Je reich, desto arm II


poverty-96293_960_720Bei wissenbloggt wird sich regelmäßig über die Ungleichheit aufgeregt, zuletzt vor einer Woche in Je reich, desto arm. Da ging es um einen Oxfam-Bericht, nach dem die 62 reichsten Menschen genauso viel besitzen wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Jetzt berichteten die deutschen Medien über die deutsche Umverteilung von unten nach oben (Bild: geralt, pixabay).

Demnach hat sich die Kluft zwischen arm und reich über die Jahre hinweg deutlich vertieft. Die reichsten 10% der Deutschen besitzen mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens, die ärmsten 50% der Bevölkerung verfügen dagegen über immer weniger Vermögen.

So steht es am 25.1. in ZEIT ONLINE. Soziale Ungleichheit : Vermögen in Deutschland sind immer ungleicher verteilt: In Deutschland wächst die Kluft zwischen arm und reich. Laut einem Medienbericht verfügen zehn Prozent der Haushalte über mehr als die Hälfte des Vermögens im Land.

In der Version der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom selben Tag heißt es Vermögensverteilung – Kluft zwischen Reich und Arm größer als vor 20 Jahren: Mehr als die Hälfte der Deutschen hat vor allem Schulden, die reichsten zehn Prozent bauen ihren Anteil am Gesamtvermögen aus. Schon erklingt der Ruf nach einer Vermögenssteuer wieder.

Die Süddeutsche Zeitung macht wieder am selben Tag daraus Soziale Ungleichheit – Deutschlands Arme werden immer ärmer. Die Aussagen beziehen sich auf eine neue Einkommens- und Verbraucherstichprobe des Statistischen Bundesamtes, die das Bundesarbeitsministerium in den 5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung einfließen lassen will, der dies Jahr veröffentlicht werden soll.

Die Daten werden seit 1998 erhoben, damals hatten die reichsten 10% nur 45% des Vermögens und die unteren 50% noch 3% (d.h. da gleichen sich Guthaben und Schulden fast aus). 2008 lag der obere Wert bei 53%, 2013 bei 52% und der untere bei 1%, aber jetzt geht es nur noch in die falsche Richtung.

Die Zahlen sind sogar untertrieben, denn es gibt Lücken bei der statistischen Erfassung von Kapitaleinkommen wie Zinsen, Dividenden oder Spekulationsgewinnen. An der europäischen Steuerflucht-Billion hat Deutschland dafür den größten Anteil, und um das Maß vollzumachen, ist der Anteil der Grund- und Immobilienbesitzer bei der deutschen Bevölkerung im Vergleich zum Euro-Raum eher niedrig.

Und: Das Bundesarbeitsministerium wies am Montag in Berlin auf die "begrenzte" Aussagekraft der Daten hin, unter anderem, weil "die reichsten Haushalte nicht erfasst werden". Milliardäre und Millionäre nehmen kaum an Umfragen teil.

Man darf füglich davon ausgehen, dass die reichsten 10% mehr als 60% des Vermögens besitzen, wie andere Werte lauten. Interessant ist dabei, dass die Staatsschulden nie in die Rechnung eingehen, obwohl die auch auf den Bürgern lasten. Wenn die eingerechnet werden, haben die unteren 50% längst weniger als 0% Anteil am Vermögen, während es nach oben hin wenig Unterschied macht. Und da brüstet sich unser Finanzminister mit 12 Mrd., die zufälligerweise noch nicht ausgegeben wurden?

Das war das Dümmste, was er machen konnte. Dann das weckt  Begehrlichkeiten, und am Ende werden die 12 Mrd. wahrscheinlich mehrmals ausgegeben. In den USA wird das seit Jahren so gemacht.

Bei HaushaltsSteuerung.de kann man unter Schuldenuhr zur Staatsverschuldung der USA eine Tabelle sehen, neben der sogar die griechischen Zahlen verblassen. Die Staatsschulden der USA wachsen und gedeihen in ganz anderen Maßstäben – Staatsschuld und Zunahme sind in Billionen Dollar, die Einwohner in Millionen:
 

Jahr Schuld Zunahme %BIP Einw.
2008 10,7 1,5 72,7 304
2009 12,3 1,6 85,4 307
2010 14,0 1,7 93,7 309
2011 15,2 1,2 98,0 312
2012 16,4 1,2 101,2 314
2013 17,3 0,9 103,3 316
2014 18,1 0,8 104,2 320
2015 18,9 0,8   323

Die Zahlen zeigen die Bevölkerungsexplosion der USA mit 1% Zunahme pro Jahr und die noch schnellere Schuldenexplosion. Die sagenhaften Schulden von 18,9 Billionen Dollar bedeuten über 100% BIP und das 8-fache der deutschen Schuldenlast (mit deutschen 80% BIP). Atemberaubend ist vor allem die Zunahme der Schuldenlast von jährlich 15% in 2008-2010 und nun immer noch fast 5%.

Das heißt, der US-Haushalt ist noch mehr schuldenfinanziert als der deutsche. In US-Bundeshaushalt: Einnahmen, Ausgaben und Überschüsse/Defizite sieht man die auseinanderklaffende Kurve zwischen Staatseinnahmen und -ausgaben, die auf noch schlechtere Zahlen für die Zukunft hindeuten.

Die Staatsschulden sind nicht nur die zweite Armmachfront, weil sie die Armen viel mehr belasten als die Reichen, die ja nicht auf staatliche Leistungen angewiesen sind. Sie bedeuten zugleich Systemrisiken, die bei Zero Hedge gewohnt knallig als "Wahrheitsbombe" bezeichnet werden: The Ultimate "Truth Bomb" – The East Knows The West Is Bankrupt (24.1.).

Nach dieser Verschwörungstheorie warten Russland und China bloß auf den Zusammenbruch des Westens. Der westliche Bankrott stehe bevor, weil alle Reserven aufgebraucht seien und das Finanzsystem im roten Bereich laufe, während die Realwirtschaft schrumpfe. Die Zeit sei reif für die Finanzattacke auf alles Amerikanische.

Man muss nicht gleich in solche Hysterie verfallen, aber die Zeichen stimmen sehr bedenklich. Das hat alles miteinander zu tun. Der Reichtum der einen, die Armut der anderen und die notleidenden Staatskassen. Und die Risiken, die durch hohe Staatsausgaben geschaffen werden, ohne dass entsprechende Steuern erhoben werden.

Darin sind die USA derzeit noch einen Schritt weiter als Deutschland. Aber was die USA mit ihren Kriegsausgaben schaffen, bringt Deutschland auch anders zuwege. Unser Land ist enorme Verpflichtungen eingegangen durch die Eurorettung und die Asylantenhilfe, und das dürfte sich bald in neuen Staatsschulden niederschlagen.

Und selbstverständlich werden die Lasten nur der Allgemeinheit incl. den 50% Besitzlosen aufgebürdet und nicht den reichen Systemprofiteuren. Und selbstverständlich wird die Steuer Arbeitseinkommen weiter mit 42% belasten und Kapitaleinkommen mit 25%. Und die Vermögenssteuer wird selbstverständlich nicht wieder eingeführt, na danke aber auch.

 

Nachtrag 27.1.: Ein Bick in den US-Staatshaushalt zeigt die Probleme – zweitgrößter Etatpunkt ist die "Verteidigung" mit 517 Mrd. Dollar, und die Zinsen liegen bei 249 Mrd. Dollar pro Jahr. Die Staatsanleihen werden von der US-Notenbank Fed, von China, Japan und US-Fonds gehalten, siehe Haushaltskrise: Der größte Gläubiger der USA sitzt in Washington (Werte von 2013). Wie nun auch in der Eurozone wird ein großer Teil der Staatsanleihen durch Gelddrucken der Zentralbank übernommen. Hier wie da eine unsolide Finanzierung, der keine realen Werte gegenüberstehen – noch eine Belastung der Allgemeinheit. Noch mehr Belastung kommt dann, wenn die Zinsen aus dem homöopathischen Bereich herauskommen. Dann könnten bei den USA auch 500 Mrd. Zinsen fällig werden. Die Zahlen von Deutschland sind kaum besser, auch da ist der Militäretat die Nummer 2 (!) und die Zinsen für die Staatsschuld Nummer 3 mit knapp 25 Mrd. Euro. Bei doppelten Zinsen würde das im Lauf der Zeit auf 50 Mrd. hochgehen.

Eine Menge anderes Material bei wb zum Thema Ungleichheit:




Je reich, desto arm


philippines-321674_960_720Die Ungleichheit nimmt zu. Das berichtet wissenbloggt in vielen Artikeln, zuletzt Megatrend Ungleichheit. Wir verbreiten den aktuellen Bericht (18.1.) von Oxfam Deutschland ("Für eine gerechte Welt. Ohne Armut.", Bild: Bindue, pixabay):

62 Superreiche besitzen so viel wie die Hälfte der Weltbevölkerung

Soziale Ungleichheit nimmt weltweit dramatisch zu. Ein neuer Oxfam-Bericht zeigt: 62 Menschen besitzen inzwischen genauso viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – noch vor einem Jahr waren es 80. Ein Grund für diese Entwicklung sind Steueroasen.

Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst noch schneller als erwartet: Vor einem Jahr prognostizierte Oxfam, im Jahr 2016 werde das reichste Prozent der Weltbevölkerung mehr besitzen als die restlichen 99 Prozent zusammen. Tatsächlich wurde diese Schwelle bereits 2015 erreicht. Dies geht aus dem Bericht „An Economy for the 1%“ hervor, den Oxfam im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos veröffentlicht. Dem Bericht zufolge droht soziale Ungleichheit die Fortschritte bei der Armutsbekämpfung zunichte zu machen.

Neun von zehn Großkonzernen haben Niederlassung in Steueroase

Wir leben in einer Welt, deren Regeln für die Superreichen gemacht sind.

Tobias Hauschild, Referent für Entwicklungsfinanzierung

Ein Grund für diese Entwicklung ist die unzureichende Besteuerung von großen Vermögen und Kapitalgewinnen sowie die Verschiebung von Gewinnen in Steueroasen. Investitionen von Unternehmen in Steuerparadiesen haben sich zwischen 2000 und 2014 vervierfacht. Neun von zehn der weltweit führenden Großunternehmen haben Präsenzen in mindestens einer Steueroase. Entwicklungsländern gehen auf diese Weise jedes Jahr mindestens 100 Milliarden US-Dollar an Steuereinnahmen verloren.

Alleine die afrikanischen Staaten kostet es jährlich rund 14 Milliarden US-Dollar, dass reiche Einzelpersonen ihr Vermögen in Steueroasen verschieben. Mit dem Geld ließe sich in Afrika flächendeckend die Gesundheitsversorgung für Mütter und Kinder sicherstellen, was pro Jahr rund vier Millionen Kindern das Leben retten würde.

Wir fordern dagegen ein Wirtschafts- und Finanzsystem, von dem alle profitieren:

  • Konzerne dürfen sich nicht länger aus ihrer Verantwortung stehlen. Sie müssen ihre Gewinne dort versteuern, wo sie sie erwirtschaften.
  • Die Politik muss die Anliegen der Bevölkerungsmehrheit über die Interessen der Superreichen stellen. Sie muss die Steueroasen trockenlegen.

Jetzt Steueroasen trockenlegen!

Fordern Sie die Bundesregierung auf, dem Übel der Steueroasen ein Ende zu setzen (siehe dazu auch den wb-Artikel Pakt gegen Steuerflucht wirkungslos)

Oxfam-Aktion unterschreiben

Oxfam-Bericht „An Economy for the 1%

Oxfam-Paper englisch: AN ECONOMY FOR THE 1% – How privilege and power in the economy drive extreme inequality and how this can be stopped

Oxfam-Paper deutsch: Ein Wirtschaftssystem für die Superreichen: Wie ein unfaires Steuersystem und Steueroasen die soziale Ungleichheit verschärfen

Passende Links von wissenbloggt:




Studentenarmut in USA, GB: loan sharks & sex for rent


shark-1417151_1280Die USA und Großbritannien sind die Länder der student loans, der Ausbildungskredite. Besonders in den USA gibt es eine Kultur der for-profit schools, die für hohe Kosten fragwürdige Bildung vermitteln. Gemeinsam ist beiden Ländern eine flächendeckende Zinsknechtschaft der Studenten (wb-Links unten). Die student loan industry "betreut" geschätzte 42 Millionen US-Studenten, indem sie vor allem Zahlungen eintreibt (1., 2., 3., 4. Link unten). Spitzenleistungen der Studenten-Unterstützung wurden aus Großbritannien gemeldet, dort gibt es sex for rent (Wohnung gegen Sex, 5., 6., 7., 8., 9., Bild: GraphicMama-team, pixabay).

Sex for rent ist sicherlich eine extreme Form des Missbrauchs von StudentInnen. Was hierzulande nicht so bekannt wurde, ist das Maß des Ausbeutung, mit dem vielen US-Studenten ein besseres Leben versprochen wird, wenn sie nur die for-profit schools besuchen. Für viele endet das mit Zahlungsunfähigkeit, ca. 10 Millionen haben die loan sharks im Nacken (3.). Und das Ganze ist auch noch legal, sogar die Sexofferten (8.).

Derzeit kritisieren die US-Medien, wie das offizielle Washington mehr Interesse zeigt, die student loan industry zu unterstützen, statt die Studenten dagegen zu schützen. Die New York Times und die Washington Post beschreiben die Praktiken, mit denen die Obrigkeit die Legislatur zu beeinflussen sucht, nicht gegen den Missbrauch vorzugehen. Es soll keine Reformen geben, obwohl einige der Kreditfirmen die Schuldner gezielt in die Pleite treiben. Indem sie ihnen übereilte und unzureichende Informationen geben, indem sie es ihnen so schwer wie möglich machen, die Schulden zurückzuzahlen, indem sie ihnen verschweigen, dass sie bessere Rückzahlungsmodelle nutzen könnten, ruinieren sie die Schuldner (1.).

Je länger die Studenten in Schulden gehalten werden, desto mehr Profit, und wenn sie es geschickt anstellen, zieht sich das bis in die Rentenzeit hin. Gegen die größte der Firmen mit 1/4 Marktanteil gab es Prozesse mit dem Vorwurf, sie hätte die Kreditnehmer bei jedem Schritt der Rückzahlung übervorteilt, speziell wenn es darum ging, überbelasteten Kreditnehmern den Weg in staatliche Hilfsprogramme zu ermöglichen.

Die NYT kommentiert das so, dass das Bildungsministerium von der Industrie gekapert worden sei, die es eigentlich regulieren sollte. Die britische Berichterstattung (aber auch Zero Hedge) ist viel mehr um Personality bemüht und hält sich intensiv an dem Sex-Thema fest. Da wird der Voyeurs-Effekt gut bedient, dabei betrifft das gewiss nur eine kleine Zahl von StudentInnen. Hinter der Sex-Fassade liegt der eigentliche Skandal.

Die Studenten der USA (und Großbritanniens) werden professionell ausgebeutet. Viele bekommen eine Ausbildung, die ihnen nichts nutzt (besonders von den for-profit-Unis), und fast alle werden mit Schulden eingedeckt, mit freundlicher Genehmigung der Regierung. Und das ist kein Trump-Problem, sondern die student loan crisis hat sich unter Obama und auch vorher aufgebaut (10.).

 

Medien-Links:

  1. The Student Loan Industry Finds Friends in Washington (New York Times 18.3.): Education Secretary Betsy DeVos made clear even before taking office last year that she was more interested in protecting the companies that are paid by the government to collect federal student loan payments than in helping borrowers who have been driven into financial ruin by those same companies.
  2. Education Dept. opens door for student loan companies to ignore state (Washington Post 9.3.): “Education Secretary Betsy DeVos is attempting to exempt private contractors that service federal student loans from complying with state law. This is suspicious, unprecedented, and most importantly, without any legal basis under federal law,”
  3. Why Student Debtors Go Unrescued (New York Times 7.10.15): A vast majority of the more than 10 million Americans who have defaulted on or are behind on repaying their student loans could have benefited from income-driven repayment plans that are intended to ease pressure on distressed borrowers and keep them from defaulting on their federal loans.
  4. Unfairly Squeezing Student Borrowers (New York Times 4.2.17): Companies that are paid by the government to collect payments for federal student loans and to guide borrowers through the process are eager to see the Trump administration cripple the Consumer Financial Protection Bureau, which has primary authority over the industry. That would leave more than 42 million federal student loans borrowers at the mercy of loan servicing companies that are already driving up repayment costs and pushing people toward default — which destroys their financial lives — by steering them away from affordable payment plans the government created.
  5. Vulnerable woman 'grateful' rent-for-sex landlord did not rape her (Independent 22.2.): 'The idea of consent kind of gets smashed up'
  6. Rent For Sex: Landlords Offering Free Rooms For Sexual Favours (YouTube 28.2.): Cases of ‘Rent for Sex’ – where landlords offer free rooms in their properties in exchange for ‘sexual favours’ – are on the increase in the UK. Investigative journalist Ellie Flynn goes undercover to get a closer look at this issue.
  7. Millions Of Millennials Could Be Trading Sex For Their Next Debt Payment – Here's How (Zero Hedge 15.11.17): As the storm clouds of peak stupidity gather over the heads of the millennial generation who were conned by banks, government, and universities to take out excessive amounts of leverage in auto loans, credit cards, and student debt; millions have flocked to a new website to pay off their debt…
  8. Woman reveals 'sex-for-rent' ordeal (BBC 13.4.17): Young, vulnerable people are being targeted by online classified adverts offering them accommodation in exchange for sex, a BBC investigation has found. The deals are legal but campaigners have described them as exploiting the vulnerable, and Hove MP Peter Kyle has said he wants to see the adverts banned.
  9. 'Rent-For-Sex': Landlords Exploit Thousands Of Broke Millenials (Zero Hedge 3.3.): It is now time to sound the alarm bells on the economic prospects for the Millennial Generation in the Western world, but more importantly, in the United Kingdom. This generation of citizens aged 18 to 36, is the first in modern developed economies on course to have a lower standard of living than their parents.
  10. The looming student loan default crisis is worse than we thougth (Economic Studies at Brookings 10.1.): Trends for the 1996 entry cohort show that cumulative default rates continue to rise between 12 and 20 years after initial entry. Applying these trends to the 2004 entry cohort suggests that nearly 40 percent may default on their student loans by 2023. … Trends over time are most alarming among for-profit colleges; out of 100 students who ever attended a for-profit, 23 defaulted within 12 years of starting college in the 1996 cohort compared to 43 in the 2004 cohort (compared to an increase from just 8 to 11 students among entrants who never attended a for-profit).

Links von wissenbloggt:




Je reicher, desto unethischer, oder Gier ist geil


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Gleich 7 Studien belegen, dass die Mitglieder der Upper Class sich unethischer verhalten als solche der niederen Klassen (die man lieber nicht Kleinbürger nennt). Das war nicht nur bei der Vorfahrt so (Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay).

Die getesteten Bereiche umfassten das Verkehrsverhalten, die Entscheidungsfindung, die Selbstbereicherung sowie Verhandlungen und Fairness. Und das Ganze lag – wer hätte das gedacht – am freundlicheren Verhältnis der Reichen zur Gier.

Der Artikel stammt von den Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (1. Link unten). Die Autoren Paul K. Piff,  Daniel M. Stancato, Stéphane Côté, Rodolfo Mendoza-Denton und Dacher Keltner haben einen wohlbegründeten Artikel abgeliefert, um ihre These zu untermauern, Stichworte sozialer Status, unmoralisches Handeln, ethische Wertung, Egoismus.

Die Untersuchung zielte auf das Verhalten der oberen und der unteren Klasse, die man in den USA leicht anhand des pay checks und der zugehörigen Statussymbole unterscheidet. Der sozioökonomische Status beschreibt den Rang einer Person im Verhältnis zu anderen, mit den Kriterien Besitz, Prestige und Bildung.

Untersuchungsgegenstände waren unethisches Verhalten und illegale oder moralisch verwerfliche Handlungen, die anderen schaden. Also Betrug, Täuschung oder Gesetzesbruch mit ernsthaften Konsequenzen für die Allgemeinheit.

Das wurde nun in Bezug auf die beiden Schichten untersucht.

  • Die Menschen der Unterschicht leben in Umgebungen, die durch weniger Ressourcen, größere Gefahren und mehr Ungewissheit bestimmt sind. Sind die Menschen dort eher geneigt, sich unethisch zu verhalten, um ihre Möglichkeiten zu verbessern oder ihre Nachteile zu überwinden?
  • Beim nochmaligem Überlegen kann auch das Gegenteil gelten, nämlich dass die Oberklasse mehr zum Unethischen neigt. Mehr Möglichkeiten und Freiheiten sowie Unabhängigkeit von anderen bringen weniger Rücksicht auf andere, weniger Großzügigkeit, Spendenbereitschaft und Altruismus mit sich. Dafür mehr Egoismus, getestet in Ökonomie-Spielen, und generell mehr selbstbezogene soziale Denke, die voraussehbar mehr unethisches Verhalten verursacht. So wurde ja auch die Bankenkrise von 2008 mindestens teilweise dem unethischem Verhalten der Reichen zugeschrieben.

Die Religion trägt ihr Scherflein zum Bravsein bei, sie preist die Armen und warnt die Reichen: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Wenn's nach den Studien geht, kommen die Reichen jedenfalls nicht in den Himmel. Sie neigen zusehr dem unethischen Verhalten zu, was wohl durch ihre positivere "Einstellung zur Gier" erklärt werden könne, wie der Artikel in vornehmem Understatement erklärt.

Gier wird unter den Fachleuten als verlässliche Bestimmungsgröße für unethisches Verhalten angesehen. Schon Plato und Aristoteles stellten die Gier als Wurzel persönlicher Amoralität dar. Gier treibe die Menschen zu materiellem Gewinn statt ethischen Standards. Bei der Verfolgung ihrer egoistischen Ziele verletzen die Gierigen moralische Prinzipien, sagt die heutige Forschung. Das wird anhand von mehreren Studien nachgewiesen. Gier führt zu geringerem Interesse dafür, wie das eigene Verhalten andere trifft und dabei noch mehr unethisches Verhalten auslöst. Die Autoren sehen Reichtum und Unabhängigkeit als Antrieb, die Eigeninteressen dem Allgemeinwohl überzuordnen und Gier als geil einzuschätzen.

Die 7 Studien der Autoren wurden im Bereich der Universität, der Stadt und des ganzen Landes durchgeführt, um diese Aussagen zu testen. Mit ihren Befragungen und objektiven Messungen versuchten die Forscher, die Erkenntnisse zu generalisieren und gegenüber falschen Deutungen abzusichern.

Die Studien 1-3 prüften, inwieweit die höhere soziale Klasse mit unethischem Verhalten verknüpft ist. Das wurde z.B. beim Autofahren überprüft. Studie 4, setzte die Teilnehmer einem Priming aus, danach wurde abgefragt wie das unethische Verhalten der höheren und niedrigeren Klasse beeinflusst wurde. Die Studien 5-7 befassten sich mit der Gier; kann die positivere Einstellung der oberen Klasse zur Gier erklären, warum sie zu unethischerem Verhalten neigt?

  1. Studie: Die Zahl der Fahrzeuge, die sich bei einer Kreuzung vordrängelte (anderen den Weg verbaute) in Relation zur.Autoklasse (vehicle status). Ergebnis: je größer das Auto, desto mehr wurde gedrängelt. Der deutliche Zusammenhang wird vom Regressionskoeffizienten 0,36 und der Standardabweichung 0,18 wiedergegeben.
  2. Studie: Fast die gleiche Abhängigkeit wurde gemessen, als das Verhalten am Zebrastreifen untersucht wurde. Die höherklassigen Autos nahmen den Fußgängern öfter die Vorfahrt, Regressionskoeffizient 0,39 mit Standardabweichung von 0,19.
  3. Studie: Das war eine Befragung, die den Teilnehmern verschiedene Szenarios von unethischem Verhalten (unrechterweise von etwas profitieren oder sich etwas aneignen) vorlegte, und sie fragte, ob sie es auch so tun würden. Hier zeigten die Höhergestellten auch nach Bereinigung von Ethnie, Geschlecht und Alter mehr unethisches Verhalten, Regressionskoeffizient 0,13 mit Standardabweichung von 0,06.
  4. Studie: Die Ergebnisse gingen noch über die von Studie 1-3 hinaus, weil sie den Schluss nahelegten, dass die Erfahrung des Höhergestelltseins eine kausale Beziehung zu unethischen Entscheidungen und Verhaltensweisen bewirkt.
  5. Studie: Inwieweit sich jemand an die Wahrheit hält, ist negativ mit der Einstellung zur Gier verknüpft. Es ergaben sich Regressionskoeffizienten von -4,55/-12,29/-2,43/-11,41 mit Standardabweichungen von 1,90/3,93/1,87/3,81 je nach Test.
  6. Studie: Die Bereitschaft zur Täuschung hängt positiv von der Einstellung zur Gier ab, je gieriger, desto mehr Täuschung. Es ergaben sich Regressionskoeffizienten von 0,22/0,06/0,61/0,68 mit Standardabweichungen von 0,11/0,03/0,11/0,27 je nach Test. Als Ergebnis wird eine zumindest teilweise Verursachung von unethischem Verhalten durch Neigung zur Gier festgestellt.
  7. Studie: Diesmal wurde die Neigung zur Gier bei niederklassigen Probanden untersucht, inwieweit sie unethisches Verhalten erzeugt, z.B. Geld stehlen, sich bestechen lassen, Leute übervorteilen. Hier ergab sich eine gegenläufige Steigerung beim Primen mit "Gier ist geil". Die untere Klasse zeigte unbeeinflusst wenig unethisches Verhalten und die obere viel. Das Priming wirkte bei der unteren Klasse stark in Richtung unethisch, bei der oberen aber gegenteilig in Richtung weniger unethisch; Regressionskoeffizienten von 0,38/-0,24 mit Standardabweichungen von 0,18/0,18 respektive.

Als Ergebnis wird die Frage gestellt: Ist die Nobilität wirklich nobel? In beiden Arten von Versuchen, Natur und Labor, war die Oberschicht unethischer, und das zog sich durch alle Studien. Das wurde auf Universitätslevel genauso wie landesweit bestätigt. Aber warum neigen die Höhergestellten zum unethischen Verhalten in allen Bereichen?

Man sieht multiple Gründe dafür, insbesondere die größere Unabhängigkeit, das größere Vermögen (resources) und die geringe Bereitschaft, den angerichteten Schaden (downstream costs) wahrzunehmen. Dazu kommt das Anspruchsdenken und die Missachtung anderer. Es mag auch die Erziehung als Wirtschaftler eine Rolle spielen, wo Gier als geil gilt und Profitmaximierung angesagt ist.

Es gibt allerdings auch Ausnahmen. Unter den Höhergestellten gibt es durchaus nobles ethisches Verhalten, das der Allgemeinheit dient. Als Beispiele werden u.a. Bill Gates und Warren Buffet genannt, die viel Geld in Hilfsprojekte stecken. Und wie ist das mit der Gier? Sie mag wohl bei jedem mal als Motivation dienen, aber sie ist ungleich verteilt. In der Elite gibt es mehr Egoismus, und die gesteigerte Gier, die mit mehr Reichtum und Status einhergeht, kann Fehlverhalten verursachen. Das wirkt wie ein selbstverstärkender Kreislauf, je gieriger, desto reicher, je reicher, desto gieriger – ein schönes Forschungsfeld für zukünftige Sozialstudien.

 

Als Dreingabe noch die Artikel zur Bestrafung: Reiche sollten anders gestraft werden als Arme (2., 3.). Also keine feste Geldstrafe für zu schnelles Fahren, sondern eine Tagesstrafe. Das trifft alle gleich, während die Geldstrafe sehr unterschiedlich trifft, wie die Artikel belegen.

 

Medien-Links:

  1. Higher social class predicts increased unethical behavior (PNAS 27.2.): Relative to lower-class individuals, individuals from upper-class backgrounds behaved more unethically in both naturalistic and laboratory settings.
  2. A Billionaire and a Nurse Shouldn’t Pay the Same Fine for Speeding (New York Times 15.3.): Finland and Argentina, for example, have tailored fines to income for almost 100 years. The most common model, the “day fine,” scales sanctions to a person’s daily wage.
  3. The Constitutionality of Income-Based Fines (SSRN 21.2.): When Americans break the law — whether it’s a minor offense like littering or a serious crime like felony assault — they tend to face the same financial penalties, no matter their income. The consequence is a system that puts low-income offenders in a cycle of debt and jail while letting rich offenders break the law without financial consequence, and which fails to meet basic goals of the justice system: to treat like offenders alike, punish the deserving, and encourage respect for the law.

Links von wissenbloggt:




Reich, reicher, am reichsten


bag-147782_1280Atheisten-info.at stellt die richtige Frage:Wie geht das vor sich, dass die Reichsten ihren Reichtum in einem Jahr um 16% steigern, aber die arbeitende Bevölkerung in den entwickelten Ländern seit 20 Jahren keine realen Einkommenserhöhungen mehr hat? (Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay)
 
Dabei ist die Entwicklung durchaus nicht gleichmäßig. Von 2001-2003 und 2008-2009 sank die Zahl der Milliardäre zusammen mit ihrem Gesamtvermögen stark. Sonst ging es aber nur aufwärts:
Jahr Zahl Summe
1996 423  
2006 946  
2001-2003 sinkt stark sinkt stark
2005   2.2 Billionen
2008 1125 4 Billionen
2009 793 2.4 Billionen
2013   5.4 Billionen
2014 1.645 6.4 Billionen
2017 2.257 8 Billionen

Aus verschiedenen Listen ergibt sich diese Hitparade der Überreichen. Laut wiki sind über 70% Selfmade-Milliardäre, die anderen sind Erben wie die Kochs und die Waltons:

Nr.

Forbes_2013

Forbes_2014

Global_Wealth_2017

Wikipedia_2017  

1 Bill Gates, 75 Bill Gates, 76 Bill Gates, 81 Bill Gates, 86
2 Amancio Ortega, 67 Carlos Slim Helú, 72 Warren Buffet, 78 Warren Buffet, 76
3 Warren Buffett, 61 Amancio Ortega, 64 Jeff Bezos, 72 Jeff Bezos, 73
4 Carlos Slim Helú, 50 Warren Buffett, 58 Amancio Ortega, 69 Amancio Ortega, 71
5 Jeff Bezos, 45 Larry Ellison, 48 Mark Zuckerberg, 68 Mark Zuckerberg, 56
6 Mark Zuckerberg, 45 Charles Koch, 40 Larry Ellison, 58 Carlos Slim Helú, 55
7 Larry Ellison, 44 David Koch, 40 Carlos Slim Helú, 46 Larry Ellison, 58
8 Michael Bloomberg, 40 Sheldon Adelson, 38 David Koch, 43 Charles Koch, 48
9   Cristy Walton, 37 Charles Koch, 43 David Koch, 48
10   Jim Walton, 37 Michael Bloomberg, 42 Michael Bloomberg, 48
Ges 5.4 Billionen  6.4 Billionen >8 Billionen  

Der Report und ein paar konkurrierende Listen:

Andere Quellen sagen: Vom gesamten Weltvermögen wird sich im Jahr 2021 mehr als die Hälfte in den Händen von Millionärs-Haushalten befinden. Vor zwei Jahren waren es noch 44%. So steht es in dem Artikel Globaler Reichtum – Welt der Millionäre (im Überfluss) (Süddeutsche Zeitung 13.6.). Dass die Hälfte des Weltvermögens in ein paar Jahren in den Händen von Millionären liegen soll, klinge drastisch, es stimme aber nur halb. In dem Global-Wealth-2017-Report sei nur das Geld- und Aktienvermögen erfasst, nicht die Immobilien. Außerdem dürfe man nicht von der Vermögensverteilung auf die Einkommensverteilung schließen.

Vom Einkommen war aber auch nicht die Rede, und wer sagt, dass das Immobilienvermögen anders verteilt ist, als das Geld- und Aktienvermögen? Abwiegelung ist nicht angebracht. Die Ungleichverteilung wird immer gravierender. Der Global-Wealth-2017-Report unterscheidet die Kategorien

  • Affluent (wohlhabend): zwischen 250.000 and 1 Million Dollars
  • Lower high net worth: zwischen 1 uns 20 Millionen
  • Upper high net worth: zwischen 20 und 100 Millionen
  • Ultra-high net worth: Über 100 Millionen

Für Multi-Milliardäre ist noch keine Kategorie vorgesehen, aber die Nicht-Besitzenden tauchen auch nicht auf. Die Lage umschreibt der Artikel Global Wealth Report – Millionäre profitieren vom Börsen-Boom (Handelsblatt 15.6.): Der weltweite Reichtum steigt, doch es sind vor allem Millionäre und Superreiche, die 2014 bei ihren Finanzanlagen profitiert haben. Die regionale Verteilung ändert sich – die Asiaten überflügeln Europa.

Oder auch Global Wealth 2017 – Wenn "Millionär sein" nichts Besonderes mehr ist (Süddeutsche Zeitung 13.6.): Die Zahl der Millionäre nimmt weltweit zu… . Besonders die Superreichen profitieren. Bei ihnen wird in den nächsten Jahren ein riesiger Vermögenszuwachs erwartet. Demnach zeigt der Trend auch in Deutschland in dieselbe Richtung. 2016 besaßen die Millionärshaushalte noch 28% der deutschen Vermögen, 2021 sollen es 33% sein. Und das macht Deutschland noch zu einem von den Ländern, wo das Vermögen noch relativ gleichmäßig verteilt sei.

Besonders ungleich ist es in den USA, da sollen die Reichen 2021 70% des Vermögens haben, aktuell 63%, gegenüber 30% in Westeuropa und 45% im Weltduchschnitt. Und woher kommt der Vermögenszuwachs? Etwa die Hälfte wird vom bestehenden Besitz generiert, durch Gewinne von Aktienkursen oder Einkommen von Anleihen und Bankkonten. Die andere Hälfte ist neugeneriertes gespartes Einkommen aus Arbeit oder Unternehmungen. Letzteres macht in den USA nur 28% aus, zeigt das Bild aus dem Artikel The U.S. Is Where the Rich Are the Richest (Bloomberg 16.6.).

bgc4Zu dieser Ungleichheit schreibt atheisten-info.at:

Um wieviel sind der Löhne der arbeitenden Bevölkerung gestiegen? Darüber wird nicht geredet, weil sonst kommen die noch drauf, dass sie seit zwanzig Jahren draufzahlen und werden rabiat!

Von den Überreichen haben wir überreichlich, dankesehr. Es wird Zeit, dass die Allgemeinheit von den Wohlstandsgewinnen profitiert statt bloß die Privilegierten.

 

Links von atheisten-info.at dazu:

Links von wb dazu:




5. Armutsbericht gefaked


videoteaserbild-startvideoDie Arbeits- und Sozialministerin Nahles musste bei wissenbloggt schon mal kopfstehen, siehe Nahles: Schande der SPD. Den Kopfstand bekam sie verpasst, weil sie die Manipulation des 5. Armutsberichts zuließ und mittrug. Das war noch in der Zeit vor dem Erlöser Schulz, der die SPD wieder aufs Soziale verpflichtete – und Nahles ist in der SPD (Bild: Bundesregierung). Wie weit die schulzsche soziale Verpflichtung reicht, demonstriert die SPD gerade – nicht mal bis zur nächsten Bundestagssitzung.

Auf der wird der manipulierte Bericht nämlich beschlossen, siehe Kabinett will umstrittenen Armutsbericht beschließen (Süddeutsche Zeitung 12.4.): Laut Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) gibt es in Deutschland eine "verfestigte Ungleichheit bei den Vermögen", die das Vertrauen in die Demokratie zu untergraben drohe. Im Zuge der Ressortabstimmung war allerdings eine Passage gestrichen worden, wonach Menschen mit mehr Geld auch mehr Einfluss auf politische Entscheidungen hätten.

Es ist nicht nur eine Passage – es handelt sich um veritable Manipulationen und Verfremdungen, mithin um echte Fakes. Was die SZ knapp andeutet, wird in der Zeit gründlich analysiert. Weil die Originalfassung des Armutsberichts nicht allgemein verfügbar ist, muss dieser Artikel der Zeit vertrauen. Nur die Veröffentlichungen der Bundesregierung sind greifbar, in denen sich natürlich keine Hinweise auf die gestrichenen und manipulierten Texte finden. Offensichtlich ist z.Z. auch noch kein pdf verfügbar wie beim 4. Bericht. Der 5. Armuts- und Reichtumsbericht ist hier einsehbar:

Die Zeit spricht von gravierenden Eingriffen, die über die Manipulationen beim vorigen Armutsbericht hinausgehen. Damals (2012) wurden schon vor der endgültigen Ressortabstimmung zentrale Aussagen aus dem ersten Entwurf des 4. Berichts gestrichen. Der damalige FDP-Wirtschaftsminister und Vizekanzler Rösler intervenierte, damit mehrere Passagen des Ursprungsentwurfs getilgt oder abgeschwächt wurden. Betroffene Themen: ausufernder Niedriglohnsektor, zunehmende Lohnspreizung und extreme Schieflage der privaten Vermögensverteilung. Schon damals kam der Vorwurf der Zensur auf, und bei wissenbloggt hieß es Noch ein geschönter Bericht.

Diesmal ist es schlimmer.

Laut Zeit wurden gleich mehrere Kernpunkte aus dem Ursprungsentwurf vom 5. Bericht herausgenommen. Auf Initiative des Bundeskanzleramts wurde Folgendes gestrichen:

  • theoretische Überlegungen zum Verhältnis von Armut, Reichtum und (repräsentativer) Demokratie,
  • das Unterkapitel "Einfluss von Interessensvertretungen und Lobbyarbeit" und
  • Teile der Darstellung einer Untersuchung, die als Ergebnis eine höhere Wahrscheinlichkeit für Politikänderungen feststellte, wenn diese von vielen Befragten mit höherem Einkommen unterstützt wird.

Speziell letzteres ist Zündstoff in Anbetracht der Bemühungen von Kanzlerkandidat Martin Schulz. Dass dem Bundestag diese Ergebnisse vorenthalten werden, ist angesichts des neuen sozialen Anspruchs der SPD kaum zu rechtfertigen. Und es ist noch mehr, was fehlt. Es gibt auch beschwichtigende Umformulierungen der folgenden Passagen:

  • hohe Ungleichheit kann nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt beeinträchtigen, sondern auch das Wirtschaftswachstum dämpfen,
  • die Korrektur von Verteilungsergebnissen ist deshalb eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe,
  • dabei soll nicht nur die Verteilung der verfügbaren Haushaltseinkommen, sondern auch die Primärverteilung in den Blick genommen werden,
  • je geringer die Ungleichheit der Primärverteilung ist, desto weniger muss der Staat kompensierend eingreifen.

Das wird nach der politischen Intervention zu der Aussage, die Auswirkungen großer sozialer Ungleichheit auf das Wirtschaftswachstum eines Landes seien empirisch nicht eindeutig belegt – als ob sie noch nie was von Piketty gehört hätten.

Es ist das Verdienst des Zeit-Artikels von Christoph Butterwegge, die Manipulation klar aufzuzeigen. Der Politikwissenschafts-Professor schrieb seinen Gastbeitrag über den Armutsbericht: Zensiert und geschönt (ZEIT ONLINE 12.4.): Kurz vor knapp hat die große Koalition ihren Armutsbericht fertig. Doch viel ist vom Ursprungsentwurf nicht übrig. Das Werk ist an entscheidender Stelle entschärft.

Butterwegge deckt noch mehr auf: An vielen Stellen des Regierungsberichts werde behauptet, die beschriebene Negativentwicklung habe sich zuletzt verlangsamt oder sei in jüngster Zeit sogar zum Stillstand gekommen. Der Bericht nennt mehrere Bereiche, darunter:

  • den wachsenden Niedriglohnsektor
  • die Polarisierung von Einkommens- und Vermögensverteilung und
  • der Trend zur "Erosion" der Mittelschicht.

Grund dafür soll der robuste Arbeitsmarkt sein, und der Rückgang der Arbeitslosigkeit seit 2005/06. Seither wurde die Kluft zwischen Arm und Reich aber nicht kleiner, sondern größer, zumal durch die Agenda 2010, durch Hartz IV und durch mehrere Steuerreformen zum Vorteil von Begüterten, Kapitaleignern und Spitzenverdienern. Die "da oben" wurden langfristig entlastet, und was bei denen "da unten" ankam, war bloß mehr Druck.

Die Bundesregierung lockerte den Kündigungsschutz, liberalisierte die Leiharbeit, führte Minijobs ein und erleichterte Teilzeit-, Werk- und Honorarverträge. Die Wohlhabenden wurden demgegenüber jahrzehntelang von Regulierungen, Steuern und (Sozial-)Abgaben befreit. Auch hier folgt der schöne Spruch, dass die Reichen reicher und die Armen zahlreicher wurden.

Butterwegge nennt den frisierten Bericht eine "Beruhigungspille". Dabei liefere die zunehmende Ungleichheit in der "zerrissenen Republik" den rechten Populisten einen günstigen Nährboden. Das Ganze dokumentiere, dass die soziale Ungleichheit in Deutschland wächst, ohne dass die Entscheidungsträger des Staats das als Kardinalproblem der Gesellschaft wahrzunehmen geruhen, geschweige denn bekämpfen. Sein Schlußsatz: Es fehlt nicht an statistischen Daten, sondern an politischen Taten!

Das darf sich auch der Kanzlerkandidat Schulz zurechnen. Vielleicht trägt er dazu bei, dass endlich Schluss gemacht wird mit der Strategie, den Leuten vorzugaukeln, sie litten nur an gefühlter Ungerechtigkeit. Und es ist höchste Zeit für ein Wahrheitsministerium, das sich mit der Regierung befasst – wie schon ein wissenbloggt Artikel fordert: „Abwehrzentrum gegen Falschmeldungen“? Fangt bei der öffentlichen Desinformation an!

 

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Je Schulz desto SPD


schulzentrumDie SPD hat mit ihrem neuen Kanzlerkandidaten einen tollen Aufschwung hingelegt. Weil der Kandidat Martin Schulz bisher recht unauffällig gewirkt hat und auch keinen großen Kontrast zur Kanzlerin abgibt, wurde er postwendend mit Spott und Häme traktiert. Das gehört im politischen Business anscheinend dazu. Wenn's keine Nachrichten gibt, werden eben welche fabriziert.

Schulz hat der SPD sozusagen das Soziale zurückgegeben, zumindest in der Agenda. Da kam natürlich gleich die Frage, in den letzen 19 Jahren war die SPD 15 Jahre an der Regierung oder daran beteiligt –  was machte Schulz da?

War er wirklich nur der EU-Apparatschik, dessen Überzeugungen kaum von denen der Bundeskanzlerin abweichen, was das Griechische, Europäische und das Migranten-Humanistische angeht, und ansonsten kaprizierte er sich auf seine Amigo-Personalpolitik?

Eine kleine Recherche ergibt einen Kandidaten ohne Ecken und Kanten, der durch keine Skandale oder abwegige Stellungnahmen hervortrat. Genau das macht Schulz so wertvoll, denn je mehr inhaltliches Profil ein Kandidat hat, desto mehr Leute nehmen Anstoß. Mehrheitsfähig sind die Angepassten. Der angepasste Slogan könnte sein:

Je Schulz
desto SPD

Dazu passt auch der Sturm im Wasserglas, den der damalige EU-Parlamentspräsident 2014 entfachte. Es war die Forderung nach einer Verbannung von Kreuzen aus dem öffentlichen Raum. Das ist immerhin genuine SPD-Politik, auch wenn solche Betschwestern wie die SPD-Obere Nahles das nicht glauben mögen. Vielmehr glauben die SPD-Oberen quer durch die Regierungsbank das Richtige, und das war für den Erfolg der SPD ganz falsch.

Die Klientel ist ja eine aufgeklärte. Deshalb passt der Werdegang von Schulz viel besser. Er wurde zwar durch eine katholische Schule geschleust, er hatte eine gläubige Mutter, so dass er als Kind an Gott glaubte. Dieser Glaube ist aber verloren gegangen, und Schulz wird zitiert mit: "Für mich sind wir Menschen das Resultat eines natürlichen Prozesses, mit unserem Tod hört unsere geistige Existenz auf.“

Also ein vernünftiger und aufgeklärter Mann. Das könnte ein gutes Stück seines Erfolgs ausmachen, denn die SPD-Klientel dürfte dem Weihrauch weitestgehend abhold sein. Dafür hört sie gern die sozialen Signale:

  • die Forderung nach einem Flüchtlingsabkommen mit Ägypten, um die Flüchtlinge aufzufangen, ehe sie in See stechen,
  • die Arbeitslosengeld-Bezugsdauer für Ältere verlängern mit dem Argument, "Menschen, die viele Jahre, oft Jahrzehnte, hart arbeiten und ihre Beiträge gezahlt haben und zahlen, haben ein Recht auf entsprechenden Schutz und Unterstützung, wenn sie – oft unverschuldet – in große Probleme geraten",
  • und nochmal ganz sozial: "Die Menschen, die mit harter Arbeit ihr Geld verdienen, dürfen nicht schlechter gestellt sein als die, die nur ihr Geld für sich arbeiten lassen,"
  • und große Vermögen stärker besteuern: "Wir hätten gleichzeitig den Mindestlohn einführen und Superreiche stärker belasten müssen,"
  • und überhaupt die Infragestellung einiger CDU-Regelungen, welche die SPD als Agenda 2010 einführte.

Schulz ist bei den Umfragewerten für seine Partei tiefer gestartet als seine Vorgänger Steinmeier und Steinbrück, und er hat beide prozentpunktemäßig in den Schatten gestellt. Gemäß Medienschmäh stand bei Steinmeier und Steinbrück die Wahlsiegerin Merkel praktisch vorher fest, die beiden hatten quasi keine Chance.

Bei Schulz sieht das anders aus, denn Merkel ist halb demontiert und ganz unglaubwürdig. Schulz ist frisch wie gerade aus dem Ei geschlüpft. Er ist so gut wie ein unbeschriebenes Blatt – in negativer Formulierung: er hat große inhaltliche Leerstellen. Das gibt ihm Chancen für weitere Begeisterungseffekte.

Ein ausformuliertes Programm gibt's im Juni, bis dahin hilft vielleicht diese, auf Schulz' durchaus eigennützige Amtsführung als EU-Parlamentspräsident bezogene Propaganda:

SPDklappt

Schulz-Medienecho, Selektion wb:

  • In dem Bericht Regionale Armut in Deutschland (IW 27.2.) kann der Kandidat Munition für seine Anti-Agenda 2010-Kampagne finden. Der Bericht vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln zeigt, wie die Mieten die Löhne abhängen. Laut Erfolgsgeschichte Armut (junge Welt 28.2.) machte die Bundeszentrale für politische Bildung in einer Publikation vom August 2014 die Hartz-Reformen als hauptsächliche Ursache für das Absinken der Reallöhne dingfest.
  • Ein fetziger Meinungsartikel von Thies Gleiss heißt Martin Schulz, der Terminator von Rot-Rot-Grün (scharf links 28.2., neue Schreibweise R2G): Martin Schulz ist kein Linker … trotz Feldzug unter dem Titel "Mehr soziale Gerechtigkeit", aber er ist ein Nicht-Merkel. … Merkels Wahlkampfmotto "Ihr kennt mich doch" hat genau so lange in den Umfragen gewirkt, bis jemand um die Ecke kam, der nicht wie Steinmeier, Steinbrück, Gabriel einen Wahlkampfslogan "Ich, der bessere Merkel" vor sich hertrug, sondern kühn behauptete "Ich bin nicht von hier, ich bin der Neue aus dem Off".
  • Über die Reaktionen von Union und Grünen auf Martin Schulz schreibt Martina Mescher, Angst vor Gerechtigkeit (der Freitag 2.3.): Seit 2014 verzeichnet das DIW einen Anstieg der Armutsgefährdung, dem Bundesfinanzministerium liegen Zahlen für 2016 vor, die ein weiteres Auseinanderdriften von Arm und Reich belegen. Die Union weiß, das es um die Gerechtigkeit schlecht bestellt ist, das belegen auch die Streichungen, die das Kanzleramt kürzlich am Armutsbericht vornehmen ließ. Ob die Strategie, den Leuten vorzugaukeln, sie litten nur an gefühlter Ungerechtigkeit, funktioniert, ist eine andere Frage.

 

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Die Reichen integrieren


more-687241_960_720Integriert werden muss dringend, da sind sich alle einig. Meistens geht es nur um das untere Ende der Reichtumsskala. Nach oben hin zeigt sich aber noch größerer Integrationsbedarf. Die Reichen haben sich entsozialisiert, indem sie mehr und mehr Vermögen auf Kosten der Allgemeinheit vereinnahmen (Bild: geralt, pixabay).

Die Ungleichheit wird kaum mehr bestritten, und nur ganz Konservative sehen darin keine Aufforderung zur Umverteilung. So etwa die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung mit ihrem Redakteur Rainer Hank. Der schrieb am 20.3. ironisch Nehmt von den Reichen das Geld! (nicht online). Vom selben Autor sind die Artikel Warum soll Ungleichheit ein Übel sein? (FAZ 29.8.15): Gleichheit wird maßlos überschätzt. Das meinen jetzt auch ein paar häretische Linke. Und Wirtschaftsgeschichte – Ein Lob der Ungleichheit (FAZ 21.2.): Die Geschichte des wirtschaftlichen Fortschritts ist eine Geschichte der Ungleichheit. Was daran ungerecht sein soll, ist eine Frage die selten gestellt wird.

Die Gerechtigkeitsdebatte führte demnach zu der pragmatischen Erkenntnis, Staaten holen sich ihr Geld zur Finanzierung ihrer Gemeinwesen da, wo es etwas zu holen gibt, unabhängig von der Verteilung der Einkommen.

Dabei wurden ein paar kitzkleine Details vergessen: Nämlich dass die Privilegierten die Steuerflucht-Industrie in Anspruch nehmen, um ihr Geld dem staatlichen Zugriff entziehen. Und dass sie sich eine teure Lobby leisten können, die solche Praktiken legalisiert. Damit werden die FAZ-Argumente mit der Abwägung von Steuer-% entkräftet, weil die Reichen eben nicht die nominalen Steuern zahlen.

Seit der Nachkriegszeit sinken die Einkommenssteuern; 1958 lag der Spitzensatz, gültig ab 250.000 DM, noch bei 95% (Phöenix 3.3., Wie solidarisch ist Deutschland?). Und die Vermögenssteuer wird seit 1997 nicht mehr erhoben, obwohl das Vermögensteuergesetz weiterhin in Kraft ist.

Wahr ist, dass nirgends geschrieben steht, wieviel Anteil dem Kapital und wieviel der Arbeit zusteht. Darüber diskutieren die Ökonomen schon lange ohne Einigung. Aber dass das Kapital seit 30, 40 Jahren alle Wohlstandsgewinne abkassiert, hat mit Gerechtigkeit gewiss nichts zu tun.

Um die Ansicht "unsere Ungleichheit ist schädlich" nicht bloß mit wissenbloggt-Artikeln zu begründen, kommt hier eine kleine Blütenlese von Artikeln, über die Umverteilung von unten nach oben mit mehr oder weniger kriminellen Mitteln:

money-965061_960_720Dass alles gar nicht so schlimm sei, ist die nächste Einlassung der Reichtums-Verteidiger. Sie sehen eine Trendwende bei der Lohnungleichheit (ÖKONOMENSTIMME 7.3.) und Statistisches Bundesamt: Reallöhne sind 2015 um 2,5 Prozent gestiegen (5.2.) Das ist die 2,5%-Legende (Bild: geralt, pixabay).

Man erinnert sich, solche Legenden gab's auch im März 2013, als die damalige  Bundesarbeitsministerin in ihrem umstrittenen Armuts- und Reichtumsbericht behauptete : "Die Ungleichheit der Einkommen nimmt derzeit ab." Dem war aber mitnichten so. Auch der IMK-Report von November 2015 sieht mehr Ungleichheit. Und der brandaktuelle Vermögensbericht ebenso (s.o.). Die 2,5% des Bundesamts sind daher skeptisch zu sehen.

Selbst wenn's mal ein Lohnplus gibt, bleibt unterm Strich weniger übrig. Durch die EZB-gemachte Geldschwemme sind die Zinsen seit Jahren auf Null runter, durch die EZB-gemachte Vermögenspreisinflation werden Immobilien und Wohnungen immer teurer. Dazu kommen seit Jahren Infrastrukturniedergang, EZB- und Rettungsschirm-Risiken und billionenschwere Pensionslasten

Traditionsgemäß werden auch nie die expliziten Staatsschulden in die Rechnung einbezogen, also die Schulden, die der Staat für die Bürger macht. Dabei sind die genauso eine Last, als wenn die Bürger selber Geld aufnehmen würden (außer dass die Zinsen günstiger sind). Anscheinend kann man sich nicht darüber einigen, wie hoch die Staatsschuld ist und wie sie steigt, 2,151,96 Billionen laut Eurostat, 2,237,200 laut Staatsschuldenuhr, und gemäß Bundesregierung steigt sie gar nicht ("ausgeglichener Haushalt").

Die bereinigten Einkünfte sind letztlich immer im negativen Bereich. Die negativen Trends zehren alle Gewinne mehrfach auf, die 2,5% sind Augenwischerei. Die Situation bleibt also unverändert – die Unternehmen boomen, die Löhne stagnieren, die Ungleichheit bei den Vermögen wächst. Die Reichen werden reicher, die Armen bleiben arm, die „Mitte" kämpft gegen den Abstieg. Die Kluft zwischen arm und reich ist hier und jetzt besonders groß – Deutschland nimmt bei der Vermögensungleichheit in der Eurozone inzwischen einen Spitzenplatz ein.

Die Reichen und Superreichen haben sich entsozialisiert, der politische Konsens ist aufgekündigt, nach dem Wachstum allen zugutekommen soll. Bis in die 1970er-Jahre galt die Übereinkunft, dass steuerliche Lasten und Abgaben den Kräften entsprechend einigermaßen gleichmäßig verteilt werden sollten. Dieses Prinzip gilt nun nicht mehr. Trotz des hohen Wirtschaftswachstums rutschen immer mehr Menschen ab, besonders die Mittelschicht gerät unter Druck. Sie trägt die Hauptlast beim Steuerzahlen und bei den Sozialabgaben. Durch Kinderkriegen und spätestens bei der Verrentnerung wird sie zum Verlierer.

"Soziale Schräglage" nennt Phoenix das und fragt nach "radikaler Abkehr vom Bestehenden". Wie sollen die Finanzmärkte also aussehen, damit sie der Wirtschaft und unseren Bürgern dienen? Wie kann das Steuersystem reformiert werden? Geht das überhaupt, eine echte Reform in Richtung Gerechtigkeit?

In der anderen Richtung ging es 40 Jahre lang ganz prima, wie in Reload 1970 beschrieben (der Geschichte der Deregulierung). Die Börsenumsatzsteuer wurde abgeschafft, aber eine neue Version davon ("Finanztransaktionssteuer") ist anscheinend unmöglich einzuführen, trotz des ganzen Geredes darüber. Die Erbschaftssteuer ist heutzutage geringer als die Subventionen der reichen Erben, siehe Beim Staat gibt’s viel zu erben. Die Vermögenssteuer wird nicht mehr erhoben, eine Neueinführung ("Reichensteuer") wird vielfach diskutiert, aber nicht umgesetzt.

Dabei sind die Argumente eigentlich zwingend. Die Börsenumsatzsteuer muss her, um das Hochfrequenztrading abzuschaffen, dessen Schädlichkeit man eigentlich nicht zu diskutieren braucht. Erbschaftssubventionen statt -steuern sind schlicht skandalös. Und die Reichensteuer muss her, um Gerechtigkeit zu schaffen.

Allzu viele Privilegierte generieren ihren Reichtum einfach nur daraus, dass sie an die Kassen drankommen, Hedgefonds-Manager, Boni-Banker – das ist Der unverdiente Reichtum. Viele schaffen überhaupt keinen Nutzen, sondern sie schaden durch Missbrauch der Börsen und Finanzmärkte zum Zocken – das ist legaler Diebstahl.

Selbst diejenigen, die der Allgemeinheit nutzen, nutzen auch die Errungenschaften der Allgemeinheit: den weltweiten Markt, die Infrastruktur, den technischen Fortschritt. Dafür sind Steuern absolut angebracht. Um Gerechtigkeit zu schaffen, ist sicher abzuwägen, inwieweit die Person selber den Erfolg schafft, und wie groß der Anteil der Verkauftsmaschinerie ist.

Kleine Beispiele dazu: Ein Opernstar verdient mehr als das Ensemble, das ist ein Unterschied durch Leistung oder Flair, der nicht übermäßig besteuert gehört. Ein Gesangssternchen ("Superstar") verdient international, aber das ist weniger der Eigenleistung, sondern dem globalen Mediensystem verdankt, das die Einkünfte multipliziert – davon darf ruhig der Großteil weggesteuert werden. Falls sowas mit objektiven Kriterien entscheidbar ist, und nicht mit E- und U-Musik wie dunnemals.

Immer mehr Menschen wenden sich gegen das neoliberale Konzept der Wirtschaft, wo das Wirtschaftswachtum zur Religion wird und die Ausbeutung zur Pflicht. Der Mensch ist das Maß der Dinge, nicht die Wirtschaft, und schon gar nicht die Finanzwirtschaft. Aus dieser Einstellung heraus kommt die Idee des bedingungslosen Grundeinkommen, das jetzt vielfach diskutiert wird.

Gute Idee, ja, aber das ist auch keine Lösung. Jedes Land, das sowas macht, wird sich vor Immigranten nicht mehr retten können.

Fazit: Der Integrationserfolg ist gefährdet. Es gibt noch nicht mal ein allgemein akzeptiertes Konzept dafür. Zu befürchten ist das Ausweichen in Parallelgesellschaften, siehe auch Geschlossene Gesellschaft – das Modell der Zukunft und die weitergehende Entsozialisierung. Die Rede ist wohlgemerkt nicht von Immigranten, sondern von den Reichen.

 

Links dazu:




Ballaststoffreicher Geist, ballaststoffreicher Körper


diet-398612_640Dies ist kein TTIP-Artikel. Wer nicht weiß, worum es bei dem Handelsabkommen geht, der kann den ersten Teil überspringen. Wer sich wegen TTIP Sorgen um die Verwässerung von Reinheitsstandards macht, der kann sich trösten lassen: Es kommt auch so dicke genug (Bild: mojzagrebinfo, pixabay).

In Anbetracht des Folgenden muss man TTIP (bis auf die Schiedsgerichte) entspannter sehen: Wenn sie's nur richtig verkauft hätten, wäre die Durchsetzung von TTIP gar kein Problem gewesen. So in der Art: Jetzt gibt's US-Outlets superschnäppchenbillig …

Na schön, sammeln wir mal die hausgemachten Probleme ein, ehe wir uns über TTIP aufregen. Den Einstieg in unseren Gesundheits-Cocktail liefert Spektrum.de mit Lebensmittelunverträglichkeiten: Die Angst vor dem Teller (6.3.): Immer mehr Menschen kaufen gluten- oder laktosefreie Produkte, weil sie glauben, die konventionellen Pendants schlecht zu vertragen. Experten beobachten jedoch keinen Anstieg der Lebens­mittelintoleranzen. Die subjektiven Beschwerden sind aber trotzdem da.

Am Ende kommt's raus, dass der Trend Frei von (Gluten, Laktose, freien Radikalen bösem Cholesterin usw. usf.) nur den wenigsten was bringt. Ernährungssensible konsumieren das Frei-von-Zeug ohne nachweisbaren Nutzen. Anders als der Volksglaube wahrhaben will, sind Lebensmittel heute generell "gesunder" und weniger schadstoffbelastet sind als noch vor 20 Jahren. Gedankt ist's den EU-Lebensmittelgesetzen.

Je gesünder wir objektiv sind, desto kränker fühlen wir uns laut Spektrum, und der "Morbus Google" macht es Hypochondern leicht. Da können sie in Krankheitssymptomen schwelgen, und irgendeins wird schon zur werten Befindlichkeit passen.

Die Süddeutsche Zeitung beackert das Thema in Reform der Öko-Richtlinien – Nur Populismus, mehr nicht (29.3.): Die Verbraucher werden demnach nur in einem Irrtum bestärkt: dass das Bio-Siegel bessere Lebensmittel verspreche. Dabei sind Bio-Produkte nicht nachweislich gesünder als andere. Diese Tatsache löst zwar stets Entrüstung aus, wenn sie wieder einmal durch einen Test bestätigt wird, ist aber einfach eine erfreuliche Folge der strengen Lebensmittelgesetze in der EU.

Laut SZ sei es trotzdem sinnvoll, Bio-Produkte zu kaufen, denn Bio-Betriebe gehen, sofern sie nach den derzeit geltenden Regeln wirtschaften, rücksichtsvoller mit der Natur um. Und irgendwie umgeistert ein implizites Schlankheitsversprechen das Bio-Zeug, so nach der Logik biologisch = natürlich = schlank vs. unbiologisch = unnatürlich = krank (oder mindestens dick).

Bei DIE WELT läuft das Thema unter Gesundheit – Nährstoffmythos – Über die Sinnlosigkeit von Vitamintabletten (22.3.): Eine rote Pille für den Muskelaufbau, eine blaue mit Antioxidantien. Nicht nur unter Sportlern sind Vitaminpräparate beliebt.

Dabei seien die meisten sinnlos – und einige können sogar laut Welt sogar schaden. Wie es scheint, ist dies Jahr im März (aus dem Monat stammen alle 3 Artikel) die große Sinnlosigkeit beim Fressen ausgebrochen. Und das bei einer Sache, die vielfach in den Rang einer Religion erhoben wird (TTIP lässt grüßen). Das läuft quasi auf Ketzertum hinaus.

Daran beteiligt sich ZEIT ONLINE mit 3 Monaten Verzögerung. Ökologische Lebensmittel – Bio in der Sinnkrise heißt es am 17.6.: Nachhaltig produzierte Erzeugnisse sind in Deutschland gefragt wie nie. Doch ihr Erfolg schafft neue Probleme.

Essen sei zu einer Ersatzreligion geworden, assistiert die Zeit wissenbloggt. Bei der Einkaufsentscheidung gehe es jetzt, elitär zu sein und sich habituell abzugrenzen. Das Ganze mit Bezug auf die Revision der bestehenden EU-Öko-Verordnung – und flugs sind wir mit diesem Link wieder im gefährlichen März gelandet (25.3.).

Zum Trost hält die Zeit einen weiteren Artikel bereit, Quengelzone – Wo Gesundheit wohnt – Marcus Rohwetters wöchentliche Einkaufshilfe (18.6.). Der Autor mokiert sich über Sub-Gesundheiten. Da ist die Rede von darmgesunden Frühstücksflocken, mundgesunden zahnärztlichen Zusatzleistungen, fußgesunden Schuheinlagen, hautgesunden Mikronährstoffen.

Geht's noch? Kommen demnächst die augengesunden wissenbloggt-Artikel? Und die hirngesunde Politik – obwohl … wenn man mal so angekränkelt dran denkt … schlecht wäre das nicht, oder?
 

Siehe auch

 




USA: Folter für arme Straffällige


prison-370112_640Die CIA hat keineswegs die Marktführerschaft im US-amerikanischen Folterwesen, wie man angesichts der Berichterstattung meinen könnte (hier eine Auswahl von SZ-Links). Der American Dream von Freiheit, Gleichheit und Wohlstand für alle hat noch andere Elemente hervorgebracht, von denen der Rest der Welt einiges lernen kann, nämlich, wie man es nicht machen soll.

Zunächst wäre da die Spitzenstellung der amerikanischen Gefängnisindustrie mit 2 Millionen Inhaftierten zu erwähnen – eine Weltbestleistung. Kein Staat hält mehr von seinen Bürgern unter Verschluss. Weil die Gefängnisse überfüllt sind, gibt es eine privatisierte Gefängnisindustrie mit immer mehr privaten Gefängnissen, die von  börsennotierten Gefängnisfirmen betrieben werden, ein Milliardenmarkt.

Es geht nun nicht um die Frage, warum die Gefängnisse so voll sind (zum großen Teil wegen Drogendelikten, aber die Drogenprohibition ist ein anderes Thema). Auch geht es nicht um die unterschiedliche Repräsentation zum Beispiel der afrikanischstämmigen Bewohner, die 13% der Bevölkerung ausmachen, aber im Knast dreimal stärker vertreten sind. Es geht um die Praktiken der Get Out of Jail, Inc., der sogenannten probation services (Bewährungsfirmen, Judicial Correction Services heißt der Marktführer, von dem die ganze Branche den Namen JCS geerbt hat, Bild: babawawa, pixabay).

Zu JCS sagt wiki: JCS is part of the highly lucrative private "extra-carceral" or "alternatives to incarceration" industry, which includes private halfway houses, probation services and/or electronic monitoring … (and) services such as Judicial Correctional Service … is "offender-funded", shifting the cost of probation onto probationers.

Die Alternativen zum Einsperren bestehen aus einer ganzen Industrie, die Überwachung für Freigänger leistet und eben auch "Bewährungsdienste" anbietet. Das Prinzip dabei ist, dass der Überwachte für seine Überwachung zahlt, und dass daraus private Profite generiert werden.

Die einschlägige Firma JCS war laut wiki von 2008…2010 die am schnellsten wachsende Firma in den USA, 2012 kamen dann die Prozesse wegen Missbrauch. Die aggressive Verfolgung der Bestrafung hatte oftmals eine Verdoppelung der Beträge zur Folge, eine Hälfte für den Staat, die andere Hälfte fürs Eintreiben.

There are a lot of reputable, honest people in this industry, sagt ein maßgeblicher Artikel zum Thema, es gibt eine Menge ehrliche, anständige Leute in der Branche. Aber so sind eben nicht alle, und darüber berichtet der New Yorker in Does the alternatives-to-incarceration industry profit from injustice? (23.6. von Sarah Stillman, mit dem witzigen Vortitel A Reporter at Large). Das Fazit des ausführlichen Artikels: There’s nothing wrong with making a profit, but our court system is not a business, and our courts should not be used as a profit channel, Profite machen ist okay, aber das Justizsystem ist kein Geschäft und sollte nicht zum Profitegenerieren benutzt werden.

Wird es aber. Darüber berichtet Stillman des längeren, ein Beispiel: Eine Delinquentin bekam 2 Jahre Bewährungsstrafe plus Strafzahlungen von 200 Dollar pro Monat. Die Zahlungen wurden ausgelagert an die for-profit company Judicial Correction Services. JCS bekam 40 Dollar davon fürs Aufpassen (“supervision” fee). Die Delinquentin lieferte das Geld ab, an eine Beamtin, wie sie meinte. Bis sie ihren Job verlor, da reichten die Zahlungen bloß noch für die supervision fee der Aufpasserfirma und nicht mehr fürs Zahlen der Strafe. Die wurde durch Zins und Zinseszins immer größer, bis sie ein Mehrfaches der ursprünglichen Strafe ausmachte, bei ständigen Zahlungen an JCS.

Was für ein Drama das für die Betroffene war, kann man sich ausmalen. Das Geld für die nötigsten Dinge fehlte, weil JCS es absaugte, und die Schuldenlast wuchs nichtsdestotrotz. Das ist Folter vom Feinsten, und zwar jahrelang.

Das Thema wurde von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 14.12. aufgegriffen, Roland Lindner schrieb über die Bewährungsindustrie in den USA: Kein Geld? Keine Gnade! (nicht online). Auch hier das Fazit: Man kann nicht sagen, die Verurteilten bekämen eine Gegenleistung, das sei ja wie ein Bankkredit. Die Gerichte sind nun mal keine Banken, und eine Geldstrafe ist kein Kredit.

Das Ganze kann zu sehr missbraucht werden, dann artet es in schlimme Erpressung aus. Nun gut, es wird differenziert. Wer Geld hat, kann das einfach bezahlen, und fertig, dann funktioniert das System wie beabsichtigt. Aber da kommen schon mal welche, ausgestattet mit Insignien des Reichtums, und reklamieren Zahlungsunfähigkeit. Dann fangen die Probleme an. Man kann das nicht so leicht beurteilen, ob genug Geld da ist, damit es regulär ablaufen kann. Und wer kein Geld hat, landet praktisch in der Hand der Kniebrecher-Mafia.

Nicht dass die Firman es so treiben wie die illegalen Geldeintreiber; das haben sie gar nicht nötig. Sie haben nämlich das ultimative Druckmittel, den Delinquenten jederzeit ins Gefängnis zu schicken, wenn er nicht zahlt. Mehr noch, sie profitieren, wenn er nicht fristgerecht zahlen kann, denn je länger es dauert, desto mehr Monatsgebühren können sie für ihre "Leistungen" (=Handaufhalten) anrechnen.

Das ist ein schwerer Interessenskonflikt, möglichst viel Geld aus jedem Bestraften zu holen gegenüber der ursprünglch beabsichtigten Unterstützung der Betroffenen. Ein Zitat aus dem FAZ-Artikel: Die Bewährungsindustrie ist ein Beipiel dafür, wie die USA ihren Strafvollzug privatisieren. Und oftmals ruinieren die privaten Bewährungsunternehmen das Leben der Menschen. Es kann schon reichen, wenn der Judicial Correction Service 1000 Dollar Strafe mit 1000 Dollar Gebühren beaufschlagt, um eine prekäre Existenz in den Bankrott zu treiben.

Dabei geht es letztlich nur um Kleinigkeiten. Die Verurteilten haben oft nur einen Verkehrsverstoß begangen wie Falschparken, Geschwindigkeitsüberschreitung, Fahren ohne Gurt, Ladendiebstahl, öffentliche Trunkenheit oder andere Ordnungswidrigkeiten. Arme Leute mit prekären Finanzen dafür ins Fegefeuer der unbezahlbaren Gebühren zu schicken, mit Gefängnisaufenthalten, über die private Kassierer entscheiden, ist unmenschlich. Der Protest gegen solche Geschäftspraktiken rührt sich auch vielfach. Es ist aber nicht damit getan, die private Bewährungsindustrie zu regulieren. Sowas gehört zu den Obliegenheiten, die der Staat exklusiv übernehmen muss (Bild: Openclips).


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Sophistik zur Migration: "Es ist gut für die Armen, dass die Reichen reich sind"


music-35026_640NemopixabayDer Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 22.6. ist nicht online. Er trägt den provokanten Titel Es ist gut für die Armen, dass die Reichen reich sind. Es handelt sich um ein Interview mit dem emeritierten Professor für Soziologie und Politikwissenschaften (und Euro-Gegner) Erich Weede (Bild: Nemo, pixabay).

Das grundlegende Argument dabei: Wenn die Armen nicht die globale Ausbeutung hätten, dann ginge es ihnen noch schlechter. Nur ist besser als das Allerschlechteste noch lange nicht gut. Die Argumentation ist daher mit Vorsicht zu genießen, zumal der Autor sich auch stark in Sophistik zeigt – mehr dazu unten.

Immerhin hat es für einige Staaten geklappt, dass sie sich entwickelt haben, Japan sogar ohne den Umweg über Arbeitsmigranten. Sonst sei die Freiheit zur Migration gut für beide Staaten, Quelle und Ziel, so der Artikel. Indem die Befähigten wegziehen, üben sie Druck auf die Herrschenden aus, die Verhältnisse zu verbessern. Eine offene Welt mit der Freiheit zur Migration sei daher wichtig. Wir können zwar nicht 2/3 der Welt das Zuwanderungsrecht in die reichen Länder geben, aber einem Kontingent von Leistungsträgern, und das wirke sich positv aus.

Geschichtlich gab's Freiheit und Menschenrechte zuerst auch nur für eine dünne Schicht, dass die Allgemeinheit solche Rechte erworben hat, ist auch für Europa neu. Eine pragmatische Sicht sei daher angebracht, man solle sich das nicht aus Ideologie kaputtmachen. Soweit der nicht onlinene Artikel.

Der provokante Titel Es ist gut für die Armen, dass die Reichen reich sind, wird davon nicht recht gestützt. Um mehr über die Argumente Weedes zu erfahren, liegt ein Blick auf seine anderen Artikel bei der FAZ nahe, Zuwanderung – Wie lässt sich die Armut in der Welt abbauen? (5-teiliger Artikel vom 8.6.). Es geht mehr um die ethische Frage, wie kann man die Zuwanderungsbeschränkungen verteidigen?

Weedes Vorgabe: Wer staatliche Zuwanderungsschranken in reichen Ländern gegen Armutszuwanderung verteidigt, der argumentiert gegen die am schnellsten wirksame denkbare Maßnahme zum Abbau der Armut in der Welt. Kann man das verantworten?

Einmal wird dazu die "dualistische Ethik" herangezogen, das Messen mit zwei Maßstäben. Also keine bedingungslose Öffnung der Grenzen von Wohlstandsinseln für arme Zuwanderer, denn jeder ist sich selbst der Nächste, und den einkommensschwachen Mitbürgern darf man solche Konkurrenz schon gar nicht zumuten.

Diese Haltung stehe für eigennütziges Denken dieser Mitbürger, während es für die Reicheren auf den Zwiestreit zwischen Eigennutz und Mitmenschlichkeit oder Altruismus hinauslaufe, auf eine dualistische Ethik eben. Man nehme auf Landsleute Rücksicht, die sich nur einen Gebrauchtwagen leisten können statt eines neuen, jedoch nicht auf Fremde denen die zweite Mahlzeit am Tag fehlt, so lautet das Argument aus Weedes Sicht.

Solch Eigennutz und dualistische Ethik rufe einen unangenehmen Nachgeschmack und ein schlechtes Gewissen hervor, zumal wir altruistischer seien, als die ökonomischen Theorien behaupten. Man muss aber nicht den Altruismus strapazieren, um ein schlechtes Gewissen zu machen, denn es gibt noch andere Argumente gegen den unbegrenzten Zuzug.

Das kommt in dem Artikel nicht so raus, aber aus der Sicht der Migranten geht es oft nur darum, in die bessere Zivilisation überzuwechseln, bloß ohne deswegen ihre Werte zu übernehmen. Dieser Widerspruch ist ein schwerwiegendes Argument gegen die Migration, das der Artikel nicht entsprechend würdigt.

Was ganz fehlt, ist die Bevölkerungsfrage. Immerhin ist in fast allen Wohlfahrtsstaaten die Geburtenrate unter Bestandserhaltung, während einige Länder immer noch (mit abnehmender Tendenz) auf Vermehrung eingestellt sind. Das ist nicht nachhaltig und liefert ein wichtiges Argument. Dass man sich die überproportionale Vermehrung per Immigration ins Land holt, hat den Populisten Argumente gegeben. Nichtsdestotrotz muss man realisieren, dass Revierverteidigung und Besitzstandswahrung zur biologischen Ausstattung unserer Spezies gehören. Das altruistische "Jeder darf alles überall" ist kein angeborenes Dogma.

Merkwürdig wird es, wenn Weede seine Logik dahin ausführt, dass arme Länder von den Vorteilen ihrer Rückständigkeit profitierten. Das ist ganz dicht an der verschrobenen Argumentation dran Es ist gut für die Armen, dass die Reichen reich sind. Das grenzt an Sophistik, und man möchte in Erinnerung rufen, dass die Rückständigkeit zunächst mal mit schweren Nachteilen verbunden ist, immerhin so gravierend, dass sie viele Leute in die Emigration treibt. Die Vorteile sieht der Artikel in den  Wachstumsimpulsen; von einem niedrigen Niveau aus wächst es sich schneller. Die Kopie kann den Aufschwung womöglich besser als das Original nachvollziehen, weil die Wege dann schon gangbar sind.

Aus diesem Grund müssten die (potentiellen) Zuzügler am Erhalt des Westens interessiert sein, der ihnen doch die Perspektiven einer auskömmlichen Lebensweise vorlebt. Zuwanderungsschranken seien daher auch im Interesse der Migranten, denn zu viele würden das Modell beschädigen oder zerstören. Bei einer schrumpfenden einheimischen Jugend und Arbeitsbevölkerung sinke die Assimilations- und Integrationskraft der Wohlstandsländer eher als dass sie steige, das sehe man in vielen Schulen und Stadtvierteln der europäischen Großstädte schon jetzt.

So sehen also die Argumente zur Begrenzung der Massenzuwanderung unter "universell humanitären Gesichtspunkten" aus, und nicht nur per Rechtfertigung mit der "dualistischen Ethik". Soweit der Weede-Artikel.

Was man noch vermisst, ist das Argument von der Kanalisierung des Drucks. Der Migrationsdruck wird immer größer, das ist wohl nicht zu bestreiten. Doch sollte dieser Druck nicht besser zuhause ausgeübt werden, um Frieden, Ehrlichkeit und Ordnung zu schaffen? Ist der Leidensdruck nicht falsch kanalisiert, wenn das Fortgehen zunehmend als beste Lösung erscheint?  Enthebt das die Herrschenden nicht eher der Notwendigkeit zu Reformen, als dass es sie dazu anspornt?

Weiteres zum Thema:

 




Zelot - Jesus von Nazaret und seine Zeit


zelotBei freidenker.at finden wir am 28.1. eine Rezension von Ronald Bilik über Reza Aslans Buch:

Zelot – Jesus von Nazaret und seine Zeit

Rowohlt, 384 Seiten – ISBN 978-3-498-00083-7 – EUR 23,60

Der iranischstämmige, amerikanische Buchautor und Islamwissenschafter Reza Aslan ist eine schillernde Figur. Der geborene Moslem konvertierte in seiner Jugend zum evangelikalen Christentum, um dann wieder in den Islam zurückzufinden.

Sein Skandal-Buch „Zelot“ gelangte innerhalb kürzester Zeit auf die Bestsellerlisten. Dieser Erfolg ist vermutlich in erster Linie dem radikal-konservativen Sender Fox-News zu verdanken. In diesem Sprachrohr der amerikanischen Evangelikalen, welches berüchtigt für seine antiislamische Propaganda ist, wurde mit Reza Aslan ein Interview geführt, welches sogar für das Niveau dieses Senders von katastrophal schlechter Qualität war. Die Moderatorin versuchte permanent zu erfragen, wie ein Moslem sich erdreisten könne, ein Buch über Jesus zu schreiben. Sofort wurde in den einschlägigen christlichen Medien eine Verschwörungstheorie formuliert, mit dem Grundtenor: Die Muslime greifen Jesus an!

Den christlichen Eiferern und ideologischen Kreuzzüglern ist völlig entgangen, dass die Thesen von Reza Aslan mit dem Islam und der islamischen Interpretation des Nazareners schlichtweg unvereinbar sind. Eine derartige Sichtweise kann von einem Moslem auch nur in einem säkularen Staat formuliert werden, in einem islamischen Land wäre eine derartig wissenschaftliche und historisch fundierte Herangehensweise mit existentiellen Konsequenzen verbunden.

Mancher Leser wird sich fragen: Was ist ein Zelot? Die Zeloten (gr.: Eiferer) waren – primär religiös motivierte – jüdische Widerstandskämpfer, welche die größte der einschlägigen Gruppierungen im Palästina des ersten Jahrhunderts darstellten. Es war dies genau jene Bewegung, welche den jüdischen Krieg provozierte, der 70 zur Zerstörung Jerusalems und der Diaspora führte. Diese Gruppen zeichneten sich durch eine Tendenz zu apokalyptischen Visionen aus, brachten immer wieder Messiasse (Messias = Gesalbter, in diesem Zusammenhang: gesalbter König der Juden) hervor, welche die alten Prophezeiungen erfüllen und das Volk Israel von der Fremdherrschaft der Römer befreien wollten. Die Zeloten lehnten auch die Teilnahme am Geld und Warenverkehr ab, da dies den Gebrauch römischer Münzen inkludiert hätte. Diese Widerstandskämpfer wurden von den Römern als Banditen und Räuber bezeichnet, sie selbst sahen sich hingegen Gotteskrieger und göttlich legitimierte Kämpfer für die Gerechtigkeit.

Für den Fachmann sind die Reaktionen der christlichen Fundamentalisten nur schwer nachvollziehbar. Reza Aslan betreibt nämlich in keiner Weise Primärforschung, sondern bietet vielmehr eine auf Sekundärliteratur gestützte Zusammenfassung von bereits lange bekannten Theorien. In der historisch-kritischen Forschung werden solche Sichtweisen nämlich bereits seit 200 Jahren vertreten. Dennoch sind solche Bücher auch heute noch geeignet, gläubige Christen zu provozieren. Dafür gibt es zwei Gründe: Unwissenheit und Ignoranz.

Was sind nun die angeblich so provokanten Grundthesen von Reza Aslan? Im Widerspruch zum klassischen und an Schulen und in den Medien verbreiten Jesusbild, welches den Nazarener als friedliebenden und menschenfreundlichen Gottessohn sieht, erblickt Reza Aslan in ihm vielmehr einen jüdischen Apokalyptiker und Nationalisten, der nicht die Menschheit erlösen, sondern das rein jüdische Gottesreich auf Erden gründen wollte und dafür gekreuzigt wurde. In sehr anschaulicher Weise schildert Aslan die kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, welche zu einer jüdisch-nationalen Widerstandsbewegung gegen das Römische Reich führten. Immer wieder traten Messiasse wie Jesus auf, und alle erwartete das gleiche Schicksal: Die Liquidierung durch die römische Besatzungsmacht. Im Gegensatz zum Religionsunterricht und dem christlichen Alltagsgebrauch, setzt Aslan die Worte und Taten von Jesus in den kulturellen Kontext. Somit kann er etliche weit verbreitete Missverständnisse aufklären: Wenn Jesus z.B: sagt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“, so bedeutet dies für einen Zeloten in keiner Weise die Akzeptanz der weltlichen Besatzungsmacht. Im Gegenteil: In der zelotischen Sichtweise ist der Gebrauch der römischen Münzen gleichbedeutend mit der gottlosen Unterordnung unter das heidnische Römische System.

Gut nachvollziehbar wird dargestellt, wie die frühen Christen die messianisch-revolutionäre und antirömische Botschaft von Jesus umformulierten und romfreundlich gestalten mussten, also wie jenes unhistorische Jesusbild geschaffen wurde, welches bis heute die „historische“ Grundlage des Christentums bildet. Es ist in der Tat bemerkenswert, wie aus einem gescheiterten antirömischen Rebellen, der Nichtjuden verachtete, ein nichtjüdischer Gott wurde. Das ist mindestens so bemerkenswert wie die Michael Jackson-Transformation, die allmählich aus einem armen, männlichen Farbigen eine reiche, weiße Frau machte.

Aslan betont zu Recht, dass Jesus kaum exakt in die damals fast unüberschaubare Anzahl unterschiedlicher Strömungen einzuordnen ist. Zuzustimmen ist dem Autor mit der grundsätzlichen Einordnung des Jesus von Nazareth in die geistige Nähe der zelotischen Bewegung. Im Unterschied zu anderen zelotischen Messiassen, die zum Teil ganze Armeen befehligten, hat Jesus die erforderliche Gewaltanwendung bei der Vertreibung der Römer von Jahwe erwartet. Problematischer gestaltet sich Aslans Versuch, die Zeloten des frühen ersten Jahrhunderts von denen des jüdischen Krieges zu differenzieren. Einer der Jesus-Jünger (Simon) wird ausdrücklich als Zelot bezeichnet. Judas mit dem Beinamen Iskariot dürfte sich von Sikarier (Dolchmann) ableiten. Die Sikarier waren ebenfalls eine antirömische Widerstandsgruppe mit der Spezialität gezielter Mordanschläge. Bezeichnenderweise wird Judas in einer alten lateinischen Bibel-Handschrift als Zelot geführt. Petrus schließlich führte den aramäischen Beinamen Barjona (der Vogelfreie), eine der üblichen Bezeichnungen für Partisanen. All dies hätte deutlicher herausgearbeitet werden können.

Ein großer Teil der Ausführungen bewegt sich auf historisch gesichertem Boden. Nichtsdestotrotz neigt Aslan aber auch zu romanhaften Erzählungen. So ist es z.B. reine Spekulation, ob Jesus seine Jugendjahre in Sepphoris verbracht hat.

Auch mit der Quellenkritik nimmt es Aslan in seiner durchaus mitreißenden Erzählweise nicht immer genau. So etwa ist es höchst unwahrscheinlich, dass Petrus (S. 254) der Gemeinde in Rom vorstand. Ebenso ist es kaum wahrscheinlich, dass der Fischer Petrus jene Rede gehalten hat, welche ihm die Apostelgeschichte (2,30-31) in den Mund legt. Problematisch erscheint auch die unkritische Heranziehung des Johannesevangeliums (S. 60).

Eine Fehlinterpretation liegt auch hinsichtlich der von Jesus angekündigten Tempelzerstörung vor. Diese bedeutete keinen Verstoß gegen jüdisches Gesetz. Wenn Jesus ankündigt, dass er den Tempel zerstören und in drei Tagen wiederaufbauen will, so ist dies nach dem jüdischen Gesetz kein Verbrechen, denn genau das ist die Aufgabe des Messias. Diese Ankündigung fügt sich somit in den messianischen Anspruch, sie ist nur deswegen von juristischem Interesse, weil Jesus damit eindeutig erklärt, der Messias zu sein. Auch das ist nach dem jüdischen Gesetz nicht verboten. Damit ist er aber der erklärte Erzfeind Roms und der von den Römern eingesetzte Hohepriester hat sich genau aus diesem Grund mit Jesus zu beschäftigen. Die Juden hätten kein Problem mit dieser Äußerung gehabt, wenn Jesus diese von ihm angekündigte Tat auch wirklich umgesetzt hätte. Auch die Juden würden ihn heute als Messias anerkennen, denn die Erfüllung dieser messianischen Vorhersage wäre öffentlichkeitswirksamer und wesentlich überzeugender als eine Auferstehung, die für den Messias gar nicht prophezeit ist und überdies ausgesprochen privaten Charakter besitzt.

Hier zeigt sich einer der entscheidende Unterschied zwischen Juden und Christen. Während erstere aufgrund der eindeutigen Evidenz klar erkannt haben, dass Jesus nicht der Messias sein kann, bildet bei zweiteren dieser entscheidende Irrtum die Grundlage des Glaubens.

Das Buch Zelot richtet sich nicht an den Experten, sondern vielmehr an eine interessierte Leserschaft ohne spezielle altertumswissenschaftliche oder theologische Vorkenntnisse. In typisch amerikanischer Manier schafft Aslan es hier, ein praktisch voraussetzungsloses, sehr gut und spannend geschriebenes Buch zu präsentieren. Das Werk von Reza Aslan eignet sich hervorragend dazu, dem christlich geprägten Leser ein realistischeres Christusbild zu vermitteln. Die radikalen Konsequenzen dieser Forschungsergebnisse werden vom Autor nicht gezogen. Wie sensibel dieses Thema auch in Europa – trotz der langen Tradition historisch-kritischer Forschung ist – beweisen die einschlägigen Stellungnahmen.

So etwa Uwe Walter in der FAZ: Das Jesus-Bild Joseph Ratzingers und das von Aslan entwickelte schließen einander nicht aus, weil letztlich von zwei verschiedenen Gestalten die Rede ist (1)

Diese Einschätzung ist falsch: Der Unterschied ist folgender: Das Jesus-Bild von Reza Aslan ist (wenn auch in einigen Punkten zu modifizieren) ein wissenschaftlich fundiertes, das von Joseph Ratzinger hingegen ist reine Phantasie.

© by Ronald Bilik, Jänner 2014

(1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/reza-aslan-zealot-fuer-einen-messias-hatte-rom-nur-das-todesurteil-parat-12566227.html

Link zum Originalartikel von freidenker.at

Die Informationslage zu Jesus wird in dem Artikel als "historisch gesicherter Boden" bezeichnet, dazu gibt es aber ganz andere Ansichten, z.B.: Jesus lebt nicht Die tatsächliche Informationslage

Bei freidenker.at findet man auch den Hinweis auf freidenkerIn – die Zeitschrift, das Schwarze Loch passt gut zu den aktuellen wb-Titeln.

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Manager-Lohn: Abstand deutlich gestiegen


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Eine Pressemitteilung der Hans-Böckler-Stiftung vom 5.7. zeigt, dass sich die Managergehälter immer weiter von denen der Lohnempfänger entfernen (Grafiken: Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Hans-Böckler-Stiftung).

Abstand deutlich gestiegen

Vorstände im Dax verdienen im Mittel 71-mal so viel wie durchschnittliche Beschäftigte

Vorstände von Dax-Unternehmen verdienen im Durchschnitt 71-mal so viel wie die durchschnittlichen Beschäftigten in ihrer Firma. Der Abstand hat sich zwischen 2014 und 2017 deutlich vergrößert und ist höher als in allen anderen zuvor untersuchten Jahren. Schaut man auf die einzelnen Unternehmen im Dax 30, reichte die Bandbreite der sogenannten Manager to Worker Pay Ratio 2017 vom 20-Fachen bis zum 159-Fachen – beides ebenfalls Höchststände. Die Vorstandsvorsitzenden im Dax haben im zurückliegenden Geschäftsjahr 2017 im Schnitt sogar das 97-Fache eines durchschnittlichen Beschäftigten in ihrem Unternehmen erhalten. Das zeigt eine neue Studie der Hans-Böckler-Stiftung. „Die Schere öffnet sich weiter“, erklärt Marion Weckes, Vergütungsexpertin im Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Stiftung.

Die Ökonomin und Aufsichtsratsberaterin moniert Transparenzdefizite beim Thema Entgeltrelation in den Unternehmen. Die beträfen nicht nur die öffentlich zugänglichen Geschäftsberichte, sondern teilweise sogar die Unterlagen, auf deren Basis der Aufsichtsrat über Vergütungen entscheiden soll. Weckes empfiehlt, in den Deutschen Corporate Governance Kodex Berichtsempfehlungen aufzunehmen, um die große Ungleichheit zwischen Topmanagern und den übrigen Beschäftigten in den Aufsichtsräten stärker auf die Agenda zu bringen. Zudem sieht die I.M.U.-Expertin die Bundesregierung in der Pflicht, mit der anstehenden Umsetzung der EU-Aktionärsrichtlinie in deutsches Recht für mehr Transparenz zu sorgen. „Das ist auch mit Blick auf das Gerechtigkeitsempfinden und die Motivation der Belegschaften wichtig“, sagt Weckes.

Wer die Verantwortung für die Geschicke eines großen Unternehmens mit zig tausend Arbeitsplätzen trägt, erbringt eine beachtliche Leistung und sollte anständig bezahlt werden. Dagegen wird kaum jemand etwas einwenden. Die Frage ist aber, wie hoch der Gehaltsaufschlag ausfallen darf. Eine Messgröße ist hier die Manager to Worker Pay Ratio, auf die seit 2013 auch der Deutsche Corporate Governance Kodex Bezug nimmt. Wie hoch die Ratio – also das Verhältnis zwischen Vorstandvergütung und durchschnittlichem Verdienst im Unternehmen ausfällt –, muss von deutschen Unternehmen allerdings bislang nicht publiziert werden.

„Managergehälter müssen leistungsgerechter werden. Das nachhaltige Unternehmen mit Perspektiven für Arbeitsplätze und Standorte muss dafür der Maßstab sein – und nicht nur der Börsenwert eines Unternehmens. Es gibt aus Mitbestimmungssicht keinen triftigen Grund, warum Managergehälter und Durchschnittsverdienste derart auseinanderklaffen. Deshalb setzen wir uns dafür ein, der Manager to Worker Pay Ratio im überarbeiteten Deutschen Corporate Governance Kodex zwingende und transparente Regeln zu geben“, sagt Dr. Norbert Kluge, Direktor des I.M.U. zu den Ergebnissen der neuen Studie.

I.M.U-Vergütungsexpertin Weckes hat die Pay Ratios für die 30 Dax-Unternehmen zum fünften Mal berechnet. Dazu setzt die Forscherin die Vorstandsvergütungen ins Verhältnis zu den Durchschnittsverdiensten im jeweiligen Konzern. Ausgewertet wurden die Geschäftsberichte in den Jahren 2005, 2008, 2011, 2014 und 2017. Angaben für inländische Beschäftigte waren nicht durchgängig verfügbar und erlaubten daher keinen Vergleich.

Zentrale Ergebnisse: In einem guten Jahrzehnt ist der Gehalts-Abstand zwischen Topmanagern und durchschnittlichem Konzern-Beschäftigten um rund 70 Prozent gewachsen: 2005 bekam ein Vorstandsmitglied im Dax durchschnittlich 42-mal so viel wie ein Beschäftigter, 2017 musste ein durchschnittlich bezahlter Mitarbeiter hingegen rechnerisch 71 Jahre arbeiten, um auf das Jahressalär des Topmanagers zu kommen. Das ist deutlich mehr als bei der letzten Analyse für 2014 (das 57-Fache) und im bisherigen Extremjahr 2011, als Weckes das 62-Fache errechnete.

Erstmals hat die Forscherin zudem zwischen den Vergütungen von Vorstandvorsitzenden (CEOs) und „einfachen“ Vorständen differenziert. 2017 verdiente ein Dax-CEO im Durchschnitt 97-mal so viel wie der Durchschnitt der Belegschaft. Bei den übrigen Vorstandsmitgliedern war es im Mittel das 45-Fache.

Bezogen auf den gesamten Vorstand reicht die Spanne im Dax vom 20-Fachen bei der Commerzbank über das 47-Fache bei Linde oder das 90-Fache beim Autobauer Volkswagen bis zum 159-Fachen bei der Deutschen Post. Vier Dax-Unternehmen weisen eine Ratio von mehr als 100 auf, nur drei eine von 30 oder weniger (Grafik 2).

Der CEO-Posten ist nach wie vor der höchst vergütete im gesamten Vorstand. Entsprechend größer ist die Einkommensdistanz zwischen CEO und durchschnittlichem Beschäftigten des jeweiligen Unternehmens. Sie liegt für 2017 zwischen dem 25-Fachen bei der Commerzbank und dem 232-Fachen bei der Post (Grafik 3). 12 Unternehmen zahlen dem Vorstandschef mindestens das 100-Fache des durchschnittlichen Gehalts. Unter den „einfachen“ Vorstandsmitgliedern erhielten vier maximal das 20-Fache des Durchschnittsgehalts in ihrem Unternehmen, eines mehr als das 100-Fache (Grafik 4) (Unten: Grafik 2, I.M.U., Grafiken 3+4 finden sich im HBS-pdf).

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Weitere Informationen:

Marion Weckes: Manager to Worker Pay Ratio 2017. Das Verhältnis der Vorstandsvergütung zur Mitarbeitervergütung im DAX 30 (pdf), Mitbestimmungsreport Nr. 44, Juli 2018.

Die Pressemitteilung mit Grafiken (pdf)

Link zur Pressemitteilung: Abstand deutlich gestiegen – Vorstände im Dax verdienen im Mittel 71-mal so viel wie durchschnittliche Beschäftigte (Hans-Böckler-Stiftung 2018).

Links von wissenbloggt:

 




Erfolg! Mehr Profit auf Kosten von Arbeitenden & Jugendlichen


2018-03-09_11-24-552018-03-09_11-24-54Immer wieder kommt dieses leidige Thema hoch, denn die Ungleichheit wird immer größer. Das belegen diverse Studien (1., 2.). In der Auswirkung sind schöne Erfolge zu verzeichnen:

  • 2014 – “die 85 reichsten Leute sind so reich wie die ärmere Hälfte der Welt,”
  • 2016 – “die 62 reichsten Leute sind so reich wie die ärmere Hälfte der Welt,”
  • 2017 – “die 8 reichsten Leute sind so reich wie die ärmere Hälfte der Welt.”

Egal, ob diese Zählweise nun stimmt, oder ob es das ganze obere 1% ist, das mehr als die unteren 50% besitzt (3.). Wie der Freitag schreibt (4.), besitzt das reichste Zehntel der deutschen Gesellschaft 66,6% aller Güter, die reichsten 0,1% besitzen 23%. Einige wenige Familiendynastien besitzen die größten Konzerne des Landes und haben Milliardeneinkommen, derweil ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft am Existenzminimum lebt.

In keinem anderen Staat innerhalb der Euro-Zone ist die Kluft zwischen arm und reich größer (5.), nur in den USA ist die Lage noch extremer. Ein YouTube-Video von 2014 (6.) zeigt das anschaulich auf. Faszinierend findet der Freitag an dem Video, wie die amerikanischen Befragten die Verteilung der Güter einschätzen: Sie liegen völlig daneben und verkennen die krass ungleiche Verteilung der Güter.

Ein Wunder ist die Ungleichheit jedenfalls nicht, weil auch statistisch immer weniger bei den Arbeitenden landet. Z.B. in den USA betrug der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen 1980 noch 62% und heute nur noch 56%. In Deutschland gab es 1981 eine Lohnquote von 75%, 2000 waren es 72%, 2016 waren es nur noch 68,7%.

Was davon in der Lohntüte übrigbleibt, wird auch weniger. Zwar blieb die Steuerquote nach offiziellen Zahlen 1995-2016 ungefähr bei 23,3%. Aussagekräftiger ist der Wert incl. Sozialabgaben, das machte dann zusammen 49,4% in 2016. Ganz anders die deutschen Unternehmenssteuern, die lagen 1995 noch bei 59%, 2016 waren sie nur noch knapp 30%.

Die Unternehmenssteuern haben sich halbiert, die Steuern für Arbeitnehmer sind gleichgeblieben. Und die Unternehmen betreiben noch dazu Steuerflucht im Wert von hunderten von Mrd., während die normalen Steuerzahler nur wenig schummeln können (mehr zu diesem Thema bieten die wb-Links unten).

Die Ungleichheitsforschung befasst sich ja mit allen Aspekten dieser Verhältnisse. Einen interessanten Beitrag liefert auch die SZ (7.), basierend auf Daten von OECD und IWF. Demnach gibt es vor allem zwei Ursachen für die weltweit steigende Ungleichheit:

  • die schnelle Entwicklung neuer Technologien und
  • die globale Arbeitsteilung.

Der technologische Fortschritt macht inzwischen quasi offiziell immer mehr Arbeitsplätze überflüssig. Besonders Routine-Tätigkeiten werden automatisiert, und das macht die neuen Technologien zum größten Treiber für wachsende Ungleichheit in Industriestaaten. Sie wirkten sich laut SZ stärker aus als die Globalisierung; Studien bestätigen demnach, dass zunehmende Automatisierung plus Auslagerung der Produktion ins Ausland plus zunehmender Preiskampf über Importe die normal qualifizierten Arbeitskräfte langfristig ihre Jobs kosten.

Damit vollziehen sowohl IWF als auch OECD eine Kehrtwende in ihren marktliberalen Ansichten. Es wird sogar vor den Schäden der Ungleichheit gewarnt; die gestiegene Ungleichheit habe das Wachstum der Industriestaaten von 1990-2010 durchschnittlich um 5% reduziert – im Fall Deutschland hochgerechnet rund 100 Mrd. Verlust.

An dieser Stelle soll es nun um personenbezogene Auswirkungen gehen, wie von der zynischen Erfolgsmeldung im Titel versprochen. Dazu hat die junge Welt einen Artikel namens Gestohlene Zukunft aufgelegt (8.). Der Autor Werner Seppmann beschreibt die katastrophalen Folgen der wachsenden Jugendarmut in den entwickelten kapitalistischen Ländern des Westens.

  • Seit Beginn der neoliberalen Umwälzungen (Deregulierung) in den 1970er Jahren geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander.
  • Arbeitslosigkeit breitete sich aus, überall entstanden prekäre Arbeitsverhältnisse.
  • In vielen Industrieländern, darunter den 35 entwickelten kapitalistischen OECD-Staaten, breiteten sich Verelendung und Hoffnungslosigkeit aus, wie sie bis dahin nur aus der "Peripherie" bekannt waren.
  • In der Bundesrepublik stecken 25% aller Beschäftigten in prekären Arbeitsverhältnissen, in den um sich greifenden Armuts- und Bedürftigkeitszonen leben inzwischen 20% aller Kinder.
  • 1965 war nur jedes 75. Kind auf Sozialhilfe angewiesen, heute ist es fast jedes fünfte.
  • Jugendarbeitslosenquoten in Griechenland: 45%, in Italien und Spanien 35-42%, in Frankreich, Belgien und Finnland über 20%, in Deutschland 7% – aber diese niedrige Quote ist fragwürdig, denn die Erfassung der Erwerbslosigkeit ist bei Jugendlichen sehr lückenhaft.

Der Autor bilanziert, dass auch bei Jugendlichen offensichtlich kein automatischer Zusammenhang zwischen Prekaritäts- bzw. Armutslagen und Protest- und Widerstandsverhalten besteht. Zur Entwicklung der Aktionsbereitschaft müssen die Jugendlichen das Bewusstsein entwickeln, dass ihre prekären Verhältnisse nicht 'normal' oder 'unabdingbar' sind. Und sie müssen erkennen was für ihre prekären Verhältnisse verantwortlich ist.

In die gleiche Stoßrichtung argumentiert der Freitag in einem anderen Artikel (9.) Die etablierten Parteien, die regierenden Politiker, die Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland, die Massenmedien und die Wissenschaftler beschäftigen sich kaum mit "der Zerklüftung unserer Gesellschaft". Anmerkung wb: Das erstaunt um so mehr, als sie sich intensivst mit den Belangen der Flüchtlinge und Immigranten befassen.

Damit keiner sagen kann, er hat es nicht gewusst, noch ein paar Links zur Schädlichkeit der zunehmenden Ungleichheit in Bezug auf das Wachstum. Die Friedlich Ebert Stiftung liefert ein Modell dazu (10.), die Ökonomenstimme (11.) rechnet genau vor warum moderne Indistriestaaten ein Viertel ihres BIP dafür aufwenden, die Folgen der Ungleichheit zu bewältigen:

  1. Kaufkraft muss mit bürokratischem Aufwand von Reich zu Arm zurücktransferiert werden.
  2. Die Wirtschaft muss unter hohem Werbeaufwand die Kaufkraft der Reichen mobilisieren, um Nachfrage für Bedürfnisse zu schaffen, die es eigentlich nicht gibt.
  3. Die Verwaltung der durch die Ungleichheit kumulierten finanziellen Ansprüche kostet auch.
  4. Die Ungleichheit führt zu schlechter Arbeitsqualität, was u.a. auch die Gesundheitsausgaben erhöht.

Höhere Profite werden noch immer auf Kosten der Arbeitenden realisiert, heißt der Spruch dazu. Aber es funktioniert nicht uneingeschränkt, und irgendwann muss doch mal ein Ende sein?!

Nachtrag 11.7.: Die Hurun Global Rich List 2018 (12., Bild: Hurun Report). Übersetzt bei atheisten-info.at (13.): Das Gesamtvermögen stieg um erstaunliche 31% auf 10, 5 Billionen US-Dollar, was 13,2% des weltweiten BIP entspricht, und fast das Doppelte der 7% des globalen BIP vor sechs Jahren. Rupert Hoogewerf sagte: "Nie war so viel Reichtum in den Händen von so wenigen konzentriert."

hurunlist2018

Medien-Links:

  1. World Inequality Report 2018 (World Inequaltiy Lab): In den letzten Jahrzehnten hat die Einkommensungleichheit in fast allen Ländern zugenommen, jedoch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, was darauf hindeutet, dass der Politik bei der Ausprägung der Ungleichheit eine wichtige Rolle zukommt.
  2. The Rise of Market Power and the Macroeconomic Implications (janeckhout.com 25.10.17): Using micro  data on the accounts of publicly traded firms in the US starting in 1950, we find that markups have been relatively constant between 1950 and 1980 at around 20% above marginal cost. From 1980 onwards, there has been marked change in this pattern with markups steadily rising from 18% to nearly 67% in 2014, a three and a half fold increase (die Waren werden mit 20% … 67% über den Kosten angeboten – markup = Preisaufschlag).
  3. For The First Time Ever, The "1%" Own More Than Half The World's Wealth: The Stunning Chart (Zero Hedge 14.11.17): According to our latest estimates, the top one percent own 50.1 percent of all household wealth in the world.”
  4.  Verteilungsgerechtigkeit (Der Freitag 12.11.15): Ein Plädoyer Wie entwickelt sich die Wohlstandsverteilung in Deutschland und welche Alternativen gibt es, auch unter Berücksichtigung des ökonomischen Anreizsystems?  
  5. Vergleich in der Euro-Zone Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland am größten (Spiegel Online 26.2.14): Manche haben Millionen, andere nur Schulden: Laut einer DIW-Studie sind die Vermögen in keinem Euro-Land so ungleich verteilt wie in Deutschland. Der durchschnittliche Besitz von Arbeitslosen hat sich seit 2002 fast halbiert.
  6. Vermögen in den USA, Ideal und Wirklichkeit (brilliante Visualisierung) (YouTube 20.1.14): Harvard fragte 5000 Amerikaner, wie sie die Ungleicheit in den USA einschätzen, und stellt dagegen die Realität.
  7. Neoliberal war einmal (Süddeutsche Zeitung 10.4.17): Immer mehr internationale Organisationen wie der IWF sorgen sich um die Ungleichheit. Eine Lösung: höhere Steuern für Reiche.
  8. Gestohlene Zukunft (junge Welt 9.7.):  In den entwickelten kapitalistischen Ländern des Westens wächst die Jugendarmut – die Folgen sind katastrophal (Vorabdruck aus dem Sammelband »Eine Welt zu gewinnen«, der bald im Kölner Papyrossa-Verlag erscheint).
  9. Armes Deutschland – Ungleichheit – Die Politik orientiert sich an den Interessen der Reichen – und ignoriert die Armut (Der Freitag 9.8.16): Immer reicher werden die Reichen und die Armen immer zahlreicher. Trotzdem hört man von den etablierten Parteien und regierenden Politikern nicht mehr als Lippenbekenntnisse im Kampf gegen die Armut. Warum beschäftigt sich die Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland, handle es sich nun um Parteien, Massenmedien oder Wissenschaftler, kaum mit der Zerklüftung unserer Gesellschaft?
  10. Zunehmende Ungleichheit verringert langfristig Wachstum – Analyse für Deutschland im Rahmen eines makroökonomischen Strukturmodells (Friedlich Ebert Stiftung 2017): In der langen Frist dominiert er (der Humankapitalkanal) die Gesamtwirkung, so dass nach 25 Jahren das reale Bruttoinlandsprodukt deutlich – um etwa 50 Milliarden Euro – unter seinem Vergleichswert in einem Szenario ohne Anstieg der Ungleichheit liegt.
  11. Die wahren Kosten der Ungleichheit (Ökonomenstimme 12.1.): Moderne Industriestaaten müssen mindestens einen Viertel ihres BIP allein dafür aufwenden, die Folgen der wachsenden Ungleichheit zu bewältigen, wie dieser Beitrag zeigt.
  12. Hurun Global Rich List 2018 (Hurun Report).
  13. Top 100 – Hurun Global Rich List 2018 (atheisten-info.at 11.7.).

Links von wb dazu:




Ungleichheit: $ wiegt mehr als §


justice-147214__480Die Macht des Geldes wiegt schwerer als Recht und Gesetz – das Thema ist nicht ganz neu, aber es wird mit neuen Daten aktualisiert (Bild: OpenClipArt-Vectors, pixabay). Ein neuer Bericht zur weltweiten Ungleichheit 2018 liefert Belege. Autoren sind Facundo Alvaredo, Lucas Chancel, Emmanuel Saez, Gabriel Zucman und Thomas Piketty an der Paris School of Economics und der University of California at Berkeley (World Wealth & Income Database).

Die Datenbank zeigt die mehr als 100 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus allen Kontinenten, welche zu der Arbeit beitrugen. Die im Bericht vorgelegten Datenreihen kombinieren diverse Datenquellen: nationale Einkommens-  und Vermögensberichte, Erhebungen  zu  Einkommen und Vermögen, fiskalische Daten aus Steuern und Vermögen, Daten zu Erbschaften und Vermögen und Vermögensranglisten. Kurzgefasst die Ergebnisse der Untersuchung:

Die Einkommensungleichheit variiert erheblich zwischen den Weltregionen. Am niedrigsten ist sie in Europa, am höchsten im nahen Osten (Grafiken: Bericht zur weltweiten Ungleichheit 2018).

widdaten1In den letzten Jahrzehnten hat die Einkommensungleichheit in fast allen Ländern zugenommen, jedoch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, was darauf hindeutet, dass der Politik bei der Ausprägung der Ungleichheit eine wichtige Rolle zukommt (auf diesen Hinweis wird Wert gelegt: Man kann was dagegen tun).

widdaten3Auf globaler Ebene ist die Ungleichheit trotz des hohen Wachstums in China seit 1980 stark angestiegen (in den USA hat das obere 1% die unteren 50% weit abgehängt, in Westeuropa geht es erst los, und weltweit verlaufen beide Kurven etwa parallel, wobei das obere 1% über 20% des Einkommens hat, während für die unteren 50% weniger als 10% übrigbleiben).

widdaten5Besonders interessant ist die Aufteilung vom Einkommenszuwachs nach Perzentilen ("Elefantenkurve"): Die unteren 45% (Schwellenländer) haben aufgeholt, die nächsten 45% (USA, Westeuropa) sind abgehängt, und die oberen 10% gewinnen, vor allem das obere 1% und erst recht die oberen 0,001%. Wenn die Kurve maßstäblich wäre, gäbe es nur einen ganz steilen Abschnitt am rechten Rand.

widdaten4Hauptursache der ökonomischen Ungleichheit ist die ungleiche Verteilung von Kapital, das sich entweder in privater oder in öffentlicher Hand befinden kann. Wir zeigen, dass seit 1980 in fast allen Ländern – reiche Industrieländer genauso wie Schwellenländer – riesige Mengen an öffentlichem Vermögen in private Hände transferiert wurden. Während das Volksvermögen also stark gestiegen ist, liegt das öffentliche Vermögen in den reichen Ländern heute nahe Null oder im negativen Bereich. Dadurch verringert sich der Spielraum der Regierungen, der Ungleichheit entgegenzuwirken; in jedem Fall hat es wichtige Implikationen im Hinblick auf die Vermögensungleichheit zwischen Individuen.

widdaten7Die Kombination aus umfangreicher Privatisierung und wachsender Einkommensungleichheit innerhalb der Länder hat den Anstieg von Vermögensungleichheit unter Individuen verstärkt. In Russland und den USA gab es einen extremen Anstieg der Vermögensungleichheit; in Europa hingegen verlief er gemäßigter. Noch hat die Vermögensungleichheit in den reichen Ländern allerdings nicht wieder das extrem hohe Niveau des frühen 20. Jahrhunderts erreicht (Die Kurve zeigt sehr schön die Auswirkungen der Deregulierung nach 1970).

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Wir prognostizieren Einkommens- und Vermögensungleichheit bis 2050 mithilfe verschiedener Szenarien. In einer Zukunft, die von „business as usual“ geprägt ist, wird die weltweite Ungleichheit weiter wachsen. Folgen dagegen alle Länder dem moderaten Ungleichheitsverlauf, wie er in den letzten Jahrzehnten für Europa typisch war, kann die globale Einkommensungleichheit verringert werden – in diesem Fall kann es auch substanzielle Fortschritte bei der Beseitigung der weltweiten Armut geben.

  • Bei einem Business-as-usual-Szenario wird die globale Mittelschicht zusammengedrückt.
  • Die globale Einkommensungleichheit wird auch in einem Business-as-usual-Szenario zunehmen, selbst bei optimistischen Annahmen zum Wachstum in den Schwellenländern. Dies ist jedoch nicht unausweichlich.
  • Steuerprogression ist ein bewährtes Instrument zur Bekämpfung der zunehmenden Einkommens- und Vermögensungleichheit an der Spitze.
  • Ein globales Finanzregister, in dem die Eigentümer von Vermögenswerten erfasst sind, würde Steuerflucht, Geldwäsche und steigender Ungleichheit einen schweren Schlag versetzen.

Der weltweiten Einkommens- und Vermögensungleichheit etwas entgegenzusetzen erfordert wichtige Änderungen in der nationalen und globalen Steuerpolitik. Bildungspolitik, Unternehmensführung und Lohnpolitik müssen in vielen Ländern neu bewertet werden. Datentransparenz ist ebenfalls von zentraler Bedeutung.

widdaten9Die Verbesserung des gleichen Zugangs zu Bildung und gut bezahlter Beschäftigung (*) ist von zentraler Bedeutung zur Beschleunigung des stagnierenden oder schleppenden Wachstums beim Einkommen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung.

widdaten0Regierungen müssen in die Zukunft investieren, um das gegenwärtige Ausmaß an Einkommens- und Vermögensungleichheit zu korrigieren und eine weitere Zunahme zu verhindern. Der demokratische Zugang zu Bildung kann viel erreichen, aber ohne Mechanismen, die sicherstellen, dass Menschen am unteren Ende der Einkommensverteilung auch Zugang zu gut bezahlter Arbeit haben (*), wird Bildung allein sich als unzureichend zur Bekämpfung der Ungleichheit erweisen.

 

Anmerkung wissenbloggt: Einkommen und Vermögen sind nur die eine Seite, auf der anderen Seite steht die Vermögenspreisinflation, welche die Mieten hochtreibt (so dass immer weniger zum Leben übrigbleibt). Und natürlich die Staatsschulden, die in den letzten Jahren in Westeuropa und den USA enorm gestiegen sind. Für jeden Staatsbürger hat der Staat inzwischen 30.000 € (Deutschland) oder 60.000 $ (USA) Schulden gemacht. Das sind nur die expliziten Schulden, dazu kommen in gleicher Höhe die impliziten Schulden aus Pensionszusagen usw. (sogar die EU häuft solche "offenen Zahlungsermächtigungen" an). Weitere Belastungen sind die fehlenden Investitionen in die Infrastruktur (so dass deren Wert sinkt) und der Ausverkauf öffentlichen Vermögens (Sozialwohnungen usw.). Speziell Deutschland trägt als weitere Last die Target-2-Kredite an die EZB. (Theoretisch muss Deutschland nur für 27% vom gesamten 1-Billionen-Target-Defizit aufkommen, aber wo sonst wäre was zu holen?) Die Target-Beträge stehen als Forderung in den Büchern, müssen aber de facto abgeschrieben werden – nochmal 10.000 € pro Bundesbürger.

 

Medien-Links:

  1. Bericht zur weltweiten Ungleichheit 2018 (World inequality lab, 2017)
  2. Thomas Piketty: Soziale Ungleichheit weltweit gewachsen (Zeit Online 13.12.): Das Einkommensgefälle zwischen Spitzenverdienern und Mittelschicht hat seit 1980 rasant zugenommen. Eine Studie sieht die zunehmende Privatisierung als Hauptursache (über 400 Kommentare).
  3. Wirtschaft „Bericht zur Ungleichheit“ Das Märchen von der verarmten Mittelschicht (N24 13.12.): Thomas Piketty veröffentlicht seinen „Bericht zur weltweiten Ungleichheit 2018“. Seine Forschung ist hochrelevant für die Politik. Laut N24 offenbaren die Daten für Deutschland Ergebnisse, die selbst den Starökonomen überraschen dürften – N24 liest daraus, die Mittelschicht würde nicht verarmen.
  4. Ökonomie des Hasses (Publico 14.12.): Der neue Welt-Ungleichheitsbericht enthüllt: nirgends sind Einkommen so ungleich verteilt wie im Nahen Osten. Die Agitation gegen Israel dient arabischen Staaten vor allem zum Übertünchen ihrer sozialen Widersprüche. Von Hass ist bei Piketty nicht die Rede, die Site bedient sich seines Artikels, um Hetze zu machen.

Links von wissenbloggt:




Wo kommt die Ungleichheit her?


dollar-regiertAn der Ungleichheit haben sich schon viele die Zähne ausgebissen. Der Umgang damit reicht vom Fälschen und Manipulieren, um das Phänomen wegzulügen (siehe Manipulation der Armutsberichte unten bei den Links) bis hin zu vielerlei Erklärungen. Hier wird eingesammelt, was da so seinen Beitrag leistet.

Natürlich geht es um die soziale Ungleichheit, die den globalen Reichtum bei einigen wenigen konzentriert und die große Menge ärmer macht. Dass vielen Menschen die Teilhabe ganz verwehrt wird, ist ein anderes Thema, das in den wissenbloggt-Berichten zur Migration abgehandelt wird. Hier soll es um die Aufspaltung in Arm und Reich in der Ersten Welt gehen.

Nur ein einziger Punkt behandelt den Reichtum, der verdient wurde. Alles andere ist unverdienter Reichtum, der nahtlos in Kriminalität übergeht.

  • Besondere Befähigung, besondere Leistung: Es gibt geniale Menschen, große Künstler & Könner & Sportler und solche, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und das richtige taten. Das zielt weniger auf Großspekulanten ab, die Glück hatten, sondern auf Erfinder, Unternehmer, Künstler und Sportler, die reüssierten. Allerdings trägt die technische und soziale Infrastruktur auch sehr viel bei, während die Profite immer nur zu denen gehen, die sie einzusammeln verstehen.
  • The winner takes it all und Die Großen reißen alles an sich: Das sind die kapitalistischen Maximen, die dahinter stehen. Der Gewinner kriegt die ganze Beute, und durch die Globalisierung ist es zunehmend die weltweite Beute.
  • Ausbeutung und Roboter-Konkurrenz: Der Streit um den Anteil am Wohlstand ist schon alt. Früher hat die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung einen starken Standpunkt gegenüber den Arbeitgebern erkämpft. Die Gewerkschaften haben aber stark verloren, an Mitgliedern, Macht und Motivation. Die Globalisierung hilft beim Outsourcen, Offshoren und beim Abschieben der verbleibenden Arbeitsbevölkerung ins Prekäre, siehe auch Globalisierter Vertrauensbruch). Dass die Roboter zunehmend Jobs kosten oder zumindest die Bezahlung drücken, wird schön belegt im Gedankenexperiment zur Erklärung der Niedriglöhne.
  • Steuer-Ungerechtigkeit: Die Politik leistet ihren Beitrag durch ungerechte Steuern. Der Anteil der Lohnarbeit am Steueraufkommen wird immer größer, der vom Kapital immer kleiner. Während die Arbeitssteuern von 28% im Jahr 1980 auf 45% im Jahr 2010 stiegen, sanken die Kapitalsteuern von ebenfalls 28% im Jahr 1980 auf 25% im Jahr 2010. Die Arbeitnehmerentgelte lagen 2000 bei 72% vom Volkseinkommen, 2016 nur noch bei 68,7%. (Wahlkampf XIV – die verschwiegenen Skandale I und USA: Die Ungleichheit steigt weiter).
  • Steuerflucht: Seit 30, 40 Jahren gibt es die Steueroasen, ohne dass ernsthafte Maßnahmen dagegen getroffen wurden. Trotz Offshore Leaks (2013), Luxemburg Leaks (2014), Swiss Leaks (2015), Panama Papers (2016), Bahamas Leaks (2016) (siehe auch Holland, England, Schweiz, Singapur, Irland: die größten Steuerflucht-Helfer). Den notleidenden Staatskassen stehen schwerreiche Unternehmen & Unternehmer gegenüber, und die Staaten schaffen es trotzdem nicht, gerechte Steuern einzutreiben. Selbst die Strafverfolgung der Steuerhinterzieher in den Oasen wird fahrlässig vernachlässigt.
  • Justiz- und Politikversagen: Auch die Bankenkriminalität wird nicht adäquat verfolgt. In den USA hat das Finanzministerium immerhin einen 2-stelligen Mrd.-Betrag eingeklagt (meist über Vergleiche). In Deutschland wurden die Staatsanwälte gegen Cum-Ex-Betrug und Mehrwertsteuer-Karusselle erst tätig, nachdem mit jahrelanger Verspätung Gesetzeslücken geschlossen wurden. Gegen die Steuerflucht war nur der nordrhein-westfälische Finanzminister Walter-Borjans aktiv. Der Bundesfinanzminister hängte sich dran, aber nur, bis die SPD-Regierung mit Walter-Borjans abgewählt war. Bezüglich des Bankencrashs hat der Bundesfinanzminister gar keine Anstrengungen unternommen. Stattdessen ist sein Ministerium dafür bekannt, dass es  Anwaltskanzleien damit beauftragt, Gesetzestexte zu entwerfen (Wahl der Lieblingsplünderer).
  • Schattenbereich: 1/3 des Finanzmarkts ist bereits in den Schatten abgetaucht. Dort entzieht er sich der Regulierung und Besteuerung. Beim Derivatehandel, sind es sogar 9/10 (EU-Bastelei an neuen (Schatten-)Bankenprivilegien, Schattenbanken im Visier).
  • Geschenke für "Systemrelevante": Die Politik sprang ein, als die Finanzwelt das Zocken überdrehte und einen Bankencrash hinlegte. Während die USA und GB ihre Finanzwelt mit vorläufigen Übernahmen retteten, schenkten Deutschland und Irland das Rettungsgeld her (Irland-Lob hinterfragt und Punkt 2. bei Euro-Alchimie). Das läuft auf "Sozialismus für Kapitalisten" hinaus und ist eine Umverteilung von unten nach oben. 10 Jahre nach der Bankenkrise ist keine ernsthaft andere Regelung in Sicht. Zwar ließ man in Spanien die große Banco Popular pleitegehen, aber in Italien griff der Staat bei Monte Paschi rettend ein (Neuer Euro-Skandal) – Italien hat nun auch den Sündenfall hingelegt.
  • Exportüberschuss: Übersetzt bedeutet das Konsumverzicht. Die Bevölkerung konsumiert weniger als sie produziert. Konsumiert wird der Überschuss woanders, und die Wirtschaft erwirbt dafür Zahlungszusagen, mit denen die Kassen der Besitzenden gefüllt werden (Export-Überschüsse).
  • Euro: Der Euro ist nicht nur eine Währung. Dahinter steckt ein Umverteilungssystem, das viel Geld in der Eurozone herumschiebt, und zwar von Deutschland weg. Die Griechenland-Rettungsgelder gingen an die Banken, also Geld der Euroland-Allgemeinheit an die Reichen. Die Reichen in den Euro-Südländern entsolidarisieren sich über Kapitalflucht vor allem nach Deutschland, und durch das Target-System muss sich die deutsche Allgemeinheit zwangsweise solidarisieren (im Prinzip durch Konsumverzicht). Das aktuelle Target-Saldo von 880 Mrd. bedeutet, um diese 880 Mrd. haben die Deutschen weniger importiert und konsumiert als produziert und exportiert.
  • Finanzsystem: Seit der Deregulierung sind die Börsen zu Zockerbuden geworden, wo die Umsätze der Realwirtschaft nur noch einen geringen Teil vom Gesamtumsatz ausmachen (Reload 1970). Die meisten Derivate dienen nur noch dem Zocken. Mit CDS (Ausfallversicherungen) kann man Wetten auf den Ausfall von Unternehmens- und Staatskrediten abschließen, auch wenn man gar keine Kredite hält. Damit haben Hedgefonds gegen die Eurozone spekuliert und Banken sogar auf die Pleite ihrer eigenen Kunden – und an der Pleite mehr verdient als am regulären Geschäft. Manche Banken haben sogar auf den Bankencrash gewettet und schwer dran profitiert (Goldman Sachs: Spiel mit dem Untergang). An den Rohstoffbörsen wird jeder Sack Zucker oder Kaffee im Schnitt 75-mal verkauft, bevor er in den Handel kommt. Logischerweise gehen die Profite der Zocker zu Lasten der Verbraucher (Arbeitsprofite für alle).
  • Flash Crash: Hedgefonds und Großbanken können große Aktienpakete leihen und auf den Markt werfen (Leerverkauf), um den Kurs der betreffenden Aktien absichtlich einbrechen zu lassen. Der Kurs geht blitzschnell runter, auch wenn kein sachlicher Grund dafür vorliegt. Bei allen Kleinanlegern mit "Stop-Loss-Orders" setzt bei einem bestimmten Kursverlust (meist 5%) ein automatischer Verkauf ein, was eine zusätzliche Verkaufswelle auslöst und den Kurs weiter runter treibt. Und dann kaufen die Leerverkäufer die Aktien für einige Prozent weniger zurück, als sie dafür gezahlt hatten. Einen zusätzlichen Reibach können sie machen, indem sie nun auf steigende Kurse setzen („Flash-Crash“ an den Börsen). Besonders perfid ist es, wenn sie den Leuten zuvor noch empfehlen in diese Aktien einzusteigen, während sie schon die Leerverkäufe vorbereiten.
  • Hochfrequenzhandel: Das blitzschnelle Kaufen und Stornieren der Kaufaufträge ist eine Pervertierung der Anlageidee. Im Grunde ist es legalisierter Insiderhandel. Auf diese Art produzieren die Flash Boys quasi Insiderinformationen, was man mit Insiderhandel 2.0 tituliert hat. Es wirkt wie eine Steuer, aber verkehrtrum, von der Allgemeinheit zu den Abzockern.
  • Geldschwemme: Die Geldschwemmenpolitik der EZB bewirkt steigende Ungleichheit durch Bevorzugung des Finanzsektors und der Großkonzerne (Politik der Niedrigzinsen – Kollateralschäden bis zum Crash).
  • Sparzins Null, Miete hoch: Damit wurden auch die Sparzinsen gegen null gefahren. Zugleich hat die Geldschwemme eine Vermögenspreisinflation in Gang gesetzt, von der die Mieten in den Ballungsgebieten hochgetrieben werden. Immobilienbesitzer profitieren, Mieter zahlen drauf. Früher wurde der Bodenpreis durch Amigogeschäfte hochgetrieben, und nun sorgt der Ausverkauf der Sozialwohnungen für den Lohnraub über die Mieten (Versteckte Inflation).
  • Erbschaftssteuer negativ: Die deutsche Erbschaftssteuer ist trotz der jüngsten Refom eine Erbensubvention (Beim Staat gibt’s viel zu erben). Reiche Erben werden um 2,5 Mrd. pro Jahr höher subenvioniert als sie Erbschaftssteuer zahlen. Auch dürfte geringe Kinderzahl zur Vermögenskonzentration beitragen, weil sich das Vermögen nicht mehr auf viele Nachkommen verstreut.
  • Gemeindebetrug und PPP: JP Morgan, die Deutsche Bank u.a. drehten vielen Stadtkämmerern undurchsichtige "Zins-Swaps" fürs Schuldenmanagement an, also Zins- und Steuer-Tricksereien, die dann teuer wurden. PPP sind Public-private-Partnership bzw. öffentlich-private Partnerschaft (ÖPP), die der Theorie folgen, privat managt besser als der Staat. Meistens ist es aber bloß Profitgenerierung auf Kosten der Allgemeinheit, wie das Beispiel vom Autobahn-Ausverkauf zeigt (Wahlkampf XVIII – die verschwiegenen Skandale III).
  • Insidergeschäfte: Die Widerborstigkeit beim Rücktritt vom Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter enthält deutliche Hinweise darauf, dass Insidergeschäfte in diesen Kreisen gar nicht als Straftat wahrgenommen werden. Dabei ist diese Bereicherungsmethode klar gegen die Allgemeinheit gerichtet.
  • Boni: Die Leute mit Zugriff greifen immer tiefer in die Kassen; viele von den Prämien gehen nahtlos in Diebstahl über. Vielfach sind die Boni nur noch zur Selbstbedienung der Manager da. Was da passiert, ist schlicht plündern (Deutsche Bank: das Plündern geht weiter).
  • Bankenkriminalität: Stichworte Steuerhinterziehung, AAA-subprimes, Libor- und Tibor Manipulation, Isdafix-Manipulationen, Devisenkurs-Manipulationen, Goldpreisfixing, Cum-Ex-Betrug, Karussellbetrug  mit zyklischen Umsatzssteuer-Erstattungs-Geschäften, Betrügereien beim Emissionshandel (Strafen für die Banken II und Die Banken sind uns teuer) – die Betrügereien und Durchstechereien bringen viel Geld in die Kasse der Privilegierten; die Banken werden aber nur in Grenzen zur Wiedergutmachung herangezogen.

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Ein wichtiger Punkt sind auch die Fehlinformationen bzw. Desinformationen, mit denen Politik und Medien die Bevölkerung ruhighalten (Ärgernis staatliche Lügenzahlen). Die Armutszahlen werden verniedlicht (5. Armutsbericht gefaked), die Zahl der Jobs wird zum Beschäftigungswunder hochgepusht (obwohl viele unterbezahlt sind und nur mit Aufstocken funktionieren), die Arbeitslosenzahlen werden runtermanipuliert (Arbeitslosenzahlen gefaked), die Kosten der neuen deutschen Einreisewelle werden versteckt, die Griechenland-Pleite wird weggelogen, die Quasi-Pleite von Italien dito.

Verborgen bleiben im Gegenzug die wachsenden versteckten Schulden, der Ausverkauf des Staatsvermögens, der Infrastrukturverfall, die enormen Kreditrisiken, die Subventionierung der Reichen auf Kosten der Allgemeinheit (Bankenrettung, Griechenlandrettung, Target 2, EZB-Kauf von Firmenanleihen, Börsenmissbrauch, Erbschaftssteuer). Die Reichen vereinnahmen die gesamten Wohlstandsgewinne, und die Durchschnittsdeutschen verlieren unterm Strich (incl. Schulden, Ausverkauf und Infrastrukturverfall). Die Desinformation trägt dazu bei, dass sich die Ungleichheit weiter vergrößern lässt, statt dass endlich was dagegen getan wird.

 

(Ergänzt am 13.2.18)

Links zu Armutsberichten:

Links zur Steuerflucht:

Links zur Bankenkrise:

Links zu unverdientem Reichtum:

Links zu Ungleichheit:

Generelle Links:




Politik der Niedrigzinsen - Kollateralschäden bis zum Crash


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Gerade wird wieder darüber diskutiert, wie es mit der Geldschwemme der EZB weitergeht (Links unten 1. und 2.). Änderungen sind demnach in Aussicht, nur weiß man nicht, was dabei rauskommt. Dieses Themas nimmt sich ein profunder Artikel der Süddeutschen Zeitung an (3., Bild: kalhh, pixabay).

In dem Artikel von dem Leipziger Wirtschaftsprofessor Gunther Schnabl geht es zunächst um die Ungleichheit. Bei der Ursachenforschung werde die Politik der Niedrigzinsen "weitgehend ausgeklammert", obwohl darin das Problem liege. Grund genug, die Sichtweise des Professors eingehend anzuschauen. Was trägt die EZB-Gelschwemme also zur Ungleichheit bei?

Erst einmal wird notiert, dass laut Bundeswirtschaftsministerium für 40% der deutschen Bevölkerung das reale Einkommen niedriger liegt als vor 20 Jahren. Das gesamte Volkseinkommen liegt dagegen auf einem historischen Höchststand. Die zunehmende Vermögenskonzentration bei den Reichen wird dem unregulierten Kapitalismus zugeschrieben, aber auch den niedrigen Löhnen in den aufstrebenden Staaten der Zweiten Welt. Oder den Robotern, welche Arbeitslosigkeit in den alten Industrien schaffen.

Was dabei unbeachtet bleibt, ist die ultralockere Geldpolitik in Japan, den USA und der Eurozone. Der kurzfristige Zins ist durch die enormen Staatsanleihenkäufe von 13% (1980) sukzessive auf 0% gesenkt worden. Das hat die Zentralbankbilanzen enorm aufgeblasen – mit diversen Verteilungseffekten als Kollateralschäden.

Früher (1970) haben Ausweitungen der Geldmenge die Ladenpreise erhöht – mehr Geld bei gleichviel Waren bedeutete höhere Preise. Nun aber bleiben die Konsumentenpreise erstaunlich stabil, während die Vermögenspreise (Aktien, Immobilien) steigen. Das bedeutet, die Reichen werden reicher. Zudem drückt die Geldschwemme die Löhne, indem sie die Investitionsqualität negativ beeinflusst. In der Hochzins-Zeit mussten die Investitionen hohe Renditen bringen, um die Verszinsung zahlen zu können. Wo die Finanzierungskosten nun gegen Null gedrückt werden, können die (Groß-)Unternehmen leichte Gewinne machen und darüber Innovationen und Effizienzsteigerungen vergessen.

Die Geldschwemme garantiert, dass die Unternehmen ihre Kredite seit 2008 "bedingungslos verlängert" kriegen. Die angeschlagenen Banken scheuen Kreditausfälle und sind mit billigen Geldern von den Zentralbanken vollgestopft. Der Autor Schnabl dazu: Zombie-Banken, die am Tropf der Zentralbanken hängen, halten immer mehr Zombie-Unternehmen am Leben.

Wo nun durch die Fehlallozierung des Geldes die Produktivitätsgewinne zurückgehen, entfällt die Grundlage für steigende Löhne und mehr Sozialklimbim. Die Produktivität bestimmt den Wohlstand, zumindest tat sie das in der Nachkriegszeit. Heute gehen die Produktivitätsgewinne gegen Null, und damit auch der Spielraum für allgemeine Lohnerhöhungen. Indem der Mindestlohn Grenzen nach unten zieht, kommt das Lohnniveau der Mittelschicht unter Druck (weil unausgesprochenermaßen die Oberschicht sich zu bedienen weiß).

Der Autor sieht 5 "Verteilungsmuster" als Auswirkungen der lockeren Geldpolitik (Geldschwemme):

  1. Diese Geldpolitik begünstigt den Finanzsektor, weil die neugeschaffene Geldschwemme dort zuerst ankommt. Zuerst ließ das billige Geld das Kreditgeschäft von Südeuropa boomen (bis zur Krise). Auch wenn die Vermögenswerte hochgehen, profitiert der Finanzsektor zuerst. Wenn die Blasen platzen, fangen die Zentralbanken die Banken mit noch mehr billigem Geld auf. Demgegenüber leiden die Unternehmen unter der stagnierenden Kaufkraft aufgrund der stagnierenden Löhne. Nur in der Finanzbranche steigen die Löhne noch stark, in der Industrie kaum noch. Die neuen Reichen kommen aus dem Investmentbanking.
  2. Die Geldschwemme macht die Reichen immer reicher, weil sich bei ihnen die Vermögen konzentrieren, während Mittel- und Unterschicht durch den Nullzins aufs Sparguthaben verlieren.
  3. Auch zwischen den Generationen entsteht Ungleichheit, denn der Lohndruck trifft die Alten weniger als die Jungen. Die Alten haben sichere Verträge, aber für die Jungen wird "abgespeckt". Löhne und Rentenansprüche sinken, die Jugend wird mit Praktikum und Zeitvertrag ins Prekariat getrieben (1/3 der Beschäftigungsverhältnisse ist inzwischen aus diesem Bereich, mit zunehmender Tendenz, wb).
  4. Die Großunternehmen profitieren, weil die EZB ihnen Firmenanleihen abkauft und damit den Aktienwert hochtreibt. Kleinere Unternehmen bleiben außen vor, die müssen sich mit Bankkrediten versorgen. Das bringt inzwischen die kleineren Banken in Not, weil der Niedrigzins die Margen drückt. Neukredite für risikoreiche Unternehmungen werden dadurch eingeschränkt. So können die Großen die Kleinen übernehmen, oft mithilfe der zentralbank-gesponserten Billigkredite. Und mit dieser Konzentration wachsen wiederum die Vergütungen der Bankenbosse.
  5. Die Konzentration wirkt auch noch gegen die regionale Wirtschaft, denn sie holt das Geschäft in die Zentren, wo die Großunternehmen sitzen. Mit der Folge Abwanderung von Arbeitskräften und Schrumpfen der Region.

Schnabl sieht in diesen Effekten viel Schaden, sie "treiben einen Keil in die Gesellschaft". Am besten stellt sich demnach ein älterer, hochbezahlter Spitzenmanager aus einer Investmentbank in London City oder Wall Street. Schlecht sieht es aus für junge Menschen ohne Vermögen bei kleineren Industrieunternehmen. Die geraten zunehmend ins Prekäre, wie man am Beispiel Japan sehen kann. Dort ging die Geldflut 15 Jahre eher los als hier, mit der Wirkung, dass 1980 noch 20% prekär beschäftigt waren und heute 40%. Und das japanische Lohnniveau sinkt seit 20 Jahren. Es ist so schlimm, dass viele schlechtbezahlte junge Japaner den Heiratsmarkt meiden und bei ihren Eltern leben – für sie sind die Ansprüche von potentiellen Partnerinnen unerfüllbar.

Mit dieser Logik wirkt die Lastenverteilung auf die junge Generation dämpfend auf die Geburtenrate. Die Jungen wollen ihren Kindern das bieten, was sie von ihren Eltern gewohnt waren. Mit niedrigen Löhnen, unsicheren Jobs und steigenden Mieten bzw. Hauspreisen geht das nicht mehr. Die Lösung für viele Mittelschicht-Paare heißt, beide arbeiten, und Kinder kriegen sie später, wenn überhaupt dann nur eins oder zwei.

Der Autor nennt das einen Teufelskreis. Über die demografischen Auswirkungen schließt er sich, denn sinkende Geburtsraten bringen die Renten- und Gesundheitssysteme in Probleme. Die Regierungen manipulieren mit immensen Subventionen dagegen an, und das geht nur, indem die Zentralbanken noch mehr Staatsanleihen zum Niedrigzins kaufen, um die Lasten der Staatsschuld bezahlbar zu halten (wb-Links, verschwiegene Skandale II und Italien-Pleite).

Diese ausufernde Problemlage wird laut Schnabl von Notenbanken, Politik und Gesellschaft ignoriert. Als die Zentralbanker konferierten, kam nicht die Rede darauf, und im Bundestagswahlkampf schon gar nicht. Warum der Wähler das duldet? Er versteht's nicht, er will nicht aus der Illusion des "immerwährenden Wohlstands" gerissen werden. Die Unzufriedenheit wächst nur unterschwellig, denn die jungen Menschen merken ja, dass ihnen die wirtschaftliche Perspektive genommen wird. Ältere fühlen sich oft unwohl, weil sinkende Geburtenzahlen durch Immigration ausgeglichen werden und die "Renten unsicher wirken".

Die etablierte Politik hat zwei Strategien gegen das Aufkommen von kritischer Konkurrenz:

  • Die Schuld wird den Märkten unterstellt, obwohl die Geldpolitik den "Anreiz für die Exzesse gibt". Die Globalisierug muss auch als Sündenbock herhalten, obwohl sie die Produktivität erhöht. Der Autor sieht im Aufbau von Handels-, Investitions- und Migrationsschranken die Aushöhlung des Wohlstands (hier folgt wb nicht).
  • Zudem gibt es Wahlgeschenke, Mütterrente, Rente mit 63 usw. Das ist derzeit in Deutschland noch finanzierbar. Wenn aber die Blase platzt, muss die EZB noch mehr Staatsanleihen kaufen, um den Standard zu halten.

Das aber sei ein aussichtsloses und politisch gefährliches Unterfangen. Deshalb sollte man eher heute als morgen den geldpolitischen Exzessen Einhalt gebieten. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.


 

Medien-Links dazu:

  1. How Will The ECB's QE Tapering Impact The Market? Here Are The Possible Scenarios (Zero Hedge 14,.10.). Nach Reuters und Bloomberg will die EZB ihr Geldschwemmen-Programm wohl auf die Hälfte runterfahren, von 60 Mrd. pro Monat auf 30 Mrd. pro Monat, und es dann noch mindestens 9 Monate in Betrieb halten (tapering without tantrum heißt soviel wie Runtergehen ohne dass was kaputtgeht).
  2. ECB Reportedly Considering Slashing QE In Half In January, EURUSD Shrugs (Zero Hedge 12,.10., Has Mario Draghi's 'leak' weapon lost its mojo? Das heißt, Hat Draghis Geldflut-Waffe den Zauber verloren?)
  3. Politik der niedrigen Zinsen – Warum die Löhne nicht steigen (Süddeutsche Zeitung 13.10., mit Zahlsperre, in der Druckversion heißt es Wenn die Geldblase platzt): In Deutschland wächst die Ungleichheit. Bei der Suche nach den Gründen wird die Politik der niedrigen Zinsen weitgehend ausgeklammert. Dabei liegt hier das Problem – und alles kann noch viel schlimmer kommen.
  4. Richter: "The Pricing Of Risk Is Kaput" (Zero Hedge 3,.10.): Die von Draghi betriebene Negativzins-Politik schafft Absurditäten in der Eurozone. Der durchschnittliche Zins für Euro-Junk-Bonds (Firmenanleihen der Eurostaaten) ist auf ein Rekordniveau von 2,3% gesunken. Man zahlt für diese unsicheren Anleihen weniger als für zehnjährige US-Staatsanleihen, die als besonders sicher gelten.

Links von wissenbloggt dazu:

 




USA: Die Ungleichheit steigt weiter


Viele amerikanische Sites hacken auf der Fed herum, weil sie in der Zinspolitik der US-Notenbank den eigentlichen Grund für den Niedergang der amerikanischen Mittelklasse sehen. Die Fed ist also der Übeltäter, weil sie durch ihre Niedrigzins-Politik die Märkte mit Geld überschwemmt und nicht schnell genug die Zinsen erhöht.

So argumentiert auch die krachlederne Site Zero Hedge: Die Fed-Politik des billigen Geldes hat nicht den versprochenen Wirtschaftserfolg gebracht. Das Gegenteil ist eingetroffen, besagt der neue Artikel Fed Stunner: Top 1% Of Americans Are 70% Wealthier Than The Bottom 90% (Zero Hedge 27.9.). Der Artikel bezieht sich auf die im Dreijahresrhythmus erscheinenden Federal Reserve Bulletins, die aktuell im September 2017 herausgegeben wurden. Das Bild ist von Seite 11 aus diesem Bulletin:

fedshares2013-2016

Die Kurven enthalten Sprengstoff. Sie zeigen, wie das obere Prozent immer mehr vom Gesamtvermögen der USA vereinnahmt. Es liegt jetzt bei 38,6%, genausoviel wie die nächsten 9 Prozent haben. Die unteren 90 Prozent besitzen immer weniger, jetzt nur noch 22,8% vom Gesamtvermögen. Wenn man diesen Betrag =100% setzt, liegen die oberen Einkommen bei 170%; daher die Behauptung, das reichste Prozent ist 70% reicher als die unteren 9/10.

Verkauft wird das ganz anders. Die Fed spricht von "Gewinnen auf breiter Basis bei Einkommen und Vermögen seit 2013". Wenn man genau hinschaut, landeten die Zuwächse aber nur bei den oberen 10 Prozent. Die unteren 90 Prozent haben gar nix gewonnen.

Das Bulletin geht in Einzelheiten, die aus europäischer Sicht nicht so interessant sind. Bei Zero Hedge werden sie detailliert abgehandelt, falls jemand das lesen möchte. Es betrifft schließlich das Kernthema der Site, "die Zerstörung der Mittelklasse", vulgo den noch nie dagewesenen Vermögenstransfer der Unter- und Mittelklasse zu den Reichen.

Die Fed, die mit ihren QE-Billionen dazu beiträgt, schreibt in ihrem Bulletin so ganz nebenbei von der zunehmenden Ungleichheit (auf S. 10 über den abgebildeten Kurven). Gemäß verschiedenen Messmethoden stellt sich demnach heraus, dass die Anteile der Reichen historische Gipfel erreicht haben (seit 1989). So viel Geld wie jetzt haben die Reichen noch nie gemacht. Das zeigt das Bild der Einkommensverteilung von Seite 10 des Bulletins:

fedincome2013-2016Seit 2013 stieg der Einkommensanteil vom oberen Prozent von 20,3% auf 23,8%. Damit kassieren sie fast so viel wie die nächsten 9 Prozent mit ihren 26,5%. Deren Anteil blieb über die Jahre stabil. Von den unteren 9/10 kann man das nicht sagen, die hatten schon über 60%, und nun unter 50%, genau 49,7% – so wenig wie nie (zumindest seit 1989).

All das verdankt sich nach Meinung von Zero Hedge der größten Vermögens-Blase, die 3 QEs mit ihren Geldschwemmen zustandebringen konnten. Immerhin ist es die Fed selber, die von der zunehmenden Ungleichheit spricht, wenn auch ohne Erwähnung von ihrer eigenen Mitwirkung daran.

Zero Hedge sucht nicht nach anderen Ursachen, dafür findet die Site ironische Worte: was für einen erstklassigen Job die Fed da abgeliefert hat ("bang up job"), um die größte Vermögensumverteilung der Geschichte zuwegezubringen. Untermalt wird das mit einer Kurve aus dem 2016 SCF Chartbook (Seite 44):

fedchart2016-Seit der letzten Finanzkrise 2007 haben 80 Prozent der US-amerikanischen Familien Vermögen verloren, nur die oberen 20 Prozent nicht. Die oberste Schicht von 90-100 Prozent hat den größten Teil vereinnahmt (710.000 $). Die zweitoberste Schicht von 80-90 Prozent hat moderat dazugewonnen (65.000 $). Alle niedrigeren Schichten haben verloren (60-80 Prozent: -61.000 $, 40-60 Prozent: -37.000 $, 20-40 Prozent: -27.000 $, 0-20 Prozent: -32.000 $ – die Zahlen stammen aus einer anderen Fed-Statistik).

Deshalb ist Amerika böse, sagt Zero Hedge und unterstellt der Fed gleich dazu, dass sie sich über die zunehmende Links-Rechts-Spaltung freut, die aus der Ungleichheit erwächst. Nämlich aus dem Grund, dass hinter all dem Links-Rechts der eigentliche Übeltäter Fed verschwindet.

Weil die EZB bei uns noch mehr QE treibt, gibt das immerhin zu denken.

 

Ähnliche Ergebnisse bringen:

  • Allianz Global Wealth Report 2017 (Allianz 26.9.): Dennoch bleiben die Vereinigten Staaten eines der Länder mit einer sehr ungleichen Verteilung. Dies zeigt auch der direkte Vergleich zwischen Median- und durchschnittlichem Netto-Geldvermögen pro Kopf: In der globalen Rangliste der reichsten Länder nach Median-Werten ständen die USA nicht auf Platz 1 – wie im Ranking nach Durchschnittswerten –, sondern auf Platz 13.
  • Global Wealth 2017 – Transforming the Client Experience (Boston Consulting Group 6/17):  The Share of Wealth Held by Millionaire Households Will Continue to Increase (auch wenn es nicht überall gleich verläuft).

Links dazu:

 




Rezension „Weapons of Math Destruction“ von Cathy O'Neil


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Die Autorin bloggt unter mathbabe.org – sie ist Mathematikerin und data scientist mit einem Ph.D. (Dr.) von Harvard. Das bringt ihr hohe scores bei der Bewertung, wenn's um einen Job geht. Genau das ist ihr Thema, die scores, die den Menschen von den Maschinen verpasst werden.

O'Neil hat ein bemerkenswertes, wichtiges und gutes Buch geschrieben, das sogar gut geschrieben ist. Nachdem das vorweggenommen ist, darf auch ein Hauch Kritik sein:

Der Titel ist zwar witzig, aber er trifft nicht so recht. "Weapons of math destruction" ist von den "weapons of mass destruction" abgeleitet, den Massenvernichtungswaffen. Schwer zu übersetzen. "Waffen der Mathematik-Zerstörung" ist falsch, aber "Waffen der mathematischen Zerstörung" ist auch nicht richtig. Es geht nämlich um Computerprogramme, die Daten analysieren und scores herausfiltern. Dabei kann Mathematik im Spiel sein, muss es aber nicht. Die vielfach im Buch verwendete Abkürzung WMD überzeugt nicht. Schade dass kein einprägsameres Wort gefunden wurde – das Thema ist wichtig.

Damit hat sich's mit dem Herumkritteln, ab jetzt wird nur noch informiert und gelobt. Das Buch verläuft analog zu einem virtuellen Leben, es befasst sich mit der Schule, dem College, dem Knast, dem Arbeitsplatz und sogar den Wahlen. Überall deckt die Autorin das zerstörerische Wirken von WMDs auf. Eigentlich sind diese Computermodelle dafür gemacht worden, Effizienz und Fairness zu bringen. Sie sind deshalb überall präsent, auch wo man es nicht annehmen möchte – und sie wirken oft zerstörerisch.

Es ist das Verdienst der Autorin, diese zerstörerischen Wirkungen auf den Punkt genau zu beschreiben. Meistens weiß man gar nicht, dass diese Algorithmen im Einsatz sind, aber sie laufen ständig ab und schaffen Probleme. Aus der Sicht der Hersteller sind sie allerdings ein gutes Geschäft, weil Firmen sie landauf, landab kaufen und einsetzen. Aus der Sicht der Anwender sind sie auch prima, weil sie ihnen aufwendige persönliche Bewertungen abnehmen:

  • ob ein Schullehrer gut unterrichtet – das wird automatisch am Notenerfolg seiner Schüler gemessen
  • ob ein College oder eine Uni gut ist – das wird mit einem komplizierten Ranking beurteilt, in das Unmengen von Daten einfließen
  • ob jemand einen Kredit bekommt – das wird aus seinen statistischen Daten berechnet
  • wo eine Versicherung abgeschlossen wird – erst ist ein immer tiefer schürfender Datencheck fällig
  • wo die Polizei Menschen aufgreift und überprüft – dazu geben computermäßig erstellte Delikt-Häufungen die Grundlage
  • wer einen qualifizierten Job sucht – der wird auch gescannt und nach allen Regeln der Kunst durchleuchtet
  • sogar die Wahl-Spender werden computermäßig angegangen – ihre Ansprache erfolgt aufgrund von Daten-Checkerei

Das hört sich erstmal unproblematisch an, bis O'Neil auf die Probleme hinweist. Die Ansprache ist nämlich jetzt computergeneriert auf das Zielobjekt hin fokussiert und optimiert. Wer nicht für Wahlen spendet, bleibt unbehelligt. Wer gleich sein Maximum gibt, auch. Aber der Computer erkennt immer besser, bei wem noch was zu holen ist, und der wird dann entsprechend gebauchpinselt.

Im Fall der payday loans (Schnellkredite) geht solches Verhalten ins Kriminelle über. Es sind ja meist Bedürftige, die dringend auf einen Kredit angewiesen sind. Sobald die sich auf einer Homepage von loan sharks (Kreditwucherern) melden, läuft die Computeranalyse los. Die bringt heraus, wie dringend der Betroffene das Geld braucht, und je ärmer er ist und je nötiger er das Geld braucht, desto teurer machen sie es für ihn. Und es werden unglaublich hohe Zinsen verlangt und gezahlt.

Da entstehen böse Rückkopplungen. Leute aus armen Umgebungen werden schon mal schlechter gerated, d.h. für sie sind Kredite teurer. So ist es auch für welche, die einen schlechten Record beim Zurückzahlen haben, für die wird es noch teurer. Je teurer es ist, desto eher geraten die Leute in neue Kalamitäten, und das verschlechtert ihr Rating dann noch mehr.

Dafür wird sogar per microtargeting aktiv geworben. Wer als möglicher Bedürftiger herausgefiltert wird, bekommt predatory ads (räuberische Werbeanzeigen) auf seinem Bildschirm zu sehen. Die Anzeigen sind speziell auf die Person zugeschnitten, um sie auf die Seiten der Geldverleiher zu locken.

Mehr noch, ein großer Teil des Bildungswesens hängt daran, nämlich die for-profit schools (kommerzielle Schulen und Ausbildungsstätten, auch "diploma mills"). Die locken Millionen Arme mit dem Argument, bessere Bildung bedeutet Aufstieg. So wird ihnen eine oft wertlose Ausbildung angedreht, die vor allem teuer ist. Die Ausbilder sind bestens informiert, wieviel sie abzocken können (bis zum "pain point"). Das entnehmen ihre Computer den Datenbergen.

Wer bessergestellt ist, zahlt weniger Versicherung. Sein Umfeld bringt ihm gute scores, und das senkt die Prämien. Umgekehrt ist es bei den Ärmeren. Je schlechter ihre Randbedingungen sind, desto teurer wird's für sie. Für die Bedürftigen gehen die Prämien ins Uferlose. Genauso ist es bei den Ignoranten, die nicht vergleichen. Die werden computermäßig erkannt und mit besonders hohen Gebühren belastet.

Bei Krankenversicherungen zählt jetzt der health score, die Gesundheitsbewertung. Da greift die Verordnung von Fitnessprogrammen und -trackern um sich, die den Leuten mit immer mehr Druck auferlegt werden. Ansonsten werden Strafzahlungen fällig, oder die Firma lehnt es ab, die Leute zu versichern.

Wenn's um Autoversicherungen geht, haben sie keine Wahl. In den USA brauchen sie das Auto, um zum Arbeitsplatz zu kommen, der dann oft prekär ist. D.h. schlecht bezahlt, aber dafür mit unregelmäßigen Arbeitszeiten. Wie der Arbeitgeber es eben benötigt. Auch diese Arbeitsplanung nach aktuellem Bedarf kommt aus dem Computer.

Hier wird eine ein unrühmliche Spitzenleistung des Kapitalismus' entblättert, von der viele Nichtbetroffene kaum etwas ahnen. Doch auch in Deutschland gibt es schon diese prekären Arbeitsplätze, wo die Jobber antanzen müssen, wenn der Arbeitgeber sie ruft. Auch hier machen sich Planungs- und Optimierungsprogramme breit, und die Leute werden mit perfider Finesse und Computerunterstützung abgezogen.

Für die Loser bedeutet es, sie werden aus guten Jobs rausgehalten und mangels score gar nicht erst zur Vorstellung gebeten. Sie verdienen weniger, sie zahlen bei Versicherungen und Krediten drauf. In ihrer Wohngegend kontrolliert die Polizei am meisten – und erwischt dann auch mehr Leute bei (oft geringfügigen) Verstößen. Das bringt wiederum mehr Punkte auf den Bildschirm und folglich noch mehr Kontrollen dort: eine Endlosspirale.

Umgekehrt erscheint die Kriminalität der Bessergestellten gar nicht auf dem Bildschirm, denn Betrug und Korruption entziehen sich der polizeilichen Erfassung (finance is underpoliced). Dabei ist der Gebrauch der WMDs selbst oft kriminell. Es geht nur ums Abkassieren. Ob die Abgezockten die Dienstleistung wirklich brauchen, die ihnen aufgenötigt wird, interessiert die Manager nicht. Ob jemand in eine falsche Bewertungsgruppe gerät (behavioral bucket), ist ihnen auch egal. Da herrscht der Raubtierkapitalismus. Und man kann sich nicht dagegen wehren (no bargaining power).

Was die Autorin als Gegenmittel vorschlägt, nimmt nur ein paar Seiten ein, gegenüber der langen und detailreichen Aufzählung von Sündern und Sünden. Die Modelle können evaluiert werden, also Rückkopplungen haben, inwieweit sie zutreffend sind. So etwas geht, das gibt es im amerikanischen Sportgeschehen, wo alles und jedes computermäßig erfasst wird. Die Modelle könnten auch nach moralischen Maßstäben angelegt werden, statt allein auf Profitmaximierung (the biggest bang for their buck). Man könnte den Menschen die Verfügungsgewalt über ihre Daten zusprechen und Alarm geben, wenn die Daten ihre scores vermasseln, so dass sie's überprüfen können.

Aber wie oft am Tag soll das sein? In den USA sind schon einige Zugriffe verboten (Konto-Daten, "Redlining" bei Wohngebieten). Das reicht offensichtlich nicht, um den Missbrauch einzudämmen. Weitere Vorschläge: Man könnte audits abhalten, ehe Programme eingeführt werden, man könnte ethische Regeln für die Programme vorschreiben.

Mathematical models should be our tools, not our masters.

Mathematische Modelle (gemeint Computerprogramme) sollten unsere Werkzeuge sein, nicht unsere Herren. Das ist allerdings blauäugig angesichts des Vordringens der Künstlichen Intelligenz. Da gibt es keine Programme mehr, wo alles fixiert ist, sondern da wird auf nicht nachvollziehbare Weise entschieden. Ein Benutzer tut sich schwer, wenn er da Moral reinzwingen will.

Eine Anmerkung am Rande: Bei O'Neil hätte dieser Satz gelautet, "wenn sie da Moral reinzwingen will." O'Neil nimmt immer das weibliche Pronomen, wo das Geschlecht undefiniert ist, wie bei user (Benutzer). Außer wenn vom banker die Rede ist wie auf S. 145 – das ist ein Er. Bei aller correctness unterläuft ihr auf S. 177 ein kleiner Lapsus, wo sie speziell von schwarzen Frauen redet, die oft einen hohen BMI haben (fett sind).

Das ist aber keine Kritik, sondern ein Hinweis darauf, dass auch im besten Text nicht alles perfekt sein kann. Ein besonderes Lob gibt's für die Insider-Beschreibung vom Bankencrash 2008 im 2. Abschnitt Shell Shocked. Da hat die Autorin bei einem Wall-Street-Hedge-Fond gearbeitet und dumb money (Trottel-Geld) eingesammelt. O'Neil beschreibt, wie das mutual back-scratching and pocket-filling (gemeinsames Rückenkratzen und Taschenfüllen) in einem Betrug von nie dagewesenem Ausmaß endete, der auch die selbsternannten Superschlauen in den Hedge-Fonds viel Geld kostete.

Das Buch deckt einen wichtigen Beitrag zur finanziellen Ungleichheit auf. Die Autorin nennt es micromanagement, was die fehlgeleiteten Computeralgorithmen weitgehend unbeachtet tun. Dessen Beschreibung erlaubt einen tiefen Einblick in die dark side of Big Data. Das Fazit könnte sein: Die Gewinner sind die Bescheißer, die Verlierer die Beschissenen (wb frei nach the winners in our system vs. the people their models prey upon). Hoffentlich gibt es das Buch bald auf deutsch.

 

Wilfried Müller

WEAPONS OF MATH DESTRUCTION by Cathy O’Neil, How Big Data Increases Inequality and Threatens Democracy, Crown

Weitere Links dazu:

 




Aktuelle Kapitalismuskritik


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Darum werden … die Rechtspopulisten stärker: Weil es keine Linke mehr gibt, die sich um zentrale gesellschaftliche Probleme … kümmert, schreibt atheisten-info.at. In dem kritischen Text darf man die "Sozialdemokratische Partei Österreichs" SPÖ in SPD übersetzen und die rechtspopulistische "Freiheitliche Partei Österreichs" FPÖ in AfD. Weiter schreibt atheisten-info.at: Wir würden das wieder brauchen, was es seinerzeit gegeben hat. Parteien, die im Bereich der arbeitenden Klasse tatsächlich kämpferisch tätig sind. So isses (Bild: Clker-Free-Vector-Images, pixabay)

Anmerkungen zu den neuen schlechten Zeiten

Die Neugestaltung der Produktionsverhältnisse nach dem Endsieg des Kapitalismus brachte den globalen Neoliberalismus hervor, der grenzenlos und unkontrolliert den Weltkonzernen und der Finanzindustrie unter der politisch-militärischen USA-Führung die Möglichkeit gab, die Profitmaximierung als einziges Ziel zu institutionalisieren. Die politische Linke hat es defakto kampflos aufgeben, gesellschaftspolitisch für die Interesse der arbeitenden Klasse in Erscheinung zu treten.

Der Kommunismus ging wegen des in den Staaten des realexistierenden Sozialismus komplett fehlenden Marktsystems in Konkurs. Dort hatte man sich praktisch nur darum gekümmert, dass die elementaren Bedürfnisse kostengünstig gesichert wurden: Nahrung, Wohnung, Bildung, Gesundheit. Es war weder gelungen, haltbare sozialistische Gemeinschaften zu formen, noch eine gesellschaftliche und materielle Weiterentwicklung über den Grundbedürfnissen liegenden menschlichen Bereichen zu ermöglichen. All die Elemente, die heutzutage zum Alltagsleben gehören, wurden nicht im Realsozialismus entwickelt, sondern waren Folgen der kapitalistischen Marktwirtschaft, man braucht nur an all die heutigen digitalen Dinge zu denken. Eine Planwirtschaft konnte solche Entwicklungen nicht schaffen, weil dort wurden tendenziell nur Grundbedürfnisse verwaltet, wenn alle genug zu essen, ein Dach über den Kopf, einen Schulabschluss und gesundheitliche Betreuung hatten, dann war man im Sozialismus und es gab nix mehr, das als Bedürfnis wahrgenommen wurde.

Der seinerzeit 'soziale Marktwirtschaft' genannte Kapitalismus fand und schuf neue Massenbedürfnisse, nach dem Endsieg wurde sofort aus der 'sozialen Marktwirtschaft' eine prinzipielle Marktwirtschaft, sie richtet sich nunmehr ausschließlich an der Profitmaximierung aus, alles was in der Produktion menschliche Arbeitskosten erforderte, wurde möglichst in Niedriglohnländer ausgelagert, im kapitalistischen Stammbereich verblieben die nicht auslagerbaren Dienstleistungen, die jetzt rund Dreiviertel der Wirtschaft umfassen.

Die heutige politische Linke hat im Laufe der Zeit die Art ihrer Schwerpunktsetzung dorthin verlagert, wo sie sich speziell im Gefolge der 68er-Zeit, nach dem Zusammenbruch der revolutionistischen 'Neuen Linken', hingewandt hatte: in die Dritte Welt, weil dort waren die Klassenwidersprüche deutlicher, dramatischer und die politische Freiheit war gering bis gar nicht vorhanden, die Klassenunterschiede waren dramatischer. Dieses absorbierte Sein der Dritten Welt veränderte bei den linken Aktivisten das Lebensbewusstsein und die linken Traditionen: Statt um die Positionen der Arbeiterbewegung, also den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, ging es nun um die Obsorge für Mühselige, Beladene, Elende.

Aber dieses Art linken Engagements lag dann nicht nur in der Dritten, sondern auch in der Ersten Welt: Sarkastisch-polemisch gesagt wurden abgeschrägte Gehsteigkanten für Rollstuhlfahrer und Obdachlosenzeitungen nun weitaus wichtiger als der Widerstand gegen den neoliberalen Klassenkampf der herrschenden Klasse gegen die arbeitende Bevölkerung. Der Westen ist eine böse Ausbeutungsgesellschaft, in der die Superreichen immer superreicher und mächtiger werden, aber keiner ist konkret dagegen. Weil der Kampf für Ampelmännchen, Ampelweibchen, Binnen-Is und Willkommenskultur ist viel wichtiger, weil das hebt das Selbstbewusstsein von scheinlinken Bildungsbürgern…

Darum werden auch die Rechtspopulisten stärker: Weil es keine Linke mehr gibt, die sich um zentrale gesellschaftliche Probleme und die dadurch praktisch schon naturwüchsig produzierten Verschlechterungen für die breite Masse der Bevölkerung kümmert, sondern eben nur um am gesellschaftlichen Rand liegende Bereiche.

Die FPÖ weiß nicht einmal, warum sie bei Wahlen so gut abschneidet, das sieht man auch daran, wo sie Schwerpunkte setzt und was sie gar nicht wahrnimmt. Die FPÖ tut für die arbeitende Klasse auch nicht mehr als die SPÖ und die heutige Barmherzigkeitslinke, aber die politisch korrekte Ablehnung der FPÖ durch die politisch korrekten Konkurrenzparteien und die politisch korrekten Meinungsbilder führt dazu, dass gerade die politisch gänzlich unkorrekt alleingelassene Klasse der arbeitenden Menschen ihren Zorn und die ihr von der neoliberalen Defakto-Diktatur aufgezwungene Hilflosigkeit in Proteststimmen an die Partei verwandelt, die von all den politisch Korrekten verabscheut wird. Weil über politisch unkorrektes Wahlverhalten ärgern sich die politisch korrekten Etablierten und gesellschaftspolitischen Versager ständig und laut, das freut dann die Opfer des von den Etablierten kaum je als inkorrekt gesehenen neoliberalen Systems und sie wählen aus Trotz und aus Freude über den etablierten Ärger rechtspopulistisch.

Wir würden das wieder brauchen, was es seinerzeit gegeben hat. Parteien, die im Bereich der arbeitenden Klasse tatsächlich kämpferisch tätig sind und keine grünen Almosensozialisten, die eine Denkweise haben, über die vor Jahren Nikowitz im PROFIL einmal blödelte, sie wären für 'bei Kindergartenelternabenden gemobbte bisexuelle Alleinerzieher mit Migrationshintergrund '….

Dazu wieder einmal die von Abraham Maslow aufgestellte Bedürfnispyramide:
1. Physiologie (Hunger, Durst, Geschlechtstrieb),
2. Sicherheit,
3. Zuwendung, Identität und Gemeinschaft
4. Wertschätzung,
5. Selbstverwirklichung.

Im untergegangenen Realsozialismus wurde hauptsächlich der Punkt 1 bedient, die Grundversorgung. Der Punkt 2, die Sicherheit hatte dort bereits Druckstellen, wer nicht für den Sozialismus war, hatte auch weniger bis keine Sicherheit. Punkt 3 war dort nicht evolutionär gewachsen, sondern wurde von oben verordnet, wer sich nicht mit der sozialistischen Gemeinschaft identifizierte, stand außerhalb und konnte Probleme bekommen. Punkt 4 wurde ebenfalls verordnet, Wertschätzung für Parteifunktionäre war Bürgerpflicht, der Punkt 5 war Gestalten wie Stalin oder Mao vorbehalten, da war ein Fidel Castro, der sich wirklich der Wertschätzung großer Bevölkerungsteile erfreuen konnte, schon eine Ausnahmeerscheinung.

In unseren aktuellen neoliberalen Welt kümmern sich z.B. die Grünen um den Punkt 1, soweit dieser nicht sowieso schon von den (noch) vorhandenen Einrichtungen des Sozialstaates abgedeckt wird, sie suchen nach den Mühseligen und Beladenen und bauen sich damit das Selbstbild der eigenen Wertschätzung auf, ein guter Mensch ist ein guter Mensch! Und die Selbstverwirklichung gilt für die allergutesten guten Menschen, welche die ganze Gesellschaft dazu anhalten wollen, möglichst die ganze Welt retten zu müssen. Der Blick auf die Masse der Bevölkerung, die (noch) keine akute Nothilfe braucht, ist dabei verloren gegangen.

So wird sogar schon der Punkt 2 wieder zu einem Bedürfnis, um das gekämpft werden muss: die Sicherheit der Arbeitsplätze sinkt, die Sicherheiten des Sozialstaates werden immer wieder in Diskussion gestellt, auch die persönliche Sicherheit vor Kriminalität wird als sinkend wahrgenommen.

Der Punkt 3 ist für die Masse der Menschen immr mehr im Verschwinden. Die Sozialdemokratie hat ihren Status verloren, der Repräsentant der Gemeinschaft der arbeitenden Menschen zu sein. Die SPÖ hatte zur Kreiskyzeit 1979 einen Mitgliederhöchststand von 721.262, dann begann er langsam zu fallen, 1990 waren es noch rund 620.000, fünf Jahre später weniger als eine halbe Million, heute sind es nicht einmal mehr 200.000. Die Gemeinschaft hatte früher auch die Aufgabe, sich um persönliche Anliegen, also z.B. Arbeitsplatz und Wohnung, zu kümmern, das wurde "entpolitisiert" und es kümmert sich im praktischen Alltag niemand mehr darum, es gibt die sozialdemokratische Gemeinschaft früherer Zeiten nicht mehr.

Dadurch ist auch die gemeinschaftliche Zuwendung weg und die Identifizierung im Sinne der Zugehörigkeit zu einer Klasse mit gemeinsamen Interessen. Und gemeinsame Kämpfe für gemeinsame Interessen hatte es ja seit der hohen Zeit der Sozialpartnerschaft nicht mehr gegeben, jetzt gibt es auch die Sozialpartnerschaft nicht mehr, mit dem EU-Beitritt wurden die üblichen jährlichen Erhöhungen der Reallöhne eingestellt, Wirtschaftswachstum und Produktivitätssteigerung bringt nur der Klasse der Besitzer der Produktionsmittel, also den Aktionären und Multimillionären neue Reichtümer, die dann – weil man sie für Investitionen gar nicht verbrauchen kann – auch in Spekulationsblasen zumindest teilweise vernichtet werden. Und die Masse der arbeitenden Klasse erlebt sich tagtäglich als überfordert, alleingelassen, als ignoriert, aber gleichzeitig als von den selbsternannten guten Menschen gefordert, die restliche Welt zu retten.

Die allgemein in der Gesellschaft gewachsenen traditionellen Gemeinschaften fühlen sich zudem durch Parallelgesellschaften, speziell durch die islamischen, in ihrer Identität bedroht. So wird der ständige Aufmarsch von religiösen Kopftuchbrigaden als feindselige Manifestation gefühlt und keinesfalls als multikulturelle Bereicherung. Als Mensch, der basisnahe lebt, weiß man, dass "die Ausländer" in buntester Mannigfaltigkeit als Schuldtragende dienen. Der übliche Umgang damit, wirkliche Probleme ebenso zu behandeln wie eingebildete, sie nämlich zu leugnen, zu minimalisieren, zu bagatellisieren, hilft nicht nur nicht, sondern schadet! Weil dies zum Reflex führt: wenn ich was brauche, dann werde ich abgewiesen, wenn Ausländer was brauchen, wird's ihnen nachgetragen. Darum FPÖ!

Zusammenfassend: Mit den Menschen, die mit ihrer tagtäglichen Arbeit das Werkl am Rennen halten, die Werte schaffen, die sich die Ausbeuter aneignen, befasst sich die aktuelle Linke nicht. Weil das sind ja keine obdachlosen Bettler oder sonst was, woran man sich ohne großen Aufwand als edler Wohltäter erfolgreich beweihräuchern kann. Im Klassenkampf kann man keine selbstgerechte Darstellung des eigenen Edelmenschentums erwerben. Sollte die Linke das nicht irgendwann doch begreifen und sich statt ausschließlich mit Güte und Barmherzigkeit auch wieder mit Gesellschaftspolitik befassen, so gibt es vielleicht noch Chancen. Weiterzumachen wie bisher, das heißt nur noch: Strache kann lachen! Dieser kann zwar auch an seiner eigenen Dummheit noch scheitern (wenn er z.B. wieder einen religiösen Wahlkampf macht), aber die etablierten Parteien sind entweder an ihrer gesellschaftspolitischen Blindheit gescheitert (SPÖ und Grüne) oder sehen ihre Aufgaben sowieso nur als Diener des neoliberalen Systems (ÖVP, NEOs).

Link zum Originalartikel bei atheisten-info.at

Links von wissenbloggt:




It's time to build a human economy that benefits everyone, not just the privileged few


video-game-1332694_1280Es ist Zeit für eine humane Gesellschaft, die allen zugutekommt, nicht nur ein paar Privilegierten – so schreibt Oxfam in einer neuen Studie, die heute, 16.1., um 0 Uhr freigegeben wurde. Die Publikation heißt An Economy for the 99 Percent. Die Aussage ist brisant: Seit 2015 besitzt das reichste 1% mehr als die anderen 99% der Menschen. Und seit 2016 besitzen die 8 reichsten Personen zusammen genauso viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung (neue Schätzung).

Die Liste der Überreichen (aus Forbes): 1. Bill Gates (Microsoft, 75 Mrd.), 2. Amancio Ortega (Textil, 67), 3. Warren Buffett (Investor, 60,8), 4. Carlos Slim (Unternehmer, 50), 5. Jeff Bezos (Amazon, 45,2), 6. Mark Zuckerberg (Facebook, 44,6), 7. Larry Ellison (Oracle, 43,6), 8. Michael Bloomberg (Medien, 40)

Gutes Timing

Sie haben bis zum Gipfeltreffen in Davos gewartet, um das anzubringen, damit sich die Reichtumsvertreter dort ordentlich schämen können. Studien zu Reichtum und Ungleichheit gibt es alle halbe Jahre, z.B. von der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development), vom ZEW (Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, vom IMK-Institut der Hans-Böckler-Stiftung (Bild: Perlinator, pixabay), vom PARITÄTISCHEN GESAMTVERBAND.

Oxfam (Oxford Committee for Famine Relief) versteht es, seine Aussagen besonders publikumswirksam zu placieren. Im vorigen Jahr waren es 62 Personen, die so viel haben wie die unteren 50%, dies Jahr sind es nur noch 8. Das illustriert Größe und Dynamik des Problems eindringlich und geschickt.

Oxfam hat viel Erfahrung. Es wurde 1942 in Großbritannien gegründet, als Reaktion auf das Leid der Zivilbevölkerung im Nazi-besetzten Griechenland. Seit 1995 gibt es Oxfam auch in Deutschland. Finanziert wird die NGO zum Teil über die 52 Oxfam Shops, in denen etwa 3.200 ehrenamtliche Mitarbeiter/innen gespendete hochwertige Secondhand-Waren verkaufen.

Oxfams Ziele

Nach Eigendarstellung sieht sich Oxfam als globale Nothilfe- und Entwicklungsorganisation, die mit Überzeugung, Wissen, Erfahrung und vielen Menschen leidenschaftlich für ein Ziel arbeitet: eine gerechte Welt ohne Armut:

Bei Krisen und Katastrophen retten wir Leben und helfen, Existenzen wieder aufzubauen. Doch kurzfristige Hilfe alleine reicht nicht. Deshalb arbeiten wir langfristig in über 90 Ländern mit rund 3.500 lokalen Partnern daran:

  • die Verfügbarkeit von Land und Wasser zu sichern,
  • ressourcenschonende Landwirtschaft zu betreiben,
  • demokratische Teilhabe zu ermöglichen,
  • Geschlechtergerechtigkeit zu fördern,
  • den Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung zu schaffen.

Außerdem machen wir Druck bei Politik und Wirtschaft. Mit Kampagnen, Lobbyarbeit und öffentlichen Aktionen drängen wir sie zu entwicklungsgerechtem Handeln.

Medienecho

Die Presse reagiert dankbar auf die neuen Schlagzeilen, zumeist ohne die Quelle zu verlinken und die Studie beim Namen zu nennen. Ein Beispiel ist der (gute) Artikel Ungleichheit so groß wie nie – Acht Milliardäre reicher als die gesamte ärmere Hälfte der Welt (Handelsblatt 16.1.). Die Tatsachen sind richtig wiedergegeben: Vermögens- und Einkommenswachstum kommen vor allem den Reichen zugute, die ärmere Bevölkerung profitiert kaum. Und diese Entwicklung betrifft alle, denn Ungleichheit bedroht die Stabilität und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und bildet den Nährboden für populistische Bewegungen.

Das ist nicht alternativlos, wie gewisse Politiker meinen könnten (wb). Die Alternative ist klar: In unserem Wirtschaftssystem müssen die Menschen wichtiger sein als die Profite. Die Regierungen müssen weitsichtig im Interesse des Gemeinwohls und der sozialen Menschenrechte handeln (und nicht so, wie die Lobby es ihnen aufdrängt, nochmal wb).

Aber der Wohlstand ist weltweit so ungleich verteilt wie nie. In den letzten 30 Jahren ist der Besitzstand der unteren 50% um 0% gewachsen, und der des oberen 1% um 300%. Top-Manager verdienen 10.000-mal so viel wie Fabrikarbeiter in Bangladesch.

Auch reiche Länder wie Deutschland sind betroffen. Das steht im Widerspruch zu den Meldungen in letzter Zeit, nach denen die Armut und damit die Ungleichheit weltweit kleiner geworden wäre. Hier möge ein Einschub aus anderen Quellen erlaubt sein, um den scheinbaren Widerspruch aufzuklären:

Einschub Armutsbericht

Man muss unterscheiden zwischen den Unterschieden innerhalb der Staaten und zwischen den Staaten. Innerhalb der Staaten wächst die Ungleichhet ständig, wie Oxfam es beschreibt. Zwischen den Staaten hat es eine Annäherung gegeben, weil einige Entwicklungsländer den Aufstieg geschafft haben, vor allem China. Die allermeisten Menschen, die extremer Armut entkommen sind, sind Chinesen. In den sonstigen Entwicklungsländern ist der Anteil der Ärmsten fast gleichgeblieben, er ging nur von 50% auf 38% zurück.

Der vermeintliche Erfolg der Globalisierung war in Wirklichkeit ein Erfolg der chinesischen Entwicklungspolitik seit 1986 und der chinesischen Freihandelspolitik seit 2003. Globalisierung selbst ist demnach kein Weg aus der Armut. Sie erzeugt zwar hohe Wachstumsraten bei der Produktion, aber nicht bei den Jobs: Der Welthandel wuchs seit 1990 jährlich um 9%, die Produktion um 5% und die Zahl der Jobs gar nicht – und das trotz steigender Bevölkerungszahlen. Der globale Wettbewerb ist ein Rationalisierungswettbewerb; nur wer Arbeitsplätze abbaut, kann in der globalen Konkurrenz bestehen.

Der Oxfam-Bericht erkennt die Erfolge in der Armutsbekämpfung an, aber er sagt auch, dass 1/9 der Weltbevölkerung immer noch hungert. Wäre das Wachstum von 1990-2010 gerechter verteilt worden, würden 700 Millionen Menschen, zumeist Frauen, nicht mehr in Armut leben.

Weiter Oxfam

 

„Es ist obszön, dass so viel Reichtum in den Händen so weniger ist, wenn einer von zehn Menschen mit weniger als zwei Dollar pro Tag überlebt“, so wird Winnie Byanyima, Exekutivdirektorin von Oxfam zitiert. „Ungleichheit hält Hunderte Millionen in Armut gefangen, sie reißt unsere Gesellschaften auf und untergräbt Demokratie.“

Die Gegenrezepte sind bekannt. Der Oxfam-Bericht schlägt eine höhere Besteuerung von Reichtum und Einkommen vor. Das würde für gerechtere Bedingungen sorgen, und es könnten daraus Investitionen in öffentliche Dienste und Jobs finanziert werden. Auch die internationale Kooperation sollte verbessert werden, um angemessene Bezahlung von Arbeitern sicherzustellen und Steuerflucht von Reichen zu vermeiden.

Es ist Zeit, wirklich was zu tun, statt der ständigen Lippenbekenntnisse. Dazu riefen die Autoren der Studie die Regierungs- und Staatschefs auf. Ansonsten könnte der öffentliche Unmut zunehmen und zu weiteren politischen Umwälzungen wie dem Brexit-Votum in Großbritannien und dem Wahlsieg von Donald Trump in den USA führen. Die Desillusionierung über die Mainstream-Politik führt zum Ende der Toleranz.

Die Kritikpunkte: Die Konzerne kanalisieren den Wohlstand zu den Reichen, die Werktätigen werden immer mehr ausgequetscht, die Steuern werden umgangen, die Lobby verbiegt die Regeln, großes Geld vermehrt sich von alleine, Frauen sind überall benachteiligt,  das Ziel der Wirtschaft ist nur noch Profitmaximierung. Dazu eine Darstellung aus dem Bericht:

appleprofit

 

 

Links:




Nahles: Schande der SPD


unterzeichnung_des_koalitionsvertrages_der_18-_wahlperiode_des_bundestages_martin_rulsch_110_croppedEin verstörender Bericht der Süddeutschen Zeitung enthüllt Manipulation der Bundesministerin für Arbeit und Soziales (Bild: Stefan Boness/IPON, bearbeitet). Auf dem Foto sieht man "die frömmelnde Nahles mit der typischen Grimasse eines katholischen Pfaffen. Und statt SPD-Symbolik demonstrativ das Kreuz… Wer hatte dieser Dame seinerzeit bloß das Etikett "SPD-Linke" verpaßt???" (Bild: Martin Rulsch, Wikimedia Commons)

Das schrieb ein Linker prophetisch, und nun wird er in seiner Ansicht bestätigt. Der Artikel heißt Armut in Deutschland – Regierung strich heikle Passagen aus Armutsbericht (SZ 14.12.): Ministerin Nahles hatte den Einfluss von Reichen auf die Politik untersuchen lassen. Manche Ergebnisse fehlen in der zweiten Fassung – an ihr hat auch das Kanzleramt mitgeschrieben.

Der SZ-Artikel von Thomas Öchsner berichtet über Manipulationen, die einer SPD ganz schlecht zu Gesicht stehen. Demnach hat die Bundesregierung unter Federführung von Nahles ihren Armuts- und Reichtumsbericht in einigen entscheidenden Passagen deutlich entschärft. In der überarbeiteten Fassung des Berichts sind laut SZ klare Aussagen gestrichen, ob Menschen mit mehr Geld einen stärkeren Einfluss auf politische Entscheidungen haben als Einkommensschwache. Z.B fehlt jetzt der Satz: "Die Wahrscheinlichkeit für eine Politikveränderung ist wesentlich höher, wenn diese Politikveränderung von einer großen Anzahl von Menschen mit höherem Einkommen unterstützt wird."

Das hat die SZ durch einen Vergleich einer vom Bundesarbeitsministerium verfassten Vorabversion mit der zweiten Version der Regierungsanalyse herausgefunden. An dieser zweiten Version durften Kanzleramt und andere Ministerien mitschreiben.

Wie die SZ weiter berichtet, hatte die Bundesarbeitsministerin Nahles (SPD) im März 2015 angekündigt, in diesem Bericht erstmals den Einfluss von Eliten und Vermögenden auf politische Entscheidungen untersuchen zu lassen. Zu diesem Behufe gab ihr Ministerium eine Studie beim Osnabrücker Politikwissenschaftler Armin Schäfer in Auftrag. Dessen Erkenntnisse gingen in den ersten Bericht ein, den das Arbeitsministerium im Oktober vorlegte.

In dieser ersten Fassung wurde noch von einer "Krise der Repräsentation" gewarnt: "Personen mit geringerem Einkommen verzichten auf politische Partizipation, weil sie Erfahrungen machen, dass sich die Politik in ihren Entscheidungen weniger an ihnen orientiert." Diese Aussagen fehlen gemäß den Checks der SZ nun.

Ein weiterer gestrichener Satz aus der Studie heißt: In Deutschland beteiligten sich Bürger "mit unterschiedlichem Einkommen nicht nur in sehr unterschiedlichem Maß an der Politik, sondern es besteht auch eine klare Schieflage in den politischen Entscheidungen zulasten der Armen".

Das ist in der zweiten Fassung des Regierungsberichts ersetzt durch die Aussage, der Studie zufolge war "eine Politikänderung wahrscheinlicher …, wenn diese den Einstellungen der Befragten mit höherem Einkommen mehrheitlich entsprach". Und durch die Behauptung, die Untersuchung liefere "keine belastbaren Erkenntnisse über Wirkmechanismen". Was auch noch herausgenommen wurde, sind die Hinweise auf den "Einfluss von Interessensvertretungen und Lobbyarbeit".

Kritik für diese dreisten Manipulationen ist schon im Anrollen. So kritisierte die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen, Brigitte Pothmer, die Manipulationen: "Über Demokratie-Defizite muss offen geredet werden, alles andere ist Wasser auf den Mühlen der Populisten." Und die Vertreterin von Lobbycontrol, Christina Deckwirth, sagte, die Studie zeige, dass Vermögende bessere Möglichkeiten hätten, in der Politik Gehör zu finden. "Solche Erkenntnisse sind der Bundesregierung aber offenbar zu brisant, um sie zu veröffentlichen."

Der Armuts- und Reichtumsbericht kann bei diesem Link eingesehen werden. Er wird ca. alle vier Jahre erstellt und enthält Informationen über die Lage am Arbeitsmarkt, die Entwicklung der Löhne und Einkommen usw. Schon beim Armuts- und Reichtumsbericht 2013 wurde manipuliert. Damals setzte die FDP durch, dass Aussagen über die ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland verschwanden.

Weitere Links:




Arbeit für Bernie


digger-1453430_960_720Der 7. Artikel aus der Serie Arbeit für alle hieß Arbeit gegen alle und verblüffte durch eine Angabe zum Staatshaushalt der USA: 600 Mrd. jährlich gehen ins Militär (Korr. 7.11.). Solche Militärpräsenz rechtfertigt den Titel Arbeit gegen alle.

Dieser Artikel bleibt Amerika treu, speziell dem Ex-Präsi-Kandidaten Bernie Sanders. Arbeit für Bernie ist Sanders gewidmet, wie auch der Durchhalte-Reim Wer baggert so spät im Baggerloch, das ist der Bagger der baggert noch (frei nach Mike Krüger, Bild: monicore, pixabay).

Konkret soll ein aktueller Artikel referiert werden, Bernie Sanders: Democrats Need to Wake Up  (New York Times 28.6.): Surprise, surprise. Workers in Britain, many of whom have seen a decline in their standard of living while the very rich in their country have become much richer, have turned their backs on the European Union and a globalized economy that is failing them and their children.

Bernie Sanders beginnt seinen NYT-Artikel mit einem Bezug zum Brexit. Die Arbeiter in Großbritannien haben der EU den Rücken gekehrt. Während die Reichen reicher wurden, mussten viele Werktätige ihren Lebensstandard senken, und die globalisierte Wirtschaft nutzt sie aus.

Das gilt nicht nur für die Briten. Die ökonomische Elite der Welt setzt die Globalisierung auch gegen die anderen Völker ein. Hier nochmal der Bezug auf die Ungleichverteilung: Die reichsten 62 Leute besitzen soviel wie die untere Hälfte der Weltbevölkerung, 3.600.000 Menschen, siehe auch Je reich, desto arm).

Die ganz Reichen leben laut Bernie in unvorstellbarem Luxus, während Milliarden von Leuten Armut und Arbeitslosigkeit aushalten müssen, nebst unzureichender medizinischer Versorgung, Ausbildung, Wohnung und Wasserversorgung.

Bernies rhetorische Frage: Könnte die Zurückweisung derartiger Globalisierung in Form des Brexits auch in den USA passieren? Aber sicher, sagt er, das wäre möglich.

Während er bei seiner Präsidentschaftskampagne 46 US-Staaten durchreiste, hat er viele schmerzhafte Realitäten wahrgenommen, denen sich die politische und mediale Öffentlichkeit verweigert.

Während der letzten 15 Jahre mussten in den USA fast 60.000 Fabriken schließen, wobei 4,8 Millionen gutbezahlte Fabrikjobs verlorengingen. Viel davon sei den desaströsen Handelsvereinbarungen geschuldet, welche die Firmen ermutigen, in Niedriglohnländer umzuziehen. Es gab große Fortschritte in der Produktivität, aber sie nutzten nicht den Arbeitern.

Bernie betrachtet den Median der Löhne – 1/2 verdienen weniger, 1/2 mehr. Dieser Wert liegt um so weiter unter dem Mittelwert, je schiefer die Verteilung ist. Der Mittelwert wird durch einige wenige Spitzenverdiener nach oben getrieben, der Median nicht.

Inflationsbereinigt verdient die männliche Arbeitsbevölkerung im Median 726 $ weniger als 1973, der Median der weiblichen liegt 1.154 $ unter dem Wert von 2007.

Fast 47 Millionen US-Amerikaner leben in Armut. Ungefähr 28 Millionen haben keine Krankenversicherung, und viele andere sind unterversichert. Viele Millionen Leute haben mit enormen Schulden zu kämpfen, die sie zur Finanzierung vom Studium aufnehmen mussten.

Wohl zum ersten Mal in der neueren Geschichte kommt auf die neue Generation ein Leben mit niedrigeren Lebensstandards zu als bei der Elterngeneration, und das bei ständiger Fortentwicklung der Technik.

Es wirkt sich sogar auf die Lebensspanne aus. Die wenig Qualifizierten werden schneller sterben als die vorige Generation, weil sie Verzweiflung, Drogen und Alkohol anheimfallen.

Das oberste 1% besitzt jetzt mehr Vermögen als die unteren 90%. Diese Wall-Street-ler und Milliardäre kassieren 58% aller neuen Einkommen. Möglich wird es durch den Lobbyismus; ihre Lobbyvertretungen ( “super PACs”) können Wahlen kaufen.

Mit diesem herzlichen Gruß an seine Konkurrenten schließt Bernie Sanders seinen Text. Was er vollbracht hat, ist immerhin eine rege Diskussion von diesen Themen, wie sie vorher in den amerikanischen Medien nur sehr vereinzelt vorkam. Wohl ließ die NYT schon mal Thomas Piketty, Paul Krugman oder Nicholas Kristof zu Wort kommen, aber deren Kommentare blieben sozusagen in der Schmuddelecke stecken ("linke Nestbeschmutzer") und zeitigten keine Publikumswirkung.

Jetzt sind die USA weiter, die Wirkung ist jetzt als aufklärerischer Erfolg präsent. Proteste gibt's auch, gegen Sanders' Gegner Trump, gegen Polizeigewalt und Willkür. Bis es auch gegen das System aus big business, high finance und political lobbying wirksam wird, gibt's aber noch viel Arbeit für Bernie.
 

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Arbeit gegen alle


money-1268883_960_720bykstDer vorige Artikel zur Serie Arbeit für alle war in die Zukunft gerichtet, mit Bots und künstlicher Intelligenz. Nach diesem zeitlichen Abstecher ist eine räumliche und thematische Abschweifung in Richtung Säbelrasseln angesagt. Denn irgendwo muss das ganze Geld ja bleiben, das aus der Mittelklasse und den unteren Schichten rausgeleiert wird. Der US-Miliärhaushalt wird gleich einiges dazu aussagen, er kehrt sozusagen das Vorzeichen um (Bild: bykst, pixabay).

Zunächst nochmal die Entwicklung, aus Visualizing The Dramatic Erosion Of America's Middle Class (Zero Hedge 23.6.). Die Mittelklasse verfügte 1979 noch über 46,4% des gesamten Nationaleinkommens, 2014 sind es nur noch 25,8%. Entsprechende Zahlen für die Reichen und die obere Mittelklasse: 30% früher und 63,1% derzeit. Der Anteil an der Bevölkerung wuchs allerdings auch, von 13% auf 31,2%. Die Tabelle wurde von wb aus dem Zero-Hedge-Artikel erstellt:

Klasse                        $1 %19792 %20142 $19793 $20143
rich >350.000 0,1 1,8 0,4 11,0
upper middle class >100.000 12,9 29,4 29,6 52,1
middle class >50.000 38,8 32,0 46,4 25,8
lower middle class >30.000 23,9 17,1 16,2 7,5
poor or near poor <30.000 24,3 19,8 7,4 3,6

1 Einkommensbereiche von – bis z.B. middle class 50.000 – 100.000 $ Jahreseinkommen
2 der Anteil an der US-Bevölkerung
3 der Einkommens-Anteil

Schwerer wiegt die Entwicklung im unteren Bereich: Die unteren drei Einkommensgruppen hatten früher 70% des Einkommens und jetzt nur noch 36,9%. Ihr Anteil sank nur von 87% auf 68,8%. Wer also nur das obere 1% betrachtet, dem entgeht der Niedergang der Mittelklasse mit dem beinahe halbierten Einkommen bei grob gleichem Bevölkerungsanteil. Worauf der Artikel nicht eingeht, ist die große Zunahme im Bereich der oberen Mittelklasse in Richtung reich, sowohl anteilsmäßig als auch einkommensmäßig. Die ursprüngliche Mittelklasse aber schwindet, sie wird ärmer, und sie wird schlecht versorgt.

Studentenarmut

Damilitaryspendingusakorrs Tortendiagramm hat sich als Fälschung entpuppt (Korrektur 7.11.). Es geht zwar extrem viel vom US-Haushalt ins Militär, so um die 600 Mrd. $ pro Jahr, aber das sind nur an die 20%. Der Link zu der Verschwörungstheorie-site Alles Schall und Rauch ist deshalb auch gelöscht. Immerhin bleibt die Relation interessant, wie klein andere US-Haushaltsbestandteile gegenüber dem Militäretat sind. Der kleine rotgelbe Schnitz unten zeigt das Lebensmittelkarten-Programm für die Bedürftigen. Zusammen mit der Landwirtschaft macht das 1% vom Etat aus (Bilder: Zero Hedge).

Kein Wunder, wenn die Studentenarmut grassiert. Dass die US-Studenten sich hoch verschulden müssen, um ihr Studium zu bezahlen, wurde schon in Arbeitskampf für alle dargelegt. Wohin das führt, geht aus einer Studie von der California State University CSU hervor, Serving Displaced and Food Insecure Students in the  CSU.

Auf deutsch ergibt das in dem Artikel California State University: Zehntausende Studierende in Kalifornien sind obdachlos (ZEIT ONLINE 22.6.): Fast 50.000 Studierende der größten staatlichen Universität in den USA sind obdachlos. … Bis zu zwölf Prozent der rund 460.000 an der California State University Eingeschriebenen haben demnach kein Dach über dem Kopf.

Sie übernachten bei Kommilitonen auf dem Sofa, in Autos oder Zelten, auf Parkplätzen oder in Bahnhöfen. Bis zu 1/4 haben nicht genug zu essen. Es gibt Hilfsprogramme dafür, aber die Uni informiert nur begrenzt über Hilfen wie Lebensmittelmarken oder finanzielle Unterstützung. Man befürchtet einen Ansturm von Hilfsanfragen, und generell werde das Ausmaß des Problems missverstanden oder kleingeredet.

Militärreichtum

militaryusaDie gleiche Abwiegelung passiert beim Militärhaushalt, wo die Entwicklung genau andersrum verläuft. Diese Entwicklung wurde schon in Je reich, desto arm II dargestellt, und hier nochmal mit der ZH-Statistik. Es sind enorme Summen, um die es geht. Jährlich bringen die USA mehr als 1/3 der gesamten weltweiten Rüstungsausgaben auf. 2015 waren es 596 Mrd. $, der größte Teil des 800-Mrd.-US-Haushaltsdefizits. Zum Vergleich hat Russland Militärausgaben von 66,4 Mrd. $, Deutschland 34 Mrd. € (= 37 Mrd. $, 11% vom Bundeshaushalt, mehr als das Doppelte wie Bildung) und die NATO-Staaten zusammen 905 Mrd. $.

Diese Zahlen zeigen, wie teuer die (US-)Kriegstreiberei kommt. Was beim Militär passiert, ist Arbeit gegen alle. Da wird praktisch die Zukunft einer Generation verballert – mit schrecklichem Ergebnis, selbst wenn man die Folgen für die Bekriegten außer Acht lässt. Ein paar Takte dazu sind nun unvermeidlich, auch wenn es eigentlich um Arbeit für alle geht.

20160613_armsexport_0Terrorism – As Pretext For Intervention In Middle East sagt Zero Hedge am 16.6. Terrorismus dient als Vorwand für die Interventionen im Nahen Osten. Mit welcher Heuchelei und welchen doppelten Maßstäben dabei vorgegangen wird, beschreibt der Artikel. Was zählt, ist das Öl, 265 Mrd. Barrel in Saudi-Arabien, 100 Mrd. von den Vereinigten Arabischen Emiraten,
100 Mrd. von Kuweit – 1/3 der weltweiten
Vorräte. Namens der 20160613_armsimport_0Öl-Sicherung sind die USA willens, die Exzesse der mittelalterlichen Regime zu ignorieren – bloß wenn's um Verhandlungen mit dem ebenso mittelalterlichen ISIS geht, dann stehen die USA fest zu ihren sogenannten Prinzipien. Das ist der Grund, warum Gewalt und Blutvergießen in der Region weitergehen. Mehr noch, die USA sind der größte Waffenexporteur, und Saudi-Arabien der größte Waffenimporteur (Bilder aus Thanks America: Spending On Military Weapons Saw Its Largest Yearly Increase In A Decade, Zero Hedge 13.6.).

Säbelrasseln

Dieser US-Imperialismus ist auch der Grund, warum der US-Militärhaushalt so groß sein muss. Er gilt umfassend, denn die USA engagieren sich auch in Europa. Nicht etwa zur Hilfe für die Flüchtlinge, die sie im Nahen Osten generieren, sondern gegen den russischen Imperialismus. Das beschreibt The New Iron Curtain – A Monument To Washington's Imperial Folly (Zero Hedge 20.6.) in einem treffenden Bild:

Man stelle sich eine fremde Armee am Rand der USA vor, 31.000 Soldaten eine Anti-US-Allianz, die militärische Übungen gleich südlich von San Diego ausführen. Hunderte von Panzern zielen auf den Rio Grande, und die Jets von 24 Ländern drohen in Angriffsformation vom mexikanischen Luftraum her. Die Antwort Washingtons ist leicht auszumalen.

Dabei passiert genaus das mit umgekehrtem Vorzeichen an Russlands Peripherie. Die NATO übt für einen neuen Kalten Krieg. Im Vorfeld ökonomische Sanktionen gegen Russland, die seiner empfindlichen Wirtschaft zusetzen, dazu eine Propagandakampagne, die den Präsi Putin zum zweiten Stalin hochstilisiert. Ein neuer Eiserner Vorhang legt sich über Europa, nur dass ihn diesmal der Westen errichtet.

Die EU erneuerte gerade die Sanktionen gegen die Krim – ihr Verbrechen: Sie hat es gewagt, ein Referendum abzuhalten, bei dem die große Mehrheit der Wähler für Russland optierte. Damit wurde der Status wiederhergestellt, den die Krim seit den Tagen von Katharina der Großen hatte. Zur Strafe sollen auch die Sanktionen gegen Russland um 6 Monate verlängert werden.

Der Artikel Beschluss in Brüssel: EU will Sanktionen gegen Russland verlängern (SPIEGEL ONLINE 20.6.) nennt allerdings andere Argumente: Die EU macht eine Lockerung der Sanktionen gegen Russland von der Umsetzung der Friedensvereinbarungen von Minsk abhängig. Der darin ausgehandelte Waffenstillstand für die Ostukraine ist zuletzt aber immer wieder gebrochen worden.

Nur noch eine deutsche Stimme zu der Sache, dann zurück zum eigentlichen Thema. Herr Steinmeier, danke für dieses klare Wort (Cicero 20.6.): Außenminister Frank-Walter Steinmeier wird nach seiner Warnung vor einem „Säbelrasseln und Kriegsgeheul“ gegenüber Russland heftig kritisiert. Dabei ist sein Satz nicht nur richtig, sondern auch überfällig. Nun ja, der Präsi Putin hat schon mit dem Säbel gerasselt, und nun wird zurückgerasselt …

Digital

Da geht also das Geld hin, was den Arbeitenden, den Studierenden und dem Rest der unteren Schichten vorenthalten wird. Säbelrasseln und Kriegsgeheul, ein neuer Eiserner Vorhang, ein neuer Kalter Krieg. Zur Abrundung noch die digitalen Aktivitäten, die sich nahtlos an die social bots vom vorigen Artikel anschließen. Es herrscht nämlich auch Zoff im Netz.

Coole Zeiten in der Hölle – Der Propaganda-Krieg im Netz schreibt die Süddeutsche Zeitung am 18.6.: Das vielleicht wichtigste Schlachtfeld liegt nicht in Syrien oder im Irak, sondern online. Dort ist der IS(IS) eine Supermacht, die USA eine Guerillatruppe – die dringend zündende Ideen braucht.

Global gesehen, könnte das virtuelle Schlachtfeld der Gedanken wichtiger sein als reale. Im Netz werde eine Ideologie der Gewalt verbreitet; der "Krieg der Geschichten" sei jetzt wichtiger als der Krieg mit Schiffen, Napalm und Messern. Im Internet haben sich die Ideen des ISIS verselbständigt, es gibt Unmengen von ISIS-Material im Netz, und die Terroristen haben sehr viel Aufmerksamkeit gewonnen. Mag der ISIS militärisch auf dem Rückzug sein – auf dem virtuellen Schlachtfeld ist er es nicht, so die SZ.

Was passiert da? Die USA tragen mit ihren Dollarmilliarden Krieg in die Welt, und wo sich neue Fronten eröffnen wie im Internet, werden sie auch neue Milliarden versenken. Dazu passt die neue Cyberstrategie von NATO und damit USA, die Hackerangriffe zum Kriegsgrund zu erklären, siehe  Air, land, sea, cyber: NATO adds cyber to operation areas (AP 14.6.).

In Ketzerische gezogen heißt das NATO will Kriegsgründe ganz nach Bedarf definieren (qpress 19.6.): ... dass künftig auch sogenannte Cyber-Attacken als echte Angriffe gewertet werden sollen und daraus dann ein harter Grund für reale, physische Vergeltungsmaßnahmen abgeleitet werden soll, … Man gibt sich dabei zwar noch recht moderat, indem man von abgestuften Reaktionen faselt. Letztlich ist das reine Makulatur, denn es geht zuvorderst um die Selbstermächtigung, im Fall einer elektronischen Attacke, hieraus postwendend einen physischen Konflikt konstruieren zu können. …

Ebenso passt dazu wunderbar ins Bild, dass ausgerechnet deutsche Geheimdienste nun herausgefunden haben wollen, dass Russland hinter den Cyber-Attacken des IS(IS) auf die USA zu vermuten sind … Die Intelligenz der deutschen Geheimdienste ist ja legendär und man weiß vor allem auch in wessen Diensten die ursächlich stehen. Dass diese Schlaumeier übersehen haben, dass der IS(IS) eine Gründung der USA ist, legt natürlich nahe, dass etwaige Cyber-Attacken des IS(IS) auf die westliche Welt dann logischerweise nur noch von den Russen durchgezogen werden können!

Arbeit gegen alle

Ohne weiter auf die politischen und militärischen Wirrungen einzugehen, kann festgestellt werden: Das geht alles auf Kosten der Zivilbevölkerung. Das Geld, das den Menschen vorenthalten wird, geht in militärische Maßnahmen. Der US-amerikanische Kampf zur Öl-Sicherung und gegen den Terrorismus hat sich verselbständigt. Erzeugt wurde er maßgeblich durch Aktivitäten der USA selbst, siehe Terror made by USA.

Seither funktioniert es genau verkehrt herum. Die Arbeit des Militärs ist eine Arbeit gegen alle. Je mehr Geld da hineingeht, desto schlechter für die Allgemeinheit. Jetzt, wo der Schaden angerichtet ist und die Fronten aufgebaut sind, lässt sich das allerdings nur noch schwer bereinigen.

Aber neue Fronten und Eiserne Vorhänge aufzubauen, erscheint als unnötige Eskalation. Was gebraucht wird, ist Deeskalation und mehr Verhandlungen, auch wenn das im Moment schwierig erscheint. Zu befürchten ist, nicht diese Schwierigkeiten schrecken von der Friedenssuche ab, sondern die Macht der Lobbys, die von den militärischen Geldflüssen profitieren.

 

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Der hübsche Amerikaner


person-804035_960_720Der hässliche Amerikaner war das Klischee des tumben Trottels, der überall die amerikanische Art hochhielt und damit aneckte. Als Kontrast darf nun vom hübschen Amerikaner die Rede sein, der etwas Unerhörtes tut: er begehrt auf (Bild: Pezibear, pixabay).

Darüber schreibt ZEIT ONLINE am 12.2. Warum die Amerikaner so wütend sind und greift damit die BBC News vom 4.2. auf Why are Americans so angry? Der Artikel von Vanessa Barford spricht von verärgerten Wählern beim Milliardenpoker um die nächste US-Präsidentschaft. Das würde den Erfolg der Nicht-Mainstream-Kandidaten wie Trump und Sanders erklären.

69% der Amis sind nach einer repräsentativen CNN-Umfrage entweder "very angry" oder "somewhat angry", also richtig böse oder einigermaßen angefressen über die Situation. Es gibt auch welche, die nicht böse sind, aber weniger als zuvor. Das Wort angry macht überall die Runde.

Der notorische Donald Trump sagt, er sei "very, very angry", sein republikanischer Konkurrent sieht viele Amerikaner "discouraged and angry as they watch the American dream slipping away". Der Demokrat Bernie Sanders sagt: "I am angry and millions of Americans are angry," während seine demokratische Konkurrentin Hillary Clinton sagt, sie verstehe, warum  "people get angry". Und warum sind die alle angry?

  1. Weil von den Wohlstandsgewinnen nie was bei der Mittelschicht ankommt, seit 15 Jahren. Auf der einen Seite sehen sich die Mittelstandsamerikaner von den Milliardären, den Banken und Wall Street bedrängt. Auf der anderen von den Immigranten, den konkurrierenden Staaten und der internationalen Wirtschaft – wie immer sind die Staatsschulden nicht mit im Kalkül, obwohl die USA sie jedes Jahr gewaltig aufstocken – zu den stagnierenden Einkommen gesellen sich wachsende Schuldenberge (Anmerkung wissenbloggt, Tabelle siehe Je reich, desto arm II).
  2. Die Einwanderung macht den US-Amerikanern Entfremdungsgefühle. Die Statistik von 2015 bis 2060 zeigt eine Abnahme der weißen Mehrheit von 62% auf 46%, eine Zunahme der hispanischen Bevölkerung von einem knappen Fünftel auf ein Drittel. Auch die asiatischen und sonstigen Bevölkerungen wachsen, während die schwarze Bevölkerung stagniert.
  3. Politik – das Vertrauen schwindet. 89% der republikanischen Wählerschaft und 72% der demokratischen haben "only sometimes" oder "never" Vertrauen in die Politik. Die Regierung ist nach Umfragen das größte Problem der USA, vor Wirtschaft, Jobs und Immigration (wb: ob das die Kriegstreiberei spiegelt?)
  4. Amerikas Weltmachtstreben – der Platz in der Welt ist nicht mehr ganz oben. Das dachten 2012 noch 38% und jetzt noch 28%. Angst vor Terror, Versagen bei Taliban- und IS-Bekämpfung, es geht den Bach runter.
  5. Die Trennung in Demokraten und Republikaner belastet das Land. Die Polarisierung mit der obstruktiven Politik der Republikaner hat das Klima vergiftet. Das Volk will die gegenseitige Blockade nicht.

Die fundamentalste Ursache für die Unzufriedenheit dürfte allerdings die Ungleichheit sein. Damit ist das Thema endlich an der Basis angekommen, und das hübscht unseren Joe 6pack doch erheblich auf. Warum kann nicht Otto Normalverbraucher auch so hübsch daherkommen?

Sind die Normalverbraucher-Probleme nicht mindestens genausogroß, nach 7 Jahren Bankenbeglückung und immer noch keinem Ende für die Steuerndieberei? Nach dem Aufbau der teuersten, ineffizientesten und ungerechtesten Flüchtlingshilfe? Nach Euro-Risiken, die das Volk zielgenau treffen und Geldschwemmen, die am Volk zielgenau vorbeigehen?

Links von wb dazu: