-Rettung. Von Rückerstattung ist nur im Zusammenhang mit dem IWF die Rede, von Zinsen desgleichen. Sonst geht es bloß darum, Griechenland nicht von der Kette der Notfallkredite abzuschneiden. Das war seit Ende Februar in Frage gestellt. Es gab angeblich keine weiteren Zahlungen – aber das stimmt nicht. In Wirklichkeit wurde bloß eine andere Quelle angezapft.

Es handelt sich um die sogeannte Emergency Liquidity Assistance (ELA). Details zu den Bedingungen ELA sind laut wiki nicht veröffentlicht. Klar ist nur, dass die nationalen Notenbanken formal die Kreditgeber sind, die auch angeblich die Risiken und Kosten der Maßnahme tragen. Es ist aber die Europäische Zentralbank (EZB), die die Kredite genehmigt, und zwar der EZB-Rat. In diesem Gremium sitzen viele ungewählte Mitglieder, die ohne demokratische Legitimation über die Höhe der Kredite entscheiden, die an die einzelnen Banken gehen.

Das ist ein hochpolitisches Problem, weil es ja die Brüsseler Verhandlungen ad absurdum führt, wenn dort das Geld gesperrt wird und hintenrum doch welches fließt. Dass die griechische Zentralbank irgendwelche Garantien geben könnte ist sowieso Unfug, denn sie steht mit hunderten von Mrd. im Target-2-System in der Kreide, wird also künstlich am Leben gehalten. Dasselbe gilt für viele griechische Banken, die angeblich 80 Mrd. an notleidenden Krediten bunkern, statt sie abzuschreiben – es sind Zombie-Unternehmen, die eigentlich bankrott sind.

Links dazu

EZB soll Nothilfen genehmigt haben (DIE WELT 18.2.): Die EZB lässt den Geldhahn für griechische Banken offenbar offen. Wie aus Notenbankkreisen verlautete, wurde der Rahmen für Notkredite erneut erhöht – von 65 auf 68,3 Milliarden Euro

Insider – EZB erhöht Nothilfe-Rahmen für griechische Banken – Die Europäische Zentralbank (EZB) hält die Geldversorgung für griechische Banken weiter offen. (Insider 9.4.) Zuerst, wie es offiziell ist: Griechische Banken sind für die Versorgung mit frischem Geld zunehmend auf diese Hilfen ihrer heimischen Notenbank angewiesen. Denn die EZB akzeptiert bonitätsschwache Hellas-Staatsbonds nicht mehr als Sicherheiten, womit griechische Banken der direkte Zugang zu frischen EZB-Geldern weitgehend verbaut ist. Aber: bei dringendem Liquiditäts-Bedarf sieht das anders aus, dann sollen die ELA-Geldspritzen greifen. Die Athener Notenbank mache diese ELA-Geschäfte laut Insider auf eigenes Risiko, und sie müsse sich jeweils die Unterstützung des EZB-Rats für eine Aufstockung des Rahmens sichern. EZB-Chef Mario Draghi habe  mehrfach betont, die Mittel dürften nur solventen Banken gegeben werden. (Anmerkung wb: wo er die in Griechenland findet, bleibt sein Geheimnis.)

Schuldenkrise – EZB will Griechenland Notkredite erschweren (Zeit 22.4.): Die Europäische Zentralbank wird die Hürden für Notanleihen griechischer Banken erhöhen. Die sind zunehmend auf diese Kredite angewiesen.

EZB erhöht Nothilfen für griechische Banken Obergrenze um 1,1 Milliarden Euro auf nun 80 Milliarden Euro erhöhtder (Standard.at 12. 5.): Die Europäische Zentralbank (EZB) belässt Insidern zufolge die griechischen Banken weiter am Geldtropf. Die Obergrenze für Liquiditätshilfen der Athener Notenbank für Hellas-Geldhäuser sei um 1,1 Milliarden auf inzwischen 80 Milliarden Euro erhöht worden, erfuhr Reuters am Dienstag von Insidern aus der Bankenbranche.

EZB erhöht Ela-Notkredite für Griechenland um 500 Millionen Euro (FOCUS ONLINE 2.6.): Die EZB habe die sogenannten Ela-Kredite („Emergency Liquidity Assistance“) auf 80,7 Milliarden Euro erhöht, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg am Dienstag unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen. Damit stünden den Instituten 0,5 Milliarden Euro mehr als zuvor zur Verfügung. In der vergangenen Woche war das Kreditvolumen nicht aufgestockt worden.

EZB-Rat erhöht Nothilfe für griechische Banken (DER SPIEGEL 20.5.2012): Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat der griechischen Notenbank mehr Spielraum für die Liquiditätsversorgung hellenischer Banken gegeben. Bei der Ratssitzung am vergangenen Dienstag wurde die Obergrenze für die sogenannte Emergency Liquidity Assistance (ELA) für Griechenland von rund 90 Milliarden Euro auf fast 100 Milliarden Euro heraufgesetzt. 

Dauerzustand

Die letzte Meldung stammt von 2012 und belegt, wie dauerhaft diese Finanzierung ist, und wie hoch die Beträge sind. Insgesamt dokumentieren die Meldungen einen Skandal. Riesige Geldbeträge werden an den politischen Entscheidungsgremien vorbeigeschleust und gegen nicht vorhandene Sicherheiten in bankrotte Institute verschoben.

Die Griechenland-Rettung, die in Wahrheit eine Euro-Rettung ist, kostet viel mehr Geld als die zugegebenen Beträge, die auch schon spektakulär hoch sind. Im Grunde ist das eine Bankrotterklärung der Euro-Politik, wenn sie zu solchen Betrugs- und Verschleierungsmaßnahmen greift.

Wie schlecht diese Poltitik ist, zeigt der Vergleich mit der Türkei. Als Griechenland in den Euro eintrat, waren die Verhältnisse etwa gleich denen in der Türkei. Aus dieser vergleichbaren Ausgangsbasis heraus nahmen die Länder eine ganz unterschiedliche Entwicklung.

  • Die nicht subventionierte Türkei boomte trotz einer Schwachwährung mit hoher Inflation (es steht auf einem anderen Blatt, dass sie nun vom Erfolgskurs abweicht und Freiheiten beschneidet zugunsten obrigkeitlicher Repression)
  • Das irre hoch subventionierte Griechenland bekam durch den Euro Schuldzinsen von einem Bruchteil des gewohnten Niveaus. Schuldenmachen schien das Gebot der Stunde, und später mit dem inflationierten Geld zurückzahlen. Nachdem das mit dem Euro nicht klappte und die Retter übernahmen, liegt das Land darnieder. Je mehr es nun subventioniert wird, desto schlimmer wird die Lage.

Kaum vorstellbar, wie irgendeine andere Regelung noch schlechter hätte ausfallen können als die Euro-Rettungspolitik. Um so ein Desaster zu produzieren muss wirklich eins ins andere greifen, die Reformphobie gegenüber der Ideologie, der Dilettantismus mit dem politischen Machbarkeitswahn, die unendliche Lüge und der fortgesetzte Betrug.

Ergänzung

Griechenland: Reiche Kirche, armes Land (Das Erste, WELTSPIEGEL 15.3.): Die Finanzverwaltung der griechisch-orthodoxen Kirche mag keine Auskunft über den Vermögenswert geben, aber immerhin über die Steuerlast: 2,5 Millionen Euro im Jahr 2014. Zitat: »Wir zahlen unsere Steuern nicht nach dem Zufallsprinzip. Dass die Kirche keine Steuern zahlt, ist eine Lüge. Es gibt Steuergesetze und die halten wir ein.«

Wie kann es sein, dass es nur 2,5 Millionen Euro Steuern für ein ganzes Jahr sind, fragt der Weltspiegel. Wo doch die Kirche nach dem Staat der zweitgrößte Landbesitzer ist. An der besonders teuren Küste östlich von Athen besitze die Kirche Grundstücke im Wert von 1,5 Milliarden Euro (nach eigenen Angaben). Laut Gesetz entfällt dort aber die Grundsteuer, weil ein Gebäude für soziale Zwecke darauf erbaut ist. Dasselbe gelte auch für die meisten Schulen und Krankenhäuser des Landes, die auf Kirchengrund stehen. Dann noch tausende von Klöstern, die über ganz Griechenland verteilt sind (man weiß noch nicht mal die genaue Zahl). Aber man weiß, dass sie von der Immobilien- und Grundsteuer vollständig befreit sind, die den normalen griechischen Bürgern jetzt angeblich abverlangt wird. 

Links zum Thema:

 




Protestwillig oder -unwillig?


protest-464616_640Zu den ungelösten Rätseln der Menschheit gehört die Frage, wann wird gegen die da oben protestiert und wann nicht? Man erinnert sich: in den 1968er-Jahren war alles in Ordnung bis auf ein wenig Spießbürgertum. Aber es wurde heftigst gegen unser "Schweinesystem" protestiert, mit allen Schikanen bis zu Geiselmord und Bombenterror (Bild: niekverlaan, pixabay).

Jetzt, wo seit zig Jahren Ungerechtigkeit und Ungleichheit wachsen, wird nicht protestiert. Ein wenig Blockupy, Pegida und Je suis Charlie, eine Prise Stuttgart 21, TTIP und Atom, sozusagen für jeden eine bunte Gelegenheit, anders bunt zu sein als die anderen. Und damit hat es sich. In diesen unseren Landen wie auch in den USA war's das. Wieso? Warum nicht je ungleich desto Ramba-Zamba? Das diskutiert Neil Irwin in der New York Times vom 17.4. in Why Americans Don’t Want to Soak the Rich:

With rising income inequality in the United States, you might expect more and more people to conclude that it’s time to soak the rich. Here’s a puzzle, though: Over the last several decades, close to the opposite has happened.

Nachdem die Ungleichheit der Einkommen auch in den USA wächst, sollten die Leute eigentlich den Gedanken aufgreifen, den Geldfluss zu den Reichen zu drosseln. Merkwürdigerweise ist in den letzten Dekaden eher das Gegenteil passiert.

Stagnation

Der Autor beschreibt, was jeder wissenbloggt- und NYT-Leser weiß; seit den 1970ern stagnieren die inflationsbereinigten Mittelklasse-Arbeitseinkommen. Die wb-Leser wissen zusätzlich, dass die Normalverdiener ärmer geworden sind, weil ihnen seit zig Jahren höhere Lasten aufgebürdet werden, und dazu gehört nicht nur die Staatsschuld.

Das Geldgefälle geht verkehrt herum; nicht die Reichen werden zugunsten der Armen abkassiert, sondern die Armen zugunsten der Reichen.

Es prosperiert eine privilegierte Oberschicht von Geldabsaugern, zu denen  Der unverdiente Reichtum kanalisiert wird. In den letzten 40 Jahren hat sich das Einkommen enorm von der Allgemeinheit weg verlagert, aber aus den Umfragen  kann man keine entsprechende Meinungsbildung herauslesen.

Reichensteuer? Umverteilen? Die Wohlstandsgewinne in Richtung Allgemeinheit kanalisieren? Nein, solche Meinungen sind kaum im Schwange. Die Skepsis gegenüber Umverteilung in Richtung Allgemeinheit ist sogar gewachsen. In den Worten von Irwin heißt das Americans’ desire to soak the rich has diminished. Keine Umverteilungswünsche, obwohl immer mehr Anlass dafür da ist.

Was die Umfragen an Ignoranz zeigen, spiegelt sich in der Finanzpolitik. 1980 hatten die USA den Spitzensteuersatz von 70% für alle, die $215,400 oder mehr verdienten, oder als Paar das Doppelte. 2003 sorgte der Präsi George W. Bush für 35%, 2013 erhöhte Obama wieder auf 39,6%. Seither geht die Gerechtigkeitsdebatte um 35% hin und 39,6% her, während die Top-Einkommen sich vervielfachten.

Standpunkte

Der Standpunkt der Konservativen ist in etwa, die Americans wollen weniger (Zurück-)Umverteilung, weil die hohen Steuern von damals hohe ökonomische Kosten verursachten, während niedrige Spitzensteuern mehr Investitionen und mehr Unternehmereinsatz schaffen, mit der Wirkung, mehr Wachstum, mehr auf der Kralle für alle (Anmerkung wissenbloggt: obwohl erwiesenermaßen immer weniger auf der Kralle ist, Lasten eingerechnet).

Die Liberalen halten dem entgegen, die Konservativen hätten den Americans  Scheuklappen verpasst, so dass sie Umverteilung für ein Schimpfwort halten und nicht wissen, dass es zu ihren Gunsten wäre. Diese Fehlinformation mache ihnen alle Umverteilungsversuche suspekt. Sozialhilfe ist demnach was Schlechtes, zumal wenn sie an jemand anders geht, der womöglich eine andere Hautfarbe hat (eine Analyse, wie sie von Paul Krugman vertreten wird).

Aufschlüsse

Neuere Untersuchungen liefern neue Aufschlüsse dazu. Sie gehen am konservativen Modell genauso vorbei wie am liberalen. Die Haltung der Americans scheint komplexer zu sein als die Argumente der beiden Parteien. Ein Online-Experiment wird bemüht, um den Fall zu klären.

Zufällig ausgeguckte Americans wurden gefragt, welchen Steuersatz sie angemessen finden würden, wenn jemand sein Einkommen durch einen Glücksfall um $250,000 steigern könnte. Die Frage wurde in zwei Versionen gestellt:

  • Einmal kam der Einkommenssprung vor 5 Jahren, dann wurden höhere Steuern vorgeschlagen
  • Wenn der Sprung in diesem Jahren erfolgte, wurden noch 1,7% mehr Steuern verlangt

Der Unterschied klingt nicht nach viel, ist aber mehr als die Hälfte vom Unterschied zwischen den Demokraten-Wählern und den Konservativen-Wählern. Aber warum sollen die Glücklichen von vor 5 Jahren überhaupt weniger Steuern zahlen als die Glücklichen von diesem Jahr? Weil sie sich ans höhere Einkommen gewöhnt haben?

Die Psychologie scheint tatsächlich so zu gehen: Je länger jemand reich ist, desto unfairer scheint es, ihn hoch zu besteuern. Die Neureichen dagegen sollen mehr bezahlen, denen tut's nicht so weh. (Anmerkung wb: die Befragten identifizieren sich anscheinend mit den Falschen).

Alter

Noch ein Untersuchungsergebnis, das sich auch in den politischen Debatten widerspiegelte, besagt etwas über die Altersverteilung bei den Meinungen zur Umverteilung. Da sticht die Aussage hervor, die Bewegung weg von der Umverteilung betrifft die Älteren stärker als die Jüngeren. Vielleicht weil sie generell konservativer denken? Das schließt die Studie laut Irwin aus.

Ein andere Ursache scheint viel schwerer zu wiegen, nämlich dass die Älteren mehr vom sozialen Sicherungssystem abhängen. Und Umverteilung heißt für die, es wird ihnen was weggenommen und woandershin kanalisiert. (Anmerkung wb: das ist Krugmans Analyse, und wieder wird sich mit den Falschen identifiziert).

Die Studien zeigen, wie komplex das Problem ist. Die Einschätzung des richtigen Steuerniveaus ist von Faktoren beeinflusst, die gar nicht dazugehören sollten. Dazu stelt sich ann auch die Frage, wer ist eigentlich reich? Und wer soll von der Umverteilung profitieren? Soweit der Artikel von Irwin.

Gehirnwäsche

Aus der Sicht von wb bestätigt das eigentlich die Aussage von Paul Krugman, siehe Ökonomischer Aberglaube im Visier. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass die konservative Gehirnwäsche den Leuten eingeimpft hat, Umverteilung ist per se böse. Insofern ist das vielleicht ein typisches US-Problem.

Was aber hält die Leute in Deutschland vom Protest ab? Schnauze voll von Schnauze voll? Nein, protestwillig sind sie, wie man bei diversen Gelegenheiten sieht. Die Unzufriedenheit ist da. Aber sie fokussiert sich nicht auf das wichtigste Problem von Ungerechtigkeit und Ungleichheit.

Also bitte, wo kommt die deutsche Gehirnwäsche her? Mediale Desinformation? Merkelsche Einlullung? Zuwenig Jod-Körnchen fürs Hirn? Das wenn man wüsste …

Siehe auch Keine Chancengleichheit, kein Wohlstand für alle und Der unverdiente Reichtum




Verursachen Vegetarier mehr Blutvergiessen? – Eine Replik


suit-673697_640Ein weiterer von den hochinteressanten Artikeln der gbs Schweiz diskutiert die Frage, inwieweit auch Vegetarier zum Tierleid beitragen. Der provokante Spruch aus dem u.a. SZ-Artikel lautet: "Der größte Irrtum vieler Vegetarier und Veganer ist, dass für ihre Ernährung niemand sterben müsse. (…) Pro Kilo nutzbaren Proteins aus Getreide werden 25 mal mehr fühlende Wesen getötet als durch nachhaltige Fleischproduktion." Es geht um die Kollateralschäden, die beim Ackerbau anfallen. Weitere Anmerkungen dazu unten bei den Links, (Bild: RyanMcGuire, pixabay).
 

Verursachen Vegetarier mehr Blutvergiessen? – Eine Replik

8. November 2014 von

Felix Olschewski von Urgeschmack.de hat neulich für die These argumentiert, dass Vegetarier “mehr Blutvergiessen verursachen (könnten) als Fleischesser”. Weiterverbreitet wurde sie etwa bei der Süddeutschen Zeitung in der Form “Vegetarier sind auch Mörder”. Etwas präziser lautet die These, dass es eine gewisse Form des Tierkonsums gibt (Weidefleisch von grossen Tieren), die weniger Tiere schädigt als die vegetarische Ernährung. Der Vegetarismus schneide deshalb schlechter ab, weil beim Anbau von Nutzpflanzen mehr Tiere Schaden nähmen als bei der Aufzucht und Tötung von Rindern, die nur Gras fressen. Dass diese Präzisierung notwendig ist, verweist auch bereits auf das erste Problem von Olschweskis Artikel. (Die Problempunkte sind im Folgenden nummeriert, Zusammenfassungen – die auch isoliert gelesen werden können – jeweils fett.)

(1) Olschewski anerkennt, dass die Vegis empirisch-praktisch zu 90% und ethisch zu 100% Recht haben. Daher ist der Titel hochgradig irreführend. Ein grundsätzliches Pro-Vegi-Framing wäre adäquater gewesen. Das Contra-Vegi-Framing schadet den Vegis und daher unter dem Strich wohl auch Olschweski, weil die Olschewski/Vegi-Zielüberlappung relativ zum Status quo fast 100% ist.

Ethisch gibt Olschewski den Vegis zu 100% Recht. Er schreibt unter anderem: “Der renommierte Ethiker Peter Singer sagt, dass, wenn wir mehrere Möglichkeiten haben uns zu ernähren, wir uns für den Weg entscheiden sollten, der das geringste unnötige Leid für Tiere bedeutet. Ich stimme ihm zu. Wenn wir uns ernähren – oder eigentlich immer – sollten wir uns so verhalten, dass wir möglichst wenig Leid verursachen.”

Die ethische Einigkeit (d.h. die Ziel-Einigkeit) alleine hätte ein klares Pro-Vegi-Framing nahegelegt. Wie steht es um die praktische Umsetzung der Ethik? Dort könnten trotz ethischer Einigkeit Meinungsverschiedenheiten auftreten. Und in der Tat: Olschewskis These ist, dass es Ernährungsformen gibt, die mehr Tierleid verhindern als der Vegetarismus, dass der Vegetarismus das geteilte Ziel also sub-optimal umsetzt. Aber: “Es ist kaum bestreitbar, dass die industrielle Fleischproduktion der Umwelt schadet und ineffizient mit Ressourcen umgeht, also nicht nachhaltig ist. Außer Frage steht auch, dass sie viel Leid verursacht. Nämlich dann, wenn – meist aufgrund des systemimmanenten Preisdrucks – zum Beispiel die Sorgfalt bei der Schlachtung leidet. (Nachtrag 23.1.2014: Aufgepasst, es ist faszinierend, wie viele Leser diesen Absatz offenkundig ignorieren. Noch einmal: Industrielle Fleischproduktion, im Volksmund auch Massentierhaltung genannt, ist nicht nachhaltig und schadet der Umwelt.)” Zudem: “Der Anbau pflanzlicher Lebensmittel führt so zu Bodendegradierung, langfristig kann dies in Desertifikation enden. (Nachtrag 24.1.2014: Und noch einmal die Betonung: Das alles trifft natürlich auch auf die Futtermittelproduktion für die industrielle Rinderhaltung zu. Deswegen wird diese schon weiter oben im Artikel als gangbar ausgeschlossen.)”

Weit über 90% der aktuell konsumierten Tierprodukte stammen aus industrieller Produktion. (Auch Bio-Tiere werden aktuell mit Nutzpflanzen gemästet.) Olschewski teilt die Vegi-Meinung, dass diese Produktion unhaltbar ist und eingestellt werden sollte. Im Unterschied zu den Vegis glaubt Olschewski aber, dass das Optimum nicht darin besteht, kein Fleisch zu essen, sondern darin, etwas Weidefleisch von grossen Tieren zu essen. Soll die Gesamtbevölkerung damit versorgt werden, liegt Fleisch höchstens einmal die Woche drin, eher seltener. Das heisst: Nach Olschewski haben die Vegis nicht nur ethisch 100% Recht, sie haben auch 90% der praktischen Umsetzung bzw. Lösung getroffen.

Das wiederum heisst: Olschewski müsste eine gesellschaftliche Zunahme des Vegetarismus begrüssen und fördern. Denn in einer vegetarischen Welt hat er (relativ zur aktuellen) sein Ziel zu 90% erreicht.

Stattdessen publiziert er einen Artikel, dessen Framing sich als Anti-Vegi-Propaganda bestens eignet. Heerscharen von Fleischessern verlinken in Diskussionen nun als “Trumpf” einen Artikel, der den Vegis ethisch zu 100% und praktisch zu 90% zustimmt. “Faszinierend!” – Erstaunlich ist es jedenfalls nicht: Wie die Kognitionspsychologie gezeigt hat, sind Menschenhirne oft hochgradig irrational. “Motivated Cognition” bzw. der Wishful-Thinking-Bias trüben ihr Denken überall: Sie suchen auf Biegen und Brechen nach Datenpunkten und “Argumenten”, die ihre Vorurteile bzw. ihre gewünschten Konklusionen bestätigen (Confirmation Bias). So auch hier: Viele Fleischesser sind ausserstande, die Frage nach dem Tierkonsum offen-objektiv anzugehen. Sie suchen offensichtlich bloss nach “Argumenten”, mit denen sie sich einreden können, ihr Konsumverhalten sei unproblematisch. Olschweskis Framing liefert ein solches “Argument” – und es wird von Fleischessern nun weitherum als Rationalisierung bzw. Gewissensberuhigung verwendet. Diese Folge war leicht vorhersehbar.

Olschweski könnte entgegnen, es liege nicht in seiner Verantwortung, dass Fleischesser seinen Text fehlinterpretieren. Aber diese Entgegnung überzeugt nicht. Die ethischen Ziele, die Olschewskis Artikel anerkennt, werden durch das Anti-Vegi-Framing schlechter erreicht. Dieses Framing ist daher irrational. Es liegt alles in unserer Verantwortung, was wir beeinflussen können und was ethisch zielrelevant ist. Ob die heutigen Fleischesser sich besser oder schlechter einreden können, ihr Konsumverhalten gehe in Ordnung (oder verursache gar “weniger Blutvergiessen”!), ist sehr zielrelevant. Und Olschewski konnte es mit der Wahl des Framings beeinflussen.

(2) Wie steht es um Olschewskis Glaubwürdigkeit hinsichtlich des ethischen Ziels, das Tierleid zu minimieren? Warum ist nur vom Vegetarismus die Rede? Milch und insbesondere Eier schädigen Tiere auch massiv. Wenn es ein Argument für Fleisch gibt, dann für Weidefleisch von möglichst grossen Tieren (Rindern). Die Erzeugnisse kleinerer Tiere verursachen pro Kalorie sehr viel mehr Opfer. Hühnerfleisch führt die Opferstatistik an, gefolgt von Eiern. Olschewskis Blog wirbt für Eier und Lammfleisch.

Wenn Olschewski der zitierten ethischen Grundlage nicht nur als Lippenbekenntnis im Artikel, sondern wirklich zustimmt, müsste er eigentlich vom Veganismus sprechen. (Es sei denn, er hat Informationslücken?) Milch verursacht u.a. dadurch Tierleid, dass die Kälber von den Kühen getrennt werden, deren Muttermilch dem menschlichen Konsum zugeführt werden soll. Eier sind quantitativ schlimmer: Die Legehennen werden ausgebeutet und danach getötet. Alle männlichen Küken werden gleich nach dem Schlüpfen qualvoll vergast. Alleine in der Schweiz betrifft dies über zwei Millionen männliche Küken pro Jahr. Bio macht keine Ausnahme.

Das Argument für Tierprodukte bezieht sich höchstens auf Weidefleisch von möglichst grossen Tieren. (Je grösser das Tier, desto geringer das pro Kalorie verursachte Tierleid. Der Konsum von Hühnern etwa schädigt um Grössenordnungen mehr Tiere als der Konsum von Rindern, dito etwa für Wale gegenüber Rindern – und es ist keineswegs offensichtlich, dass Walfleisch ethisch nicht bedeutend besser ist als Rindfleisch. Olschewski behauptet dies ohne Argument.) Dass Urgeschmack.de für Eier und Lammfleisch wirbt, ist daher unverständlich. Das untergräbt Olschewskis Glaubwürdigkeit zumindest zum Teil und erhöht daher die Wahrscheinlichkeit, dass sein Argument für Weidefleisch nicht einem offen-objektiven, rationalen Suchprozess nach der ethisch besten Ernährungsform entspringt, sondern zumindest teilweise ebenfalls ein Resultat von “Motivated Cognition” bzw. des Wishful-Thinking-Bias ist. Und das wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Konklusion des Arguments unzutreffend ist.

(3) Würde Weidefleisch tatsächlich weniger Tiere aktiv schädigen? Olschweskis Zahlen sind zweifelhaft. Es existieren Berechnungen, die nahelegen, dass die Weidefleisch-These auf der falschen Annahme beruht, dass pflanzliche Produkte pro Landfläche dieselbe Nahrungsmenge abwerfen wie Weidefleisch. Sie werfen aber bedeutend mehr ab.

Animalvisuals.org führt Berechnungen der Tieropferzahlen an, die den von Olschewski zitierten widersprechen: “In a 2003 article in the Journal of Agricultural and Environmental Ethics, Steven Davis advanced the argument that fewer animals would be harmed if we consumed a diet containing large herbivores (namely cattle) fed on pasture than if we consumed a vegan diet, based on his calculation that more wild animals would be killed in crop harvesting than in producing food from a ruminant-pasture-forage system[1]. Gaverick Matheny identified a crucial error in Davis’s calculation: it assumed that equal amounts of land will produce equal amounts of food from crops or from animals on pasture[2]. In fact, an amount of land will produce much more food when used to grow crops for direct human consumption than when used to raise cattle, provided it is suitable for growing crops. Once Matheny corrected the calculation, Davis’s argument made the case for, rather than against, a vegan diet, given an objective to cause the least amount of animal death.”

Die Divergenz scheint u.a. daraus zu resultieren, dass sich Olschewskis Zahlen auf australische Gegebenheiten und insbesondere auf oft vorkommende Mäuseplagen beziehen, welchen mit Gift begegnet werde und welche die Opferzahlen bei der Pflanzenproduktion massiv steigen liessen. Diese Analyse wird hier bestritten und zurückgewiesen.

Die Einzelheiten dieser Diskussion interessieren an dieser Stelle nicht, weil sie im Lichte von Punkt 6) ohnehin kaum etwas austragen (s. unten). Es genügt, festzustellen, dass keineswegs davon ausgegangen werden kann, dass Olschewskis Zahlen stimmen.

Auch die nachfolgenden Punkte (4) und (5) sind angesichts von (6) zum aktuellen Zeitpunkt kaum relevant. Sie seien dennoch erwähnt:

(4) Olschewski nennt Nachteile des Anbaus von Nutzpflanzen, ignoriert aber mögliche Schadensfolgen der Weidefleisch-Produktion.

Animalvisuals.org weiter: “Davis’s argument was also criticized by Andy Lamey, who pointed out that (…) the argument overlooks ways that humans can be harmed or killed by beef production but not vegetable production[3].”

Interessant ist auch die Ansicht des ökopolitischen Autors George Monbiot: “The argument seems, once more, decisively in favor of veganism. (…) While researching my book Feral, I also came to see extensive livestock rearing as a lot less benign than I – or Simon Fairlie – had assumed. The damage done to biodiversity, to water catchments and carbon stores by sheep and cattle grazing in places unsuitable for arable farming (which means, by and large, the hills) is out of all proportion to the amount of meat produced. Wasteful and destructive as feeding grain to livestock is, ranching appears to be even worse. The belief that there is no conflict between this farming and arable production also seems to be unfounded: by preventing the growth of trees and other deep vegetation in the hills and by compacting the soil, grazing animals cause a cycle of flash floods and drought, sporadically drowning good land downstream and reducing the supply of irrigation water. So can I follow Al Gore, and do it better than I did before? Well I intend at least to keep cutting my consumption of animal products, and to see how far I can go. It’s not easy, especially for a person as greedy and impetuous as I am, but there has to be a way.”

(5) Olschewski vergleicht die heute durchschnittliche Pflanzenproduktion mit der besten Tierproduktion – das ist irreführend. Die beste Tierproduktion wäre mit der besten Pflanzenproduktion zu vergleichen. Seine Überlegung ist daher unvollständig und der Schluss ungültig.

Olschewski schreibt: “Da die größte Kritik der konventionellen Fleischerzeugung zukommt, schauen wir uns das verbreitete, das konventionelle Modell der Erzeugung pflanzlicher Lebensmittel an: Wie wird Soja, die gern und meist genannte Alternative zu Fleisch, angebaut? In Monokulturen. Das betrifft übrigens nicht nur Soja, sondern sondern praktisch alle konventionellen Pflanzenanbausysteme: Es sind Monokulturen, denn anders lässt sich kaum effizient arbeiten. Auch Gemüse bauen wir in Monokulturen an. Selbst der Einsatz von Fruchtfolgen ändert nichts an der Tatsache, dass es sich wenigstens temporär um Monokulturen handelt. Für diese werden in der Regel bestehende Ökosysteme beseitigt, Grünland umgebrochen und in Acker verwandelt. Grünland ist jedoch ein natürliches Ökosystem und Heimat vieler vielfältiger Tier- und Pflanzenspezies, die so durch den Acker ihren Lebensraum verlieren.”

Olschewski suggeriert, er stelle nun den adäquaten Vergleich an, nämlich jenen zwischen konventioneller Fleisch- und Pflanzenproduktion. Dabei steht ausser Frage, dass die konventionelle Pflanzenproduktion viel besser abschneidet. Olschewski argumentiert dann, dass die beste Fleischproduktion der konventionellen Pflanzenproduktion überlegen sei. Wenn die Fleischproduktion plötzlich von der “konventionellen” zur “besten” übergeht, dann muss derselbe Spielzug auch der Pflanzenproduktion zugestanden werden – ansonsten wird der Vergleich irreführend. Olschewskis Argument ist daher unvollständig und der Schluss ungültig. Er hat nicht gezeigt, dass Weidefleisch die beste Produktionsform veganer Nahrungsmittel schlägt.

Bemerkenswert ist zudem, dass Olschewski unerwähnt lässt, dass die konventionelle Pflanzenproduktion heute v.a. auch wegen der Tierproduktion so geartet ist, wie sie geartet ist. 85% der globalen Sojaernte werden an Tiere verfüttert. Würden wir keine Tierprodukte konsumieren, könnte die Pflanzenproduktion also auch ganz anders aussehen. So wie sie auf bio-veganen Höfen aussieht, die – im Sinne Olschewskis – kleinräumig produzieren. Daran müsste er das Weidefleisch messen, wenn er (im Rahmen seiner Prämissen) rational vorginge.

(6) Olschewski geht in seinen Überlegungen von einer Prämisse aus, die höchst zweifelhaft ist – und die den Schluss um 180° drehen könnte. Sie lautet allgemein “Natur bzw. natürlich = gut” und spezifischer “Den Wildtieren tut man Gutes, indem man ihren natürlichen Lebensraum bzw. ihre Populationsgrössen unberührt lässt.” Mehr als neun von zehn Wildtieren haben aber ein Leben, das ungefähr wie folgt aussieht: Geburt; Kampf um die viel zu knappen Ressourcen gegen die viel zu zahlreichen Geschwister; qualvoller Tod kurz nach der Geburt. Das ist das Schicksal, das eine darwinistische Natur ihren Kreaturen beschert. Man wünscht es niemandem. (Wie man auch das Leben in einer Tierfabrik niemandem wünscht, weshalb sie besser nicht existierten.) Der folgende Vortrag zum Thema “Reducing Wild Animal Suffering” begründet diese These:

Daher ist die Prämisse, wonach man den Wildtieren Gutes tut, indem man darwinistische Ökosysteme unberührt lässt, äusserst fragwürdig. Es könnte sogar sein, dass man den Wildtieren umgekehrt Gutes tut, indem man natürliche Ökosysteme zurückdrängt. In diesem Fall wären die von Olschewski behaupteten “Nachteile” des Veganismus gegenüber dem Weidefleisch ein Pluspunkt. Und die industrielle Fleischproduktion würde in dieser Hinsicht zufällig wohl die meisten Pluspunkte holen. – Aus diesen Überlegungen resultiert, dass alles noch viel, viel komplexer ist, als wir es uns bisher ausgemalt haben. Heute kann es daher nur darum gehen, erstens die ethisch richtige Einstellung gegenüber Tieren zu fördern (deshalb: Veganismus) und zweitens dadurch die relevante Forschung voranzutreiben, um mehr Klarheit darüber zu gewinnen, welche Ernährungsweise (und allgemein: welche Handlungsweise) das Tierleid am besten minimiert. Nur so haben wir eine Chance, das ethische Ziel zu erreichen. 

(6.1) Natur-Bias

Urgeschmack.de scheint wesentlich vom Natur- bzw. Natürlichkeits-Bias inspiriert und (fehl)geleitet zu sein. Die Tagline lautet: “Natürlich essen – gesund leben”. Doch bei “Natürlich => gut” bzw. “Unnatürlich => schlecht” handelt es sich um Fehlschlüsse. Es fällt nicht schwer, viele Beispiele von Dingen zu finden, die natürlich und schlecht bzw. unnatürlich und gut sind. Die ganze Medizin etwa oder der Sozialstaat laufen der darwinistischen Natur zuwider – und das ist gut so. Auch im Ernährungsbereich gibt es kaum Grund zur Annahme, dass das, was uns die Natur ohne unser kulturelles Zutun bereitstellt, optimal ist. (Wer mag Urbanane?) Indem wir wissenschaftlich erforschen, aus welchen Nährstoffen genau wir welchen Nutzen ziehen können, und dann entsprechende Produkte bzw. “Supplemente” entwickeln, können wir den evolutionären Status quo optimieren. (Von dem höchst unwahrscheinlich ist, dass er relativ zu unseren Zielen ein Optimum erreicht hat.) Die Abneigung gegen “Supplemente” scheint völlig irrational. Was ist ein “Supplement” überhaupt? Warum sollte ein leckeres Bonbon, das etwa B12 enthält, als “Supplement” betrachtet werden? Es ist eine Nährstoffquelle wie jede andere auch, nicht “künstlicher” als manche andere. Und ohnehin gibt es keinen Grund, “Natürliches” dem kompetent erstellten “Künstlichen” vorzuziehen – ganz im Gegenteil.

(6.2) Natur-Idylle

Der Natur-Bias verleitet uns auch dazu, zu glauben, die Wildtiere hätten in der Natur ein tolles Leben. Leider scheint das Gegenteil wahr, wie der Tierethiker Oscar Horta in seinem Artikel “Debunking the idyllic view of natural processes: Population dynamics and suffering in the wild” aufzeigt. Dies liegt hauptsächlich darin begründet, dass die meisten Spezies eine Reproduktionsstrategie verfolgen, die einzig auf eine grosse Anzahl Nachkommen setzt. (Die andere, evolutionär ebenfalls erfolgreiche, leider aber viel seltenere Reproduktionsstrategie besteht darin, eine sehr geringe Anzahl Nachkommen in die Welt zu setzen, um die man sich hervorragend kümmert.) r-selection Schildkröten etwa können pro Fortpflanzungsperiode (!) bis zu 10 Nester anlegen, auf die je bis zu 100 Eier entfallen. Auf zwei Elterntiere kommen so insgesamt mehrere tausend Jungtiere. Wenn die Population stabil bleibt – und irgendwann wird sie aufgrund der begrenzten Ressourcen stabil bleiben müssen –, kann pro Elterntier aber nur ein Jungtier überleben und geschlechtsreif werden. Mit anderen Worten: Über 99.9% aller Schildkröten sterben kurz nach ihrer Geburt, nachdem sie gegen ihre viel zu zahlreichen Geschwister um die viel zu knappen Ressourcen gekämpft haben. Der Tod ist in der Natur oft brutal und unvorstellbar leidvoll (s. das Video oben, Minute 6:15).

Was wir uns intuitiv als Natur-Idylle ausmalen, ist in Tat und Wahrheit nicht selten Natur-Hölle. Es drängt sich daher die Frage auf, inwiefern genau es ethisch gut sein soll, darwinistische Ökosysteme zu erhalten. Der Konsum von Eiern z.B. hat ja zur Folge, dass die Legehennen- und Küken-Populationen erhalten werden. Angesichts dessen, was den Küken und Hennen aber widerfährt, ist dies nichts Gutes. Wie kann es dann aber gut sein, das zu erhalten, was den unzähligen Schildkröten widerfährt? Das Leben und Sterben in der Natur ist in vielen Fällen ähnlich schlimm oder gar schlimmer als das Leben und Sterben in der Tierfabrik. In beiden Situationen würden wir uns als betroffene Wesen nicht wünschen, dass die qualvollen Zustände erhalten bleiben.

Dies könnte zur “perversen” Folge haben, dass die konventionelle Fleischproduktion, die die natürlichen Ökosysteme am stärksten zurückdrängt, den heutigen Wildtieren am meisten zugute kommt. (Leider garantiert gar nichts, dass sich die Realität nicht als pervers herausstellt.) Inwiefern diese Folge heute praxis(ir)relevant ist, wird in (6.4) erörtert. 

(6.3) “Die ökologischste Form des Daseins ist die Nicht-Existenz”: Nein

Olschewski schreibt: “Die Lösung ist relativ einfach. Sie liegt darin, zu akzeptieren, dass beim Essen immer jemand das Nachsehen hat. Pflücke ich eine Heidelbeere, kann ein Vogel sie nicht mehr essen. Pflücke ich einen Salat oder auch nur ein Wildkraut, hat das Kaninchen nichts mehr zu essen. Lege ich einen Acker an, zerstöre ich ein Ökosystem und den Lebensraum für andere Tiere. Auch das Haus, in dem ich wohne, belegt Fläche, die sonst Lebensraum für andere Tiere wäre. Das ist das Leben, der Kreislauf aus Gedeih und Verderb, Fressen und Gefressenwerden, Leben und Tod. Die Realität.”

Erstens ist dies keine Lösung, sondern bloss eine Problemfeststellung. Der Lösungsweg würde darin bestehen, wissenschaftlich zu bestimmen, welche Essens- bzw. allgemein Handlungsweise dazu führt, dass die Opferzahl minimiert wird. Zweitens suggeriert Olschewskis Formulierung, dass es ethisch darum geht, möglichst wenig einzugreifen. In diesem Fall wäre die Lösungsrichtung klar: Wir sollten uns in allen Bereichen möglichst klein machen. Und die optimale Lösung wäre auch klar: Wir sollten uns möglichst schnell aus dem Spiel nehmen. – Der Denkfehler scheint hier darin zu bestehen, dass es für die von unseren Entscheidungen Betroffenen einzig wichtig ist, dass wir nicht aktiv eingegriffen haben. Doch das trifft nicht zu. Wichtig ist ihnen, dass es ihnen in dieser Welt gut ergeht. Für unser Entscheidungsverhalten bedeutet dies: Wir sollten so entscheiden, dass es als Folge unserer Entscheidungen möglichst vielen (idealerweise allen) fühlenden Wesen gut bzw. möglichst wenigen schlecht ergeht. Wenn es da draussen – etwa in Tierfabriken oder in natürlichen Ökosystemen – fühlende Wesen gibt, die stark leiden, dann kann die Lösung nicht darin bestehen, sich möglichst klein zu machen und nicht einzugreifen. Das wäre ethisch nicht zielführend, d.h. irrational. Vielmehr muss man in dieser Situation im Spiel bleiben und versuchen, sich helfend gross zu machen. Und Hilfe bedeutet Eingriff.

Zudem gibt es keinen Grund, den Horror-Kreislauf aus Fressen und Gefressenwerden hochzuhalten (und unsererseits zu allem Übel noch zu vergrössern), nur weil er dem evolutionären Status quo entspricht und in natürlichen Ökosystemen bis auf Weiteres unvermeidbar scheint. Selbst wenn wir – auch mit der Technologie des Jahres 2500, 3000 oder 10’000 – nichts Zielführendes dagegen unternehmen könnten: die Tatsache bliebe bestehen, dass das Gefressenwerden für die Betroffenen der blanke Horror ist und ethisch daher an sich ein riesiges Problem darstellt.

Weiter Olschewski: “Spielen die Zahlen eine Rolle? Sind Tod und Leid kumulativ? Wäre es wirklich relevant, dass für die Ernährung eines Menschen möglichst “wenig” Tiere sterben, würden wir zur Geburt eines jeden Menschenkindes einen Blauwal schlachten und dessen Fleisch einfrieren. Das reicht gewiss für den Rest des Lebens und so muss nur ein einziges Tier sterben, um den Menschen zu ernähren. Es versteht sich von selbst, dass auch das keine Lösung sein kann.”

Es versteht sich überhaupt nicht von selbst, dass diese Lösung schlechter wäre als der Konsum einer weit grösseren Anzahl Rinder. Und ja: Die Zahlen spielen eine unerlässliche Rolle. Wenn wir von unseren Entscheidungen betroffen wären, würden wir uns auch wünschen, dass alle oder (falls dies unmöglich ist) möglichst viele gerettet werden. Denn dann und nur dann ist unsere Wahrscheinlichkeit, gerettet zu werden, am höchsten. Wer also, bevor er sich der Welt da draussen stellt, als Entscheidungsprinzip die Rettung der jeweils grössten Zahl anerkennt, gibt jedem Individuum das Bestmögliche: die grösstmögliche Wahrscheinlichkeit, vor Leid bewahrt zu werden und ein gutes Leben zu haben. – Eine evidente Anwendung dieses Prinzips besteht darin, dass es für die “Nutztiere” natürlich besser ist, weniger Tierprodukte zu essen als mehr, und dass es besser ist, Tierprodukte zu vermeiden, die viele Opfer und viel Leid erzeugen, statt Tierprodukte zu vermeiden, die weniger Opfer erzeugen (Opferstatistik: Hühnerfleisch > Eier > Schweinefleich > Rindfleisch > Käse > Milch).

Olschewski: “Die titelgebende Frage zu beantworten, wäre demnach unmöglich. Denn messen wir die Menge des Blutes in Litern oder die Anzahl der Wunden? Zählen wir die direkten Tode oder auch die indirekten? Wie messen wir Leid? Es spielt keine Rolle.”

Natürlich spielt es eine Rolle. Ja: Die Titelfrage ist unterbestimmt. Es ist zu klären, wie das adäquate ethische Mass, d.h. das adäquate ethische Ziel überhaupt aussieht. (Offensichtlich spielt es eine Rolle, wie das Ziel, das man verfolgt, eigentlich aussieht.) Wir tappen nicht völlig im Dunkeln: Die Antwort wird etwas mit den Präferenzen und/oder dem gefühlten Leid bewusster Wesen zu tun haben. Und dass Leid schwer zu messen ist, ist kein Argument dafür, dass es sich dabei nicht um das richtige Mass handeln kann. Es gilt hier, den Evaluability Bias zu vermeiden, der uns dazu verleitet, unsere eigentlichen Ziele zu verwerfen, nur weil sie uns in dieser Welt die grösseren Messschwierigkeiten bescheren. Das ist so irrational wie die Entscheidung eines Betrunkenen, den Autoschlüssel unter der Strassenlaterne zu suchen, weil er dort etwas sieht – statt dort, wo er ihn verloren hat. Und das Leid scheint in der Tat das richtige Mass oder zumindest wichtiger Bestandteil des richtigen Gesamtmasses zu sein, denn wenn ich betroffen bin, dann ist für mich insbesondere wichtig, dass ich nicht zu leiden habe. Der Rest scheint sekundär.

(6.4) Was tun?

Die Lage ist noch viel komplexer, als wir bis anhin dachten: Die vegane Ernährung führt zu weniger “Nutztier”-Leid. Sie könnte aber zu mehr Wildtier-Leid führen als tierbasierte Ernährungsweisen, die natürliche Ökosysteme stärker eindämmen. Vielleicht dominiert letzterer Effekt, weil die Wildtiere derart zahlreich sind. Doch die Effekt-Kette nimmt hier kein Ende: Wenn tierbasierte Ernährungsweisen die Natur stärker zurückdrängen, tragen sie auch mehr zum Klimawandel bei. Dadurch erhöht sich z.B. die Wahrscheinlichkeit globaler Instabilität, was verheerende Folgen haben könnte. Auch für die Wildtiere könnten die Folgen längerfristig negativ sein: Ein wärmerer Planet könnte mehr Biomasse und daher auch grössere Wildtierpopulationen enthalten (wobei fast 100% der entsprechenden Individuen – wie oben beschrieben – ein elendes Schicksal zuteil würde). Es sind allerdings auch Klimawandel-Effekte denkbar, die für die Wildtiere positiv wären. Kurzum: Die aktuellen Unsicherheiten sind enorm. In Situationen dieser Art sind nur zwei Dinge zielführend: erstens die massive Förderung relevanter Forschung, damit wir in Zukunft ein klareres Bild davon haben werden, welche Option insgesamt die besten Folgen hat; und zweitens die Förderung der richtigen ethischen Einstellung, damit die Forschung dereinst mit höherer Wahrscheinlichkeit zielführend angewandt wird und damit sie überhaupt erst oder möglichst schnell geleistet wird. Diese Einstellung findet Ausdruck im Veganismus, der anerkennt, dass, was den “Nutztieren” widerfährt, ein ethisches Problem darstellt. Anerkennen wir dies nicht, werden wir gesellschaftlich nie an den Zielpunkt gelangen, wo wir auch das Leid der Wildtiere angemessen berücksichtigen können. Daher ist es wichtig, den Karnismus zurückzudrängen und den Veganismus zu fördern.

Wie könnte den Wildtieren systematisch geholfen werden? Schon heute werden Wildtierpopulationen beispielsweise geimpft – allerdings nicht aus altruistischen, sondern aus gruppenegoistischen Gründen: Wir wollen verhindern, dass sie uns infizieren. Wildtiere werden teilweise auch durchgefüttert – allerdings wiederum mit dem Ziel, sie dann abzuknallen und zu verspeisen. Diese Massnahmen könnten jedoch auch um der Tiere selbst willen ergriffen werden. Sie wären mit einer geeigneten Fruchtbarkeitskontrolle zu kombinieren, etwa mit der Immunokontrazeption, die bereits als gewaltfreie Alternative zur Keulung erprobt wurde. Ein (antispeziesistisch konsequenter) “Wohlfahrtsstaat für Elefanten” könnte ins Auge gefasst werden. Den Individuen derjenigen Spezies allerdings, die tausende Nachkommen in die Welt setzen, von denen die allermeisten ein elendes Leben haben, könnte bis auf Weiteres wohl nur dadurch geholfen werden, dass natürliche Ökosysteme zurückgedrängt werden. Allerdings müsste dies in einer Weise erfolgen, welche die globale gesellschaftliche Stabilität und Kooperation, die längerfristig für alle Wertesysteme und Akteure von grösster Bedeutung scheint, nicht gefährdet. Es ist unklar, ob dies zum aktuellen Zeitpunkt möglich ist. Daher ergibt sich wiederum: Was wir heute tun können, um einen möglichst grossen positiven Impact auf den Weltverlauf zu haben, ist: erstens eine ethische Einstellung gegenüber dem Leid in der Welt fördern, die sich kooperativ zeigt; und zweitens die relevante Forschung vorantreiben.

Dabei wird die Bewusstseinsforschung eine wichtige Rolle spielen. Olschewski schreibt in diesem Zusammenhang: “Veganismus bezieht sich in der Regel nur auf fühlende Wesen. Eine oft bequeme, jedoch willkürlich gezogene Grenze, um letztlich beispielsweise zu Heuschrecken als Nahrungsquelle greifen zu können – dies schließt freilich auch Milchsäurebakterien aus fermentierten Lebensmitteln wie Sauerkraut ein. Doch woher kommt diese Gewissheit? Sind Spinnen und Insekten wirklich gefühllos und ohne Bewusstsein? Noch vor wenigen hundert Jahren war die Auffassung geläufig, Tiere seien lediglich Automaten, Maschinen und eines Wesens nicht fähig. Dies hat sich geändert. Sollten wir ausschließen, dass auch Spinnen und Insekten zum Fühlen fähig sind?”

Sich nur auf fühlende Wesen zu beziehen, scheint angemessen. Denn was nichts fühlt und nie etwas gefühlt hat – ein Stein etwa – kann weder Leid empfinden noch Wünsche haben, denen man zuwiderhandeln kann. Dinge, die nicht fühlen und nie gefühlt haben, kann man nicht schädigen, denn keine Zustände sind für sie gut/schlecht. Das gilt für Steine, es galt für “mich” als Embryo und es gilt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für Pflanzen: Pflanzen zeigen weder das Verhaltensrepertoire, das für Bewusstseinszustände charakteristisch ist, noch verfügen sie über ein zentrales Nervensystem (oder eine analoge Struktur), wie sie für Bewusstsein erforderlich zu sein scheint. (Dennoch: Hier eine Diskussion über die mögliche Relevanz extrem unwahrscheinlichen Pflanzenleides, hier ein TED-Beitrag zur “Pflanzenintelligenz”.)

Was Insekten angeht, sollte unser Gewissheitsgrad weit tiefer liegen. Olschewski suggeriert, Veganer würden dogmatisch ausschliessen, dass Insekten empfindungsfähig sind. Das ist nicht der Fall: Die Ablehnung des Honigs etwa ist auch Ausdruck der Haltung, dass Bienen ethisch zählen – oder dass wir uns zumindest nicht hinreichend sicher sein können, dass sie keine fühlenden Wesen sind und daher nicht zählen. Aktuell wissen wir noch zu wenig über das Bewusstsein im Allgemeinen und Insekten im Speziellen, um Aussagen mit hohen Wahrscheinlichkeitsgraden treffen zu können. Hier sind einige wissenschaftliche Artikel und Überlegungen zum Thema “Leidempfindungsfähigkeit bei Insekten” versammelt. Die Unterschiede zwischen verschiedenen Insektenspezies sind beträchtlich und zumindest bei einigen scheint die Wahrscheinlichkeit nicht vernachlässigbar, dass Bewusstsein vorliegt. Weil sie derart zahlreich sind, könnten sie selbst bei geringster Bewusstseinswahrscheinlichkeit ethisch hochrelevant sein (Maximierung des Erwartungswerts). Die angewandte Forschung könnte hier z.B. versuchen, “humanere Insektizide” zu entwickeln, die Insekten schnell töten, statt sie lange (und vielleicht qualvoll) dahinsiechen zu lassen.

Abschliessend: Wie soll es jemals möglich sein, all diese Fragen ernsthaft, offen-rational und wissenschaftlich kompetent anzugehen, wenn die Gesellschaft noch nicht einmal akzeptiert, dass es ein ethisches Problem ist, fühlende Wesen zum trivialen Gaumenspass massiv zu schädigen? Gewiss nicht mit urgeschmacklichen Eiern, Lammfleisch und Weiderindern. Der Veganismus verleiht der Tatsache Ausdruck, dass ethisch nicht geht, was den “Nutztieren” widerfährt, und dass wir eine Welt anstreben sollten, in der im Optimalfall allen fühlenden Wesen, die zur Welt kommen, ein leidfreies Leben garantiert ist. Dabei ist unsicher, wie die Gesamtfolgen verschiedener Ernährungsweisen genau aussehen (Wildtiere, Klimawandel etc.). Die rationale (Entscheidungs-)Lösung besteht vor diesem Hintergrund hier und heute darin

(a) die faktisch bestehende Riesenunsicherheit anzuerkennen (Overconfidence Bias ist eine der fatalsten Fehlerquellen der menschlichen Kognition),

(b) sie durch relevante Forschung möglichst schnell zu reduzieren zu versuchen,

(c) eine ethische Haltung gegenüber dem Leid in der Welt zu kultivieren und zu fördern, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass Forschungsergebnisse verantwortungsbewusst angewandt werden und dass die relevante Forschung möglichst schnell oder überhaupt geleistet wird. Das Leid der “Nutztiere” ist das erste Problemglied in der langen Kausalkette. Wir können es vergleichsweise gut überblicken und leicht aufheben, indem wir unsere Tierausbeutung abschaffen und damit einer neuen ethischen Haltung zum Durchbruch verhelfen, die zur Lösung der grösseren Probleme unerlässlich ist.

Link zum Originalartikel der gbs Schweiz

Was bei der Vegetrarischen Diskussion oft ausgeblendet wird, sind die modernen Ersatzsstoffe, die nicht mehr unterscheidbar sind (Lebensmittel – Knackig vegetarisch, SZ 10.4.) und die moderne Alternative der Fleischerzeugung in der Retorte. Beim Retortenfleisch spart man sich die Diskussion komplett, das ist moderne Ingenieur- und Verfahrenstechnikerleistung anstelle der überkommenen Turbokühe, Mastschweine und Hormonhühner.




Islamisierung III


firearm-409000_640Der Titel ist bei Frank Berghaus geklaut, der unter Islamisierung I und II über Risiken und Nebenwirkungen der sogenannten Islamisierung geschrieben hat. Am 6.2. (aktualisiert 9.2.) hat ZEIT ONLINE ein Interview mit dem Ökonomen Paul Collier gebracht, in dem der Interviewer Philip Faigle ihm bedenkenswerte Antworten zu Fragen der Integration abverlangte.

Der lesenswerte dreiteilige Artikel heißt etwas reißerisch Migration "Wir reichen den Menschen den geladenen Revolver" (Bild: stevepb, pixabay). Inhaltlich geht es aber sachlich zu.

Der Oxford-Professor kann in seiner unaufgeregten Art Dinge aussprechen, die woanders zu heftigen Reaktionen führen würden. Er warnt vor falschen Tabus, und er findet Misstrauen gegen Migranten normal. Zugleich sagt er, dass Europas Migrationspolitik tötet. Ausgewogenheit auf allen Ebenen. Hier ein kurzes Referat über die inhaltlichen Schwerpunkte:

Bürgerprotest

Der Einstieg geht über Pegida, den Bürgerprotest gegen die "Islamisierung des Abendlandes". Die ausgewogene Antwort heißt, der dort geäußerte Hass sei unentschuldbar, man müsse sich aber mehr Mühe geben, solche extremen Bewegungen zu verstehen, zumal sie auch in anderen Ländern aufkommen.

Die Studien des Professors legen als Ursache nahe, dass die Politiker der Mitte es versäumt haben, das Thema Migrationspolitik zu besetzen. Es sei ein vertrauter Befund der akademischen Forschung, dass Menschen überall beunruhigt sind, wenn sich ihre vertraute gesellschaftliche Umgebung durch Einwanderung ändere. Nicht die Migration selbst verursache die Sorgen, sondern das Totschweigen des Themas durch die Politik.

Die Debatte sei emotional, lächerlich und polarisiert, weil sie in der  Frage gipfelt, ist Einwanderung gut oder schlecht? Die einen seien  bedingungslos für mehr Einwanderung, die anderen lehnen sie pauschal ab. Die richtige und entscheidende Frage sei dagegen, wie viel Migration ist für alle am besten?

Wie viel Migration?

Das sei die wesentliche Frage für die reichen Länder, in die gewandert wird, und auch für die Herkunftsländer. Maßgeblich seien auch nicht die ökonomischen Folgen der Einwanderung, sondern die sozialen Folgen. Und hier kommt die wesentliche Differenzierung:

Ein gewisses Maß an kultureller Verschiedenheit nutze einer Gesellschaft, weil die Migranten Innovation und Abwechslung bringen. Wenn die Gesellschaften zu ungleich werden, können aber negative Folgen eintreten. Je verschiedener die Gesellschaft zusammengesetzt ist, desto schwieriger werde die Kooperation innerhalb von solchen Systemen, darüber seien sich die Forscher einig.

Zu viel Migration könne daher schädlich sein, so Collier. Das wirke sich dann negativ auf die Großzügigkeit gegenüber den Bedürftigen aus, wie sie in den europäischen Gesellschaften herrscht. Ein zu hohes Maß an Migration senke die Bereitschaft von Gesellschaften, großzügige Sozialleistungen zu gewähren, wie zahlreiche Studien belegten. Die Gesellschaften sollten darüber verhandeln, welches Maß angemessen ist. Die Politik sollte zwischen den aufgeschlossenen Jungen und den eher misstrauischen Alten vermitteln.

Zwei Seiten

Das pauschale Argument, Deutschland müsse aus demografischen Gründen mehr Zuwanderung haben, hält Collier für einen "bizarren Irrtum". Immigration könne nicht die erste Wahl sein, um solch ein dauerhaftes Problem wie das demografische zu lösen. Man sollte anders anfangen, die Bevölkerung zu stabilisieren.

Man dürfe auch nicht vergessen, dass die Migration neben den Schwierigkeiten in unseren eigenen Ländern auch in den Herhunftsländern Probleme verursache. Dort entstehe ein Verlust, wenn sich talentierte Menschen auf die Reise machen, die zuhause als Motor von Fortschritt und Entwicklung dienen können. Das verzögere oft die Fähigkeit dieser Länder, zu den reicheren Ländern der Welt aufzuschließen.

Das rechtfertige die Aussage, wir lebten auf Kosten dieser Länder. Nur ein Land hindere seine Einwohner an der Ausreise, nämlich Nordkorea. Für alle anderen Länder sei unsere Migrationspolitik von Bedeutung, wir entscheiden dadurch auch über das Wohlergehen dieser Staaten.

Das Argument, die Immigranten würden viel Geld zurücküberweisen, hält Collier für "etwas gedankenfaul". Es kämen ja weniger die Bedürftigen zu uns, sondern Menschen mit vergleichsweise guter Ausbildung und ein wenig Geld. Auch in den Herkunftsländern sei das eine Frage des richtigen Maßes. Da könne die Auswanderung  positive Effekte haben, bis es zuviel wird, und dann nähmen diese Länder Schaden.

Die offene Tür

Tatsächlich sei dieser Punkt in vielen armen Ländern schon überschritten. Diese Länder erlebten einen Exodus. Das Paradox sei die Entwicklungshilfe auf der einen Seite und die schädliche Migrationspolitik auf der anderen Seite. Aber können die reichen Länder überhaupt beeinflussen, wer sich auf die Reise macht?

Hier redet Collier Klartext, wir sollten nicht aufhören, die Einwanderung zu steuern. Auf die Schwierigkeiten bei der Zuzugskontrolle hinzuweisen sei ein unehrliches Argument. Nach Umfragen sei zu erwarten, dass rund 40% der Einwohner ärmerer Länder gerne im reichen Teil der Erde leben wollten. Würde also Deutschland seine Tore aufmachen, würden diese Leute irgendwann kommen, deshalb sei die offene Tür ist keine Option.

Der Interviewer fragt nochmal nach, ob das so sicher sei. Collier gibt darauf zurück, dass es zwei entscheidende Faktoren für die weltweite Migration gebe. Das seien die Einkommenskluft zwischen den Staaten und die Größe der jeweiligen Diaspora ("Verstreutheit") in den Zuwanderungsländern.

Nun sei die Schere zwischen den reichen und armen Ländern der Erde in den vergangenen Jahrzehnten aufgegangen, was die Migration beschleunige. Auch durch die Diaspora werde die Zuwanderung weiter angetrieben. Irgendwann später mag sich die Situation ändern, aber bis dahin seien Einwanderungskontrollen kein Relikt aus rassistischen Zeiten, sondern ein absolut notwendiges Instrument.

Tödliche Politik

Auch wenn die Abriegelung der Grenzen so schreckliche Folgen hat wie im Mittelmeer, wo Tausende ertranken? Heißt das nicht, dass unsere Grenzpolitik Menschen tötet? Ja, sagt Collier, unsere Politik sei tödlich, denn wir machten den Menschen falsche Hoffnungen. Warum setze sich denn jemand in ein Boot und riskiere sein Leben?

Einmal natürlich, weil er 4.000 Dollar für die Schlepper aufgetrieben habe und bereit sei, ein Risiko einzugehen. Zum anderen, weil er weiß, er bekommt viel mehr Rechte, sobald er bis zum Strand von Lampedusa geschafft hat. Dieses unausgesprochene Versprechen locke die Menschen in die Boote, mit der Konsequenz, dass mittlerweile 17.000 Menschen gestorben sind.

Das führt zu dem Revolver-Spruch: Wir drücken den Menschen den geladenen Revolver in die Hand und sagen: Komm, spiel Russisch Roulette. Das sei keine moralisch robuste Position, sagt Collier, und nebenbei förderten wir eine kriminelle Industrie, die sich auf die Schlepperei von Flüchtlingen spezialisiert hat.

Alternative

Als Alternative müssten wir zuerst dafür sorgen, dass die wirklich Bedürftigen kommen, und dazu müsse das Asylverfahren dorthin verlagert werden, wo die Reise beginnt, also außerhalb Europas. Wer dort Asyl erhalte, solle auf legalem Weg kommen dürfen.

Aber wenn in den Flüchtlingscamps Hunderttausende in Not seien, wie soll dann entschieden werden, wer Asyl bekommt und wer nicht? Auf diese schwierige Frage stellt Collier die Gegenfrage: Wie wird es denn heute entscheiden ? Diejenigen werden belohnt, die 4.000 Dollar zusammenbekommen und risikobereit genug sind. Aber diese Leute seien nicht unbedingt diejenigen, die unsere Hilfe am ehesten benötigen, eher seien sie die Gewinner einer Lotterie, quasi nur die Spitze des Eisberges.

Darin sieht Collier ein Grundproblem unserer Politik. Wir müssten uns mehr um die Menschen kümmern, die zurückbleiben. Und wie das möglich sein soll? Collier schweben dazu kleine Fabriken vor, die für den Weltmarkt produzieren, und die Know-How ins Land bringen. Wenn der Westen dafür seine Handelsregeln ändern würde, könnte  er den Menschen in diesen Ländern langfristig helfen – soweit das Interview.

Wie real ist das?

Ob dieser Hilfsansatz in Ländern Erfolg haben kann, wo Anarchie oder Kleptokratie herrscht? Richtig erscheint der Gedanke, dass vor Ort gehandelt werden muss. Die schlechten Regime müssen zur Besserung gezwungen werden, damit der Anreiz geschaffen wird, zuhause erfolgreich zu werden. Aber wer enrtscheidet, was schlecht ist? Und was für Sanktionsmaßnahmen sollen ergriffen werden? Einmischungen von außen werden oft in Hass gegen den Einmischer umgesetzt.

Wenn man in den Steueroasen ansetzen könnte und den Kleptokraten das gestohlene Geld abnehmen könnte, wäre schon viel gewonnen. Da stellt sich aber erst recht die Frage, wie real ist das? In den letzten 30 Jahren haben nur die Steuerbehörden der USA durchgegriffen, und im Wesentlichen nur in der Schweiz. Alle anderen Erfolge kommen von Leaks und Steuer-CDs. Das besagt nix Gutes für die Chancen zur Besserung.

Links dazu:




Quantum Dawn


ThoreThore D. Hansen (Mitglied der Initiative Humanismus) über seinen Wirtschaftsthriller „Quantum Dawn“.

Das Finanzsystem wird in einer der größten Blasen aller Zeiten in die Luft fliegen oder dahinsiechen. Beides keine guten Optionen, aber das unweigerliche Resultat eines entfesselten Raubtierkapitalismus und einer Politik, die nicht mehr dem Gemeinwohl dient! Griechenland und Spanien könnten der Anfang vom Ende eines Kapitalismus bedeuten, der seine unmenschliche Fratze nicht mehr verbergen kann.

Mitte 2013 entschied sich der Autor Thore D. Hansen die Hintergründe der Finanzkrise und des Geldsystems in einem Thriller zu verarbeiten. Nichts ahnend entwickelte sich durch die Recherchen ein Plot, der zwischen Januar und Februar 2014 durch eine unheimliche Serie von Selbstmorden unter Bankmanagern eine zusätzliche Steilvorlage bekam und nicht zuletzt durch die Entscheidung der Europäischen Zentralbank die Geldschleusen ins unermessliche zu öffnen, sowie die Offenlegung zahlreicher Interessenkonflikte, die in dem Thriller zur Sprache kommen.

In seinem Roman „Quantum Dawn“ spielt der Autor mit recherchierten Fakten und schickt seine Hauptfigur, die Scotland-Yard-Polizistin Rebecca Winter in einen Alptraum der international entfesselten Finanzgiganten. Zunächst sorgt ein Mord in der Finanzwelt für Unruhe in den geheimen Zirkeln des Geldsystems. Schnell entdeckt Rebecca Winter, dass ein geheimer Algorithmus die Ursache für eine einsetzende Mordserie ist: Den Börsen, durch ihre technische und globale Vernetzung angreifbar und manipulierbar wie nie zuvor, droht ein gigantischer Crash. Winter stößt auf einen Plan, der die uns bekannte Zivilisation bis ins tiefste Mark treffen wird. Hansen spielt in seinem Thriller mit realen Begebenheiten. Dass die großen Player wie die Deutsche Bank, Goldman Sachs & Co. die von ihnen entfesselten Kräfte der Finanzwelten schon lange nicht mehr kontrollieren können, ist mittlerweile jedem klar. Doch Thore D. Hansens Thriller entwirft ein kompaktes Schreckensszenario, das von Seite zu Seite beklemmender wird – weil das, was er erzählt, möglicherweise längst Wirklichkeit ist.

Der ungeklärte Tod des Investmentbankers führt die Scotland-Yard-Polizistin Rebecca Winter schließlich zu dem BND-Agenten und Kryptologen Erik Feg. Er entschlüsselt einen Code, der die automatischen Handelssysteme an den Börsen weltweit manipulieren könnte. Winter und Feg geraten mitten in den Kampf einer unbekannten Gruppe von Herren, die sich in Brüssel und an den Schaltstellen europäischer Politik eingenistet haben, um einen geheimen Plan umzusetzen. Was zunächst nach kriminellen Machenschaften einiger skrupelloser Banker aussieht, entpuppt sich schnell als Abgrund eines globalen Kampfes um die Vorherrschaft des Geldes. Doch aus den Eliten des Geldes scheint sich eine Opposition zu bilden, mit der keiner gerechnet hat. Fast 500 Seiten pure Spannung zu einem der brisantesten Themen unserer Epoche.

Interview mit Thore D. Hansen zu seinem Thriller „Quantum Dawn“

Herr Hansen, wie kam Ihnen die Idee, das brisante Thema Finanzcrash in einen Thriller zu verpacken?

Neben meiner Arbeit als Wirtschaftsjournalist habe ich während und nach dem Ausbruch der Finanzkrise zwei europäische Banken beraten. Die Weigerung des Managements, Verantwortung zu übernehmen, die Arroganz und die Gier, das fast sektenhafte Verhalten dort hatte auch Kontakt zu einem Hedgefonds-Manager, der durch die Krise mehr als 500 Millionen Dollar verloren hat und sich seither nach Vergeltung sehnt. Es gibt also auch wohlhabende Opfer der Manipulationen am Markt, und die Betroffenen geben gerne preis, was sie wissen. Täter und Opfer in dieser Liga der Finanzoligarchie vereint aber eines: die Ignoranz gegenüber dem Schicksal von Zehntausenden Kunden, denen diese Banken massiv geschadet haben und weiter schaden. Als dann im Januar 2014 mehr als 20 Bankmanager weltweit in kürzester Zeit Selbstmord begingen, hatte ich quasi die Steilvorlage, denn einige dieser Selbstmorde sind bis heute nicht aufgeklärt und geben Anlass zu wildesten Spekulationen.

Im Augenblick braut sich am Markt die größte Blase aller Zeiten zusammen. Welche konkreten Bedrohungen, die in Ihrem Roman eine Rolle spielen, sehen Sie derzeit für die Weltwirtschaft?

Hansen_Quantum_Dawn_72Es gelingt der Politik nicht, die entfesselte Gier zu bändigen. Wenn dem nicht Einhalt geboten wird, dann breitet sich in unseren Gesellschaften eine derartige soziale Unruhe aus, dass die Regierungen größte Mühe haben werden, ihre Länder noch zu regieren. Etliche prominente Sachbuchautoren prognostizieren ja bereits das Ende des Kapitalismus. Ich treibe das in »Quantum Dawn« auf die logische und unvermeidliche Spitze: Indem ich die technischen Gefahren, in der die Weltbörsen durch ihre Vernetzung schweben, mit den Möglichkeiten einer Panikreaktion durch die Manipulation der Medien und den realen Zahlen der Weltwirtschaft sowie den Hintergründen der Finanzkrise verknüpfe, entsteht ein Kaskadeneffekt, der jederzeit eintreten kann. Das ergeben nicht nur meine Recherchen, das haben mir auch Insider bestätigt. Die Verflechtung der internationalen Konzerne und Banken zu Finanzriesen wie Black Rock, KKR und anderen Playern, die uns mit Insiderwissen und Kumpanei an den Rand des Kollaps bringen, ist ein idealer Stoff für einen Thriller. Die Politik steht weiter hilflos da und bezeichnet alles als alternativlos. Das Ganze ist größtenteils in seinen Einzelheiten bekannt, aber wir leben in einer Traumblase, die jederzeit platzen kann.

Wo steht der Kapitalismus heute?

Für mich gleicht der Kapitalismus, der sich nach dem Ende der Sowjetunion entwickelt hat, heute einer feudalen Struktur. Nicht mehr der Staat ist für die Demokratie und Freiheit die größte Bedrohung, sondern Aktiengesellschaften, Technologie, das Internet und geheime Algorithmen. Aber auch die Menschen – die Konsumenten und ihre überwiegend stille Selbstzensur – sind das Problem. An diesem Verhalten droht auch eine meiner Hauptfiguren zu scheitern, während eine andere Figur diese Zeit durch ihren hedonistischen Lebensstil und Zynismus zu verarbeiten sucht. Das System produziert entweder Mitläufer oder gebrochene Biografien. Es braucht heute keine offene Diktatur mehr. Die Angst vor sozialem Abstieg ist so groß, dass jeder weitermacht, alle Selbstoptimierer,  bis zum bitteren Ende. Es war mir wichtig zu zeigen, wie sich die entkoppelten Mächte des Geldes auf uns auswirken und was es bedeutet, wenn wir uns diesen Tatsachen nicht zuwenden und auf ein »Es geht schon irgendwie weiter so!« setzen. Mich erinnert das an den Niedergang des Römischen Reiches. Wie schnell und atemlos unser System zusammenstürzen kann, wollte ich in einen Thriller packen, einen Thriller, den die Realität schreibt.

Halten Sie das Szenario Ihres Thrillers für realistisch?

Ich habe nicht umsonst in dem Buch alle relevanten Player beim Namen genannt, und zu 80 Prozent besteht dieser Thriller aus bereits veröffentlichten Fakten. Die Mischung aus Staatsschulden, fragiler Weltwirtschaft, überbewerteten Aktien und geschürten Krisen, die Angreifbarkeit von vernetzten Börsen durch Hacker und nicht zuletzt die Unfähigkeit der Verantwortlichen, sich das Primat der Politik zurückzuerobern, das alles ist ja keine Fiktion. Die Implosion ist jederzeit möglich, und mit der Meinung stehe ich weiß Gott nicht alleine da. Meine Aufgabe als Autor sah ich darin, daraus einen spannenden Lesestoff mit ebenso spannenden Figuren zu entwickeln.

Was ist die Ursache für diese düstere Prognose?

Sie ist nicht nur düster. Je mehr Menschen sich dessen bewusst werden, desto besser sind wir auf eine postkapitalistische Gesellschaft vorbereitet. Für die Figur Rebecca Winter, eine unverbesserliche Idealistin, wird die Begegnung mit dem BND-Agenten Erik Feg zu einer Reise in den Abgrund der globalen Machtverhältnisse, und sie wird gezwungen, ihr Rechtsverständnis infrage zu stellen, ja sogar Morde hinzunehmen, da sie erkennen muss, dass der Staat, dem sie dient, nicht die Interessen verfolgt, die sie selbst antreiben. Eine der Ursachen für den Niedergang des Kapitalismus liegt, so merkwürdig es sich zunächst anhört, eben gerade im Zusammenbruch des Kommunismus. Ab diesem Zeitpunkt hat man alles den freien Märkten überlassen, da man den Kapitalismus für das überlegene System hielt. Nun bekommen alle dafür die Quittung. Entweder es kommt 2015 oder 2016 zu einem schnellen großen Knall oder aber zu einem Dahinsiechen, indem immer mehr Menschen quasi schleichend enteignet werden und sich der Mittelstand zu einer neuen Art von Proletariat mit allerdings hohem Bildungsniveau entwickelt. Dieser Entwicklung stellt sich in »Quantum Dawn« ein geheimer Zirkel entgegen. Rund um die Welt wurden nach 1986 die Kontrollen gelockert, die Banker reich, und die Unternehmen schoben mithilfe der Banken 580 Billionen Dollar am Fiskus vorbei. Es wäre sinnvoller, die Armeen der Welt vor den Bahamas, den Cayman-Inseln und anderen Steueroasen aufmarschieren zu lassen und das Raubgut von Banken und Unternehmen zu konfiszieren, dann wären alle Staatsschulden getilgt, aber genau das will niemand. Solange die Wirtschaft auf Wachstum durch Verschuldung setzt und Institutionen wie die Weltbank und der IWF existieren, wird sich nichts ändern, und es kommt zum nächsten Crash, von dem wiederum wenige Auserwählte dank Insiderwissen profitieren. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Goldman Sachs und andere Player von der Lehman-Pleite überrascht waren.

Sie haben mit Ihrem vorigen Thriller Silent Control teilweise den NSA-Skandal vorhergesehen. Haben Sie keine Angst, dass auch das aktuelle Szenario eintreten könnte?

Das ist mein Beruf: sich ein Jahr einzugraben und alles minutiös zu recherchieren und in ein denkbares Szenario zu verpacken, Figuren zu entwickeln, die unseren Zeitgeist widerspiegeln, und für Spannung zu sorgen. Was mich wirklich beunruhigt, ist, dass wir jetzt in einer Situation sind, wo alles in die Hände einer winzigen Minderheit geraten ist. Sie bilden eine abgehobene Super-Elite, die tun und lassen kann, was sie will.

Mehr zum Buch unter http://www.europa-verlag.com/Buecher/34/Quantum-Dawn.html

Der Krimitipp von 3Sat http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=49

Und: http://www.amazon.de/Quantum-Dawn-Thore-D-Hansen/dp/3944305795/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1423935064&sr=8-1&keywords=Quantum+Dawn

 




Durch Glaubens- und Überzeugungssysteme partiell krank oder „nur“ partiell dumm?


glasses-492910_640.jpg muss sein (Bild: Hebi65, pixabay). Der Autor dieses Namens bloggt unter dem Logo Religiosität erzeugt Verblödung oder umgekehrt? Damit hat er eine fundamentale Frage gestellt, die wohl nie eindeutig entschieden werden kann. Anders kann es mit Klarsichts aktueller Frage sein:

 

Durch Glaubens- und Überzeugungssysteme partiell krank oder „nur“ partiell dumm?


Menschen, die das Empfinden haben, sich in der glücklichen Lage zu befinden, mit einer wenigstens halbwegs „normalen“, rationalen, realitäts- und vor allen Dingen ausschließlich diesseits bezogenen Denk- und Verhaltensweise durchs Leben zu gehen, drängt sich oft mit unwiderstehlicher Macht der Verdacht auf, dass man es in religiösen Glaubens- und Überzeugungssystemen mit wenigstens wahnähnlichen Systemen zu tun haben könnte. Ihr Verdacht gründet sich darauf, dass dort Denk- und Verhaltensweisen vorherrschen, die nach ihrer Ansicht  normalerweise eigentlich von jedermann durchweg als irrational und illusionär identifiziert werden müssten. Die Ideologien, die dort allein und ausschließlich als verbindlich und wahr gelten, sowie die weltlichen und als existent vorausgesetzten transzendenten, nebulösen „Autoritäten“, denen man sich dort devot-servil unterworfen fühlt, stützen für diese Menschen den Verdacht. Das gilt schließlich auch für den für sie bis ins Lächerliche und Absurde gehende Kult, den man dort durchgängig in verschiedener Ausprägung zu Ehren der Ideologien und „Führungsautoritäten“ (Gott, Jesus, Papst und Allah) etabliert hat und pflegt.

Beim „genuinen“ Christentum und Islam können sich die oben genannten Menschen kaum des Eindruckes erwehren, es auch heute noch mit wahnähnlichen Systemen zu tun zu haben. Das kann  in manchen Fällen natürlicherweise dazu führen, dass diese Menschen solchen Systemen ablehnend bis hin zur Feindseligkeit gegenüber stehen. Darüber dürfte man sich nicht wundern und auch nicht aufregen, sollte man es denn tun. Eine solche ablehnende oder gar feindselige Haltung hat auch nichts mit Intoleranz gemein. Denn man wird doch wohl nicht ernsthaft Menschen, die zumindest für sich etwas als wahnhaft identifiziert haben, es zumuten wollen, dass sie das Wahnhafte freundlich als willkommen und existenzerhaltend zu betrachten haben, und gegen das sie nichts gewaltfrei und gesetzeskonform zu seiner Abwehr unternehmen dürfen? Mit gleicher Ablehnung oder Feindschaft stehen die hier angesprochenen Menschen dann natürlich auch oft den Institutionen (z. B. Amtskirchen) und deren Vertretern (Klerikern) gegenüber, weil sie ja für die Verbreitung, Aufrechterhaltung, monetäre und argumentative Stützung dieser zumindest subjektiv als wahnähnlich identifizierten Systeme sorgen und verantwortlich sind. Und dies gilt besonders dann, wenn auch Kinder und Jugendliche von Aktivitäten (Missionierungen) aus den genannten Systemen heraus betroffen sind.

Auch der konkrete Sachverhalt: „Vom kommenden Jahr an wird das reichste Prozent der Weltbevölkerung mehr als die Hälfte des weltweiten Wohlstands besitzen“ (1) kann für Ablehnung und Feindschaft insbesondere gegenüber der katholischen Amtskirche sorgen. Denn sie mit ihren unüberschaubar vielen Rechtsträgern zusammen mit dem Vatikan besitzt ein Vermögen von mehreren hundert Milliarden Euro. Damit gehört die katholische Amtskirche als juristische Person (Körperschaft des öffentlichen Rechts)  zu dem reichsten Prozent der Weltbevölkerung. Gleichwohl fühlt sie sich nicht dazu gedrängt, ihr Vermögen dem Gemeinwohl der Menschen zuzuführen. Statt dessen sitzt die katholische Amtskirche nur auf ihrem riesigen Vermögen und ist ständig darum bemüht, es noch zu vermehren. Liegt in diesem Verhalten im Verhältnis zu ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung, die sie manchmal für sich zu sehen meint (z. B. bei der „Sterbehilfedebatte“),  nicht eine Form von kollektiver, partieller Krankheit/Dummheit vor? Auch die Politik sieht hier scheinbar keinen Handlungsbedarf, an diesem „Missstand“ etwas zu ändern. Die katholische Amtskirche, die oft meint, Demut und Bescheidenheit predigen zu müssen,  steht also nicht auf der Seite der Menschen, die zu den 99% gehören, wo Armut und Hunger in großem Ausmaß herrschen. Für diese Menschen betet der Klerus von ihr aber immerhin oder lässt für sie beten und ruft zu Spenden für sie auf. Sie hilft mit allem, was für sie nichts oder nur wenig kostet.

In diesem Kontext wird auf C. F. v. Weizsäcker verwiesen, der sich wie folgt geäußert haben soll: „Und ich möchte keinen Zweifel darüber lassen: Ich akzeptiere sie [die Wissenschaft] zunächst einmal willig so, wie sie sich selbst versteht. (…) Sie zielt auf Überwindung des Wunschdenkens, auf Einübung der Selbstkritik, auf Distanz zur eigenen Ideologie, auf Erwachsenwerden“ (C. F. v. Weizsäcker, 1978, Ausg. 1981, S. 119; Hervorh. vom Verfasser). „An sich ist Wahrheit intolerant; wer weiß, daß 2×2=4 ist, kann zwar schweigen, aber er kann nicht ehrlich zugeben, es könnte auch 5 sein; und wenn das Wohl der Gemeinschaft daran hängt, daß 2×2=4 erkannt oder anerkannt wird, so muß er für diese Anerkennung kämpfen. Toleranz als Wahrheitsneutralität ist selbstzerstörerisch“ (C. F. v. Weizsäcker, 1980, 1986, S. 50 f.). (2)

Tatsächlich wahnhafte oder nur wahnähnliche Glaubens- und Überzeugungssysteme können gesundheits- und/oder bildungsschädlich sein, wenn man sich ihnen zuwendet, was sicher empirisch nicht von der Hand zu weisen sein dürfte. Es können direkte oder indirekte gesellschaftliche, physische und/oder psychische Schäden durch sie entstehen (siehe z. B. der „IS“), und es kann durch sie ein unterschiedlich ausgeprägtes Bildungsdefizit bei den Mitgliedern einer Gesellschaft verursacht werden, so dass es auch zumindest zu partieller Dummheit führen könnte (siehe z. B. „Über das Mittelalter senkte sich die Finsternis"). (3)  

Jeder Mensch, der einigermaßen bei Verstand ist, wird irgendwie versuchen, sich und andere vor den schädlichen Auswirkungen wahnhafter oder wahnähnlicher Glaubens- und Überzeugungssysteme zu schützen.

Bisher hat man „nur“ solche Menschen, die z. B. in Kriegen als Feinde betrachtet wurden, auf die eine oder andere Art und Weise absichtlich krank gemacht, oder es wurde versucht, sie krank zu machen (auch geistig /psychisch), was sogar so weit ging, dass man Menschen mit Tötungsabsicht krank machte.

Wenigstens vonseiten humanistisch gesinnter und mit einem naturalistischen Weltbild ausgestatteten Menschen darf es insbesondere den beiden christlichen „Glaubenskonzernen“ (Amtskirchen) und dem Islam mit deren Klerikern in unserer modernen Zeit endlich nicht mehr widerstandslos gestattet werden, dass sie mit ihren Glaubenssystemen, die man aufgrund ihrer in Vergangenheit und Gegenwart viel zu oft schädlichen Wirkung durchaus als wahnhaft oder wahnähnlich begreifen kann, weiterhin Menschen in sicher nicht wenigen Fällen auf die eine oder andere Art und Weise wenigstens partiell krank und/oder dumm machen (halten), obwohl wir uns in keinem Kriegszustand befinden.

Wenn ein Mitmensch „unschuldig“ zwanghaft von einem Glaubens- und Überzeugungssystem befallen ist, muss er in der Regel keine Ablehnung oder gar Feindschaft vonseiten humanistisch gesinnter und mit einem naturalistischen Weltbild ausgestatteten Menschen fürchten. Ausnahmsweise wäre es z. B. gegenüber Mitgliedern des „IS“ verständlicherweise wohl anders, zumal man sich vor diesen Monstern in Menschengestalt fürchten müsste. In der Regel wäre es aber unmenschlich, solche scheinbar partiell kranken und/oder partiell dummen Menschen wegen ihrer Krankheit und/oder Dummheit abzulehnen oder als Feinde zu betrachten. Im Gegenteil! Man  sollte ihnen immer und in jedem Falle nicht nur wünschen, dass sie möglichst wieder ganz gesund werden bzw. ihre Dummheit sich im größtmöglichen Maße verringert, sondern man sollte, wenn irgend möglich, auch dazu beitragen, dass sie gesund werden bzw. ihre Dummheit weitestmöglich verlieren (siehe zu Dummheit Dr. Alois Reuterer. (4) Sie aber auch „Keine Macht den Doofen“, Dr. Michael Schmidt-Salomon). (5)

Normalerweise führt eine Krankheit dazu, dass der Kranke auf irgendeine Art und Weise leidet und/ oder Schmerz empfindet, was ihn natürlicherweise dazu veranlasst, dass er selbst darauf hinwirkt und/oder durch andere Menschen darauf hinwirken lässt, die Krankheit wieder los zu werden.

Es gibt Zustände von Krankheit und/oder Dummheit, die vom Betroffenen selbst scheinbar nicht wahrgenommen werden, weil sie kein Leid- oder Mangelempfinden und/oder Schmerz verursachen. Und es scheint das Phänomen zu geben, dass Menschen objektiv von einer Krankheit und/oder Dummheit befallen sind, sie aber für sich (subjektiv) nicht als Krankheit und/oder Dummheit empfinden, sondern sogar als gewollten Zustand angestrebt haben und erhalten wollen. Hier wird natürlich, wie unschwer zu erkennen sein dürfte, auf die tückische (partielle?) Krankheit und/oder Dummheit angespielt, wie sie oben schon angesprochen wurde.

Weil Ratio, Vernunft und Intellekt eines Menschen offensichtlich von einem als tatsächlich wahnhaft oder nur wahnähnlich identifizierten Glaubens- und Überzeugungssystem signifikant lahmgelegt werden können, führt diese Fakten- und Sachlage fast automatisch dazu, hier eine gewisse Analogie zu der Lahmlegung des biologischen Immunsystems durch Viren oder Bakterien zu sehen. Wer es akzeptiert, dass man eine solche Ähnlichkeit sehen kann, müsste auch akzeptieren, dass nicht nur bei der Lahmlegung des biologischen Immunsystems eine Krankheit vorliegt.

Je mehr und anhaltender der von einem als tatsächlich wahnhaft oder nur wahnähnlich identifizierten Glaubens- und Überzeugungssystem (partiell) krank und/oder dumm gemachte (gehaltene) Mensch willens und bereit ist, sich aufklärerischen Bemühungen durch sich selbst und/ oder durch wohlmeinende Mitmenschen auszusetzen, desto eher und erfolgreicher könnte es sein, dass er wieder oder erstmalig zu einer wenigstens halbwegs „normalen“, rationalen, realitäts- und vor allen Dingen ausschließlich diesseits bezogenen Denk- und Verhaltensweise auf allen Ebenen gelangt. Allerdings darf man hier wohl nicht nur z. B. bei Mitgliedern des „IS“ mit einer allzu großen Hoffnung aufwarten, wenn man das liest, was Prof. Dr. Franz Buggle in seinem Buch „Denn sie wissen nicht, was sie glauben“, S. 341, schreibt: „Wie offenbar fast übermenschlich schwierig die Befreiung von (früh)kindlichen religiösen Indoktrinationen ist, wie sehr entsprechende religiöse, bei Vermittlung im Erwachsenenalter wohl mit Sicherheit als intellektuelle (und moralische !) Zumutung abgelehnte Doktrinen auch das Denken umfassend gebildeter und intelligenter Menschen bestimmen können, und zwar entgegen der von ihnen selbst hochgehaltenen Programmatik intellektueller Redlichkeit, widerspruchsfreiem Denken und humaner Ethik, dies zeigt nicht nur der eben dargestellte Fall C. F. v. Weiszäcker, sondern ebenso, um noch ein weiteres besonders eindrucksvolles Beispiel anzuführen, das Werk Hoimar v. Ditfurths, soweit es dem Thema ,(christliche) Religion‘ gewidmet ist (besonders Wir sind nicht von dieser Welt, 1981)“.

Dr. Michael Murauer schreibt; „Die Tatsache, dass jemand auf einem Gebiet eine Autorität darstellt, bedeutet nicht notwendigerweise, dass sie oder er auf anderen Gebieten kritische Intelligenz zeigen werden. Auf manchen Gebieten kann der Wissenschaftler so leichtgläubig sein wie irgendein anderer Mensch 8, Paul Kurtz“. (6)

Obwohl die Tatsache nicht zu leugnen ist, dass die beiden theistischen Ideologien, die den Inhalt des Glaubenssystems der heute beiden christlichen „Glaubenskonzerne” (Amtskirchen) und jenes des Islams bilden, in der Menschheitsgeschichte offen oder verdeckt immer wieder den Hintergrund dafür bildeten, dass Grausamkeiten aller Art begangen wurden (z. B. gegenwärtig der „IS“), bleibt die Mehrheit der Menschen hier leider auch heute noch erfahrungsresistent. Damit ist gemeint, dass sie leider weiterhin an den archaischen, weitgehend kontrafreiheitlich-demokratischen, denk- und verhaltensrelevanten Schrift- und Verbalaussagen dieser Glaubenssysteme festhält, obwohl sie keine empirische Grundlage haben. Und leider fühlen sich die Menschen in ihrer (Noch)Mehrheit auch weiterhin – und das als vermeintliche Demokraten !! – knechtisch dem nebulösen Monokraten unterworfen, der im jeweiligen Glaubenssystem die Hauptrolle spielt.

Dieser absurde Sachverhalt führt zu der trostlosen Erkenntnis, die wohl auch zum Inhalt der Soziologie gehören wird, dass es genauso sinnlos wäre, ein solches irrationales, illusionäres und (noch) mehrheitlich praktiziertes Denk- und Handlungsverhalten zu verbieten oder davon abzuraten, es zu praktizieren, wie es sinnlos sein würde zu untersagen, dumm zu sein oder sich so zu verhalten oder krank zu sein oder zu werden. Wäre es daher nicht möglich, dass die jeweils örtlich, zeitlich, politisch und gesellschaftlich verantwortlich gewesenen Autoritäten, die, wie man wohl vermuten darf, mehrheitlich ebenfalls zwanghaft dem angesprochenen Denk- und Handlungsverhalten unterworfen waren, diese negative, deprimierende und blamable Erkenntnis heimlich für sich als unerträglich empfanden. Könnte dieser vermutete Sachverhalt sie nicht gemeinsam zu dem letztlich erfolgreich verlaufenen Versuch veranlasst haben, das absurde Denk- und Handlungsverhalten zum vermeintlichen Nutzen der Mehrheit der Menschen und gewissermaßen zu ihrer aller Ehrenrettung ins Werthafte/Vernünftige zu wenden? Machten diese verantwortlichen Autoritäten gewissermaßen „aus der Not eine Tugend“? Haben sie vielleicht das zwar als unrühmlich, unvernünftig und schädlich erkannte zwanghafte menschliche Denk- und Handlungsverhalten (Religiosität), das sich ohnehin nicht ändern lässt, durch kein Verbot zu beseitigen ist und bei dem auch eine Empfehlung sinnlos wäre, es nicht zu praktizieren, unverfroren dadurch ins Positive/Vernünftige gedreht, indem sie es als ein Freiheitsrecht („Religionsfreiheit” usw.) gesetzlich legalisierten und schützten, wodurch sie sich und der Mehrheit der Menschen auch noch das erhebende Gefühl verschafften, sich für tolerant und liberal zu halten, was jedoch tatsächlich verlogen wäre?

Kann man bei dem, wie merkwürdig und irrational sich viele Menschen in manchen Lebensbereichen und Lebenssituationen regional und global verhalten, nicht zumindest den Verdacht hegen, dass sie auf irgendeine Art und Weise wirklich zumindest partiell dumm und/oder krank sein könnten? Der hier aufgezeigte mögliche Kontext wirft natürlich die (als Spaß aufzufassende?) Frage auf, warum man bisher die Möglichkeit, dumm sein, dumm werden oder so handeln zu können sowie die Möglichkeit, krank sein oder werden zu können, nicht auch als ein Freiheitsrecht des Menschen explizit gesetzlich garantierte bzw. grundgesetzlich schützte?

Verweise:
(1) Hälfte des Reichtums in der Hand von einem Prozent:
http://www.welt.de/wirtschaft/article136519081/Haelfte-des-Reichtums-in-der-Hand-von-einem-Prozent.html
(2) Entnommen aus dem Buch „Denn sie wissen nicht, was sie glauben“, S. 326, von Prof. Dr. Franz Buggle.
(3) http://religionskritik4.blogspot.de/2012/09/uber-das-mittelalter-senkte-sich-die.html#!/2012/09/uber-das-mittelalter-senkte-sich-die.html
(4) https://sites.google.com/site/aloisreutterer/zum-nachlesen-2/dummheit.
(5) http://www.youtube.com/watch?v=nrHnQd3zFmI
(6) Quelle: Dr. Michael Murauer, „Der Glaube eines Glaubensunwilligen“, S. 134, http://www.murauer.info/Glaubehp0511.pdf

Autor: Klarsicht




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deregulation-inequalityWer die Überschrift als Zeichen für "sehr ungleich" erkennt, der hat vielleicht den wissenbloggt-Artikel 2014: Jahr der Ungleichheit gelesen. Im Bereich zwischen ≠ oder >< oder <> oder =!= ist alles ungleich, und je ungleicher desto >>><<<.

Entsprechende Nomenklatur wurde für die Gleichheit eingeführt, zumal für die Leute, die gleicher sind als gleich. Denen steht ein ═══ zu statt des normalen =. Jetzt schaut es so aus, als ob das Gleicher-als-gleich nurmehr mit ══════ abgebildet werden kann.

Im Klartext: Das obere 1% hat noch mehr Erfolge beim Raffen aufzuweisen, bald wird es die Hälfte des weltweiten Vermögens besitzen. Das berichtet das 178 OXFAM BRIEFING PAPER, das heute, 20.1. um 0 Uhr freigeschaltet wurde.

OXFAM ist laut wiki ein unabhängiger Verbund von verschiedenen Hilfs- und Entwicklungsorganisationen, die sich für eine gerechtere Welt ohne Armut einsetzen. Gegründet wurde die Organisation 1942 als Oxford Committee for Famine Relief, die telegrafische Abkürzung OXFAM wurde 1965 zur offiziellen Bezeichnung – Urgestein aus dem Bereich the power of people against powerty.

Der Report heißt WORKING FOR THE FEW – Political capture and economic inequality. Der Inhalt kommt gerade recht 2 Tage vor Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos, und er macht den Skandal der Ungleichverteilung neuerlich publik (siehe auch die Studie des Berliner Wirtschaftsforschungsinstituts DIW und die Sekundärberichte "Lebenseinkommen im Generationenvergleich – Ungleichheit hat sich verdoppelt" in Generation von Angst und Schwäche?). Der Inhalt:

Etwa die Hälfte des weltweiten Vermögens wird von nur 1% der Bevölkerung vereinnahmt, schlappe 110 Billionen Dollar. Das ist das 65-fache von dem, was die unteren 50% der Weltbevölkerung besitzen. Anders gesagt, die untere Hälfte besitzt so viel wie die 85 reichsten Leute der Welt.

70% der Menschen leben in Ländern, wo die Ungleichheit in den letzten 30 Jahren gestiegen ist. Bei einem Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 17.1. las sich das ganz anders, Globalisierung wirkt von Nikolaus Piper (nicht online): Die Verteilung zwischen reichen und armen Ländern habe sich dramatisch egalisiert, die weltweite Armut sei weniger geworden (nach Zahlen der Weltbank gebe es seit 1980 60% mehr Menschen, aber nur noch 1,2 Milliarden Arme gegenüber 1,9 Milliarden 1980.

Solange die Reichen immer reicher werden, läuft es aber in die falsche Richtung. Das reichste 1% konnte seinen Vermögensanteil von 1980 bis 2012 in 24 von 26 untersuchten Ländern vergrößern, so Oxfam. In den USA vereinnahmte das obere 1% sogar 95% aller Zuwächse seit der Finanzkrise 2009, während die unteren 90% ärmer wurden. Daher Oxfams Appell:

  • keine Steuervermeidung im Heimatland oder in den  Steueroasen
  • keine Lobbytätigkeit, um den Reichtum in politische Gefälligkeiten umzumünzen und damit die Demokratie zu unterminieren
  • transparentmachen aller Investitionen in alle Firmen
  • progressive Besteuerung auf Vermögen und Einkommen
  • Steuereinkommen für Gesundheitsversorgung, Erziehungswesen und Soziales verwenden
  • Lebenseinkommen in allen Firmen verlangen
  • die reiche Elite zum Mitmachen auffordern

Die Zeit ab 2015 sollte dem Versuch gewidmet werden, die extreme Ungeichheit in allen Ländern zu beenden, incl. Überwachung einrichten und Transparenz schaffen. Vor allem das obere 1% soll geldflussmäßig überwacht werden. Die Märkte sollen wieder mehr reguliert werden (siehe das Bild oben, draufklicken zum Vergrößern: Da zeigt sich, wie direkt Deregulierung und Ungleichheit zusammenhängen, das Bild ist von Oxfam auf Datenbasis von http://www.nber.org/papers/w14644.pdf – siehe auch Reload 1970 Was die Deregulierung uns gebracht hat).

Das Wachstum soll einheitlich und nachhaltig sein, die politische Einflussnahme der Reichen soll gemindert werden, damit die Ungleichheit nicht größer ist als zum jeweiligen Staat passend. Also Steuervermeidung beenden, wieder mehr Gleichverteilung und mehr Sozialklimbim, Arbeiterrechte stärken, Frauen gleichberechtigen.

Speziell zu Euroland sagt Oxfam, die Austeritätspolitik habe zur Ungleichheit beigetragen, weil sie die Gleichheitsmechanismen behindere und obendrein die Arbeiterrechte wegerodiere. Das habe die Ärmsten und Verletzlichsten am meisten getroffen, denen die Last der finanziellen Crashs und sonstigen Exzesse auferlegt wurde – gerade jenen, die am wenigsten Schuld haben.

Soweit Oxfam direkt. Am 19.1. hatte die SZ schon vor der Freigabe über das Paper berichtet, in Oxfam-Vorschau für 2016 – Ein Prozent hat mehr als der Rest der Welt: ... Die britische Aktivistengruppe warnt vor der "schockierend schnell" wachsenden sozialen Ungleichheit. …

Weitere Zahlen: 2009 gehörten dem oberen 1% noch 44% des weltweiten Wohlstands. 2013 waren es schon 48%, und 2016 werden es voraussichtlich 50% sein. 21 Billionen Dollar seien von den Superreichen in Steueroasen versteckt, in den USA sei ein Zustand wie bei der Großen Depression am 23. Oktober 1929 erreicht. Trotzdem würden die Ausgaben zur Armutsbekämpfung auf "bemerkenswert niedrigem Niveau verharren". In Europa seien die Sparmaßnahmen zulasten von Mittelstand und Unterschicht durchgezogen worden, "unter großem Druck der Finanzmärkte, deren reiche Investoren von staatlichen Rettungsmaßnahmen für die Banken profitierten". Auch in Afrika ziehen die Multis ihre Nullsteuerpolitik durch und halten dadurch die afrikanischen Staaten arm. Selbst in Deutschland sei die  Ungleichheit von Einkommen und Vermögen mehr gewachsen als gedacht.

Weltweit wachse mit dem Bewusstsein dieser Diskrepanzen auch die Unzufriedenheit, denn "Das Ausmaß der globalen Ungleichheit ist einfach erschütternd". 11% der Menschen hungern, 1 Milliarde müsse mit 1,25 Dollar pro Tag auskommen. Aber sind die Forderungen von Oxfam realistisch? fragt die SZ. Kann der Trend mit Steuern und Mindestlöhnen gebremst werden?

Wenn in Davos getagt wird, sind reichlich Kanzler und Präsidenten dabei (300 Staats- und Regierungschefs), und natürlich die Manager und Geldleute. Die Oxfam-Direktorin Byanyima darf das Treffen als Co-Vorsitzende leiten, aber ob sie genug anti-poverty-power gegen die Draghis, Junckers und Merkels freisetzen kann, ist eigentlich nicht die Frage.

Sie wird's nicht können, und der Trend geht weiter in die falsche Richtung. Kein Gleichheitsgewinn nach der wb-Formel =!=  →  =  ‼ sondern weitere Gewinne für das obere 1%. Wie könnte es anders sein, wenn die ganzen Verantwortlichen auf der Seite des Kapitals stehen?

Änderungen wird's erst geben, wenn die blinden Protestanten nicht mehr gegenseitig neutralisieren (siehe Blinder Protest und Die GroKo mit dem ProPo) , sondern wenn das Protestpotential richtig eingesetzt  wird. Sowas geht, wie man weiß. Die Leute müssen sich nur zusammentun, statt sich auseinanderdividieren zu lassen.

Weitere Links dazu:




Das Kreuz in Realität und Symbol


saccoKindergottesdienstFrank Sacco, Doktor der Medizin arbeitet sich weiter am Schutz der Kinder vor der Religion ab. Ausgehend von der Annahme, es habe tatsächlich einen Jesus gegeben, der am Kreuz hingerichtet wurde, trifft er Feststellungen aus dem Schrifttum: kein Beglaubigungsschreiben, keine Waffen. Weiter geht's mit der Furcht und dem Entsetzen, das die Kreuzigungsmär den indoktrinierten Kindern einimpft. Fazit: eine weitere Sacco-Anzeige gegen die Kreuz-Verherrlicher. Und wieder führt das in die Saccogasse der kirchlichen Unantastbarkeit (Bild: Sacco).

 

Das Kreuz in Realität und Symbol

Wie es heißt, starb Jesus am Kreuz. Wer damals in eher ärmlicher Kleidung in Jerusalem einritt und behauptete, er sei der neue König der Juden, wurde halt gekreuzigt. Das war normal. Bei uns in der BRD steht noch heute auf eine derartige Aktion „lebenslänglich“. Hochverrat nennt sich ein derartiger Akt. Der Schritt, den Jesus da mutig oder unbedacht tat, zog die Schritte seiner Verurteilung und seines Todes wie selbstverständlich und automatisch nach sich. Jesus hatte kein Beglaubigungsschreiben dabei. Man ist geteilter Meinung, ob er bewaffnet war. Er bringe Schwerter, sagt Bibeljesus in der Schrift.

Das Kreuz zeigt zunächst diese bekannte Holzkonstruktion und vielfach ist der gekreuzigte Christus an diese Holzkonstruktion angebracht, angenagelt.  Das Kreuz mit angebrachtem Christus ist einmal etwas sehr realistisches und zeigt einen gerade zu Tode gefolterten Menschen. Es ist aus dieser Sicht also etwas Furchtbares, Furcht erregendes und etwas sehr Grausames. Für Kinder ist es kaum erträglich bis unerträglich. Sie halten sich beim Hören der Geschichte oft die Ohren zu, wenn sie denn dürfen. Als so beschriebene Realität   wird  das   Kreuz  von   Menschen gesehen,  die mitfühlender oder auch depressiver  Stimmung fähig  sind.

Ich halte das Kreuz zum Beispiel in Schulen für problematischer als ein Kopftuch einer muslimischen Lehrerin, welches primär mehr schützendes Kopftuch ist als ein direktes Abbild höchster Grausamkeit oder gar Ausdruck des Willens zu einer islamischen gewaltsamen Weltrevolution.

Wird das Kreuz dem Menschen als gesundem Kleinkind schon dargelegt, löst es später bei Betrachtungen zum Beispiel bei einem Erblicken des Kreuzes z.B. bei einer Wanderung durch die Alpen eine stille, ehrfürchtige Freude aus. Statt blanken Entsetzens wird also Freude empfunden.  Wie kann es zu diesem Phänomen kommen, wie kann das Gegenteil des eigentlich vermuteten Gefühls empfunden werden, wie kann statt Panik und Horror Freude empfunden werden?  Diese Frage sei nur für die äußerlich gesunden Menschen gestellt. Nur bei diesen kommt es zu diesen paradoxen Empfindungen. Depressive Menschen reagieren hingegen  situationsangepasst.

Hier die Antwort: Beim ins Auge fassen eines Kreuzes ist der Gläubige zunächst kurz mit dem Gefühl seiner tiefen Schuld konfrontiert.  Geistliche und Lehrer haben ihm als Kind in einer Phase mangelnder Kritikfähigkeit gesagt: „Jesus ist für dich gestorben zur Vergebung deiner Sünden“. „Lösegeld“ sei sein Leid gewesen, meint die Bibel (bei Matthäus). Ein Geld, das der unbarmherzige Vater vom Sohn verlangt habe. Das Kind denkt dabei zunächst an seine bereits begangenen Sünden, meist werden es  Lappalien sein. Es wertet dann diese Sünden als groß und zwar so groß, dass dafür jemand am Kreuz einen Foltertod sterben musste zur Vergebung dieser Sünden.  Die Sünde wird in ihrer negativen Bewertung also überhöht. Das vom Kind empfundene Schuldbewusstsein ist somit geschickt eingeredet.

Hinzu tritt eigenes tiefes Schuldgefühl der Kategorie B, den Foltertod Jesu praktisch in eigener Verantwortung mit verursacht, ja persönlich mit begangen zu haben. Der Geistliche macht im Gottesdienst keinen Unterschied zwischen Kind und Erwachsenem. Er kümmert sich  nicht um §19 StGB, die Schuldunfähigkeit unserer Kleinen bis sie 14 Jahre alt sind. Kinder werden hier ebenso rücksichtslos in Kirchen behandelt wie wir Erwachsenen.

Rücksichtslos verbreitet die katholische Kirche auch folgende Story: Am „blutenden Antlitz Jesu in Cotonou“ habe man „Jesu“ Blutgruppe festgestellt. Am  15.3.1995 fing ein Arzt üppig fließendes Blut aus einen Bildnis  Jesu auf. Jesu sei  AB, Rh positiv. „Jesus“ spricht dazu im Internet zu unseren Kindern: „Betrachte mein blutendes Antlitz… Hast du Mitleid mit mir, wenn du mich so siehst? Ich tue es für dich“. Unter Google, Eingabe „Jesus Cotonou“, kann das blutüberströmte Antlitz angesehen werden. Und „Gott“ selber sagt uns dazu: „Das Heilige Antlitz wird eine wahre Opfergabe sein, damit die Strafen gemildert werden, die ich über die Menschheit kommen lasse… Je mehr es verbreitet wird, desto geringer wird die Katastrophe sein.“ Wo das Antlitz in einer Wohnung aufgehängt wird, werden „meine Kinder… vor den Übeln bewahrt werden“, so Gott „persönlich“.  Unsere Kinder sollen sich also warm anziehen, wenn er als Rachegott der katholischen Kirche erscheint und seine Rache an ihnen nimmt. Hier wird stärkste Angst über unvorstellbaren Terror verbreitet. Unsere Kleinen werden hier missbraucht. Sie werden  zum Objekt degradiert. An ihnen soll später Geld verdient werden.

Es folgt dann über Worte aus Lehrer- oder Geistlichenmund oder auch über Wahrnehmung von Gemälden und Bildern in Kirchen etc. die Darstellung der Möglichkeit einer Strafe fürs Kind. Ohne Vergebung lauert hier die Bestrafung für einen angeblich eigenhändig  durchgeführten Foltermord am eigenen Gott.  Jedem  Kind ist deutlich, dass derartige Bestrafung  Hölle bedeutet. Klar ist ihm,  welche Qualen es dort geben soll und schon gibt. Heiß ist es in der Feuerhölle. Die Bibel sagt uns auch, wie heiß.  Das in  sich  Gehen und die Stille bzw.  Ehrfurcht beim Erblicken eines Kreuzes stammen von solchen Gefühlen. 

Die Freude hingegen beim Wahrnehmen des Kruzifixes kommt von der in Aussicht gestellten Vergebung dieser „immensen“ Schuld, falls bestimmte Richtlinien der Kirchen beachtet werden.  Bibeljesus verlangt eine Annahme der Schuld und ihre Bereuung. Er  will angebetet werden, so grausam   er auch ist. Er foltert ja immerhin  schon heute in seiner Hölle! So lehrt es uns die Heilige Faustine, die schon in Jesu Hölle den Foltern zuschaute. Die Freude entsteht durch die Hoffnung auf Vergebung einer ungeheuren, dem Kind allerdings nur eingeredeten Schuld. Es resultiert besonders auch bei Pastoren und Priestern  eine unbegrenzte Dankbarkeit Jesus gegenüber, denn diese „immense“ Schuld trieb sie ja oft in den Beruf. Jegliche Jesuskritik muss verstummen, denn sie ist für viele, besonders auch für unsere sensiblen Psychiater,  ein one-way-ticket zur Hölle. Ich lasse mir diese Fahrkarte übrigens  nicht überreichen. Mir  ist es in der Hölle zu heiß. Ich ziehe kühlere Gegenden vor. Norwegen soll so schön sein. Überhaupt die nordischen Länder!

Stellvertretend (!) für uns und natürlich auch für unsere Kinder sei Christus am Kreuz gestorben. Die Theologin Martina Kessler schreibt in ihrem Buch „suche dringend hilfe“, Bibel TV, 2008 über Jesus: „Er ist am Kreuz für uns gestorben. Auch das ist stellvertretend für uns passiert“. Hier setzt die in der Seelsorge für Erkrankte tätige Theologin ihren Patienten ein Gottesbild vor, wie es schlimmer nicht auszudenken ist. Durch Jesu stellvertretenden Tod sollen unsere Kleinen selbst knapp dem Kreuzestod entgangen sein. Größere Dankbarkeit kann kaum durch einen anderen Schachzug erzeugt werden. Eugen Drewermann dazu: „Es (das Kreuz) sollte uns gewiss nicht überall aufgeprägt werden, wie ein Brandmal.“ Das bedeutet wohl sinngemäß: Es wird uns und unseren Kindern überall wie ein Brandmahl aufgebürdet. Das Kreuz wird so zum Folterwerkzeug unserer Kirchen. Man brennt es uns ein und man brennt es leider auch unseren Kindern ein. Man brennt Schuldgefühle in ihre Seelen. So etwas  ist schlicht Missbrauch. Das hat mit Religion nichts zu tun. Wie sehr uns das Kreuz dominiert, zeigt S. Dalis Bild „Der Christ vom heiligen Johannes vom Kreuz“. Hier ist das Kruzifix größer als die ganze Bucht von Port Lligat. Unsere Schuld ist größer als diese Bucht. So will es die Kirche.

Zusammengefasst führt das Erblicken des Kreuzes beim Gesunden zu folgenden „Geschenken“, den  größten Geschenken, die sich ein Mensch erdenken kann: Das Entkommen der Hölle,  dem Entgehen des anscheinend verdienten persönlichen Kreuzestodes, der Hoffnung auf ein Paradies und   eines Lebens in Ewigkeit. Hier wird also ausgesprochen  kräftig unter Zuhilfenahme von Suggestion auf Menschen eingewirkt mit den massivsten aller denkbaren Mittel. Der Gläubige fühlt sich  zu tiefster Dankbarkeit verpflichtet. Kritik zu äußern traut er sich jetzt nicht mehr. Er ist jetzt autistisch stumm gemacht.  

Wie radikal auch die nichtkatholische Kirche heute noch oder schon wieder ist, können Sie lesen in dem Büchlein „glauben heilt“ von Traugott Giesen, Pastor in Keitum auf Sylt, geb. 194o. Auf Seite 102 steht es auch für die Kinder geschrieben. Die können ja ab 7 Jahren lesen! „Die Leidensgeschichte kennzeichnet dich und mich als Mittäter an Jesu Kreuzigung…“  Im nächsten Satz ist schon von Folter an Jesus die Rede. Es ergibt sich also nach Giesen eine Mittäterschaft unserer Kleinen an einer Folterung. Nun, ich kann mich an eine solche Mittäterschaft meinerseits nicht erinnern. Ich hätte eine Abneigung, jemanden an ein Kreuz zu nageln. Die Synode der Evangelischen Kirche  in Deutschland lässt 1988 bekräftigen: „Wir glauben, dass Jesu Christus am Kreuz für uns gestorben ist…“ Das deutsche Strafrecht soll keine Mittäterschaft kennen. Sie ist in dem Sinn immer Täterschaft. In logischer Konsequenz habe ich Pastor Giesen wegen Mordes an Christus angezeigt. Es gehört sich nicht, in Deutschland jemanden an ein Kreuz zu schlagen. Die Staatsanwaltschaft teilte mir mit, er sei unschuldig. Dann darf Giesen aber unseren Kindern und unseren seelisch Kranken ihre  angebliche Täterschaft nicht unerlaubt in die kleinen oder größeren  Schuhe schieben. Doch, er darf. Das teilte mir eine andere Staatsanwaltschaft mit.

In  Konsequenz zeigte ich Giesen an, er habe mich unerlaubt zum Mörder benannt. Dem Mörder an Jesu. Wieder eine Absage des Staatsanwaltes. Kirche darf alles.

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Unmenschlichkeit im Aufschwung


hungerebolaHunger tötet mehr Menschen als Ebola, wird aber nicht als  ernstes Problem  angesehen, weil reiche Leute nicht daran sterben können – das ist die Aussage auf dem erschütternden Bild.

Sklaverei

Aktuelle Meldungen liefern ein paar Eckdaten zum Themenkreis menschliches Elend. Der Schweizerische Blick am Abend schreibt am 26.10. über Menschen als Wegwerfware – 27 Millionen Sklaven weltweit: Ausgebeutet in Gruben, beim Steinemachen, als Sexobjekte, als Textilarbeiter, siehe auch den wissenbloggt-Bericht Ominöse Sklavenstudie, wo von 30 Millionen Sklaven die Rede ist. Die Kinder-Versklavung wird nochmal in Diskussion um Kinderarbeit abgehandelt.

Kinderarmut

Zuvor war das Thema Kinderarmut in Deutschland dran, die WAZ berichtete am 14.10. in 500.000 Kinder in Deutschland müssen Hunger leiden: Die Folgen einer unzureichenden Ernährung in jungen Jahren seien verheerend (natürlich nicht nur in Deutschland), die Folgeschäden könne man nie wieder korrigieren. Der Eiweißmangel führe zu einer Unterentwicklung des Gehirns und zu mangelndem Muskelaufbau. „Kinder, die fehlernährt oder unterernährt sind, sind zeitlebens benachteiligt."

Nicht nur die niedrigen Hartz-IV-Sätze sind laut WAZ verantwortlich, sondern auch die Inkompetenz etlicher Familien, mit Geld zu haushalten und Kinder adäquat zu ernähren. Dass Kinder in Deutschland Hunger leiden, liegt auch daran, dass Geld für überflüssige Lebensmittel wie Limonade ausgegeben werde, und am Monatsende sei dann kein Geld für mehr als eine Mahlzeit täglich vorhanden.

Zum selben Thema berichtete die Süddeutsche Zeitung am 11.10. Hartz-IV – Kinderarmut nimmt in Deutschland wieder zu. Ein Leserbrief beklagte die Umstände, die damit einhergehen und das Problem verschärfen, Kindergelderhöhungen werden von den Staatsleistungen und Rente abgerechnet, und von Zuverdiensten wird bis zu 80% abgezogen. Die Betroffenen sind auf Bargeldspenden angewiesen, sofern ihnen jemand was zukommen lässt, denn die Konten werden akribisch auf familiäre Zuwendungen überprüft, die auch noch abgerechnet werden sollen.

Ausbeutung

Das sind dann beinahe Luxusprobleme inmitten des Elends. Um das Bild abzurunden, hat die SZ dem Themenkreis von  Armut bis Kalifat am 30.10. eine ganze Seite gewidmet. Die Relation zwischen Armut in den Entwicklungsländern und fehlenden Rechten wurde bei wb schon in den Artikeln Living in states of fear und Entwicklungshilfe neu hinterfragt thematisiert, und nun noch einmal in der Außenansicht der SZ vom 30.10., Wenn der Richter zum Räuber wird, von Basil Fernando: die lokalen Ausbeutungssysteme nehmen den Armen, was sie können. Amtsträger, Zöllner, Polizisten und sogar Schamanen üben Druck aus und kassieren für Dienstleistungen wie die, einen unschuldigen Menschen nicht im Gefängnis verrotten zu lassen. Die machtlose Masse wird so zur geldlosen Masse. Deshalb sei die wichtigste Hilfe nicht Geld oder Nahrung, sondern Recht.

Almosen

Auf derselben Seite der SZ sind zwei bemerkenswerte Artikel zum Lande Dschihadistan. Möglicherweise inspiriert von einem Friedman-Artikel, der bei wb als IS = Invasive Spezies erscheint, schreibt die SZ in Islamischer Staat – Mit der Taktik von Parasiten, wie gekonnt die IS-Führer mittlerweile im eroberten Land abkassieren und sich dabei noch ins rechte Licht setzen. Gegenüber der zuvor herrschenden klauenden Klasse mögen sie sogar als Verbesserung erscheinen, auch wenn sie missliebige Teile der Bevölkerung mit aller Gewalt morden und vertreiben. Wer noch bleibt, wird durch Verteilung von Almosen bei Laune gehalten.

Also kein hartes Sparprogramm, sondern etwas vom Reibach abgeben, der aus dem Ölgeschäft kommt. So holt man die Bevölkerung auf die eigene Seite. Ein Lernprozess ist da im Gange. Früher haben die Djihadisten noch Chaos gestiftet, jetzt beherrschen sie ihr Metier und halten Ordnung; die Infrastruktur arbeitet, die Märkte sind voll.

Die Menschen sind es schon gewohnt, Schutzgeld zu zahlen wie früher bei den Raubrittern. Das System ist von westlichen Banken unabhängig und kann deshalb nur lahmgelegt werden, wenn man die ganze Zivilbevölkerung in den Ruin treibt, so die SZ.

Denkmonopol

Der dritte Artikel auf derselben Seite befasst sich mit der Bildung, Bildungsoffensive des IS – Angriff auf Köpfe und Herzen: Es geht darum, bildungsfreie Zonen zu errichten, wo nur das gelehrt wird, was den Djihadisten in den Kram passt. Die Kindererziehung erfolgt anhand vom Koran, Puppen mit blondem Haar werden verteilt, damit die lieben Kleinen das Köpfen üben können.

Der "Bildungskanon" wird von der saudiarabischen Version des wahhabitisch-salafistischen Islams geprägt, also der rückständigsten Version. In Saudi-Arabien ist sie schon schlimm genug mit der Frauenentrechtung und dem Verbot der meisten Sachen, die Spaß machen. Aber im Bereich des "Kalifats" tobt er sich zum ersten Mal ungebremst aus (im Iran war's die schiitische Version).

Die SZ befürchtet, wenn das 30 Jahre Bestand hat, wird eine neue kriegsgeschädigte, bildungsfreie Generation herangezüchtet, der die Menschenverachtung von klein an beigebracht wird – und letztlich ist das Ganze auf dem Mist der USA gewachsen.

Die Taliban wurden ursprünglich von den USA gefördert (um in Afghanistan gegen die Russen zu kämpfen), und auch für die IS galt bis vor ein paar Jahren das proudly powered by USA. Die aktuelle saudi-arabische Herrscherclique wird natürlich auch von den USA unterstützt.

Ungläubige

Man hat also immer das Falsche getan, und die Terrormilizen zeigen jetzt, dass es doch möglich ist, ein Land zu befrieden. Die Frage erhebt sich da, wieso schaffen das die westlichen Staaten mit ihren ungleich besseren Voraussetzungen nicht, und bringen stattdessen Bombardements?

Um das Thema abzurunden, noch ein paar Gedanken dazu: Religionen brauchen Not, Armut und Dummheit, um zu aufzuleben. Das kriegen sie im Land zwischen Irak und Syrien jetzt geboten. Was dort nicht mehr möglich sein wird, sobald die Hochschulen islamifiziert sind, ist technische Entwicklung. Dann kann man dort nur noch den "Ungläubigen" die Technik abkaufen und sie ansonsten bekämpfen.

Das ist genau das Gegenteil von dem, was sein sollte. Terrorstaaten sollten keine moderne Technik kriegen, vor allem keine Waffen. Und die Bekämpfung des "Ungläubigen" per se sollte ein hohes Ziel sein.

"Ungläubiger" steht für Rassismus, Populismus und Terrorismus. Der Schaden ist weltweit: Je mehr ISIS, desto mehr NSA. Je menschenverachtender der Terror, desto weniger kann man dem NSA-Credo widersprechen, wir brauchen alle Daten der Welt, um die USA zu schützen. Schutz gegen Djihadistan ist auch Schutz gegen die NSA.




Masochismus, Ursachen


397px-Dürer-Apokalypse_Hure_BabylonIn einem weiteren Artikel wagt sich Frank Sacco an eine Analyse des Masochismus', mit dem Fazit, die Kirchen seien schuld an der Prostitution. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe der Anzeige gegen den Pastor Traugott Giesen, den Sacco wegen Mordes an Jesus angezeigt hatte (siehe auch Mutiger Arzt klagt an: Selbstanzeige wegen Mordes). Sacco wendet sich mit Fragen und Ratschlägen an den Leser, um ihn quasi zu analysieren. (Bild oben: Albrecht Dürer, Die Apokalypse, scanned by Feldkurat Katz, Wikimedia Commons, Bild unten: Sacco).

 

 

Frank Sacco

Mitglied der Ev.-Luth. Kirche

Gemeldet: Ärztekammer Niedersachsen

Psychotherapeut                           Stand 2014
 

Masochismus, Ursachen

 

Untertitel: Analyse des Masochismus am Beispiel der Straßenprostitution

 

saccopuppe

 

Prolog:

Behandelt unsere Psychiatrie ihre Kranken falsch, seit hundert Jahren falsch? Das fragt mich ein Internetfreund. Die Antwort ist: Ja. Freud führte auf die falsche Spur.  Die elende Theorie der Kastrationsangst und des Penisneides war an  den Haaren herbeigezogen. Sie war nicht einmal Freuds Angst. Wem von Ihnen, liebe Leser, hat schon ein Elternteil mit dem Abschneiden des Penis gedroht, denn das war für Freud die "Kastration"? Ja wer wurde, wer ist  auf diese Weise kastriert? Keiner. Was ist nun aber die größte Angst des Menschen, die Angst jedes Kindes?  Nun, was setzt diese Gesellschaft ihren Kindern für einen Gott, für ein Gottesbild vor? Hat dieser "Gott" nicht die Sintflut und damit den ersten Holocaust an Juden  getan, hat er nicht alle jüdischen Kinder in Sodom und Gomorrha lebendig verbrannt und ist damit zum größten bekannten Verbrecher geworden, gemacht worden?  Ist er nicht nach Rache an "Sündern"  noch heute völlig verrückt? Diese Gesellschaft läßt es zu, dass der Leiter meiner Kirche, Bischof N. Schneider noch heute ungestraft den wirklichen Gott, die Liebe, missbraucht, indem er Jesus ein wirkliches und ewiges Feuer  für Sünder unterstellt, ein ewiges Feuer-KZ. Das mache Kinder nicht krank, so unsere Psychiatrie. Auch die Deutsche Bischofskonferenz schreibt mir, es sei "nirgends valide belegt", dass ein Bedrohen mit wirklichem ewigen Feuer Kinder erkranken lassen könne. Hier machen sich beide lächerlich: Die Psychiatrie und die Bischöfe. Den Begriff Kastrationsangst müssen wir ersetzen: Gottangst, und das wusste schon Karl Jaspers,  ist die größte Angst des Menschen. Sie ist damit auch die Angst unserer Psychiater.  Die Kirchen setzen in finanziellem Eigennutz einer ängstlich-gläubigen Bevölkerung einen nach Rache völlig verrückten Gott vor. Das kann nicht gut gehen. Die Insassen der psychiatrischen Anstalten sind nicht wegen Kastrationsängsten interniert. Sie haben, zu "Sündern" gemacht,  Gottangst und damit eine leicht zu behandelnde Erkrankung. Denn Gott ist nicht, wie sie glauben gemacht wurden, ein Despot. Es ist eine Unverschämtheit des Klerus, Kindern ein solches Gottesbild vorzusetzen. Es ist ein Verbrechen. Ein Verbrechen mit allen Auswirkungen eines Verbrechens. Und um dieses Verbrechen geht es hier. Es geht um die Erkrankung, die dieses Verbrechen bewirkt:

Das Sacco-Syndrom.

 

Ende Prolog 

Prostitution ist Knochenarbeit,  Ausbeutung, Zwang  und Gewalt. Warum bekommt man die Mädchen aber so schlecht von der Straße? Warum protestieren Prostituierte in Frankreich gegen den neuen Gesetzentwurf, der die Sache unter Strafe stellt? Warum hängen sie an ihrem Beruf, wenn für sie selbst am Schluß nichts übrig bleibt?  Es ergibt sich also für den Psychoanalytiker die Frage:

Hat Prostitution etwas mit einem Masochismus der Prostituierten zu tun?

 

Wir sollten dem Gedanken nachgehen. Doch vorher noch eine kleine Frage an Sie, liebe Leser: Hat Sie schon jemals jemand beschimpft, Sie hätten jemanden ermordet, und das sogar auf eine sehr unschöne Art und Weise? Sind Sie ein Mörder? Kreuzen Sie hier einfach an, in Gedanken, sozusagen:

               

                                 Ja                                               Nein

 

Wenn Ihnen jemand allen Ernstes diese Schuld jemals gab, und sie sind, was ich annehme, unschuldig, dann hat Ihnen jemand Gewalt angetan, z.B. als Sie ein wehrloses Kind waren. Sie haben eine posttraumatische Störung, eine PTBS entwickelt, ohne es zu wissen oder es auch nur zu ahnen.

 

Doch nun zum Thema Prostitution. Diese Arbeit befasst sich nicht mit dem sog. direkten Zwang zur Prostitution, bei dem sich ein rumänisches Mädchen, dem man eine Anstellung als Kindermädchen angeboten hatte, in einem Bordell in Schifferstadt wiederfindet – angeschmiedet an eine metallene oder psychische Kette. Hier geht es um indirekte unbewusste Zwänge, denen leichte Mädchen ohne es zu ahnen unterliegen. Es gibt ja in jeder größeren Stadt Organisationen wie die Mannheimer Amalie-Beratungsstelle, wo man Hilfen zum Ausstieg findet, wenn man denn will. Auch Behörden helfen. Auch hat die Streetworkerin Jana Koch- Krawczak das Buch "Du verreckst schon nicht", mvg-Verlag, geschrieben – als Ehemalige. In ihm werden Zukunftsängste besprochen und es wird Zutrauen gegeben, dass man ohne den Job nicht verhungern wird. Aber warum kleben so viele am Milieu?

Es gehört doch schon Selbstüberwindung oder auch mehr dazu, tagtäglich die Wohnwagentür Unbekannten zu öffnen, denen die Mädchen nicht wie im Wilden Westen zuerst den Rücken und dann noch allerhand mehr abschrubbten. Ich verweise auf diverse Italowestern mit Terence Hill. Wir stellen uns vor, dass Prostituierte auf irgend eine Weise leiden, wenn der Tag und die Schwänze im Wohnwagen lang und ungewaschen waren. Also selbst ich hätte gewisse Schwierigkeiten, als Frau die Angelegenheit, ob nun oral, anal oder gar normal, auch nur eine Woche lang halbwegs durchzustehen. „Schwänze, Schwänze, Schwänze“, ruft eine Rumänin verzweifelt nach einem Tag im Bordell (Quelle „Emma“). Wirklich freiwillig macht es dort keine. Im Milieu herrscht eine Mischung aus Depression, Verzweiflung, Gewalt, Lügen um die Ware Liebe, Neid, Drogen, Zigaretten und Alkohol. "Ich ekele mich vor euch", schreibt die Dänin Tanja Rahn, Kopenhagen, in der "Die Welt" vom 13. Jan. 2014. Sie ist dem Milieu entkommen. "Mein Unterleib brannte. Von Gleitcreme und Kondomen." Benutzt und entwürdigt fühlt sie sich und irgendwelche Lust spielte sie immer nur vor. Sie schreibt ihren Freiern, für die sie nur Verachtung übrig hat,  einen Brief und bietet den Männern an, sich für deren Verhalten zu entschuldigen. Heute ist sie Therapeutin in Koge und hat den Blog (tanjarahm.dk)

Früher war es vielleicht in einigen Ecken der Welt noch gemütlicher und es war irgendwie auszuhalten im Gewerbe. Heute schätzt das Bundeskriminalamt, dass 20.000 Minderjährige in der Prostitution oder bei Pornoproduzenten arbeiten müssen. Die Opfer werden immer jünger. Überhaupt liegt Porno im Trend. 300.000 Kliks im Jahr gibt es im britischen Parlament. Der häusliche Sex hingegen unterbleibt. Viel zu schwierig, zu langweilig und immer der gleiche Film. Man schaut lieber Pornos, als sich selbst hinzulegen.

 

Masochismus, um dies hier kurz anzusprechen, ist analytisch eine der vielen Möglichkeiten, sich seelisch Erleichterung zu verschaffen. Unbewusst quält man die eigene Person, um eine oft verdrängte Schuld, oder religiös gesprochen, eine verdrängte „Sünde“ abzutragen. Steckt aber Masochismus in der Angelegenheit käuflicher Liebe, so ist fundiertes Wissen um diesen Zusammenhang therapeutisch wichtig. Man bekommt  entsprechende Mädchen nur von der Straße, wenn man ihnen ihre Arbeit als unbewusst selbstauferlegte Qual erklärt und einen Weg aufzeigt, sich von der Krankheit Masochismus zu lösen. Im Fokus Nr. 50/13 steht, es sei unglaublich: Ehemalige Sex-Sklavinnen würden später "freiwillig" im Rotlicht-Milieu arbeiten. Hinter dieser "Freiwilligkeit" steckt jedoch oft ein selbst auferlegter unbewusster Zwang, verursacht durch eine von außen eingeredete "Schuld" bzw. durch eine  "Sünde". Die klerikal erfundene Sünde ist eine transzendentale Überhöhung der Schuld ins Unermessliche. Aus winziger Schuld (einen Biss in Gottes Apfel)  macht der Klerus höllenwürdige Sünde. Sie werde oft unermesslich hart bestraft, so die Geistlichkeit – zur Not sogar mit ewiger Pein oder Qual. Pfui! Bewusst meidet man als Geistlicher das Wort Folter. 

 

Was ist denn nun, nach Aussage meiner Kirche,  die größte Sünde jeder Prostituierten? Wer kommt drauf? Überlegen Sie bitte, lieber Leser. Die Frage wird später hier beantwortet. Je mehr man sich selbst an Leid zufügt, umso mehr reduziert sich, so vermutet der Masochist, die jenseitige Strafe des jeweiligen „Gottes“ wegen dieser Sünden. Einfacher gesagt: Je mehr man leidet, umso milder wird ein Zeus oder ein Jesus am Tag eines Jüngsten Gerichtes sein. Bei etwas Glück, und wenn dieser „Bibel-Jesus“, der mit dem wirklichen Jesus übrigens nichts gemein hat, einen guten Tag hat, kommt man nicht in  seine Feuer-Hölle, in das "höllische Feuer", dessen Existenz  er und sein Kollege, Bischof N. Schneider, in der Bergpredigt schon mal allen kommentarlos ankündigen. Zum Glück ist dieser Jesus natürlich eine Erfindung der ersten Christen, die nicht wirklich Christen  oder gar christlich eingestellt waren.  Je größer die Sünde ist, ob sie nun wirklich stattfand oder nur eingeredet wurde, sei dahingestellt, je  härter fällt die Selbstbestrafung aus, je unerbittlicher erscheint uns, von außen betrachtet, der Masochismus. Das alles passiert natürlich unbewusst. Wir sind in der Tiefenpsychologie. Tanja Rahm beschreibt das so: "Ja, ich habe es freiwillig getan. Aber verschiedene Umstände in meinem Leben haben bewirkt, dass ich gar keine Alternative sah, es war, als ob andere für mich entschieden hätten." Diese "Anderen", das  sind vielleicht unbewusste Zwänge – und um die geht es hier.

 

Ödipus war ein solcher „religiöser Masochist“. Um nicht in den Hades zu müssen (er hatte ja seine Mutter geschwängert, was seinem Gott nicht gefiel), bot er Zeus im Austausch zu ewiger Qual selbstzugefügtes irdisches Leid an und brannte sich beide Augen aus. Das tat weh, war aber völlig unnötig. Zeus, das wissen wir heute, gab es ja gar nicht und den Hades somit auch nicht. Der ganze schöne griechische Götterhimmel war eine Erfindung oft böser Geistlicher. Überhaupt sind von allen über 8 Millionen Göttern, die es bisher gibt (allein in Indien gibt es 8 Millionen von ihnen), rund 7.999.999 Erfindungen. Nur der Christengott der Bibel und sein Sohn sollen keine sein. Das predigt meine EKD. Ödipus’ Ehefrau Iokaste bot Zeus sogar ihr Leben im Austausch zum Hades an und erhängte sich ebenso folgerichtig wie überflüssig in einem „ekklesiogenen“ Suizid. Hätte sie keinen Strick gefunden, hätte sie  ihre "Schuld", die gar keine war, auch in einem Bordell abarbeiten könne. Das wäre, analytisch betrachtet, auch gegangen. 

 

Solche Suizide gibt es heute übrigens unverändert und unverändert oft, ohne dass die Psychiatrie die Zusammenhänge wissen oder erkennen will. Man will dort  nicht „transzendental“ denken oder es gar von mir lernen. Die Protagonisten Kafkas bringen sich oft selbst um und erfüllen in masochistischer Weise so das Urteil. Georg springt von der Brücke in den Tod (siehe unter Psychoanalyse Kafkas).  Ich habe dem Sigmund Freud Institut in Frankfurt, dem die Professorin Leuzinger-Bohleber als Präsidentin und Freudnachfolgerin vorsteht, wiederholt Fortbildungen angeboten – und nicht einmal eine Antwort erhalten. Kastrationsangst habe Ödipus gehabt, hatte Freud konstruiert, das sei die größte Angst "jedes Knabens". Dabei kommt das Wort Kastration in der griechischen Sage gar nicht vor. Wegen eigener Jahwe-Angst hatte Freud die Kastrationsangst erfunden, um sich vor der schwarzen Schlammflut seiner überstrengen jüdischen Religion zur retten, die 600 statt der christlichen Zehn Gebote vorhält.  Freuds "Sünde": Er hatte seinen Jahwe mit  den drei Worten getötet: „Religion ist Wahn“, was meint: Jahwe ist Wahn (siehe unter Psychoanalyse Freuds). Freud rauchte sich, nur im Oberflächenbewusstsein Atheist, wegen seiner aus der Gott-tötung resultierenden Gottangst, der Angst vor der jüdischen Hölle Gehinom, zu Tode. Er verdrängte das Religiöse noch mehr als das Sexuelle. Das wusste sein Arzt und Analytiker C.G. Jung. Die Angst vor seinem Gott war Freud als Kind eingeredet worden. Verrückt vor Wut hatte sein Jahwe die Sintflut und zwei Feuersbrünste angeordnet: Sodom und Gomorrha. Damit schießt Jahwe in der bisherigen Geschichte der Grausamkeiten  eindeutig den Vogel ab. So grausam wie er, wenn es ihn denn so gibt, war bisher niemand auf dieser Erde. Trotzdem soll es noch menschliche Exemplare geben, die ihn fleißig anbeten und lieben, statt beides umgehend zu unterlassen. Juden und Christen sollten sich umgehend ein neues Gottesbild zulegen, und sich z. B sich einer Religion nach Auschwitz (nach Sacco) zuwenden.    

 

"Aber Herr Sacco, meint die heutige Psychiatrie, im Versuch, mich zu belehren, „Religion spielt doch heute gar keine Rolle mehr, höchstens noch in der Kita. Sie hat doch ausgespielt. Kein gesunder Erwachsener glaubt doch heute noch, und wer sich mit Glauben oder gar Hölle beschäftigt, der ist wahnkrank, den weisen wir ein und dem geben wir Neuroleptika“. So in etwa. Und alles dies ist falsch. Wer glaubt, was ihm ab dem 2. Lebensjahr über beinahe  2 Jahrzehnte in der Suggestivsituation "Gottesdienst" gelehrt wurde, soll nun plötzlich nicht gläubig (gemacht), sondern genbedingt wahnsinnig („paranoid“) sein?  Damit ist die "moderne Psychiatrie" völlig neben der Spur. Glaubt ein Patient an den Himmel, lächelt der Nervenarzt in seinem Sprechzimmer. Er bleibt gelassen. Glaubt indes jemand an Hölle und äußert gar Angst davor, weist er ihn ein. Das ist unglaublich. Unsere Psychiatrie hat die Gott-Angst Freuds übertragen bekommen und sträubt sich gegen eine kausale Therapie der ihr nun eigenen Gottangst. Ich hatte ihr diese Behandlung  in Form von Fortbildungen angeboten. Frau Hofmann ermittelte kürzlich in ihrer Doktorarbeit, dass deutsche Psychiater sich in ihrer orthodoxen Gläubigkeit von ihren hochreligiösen amerikanischen Kollegen nicht unterscheiden (Quelle an anderer Stelle angegeben). 

 

Dabei sind die Archetypen oder "Meme" „Religion“ und „Folter-Hölle“ nahezu unerschütterlich und so alt wie die Menschheit. Es gibt beim Menschen Schwämme in seinem Unbewussten, und die saugen alles wie eine Muttersprache auf, was sie an Infos schon im Mutterleib bekommen. So ist auch der Atheist (mit atheistischen Eltern) nach Jung tief im Inneren ein religiöser und gläubiger Mensch. Dostojewski: "Einen Gottlosen habe ich noch nie gesehen." Natürlich gibt es zu allen Thesen und Statements, besonders zu meinen, immer Ausnahmen. Doch weiter: Bekommen wir als Kind atheistischer Eltern eine Tageszeitung, so ist da zu lesen: „Vietnam war die Hölle auf Erden“, oder „Es war wie im Fegefeuer“. Schon saugen sich die Schwämme das hinein. Gerade heute, am 5.11.2013 steht in der "Die Welt" in Großbuchstaben: "Fahrt zur Hölle". Vor Weihnachten gab es sogar einen kommentarlosen Quiz in der "Bild", wie heiß es in der Hölle sei: 333, 666, oder gar 999 Grad. Busweise herangeschaffte Kinder rufen es betenden Frauen an der Klagemauer zu, dass Frauen dort nichts zu suchen hätten. Ein Bild im Museum (Jesus am Kochtopf, sich Sünder kochend) kommt sofort als dauerhaftes Engramm in den Schwamm bzw. den Archetyp Folter-Hölle. Wächst ein Kind in einer irgendwie religiösen Gesellschaft auf, wird es religiös, oft ohne es zu wissen oder es auch nur zu ahnen. Kinder lernen superschnell. Im Unbewussten religiös, sind bzw. erscheinen solche Kinder im Bewussten atheistisch. Religiöses Erleben im Bewussten und Unbewussten ist also oft diametral gegensätzlich. In gefühlt aufgeklärteren, und wissenschaftsgläubigen Epochen werden religiöse Angstgefühle oft nur stärker wegrationalisiert und wegintellektualisiert und auf diese Art leider noch tiefer verdrängt. Das veranlasste Jung zu dem Ausspruch, je aufgeräumter es in der Oberwelt sei, desto archaischer sei es im zur Zeit geltenden kollektiven Unbewussten.

 

Ein simples Beispiel über kindliches Lernen: Wächst ein Kind hier bei ausländischen Eltern ohne Deutschkenntnisse auf, lernt es fließend und akzentfrei Deutsch. Es entsteht der Archetyp „Deutsch“ so ganz nebenbei. Das Deutsch-lernen läßt sich nicht wirklich  verhindern, geschweige denn mit 3 Worten verlernen. Und auch die Eltern erlernen irgendwann unsere Sprache. So ist es auch mit dem Archetyp Religion. Man kann nicht mit drei Worten seinen Kindheitsglauben "verlernen" und sich davon lösen.

 

Nun, Prostituierte leiden also. Sie leiden sogar sehr  massiv. Wie kann es auch anders sein, im Winter, im Minirock. Inwiefern ist aber dieses Leiden unbewusst gewollt, also krankhaft masochistisch? Wir haben am Ödipusbeispiel  gesehen, wie eine fundamentalistische Religion in den Masochismus treibt. Wir sehen es auch bei den Märtyrern. Die bohrten sich zu Ostern die Handflächen an, Stellen aber, die für eine Kreuzigung mit Nägeln absolut nicht taugen. Da muss man schon die Nägel oberhalb (proximal) des Ligamentum carpi transversum einschlagen, sonst reißt der Körper durch sein Eigengewicht vom Kreuz, und die Orgie der Gewalt fällt ins Wasser, oder besser: auf den Boden.  Dazu gibt es heute Experimente – an Leichen natürlich. Jesus hatte, wenn bei ihm Nägel benutzt wurden, sie woanders als in der Handfläche. Das wussten die Märtyrer aber nicht. Es waren ja keine Anatomen. Sie ritzten sich anatomisch verkehrt. Das ist für sie heute peinlich.

Die Verletzung des eignen (und eines fremden) Körpers spielt beim Menschen eine große und noch recht unerforschte Rolle. Nach der Verletzung geht es psychisch besser. Es kommt zur Angstabfuhr vergleichbar mit dem abschließenden Segen in der Kirche. Denken wir an das Ritzen der Borderline-Patientinnen. Es wirkt wie eine Gabe von 10 mg. Diazepam intravenös – und hat weniger Nebenwirkungen. Das Piercing, wir kennen es von den Naturvölkern, ist eine SM-Praktik. Der Gepiercte leidet beim Anbringen der Verletzung und ist sich zusätzlich in der Folgezeit ständig bewusst: Er ist verletzt. Und die Umwelt sieht es auch – und hat irgendwie Mitleid. Das muss doch weh tun, dieser Ring durch die Zunge, durchs Augenlied, durch den Penis. Piercing ist so beruhigend, dass es zur Sucht werden kann.

Die Akupunktur ist neben weiterer Wirkungen auch eine SM-Technik. Sie wirkt umso besser, je schmerzhafter sie ist, je mehr Nadeln in möglichst schmerzhafte Stellen eingebracht werden und: Je mehr der Patient am Ende zahlen muss. Bei der Moxibustion wird die in situ liegende Nadel mit Feuer erhitzt. Jeder Zahnarzt quält seine Patienten und man meint, dass daher,  weil er dieses Quälen nicht aushält, es der Beruf des Zahnarztes ist, der die höchste Suizidrate aufweist. Es mag auch anders sein: Er ergreift unbewusst diesen "sadistischen" Beruf, weil er psychische Probleme hat und sie mit Sadismus zu bewältigen hofft – und es nicht schafft. Unerkannt durch die heutige Psychiatrie ist auch, dass die endogene Depression ein Masochismus ist. Der Erkrankte gönnt sich nicht unbeschwerte Fröhlichkeit. Warum: Er meint, er habe Schuld an irgendetwas. Und sein Unbewusstes glaubt, er habe sich versündigt. Er trägt mit seiner Krankheit Sünde oder vermeintliche Sünde ab. Geschieht auch z. B. in der  Akupunktur ein Abtrag unbewusster Schuld? Zur Klärung dieser Frage sind gute Psychologen gefragt, die auch über Religion und Sünde sprechen und nachdenken können, die nicht auf diesem Gebiet autistisch stumm sind.  

 

Ist also der Masochismus der Prostituierten, auf den wir noch kommen werden, religiös bedingt? Sind Prostituierte in ihrer tiefenanalytischen Motivation Märtyrern gleichzusetzen? Auffällig ist es beim Italowestern schon: Wer da sonntags um 10 Uhr in der ersten Reihe sitzt, ist oft vom horizontalen Fach und damit gläubig. Masochismus ist meist ekklesiogen, also kirchenbedingt. Warum also  nicht auch der, über den wir uns jetzt unterhalten? Gehen moderne Prostituierte in die Kirche? Mehr als wir? Sind sie grundgläubig bzw. orthodox gläubig und glauben dem Geistlichen als seine Schäfchen das Vermittelte ebenso naiv, wie ihrem Zuhälter dessen angebliche Liebe? Albert Einstein äußerte: "Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu könne, muss man vor allem ein Schaf sein." Schaf soll in diesem Artikel nicht negativ gemeint sein. Aiuch Jesus war ja ein Schaf: Ein Lamm Gottes, das dieser Gott sich opfern ließ. Glauben Prostituierte die Dogmen ihrer Kirche? Glauben sie im Unbewussten an die ungeheure Schuld, die sie angeblich alle haben? Welche Schuld? Nun:

 

Sie alle haben angeblich einen üblen Foltermord begangen (s.u.).

 

Im Kindesalter hat man ihnen damit ungeheure Schuldgefühle und Angst vor Strafe eingeredet. Und wenn es nicht ihre "Schuld am Kreuz" war, so mag es eine andere Sünde gewesen sein, z. B das kindliche "inzestuöse" Doktorspiel mit dem eigenen Bruder. Jung gibt so ein Beispiel an, dass seine Patientin allerdings in eine Schizophrenie und nicht in die Prostitution führte.

 

Die Psychose ist ein Verschluss der Lebenswunde Sünde bzw. Höllenangst.

 

Das Pflaster heißt hier nicht Masochismus – sondern Wahn. Und dieser Wahn ist nach Freud ein Heilungsversuch. So gibt Jung das Beispiel an, wo sich eine Erkrankte als Mutter Gottes vorstellt. Warum dieses? Nun, wird Bibel-Jesus die eigene Mutter in seiner Hölle mit Feuer foltern? Wohl kaum. So ist man als eingebildete Maria auf der sicheren Seite, ebenso wie als Nonne, als quasi Ehefrau Jesu. Überhaupt ist, und das sehen wir hier sehr deutlich,

 

Sicherung und Sicherheit der Urgrund des psychotischen Symptoms.

 

Das Symptom "Wahn" sollte also nicht mit Neuroleptika bekämpft werden, sondern die Angst mit Gesprächen und Anxiolytika, Tabletten gegen die Angst. Gelingt es im therapeutischen Prozess, Sicherheit anderswie als in der Psychose zu vermitteln, z. B. in einer EAT (siehe dortHYPERLINK "http://www.frank-sacco.de/die-kostenfreien-b%C3%BCcher-hier-online/das-sacco-syndrom/die-eat-ekklesio-adversative-therapie/"), schwindet die Psychose ganz von alleine. Sie ist dann nicht mehr notwendig. Es ist dann nicht mehr notwendig, Maria,  eine Nonne, Jesus oder Gott  zu sein.

 

Ohne Gottangst ist es nicht mehr nötig, Masochistin im Wohnwagen zu sein.

Polizisten, mit denen ich mich unterhielt, wissen aber, dass die Eltern dieses Kindes ihm wohl selten das Gefühl, geliebt zu werden, mitteilten und es oft oder nahezu regelhaft in einem Gewaltmilieu aufwuchs, in dem es körperliche und seelische Gewalt erfuhr. In Hamburg wurde bei 98 % der untersuchten leichten Mädchen mindestens ein traumatisches Ereignis in der Vorgeschichte festgestellt. Bei 83 % fand sich  ein Trauma in der Kindheit (familiäre Gewalt 70 %, körperliche Misshandlung 65 %, sexueller Missbrauch 48 %). Während der Prostitution erfahrene Traumata fanden sich  bei 83 % (körperlicher Angriff 61 %, Vergewaltigung 61 %, Bedrohung mit einer Waffe 52 %). 53 % davon hatten Krankheitswert im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung. Missbrauch und Abhängigkeit von illegalen Drogen gab es  bei 74 %.

 

Das Unterbewusste dieser „Gewalterfahrenen“ saugt die drei Worte „Ich liebe Dich“ des Zuhälters wie ein Schwamm auf und macht die Mädchen abhängig von dem Einzigen, der es liebt, oder der es vorgibt. Sie tun dann alles für diesen Einzigen. Gleich gibt es auch Sexualität und danach den ersten Blumenstrauß im Leben. Seien Sie also vorsichtig, meine Leserinnen, wenn Ihnen jemand schon beim 2. Rendezvous die Drei Worte sagt. Es könnte ein „Lude“ sein, Ihr späterer Zuhälter. Oder ein Heiratsschwindler, was im Prinzip das Gleiche ist.

 

Der spricht dann schnell von der Zukunft, einer Zukunft, die dem naiven Mädchen im Vergleich zu dem bisher Durchgemachten als ein Paradies in trauter Zweisamkeit erscheint. Natürlich kostet diese Zukunft. Wie kommt man aber an dieses Geld? Der Mann hat nichts dagegen, wenn das Mädchen durch Prostitution dazuverdient. Das werde nichts an der Liebe, dem hocherotischen Liebesverhältnis der beiden Verliebten ändern, Dabei ist oft nur die Frau wirklich verliebt ist. Da nun, und das ist analytisch wichtig, das Mädchen sehr viel auch an wirklichem Leid, vertragen kann, ja sogar aufgrund einer masochistischen Psychostruktur im Leid seelisch gewisse Erleichterung findet, hat es nicht viel dagegen. Sie lässt die Sache über sich ergehen. Sie hat durch ihren Masochismus einen Krankheitsgewinn. Sie trägt eine unbewusste Schuld ab, und das erleichtert. Hat sie ein Sacco-Syndrom wie ihr Vorgänger Ödipus? Auch Ödipus fühlte sich nach dem masochistischen Ausbrennen seiner Augen deutlich leichter. Er fühlte, er hatte die Inzestschuld (die gar keine war) wohl abgetragen und er fühlte: Zeus war zufrieden. Zeus ersparte ihm wohl den Hades, die Hölle. Ich nenne dies die

 

"Hoffnung des Ödipus". Es ist dies die Hoffnung nahezu jedes Masochisten.

 

Diese Hoffnung ist ja gerade der Sinn und Unsinn eines Masochismus. Der christliche Märtyrer quält sich selbst oft mehr als Jesus gequält wurde. Ja das ist gerade seine Intention. Er arbeitet so seine religiöse „Schuld“ ab, da er durch seine Sünden, so das offizielle Dogma meiner Kirche, mitschuldig an einer Kreuzigung ist, der Kreuzigung Jesu. Ja er ist aktueller

 

„Mittäter an der Kreuzigung Jesu“, wie Pastor Traugott Giesen

 

uns in seinem Buch mit dem völlig unverständlichen Titel „Glauben heilt“ schreibt. So ein Glaube macht sehr krank. Dabei ist doch Jesus lange tot und er soll doch auferstanden und bereits glücklich im Himmel sein. Der Märtyrer und jedes christliche Kind  fühlen sich aber als der eigentliche Judas in dieser Kreuzesstory. Stellvertretend, wie es heißt, sei Jesus für jeden Märtyrer (und auch für unsere Kinder) gestorben. So eine Schuldzuschreibung wirkt sich im Einzelfall natürlich  katastrophal aus. Sie beugt den seelischen Rücken und bewirkt Demut, kranke, lebenslange Demut.

 

Den Gedanken an diese persönliche Schuld, der schon in der Kita Vierjährigen vermittelt wird, halten nicht alle unsere Kinder aus, oder besser: ihn hält kein Kind aus. Und Märtyrer waren einst Kinder, als man sie mit dieser Sühnegeschichte seelisch missbrauchte. Dass der Sühnegedanke, und damit das angeblich heilige Abendmahl Missbrauch sind, schreibt uns Papst Benedikt in „Einführung in das Christentum“, Kösel, Seite 231. Gift bekommt man dort zu trinken, wusste uns sagte uns schon Rilke. Das Gift einer bösen, bösartigen und illegalen Schuldzuschreibung. Der nach dem 2. Vatikanischen Konzil moderne Katholizismus war demnach milder als meine heutige EKD. Leider wurde das Konzil wieder eingestampft und man wurde wieder brutal-fundamentalistisch. Seitdem gibt es auch wieder vermehrt religiös bedingten Masochismus. Leider ist diese Art religiös bedingten Selbstquälertums der heutigen Psychiatrie unbekannt. Wir arbeiten aber daran, dass dort Logik und Vernunft rasch wieder einziehen, und dass eine an dieser Stelle autistisch stumme Psychiatrie wieder über Religion und das Thema seelischer Kindesmissbrauch durch unsere Religion sprechen lernt. Richard Dawkins hält die gesundheitlich negativen Auswirkungen dieser Art von kirchlicher Gewalt für noch erheblicher als die Folgen sexueller Gewalt in den kirchlichen Knabenschlafsälen. Glauben wir ihm doch einfach.

 

Wenn der erste Freier erst einmal geschafft ist, schafft man auch weitere. Die Angelegenheit wird schnell Routine und das Medikament Alkohol auch. Es fließt schnell das erste große Geld. Schnell sind in wenigen Monaten 100.000 € auf seinem Konto. Man bekommt auch „Liebe“ vom Freier, der auch mal „nette“ Sachen sagt, wie „Du bist phantastisch“. Das Üble wird verdrängt. Dazu haben wir ihn ja, diesen aktiven Prozess der Verdrängung allen Übels. Einfach in den Spam damit – und aktives Vergessen tritt ein. Trotzdem rumort alles Vergessene auf der Festplatte im Unterbewussten. Es macht depressiv. Die Depressivität macht die Prostituierte noch abhängiger von der „wirklichen und echten Liebe“ ihres Zuhälters. Er wird ihr einziger Halt, denn untereinander sind sich leichte Mädchen nicht grün. Man sieht sich als Konkurrentinnen um die Wahre Liebe.

 

Man bekommt gleich auch viele Vorteile als frisch gebackene Prostituierte. Jede Woche zum Friseur. Man sieht toller aus. Man hat die tollsten Klamotten. Er kauft sie ihr. Man sieht in seiner jugendlichen Unbefangenheit dann auch ein, dass man dem Mann die „Schulden“ für diesen Luxus zurückzahlen muss. Er verlangt es eines Tages. Aber wie denn? Man arbeitet also länger und macht mehr die Sachen, die der Kunde will, auch wenn sie ekelig sind. Man leidet oft 18 Stunden am Tag und kann das nur aushalten, weil man tief in der Seele irgendwo auch „gern“ leidet, oder besser gesagt, mit diesem Leid (meist eingeredete) unbewusste religiöse „Schuld“ abträgt.

 

Die persönlichen „Schulden“ werden mehr, während das geheime zweite Bankkonto des Luden sich immer mehr füllt. Der kauft einen Sportwagen, in dem man als quasi „Ehefrau“ auch herumgefahren wird. Auch hat man sich einen ausgesucht, der eine stattliche Figur hat und ins Fitnessstudio geht. Eine Zeitlang, so bei Riecker zu lesen, wollte man die eigenen Zuhälter möglichst dick. Dicke können auch fest zuschlagen, wenn es sein muss. Sie können einen Menschen, der nie Schutz hatte und sich nie im Leben beschützt fühlte, beschützen. Das fühlt die seelisch und körperlich schwache Prostituierte.

 

Der Masochismus geht so weit, dass sich einige Mädchen schon von sich aus einem Mann anbieten, für ihn, für sein Wohlergehen auf den Strich zu gehen. Bei Riecker steht: Zuhälter sei man oft nicht, man werde zu einem gemacht. Die Prostituierte braucht jemanden, sie zu quälen.  Die uns allen bekannte Domenika, St. Pauli, schreibt, sie habe alleine „Hanne“ DM 500.000 bezahlt. Naiv sei sie gewesen. Vielleicht steckt aber mehr dahinter als Naivität. Wer verliebt ist oder liebt, der ist oft in einem tatsächlichen Wahn befangen. Er ist „blind“. Als sehender Mensch ist man blind für die Realität. Realitätsverlust, das wissen wir, ist das Kardinalsymptom einer Schizophrenie. Dort resultiert die Blindheit aus dem Faktum, dass man die Realität nicht aushält. Eine Wohnwagenprostituierte muss auch in der einen oder anderen Richtung blind sein, um die oft unzumutbaren Wohnwagenerlebnisse auszuhalten. Sie entwickelt sich zu einer gespaltenen bzw. multiplen Persönlichkeit. Dort arbeitende Nutte, dort treusorgende Fast-und-hoffentlich-endlich-Ehefrau. Länger im Geschäft, nehmen Prostituierte einen harten Gesichtsausdruck an. Sie sind hart geworden, hart zu sich. Ihre Stimme wird männlicher. Aus Sopran wird – auch mit Hilfe von reichlich Zigaretten, ein raues Alt. Solange die Zigarette brennt, ists im Bordell etwas besser auszuhalten. Den ihr eigenen Masochismus entspringt es auch, wenn sie nichts dagegen hat, dass der Zuhälter mehrere Frauen laufen hat. 

 

Dann kommt ein Streit. Und mit ihm bald die ersten Schläge von Ihm. Man hat Ihm ja tatsächlich nicht immer alles Geld abgegeben und sich damit an der „Liebe“ „versündigt“. Man hat ihn enttäuscht. Die Schläge werden mehr. Dann, eines schönen Tages, „verkauft“ der Lude das Mädchen an einen anderen Zuhälter. Ja, lieber Leser, sie haben sich nicht verlesen. Das ist gängige Praxis im Gewerbe. Der Neue ist auch zuerst nett und überhäuft mit Geschenken und Klamotten. Er ist netter und reicher als der Vorgänger. 50.000 € hat er für das Mädchen bezahlt.

 

50.000 € Schulden habe die Übergewechselte nun bei ihrem „Neuen“,

 

erklärt der ihr eines Tages. Und das Essen bezahle er ihr ja schließlich auch. Sie sieht das auch alles ein. Sie ist ja von der neuen Liebe in identischer Weise seelisch und finanziell abhängig. Sie hat nie ein anderes Gewerbe gelernt als das horizontale. Wie kommt sie aber nun weg von den Schulden, die gar keine echten sind, sondern nur eingeredete? Nun, sie arbeitet noch länger, noch schneller und macht im Auftrag des Zuhälters noch ekeligere Dinge, z.B. „warmen Sekt“. Oder sie peitscht aus oder lässt sich auspeitschen oder anders quälen, z. B. mit dem "Spiel" Kaviar – was eine besonders ekelige Sache ist. Fragen Sie einen Polizeibeamten auf St. Pauli danach. Ich will Ihnen den angefangenen Abend in der Adventszeit  hier nicht verderben.  

 

Indem die Kirchen normale Sexualität verdammen, produzieren sie perversen Sex.

 

Der ist laut Bibel nicht unerlaubt. Warmer Sekt und Kaviar sind nicht biblisch von Johannes untersagt, aber halt pervers. Es tut der Seele weh. Die Kirchen haben den Eros pervers gemacht, wusste schon Nietzsche.

Pro Dienstleistung bekommt manche Frau letztlich für sich nur 8 €. Und davon kauft sie Ihm sein Weihnachtsgeschenk und Seine neue Uhr. Er soll es ja gut haben. Er ist irgendwo auch ihr Kindersatz. Nie würde sie Ihn, ihr Kind, bei der Polizei anschwärzen. Das ist oberstes Gesetz auf St. Pauli. Zudem würde sie dann Einiges aufs Maul kriegen. Das weiß sie.

 

Männliche Wohnwagenbesucher glauben nicht, dass es den Mädchen keinen Spaß macht. Sie sind stolz, wenn sie erst nach 25 der 30 Minuten "kommen". Und sie sagt ja auch lächelnd: "Toll, du warst toll." Aber ich frage mal  alle die Männer, ob ihnen das wirklich Spaß machen würde, vorwiegend ältere ungebadete Damen normal, anal und  oral, und bei 10 € mehr  auch "ohne"  (ohne Kondom) im Wohnwagen zu befriedigen, und das 16 Stunden, und das für ein Taschengeld. Aber so stark ausgeprägt ist männlicher Masochismus an dieser Stelle anscheinend nicht. Lieber ein Job bei Aldi.

Diese oben gestellte Frage ist eine rhetorische, zeigt sie doch den Wohnwagenmännern und uns, wie viel tatsächlicher Masochismus in der Straßenprostitution steckt. Von seinem radikalen Ausmaß her gesehen muss er religiös sein, denn die erwartete Gottesstrafe Hölle verlangt von der meist unbewusst gläubigen Prostituierten die Herstellung einer der Hölle in etwa vergleichbare Eigenqual hier auf Erden. Dafür bietet sich die Straßenprostitution ja geradezu an, da ein Augenausbrennen heute nicht mehr zeitgemäß ist. Auch das Augenausbrennen des Ödipus muss ein religiöser Masochismus gewesen sein, wenn wir überhaupt die Meinung Jungs infrage stellen wollen, dass

 

jeder Masochismus den Urgrund Religionskonflikt

 

und damit Gottangst in sich trägt. Mit einer Künstlerin in Timmendorf diskutierte ich am 1. Advent 2013 die Form von Masochismus, die oft nötig ist, um überhaupt sexuelle Erregung zu erlangen. So lässt sich jemand von einer „Herrin“ in Lackstiefeln auspeitschen und erniedrigen. Nur auf diese Weise  erlangt er sexuelle Erfüllung. Was ist da los? Normale Formen von „Sexualität“ wurden ihm als Kind nach bis heute geltendem Dogma religiös unter der Strafandrohung Hölle untersagt: die Onanie, die kindliche Heterosexualität und auch jede Form von Homosexualität. Was bleibt ist der Lackstiefel. Da aber Onanie etc. trotzdem als Kind stattfand, büßt man in sexuell orientiertem Masochismus diese „Sünde“ ab. Sex mit einem Lackstiefel ist nahezu die einzige Sexualität, die lt. Bibel nicht in die Hölle führt. Nietzsche sagt, religiöse Dogmen seien Urgrund „sexueller Perversität“. Das sadistische Quälen von Menschen wie Steinigen und Lebendig-Verbrennen wird in der Bibel ja vielfach als Gottesstrafe hingestellt (Buch Mose), ebenso das masochistische Selbstquälen wie das grausame Auge-Ausreißen (Bergpredigt), der perverse Befehl zur Kindstötung (Abraham-Isaak-Story) und die Strafen-Auferlegung im Beichtstuhl. Dem Buch Bibel darf man halt als christlich eingestellter Mensch nichts glauben. Das Buch lästert Gott, wenn man Gott als Liebe definiert.

 

Aller Sadomasochismus ist  aber Unfug. Warum? Gott straft nicht und rät daher von jedem Quälen und Selbstquälen ab, so auch von der Straßenprostitution ab. Von jeder Gewalt hat jeder Gott, auch wenn es der Klerus nicht gern hört, spätestens nach Auschwitz die Nase gestrichen voll. Insofern war Auschwitz auch nicht ganz umsonst. Wir alle, Götter und Menschen, haben durch Auschwitz dazugelernt. Aber wenn Sie mich persönlich fragen: Gott war schon immer gewaltlos – nur sein Fußvolk nicht. Aber ich arbeite daran, dass Geistliche sich wenigstens an unsere bestehenden Gesetze halten – was sie müssen! Sie dürfen nach Art. 1 Grundgesetz (Würde) und § 241 StGB unseren Kindern nicht mit ewigem Feuer drohen, zumal sie es nach Johannes 20 leicht verhindern könnten. Nach § 131 StGB dürfen sie in Kitas den Holocaust Sintflut und die göttlichen Verbrechen in Sodom und Gomorrha nicht als Akte höherer Gerechtigkeit feiern lassen. Sie dürfen Kindern (§19 StGB) und seelisch Kranken (§20 StGB) im Abendmahl eine angebliche Mittäterschaft an der Kreuzigung Jesu nicht vorwerfen. Es bekommt keinem Kind zu „wissen“, es sei über seine „Sünden“ ein Meuchelmörder am eigenen Gott. Unsere Kleinsten sind in der BRD aus guten Gründen schuldunfähig (!). Und Jesus ist entweder längst tot oder längst glücklich im Himmel – aber sicher nicht bereit, die Orgie der Gewalt nochmals durchzustehen, nur damit Geistlichen das Kunststück gelingt, wehrlosen Kindern die Angelegenheit als grausame „persönliche Schuld“ einzureden. Ein geltendes Kirchenlied, dass evangelische Kinder singen müssen, geht in etwa so: „Gib Herr, dass ich durch Sünde nicht, foltre dich aufs Neue“. Das ist pervers. Auch das Lied 184 in vielen katholischen Gesangbüchern ist pervers: "Wir schlugen ihn, wie folterten ihn, wie durchbohrten ihn." Das müssen Kinder singen! Jesus möchte auch endlich einmal seine Ruhe haben und nicht ständig unter dem Zweck einer Schuldindoktrination missbraucht werden. Er hatte doch gesagt, „lasset die Kindlein zu mir kommen“ – und nicht damit gemeint, „damit sie mich aufs Neue ans Kreuz schlagen“. Nein, Jesus liebt Kinder, gerade weil sie Kreuzigungen in der Regel nicht vornehmen. Jesus will sich am kirchlichen seelischen Kindesmissbrauch also nicht beteiligen.

 

Die Liebesdienerinnen sind also unsere  Weltmeisterinnen im Masochismus, diesem Schulden- und Sündenabtragen. Ich behaupte einmal, hier wird, analytisch bzw. tiefenpsychologisch betrachtet, auch religiös eingeredete Schuld in Rückenlage abgearbeitet. Das Heer deutscher Psychoanalytiker möge mich da widerlegen – man wird sich dabei aber schwertun. Ich behaupte sogar, die leichten Mädchen mit ihrer so schweren Arbeit leiden mehr als so mancher offiziell zum Märtyrer ernannte. Was ist schon dabei, sich zu Ostern die Handinnenflächen zu ritzen und asketisch zu leben, gilt man deshalb doch schon auf Erden als halber Heiliger, bekommt Essen gebracht und die Füße geküsst. Die Füße küsst man keiner Prostituierten. Aber ab jetzt sind sie für mich die wahren Heiligen, in meinen und hoffentlich auch in Ihren Augen, lieber Leser. Dass sie zur Abtragung einer Schuld, einer „Sünde“, ja auch ihrer angeblichen Sünde „Kreuzesschuld“ leiden wollen, ja leiden müssen, ist ihnen nicht bewusst. Das Handbuch der Pastoraltheologie, Band II/1 gibt uns deutlich Auskunft. Ich bekam es von einem katholischen Priester geschenkt. Was ist dort zu lesen? Der Masochismus sei eine der vielen Abwehrreaktionen gegen Angst, der Sadismus sei es ebenso. In „Hexen-, Ketzer- und Heiligenverbrennungen“ zeige sich diese Abwehr. Angst stelle Angriffskräfte bereit und „hungrige Grausamkeit“.   Die Theorie wird Ihnen, liebe Leser, zunächst noch etwas unglaubwürdig und skurril vorkommen. Doch weiter. 

 

Der Masochismus in der Prostitution nimmt oft schon Zwangscharakter an. Schwere eingeredete "Schuld" zwingt den Menschen zur Selbstqual. Wir erkennen aber, dass  Zwangsprostitution beides ist: Äußerer, direkter Zwang in Form des Zwanges zur Prostitution durch Schlepperbanden etc., sowie innerer, indirekter Zwang zum Masochismus durch fundamentalistische-terroristische Ideen, die man als sog. "Schläfer" kleinen Mädchen in deren Unbewusstem verankerte: Die Ideen von Sünde und Hölle. Wenn Sie so wollen, wird eine Prostituierte von zwei Zuhältern zur Arbeit gezwungen, von ihrem "Mann" und von der ihr Angst machenden Kirche. Und unser Staat verdient noch an dieser Zwangsprostitution. Von der religiösen Zwangsneurose spricht auch Josef Rudin in „Therapie und Religion“, Walter-Verlag. Sie müsse durch „eine analytische Behandlung angegangen werden“.

 

„Impotenz, Frigidität, Fetischismus, und Exhibitionismus“ würde man „nicht selten bei sehr religiös ausgerichteten Menschen“ treffen. Das gelte auch für Sadismus, Aggressivität und Hassgefühle.

 

Wo die innere Gegensätzlichkeit dem Analysanden selbst nicht bewusst ist, da manifestiere sie sich äußerlich in Zwangssymptomen oder organischen Beschwerden: Migräne zum Beispiel oder einer Störung den des Darmtraktes. Es ist m.E. verkehrt, einen Zwang verhaltenstherapeutisch zu behandeln, da er zunächst Erleichterung verschafft.   Das ist der Grund dieser Handlung. Der Grund muss angegangen werden. Überhaupt wissen wir vom Zwang, dass er der Psychose von allen Neurosen am nächsten steht. Jung beschreibt eine Patientin in einer schweren Psychose, deren Schwester Prostituierte ist. Es sind dies zwei "Lösungsmöglichkeiten" desselben Problems. Die Psychotikerin hängt ihre Schuld an den Nagel, indem sie seelischen Suizid betreibt, die andere nimmt, wie kirchlich befohlen, das Kreuz des Lebens auf sich – im Wohnwagen. Da sie niemand an ein Kreuz schlägt, bestraft sie sich masochistisch und zwanghaft mit Straßenprostitution. Das ist ihr Kreuz. Luther scheuerte sich seine Knie wund, Domenika ihre Vagina. Alles das geschah wohl nicht für Gott, weil wir ihn so lieben, sondern eher, um dessen Hölle zu entkommen, weil wir Gott fürchten. Die masochistische Durchscheuerei ist aber völlig unnötig. Gott (in Wirklichkeit die Liebe) will heile Knie und intakte Vaginen. Mit Lust an Sexualität hat die Sache im Wohnwagen nur für den Freier zu tun. Die Vagina dient dort tiefenanalytisch dem Mädchen nur dem Abarbeiten einer "immensen" Schuld. Weibliche Orgasmen kommen dort nicht vor. Sie sind da auch nicht gewollt bzw. gelten als verpönt.  Wenn sie vorkommen, sind sie gespielt. Die Frauen pochen auf ihr Recht, sich zu verkaufen. Aber haben Männer das Recht, sie zu kaufen?  Analytisch wird jetzt deutlich, warum sich der Berufsstand der Prostituierten so sehr gegen seine Abschaffung wehrt. Die massiv erniedrigende, masochistische Handlung wird als unbewusste Zwangshandlung irgendwo benötigt, um unbewusste "Sünde" abzutragen. Dieser seelen-erleichternde Mechanismus ergibt sich in anderen Jobs nicht immer. Hätte man Ödipus am Auge ausreißen gehindert, er hätte es nicht gewollt. Der Mensch ist halt kompliziert – besonders tiefenpsychologisch. Ist nun jeder Masochismus ekklesiogen bzw. ein Sacco-Syndrom? C.G. Jung meint: Ja.

 

Jede Neurose habe einen religiösen Kern, so der Analytiker Freuds.

 

Auch die Psychose ist nichts weiter als eine Spielart der Neurose. Das masochistisch befreiende Ritzen der eigenen Haut bei Borderline-Patientinnen ist ebenfalls in der Regel und im Urgrund in ekklesiogen.

Es ist unseren Psychiatern ja auch nicht bewusst, dass sie sich wegen eigener religiösen „Versündigung“ aus unbewusster Angst nicht mehr mit Patienten über Religion unterhalten (können). Was, außer Angst, sollte sie sonst derart stumm machen? Ihre Sünde: Sie sind vom Kindheitsglauben zum Agnostizismus übergelaufen. So macht unbewusste Angst einen ganzen Berufszweig taubstumm bzw. autistisch krank oder zumindest unfrei. Ob ich glaube, Analytiker seien feige, fragte mich ein Analytiker. Nun, feige ist es nicht, von der giftigsten Suppe dieser Welt einen Löffel nicht zu essen. Wer als Therapeut ängstlich ist, kann ja aber mit homöopathischen Dosen starten und dann desensibilisierend steigern. Schließlich merkt man, die Suppe schmeckt gar nicht schlecht, und man erkennt zum ersten Mal den wirklichen Gott. Der straft eben nicht, wie der Klerus behauptet, und schon gar nicht Analytiker, und schon gar nicht mit einer Feuer-Hölle, mit der Bischof Schneider unseren Kindern droht. Schneider und seine EKD wollen uns weismachen, unser Gott sei zwar die Liebe,

 

Gott sei aber im Zorn mit seinem Feuer schlimmer als Hitler.

 

Das sollten wir den Herren nicht glauben. Denn mit einem solchen KZ Hölle, wie es der Schweizer Hürlimann betitelt, würde Gott sich ja auf eine Stufe mit Hitler stellen. Oder auf eine Stufe unter Hitler. Und dazu hat er wirklich keine Lust. Auschwitz hat ihm schon nicht gefallen. Dort liess Hitler alles das machen, was Gottes alter Ego Bibel-Gott ihm in der Schrift schon in Ekel erregender Weise vormachte: Lebendigertränken (Sintflut), Lebendigverbrennen (Gomorrha), zu Tode foltern. 

 

Der hier beschriebene masochistisch-religiöse Mechanismus war auch Kierkegaard, dem dänischen Religionsphilosophen, unbekannt. „Das Leid ist das Schönste im Leben“, hatte der doch gesagt und opferte deshalb, für viele völlig unverständlich,  seinem „Gott“ das Wertvollste, was er hatte. Er wollte religiöse Schuld abtragen – wusste aber nicht um diesen Zusammenhang. Was opferte er? Seine geliebte Freundin. Er opferte die Beziehung zu ihr seinem „Gott“ und gab ihr den Laufpass. Schade und völlig unnötig. Auch dass Luther auf Knien zum Petersdom heraufrutschte, war unnötig und schadete nur seinen Kniegelenken. Gott will aufrecht gehende Gläubige und er will Widerstand gegen eine Kirche, die das Gegenteil von ihm ist. Gott will keine Demut vor dieser Kirche – und schon gar keine vor ihm selbst.  Er will nicht nur Buckel sehen. Das unterscheidet ihn von der Kirche. Wenn der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof N. Schneider, schreibt, gewisse Sünder kämen nach einem angeblichen „Richterspruch“ Jesu in das „ewige Feuer“, so missbraucht er Gott, Jesus und unsere Kinder in finanziellem Eigennutz. Die Hölle war neben der uns allen unterstellten Kreuzesschuld schon immer die beste und finanziell einträglichste Reklame meiner Kirche. Dass ihr religiöser Fundamentalismus (wie jeder Fundamentalismus) krank macht, weiß sie. Ich habe es ihr oft geschrieben. Es ist ihr völlig einerlei.

Wenn wir genauer hinsehen, so sehen wir als Urgrund so manchen Verhaltens oder manch einer Erkrankung tatsächlich religiösen Masochismus. In der Regel ist dies, noch unentdeckt von der Psychiatrie,  bei der endogenen Depression der Fall (siehe dort). Der Erkrankte "erkennt" eine "Sünde" und bestraft sich mit dem Entzug aller Freude. Ich führe hiermit den Begriff der "masochistischen Depression" in die psychiatrische Nomenklatur ein. Das Die-Augen-Ausbrennen eines Ödipus ist halt selten geworden. Wir sprechen hier von der "Verschiebung" einer Symptomatik.

 

Auch im Arztberuf steckt so Einiges an Masochismus: Das Helfer-Syndrom (nach Sacco)unterscheidet sich vom bisher bekannten: Wolfgang Schmidbauer unterstellt Helfern im Buch "Hilflose Helfer", rororo, sie wollten aufgrund einer frühen narzisstischen Kränkung  bei ihren Patienten Macht ausüben und hätten daher den Beruf ergriffen. Analytisch liegt "meinem" Helfersyndrom ein Helfen-Müssen zugrunde, ein sich aufopfern müssen. Der Arzt opfert im Beruf nicht seine Augen oder Knie, er opfert Freizeit, Freiheit und viel an Unbeschwertheit. Wem? Seinem Gott. Tiefenpsychologisch liegt in der Bergpredigt seine eigentliche Motivation, wo Bibel-Jesus Helfer in den Himmel schickt, Nichthelfer dagegen in die Hölle. Hinzu kommt auch beim Arzt seine verdrängte "Schuld", die ihm eingeredete schwere "Sünde" des Jesumordes. Wer will, mag sich Kafkas "Der Landarzt" als klassisches Beispiel eines ärztlichen Masochismus zur Hand nehmen. Dort legt sich der Arzt, was nicht jeder Nichtarzt kann,  gleich mit ins Krankenbett – zu einem  Patienten mit offenen Wunden voller Würmer. Er wird bzw. ist selbst krank. Das quasi ärztliche Helfen-Müssen ist auch Motivation bei Prostituierten, denn sie helfen als Liebesdienerinnen Männern in ihren sexuellen "Notlagen". So engagierten Masters und Johnson Prostituierte, um ihren Patienten bei sexuellen Problemen zu helfen. Es gab auch Ärzte und Ärztinnen, die sich aus therapeutischen Gründen tatsächlich gleich selbst auf ihre Patientinnen oder unter ihre Patienten legten – natürlich gegen Rechnung. Da sind wir dann wieder bei Kafka – in der Horizontalen. Wenn die Patientinnen nicht hübsch oder gar hässlich und sehr alt – oder gar zahnlos waren, wird Einiges an Masochismus dazugehört haben, meinen Sie nicht auch? Das Gesetz hat heute dieser ärztlich-helfenden "Prostitution" einen Riegel vorgeschoben. So weit müssen wir Ärzte heute nicht mehr gehen, ja wir dürfen es nicht einmal, selbst wenn wir wollten. Wir sehen aber hier am Beispiel zweier auf den ersten Blick so unterschiedlicher Berufe, wie sie sich doch in analytischer Motivation (ekklesiogener Masochismus) und Ausführung (Liebesdienste) gleichen können. Wussten Sie, dass auch manche Formel 1 – Fahrer aus Angst so schnell fahren? Das Spiel mit dem Leben ist tiefenanalytisch eine Therapie einer ihnen unbewussten Angst Niki Lauda geht nicht gern allein in den Keller. Soll er gesagt haben. Er hat in seinem Beruf, wie alle seine Kollegen, ein (ödipales?) Verbrennen seiner Augen zumindest billigend inkauf genommen.

Auch der Zölibat ist eine asketisch-masochistische Auferlegung sexueller Abstinenz. Als Kind hat der spätere katholische Priester onaniert, seinen ersten heterosexuellen Kontakt als große Sünde bzw. Todsünde erlebt und den sexuellen Ausweg in der zunächst nicht als Sünde "erkannten" Homosexualität gefunden. Mit dem Eintritt in das Priesterseminar ist er bereits homosexuell. Der Zölibat mit seiner vollständigen sexuellen Abstinenz erscheint ihm als letzte Rettung vor der befürchteten finalen göttlichen Ewigkeitsstrafe (Hölle). Nun, er hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Sex ist ein so starker Trieb, dass er ihm auch als fertiger Priester immer wieder erliegt. Sex mit Knaben erscheint (ihm unbewusst) weniger schmutzig bzw. sündig als der mit einer erwachsenen Frau oder einem erwachsenen Mann. Es fängt ja auch harmlos an. Erst muss er einem Knaben dessen sexuelle Erlebnisse im Beichtstuhl vergeben, was ihn sexuell stark erregt, später erst zitiert  der Geistliche den Kleinen zum nachmittäglichen Flötenspiel zu sich nach Hause. Aus der kleinen Flöte wird dort schnell ein großer Penis. Natürlich gibt es auch andere priesterliche Lebensläufe als den hier beschriebenen – aber es ist  wohl der häufigste. Auch die Nonne oder Diakonisse hat oft schlechte (sündige) Erfahrungen mit Sex und flüchtet  sich in die Heirat mit einem zwar lebendigen, aber sicher asexuellen Mann. Manchmal entwickeln sie einen "sexuellen" Sadismus und züchtigen Kolleginnen mit einem Stöckchen auf den nackten Popo. Davon hat man schon gehört und es im Fernsehen gesehen. Wie aber Nonnen wirklich und in der Regel mit ihrer Sexualität umgehen, ist mir unbekannt. Fragen wir sie doch einfach.

 

Es gibt also viel nächtliches Leid auf den kalten Straßen Europas. Und wenn Sie mich fragen, es ginge auch ohne dieses „selbstgewählte“ Prostituierten-Elend. Besonders, wenn es sich in einem religiösen Masochismus, also in einem Sacco-Syndrom  gründet, der ja nicht sein muss. Wir alle haben Jesus nun wirklich nicht ans Kreuz geschlagen, wie es meine Kirche so penetrant behauptet. Ich würde mich daran auch erinnern. Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis. Es ist ein übler Taschenspielertrick des Klerus, dieses unerlaubte Schuldigsprechen ja auch und gerade an die Adresse von Kindern, das Schuldigsprechen dieser Wehrlosen an einem Foltermord am eigenen Gott. Diese Schuldinokulation, auch Inhalt vieler suggestiv wirkender Kirchenlieder, „vergisst“ kein Kind. Sie wird im Archetyp „Schuld“ für immer und damit bewusstseinsfern (in allen unbewussten Abläufen ist ein Stückchen Bewusstsein) abgelegt, gleich neben dem Archetyp „Gottkritik nicht erlaubt!“. Die EKD macht unsere Kinder hier mit jedem „heiligen“ Kinderabendmahl unerlaubt zu Mördern – mit allen psychischen Konsequenzen. Dieses unglaubliche, nach § 19 StGB sogar gesetzeswidrige Schuldigsprechen von Kindern mit den Worten „Für Dich am Kreuz vergossen zur Vergebung Deiner Sünden“, produziert im unheiligen Abendmahl als die nahezu größte überhaupt denkbare „Schuld“ nach einer für die Neurose typischen Latenzphase DepressionenPsychosenAutismusSüchte und, wie wir hier vermuten oder sehen, auch Masochismus jeder Art, und damit, in seiner Extremform, auch Prostitution. Die bringt erheblich mehr individuelles Leid mit sich, als die paar Stunden am Kreuz.

 

Die Kirchen sind somit schuld an Prostitution.

 

Wer widerlegt mir diesen Satz? Diese Art von Prostitution, die ich hier umreiße, ist natürlich nicht immer in dieser Form gegeben. Die Studentin, die sich einen älteren gepflegten Herrn hält, um sich eine moderne Dreizimmerwohnung im 5. Stock mit Alsterblick gönnen zu können, sie erlebt vielleicht nicht das Leid, das ich hier anspreche. Und doch bleibt sie vielleicht im Milieu hängen und rutscht ab. Möglicherweise sieht sie  irgendwann keinen „Sinn mehr im Leben“, wird depressiv und weiß nicht den wirklichen Grund. Der liegt in ihrem Unbewussten verborgen. Dort fühlt sie sich vielleicht beschmutzt und schuldig – oder gar sündig. Sie hat, so meint sie, dort vielleicht ihre Ehre verkauft, ihr Selbstbewusstsein – und letztlich auch ihr Leben, denn vielleicht springt sie ja auch – irgendwann.

 

Doch nun zur Eingangsfrage. Die Kirchen behaupten, so auch im Abendmahl, Sie, liebe Leser,  seien Mittäter an des Auferstandenen Kreuzigung – durch Ihre Sünden. Ein Kirchenlied geht so: Herr gib, dass ich durch Sünde nicht, foltre Dich aufs Neue. In unserem Bewusstsein, schon gar nicht in einem kindlichen, ist für so Grausames kein Platz. Dieser Mord am eigenen Gott wird sofort als Gedanke ins Unbewusste verdrängt, bleibt dort aber als ein krank und demütig machendes Engramm virulent. Darum werden Sie die Eingangsfrage wohl nicht spontan richtig haben beantworten können. Wenn Sie mich als Analytiker fragen, so sind Sie  keine Mörder oder Folterknechte am Auferstandenen. Die EKD hatte das Abendmahl für Vierjährige eingeführt, es dann aber, und erst nach unserer Strafanzeige wegen Kindesmisshandlung, wieder eingemottet. Man wird wohl weitere Anzeigen gefürchtet haben.  

 

Die Staatsanwaltschaft Flensburg gibt mir Recht.

 

Ich hatte, um die entscheidende Frage endgültig offiziell juristisch  klären zu lassen, Pastor Traugott Giesen wegen Mordes an Jesus angezeigt. Er habe behauptet, den Auferstandenen ermordet zu haben. Die Antwort der Staatsanwaltschaft: Giesen ist komplett unschuldig. Seine angebliche Mittäterschaft an der Kreuzigung Jesu hat er sich nur ausgedacht, oder er hat bisher selbst an sie geglaubt. Er hat mich und die Behörde in die Irre geführt, wie auch  seine Behauptung viele Patienten über schwere,  unbewusste Schuldgefühle  ins Irrenhaus führt. Hoffentlich hält meine Kirche ihre These nicht weiterhin aufrecht. Eine Dauerkarte im Irrenhaus ist für die Allgemeinheit so richtig teuer, und im Irrenhaus fühlt man sich als von der Kirche krank Gemachter auch nicht so richtig gut. Analytisch gesehen wird Jesus, das werden Sie bemerkt haben, am Kreuz gern besonders stark leidend gezeigt, stark blutend, gefoltert, zerstört. Es dient dem Zweck, das Schuldgefühl unserer Kinder möglichst groß bzw. maximal werden zu lassen. Sie sollen ja an dieser Straftat Mittäter gewesen sein, so eine rücksichtslose Kirche. Stellen Sie sich vor, Polizisten kommen zu einem Kind und eröffnen ihm,man habe gerade seinen leiblichen Vater zu Tode foltern müssen. "Warum?", fragt das Kleine. "Wegen deiner Sünden", so die Antwort. Wie wird sich wohl diese "Schuld" auf das Kind auswirken? Katastrophal. Ebenso katastrophal wirkt sich die "Schuld" am Foltermord am eigenen Gott aus, unserem zweiten Vater. Kinder glauben alles, was man ihnen in Kirchen erzählt oder vorsingt. Sie schlucken diese Schuld hinunter, verdrängen, und werden arme Schlucker.

 

Wenn Sie nun ihr Taschengeld wieder aufbessern wollen, weil Sie sich geschädigt fühlen, so zeigen Sie meine Kirche doch einfach an und verlangen Schadensersatz. Schreiben Sie in der Anzeige, die Kirche hätten Ihnen als Kind (!) und in der Folgezeit (Abendmahle) die Schuld an einem Foltermord gegeben, den sie lt. Staatsanwaltschaft Flensburg aber gar nicht begangen hätten. Das sei Verleumdung und üble Nachrede, mit der Intention, Sie schuldkrank und damit zahlungswillig zu machen. Beides wäre geschehen. Es hätte eine PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) bei Ihnen bewirkt, sie bedrückt und unfrei gemacht. Berufen Sie sich in Ihrer Anzeige auf die Bundesärztekammer, deren Vizepräsidentin Goesmann 2009  in öffentlicher Sitzung erklärte, die Kirchen seien grausam und sie sei deshalb ausgetreten. Und  gerade das Kinderabendmahl sei der Diskussionspunkt gewesen. Jesus hätte sich übrigens im Grabe umgedreht, hätte er erfahren, dass die Hochintelligenz Klerus das von Jesus als Abschiedsessen gedachte und begangene Mahl umfunktionierte in eine kindermisshandelnde Schuldinfusion.  Papst Benedikt und der Analytiker Frank Sacco hätten Ihnen  erklärt, dass sie gar nicht schuldig sind und  der Sühnegedanke, so weit er auch verbreitet sei, wie der Papst schreibt, Unfug darstellt. Das hätte Sie erleichtert. Schreiben Sie das aber nur, wenn es sie in der Tat erleichtert hat. Sie können aber auch die EKD und ihren Führer, Bischof Nikolaus Schneider anzeigen, weil sie Ihnen mit ewiger Feuerfolter gedroht hätten, mit der Hölle. Der angegebene angebliche Richterspruch Jesu sei aber nicht von Jesus unterschrieben und daher Makulatur.  Auch habe Schneider Einfluss auf die Ausführung der angedrohten Straftat Jesu, da auch er als Apostelnachfolger jesugleich uns die Sünden nach Johannes 20 ("Wem Ihr vergebt, dem vergebe ich auch") vergeben könne.

 

Erst wenn die Kirche wirklich zahlen muss, regt sie sich – und wird vielleicht human.  Wir sehen das am sexuellen Kindesmissbrauch, wo es um viel Schmerzensgeld ging.  In dem Geschäft, das Religion ja nun auch einmal ist, in dem Wirtschaftszweig Religion also, geht nur um eines: Um Geld. Um Ihr Geld. Bezüglich der Methoden, an dieses Geld zu kommen, geht meine Kirche, treu alter Tradition, über Leichen – über ekklesiogen produzierte Leichen. Ihr psychischer und finanzieller Aufkauf der Psychiatrie bewirkt ein Schweigen der Medizin über diesen ausgewachsenen Skandal, den Skandal einer, laut Goesmann, seelisch grausamen Kirche.

Natürlich kann man auch einen Psychiater anzeigen, wenn er, anstatt selbst zu helfen, seine Patienten zur "Behandlung" zum verursachenden Klerus schickt, siehe dazu Musteranzeige 5 im Buch "Sacco-Syndrom". Das ist vergleichbar so, als wenn wir Internisten Alkoholkranke in die nächste Kneipe schicken würden. Der Suff "hilft" ihm zwar für einige Stunden, macht ihn aber im Prinzip  nur noch schwerer krank. Dem Klerus ist sowohl vom Vatikan als auch von der EKD das zu vertretende Dogma Hölle vorgegeben und die "Behandlung" sieht so aus: Zunächst werden die Sünden besprochen und dass die Erkrankung vielleicht Strafe sein könne oder eine (sadistische)  "Prüfung" Gottes. Dann kommt ein Gebet, Gott möge doch vergeben – und nicht strafen. Gemeint ist selbstverständlich: Nicht mit Hölle strafen. Die Angst des Erkrankten steigert sich so aufgrund der vermittelten Unsicherheit ins Unermessliche. Ein Suizid droht. Also: Den Bock macht die Psychiatrie hier zum Gärtner. Wir arbeiten aber daran, dass der Psychiatrie diese Zusammenhänge klar werden. 

Es mag sein, dass keine Anzeigen verfasst werden, selbst nicht von "Atheisten". Die globale bzw. kollektiv vorhandene,  klerikal eingeredete Angst der Bevölkerung vor der Hölle ist einfach zu groß ist, und man hat tief im Unbewussten schreckliche Sorge, sich mit dieser Anzeige zu versündigen. Das Unbewusste setzt halt kritiklos Kirche mit Gott gleich. Dann ist der Kampf der Gruppe 49 allerdings verloren. Dann geben wir auf. Dann waren die Kirchen einfach stärker und intelligenter.

 

Dann wird es sie weiter geben, die vielen ekklesiogenen Angsterkrankungen, die zu dem Schlimmsten zählen, was wir Psychotherapeuten kennen, weil sie durch die nach Karl Jaspers größte Angst des Menschen bewirkt werden: Ekklesiogene Depressionen, Sadomasochismus jeglicher Art, schwere Psychosen bis hin zum kirchenbedingten Autismus etc.. Es wird sie geben, weil  die Schätze in Jesu Hölle nicht gehoben wurden. Sie waren zu schwer.

 

 Machen Sie´s  gut, Ihr Frank Sacco

 

 

 

 




Eine Psychoanalyse von Sigmund Freud


justme12-22-40-536_950x510Dr. Frank Sacco firmiert als Mitglied der ev.-luth. Kirche und der Niedersächsischen Ärztekammer, als Internist, Psychotherapeut und Analytiker der Psychoanalytiker. Provokativ unternimmt er eine Psychoanalyse von Sigmund Freud, ausgerichtet an der Frage: Was führte nun die Psychiatrie in den größten Kunstfehler ihrer Geschichte, der autistoiden Schweigsamkeit in Religionsdingen ihren Patienten gegenüber?  Dafür möchte er den  Begriff "Glaubensirrtum"  in die psychiatrische Nomenklatur einführen. Das Motto, das sich durch Saccos Analytiker-Texte zieht: Androhung von Folter stellt bereits Folter dar (Bild: Greyerbaby, pixabay).

 

Sigmund Freud, eine Psychoanalyse von Frank Sacco
 

Bemerkenswert sind Gespräche, die Jung mit Freud führte. Sie haben sich ja beide „überkreuz“ analysiert. Freuds väterlicher Lehrmeister Breuer, Jung und viele andere verstanden nicht die Wertigkeit, die Freud der Sexualität gab. Die Sexualtheorie, so Freud zu Jung, sei „das Allerwesentlichste. Sehen Sie, wir müssen daraus ein Dogma machen, ein unerschütterliches Bollwerk… Gegen die schwarze Schlammflut des Okkultismus“, so Freud. Jung: „Offenbar wollte er mich zu einer gemeinsamen Verteidigung gegen bedrohliche unbewusste (religiöse, philosophische, der Verf.) Inhalte anwerben“. Jedes Dogma ist ein Schutzwall gegen eine dahinter stehende Angst.

Freud deutete Krankheiten als sexuell bedingt, da er nicht den Schritt wagte, sie als religiös entstanden zu interpretieren. Er ging demnach den Weg des geringeren Widerstandes. Jung deutete das mit Recht als „Flucht“. Analytisch liegt eine sog. „Verschiebung“ vor: Es macht weniger Angst und ist  unverfänglicher, der Sexualität die Schuld zu geben als seiner Religion oder gar „seinem Gott“. Freud hatte, so Jung, Nietzsche nie gelesen. Der Denker wird ihm zu nahe gewesen sein. Jener hatte mit den drei Worten „Gott ist tot“ seinen Gott getötet und Freud hatte seine drei Worten „Religion ist Wahn“ dasselbe getan. Hier war er sehr mutig und ging bis an seine wirklichen Grenzen – und noch darüber hinaus. Erklären sich über eine hieraus entstandene Gottangst Freuds zahlreichen Ohnmachten? Ich startete eine Google-Analyse: Zielwörter: Sigmund Freud Ohnmachten.

Die spektakulärste fand statt während des Psychoanalytischen Kongresses in München 1913 (nach Jungs älteren Schriften fälschlich 1912). Der Vortragende Jung erklärte gerade, Pharaonensöhne hätten regelmäßig ihre Väter, also Götter entmachtet bzw. getötet, um sich dann selbst zu einem Gott zu machen. Aber sie hätten dabei keine neue Religion inauguriert. „In diesem Augenblick ist Freud ohnmächtig vom Stuhl gesunken“, so Jung. Was war passiert? Auch Freud hatte Jahwe abgeschafft („getötet“), ohne eine neue Religion zu inaugurieren. Analytisch ist das kein Zufall. Sicher hat Freud wie auch Nietzsche erhebliche Schuldgefühle gehabt. Die ägyptischen Vatermorde seien keine ödipalen, sondern religiöse Akte, äußerte der Vortragende Jung. Freud wird aus Höllenängsten „wie tot“ zusammengesunken sein. Auch Jung deutet es so: „In beiden Fällen ist die Phantasie vom Vatermord gemeinsam.“ Nur: Vatermord ist hier in beiden Fällen  Mord nicht etwa am leiblichen Vater sondern am eigenen Gott der Kindheit, an "Gott-Vater".  Freud wollte in der Analyse nicht begreifen, dass Gott der "eigentliche" Vater, der Übervater  ist, so Jung. Das ist auch der heutigen Psychiatrie bisher nicht aufgefallen. Über die Ursache seiner zahlreichen Ohnmachten schrieb  Freud in seinen Briefen an Jung: „Also ein Stückchen Neurose, um das man sich doch kümmern sollte“. Hier hat Freud etwas sehr untertrieben.

Der von Jung geschilderte ägyptische Gottesmord erinnerte Freud also an seinen jüdischen. War diese Ohnmacht nun „Zufall“? Nein. Der Münchener Ohnmacht waren Bewusstlosigkeiten (unter identischen thematischen Bedingungen) 1912 ebenfalls in München und im Bremer Essighaus 1909 vorausgegangen. Jung berichtete über Moorleichen im unter einer riesigen Kirche liegenden Bremer Bleikeller, wie fast lebendfrisch erhalten sie doch seien. Vorher hatte man die Kirche und die vielen Gläubigen besichtigt, die Gott, wie Freud bemerkt haben dürfte,  als Glaubensgewissheit, als Faktum ansahen.  „Was haben sie denn mit diesen Leichen!“, rief der sehr erregte Freud aus und wurde prompt besinnungslos. Dass Freud eine „Leiche im Keller hatte“, war allen unverkennbar. Die „tiefenpsychologische“ Lehrmeinung besteht bis heute nun darin, dieser „Getötete“ sei Jung, dem er als seinem  Rivalen unbewusst den Tod gewünscht habe. Jung starb jedoch eines natürlichen Todes. Die zweite Variante der Tiefenpsychogen:  Freud habe seinem Bruder Julius, der als Säugling an Tuberkulose starb, den Tod gewünscht. Freud hätte, als damals Einjähriger (!), Schuldgefühle bekommen. Er habe Julius „vergiftete Muttermilch“ gewünscht.

Nun ist es aber keine juristische oder eine sonstige Schuld, seinem einjährigen Bruder, selbst noch einjähriges Kleinkind, den Tod zu wünschen. Es ist etwas Harmloses und völlig Natürliches. Nur eine verrückte  Religion überhöht so etwas erbarmungslos zur höllenwürdigen Sünde. So milchtief muss Tiefenpsychologie also gar nicht abtauchen! Die erste Variante setzt den Glauben an einen Gedanken lesenden Gott voraus, der diese Gedanken beurteilt und bestraft. Jahwe bestraft aber derartige Gedanken nicht. Erst unser Christengott kam auf den skurrilen Gedanken des Gedankenbestrafens.

Die richtige Interpretation liegt jedoch so nah. Freud selbst interpretiert seine Ohnmachten doch durchaus fachgemäß: „Die regelmäßige Reaktion auf den Tod einer nahe stehenden Person ist doch die Selbstbeschuldigung, das man diesen Tod mitverursacht hat“ (Freud 1933,S. 553). Nun: Freud verursachte weder Jungs Tod, noch den seines Bruders. Seine ihm nahestehende Leiche im Keller hieß „Jahwe“. Der blieb im Unbewussten Freuds so lebend frisch bzw. zwitterhaft wie eine Mumie. Seine Ohmachten hätten „den Wert einer Bestrafung“, so Freud. Sie waren seine masochistische Strafe für den „Gottesmörder“ Freud, einen „Mörder aller Mörder“ nach Nietzsche. Freud fühlte sich schuldig und sah sich bestraft. Er hatte die größte aller „Sünden“ begangen, die ein Jude begehen kann. Und wenn es doch so war, dass Freud wegen seines Brudermordes, der keiner war, unbewusste Schuldgefühle hatte? Dachte dann nicht sein Unbewusstes, wegen dieses „Mordes“ in die Hölle der Juden, das ewige Gehinom zu müssen?

Doch es kam noch härter für Sigmund Freud: Religionspsychologisch war er eigentlich durch den Einfluss seines Kindermädchens zusätzlich bzw. eher „katholisch“. Er wuchs bireligiös auf und mordete also drei Götter: Jahwe, Jesus und den Vater Jesu. Vater und Mutter Freud hatten ihn in Glaubensdingen nicht exzessiv beeinflusst. Seine Mutter erinnerte Freud aber an sein Kindermädchen: „Sie hat dich in alle Kirchen getragen; wenn du dann nach Hause gekommen bist, hast du gepredigt und erzählt, wie der liebe Gott macht.“ Nun, lieb war und ist dieser „Gott“ nun so gar nicht. Der kleine Sigmund war nach seinen Kirchenbesuchen dem grausamsten aller bisher bekannten ca. 8 Millionen Götter ausgeliefert: Unserem Bibelgott. Der droht im Neuen Testament unseren erschreckten Kindern zwölfmal mehr mit einer Feuerhölle als der viel harmlosere Jahwe. Er trieb letztlich „den Katholiken“ und Juden Freud über starke Schuldgefühle in den Tod (siehe darüber bei Schur 1982, S. 235). Die Angst vor einer Gottesstrafe nach dem Gesetz des Talion und der Bibel hatte eine unbändige Nikotinsucht mit der Folge eines Mundhöhlenkarzinoms ausgelöst. Die katholische Kirche tötete Freud somit, wenn Sie so wollen, mit ihrer Drohung Hölle gewaltsam. Er hatte in katholischen Kirchen gelernt: Nur „wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden“ (Röm10, 13, NT). Freud saß damit zwischen zwei religiösen Stühlen, zwischen Jahwe und Bibelgott. Beide erheben ausdrücklich einen Alleinanspruch auf den Thron – und beide Götter verstehen an diesem Punkt so gar keinen Spaß. Andererseits untersagt es die 5. Glaubenswahrheit (Maimonides, gest. 1204)) Juden streng, einen anderen Gott als Jahwe anzubeten. Obendrein verbittet sich „Jahwe“ ausdrücklich die „Anrufung“, die Nennung des Namens Jahwe, während der Gott des Neuen Testamentes sie ausdrücklich verlangt.

Freud ging also einen zunächst logischen Weg, indem er beide Götter „abschaffte“. Ja er musste es tun. Es war für ihn  die einzige Lösung, der bireligiösen Falle zu entkommen. Man kann es als Kind und auch später nicht zwei so unterschiedlichen Göttern recht machen. Überhaupt sollte man Bireligiosität und dazu führende Mischehen per Gesetz so lange verbieten, bis die verschiedenen Götter einen Konsens erlangt haben und uns dann schriftlich mitteilen, wie sie gern angebetet werden möchten. Im Zeichen der Internetkonferenzen sollte das kein Problem mehr darstellen.

„Ein Werk des Teufels“ sei seine Psychoanalyse, rief die sich rächende Kirche dem kirchenkranken Freud noch zu und verteufelte ihn auf diese bösartige Weise. Sein Statement „Religion ist Wahn“ sei gar eine Lästerung wider den Heiligen Geist, so der Klerus.  Das war Freuds „Schicksal“, denn eine solche Lästerung wider den Geist führt nach dem Dogma ohne Umschweife und ohne Gerichtsurteil in die ewige Hölle, so die katholische Kirche noch  heute. Analog lassen sich übrigens die Ohnmachten Dostojewskis deuten, der den katholischen „Gott“ der Gewalt tötete und den man darum einen Ketzer und Gotteslästerer nannte. Freud selbst zog zwar die Verbindung zu dem russischen Dichter, die Ursache seiner eigenen Neurose blieb ihm aber lebenslang so unbegreiflich, wie sie bis zum heutigen Tag der Psychiatrie unbegreiflich blieb.

Jung bewundert Freuds Mut. Freud habe es unternommen, „falsche Götter zu stürzen, den Vorhang wegzuziehen von einem Haufen Unehrlichkeit und Heucheleien…“ Das war Freuds Verdienst und er hat bis zum tatsächlichen Umfallen gekämpft. Wenn man aber mehrere Kindheitsgötter tötet, wird man in der Regel sehr krank. Wahrscheinlich, denn sonst wäre er nicht umgefallen, hat Freud aber verdrängen müssen, was er eigentlich getan hatte, was er da gewagt hatte. Jung hingegen wurde nicht neurotisch oder wahnsinnig. Er schreibt: „Dass ich es aushielt, war eine Frage der brutalen Kraft. Andere sind zerbrochen. Nietzsche und auch Hölderlin und viele andere.“ Jung zitiert Goethe in Faust II: „Vermesse dich, die Pforten aufzureißen, an denen jeder gern vorüber schleicht.“ Jung kam sich vor „wie auf einem Schlachtfeld“. Die „liebevolle Vertiefung“ (Diktion Jung) in die religiöse Geschichte der Kranken ist heute verlassen worden. Aus Angst vor diesen Schlachtfeldern schleicht man heute an ihnen vorbei. Tabletten aufzuschreiben, das ist für unsere heutigen Psychiater vordergründig ungefährlicher. Da es einen hitleroid strafenden Gott aber nicht gibt, gibt es die angesprochenen Schlachtfelder auch nur in Seelen mit einem gläubigen Kern. Verabschieden wir uns also nun von diesem Kern, lieber Leser. Endgültig. Helfen wir unseren Kirchen zu einer neuen Religion, die sie straf- und schuldfrei predigen können, ohne dass ihnen jetzt zahllose Strafanzeigen zugehen. Denn eine Bedrohung mit ewigem Feuer ist auch Göttern in der BRD verboten. Auch liegt keine Unterschrift Gottes unter dem Dokument Bibel vor, die demnach juristisch betrachtet Makulatur ist. Folgerichtig erhielt Bischof N. Schneider, Präses meiner Kirche, eine Strafanzeige wegen Kindesmisshandlung. Freuds Schicksal soll unseren Kindern erspart bleiben.

V. Weizsäcker über Jung: Jung war es, "der am frühesten begriff, dass die Psychoanalyse in den Bereich der  Religion… gehört…"  Gemeint hat Jung vielleicht den Verlust jedes kindlichen  Urvertrauens durch eine Religion, die sich eine ewige Feuerstrafe (Diktion Bischof N. Schneider) auf ihre Fahne geschrieben hat. Die heutigen in Religionsdingen so schweigsamen Psychoanalytiker haben also noch sehr  viel zu lernen.

Was führte nun die Psychiatrie in den größten Kunstfehler ihrer Geschichte, der autistoiden Schweigsamkeit in Religionsdingen ihren Patienten gegenüber? Von anderen als Geistlichen ausgesprochen, flößt das Wort Hölle den allermeisten Psychiatern einen ihnen nicht geheuren  und mehr als tödlichen Schrecken ein. Warum? Sie spüren Bedrohung, Angst, gelegentlich auch „tödliche Langeweile“ (Jung)  – und dann Wut. Sie lernen in ihrer Ausbildung, in solchem Fall eigenen Unwohlseins das Thema unverzüglich zu wechseln oder das Gespräch bzw. die Beziehung abzubrechen. Der Ausdruck „Hölle“ führt augenblicklich zu einem Gedankenstopp, der auch jede Vorstellung verhindert, was Höllenpredigen in den Seelen kleiner Kinder überhaupt anrichtet und der jede schwerwiegendere Kirchenkritik unterbindet. Zu allem Unglück haben die Kirchen unsere Psychiatrie noch finanziell von sich abhängig gemacht. Man ist Träger psychiatrischer Kliniken geworden und hat sich  die Psychiatrie gekauft. Man stellt nur Ärzte ein, die sich mit dem christlichen Dogma identifizieren oder sich zwangstaufen lassen. Das ist genial. Das ist Hochintelligenz.

Freud ermordete mit dem Satz „Religion ist Wahn“ seinen Gott Jahwe nur in seinem Oberflächenbewusstsein. Er blieb, was ihm nicht bewusst war, in seinem Selbst weiterhin ein orthodox Gläubiger. Weitere „Sünden“ gegen Jahwe ließ Freuds Unterbewusstsein danach nicht mehr zu. Das Maß war voll. Derartige „Frevel“ hätten darin bestanden, offen Religionskritik zu äußern und Patienten die Ursache ihrer Erkrankungen als Verbrechen der Kirchen an ihnen darzulegen. Stattdessen fiel der anwesende Freud in besagte Ohnmachten, wenn die Sprache auf einen Gottesmord, also auf sein Trauma kam.

Da sich nun Psychiater in der Regel dem Statement „Religion ist Wahn“ kopfnickend anschließen und sich damit nach dem Dogma auch gegenüber dem Heiligen Geist „versündigen“, entwickeln diejenigen auch alle in einer klassischen Übertragung die Freud’sche Neurose. Im Unbewussten glauben sie wie Freud, ihren Gott getötet, sich versündigt zu haben. Sie glauben im Kern ihre Unbewussten, Mörder aller Mörder zu sein. Das ist kein echter Wahn! Es ist Folge eines zur religiösen Glaubensgewissheit gemachten Irrtums, eines Glaubensirrtums. Unsere Religion ist kein Wahn, sondern Glaubensirrtum bzw., wenn man so will, Aberglaube. Dieser liegt darin, anzunehmen, Gott die Liebe habe irgendetwas dagegen, seine gewalttätigen und dazu noch klerikal erfundenen hitleroiden Gegenspieler Talmud-Jahwe und Bibel-Gott umzubringen, die Täter des Holocausts Sintflut. Die Liebe, also den nach moderner Sichtweise wirklichen Gott in uns,  kann man gar nicht umbringen. Die in die Hölle führende Sünde Freuds war demnach gar keine. Seine Ohnmachten waren ebenso überflüssig wie Nietzsches Schizophrenie. Freud war gar nicht der Sünder, als den er sich sah. Alle Aufregung also umsonst.

Als man noch glaubte, die Erde sei eine Scheibe, waren ja auch nicht alle Menschen wahnkrank! Sie irrten nur einfach. Man wollte Galilei auf dem Scheiterhaufen verbrennen, weil er einem der vielen Glaubensdogmen seiner Kirche widersprach. Noch heute geht man von Kirchenseite ruppig mit Aufklärern um. Ebenso regelhaft wie unverständlich gilt heute bei Psychiatern der Glaube an den Himmel als normal, der Glaube an Hölle indes als „Wahn“. Kann jemand außer mir diesen Widerspruch verstehen?

In vier Gesprächen im Rahmen einer EAT (siehe im Buch Sacco-Syndrom, www.frank-sacco.de) hätte ich Freud die Zusammenhänge dargelegt und ihn von seinen überflüssigen Schuldgedanken hoffentlich und ganz ohne Einsatz von Neuroleptika befreit. Mit Nietzsche hätte es vielleicht länger gedauert.

Natürlich sind nahezu alle getauften Psychiater bzw. Freudianer quasi „Mörder aller Mörder“ bzw. sogar Doppel- oder Dreifachmörder ihres Gottes: Sie alle sollen zum einen durch ihre Sünden „Mittäter“ an Jesu Kreuzigung sein, zum anderen „Schuld“ am Tod seines Vaters durch ihre Behauptung haben, Gott sei eine Wahnvorstellung. Damit versündigen sie sich nach dem Dogma auch gegen den kirchenerfundenen Heiligen Geist. Damit ist aber auch die Frage Peter Schellenbaums in „Gottesbilder“, dtv, geklärt, warum die Tiefenpsychologie Bibel-Jesus bis heute nur sehr vereinzelt zu kritisieren vermag: Das Maß der „Sünde“ unserer Psychiater ist halt voll. Die sprechende Medizin schweigt hier bzw. hat sich selbst zum Schweigen verurteilt.

Ich führe hiermit den Begriff "Glaubensirrtum"  in die psychiatrische Nomenklatur ein als Abgrenzung zum eigentlichen Wahn. Der uns vermittelte Höllenglaube ist kein Wahn, er ist Glaubensirrtum. Seine Entstehung hat finanzielle Gründe. Man will Angst erzeugen und Angstgeld kassieren. Man glaubt nicht, mit Liebe alleine, bzw. mit einem nur liebenden Gott, Kirchenbänke einigermaßen voll zu bekommen.

Agnostiker oder Atheist wird man nicht durch das Anhören einer Vorlesung über Freud, man muss im Gegenteil oft hart an seinen Kindheits-Prägungen arbeiten. Mit großer „Naivität“, die eigentlich aber einen Schutzmechanismus darstellt, behaupten Therapeuten, Kinder würden die „Märchen der Bibel“ gar nicht als dauerhaftes Engramm im Unterbewussten integrieren, sie seien zu jung und dann wieder zu alt, um so einen Unsinn überhaupt zu glauben. Man selbst sei in Glaubensdingen aufgeklärt. Kirchen würden daher nicht krank machen. Ganz im Gegenteil, sie seien doch völlig harmlos und hätten sich „doch heute schon sehr gebessert“. Ja sie wirkten sich sogar im Sinne einer Resilienz positiv auf das Urvertrauen unserer Kinder aus. Fehlanzeige. Das alles sind Intellektualisierungen aus der Grundangst heraus, die eigene Religion kritisieren zu müssen und sich damit noch weiter zu „versündigen“. Man setzt Kirche und Religion mit Gott gleich. Ein Kardinalfehler.

Alle meine Psychiatriepatienten bemerken kritisch den Umstand, dass man sich fachärztlich mit ihrer Religionsproblematik nicht grundsätzlich auseinandersetzte. Jung lehrte schon, dass „jede Neurose“ im Kern ein religiöses Problem hat. Die Ursache dieser Katastrophe ist nun nicht etwa böser Wille, Ignoranz oder gar Dummheit, sondern schlicht eine angstbedingte Zwangsneurose unserer Psychiatrie und damit eine Krankheit. Deren Behandlung gehe ich mit meinen Büchern an. Die "Neurose der Psychiatrie", siehe Internet, wird also von einem Internisten therapiert. Die Top- Analytikerin Prof. Leuzinger-Bohleber, Direktorin am Sigmund Freud Institut in Frankfurt,  überwiest Patienten mit Höllenängsten zur Teufelsaustreibung. Der mitinterviewte Pfarrer zu Eltz stellt in ihrem Beisein und ohne jeden Widerspruch der Analytikerin  lt. der Zeitung "Die Zeit" vom 31.3.2010, Seite 57, folgende Diagnose: "Vom Teufel besessen" seien die von ihr überwiesenen Erkrankten. Und mit ihnen macht man natürlich einen Exorzismus.  Papst Benedikt musste aufgrund der skurrilen Überweisungspraktik unserer Psychiater Schnellkurse in  der Disziplin Teufelsaustreibung einführen. Nun starben bei der Prozedur etliche. "Aus juristischen Gründen", denn man ist ja nicht dumm, nimmt man deshalb heute 3 Psychoanalytiker in Alibifunktion mit ins Boot und schaut gemeinsam zu viert: Psychisch krank – oder vom Teufel besessen (Quelle: Die Welt, 12.Mai 2014, S. 23). Dann kann sich später kein überweisender Hausarzt und keine Mutter beschweren, wenn im Rahmen des Exorzismus der Patient stirbt, so wie z. B. 1976 Anneliese Michel. Freud würde sich im Grabe umdrehen. Ich schickte nach vergeblicher Abmahnung Frau Prof. Leuzinger-Bohleber eine Strafanzeige wegen unterlassener Hilfeleistung. Die Antwort der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main: Der Verdacht, „dass kranken und bedürftigen Patienten mit pathologischem Zustand die Hilfe verweigert wird“, sei unbegründet. Eine Teufelsaustreibung mitten in Deutschland, so verstehe ich  den Staatsanwalt Dr. Welke,  sei Hilfestellung genug – wenn auch keine Kassenleistung.

Mit der als Bollwerk und Dogma erdachten Sexualtheorie und seiner Neurose führte Freud ohne Schuld und Absicht die Psychiatrie ein Jahrhundert lang in eine für alle sehr gefährliche Sackgasse und hin zum größten Kunstfehler in der Seelenheilkunde: der völligen Unterbewertung der Bedeutung von Religion für die Psyche und dem Ignorieren kirchenbedingter Erkrankungen. Die von einem Gynäkologen installierte „ekklesiogene Neurose“ hat man schamhaft aus dem ICD-10 Schlüssel herausgelassen. In der Freud’schen Neurose befangen bringen sich viermal mehr Psychiater um als Internisten. Der Grund: ekklesiogene Schuldgefühle. Microsoft Word kennt nicht einmal das Wort „ekklesiogen“. In „Psychologie heute“ vom Juli 2010 wird folgende Frage gestellt: „Psychotherapeuten – eine säkuläre Priesterschaft? Ich kann das nur bestätigen. Psychotherapeuten nehmen die Kirchen oft mehr in Schutz, als es selbst Priester tun. In der genannten Zeitschrift steht es nun ganz genau, wie unsere Seelenärzte und unsere psychologischen Psychotherapeuten gestrickt bzw. verstrickt sind. „Psychotherapeuten setzen sich in ihrer Ausbildung nur sporadisch mit dem weiten Feld des Religiösen auseinander…. Sie geben mehrheitlich zu Protokoll, in ihrer Ausbildung nicht mit religiösen Themen in Berührung gekommen zu sein“, und daher „mangelt es Therapeuten an religiösem Wissen. Deshalb dominieren bei ihnen Ängste hinsichtlich religiöser Fragen…“ Da haben wir es vor uns, das Kardinalsymptom unserer Psychiater.

Die Psychiatrie ging den Irrweg der jahrelangen Verschreibung persönlichkeitsumformender Neuroleptika bei an sich durch Gespräche leicht heilbaren Erkrankungen. Das gilt für Neurosen, Depressionen, Psychosen, Süchte, Zwänge, Autismus, Zwänge und ADS. Die Symptome bei diesen Erkrankungen sind, und das wusste man schon vor 100 Jahren, Heilungsversuche, die zu Defektheilungen führen. Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (1) ist eine Flucht vor nicht Auszuhaltendem in die Hyperaktivität. Im Jahr 2010 demonstrierte man allen Kindern Würzburgs in sämtlichen Kirchen ihr mögliches schreckliches Ende: Die Apokalypse, den finalen Feuersee des Rachegottes „Jesus“.  Die böse Quittung: Im Jahr 2013 ist die Stadt Weltspitze bezüglich der Angsterkrankung ADS.

Das Symptom Autismus (2) ist hingegen die Flucht in eine vollständige Abkehr von der Außenwelt. Bei der Erwachsenen-Schizophrenie (3) flüchtet man in eine (erträglichere) Wahnwelt. Wer glaubt, er sei Jesus oder die „Jungfrau“ Maria, der weiß, dass er weder sich selbst, noch seine Frau Mutter  auf den ewigen Grill legen wird. Der Suchtkranke lernt sehr schnell, dass ihn das Suchtmittel vor einer unerträglichen Dauerdepression oder Panik, der sog. Angst vor der Angst bewahrt. Der Zwangskranke (4) wäscht sich im rituellen Waschzwang eine vermeintliche Sünde symbolisch von seiner Seele. Der ohne sogleich ersichtlichen Grund „endogen“ Depressive (5) opfert seinem Gott in einem Masochismus seine unbeschwerte Fröhlichkeit: Der Bußgürtel Luthers und das Die-Augen-Ausbrennen eines Ödipus sind heute (und von der heutigen Psychiatrie noch unentdeckt) in dieser Erkrankung verborgen. Der Neurotiker (6) entzieht sich seiner Höllenangst durch ein Symptom, z. B. eine Ohnmacht. Doch die kann seine verdrängten Ängste nur für den Moment beseitigen. Alles dies sind alte Erfahrungen. Sie sind uns von den alten Meistern zwar hinlänglich übermittelt, aber heute vergessen bzw. verdrängt worden. Je konservative-gläubiger eine Gesellschaft, desto lieber holt sie sich organisch-genetische Gründe für psychische Abweichungen ins Programm. Wir erleben es gerade bei der Homosexualität (http://www.frank-sacco.de/homosexualität-ursachen/).

Freuds Weg über die Traumdeutung ist umständlicher, zeitaufwendiger und um vieles fehleranfälliger als die von mir entwickelte Ekklesio-Adversative Therapie, der EAT (7). Die Hölle, als uns in gottesdienstlicher Suggestion vermittelten tatsächlich auf uns wartenden Scheiterhaufens, ist derart tief in uns versenkt und verdrängt, dass unser Unbewusstes ihr nur sehr selten erlaubt, in Träumen überhaupt aufzutauchen. Wir passen halt auch in Träumen auf uns auf. So fallen wir im Tiefschlaf auch nicht aus dem Bett. Wir schlafen im Schlaf nur halb.

 Hiermit löse ich die Neurose Freuds und unserer Psychiatrie auf. Sie ist überflüssig. Freud hat niemanden getötet, da man brutale Phantasieprodukte der Geistlichkeit gar nicht töten kann. Man kann nur die Idee der Geistlichkeit, diese ihre Idee der Rachegötter Bibel-Gott und Bibel-Jesus abschaffen bzw. ad absurdum führen. Wir brauchen eine neue, gewaltfreie Religion (8). Die Neurose Freuds ist aber auch die überflüssige Kollektivneurose unserer ängstlichen und klerikal eingeschüchterten Gesellschaft, die zu einer fundamentalen Kirchenkritik nur in Ausnahmefällen fähig ist.

Eine derartige Ausnahme ist Eugen Drewermann. Er schreibt mir, die Höllenandrohungen der katholischen Kirche seien ein Fall für den Familien- und Justizminister.

Die wb-Artikel von Dr. Frank Sacco: