Die Heldenreise verrät die Satire

Jesus(Von Dr. Andreas E. Kilian, Gastautor). Die meisten Filme und Romane dieser Welt basieren auf einem gemeinsamen Story-Muster: der Heldenreise. Es ist dieser dramaturgisch festgelegter Handlungsstrang mit seinen Archetypen, der Geschichten spannend und einprägsam macht. Es gilt aber auch: wo er gefunden wird, kann davon ausgegangen werden, dass Ereignisse literarisch überarbeitet wurden, um maximale Wirkung zu erreichen. Ein solches Story-Muster findet sich auch in den Evangelien.

                         

Eine Heldenreise beinhaltet immer einen Lernprozess, an dem der Protagonist wachsen muss, bis er seine eigentliche Aufgabe bewältigen kann. Dieser Lernprozess gliedert sich laut Joseph Campbell [99] in typische Handlungsabschnitte, die zwar nicht alle in der Reise vorkommen müssen, jedoch eine definierte Reihenfolge befolgen sollten, um eine größtmögliche Spannung für den Leser aufzubauen. Neben diesem typischen Handlungsstrang zählen für James N. Frey [01] auch die archetypischen Charaktere zu einer einer solchen Erzählung, damit sie zum Mythos werden kann.

 

Die Etappen der Heldenreise

 

Die Reise beginnt Zuhause, wo eine Katastrophe den Protagonisten zum Handeln zwingt. Mit den Ratschlägen und Hilfen seiner Freunde oder Mentoren ausgerüstet versucht sich der Protagonist ein erstes Mal an der Herausforderung und scheitert. Dieses Scheitern ermöglicht den Lernprozess. Nachdem der Protagonist nun auch vom anderen Geschlecht erneut ins Rennen geworfen wird, kann er aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen seine Aufgabe erfüllen und den „Schatz“ vom Gegner in Besitz nehmen. Mit dieser positiven Erfahrung wird er zu einem neuen Menschen, zum eigentlichen Helden, der diese Erfahrung für sich und seine Freunde in einem neuen Leben etabliert. Die Reise-Etappen im Einzelnen:

Ausgangslage: Laut Campbell beginnt die Story in einer friedlichen Umwelt, in die eine Katastrophe hereinbricht. In den Evangelien beginnt die Not mit Herodes dem Großen, der von den Römern als König über die Juden eingesetzt wurde. Der Kindermörder treibt die Familie von Jesus aus ihrem Idyll zunächst ins Exil nach Ägypten [Mt 2,12-16]. Vor seinem ältesten Sohn Archelaos flieht die Familie dann nach Nazareth [Mt 2,22]. Johannes der Täufer hat noch Ärger mit dem zweiten Sohn, Herodes Antipas [Mt 3,1-6; Mt 11,1-15; Mt 14,1-12].

Ruf: Aufgrund dieser „Schreckensherrschaft“ der Herodianer erfolgt der Ruf an den Protagonisten, sich seiner Aufgabe zu stellen. Jesus erhält diesen, indem er nicht nur von Johannes dem Täufer als etwas Besonderes erkannt wird. Auch der Geist Gottes eilt als Taube auf ihn hernieder und zugleich fühlt sich Jesus durch eine „Stimme“ zum Sohn Gottes und „Retter“ der Welt erkoren [Mt 3,14-17].

Verweigerung: Doch laut Story-Muster darf der Held diese Berufung nicht sofort annehmen, sondern muss dramaturgisch zögern, sein bisheriges Leben, seine Komfortzone und all seine Sicherheiten aufzugeben. So wird Jesus nicht nur vom „Teufel“ in Versuchung geführt [Mt 4,1-11], sondern zieht sich nach der Verhaftung von dem Täufer zunächst nach Galiläa an den See Genezareth zurück [Mt 4,12].

Hilfe: In dieser Story-Etappe am See trifft er dann unerwartet auf Mitstreiter und Mentoren, die ihm helfen seine Berufung anzunehmen. Jesus begegnet seinen ersten Jüngern [Mt 4,18-22], die ihn in seiner neuen Rolle als „beauftragter Retter“ bestätigen.

Überschreiten der Schwelle: Mit diesen Mitstreitern überwindet er sein Zögern [Mt 4,23-25] und beginnt seine eigentliche Heldenreise [Mt 5]. Jesus beginnt zu predigen, vollbringt erste Taten und sammelt auf seiner Wanderung Anhänger.

Überforderung: Um die Spannung weiterhin zu erhöhen, muss Jesus nun – laut Story-Muster – mit wachsenden Problemen kämpfen [Mt 5 -9] und sich des vollen Ausmaßes seiner Aufgabe bewusst werden. Er muss an den Massen von Hilfsbedürftigen scheitern, um den ersten Lernerfolg zu erzielen. Alleine kann er nicht Herr der Situation werden. Daher beruft Jesus Apostel ein, die ihm helfen sollen, mit seiner Mission fertigt zu werden [Mt 10].

Prüfungen: Mit diesen Gefährten muss er sich nun neuen Aufgaben und Problemen widmen, die für ihn weitere Prüfungen darstellen. Jesus erlebt Städte, die sich nicht zu ihm bekennen wollen [Mt 11,20], Dispute mit Pharisäern [Mt 12,1-45], die Hinrichtung von Johannes dem Täufer [Mt 14,1-12], die Speisung der fünf- bzw. der viertausend Menschen [Mt 14,13-21; Mt 15,29-39], das Laufen über den See [Mt 14,22-36] sowie unzählige Heilungen und Dämonenaustreibungen. Wo er Fragen nicht beantworten kann, greift er auf Gleichnisse zurück, die bis heute nicht zu verstehen sind, da es sich um philosophische Taschenspielertricks handelt.

Begegnung mit der Göttin: Gemäß der Heldenreise erfolgt nach dem Scheitern und der Lösung der ersten Probleme die Konfrontation mit der gegengeschlechtlichen Macht. Ein echter Held sollte sich für die gesamte Gruppe einsetzen und daher auch dem anderen Geschlecht zeigen, dass er dessen Interessen verstehen und berücksichtigen kann. Im Matthäus-Evangelium begegnet Jesus daher der kanaanäischen Frau, die er als Jude zunächst nicht heilen will. Erst als sie sich mit Hunden gleichsetzt, ist Jesus bereit ihr zur helfen [Mt 15,21-28]. Im Markus-Evangelium muss sich eine Syrophönizierin mit Hunden vergleichen lassen [Mk 7,24-3]. Auch im Lukas-Evangelium benutzt Jesus das andere Geschlecht nur, um sich selbst zu erhöhen und darzustellen. Er hat keine Ahnung, was die Sünderin, die ihm die Füße wäscht, von ihm will. Doch er benutzt ein Gleichnis, um davon abzulenken, lobt ihre vollkommene Unterwerfung und vergibt ihr großzügig einfach alle Sünden [Lk 7,36-50]. Im Johannes-Evangelium verlangt er von einer Samaritanerin reales Trinkwasser und möchte im Gegenzug mit „Wasser des Lebens“ bezahlen. Als sich die Frau nicht auf diesen unrealistischen Quatsch einlassen will, beleidigt er sie als Flittchen, indem er ihr ihre Beziehungen vorwirft. Neben dieser indirekten Drohung weissagt er ihr, dass sie ihn noch anbeten wird [Joh 4,7-26]. Sie gibt ihm kein Wasser, sondern lässt ihn einfach stehen. Einer Ehebrecherin rettet er zwar das Leben, weil er nicht vor den Pharisäern richten will. Aber versucht er überhaupt zu verstehen, was diese Frau zum Ehebruch trieb [Joh 8,3-11]? Setzt er sich mit der Rolle der Frau wirklich auseinander?

Versuchung durch eine Frau: Hat der Protagonist diese Prüfungen für das tägliche Leben durch Frauen bestanden, so sollte er als Letztes der Versuchung durch Erotik widerstehen. Der Held darf sich erst fortpflanzen, wenn er sich durch die Bewältigung seiner großen Aufgabe als würdig erwiesen hat. Doch die Aussicht auf das Vergnügen gibt es schon vorher. Eine Frau wirft sich Jesus zu Füßen, säubert und salbt seine Füße mit kostbarstem Öl und trocknet sie anschließend mit ihren Haaren [Mt 26,6-13; Mk 14,3-9; Lk 7,36-50; Joh 12,3]. Ob es sich hierbei um echte Zuneigung, Unterwerfung oder Kalkül handelt, ist der Geschichte nicht zu entnehmen. Doch Jesus freut sich, denn durch diese Geste eines weiblichen Untertans wird er erst zum Christus („den Gesalbten“) erhoben. Nun kann seine eigentliche große Aufgabe beginnen!

Versöhnung mit den Vorfahren und Nachfahren: Die Beschäftigung mit dem anderen Geschlecht führt dazu, dass sich der Protagonist seiner genealogischen Kette bewusst wird. Kurz vor dem Höhepunkt seiner eigentlichen Aufgabe sollte er sich mit seinen Vorfahren versöhnen, an seine Nachfahren denken und zudem einsehen, dass sein größter Gegner in Wahrheit er selbst ist. Jesus erwähnt aber weder seinen leiblichen Vater noch seinen Ziehvater Joseph mit einem einzigen Wort. Selbst seine Mutter und Geschwister streitet er als Familie ab [Mt 12,46-50]. Er sieht sich in der Tradition des Propheten Elija [Mt 17,10] und als Kind Gottes [Mt 17,5]. Auch an eigene Kinder denkt er nicht. Stattdessen ernennt er Simon zum Nachfolger [Mt 16,18-19]. Allerdings erst, nachdem dieser ihn als „Messias“ bezeichnete [Mt 16,13-17]. Durch diese Symbolik wird deutlich, dass Jesus etwas Neues ohne Ahnen gründet. Der mythisch notwendige innere Kampf wird durch die drei Leidensankündigungen dargestellt, in denen Jesus sich bewusst wird, dass seine Ernennung zum König auch seinen Tod bedeuten kann [Mt 16,21; Mt 17,22-23; Mt 20,18-19].

Apotheose: Im Märchen erkennt der Heros, dass er königliches Blut in sich trägt. Im Mythos wird ihm bewusst, dass er göttliches Potenzial besitzt. Jesus lässt sich von seinen Jüngern auf einem Berg – gemäß jüdischem Ritual – zum König ausrufen [Mt 17,1-4] und verweist dabei auf seinen Vater „Gott“ [Mt 17,5]. „Doch meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde – bringt sie her und macht sie vor meinen Augen nieder!“ [Lk 19,27 EÜ], ist der sehnlichste Wunsch desjenigen, der sich für den „Sohn“ Gottes hält, als er kurz vor dem Höhepunkt seiner Macht steht. Jetzt muss das einfache Volk ihm nur noch folgen.

Endgültige Segnung und Höhepunkt: Im dramaturgischen Höhepunkt des Mythos sollte der Protagonist den eigentlichen Schatz – welcher die Welt, aus der er aufgebrochen ist, retten könnte – erhalten oder rauben. Psychologisch gesehen möchte Jesus die Bedrohung, der er als Kind durch die Herodianer ausgesetzt war, beseitigen. Doch Jesus will nicht nur der höchste Hohepriester im Tempel und Chef-Interpret der Thora sein. Er will auch als neuer König vom Volk in Jerusalem akzeptiert und gefeiert werden. Wenn alles nur so laufen würde, wie er es wollte, dann würde die Erde zu einem besseren, friedlicheren Ort. Die Lehre hierzu predigt er ja schon. Doch nach einem etwas bescheidenen Einmarsch in Jerusalem [Lk 19,28-40], einer missglückten Tempelreinigung [Lk 19,43-48] und einer schwachen Vollmachtfrage gegen die Priester [Lk 20,2-8] feiert er nicht nur allein mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl [Lk 22,7-23], er wird auch noch von einem Jünger verraten [Lk 22,1-6] und von seinem Nachfolger verleugnet [Lk 22,56-60].

Weigerung zur Rückkehr: Wie im Story-Muster vorgesehen, weigert sich auch Jesus nach dem dramaturgischen Höhepunkt in die Realität des Alltags zurück zu kehren. Er ist auf ganzer Linie gescheitert, will es aber noch nicht einsehen. Daher befiehlt er seinen Jüngern ihre Mäntel gegen Schwerter zu tauschen [Lk 22,36]. Ein kurzer Kampf, im dem ein Ohr abgeschlagen wird [Lk 22,49-50], und seine Verhaftung sind die logischen Folgen seiner Realitätsferne. Aber selbst als er bei den Hohepriestern, bei Herodes und bei Pilatus die Chance erhält sich zu verteidigen, schweigt er [Lk 23,8-12].

Magische Flucht: Laut Mythos müsste nun die sogenannte magische Flucht des Helden – sei es durch innere Beweggründe oder durch äußeren Zwang – stattfinden. Doch der Held Jesu wird weder gerettet noch kann er sich selber retten. Seine Flucht geht am Kreuz in die Fantasie [Mt 27,46 ;Mk 15,34; Joh 19,30]. Sein „Volk“, seine Jünger fliehen Hals über Kopf und verstecken sich, bis er begraben ist [Mt 26,56]. Dennoch erfüllt sich der nächste Punkt der Heldenreise:

Rettung von außen: Durch eine meist längst vergessene empathische Tat an einem „niederen Wesen“ hat sich der Held im Mythos einen Freund geschaffen, der nun in letzter Sekunde die Rettung als Deus ex machina bringt. Dieses „niedere Wesen“ ist in den Evangelien eine Maria aus Magdala, die Nachts über den Friedhof läuft und ein leeres Grab sieht [Joh 20,1]. Es folgt eine wilde Verwechslungskomödie, in der die Frauen die Jünger, die am Grab erscheinen, für „Engel“, „Herrn“ und „Auferstandene“ halten [Mt 28,1-10; Mk 16,1-8; Lk 24,1-12, Joh 20,1-18]. Nicht der Held, wohl aber der Mythos der „Auferstehung“ überlebt.

Rückkehr über die Schwelle: Wo im Mythos der Held die Schwelle zurück in die Alltagswelt überschreitet und sich den Zweifeln und Fragen seiner Mitbürger stellen muss, treten in den Evangelien die selbsternannten Nachfolger Jesu [Mk 16,12; Joh 21,12] als „Auferstandene“ auf und müssen sich den Fragen der übrigen Jünger stellen. Ein Held muss bei seiner Rückkehr beweisen, dass er etwas errungen hat, und die Jünger wollen die Wundmale sowie ihren Meister als „Sieger“ sehen [Mt 28,17; Mk 16,14; Lk 24,38-43; Joh 20,24-27]. Nur eine „Himmelfahrt“ rettet die Nacheiferer.

Herr der zwei Welten und Sieg über die Ausgangskatastrophe: Der Held vereint im Mythos sein neu gefundenes Innenleben, seine neue Psyche, sein neues Ich mit den Anforderungen des alltäglichen Lebens. Indem er seine Gruppe an seinen Erfahrungen und Errungenschaften aus der Heldenreise teilhaben lässt, verändert er seine alte Umwelt und schenkt allen eine neue Freiheit. Was hat der selbsternannte Hohepriester-König Jesus seinen Jüngern als „Schatz“ hinterlassen?

 

Die Archetypen und Charaktere im Mythos

 

In Romanen werden Figuren durch ihr auffälliges Verhalten, ihren Sprachstil, durch besondere Attributionen und durch einen ganz individuellen Spleen charakterisiert, damit sie Charisma annehmen und unverwechselbar werden. In den Evangelien dienen neben den Verhaltens-Archetypen insbesondere die Namen dazu, mehr über den Charakter der Romanfiguren zu verraten.

Der Held: Der Protagonist und Held heißt Jesus bzw. Jesuos. Eine Bezeichnung, die sich vom hebräischen Wort Yeschua, der Retter, ableitet. Besser kann man so eine Aufgabe und Funktion im Mythos nicht beschreiben. Es sei denn, es ist eine Satire. Messias kann der Held nicht genannt werden, denn diese Bezeichnung steht nur Israeliten zu, die von Hohepriestern zu Königsanwärtern gesalbt wurden. Der Heros ist aber Galiläer – konvertierter Ureinwohner – und wurde nur von einer Frau an den Füßen gesalbt, weshalb er sich mit dem griechischen Begriff Christos für den Mit-Öl-Gestriegelten zufrieden geben muss.

Die Weggefährten: Die Weggefährten des Helden heißen Petrus (Petro: Leithammel, Bock), Zelotes (Aufständischer), Alphäus (Deserteur), Kananäus (Aufständischer), Boanerges (Donnersohn), Iskarius (Sikarius: Messerstecher) sowie Barjona (barjonim: Aufständische). Die Vornamen Johannes, Simon und Lazarus (Eleazar) weisen auf die Rebellenführer des jüdischen Aufstandes der Jahre von 66 bis 73 hin [Flavius DBJ-B6-K9; B7K2; B7K8].

Der Mentor: Es sind Simon Petrus (Petro: alter Bock) und Andreas (Andria: junges Mädchen), die Jesus zuerst folgen [Mt 4,18], ihn als Chef bestätigen und auch zum König machen [Mt 17,1-4]. Doch als Simon Petrus zum Nachfolger ernannt wurde [Mt 16,18] verrät er seinen Herrn [Mt 26,69-75] und lässt sich von den Frauen anbeten. Der einstige Mentor hat Jesus nur benutzt, um selber Chef zu werden.

Der Verräter: Der Name Judas Iskariot erinnert an die jüdische Sekte des Judas. Die Sikarier wollten keine weltlichen Herrscher über sich anerkennen und waren für ihre Messer-Attentate gefürchtet [Flavius DBJ-B2K8]. Judas erfüllt mit diesem charakteristischen Namen die Rolle des Verräters, der den Königsanwärter zu Fall bringt.

Der Narr: Der Herr muss seinen Jüngern alles mehrmals erklären und immer neue Gleichnisse liefern [Mt 13,13], doch sie verstehen einfach nicht [Mt 15,16]. Er beleidigt sie fortwährend [Mt16,8] während sie nur ans Schlafen denken [Mt 26,40-46]. Es geht zu, wie bei Laurel und Hardy.

Der Zweifler: Didymos Judas Thomas ist der Zweifler. Didymos heißt Zwilling und der eine bekommt nicht immer mit, was der andere sagt und tut.

Die Mutter, die Geliebte: Die klassischen Rollen der Mutter und der Geliebten sind im Mythos leicht zu identifizieren. Idealer Weise wird die Mutter zur Jungfrau stilisiert, die Geliebte zur absolut treuen Untergebenen. Ihre Namen sind einprägsam. Samaria ist im Aramäischen das „Weideland“, Maria heißt übersetzt „Kuh“. Dies ist nicht zu verwechseln mit den hebräischen Namen Mariam oder Mariamne.

Der unparteiische Richter: Ob es ein römisches Geschlecht der Pontier (Brücke) gegeben hat, ist  nicht erwiesen. Der Name Pilatus (Speerträger) ist jedoch historisch überliefert und dient dazu, die Geschichte der Evangelien zeitlich zuzuordnen. Es war sein Regierungsstil aus Laissez-faire und überzogener Bestrafung, die zum Unmut in Judäa beitrug und für die er sich als Präfekt von Judäa beim Kaiser verantworten musste. In den Evangelien lässt er das Volk, wie ein Kaiser in der Arena, über das Leben von zwei Gladiatoren entscheiden und wäscht seine Hände als Unparteiischer in Unschuld. Ihm ist es egal, wer sich König der Juden nennen darf, solange er als Präfekt herrscht.

Der Böse: Was im Roman der Antagonist ist, ist im Mythos der Böse. Pharisäer, Sadduzäer und Hohepriester ringen mit dem Romanhelden daher nicht nur um die Interpretationshoheit der Gesetze und der Thora. Sie ringen auch um den Einfluss beim Volk und die Herrschaft über dieses. Die Autoren trennen scharf zwischen aufständischen, monarchistischen Christen und Kaiser- und Republik-treuen Juden, die mit dem drohenden Aufstand der Galiläer und Samaritaner nichts zu tun haben wollen. Der jüdisch-römische Historiker des 1. Jahrhunderts, Flavius Josephus, zählt daher die Christen nicht zu den jüdischen Sekten [Flavius DBJ-B2K8]. Er sieht sie als eigenständiges Volk, welches von Jesus gegründet wurde [Flavius AJ-B18K3-3].

 

Verschwörungstheorie?

 

Die Nicht-Existenz einer historischen Person kann wissenschaftlich nicht bewiesen werden. Es kann ein historisch realer Guru als Vorbild für die Autoren existiert haben. Die Geschichte, die die Autoren über ihn erzählen, ist jedoch dermaßen überarbeitet, dass die Evangelien nicht als Aussagen einfacher Zeitzeugen gelten können. Die Frage ist nur, wer schrieb diese Satire und mit welcher Absicht.

Die Original-Texte der Evangelien sind in Altgriechisch geschrieben und richten sich daher an die gebildete hellenistische Bevölkerung sowie an jüdische Hohepriester. Die unzähligen Zitate aus der Thora belegen, dass profunde Kenner der jüdischen Theologie am Werk waren. Die Wortspiele mit Namen, die auf Hebräisch, Aramäisch, Alt-Griechisch und Latein unterschiedliche Bedeutungen haben, belegen, dass hier mehrsprachige Autoren schrieben. Zudem wussten die Schreiber einerseits, was beim einfachen Publikum ankam und konnten Geschichten in Form von Mythen erzählen. Andererseits bauten sie mit den Namen und der Situationskomik Logicals für intelligente Menschen ein, die über die einfachen abergläubischen Galiläer lachen sollten. Dies spricht für Profis, die Erfahrung mit Volk und Aristokratie hatten. Zudem mussten die Verantwortlichen sehr gute Kontakte zu Kaiser und Senat haben, damit sie Texte mit solch sozialen Sprengstoff publizieren konnten.

Welche mit den Römern befreundete jüdische Priesterfamilie hätte ein Interesse daran gehabt, dass diese Interpretationen der Vorkriegszeit nach dem judäischen Aufstand publik wurden? Die politische Perspektive, wie sie in den Evangelien dargestellt wird, könnten die Hasmonäer vertreten haben. Sie wurden als Hohepriester-Könige einst von den Herodianern abgesetzt, wollten wieder an die Macht und kooperierten im judäischen Aufstand mit den Flaviern, um die Galiläer wieder zu unterwerfen. Sie mussten als Israeliten die hellenistische Bevölkerung davon überzeugen, dass nicht das Tempeljudentum, sondern die neue Sekte der Christen für die Aufstände in Judäa verantwortlich war. Es mussten zudem Freunde des Kaisers sein, die ihre Treue bereits durch die offizielle Kriegschronik sowie die Geschichte des Judentums unter Beweis gestellt hatte und daher weiterhin publizieren durften.

Was hätte ihnen diese Sektengründung genutzt? Da der Tempel in Jerusalem zerstört worden war und die Hasmonäer den pharisäischen Juden als Überläufer und Verräter galten, waren sie als Hohepriester arbeitslos. Die Christen hätten als Sekte mit ihrem Zehnten die Kriegsausfälle sowie einen eventuellen neuen Tempel bezahlen dürfen. Zudem hätten sie die aufständischen Galiläer als auch die hinzukommenden hellenistischen Bevölkerungsanteile des römischen Reiches als Religionsführer für/gegen die Flavier lenken können. Dass die römischen Herrscher die Aufgabe dieser Sekte von Möchtegern-Aufständischen verstanden, zeigen sowohl die Christenverfolgungen, die die notwendigen Märtyrer-Vorbilder schufen, als auch die ausbleibenden Verhaftungen von Päpsten im Rom. Es waren die Neo-Flavier, die das Christentum später sogar zur Staatsreligion erhoben.

 

 

Literatur

 

Flavius Josephus: De Bello Judaico. Übersetzt: Der jüdische Krieg und kleinere Schriften. Marix-Verlag, Wiesbaden 2005.

 

Flavius Josephus: Antiquitates Judaicae. Übersetzt: Jüdische Altertümer. Marix-Verlag, Wiesbaden 2011.

 

James N. Frey: THE KEY. Die Kraft des Mythos. Wie verdammt gute Romane noch besser werden. Emons, Köln 2001.

 

Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1999.

 




Der Würfelmond — eine ernste Kurzsatire

Kugel-Wuerfelmond_BeschriftungIch glaube [*], dass der Mond ein Würfel ist.

Außerdem glaube ich, dass jeder, der dies ebenfalls glaubt, eine Chance hat, ins Paradies zu gelangen, während jeder, der dies nicht glaubt, in die Hölle kommt.

Nun hat jeder die freie Wahl.

Niemand wird zu irgendetwas genötigt [*]. Niemandem wird ein Schaden zugefügt. Es wird damit kein Machtanspruch erhoben.

~ ~ ~

Kugel-Wuerfelmond_Beschriftung

Es mag absurd erscheinen, zu glauben, dass der Mond ein Würfel sei.
Nun denn …

… dass er den Geschlagenen die freie Wahl zwischen Tod und seinem Glauben lässt: Das ist mit Sicherheit etwas, das kein Mensch entschuldigen kann, […], es sei denn, der Aberglaube hat ihm jedes natürliche Licht erstickt.
_____
Voltaire in einem Brief an Friedrich den Großen, in dem er sich über den Islam-Erfinder Mohammed äußert.
(Correspondance II. 1739–1748)

Ähnlichkeiten mit manchen Religionen sind (k)ein Zufall.

_____
[*] Vgl. Artikel 4 Satz 1 GG (Freiheit des Glaubens …), sowie § 240 StGB (Nötigung)


Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net




Die seelisch Verletzten — Eine Geschichte in zwei Teilen

African-Proverb_Despotismus_Kombi_72
For the English version of this post, please refer to
The mentally injured – A story in two parts
.

Über Hilflosigkeit, über Frust und Verzweiflung

Wird Kritik an patriarchalen Strukturen oder Verhaltensweisen, an Diskriminierung (vulgo «Rassismus»), oder an Despotismus geübt, ist es manchmal nicht unwichtig, wie diese Kritik formuliert wird, und insbesondere, wer sie ausspricht.

DER GESCHICHTE EINER TEIL

In einer Rede, die die Norwegerin Deeyah Khan, Tochter eines Pakistani und einer Afghanin, im Jahr 2016 im Rahmen der Veranstaltungsreihe TEDx Talks hielt (siehe auch die TED-Website), erzählt sie zunächst aus ihrer Kindheit und Jugend in Norwegen in einer muslimischen, nicht besonders religiösen Familie. Es sind Erlebnisse und Erfahrungen, die nicht auf ein bestimmtes Land oder auf einen bestimmten Kulturkreis beschränkt sind, Erlebnisse und Erfahrungen, die es in ähnlicher Weise überall gibt.

Wie sie von ihrem Vater gedrängt, nein rabiat gezwungen wurde, ein Musikinstrument und Gesang zu erlernen, Musik zu machen und damit öffentlich aufzutreten;

… von einem „weißen“ Norweger nur wegen ihrer südasiatischen Abstammung (als ob sie sich damit etwas hätte zuschulden kommen lassen) bespuckt und beschimpft wurde;

… von Menschen aus „ihrem“ islamisch geprägten Kulturkreis — sie spricht von «brown people» — wegen ihrer öffentlichen Auftritte in einer Musikgruppe angefeindet, angegriffen und mit Morddrohungen konfrontiert wurde.

Wie sie deswegen aus „ihrem“ islamisch geprägten Umfeld keinerlei Anteilnahme oder Hilfe erfuhr;

… während ihrer späteren Arbeit in Hilfsorganisationen erkannte, dass ihre persönlichen Erlebnisse in „ihrem“ islamisch geprägten Umfeld, in dem die „Ehre“ und der Ruf der Familie oder der Gruppe bestimmende Größen für das Zusammenleben sind, keine Ausnahme, sondern die Regel darstellen;

… während dieser Arbeit desorientierten jungen Menschen — insbesondere jungen Männern — begegnete, die in dem Spannungsfeld von autoritärer, auf Einschüchterung setzender Erziehung einerseits und Diskriminierungserfahrungen andererseits keine eigene Persönlichkeit aufgebaut hatten, und die persönliche Gewalterfahrungen an andere weitergaben.

Sie erzählt von jungen Menschen, die auf dem Weg zum Erwachsenwerden nach Vorbildern, nach Orientierung, nach Gruppenzugehörigkeit und Halt suchen und wie ihnen dies von «braunen Männern mit Bärten», von «zynischen alten Männern, die Blut für ihren eigenen Profit verwenden wollen», wie Deeyah Khan sie nennt, nur scheinbar gegeben wird (vergl. die Sekten-Checkliste).

Deeyah Khan zeigt auf, wie nicht Selbstausgrenzung in Parallelgesellschaften, nicht Hass, nicht die ständige Opferrolle, sondern Akzeptanz der Werte des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaats und des individuellen Selbstbestimmungsrechts aus der Spirale der Gewalt herausführt.

An muslimische Eltern richtet Deeyah Khan die Frage:
«Können Sie sich für sie (für Ihre Kinder) anstatt für Ihre Ehre entscheiden?»

Sie zitiert passend dazu ein afrikanisches Sprichwort:

Wenn die Jungen nicht in die Dorfgemeinschaft eingeführt (aufgenommen) werden, werden sie das Dorf niederbrennen, nur um seine Wärme zu spüren.


Den vollständigen Text der Rede von Deeyah Khan gibt es als PDF (48 Seiten) synoptisch English-Deutsch,
und einen Cover für die Printausgabe.

* * *

DER GESCHICHTE ANDERER TEIL

Image Problem (mit Erlaubnis durch Cox & Forkum)

  • Das Recht auf freie Meinungsäußerung fügt niemandem einen Schaden zu.
  • Eine Karikatur zu zeichnen oder zu veröffentlichen fügt niemandem einen Schaden zu.
  • Jemandem den Kopf abzuschneiden fügt demjenigen einen Schaden zu,
    dem der Kopf abgeschnitten wird.

~ ~ ~

Am 16. Oktober 2020 wurde der Lehrer Samuel Paty in dem Ort Conflans-Sainte-Honorine nahe Paris in Frankreich ermordet. Paty hatte in einer Unterrichtsstunde die Meinungsfreiheit bzw. das Recht auf freie Meinungsäußerung thematisiert, ein Rechtsgut, das in Frankreich wie auch in vielen anderen Ländern zu den verfassungsmäßig garantierten Grundrechten gehört.
Im Rahmen der Unterrichtsstunde hatte er u.a. eine Karikatur aus der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo verwendet und den Schülern — nach einem Hinweis, dass sie den Klassenraum ggf. vorher verlassen dürften, falls sie die Karikatur nicht sehen wollten — gezeigt. In der Karikatur war gemäß Bildbeschreibung der Erfinder und Prophet des Islams, Mohammed, abgebildet.
In der Wikipedia sowie in anderen öffentlichen Medien wurden die Tat, deren Vorgeschichte sowie der Tathergang und internationale Reaktionen auf die Tat breit thematisiert (siehe den Beitrag «Anschlag in Conflans-Sainte-Honorine» in der Wikipedia).

~ ~ ~

Zunächst ein paar kurze Anmerkungen zu den drei Punkten oben am Beginn des zweiten Teils dieses Beitrags.

  • Das Recht auf freie Meinungsäußerung fügt niemandem einen Schaden zu:

Das Recht auf freie Meinungsäußerung, welches ein allen Menschen in diesem Land gewährleistetes Grundrecht ist, unterscheide ich von einer einzelnen Meinungsäußerung — also einer Handlung einer Person –, die jemandem selbstverständlich dann einen Schaden zufügen kann, wenn in der Meinungsäußerung z.B. eine Diffamierung (Verunglimpfung) oder eine Verleumdung enthalten ist. In solchen Fällen ist die Meinungsäußerung eine Straftat — siehe die §§ 185 bis 189 StGB (in Deutschland). Die bloße Grundrechtsgarantie verursacht jedoch keinen Schaden, verpflichtet oder zwingt niemanden, seine Meinung zu äußern, hält aber auch niemanden davon ab.

  • Eine Karikatur zu zeichnen oder zu veröffentlichen fügt niemandem einen Schaden zu:

Beim Zeichnen einer Karikatur wird eine Idee eines Zeichners grafisch umgesetzt, es wird der Strich eines Zeichenwerkzeugs auf ein Blatt Papier aufgetragen; ein Schaden entsteht dadurch niemandem (es sei denn, man wollte einen Schaden darin erkennen, dass sich der Zeichner der Karikaturen bezeiten ein neues Zeichenwerkzeug kaufen muss).
Wird die Karikatur veröffentlicht, mag sich eine lebende Person, die in der Karikatur dargestellt ist, trotz verzerrter Physiognomie darin wiedererkennen. Einigen Karikaturisten gelingt es, Charaktereigenschaften, die einer Person zugeschrieben oder angedichtet werden, zeichnerisch umzusetzen. Dies ist besonders beispielhaft in Karikaturen bekannter Personen des öffentlichen Lebens wie z.B. solchen des 45sten Präsidenten der USA, Donald Trump, zu sehen.
Derlei Darstellungen mögen den karikierten Personen gefallen oder auch nicht; sollten sie der Meinung sein, dass ihnen durch die Veröffentlichung solcher Darstellungen ein tatsächlicher Schaden entstanden ist, steht ihnen der Rechtsweg offen. Ebenso, wenn sie sich durch die verzerrte Darstellung beleidigt oder sonstwie in ihren Rechten verletzt fühlen sollten.

Screenshot: Karikaturen Donald J. Trump (eigenes Werk)

  • Jemandem den Kopf abzuschneiden fügt demjenigen einen Schaden zu, dem der Kopf abgeschnitten wird:

Das Zufügen einer Körperverletzung mit Todesfolge, Totschlag sowie Mord wird m.W. in allen Ländern der Erde als Straftat respektive als Verbrechen geahndet. Das Opfer einer solchen Tat ist nach Tatbegehung tot, die Tat wird als Offizialdelikt strafrechtlich verfolgt.

~ ~ ~

Nach der Ermordung des Lehrers Samuel Paty (siehe oben) kam es in einigen Ländern zu Demonstrationen, in den (sozialen) Medien wurde Protest laut. Die Demonstrationen richteten sich in wenigen Fällen gegen die Ermordung des Lehrers, in vielen anderen Fällen jedoch dagegen, dass er während einer Unterrichtsstunde das Recht auf freie Meinungsäußerung thematisiert und als anschauliches Beispiel dazu eine Karikatur gezeigt hatte.

Bildliche Darstellungen des Islam-Erfinders und Propheten Mohammed führen, insbesondere dann, wenn es sich bei den Darstellungen um Karikaturen handelt — und anders als bei vergleichbaren Darstellungen anderer Personen — regelmäßig dazu, dass auf eine (weltweite !) Einschränkung des Rechts auf freie Meinungsäußerung gedrängt wird. Oft reicht es, dass jemand nur vom Hörensagen — oder gar gerüchteweise — Kenntnis von derlei Darstellungen bzw. Karikaturen erlangt hat statt die Bilder selber gesehen zu haben. Der Grund, warum der Islam-Erfinder und -Prophet Mohammed karikiert oder warum eine Karikatur von ihm gezeigt wird, spielt dabei keine Rolle, Zusammenhänge scheinen belanglos oder werden nicht reflektiert.

In einem Leserkommentar, der zu einem Facebook-Eintrag veröffentlicht wurde (siehe den anonymisierten Screenshot unten) dessen Aussagen man, bei ähnlicher Wortwahl, sehr häufig begegnen kann, kommt zum Ausdruck, welches die Beweggründe für so manche Äußerung sein mögen:

[…] Unser Prophet Mohamed sws war KEIN Islamist oder Terrorist. Die Karikaturen beleidigen unseren Propheten, der sehr wichtig für uns Muslime ist. Für nicht-gläubige Menschen ist das schwer nachvollziehbar, das versteh ich weil ich selbst mal zu diesen Personen gehört habe. Aber gläubige Christen oder Juden können das eher nachvollziehen. Die Liebe zu unserem Propheten ist daher sehr gross und schwer zu beschreiben. […]

Screenshot eines Facebook-Kommentars (eigenes Werk; Click für vergrößerte Ansicht)

Wie man jemanden noch beleidigen kann, der seit bald 1400 Jahren tot ist, erschließt sich mir nicht, denn der angeblich Beleidigte hat keine Möglichkeit, sich beleidigt zu fühlen oder auf die Beleidigung mit juristischem Vorgehen zu reagieren. In Deutschland ist der Straftatbestand der Beleidigung ein Antragsdelikt.

Die Worte «Die Liebe zu unserem Propheten ist daher sehr gross und schwer zu beschreiben.» in obigem Kommentar drücken m.E. eine Idealisierung und Verklärung, aber auch eine Identifizierung mit dem Islam-Erfinder und -Propheten Mohammed aus. Und sie lassen eine Hilflosigkeit erkennen, zumindest eine Hilflosigkeit in der Argumentation.

Die Idealisierung und Verklärung kann bis in den Bereich der Verkitschung gehen, wie sie auch in einigen anderen Fällen zu beobachten ist, in denen Wunschvorstellungen die allgemein wahrnehmbare Wirklichkeit überlagern oder verzerren. Jede Kritik wird dann mglw. als persönlicher Angriff gedeutet.

In der Identifizierung mit einer anderen Person kommt zum Ausdruck, dass die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit (schwer) beschädigt wurde, wie es Deeyah Khan in dem oben, im ersten Teil dieses Beitrags besprochenen Video, darlegt. Gruppendruck, der die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit behindert oder gar unterbindet, tut ein Übriges.
Der Protest gegen sog. Mohammed-Karikaturen ist dann lediglich eine Ersatzhandlung. Eigentliches Ziel des Protests ist der Despotismus, sind die — nicht nur dem Islam innewohnenden — patriarchalen Herrschafts-, Gesellschafts- und Machtstrukturen — ein Protest, wie er sich z.B. auch während des Arabischen Frühlings in mehreren islamischen Ländern entladen hat.

ZUM SCHLUSS

Der Islam — oder andere den Freiheitswillen der Menschen einschränkende oder unterdrückende Religionen und sonstige Ideologien –, oder rechtsreaktionäre, faschistoide Akteure wie z.B. Salafisten und andere sehr konservative Vertreter, Befürworter und Verteidiger oder auch Sympathisanten und Solidarische des Despotismus und der Einschüchterungen sowie Rechtsextremisten, die häufig die Gelegenheit nutzen, Respekt für den Islam und dessen Erfinder einzufordern, die umgkehrt jedoch nicht immer bereit sind, Respekt für die Werte des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat sowie für die Allgemeinen Menschenrechte in gleichem Maße zu erbringen geschweigedenn den Vorrang auch nur der Grundrechte über allen religiösen Vorschriften und Geboten anzuerkennen, jener Grundrechte, die wegen des Gleichheitsgrundsatzes vor dem Gesetz (in Deutschland Artikel 3 Satz 1 GG) für alle Menschen gleichermaßen gelten, sind in diesem Gefüge nicht die Lösung, sondern das Problem, das es mit den Mitteln und Möglichkeiten des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaats wie z.B. dem Recht auf freie Meinungsäußerung zu überwinden gilt.

_______
_____
___
_
.


Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net




Humanismus in der Uto Pia

Thomas Morus(Von Dr. Andreas E. Kilian, Gastautor).

Im christlichen Abendland werden Juden seit fast 2000 Jahren ausgegrenzt, verfolgt und ermordet. Während lokale Widerstände gut dokumentiert sind, ist die europaweit organisierter Hilfe für die Verfolgten bis heute unbekannt. Gebildete Staatsmänner setzten im 16. Jahrhundert auf den Humanismus als Utopie. Ein Bestseller gibt Auskunft über ihre Vorgehensweise.

 

Der Bestseller

 

Im Jahr 1516 erschien ein bis dahin einzigartiger Roman über die bestmögliche Staatsverfassung, die auf der Insel Utopia realisiert sein sollte [Morus 1516]. Der fantastische Reisebericht begründete ein ganzes Genre und über den Inhalt wird bis heute kontrovers diskutiert. Die einen sehen im ihm eine Anspielung auf die edlen Wilden, die im neu entdeckten Amerika leben sollten. Die anderen vermuten eine philosophische Diskussion über die beste Staatsform, die an die Vorbilder der griechischen Antike anknüpft. Wieder andere glauben eine Satire auf das England jener Epoche sehen zu können, die zu Sozialreformen aufruft [Morus 2012]. Der Autor hüllt sich offiziell in Schweigen zu seinem Werk, doch seine Fantasie folgt festen Regeln und gibt so mehr Preis, als bisher angenommen.

 

Ironie als Marker

 

Auffällig sind seit jeher die an das Altgriechische erinnernden Namensschöpfungen in dem ansonsten lateinisch geschriebenen Text. Für einen brillant gebildeten Humanisten – wie der Autor Thomas Morus sicher einer war – sind die Übersetzungen ins Altgriechische dermaßen schlecht, dass die Leser sich fragen müssen, was der Autor wirklich damit sagen wollte.

Erzählt wird von Achoriern (Landlosen), den Alaopoliten (Leuten aus dem Staat ohne Menschen), einer Amaurotum (nebelhaften Vision) sowie von einem Ademus (König ohne Volk) und Gemeindevorstehern, die als Syphogranten (Älteste des Schweinestalls) bezeichnet werden. Der fiktive Informant dieses Reiseberichtes wird vom Autoren als Raphael Hythlodeus (Gott heilt durch den Schwätzer) betitelt. Selbst der lateinisierte Name des Autors, Morus, lässt sich als Narr deuten [Morus 2012].

Auch das Wort Utopia wird meist altgriechisch interpretiert, da das englische U-Topos ein Homophon zu den Wörtern Ou-Topos (Nicht-Land) und Eu-Topos (Schönes-Land) bilden kann. Aber obwohl der Roman bis auf einige Namen in Latein geschrieben wurde, wird die lateinische Übersetzungsmöglichkeit bis heute nicht diskutiert: Uto-Pia, zu deutsch „ich nutze die Fromme“. Wer ist diese Fromme?

 

Kryptische Einleitung

 

Bei der ersten Auflage war noch eine mystische Schrift auf dem Buchcover zu sehen und bevor der Roman beginnt gibt der Autor eine kurze Kostprobe von der Schrift und der Sprache der Utopier. Altgriechische und arabisch-persische Wortfetzen bilden einen Fantasietext, den der Autor für die phonetisch interessierten Leser in lateinische Lettern überträgt sowie in ein lateinisches Tetrastichon übersetzt. Der Gründer des Inselstaates offenbart hierin eine kryptische Botschaft und lädt mit seinem Namen Utopus (Ut-Opus, benutze das Werk!) dazu ein, nach weiteren Hinweisen zu suchen.

Zusätzlich bittet der Autor seinen Freund Petrus Aegidius in der Vorrede den Text sorgsam nach Fehlern abzusuchen und gegebenenfalls auch den Protagonisten Raphael Hythlodeus zu fragen, ob alles richtig geschrieben worden sei. Es scheint, als ob die Fehler der Schlüssel zum Werk seien.

 

Geheime Botschaften

 

Der durch diese Ermahnungen sensibilisierte Leser wird schnell fündig. In der Vorrede des Romans existiert ein Satz, der aus zwei vollkommen verschiedenen Inhalten zusammengesetzt wurde. Zuerst weist der Autor auf seinen Zögling hin, der in Latein und Altgriechisch sehr gute Fortschritte gemacht hätte. Dann fragt er nach, ob eine Brücke in der Stadt Amauroticum (Nebel) über den Fluss Anydrus (wasserlos) 500 Schritte lang oder vielleicht doch 200 Schritte kürzer sei. So, als ob dies nicht vor dem Druck des Romans hätte geklärt werden können. Der Altsprachler wird hier stutzig, denn die Namen können sowohl altgriechisch als auch lateinisch interpretiert werden. Allerdings müssten die Silben hierfür in die richtige Reihenfolge gebracht werden. Wenn dies ein Logical für die Leser sein soll, in dem zwei Sprachen mit Hilfe von Mathematik ineinander übersetzt werden sollen, dann heißt die Frage: wie?

Thomas Morus verwendet einen Code, dessen mathematische Grundlagen bereits dem General und Hohepriester Flavius Josephus im judäischen Aufstand (66-70 n.u.Z.) das Leben retteten [Flavius Josephus]. Dem Flavier zu Ehren wird dieses Abzählen heute als Josephus-Permutation bezeichnet. Zur Dechiffrierung wird jede siebte Silbe herausgenommen und in der neuen Folge angeordnet, ähnlich wie Kinder beim Fangenspielen heute noch mit „Ene-Mene-Muh“ abzählen.

 

Silbenfolge:

Am1 a2 ur3 o4 tic5 umAn7 yd8 rus9

 

Transposition:

An7 tic5 o4 umrus9 ur3 yd8 Am1 a2

 

In Worten:

Anticoum rus ur id ama

 

Übersetzt:

Verbrenne das alte Land! Liebe dieses!

 

Welches landlose Volk soll dieser Einladung wohin folgen?

 

Merkwürdige Nachbarn

 

Im ersten Buch seines Romans weist der Autor auf die Sitten der Einwohner von drei Staaten hin, die in der Nähe der Insel Utopia liegen sollen. Da ist die Rede von Polyleritas (Unsinnmachern), Achoriorum (Leuten aus Nirgendwo) und Macarensium (Seeligen). Humor, der zum Dechiffrieren einlädt.

 

Silbenfolge:

Pol1 yl2 er3 it4 as5 Ach6 or7 i8 o9 rum10 Ma11 car12 ens13 i14 um15

 

Transposition:

or7  i14 ach6 um15 o9 er3 ens13 ma11 rum10 car12 yl2 i8 pol1 it4 as5

 

In Worten:

ori acu moerens marum Caryli politas

 

Übersetzt:

Entstehe Nadel der klagenden Sündenböcke zu den Gebildeten des Karl!

 

Wer sind diese Sündenböcke und wer sind Karl und die gebildeten Frauen? Und was hat dies alles mit der Frommen zu tun?

 

Geheimnisvolle Nachbarvölker

 

Die Suche im zweiten Buch des Romans zeigt eine weitere Liste mit Einwohnern der Nachbarstaaten Utopias. Neben den Utopiern werden Anemolier (Aufgeblasene), Alaopoliten (Leute aus dem Staat ohne Leute), Nephelogeten (Leute aus Wolkenkuckucksheim) und Zapoleten (die sich verkaufen) erwähnt. Auch die Silben dieser Fantasienamen lassen sich neu transpositionieren.

 

Silbenfolge:

Ut1 o2 pi3 en4 si5 um6 An7 em8 ol9 i10 o11 rum12 Al13 a14 o15 po16 li17 tas18 Neph19 e20 log21 et22 a23 rum24 Zap25 o26 let27 is28

 

Transposition:

An7 a14 log21 is28 em8 po16 rum24 en4 Al13 a23 si5 li17 let27 o11 Zap25 i10 o26 o15 pi3 et22 Neph19 tas18 e20 o2 rum12 Ut1 um6 ol9

 

In Worten:

Analogis emporum in alas ili leto capio opi et neptas eorum utu mol

 

Übersetzt:

Du ziehst groß im gleichen Handelsplatz, ich töte das Innere, ich greife ein mit der Macht und den Enkelinnen, ihrer mahle du, wie auch immer!

 

Es geht um zukünftige Händler, die sich eine neue Existenz aufbauen sollen, staatsinterne Streitigkeiten sowie um Heiratskandidatinnen. Wer ist wer?

 

Beredte Städtenamen

 

In der Vorrede heißt eine Stadt noch Amauroticum. Im zweiten Buch lautet der Name auf einmal durchgehend Amaurotum (Nebelstadt). Ist dies ein Tippfehler der Setzer oder gar Absicht des Autors? Eine zweite Stadt soll Mentirano (Lügenburg) sein. Doch der Weltreisende Hythlodeus hat noch eine weitere Stadt besucht.

 

Silbenfolge:

Ant1 ver2 pi3 ae4 Am5 a6 ur7 o8 tum9 Ment10 ir11 an12 o13

 

Transposition:

ur7 Ant1 tum9 ae4 no13 tir11 Men10 a12 pi3 over2 Am5 a6

 

In Worten:

urant tum aeno tir menapio ver ama

 

Übersetzt:

Liebe den Neuanfang (Frühling) mit dem unbezwingbaren Menapier als Rekruten (Lehrling), dann würden sie brennen

 

Der gallische Stamm der Menapier siedelte einst zwischen der Maas und der Schelde. Dort, wo heute Antwerpen, Maastricht und Brüssel liegen. Diesen Stamm sollen die Flüchtlinge in etwas ausbilden, dann würden „andere“ brennen.

 

Alte-neue Inselnamen

 

Der alte Name von Utopia soll Abraxa lauten. Dies könnte mit „regenlos“ übersetzt werden, was allerdings recht frei wäre. Werden jedoch alle im Roman erwähnten Gewürzinseln aufgelistet, die mit altgriechischem Namen genannt werden und die der Weltreisende Raphael Hythlodeus besucht haben soll, so zeigt sich bei der Dechiffrierung folgender Text.

 

Silbenfolge:

Ta1 pro2 ban3 en4 Cal5 iqu6 it7 Ab8 rax9 a10

 

Transposition:

it7 en4 pro2 Ta1 ban3 iqu6 a10 Cal5 Ab8 rax9

 

In Worten:

ite in prota banni, qua cal abras

 

Übersetzt:

Geht gleich am Anfang nach dem Bann, redet irgendwie mit den Dienstmädchen!

 

Um welchen Bann und wessen Dienstkräfte handelte es sich? Was war kurz vor der Veröffentlichung der Utopia geschehen?

 

De Magistratibus

 

Beim Auflisten der Titel von Obrigkeiten legt der Autor größten Wert darauf, dass die Leser sowohl die ehemaligen als auch die aktuellen Bezeichnungen erfahren. Neben den Ortsvorständen, Vorstehern und Fürsten fehlen jedoch zwei Titel. Der allererste und der aktuelle Herzog müssen der Liste hinzugefügt werden.

 

Silbenfolge:

Mo1 rus2 Ut3 op4 us5 Phyl6 arch7 us8 Sy9 pho10 grant11 um12 Tran13 i14 bor15 us16 Pro17 to18 phyl19 arch20 us21 Bar22 zan23 em24 Ad25 e26 mum27

 

Transposition:

arch7 i14 us21 Mo1 Sy9 Pro17 Ad25 Phyl6 us16 em26 pho10 arch20 op4 to18 Ut3 phyl19 us8 em24 bor15 um12 grant11 Tran13 zan23 us5 Bar22 um27 rus2

 

In Worten:

archius Mosi pro ad philus empo arch opto, ut philus emporum grand trans annus barum rus

 

Übersetzt:

Ich wünsche das Archiv des Moses vorweg zum Freund des Handelsvorstehers, gebrauche den großen Markt des Freundes über das Jahr im Land der Barone/Tölpel

 

Baro kann sowohl Baron als auch Tölpel bedeuten. Der Freund ist noch unbekannt, doch die aufgeforderte Gruppe der Eingeweihten ist im Besitz des Erbes von Moses.

 

Religiöse Begriffe

 

Werden alle pseudo-altgriechischen Begriffe aus dem religiösen Zusammenhang in ihre Reihenfolge laut Buch gebracht, so kann Folgendes entziffert werden.

 

Silbenfolge:

Bu1 thres2 cas3 Cy4 ne5 mer6 nos7 Tra8 pe9 mer10 nos11

 

Transposition:

nos7 cas3 nos11 pe9 Tra8 mer10 thres2 mer6 Bu1 Cy4 ne5

 

In Worten:

noscas nos petra mer tres mer bucine

 

Übersetzt:

Du erkennst uns am Stein, erwirb drei, erwirb ein Hirtenhorn

 

Wer von den Eingeweihten den Intelligenztest besteht, darf nach „Utopia“ einwandern, wird von den Auftraggebern entsprechend empfangen und in die Bruderschaft eingeführt. Es sollen also nicht alle aus dem Volk Mose kommen, sondern am Anfang nur die Besten der Besten.

 

Der Adressat

 

Bereits im Jahr 1518 erschien der Roman in einer neuen Auflage und mit einem neuen Buchtitel. Nun hieß es: „De optimo reip. Statu, deque nova insula Utopia, libellus vere aureus, nec minus salutaris quam festivus,…“, während es vorher noch „Libellus vere aureus, nec minus salutaris quam festivus, de optimo reip. statu deque nova insula Utopia.“ lautete. Die Satzteile wurden vertauscht. Ein kleiner aber entscheidender Unterschied, der die Dechiffrierung verhindern konnte, denn nur das Original von 1516 ergibt einen Sinn.

 

Li1 bell2 us3 ver4 e5 au6 re7 us8 nec9 min10 us11 sa12 lut13 a14 ris15 quam16 fes17 ti18 vus19, de20 op21 tim22 o23 re24 ip25 stat26 u27 de28 que29 nov30 a31 ins32 ul33 a34 Ut35 o36 pi37 a38

 

re7 a14 ob21 de28 ut35 ver4 sa12 de20 que29 pi37 us8 fes17 stat26 o36 nec9 fus19 a31 us3 quam16 nov30 e5 tim22 a34 lut13 ins32 us11 ul33 ti18bell2 u27 re24 o23 ip25li1 ris15 a38 au6 min10

 

rea opde ut versa deque pius fes stato nec fusa usquam noveti malut in sus ulti bellu reo ipli risa au min

 

Angeklagte, stelle (dich) entgegen! gebrauche! wende! und trete bestimmt auf gegenüber dem Frommen, auch nachdem ihr zerstreut worden seid, ihr könnt irgendwo erneuern das Übel, wenn ihr den Krieg gegen das Schwein gerächt habt, Angeklagter, gehe um ein vielfaches stärker, nachdem du verspottet wurdest, bewahre die Mahnung

 

Der Inhalt ist telegrammstilartig, was der Chiffrierung geschuldet ist. Thomas Morus ruft die in aller Welt verstreut lebenden Eingeweihten zur Besinnung auf, sich nicht an den Christen für die Vertreibung der „Schweine“ zu rächen. Er will mit Hilfe der „Pia“ anders vorgehen. Das „Wie“ ergibt sich aus dem „Who is who“.

 

Die Migranten

 

Im Januar des Jahres 1492 eroberten Ferdinand II. von Aragonien und León sowie Isabella von Kastilien die spanische Provinz Granada von den Muslimen zurück. Da die Vorfahren der Juden die Muslime einst freundlich empfangen hatten, folgte die Rache der christlichen Herrscher auf dem Fuße. Bereits im März desselben Jahres wurde das Alhambra-Edikt erlassen. Hunderttausende sephardischer Juden mussten entweder Spanien binnen drei Monaten verlassen oder konvertieren. Im Jahr 1497 folgte Portugal mit der Ausweisung aller Juden. Viele wechselten in ihrer Not zum christlichen Glauben, doch das Massaker von Lissabon zeigte noch im Jahr 1506, dass auch konvertierte Juden nirgends sicher leben konnten. Von den Christen wurden sie nur verächtlich Marranos, Schweine, genannt und die Inquisition saß den Anusim, den Gezwungenen, im Nacken. Versklavungen, Zwangstaufen, Folter und Hinrichtungen waren für sie an der Tagesordnung. Wo war der Staat, die rettende Insel, die die Flüchtigen aufnahm?

 

Carylus

 

Als sein Vater Philipp I. im Jahr 1515 starb, erbte Karl die burgundischen Niederlande. Anfang des Jahres 1516 hinterließ sein Großvater Ferdinand II. dem jungen Karl die spanischen Königreiche von Kastilien, León und Aragón sowie den Titel König Carlos I. von Spanien. Mit dem Tod seines Onkels Maximilian I. erbte Karl den Thron von Österreich und ging 1519 als Kaiser Karl V. des Heiligen Römischen Reiches in die Geschichte ein.

Thomas Morus versprach sich im Erscheinungsjahr der Utopia 1516 also politische Veränderungen von dem jungen Habsburger und sah neue Hoffnungen für die Sepharden und Konvertiten. Doch – wie im Roman von ihm erwähnt – wollte Thomas Morus nicht den König beraten, da solche Empfehlungen von allen Ministern diskutiert würden. Er wollte diejenige beraten, auf die der König freiwillig hören würde.

 

Uto Pia

 

Im Auftrag des englischen Königs Heinrich VIII. war der Autor zwischen 1510 und 1516 mehrfach als Diplomat in den Niederlanden. Hier traf er nicht nur Erasmus von Rotterdam, den Hofberater und Lehrer von Karl, sondern lernte auch die „fromme“ Margarete von Österreich kennen. Als Tante von Karl war sie von 1507 bis Januar 1515 sowohl Regentin der habsburgischen Niederlande als auch dessen Vormund. Im Erscheinungsjahr der Utopia war sie bereits von Kaiser Maximilian I. abgesetzt („gebannt“) gewesen. Wahrscheinlich, da sie ihm zu selbstständig regierte und Karl nun vorzeitig für mündig erklärt wurde. Morus setzte mit der „Frommen“ nicht nur auf die interne weibliche Opposition im Hause Habsburg. Er setzte auch auf die Humanistin, denn Margarete hatte in Mechelen ein Zentrum für Humanismus gegründet und verkehrte mit den führenden Köpfen der Aufklärung. Sie wollte neue Ideen umsetzen. Zudem war sich Thomas Morus bewusst, dass Margarete für Karl ein Mutterersatz und seine vertrauteste Beraterin war.

Der englische Diplomat irrte sich 1516 nicht in der Beziehung des jungen Königs zu seiner Tante. Als Karl seinen Thron in Spanien gesichert hatte, setzte er Margarete 1517 wieder als Statthalterin in den Niederlanden ein. Während Karls Schwestern Eleonore, Isabella und Maria in Mechelen weiterhin humanistisch erzogen wurden, zog Thomas Morus die diplomatischen Fäden im Hintergrund. Die sephardische Intelligentia wanderte unterdessen tatsächlich in ihr Utopia, die Niederlande, ein.

 

Die Nadeln der gebildeten Frauen

 

Bella gerant alii, tu felix Austria nube.“ Dienst hieß bei Habsburgern sich dem Staatswohl unterzuordnen und strategisch zu heiraten. Die „Dienstmädchen“ von 1516 werden dieser Aufgabe nachkommen und als Eleonore von Kastilien (Königin von Portugal und Frankreich), Isabella von Österreich (Königin von Dänemark, Schweden und Norwegen) sowie Maria von Ungarn (Königin von Böhmen und Ungarn) in die Geschichte eingehen. Die Nadeln für die „gebildeten“ Humanistinnen können heute nicht mehr identifiziert werden. Doch die Diplomatie hatte sich gelohnt, denn die Dienstmädchen investierten in die Bildung ihrer Länder.

Nach dem Tod der „Pia“ übernahm Maria von Ungarn von 1531 bis 1556 das Amt der Statthalterin der Niederlande. Sie war als Schwester von Karl V. maßgebend an der Vereinigung der 17 Provinzen beteiligt und kokettierte mit dem Protestantismus. Sie schuf als geschickte Vermittlerin zwischen allen Parteien die Grundlage zur Unabhängigkeit der Niederlande sowie zur Union von Utrecht, die die Religionsfreiheit garantierte.

Eine Nadel von Karl V. wurde Josel von Rosheim. Er rang dem Kaiser im Jahr 1520 die Judenordnung ab, verteidigte seine Glaubensbrüder 1539 persönlich gegen Luther und bewirkte 1541 die Abschaffung der Leibzölle für Juden sowie das Tragen der Judenabzeichen. Zwar nahm Karl V. das Vertreibungsedikt von 1492 nicht zurück und hielt an der Inquisition fest, doch gewährte er den Juden anlässlich seiner Krönung Schutz im Reich sowie ab 1544 einige liberale Rechte. Damit legten die Nadeln das Fundament für eine neue Gesellschaftsform.

 

Der Philus

 

Auf den ersten Blick könnte vermutet werden, dass aschkeniasische Juden den sephardischen Juden als Freunde zu Seite gestanden hätten. Doch Thomas Morus verwendet das Wort Philus (Freund) im Singular. Er meint also eine bestimmte Person, die er auch im Roman so bezeichnet.

Petrus Aegidius wird in der Vorrede darum gebeten, den Roman auf „Fehler“ hin zu untersuchen. Konnte der Humanist die Marker identifizieren und den Code entziffern? Tatsache ist, dass jener brillante Stadtschreiber und Lektor als Humanist seiner Zeit des Lateinischen und des Altgriechischen mächtig war. Er hat die merkwürdigen Übersetzungen des Morus daher höchstwahrscheinlich bemerkt. Kannte er aber auch den Code?

Der Lektor des Romans arbeitete als Stadtschreiber in Antwerpen und hieß mit bürgerlichem Namen Peter Gillis. Dieser Familienname ist die französische Kurzform für den heiligen Aegidius, des Schutzpatrons der Abteikirche Saint-Gilles. Die Namensgebung einer Privatperson nach einer Kirche oder einem Heiligen kann – muss aber nicht – dafür sprechen, dass deren Vorfahren wahrscheinlich in Saint-Gilles konvertierten. Die Frage, ob der Stadtschreiber von Antwerpen seine Stellung genutzt hat, um Freunde in Antwerpen anzusiedeln, ist heute nicht mehr zu klären. Beratend zur Seite gestanden hat er Thomas Morus mit Sicherheit.

 

Thomas Morus

 

Wer war Thomas Morus in Wirklichkeit? Hat die bisherige Geschichtsschreibung recht und der Autor dieses Artikels postuliert lediglich eine neue Verschwörungstheorie? Die Leser können selbst überprüfen, ob sich die im Roman verwendeten Namenssilben durch eine andere Permutation sowohl vollständig als auch in einen anderen sinnvollen Text transponieren lassen, oder ob auch weitere Texte, wie ein Telefonbuch, auf diese Weise dechiffriert werden können. Wer sich diese Mühe macht, findet heraus, dass es sich bei dieser Form der Dechiffrierung um eine echte Verschlüsselung handeln muss. Doch welche Absicht verfolgte der Staatsmann Morus mit seinem Roman und den darin enthaltenen geheimen Anweisungen?

Wollte er sich selbst als genialer Staatsmann ein Denkmal setzen, in dem er zukünftige Ereignisse richtig vorhersagte? Benutzte er als Christ die Doppeldeutigkeit, um den Juden die kommenden Aufstände in die Schuhe zu schieben, die er selbst in den Niederlanden entfachen wollte? Agierte er als Brite unter dem Tarnmantel des Utopus und des Hythlodeus, um den antijudaischen Habsburgern eine falsche Fährte zu suggerieren? Oder handelte er als Humanist, um einer verfolgten Minorität gegen ihre Verfolger zu helfen?

Utopus, der mystische Begründer des Inselstaates, gibt sich im Roman als Herzog seines Volkes aus und der Thomas Morus verwendet ein Abzähl- und Codesystem, welches bereits der hasmonäische General und Hohepriester Josippos ben Mathitjahu ha Cohen (Flavius Josephus) in seinem Kriegsbericht De Bello Judaico im ersten Jahrhundert beschrieben hat.

Werden die historisch realen Ereignisse des folgenden Jahrhunderts mit den Romaninhalten verglichen, so fällt auf, dass über den gesamten Zeitraum den chiffrierten und nicht chiffrierten Anweisungen Folge geleistet wurde. Dies spricht dafür, dass Thomas Morus höchstwahrscheinlich einer konvertierten jüdischen Familie entstammte und im Roman – als Herzog seines Volkes und gottgesandter Schwätzer – den Eingeweihten der Sepharden Hinweise gab, wie sie sich mit seiner Hilfe eine neue Zukunft in den Niederlanden aufbauen konnten.

 

Romaninhalte

 

Eine jüdische Identität von Thomas Morus würde nicht nur erklären, weshalb die Utopier im Roman weder Christen noch Juden sind, sondern einem antiken Sonnenkult huldigen. Immerhin konnte sich der Autor vor seinen Glaubensbrüdern nicht als Befürworter des Christentums darstellen oder vor den Christen als Jude zu erkennen geben. Es würde auch nahe legen, weshalb Thomas Morus als weltliches oder religiöses Oberhaupt seines Bundes dem englischen König Heinrich VIII. nicht den Suprematseid leisten konnte und seine eigene Hinrichtung akzeptierte.

Um das literarische Transportvehikel für die chiffrierte Nachricht zu tarnen, verlässt der Autor sich auf die Selbstironie der Sepharden. Sie werden sich im „Schweinestall“ als Ideal der jüdischen Gemeinde ebenso wiedergefunden haben, wie im utopischen Sozialismus derer, die Hab und Gut in Spanien und Portugal verloren haben. Er kokettiert mit ihren Hoffnungen und bittet sogar um Mithilfe, wenn er als Herzog Utopus schreibt, dass er Verbesserungsvorschläge gerne entgegen nimmt. Als dieser, der – nach eigener Aussage – selber ohne Philosophie ist, stellt er den philosophischen Staat dar, den es zu gründen gilt. Ideale verfolgte er also nicht als politischer Realist.

Auch der außergewöhnliche Aufbau des Romans lässt sich nun neu interpretieren. So gibt es eine Vorrede für die engsten Freunde, in der darüber nachgedacht wird, ob dieses Werk überhaupt für die Öffentlichkeit gedacht ist. Die Eingeweihten sollen den wahren Inhalt also nicht an die große Glocke hängen. Im ersten Buch folgen Anweisungen, wie die ersten Immigranten in Utopia vorgehen sollen. Das zweite Buch beinhaltet Verhaltenshinweisen für die nicht-eingeweihte Masse der Einwanderer.

Mit der Frage, ob die Erfahrenen unter ihnen Könige beraten oder sich aus der Politik heraushalten sollten, beginnt das erste Buch. Daraufhin werden die Ursachen für Diebstahl, Mord und Söldnerwesen diskutiert. Diese Fehler sollen offenbar vermieden werden. Am Beispiel der Achorier wird dargestellt, wie ein Königreich geteilt, ein Teil unter eine neue Herrschaft gestellt und schließlich ganz abgespalten und in die Unabhängigkeit entlassen werden kann. Diese Beschreibung nimmt das Schicksal der Niederlande vorweg. Am Beispiel der Makarenser wird das Finanzwesen des neuen Landes erörtert, in dem das Geld bei den Bürgern bleiben soll. Mit Hilfe der Utopier wird die Symbiose von Privat- und Gemeinschaftseigentum vorgeschlagen. Diese Beteiligung am Gewinn findet sich später in der ersten Aktiengesellschaft der Welt, in der Ost-Indien-Kompanie, wieder.

Ein Hinweis auf die kommende Seemacht ist zu Beginn des zweiten Buches im Alter der Insel Utopia versteckt. Es wird mit 1760 Jahren angegeben und deutet somit auf die Jahre 244 oder 243 vor unserer Zeitrechnung hin. Damals investierten die Patrizierfamilien Roms ihr Privatvermögen in den Schiffbau, um eine letzte Flotte gegen Karthago zu finanzieren. Mit Hilfe dieser Schiffe wurde 241 v.u.Z. der erste Punische Krieg entschieden und Rom zur Weltmacht.

Interessant sind auch die Gedanken zur Sklaverei. So nehmen die Utopier nicht andere Völker zu Sklaven, sondern lediglich ihre eigenen Gesetzesübertreter. Diese dürfen sich frei bewegen, tragen aber Fesseln aus Gold. Es ist ihre eigene kindliche Gier nach Edelmetall, die sie abhängig macht. Wahrer Reichtum liegt für Thomas Morus in der Gemeinde, Gold ist für ihn nur ein Mittel zum Zweck, niemals Selbstzweck. Sollte diese Aussage auf die Sepharden bezogen sein, so widerspricht sie allen Verschwörungstheorien über das sogenannte „Finanzjudentum“. Die Gierigen legen sich – laut Roman – selbst in Fesseln.

Es dürfte dem Sinn von Thomas Morus für Humor entgegen gekommen sein, dass ausgerechnet die römisch katholischen Kirche – die offensichtlich nichts von seiner wahren Identität wusste – ihn zum Heiligen ernannte.

 

Verschwörung oder Lobbyarbeit?

 

Der Roman ist ein Werbeschreiben, welches als unverdächtige literarische Phantasterei in ganz Europa verkauft werden konnte, und bezeugt einen europaweiten Kampf einer kleinen elitären Gruppe von Eingeweihten. Belegt dies eine Verschwörung? Damals wäre von einer Verschwörung oder von Hochverrat gegen den Regenten gesprochen worden, da Thomas Morus als Engländer auf die „gebannte“ Opposition im Hause Habsburg setzte und die habsburgischen Niederlande in die Unabhängigkeit führen wollte. Sein Roman beinhaltete zudem sozialen Sprengstoff.

Mit dem Wissen dieser Dechiffrierung ist die Frage nach einer Verschwörung nicht so einfach zu beantworten. Die geheimen Anweisungen beweisen das Gegenteil von dem, was Antisemiten gemeinhin als Verschwörungstheorien verbreiten. Es waren nicht „die“ Juden an dieser Verschwörung beteiligt, sondern ein kleiner Kreis Eingeweihter, die  – offiziell – keine Juden waren. Die große Mehrheit der normal-bürgerlichen Juden wird nie etwas von dieser Diplomatie erfahren haben.

Zudem hat sich diese Gruppe nicht zum Zweck der Verschwörung gegründet, sondern  existierte und kommunizierte wahrscheinlich schon seit Generationen im Geheimen. Auch waren ihre Aktionen nicht zum Schaden anderer ausgerichtet oder als Rache gegen Christen gedacht. Vielmehr wollten sie den in Granada verlorenen Status wieder erwerben und die jüdischen Glaubensbrüder vor der Willkür der christlichen Herrscher schützen. Heute würden ihre Beratungen und Gespräche als Lobbyarbeit interpretiert werden, die auf den gemeinsamen Werten des Humanismus basierte. Die „geheimen“ Interessenvertreter kämpften auf ihre Weise für Religionsfreiheit und Unabhängigkeit und gründeten mit den Niederländern zusammen einen Staat sowie ein Handelsimperium, welches das kleine Land zur Weltmacht erhob. Ob diese Vorgehensweise für die Nachfahren der Menapier positiv oder negativ zu werten ist, mögen die Niederländer selbst beurteilen.

Der Autor setzte bei dieser Aufgabe auf die „gebildeten“ Frauen, um in Zeiten des beginnenden Absolutismus den christlichen Wahnsinn einzudämmen sowie eine vertragliche Rechtsgrundlage für alle Religionsgruppen zu schaffen. Thomas Morus hinterlässt uns damit ein Erbe, welchem der Humanismus noch heute – gerade in Zeiten der fehlenden Frauen- und Flüchtlingsrechte – verpflichtetet sein sollte.

 

 

Literatur

 

Flavius Josephus: De Bello Judaico. Buch 3, Kapitel 8, 7.

 

Thomas Morus: Libellus vere aureus, nec minus salutaris quam festivus, de optimo reip. statu deque nova insula Utopia. T.M. von Aelst, Löwen, 1516.

 

Thomas Morus: Utopia. Lateinisch / Deutsch. Stuttgart, Reclam 2012.




Ein „tätiger Humanismus“ – Wie könnte der wohl aussehen?

Tätiger HumanismusWEIMAR. (fgw) Wer angesichts des Titels „Tätiger Humanismus“ mit dem vorliegenden Sammelband möglicherweise ein Rezeptbuch für seine praktische Arbeit in einer humanistischen Organisation erwartet hat, der dürfte enttäuscht werden. Worum es jedoch Herausgeber Horst Groschopp mit der Publikation von Ursula Neumanns Schriften geht, das wird mit dem Untertitel „Historische Beiträge zu aktuellen Debatten“ doch sehr deutlich. Denn Ursula Neumanns Texte stellen nach wie vor eine gute Handreichung für heutiges humanistisches, freigeistiges oder atheistisches Engagement dar.

 

 

In welche Debatten, die leider immer noch aktuell sind, hatte sie sich insbesondere in den Jahren 1990 bis 2000 eingemischt? Da ging es primär um die eigene Abwendung von Religion und Kirche und um eine dezidierte, weil fundierte, Religions- und Kirchenkritik. Da ging es um die Problematik Religions- und/oder Ethik-Unterricht sowie den Umgang mit Flüchtlingen. Und weil solche wichtigen Fragen immer noch nicht im humanistischen Sinne beantwortet sind, wurden hierzu auch einige neuere Wortmeldungen aus den Jahren 2017 und 2018 mit in den Sammelband aufgenommen. Lediglich zur „Kulturkritik" gibt es keine historischen Beiträge, sondern nur einen aus dem Jahre 2017.

 

Von den insgesamt 18 Texten hat Ursula Neumann drei gemeinsam mit ihrem Mann Johannes verfaßt. Wobei in einem dieser Beiträge auch Sohn Joachim – als direkt Betroffener – zu Wort kommt.

 

Wenn man bereits vorab ein Fazit ziehen darf, dann geht aus allen Wortmeldungen hervor, daß Ursula Neumann unter „tätigem Humanismus" keineswegs einen säkularen Sozialkonzern, also einen gemeinnützigen Geschäftsbetrieb a la Caritas oder Diakonie, versteht. Nein, für Ursula Neumann bedeutet dieser Begriff im Grundsatz nichts anderes als Zivilcourage. Oder anders gesagt bedeutet er engagiertes, bewußtes Aufbegehren gegen gesellschaftliche Mißstände in Staat und Gesellschaft. Bedeutet der Begriff das ein Eintreten für ein selbstbestimmtes Leben selbstbewußter und mündiger Bürger frei von religiöser u.ä. Bevormundung. Was letztlich eine reale Trennung von Staat und Religionen/Kirchen bedeutet, ja verlangt, und hier insbesondere eine reale Trennung der Kirchen/der Religion von der Schule. Was ja eigentlich in Deutschland seit 1919 von der Verfassung bzw. dem Grundgesetz geboten ist. Was vielleicht nach Schlagworten klingt, ist aber ganz profan zu sehen: Wie sieht es denn mit Frauenrechten tatsächlich aus, wenn es um den Schwangerschaftsabbruch geht? Oder wie mit dem eigenen Sterben, wenn es um ein selbstbestimmtes humanes Lebensende geht? Da scheinen wir hierzulande doch noch eher in feudalen als in demokratischen Zeiten zu leben.

 

Eine wichtige Fragestellung ist für Ursula Neumann, wie sich die in viele kleine und kleinste Organisationen gespaltene „säkulare Szene" positioniert. Sie ermahnt daher, der Herausgeber hebt es in seinem Vorwort hervor, daß für diese Szene Humanität der Bezugspunkt sein muß, nicht aber Religion oder Kirche. Auf S. 30 in dieser Anthologie schreibt Ursula Neumann:

 

„Sich über Religion und Kirche zu definieren – und sei es über die Vorsilbe 'a' oder 'anti' ist meiner Meinung nicht nur deshalb gefährlich, weil sie einen an etwas bindet, was man ablehnt, sondern noch viel mehr, weil es die Bindung an etwas Bedeutungsloses darstellt."

 

Man kann es auch kürzer sagen: Es genügt nicht zu sagen, wogegen man ist, man muß sagen, wofür man ist und hierfür muß man dann auch konkrete Angebote unterbreiten!

 

 

Biographisches und Gewißheiten

Die von Horst Groschopp ausgewählten 18 Texte sind in acht Komplexe gegliedert worden. Es beginnt mit „Biographisches", darin einzig der Text „Wie werde ich ein guter Außenseiter?" aus dem Jahre 2000. Hierin reflektiert Ursula Neumann die Abwendung ihrer Familie von Religion und Kirche. Was sie und die Kinder in einem katholischen Dorf da erleben mußten, das verschlägt einem den Atem. Man meint fast, dies sei einst in Zeiten der „Heiligen Inquisition" geschehen.

 

Man stelle sich mal vor, so wären in der DDR erzkatholische Menschen behandelt worden… Man kann es sich aber nicht vorstellen, weil es das so nicht gab. Der Rezensent denkt da konkret an den einzigen Mitschüler seiner Klasse in einer mecklenburgischen Kleinstadt. Dieser Junge wurde weder von Lehrern noch anderen Kindern irgendwie gehänselt oder gar diskriminiert. Er wurde höchstens beneidet, weil er an katholischen Feiertagen problemlos von Unterricht freigestellt wurde.

 

Welche „Gewißheiten" Ursula und Johannes Neumann aus ihrem bewußten Weg aus Religion und Kirche gewonnen haben, das spiegelt sich in den Texten „Vernunft und Verantwortung" (1990) und „Die Welt ist voller Gläubigen" (2000). Peinlich ist in diesem Zusammenhang jedoch ihr Loblied auf einen gewissen Herrn Biermann (Fußnote auf S. 43).

 

 

Religions- und Kirchenkritik

Der Komplex „Religions- und Kirchenkritik" umfaßt vier Beiträge. Aufschlußreich, argumentativ und zugleich bestens ironisch, so muß man die „Anmerkungen zu einem bemerkenswerten Dokument der römischen Kongregation der Glaubenslehre" – überschrieben mit „Theologie als Glaubensgehorsam" – aus dem Jahre 1990- bewerten. Ja, das kann nur jemand so glasklar formulieren und analysieren, der selbst in religiösem Milieu aufgewachsen ist und dazu noch Theologie studiert hat. Und so lautet ihr vernichtendes Urteil aus berufenem Munde:

 

„Die katholische Theologie erfüllt nicht einmal theoretisch die Mindestvoraussetzungen der Wissenschaftlichkeit. Sie ist lediglich Sprachrohr einer Ideologie. An einer staatlichen Universität hat sie darum nichts verloren." (S. 73)

 

Der nachfolgende Text ist sehr ironisch gehalten, liest sich wie eine Satire, und ist dennoch absolut real, was bundesdeutsche Zustände angeht: „Johannes Dyba, der Heilige Bonifatius und die Geister, die wie gerufen kommen" (1991).

 

Bundesdeutsche Zustände im „Dreieck Staat – Kirche – Gesellschaft" und die „irrationale Angst des Staates vor der Trennung" – das ist Thema des Aufsatzes „Von der Wiege bis zur Bahre" (1999).

 

Gleich eingangs schreibt sie hier, wie Klerus, ihm hörige Politiker, Juristen, Medien etc., unisono am Erhalt des Bestehenden arbeiten:

 

„Es wird suggeriert, daß Religion und Kirchen – und nur sie etwas leisten könnten, was so überhaupt nicht leistbar ist: Die Herstellung eines Wertekonsenses. Das ist ebenso Scharlatanerie, wie die Angstmacherei, ohne Religion und Kirchen würde die Gesellschaft inhuman und zerfalle über kurz oder lang." (S. 84)

 

Da sich bis heute hier nichts geändert hat, stellt gerade dieser Beitrag eine sehr gute Handreichung für laizistische Politik dar. Etwas hat sich seither aber leider doch geändert, denn inzwischen suggerieren solches nicht bloß die traditionellen West-Parteien, sondern auch vorgeblich LINKE Politiker wie Gysi und Ramelow.

 

Ursula Neumann äußert sich in dem Zusammenhang „Zur Gottesfrage", 2017 in einem Kommentar zu einer Diskussion im Humanistischen Pressedienst:

 

„Für mich ist es eine belanglose Frage, ob es 'Gott' gibt. (…) Die Gottesfrage in den Vordergrund zu stellen, heißt meiner Meinung nach, das Pferd am Schwanz aufzuzäumen. Was mich immer wieder frappiert, ist der Glaube vieler AtheistInnen an die Macht vernünftiger Argumente. (…) Noch eins zur speziellen Situation der Kirchen in Deutschland. Nehmen wir an, die Nichtexistenz 'Gottes' wäre zweifelsfrei nachgewiesen. Wer jetzt glaubt, am nächsten Tag träte der Bundestag zusammen, um alle Dotationen und Vorrechte der Kirchen zu streichen, der irrt. Zunächst würden diese darauf verweisen, daß die Verträge nicht mit dem lieben Gott, sondern mit ihnen geschlossen seien und daher weiterhin gültig. Dann würde argumentiert mit 'Weltkulturerbe, 'Wertevermittlung', 'sozialer Bedeutung' oder was weiß ich – und es ginge viel Zeit ins Land…" (S. 115-118)

 

 

Religions- und Ethikunterricht

Nur drei Texte sind im Komplex „Religions- und Ethikunterricht" versammelt, aber diese haben es in sich. Die Artikel und ihre logischen Argumentationen aus den Jahren 1997 und 1998 sind in keiner Weise veraltet, sondern sie können auch 20 und mehr Jahre danach immer noch verwendet werden. Gerade sie sollten auch heuer als eine unverzichtbare Handreichung angemommen werden.

 

Die Debatte hierzu dauert ja immer noch an und mit immer neuen Gegen-„Argumenten" seitens der Verfechter eines pflichtigen Religionsunterrichts. In den relativ kurzen Artikel „Die Kunst den Bogen ungestraft zu überspannen" (1997) skizziert Ursula Neumann, wie es 1919 zum Verfassungsparagraphen über den Religionsunterricht kam, wie schleichend – und mit Hilfe von Politik und Justiz – aus dem Recht auf einen konfessionellen Religionsunterricht eine Pflicht gemacht wurde. Und warum dann in Westdeutschland auf einmal ein Ersatzfach „Ethik" eingeführt worden ist.

 

Und so wie der Klerus nebst ihm höriger Politik immer wieder auf das Grundgesetz pocht, wenn es um den Erhalt eines Religionsunterrichtes geht, so weist Ursula Neumann darauf hin, daß eben gerade dieses Grundgesetz auch eine ganz schlichte und praktikable Lösung anbietet:

 

„In bekenntnisfreien Schulen ist lt. Art. 7 Grundgesetz nicht ordentliches Lehrfach. Es liegt – bei Berücksichtigung des Elternwillens – in der Gestaltungsfreiheit des Gesetzgebers die bekenntnisfreien Schulen zur Regelschule zu machen." (S. 124)

 

Und im Prinzip sind ja die öffentlichen Schulen allesamt schon lange keine sogenannten „christlichen Gemeinschaftsschulen" mehr. Dafür spricht allein schon die Tatsache, daß heuer rund die Hälfte der Einwohner – und damit auch der Schülerschaft – keiner christlichen Kirche mehr angehört.

 

Sehr lesens- und vor allem bedenkenswert ist der gewollt polemische Artikel „Sind Christen doch die besseren Menschen?" (1998). Der Untertitel bringt es gleich auf den Punkt: „Das Märchen von der Bedeutung christlicher Wertevermittlung". Dem ist nichts hinzuzufügen, meint der Rezensent!

 

Was die Neumanns erleben mußten, als sie um das Recht kämpften, daß ihr Sohn Joachim nach der legitimen Abmeldung vom Religionsunterricht nicht zur Teilnahme an einem „Ersatzfach" gezwungen werden dürfe, das wird sehr detailliert im nachfolgenden Beitrag dargestellt. Unter der Überschrift „'Ersatzfach' Ethik" (1998) geben sie Informationen zu ihrem Revisionsverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht am 17. Juni 1998. In diesem Verfahren wollten die Neumanns geklärt wissen:

 

„Es geht im Folgenden um drei Fragen: Erstens, darf der Staat einen konfessionsfreien Schüler zur Teilnahme an einem 'Ersatzfach' für den Religionsunterricht verpflichten? Darf der Staat zweitens dieses 'Ersatzfach' so gestalten, daß die (…) Schüler, die daran teilnehmen (müssen), gegenüber den (…) Teilnehmern am Religionsunterricht benachteiligt werden? Darf der Staat – drittens – unter Verletzung des Gebots zur weltanschaulichen Neutralität ein Schulfach einrichten, mit dem teils ausdrücklich erklärten, teils offensichtlichen Ziel, die Teilnehmerzahlen am Religionsunterricht zu stabilisieren?" Und sie begründen ihre Fragen wie folgt: „Niemand ist verpflichtet, einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft anzugehören. Nach Art. 7,2 GG haben die 'Erziehungsberechtigten, das Recht, über die Teilnahme des Kindes am Religionsunterricht zu bestimmen'. Teilnahme am Religionsunterricht ist also ein Recht und keine Pflicht." (S. 149-150)

 

Es ist schon interessant zu lesen, mit welchen rabulistischen „Klimmzügen" sowohl die Verfechter des Religionsunterrichtes als auch ihnen gleichgesinnte Juristen (und Politiker) klaren Antworten auswichen und noch immer ausweichen. Damit sich bloß nichts ändere. Z.B. wird von jenen auf diverse Landesverfassungen und Schulgesetze verwiesen, in denen auch heute noch geschrieben steht, daß die Jugend „zur Ehrfurcht vor Gott zu erziehen ist". D.h. daß religionsfreie Kinder religionsfreier Eltern per staatlichem Zwang christlich indoktriniert werden dürfen.

 

 

Weibliche Selbstbstimmung

Drei Texte versammelt der Komplex „Weibliche Selbstbestimmung", eingeleitet mit einer grandiosen Glosse aus dem Jahre 1993. Überschrieben ist diese prägnant mit nur einem einzigen Wort: „Schwangerschaftsabbruch" und in Briefform gekleidet. Gerichtet an den „Herrn Bundesverfassungsricht". Nun ja, dieses Schreiben hätte auch an den „Herrn Kirche" adressiert sein können.

 

Was der Klerus unter Gleichberechtigung von Mann und Frau versteht, das legt Ursula Neumann in ihrem Beitrag „Christliche Gleichberechtigung" aus dem Jahre 1994 offen. Sie spitzt das in der klugen Formulierung zu, mit Bezug auf konkrete Äußerungen eines katholischen Ordensmannes: „Er ist für mich Gewinner bei dem Wettbewerb 'Wie verdrehe ich das Wort Gleichberechtigung so, daß das Gegenteil herauskommt?'" (S. 191)

 

Und daher fragt sie im darauffolgenden Text: „Behandelt man so seine treueste Stütze?" (1998). Daron geht es um das Verhältnis Frau und Kirche, insbesondere den Katholizismus betreffend.

 

 

Über Asyl, Flucht und/oder Einwanderung

Um den „Umgang mit Geflüchteten" geht es drei Artikeln, beginnend mit „Eine ganz gewöhnliche Abschiebung" im Jahre 1992. Wohl nicht nur für den Rezensenten dürfte aber der 2017 geschriebene, sehr kurze, Text „Gutmensch trifft Flüchtling" von besonderer Beachtung sein. Hier theoretisiert Ursula Neumann keineswegs, sondern berichtet aus jahrelanger eigener ehrenamtlicher Arbeit in der Flüchtlingsbetreuung.

 

Was sie dafür als Ausgangspunkt gewählt hat, dürfte aber so manchen verbalen „Gutmenschen" auf die Palme bringen und diesen womöglich sogar zur Diffamierungskeule greifen lassen. Nicht wider die „Asylanten", sondern geschwungen gegen engagierte Ehrenamtler.

 

Denn Ursula Neumann schreibt: „Gutmensch trifft Flüchtling. Ich erinnere mich an die Zeit der Flüchtlingswelle im Jugoslawienkrieg. Jemand aus unserer damaligen Gruppe meinte, die Arbeit mit den Asylsuchenden bringe einen manchmal in Gefahr ausländerfeindlich zu werden.

 

 

Was hilft? Zunächst mal eine Entidealisierung der Flüchtlinge!" (S. 234)

 

Ihre Schlußfolgerung dürfte erst recht grün-pfäffischen Gutmenschen nicht gefallen. Dabei ist gerade Frau Neumann praxiserfahren und geht an die Thematik realistisch, objektiv und auf humanistisch-solidarischer Grundlage heran. Dazu gehört nicht zuletzt eine ehrliche Offenheit.

 

„Flüchtlingsarbeit ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Aber nicht in dem Sinn: Ich gebe meinen gesammelten Idealismus und dafür erwarte ich, daß meine bürgerlich-mitteleuropäischen Erwartungen hinsichtlich Dankbarkeit und Wohlverhalten erfüllt werden, sonst bin ich beleidigt. Sondern: Ich gebe ein begrenztes Engagement, begrenzte Zeit und erwarte, daß die andere Seite sich an Absprachen hält und ihren Teil beiträgt.

 

 

Ja, ich weiß um die unterschiedliche kulturelle Mentalität. (…) Ist mir egal! Nein, ist mir natürlich nicht egal. Aber wer hier in Deutschland ist, hat sich an deutsche Regeln zu halten. So, wie ich in Afghanistan ein Kopftuch trage.

 

 

Keine Erwartungen an Flüchtlinge zu haben, alles zu verstehen, alles zu akzeptieren, führt zu nichts außer zu Frust bei den Helfern. Auf Selbstüberforderung und Selbstüberschätzung solgt Zynismus.. Wenn man dann auf dem harten Boden der Realität landet, wird das zu Unrecht den unwilligen, unfähigen Flüchtlingen angelastet.

 

 

Keine Gegenleistung zu fordern, schadet nicht minder den Flüchtlingen. (…) Und wir ärgern uns dann über diese depressive Anspruchshaltung, den Aberglauben an ein Grundrecht auf bedingungsloses Gefüttertwerden. Ein Aberglaube, der gut vorbereitet wurde von grotesken Gerüchten über das deutsche Schlaraffenland." (S. 234-235)

 

Dieses ausführliche Zitat, dem der Rezensent voll und ganz zustimmen kann, ist notwendig. Denn Ursula Neumann zeigt einen Weg auf, wie man der hierzulande zunehmenden Ausländerfeindlichkeit begegnen kann.

 

Folgerichtig hat sie 2018 noch einen weiteren Beitrag verfaßt, in dem es um Ratschläge beim aufkommenden „Frust in der Flüchtlingsarbeit" geht. Hieraus sei nur ein einziger Satz zitiert:

 

„Ich lasse mich nicht von jenen Gutmenschen ins Bockshorn jagen, die wenig Anhung von der praktischen Arbeit haben, aber meinen, man müsse für alles Verständnis haben und die vor lauter politischer Korrektheit eine Sauerei nicht Sauerei genannt haben wollen." (S. 247) Ja, solch wirklichkeitsferne „political correctness" nützt tatsächlich nur jenen, die sich z.B. unter dem Banner von PEGIDA etc. zusammenrotten…

 

 

Kulturkritik und Nachwort

Beiden Stichworten ist nur je ein Artikel zugeordnet. Unter der Überschrift „Quäl dich, du Sau!" (2017) schreibt Ursula Neumann, wie es durchaus von der Selbstverwirklichung auch zu einer (neoliberalen) Selbstoptimierung kommen kann. Und in ihrer „komprimierten Bilanz" weist sie u.a. darauf hin, daß es grundfalsch ist, wenn man sich nicht wehrt und wenn man in eigenen Ängsten gefangen bleibt.

 

Siegfried R. Krebs

Ursula Neumann: Tätiger Humanismus. Historische Beiträge zu aktuellen Debatten. Reihe Humanismusperspektiven, Bd.6. Taschenbuch. 276 S. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2019. 22,00 Euro. ISBN 978-3-86569-301-3


 
26.12.2019

Von: Siegfried R. Krebs, http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/ein-taetiger-humanismus-wie-koennte-der-wohl-aussehen/




SPÖ unter zwanzig Prozent – die Situation beim Nachbarn

SPÖDas Blatt "Österreich" veranstaltet ja regelmäßig Wahlumfragen und veröffentlicht die dann in der Sonntagsausgabe. Am 3.11.2019 lautete das Umfrageergebnis so: ÖVP 38 %, SPÖ 19 %, Grüne 16 %, FPÖ 15 %, Neos 9 %.

Hochgerechnet auf Sitze im Parlament wären das (in Klammer die Sitze seit der Wahl im September): ÖVP 72 (71), SPÖ 36 (40), Grüne 30 (26), FPÖ 28 (31), NEOS 17 (15), Wahlverlierer wären also die SPÖ und die FPÖ. Die Kanzlerfrage wurde auch gestellt, Kurz hatte mit 41 % um sechs Prozent mehr als Hofer (19 %) und Rendi-Wagner (nur noch 16 %) zusammen. Die Koalitionsvorlieben sahen so aus: 32 % ÖVP&Grün, 26 % ÖVP&FPÖ, nur 14 % ÖVP&SPÖ.

Ebenfalls veröffentlicht wurde eine Umfrage zur am 24.11. stattfindenden Landtagswahl in der Steiermark, hier die Umfrageergebnisse und in Klammer das jeweilige Plus/Minus zur letzten LTW: ÖVP 36 % (+7,5 %), SPÖ 21 % (-8,3 %), FPÖ 21 % (-5,8 %), Grüne 13 % (+6,3 %), Neos 5 % (+2,4 %), KPÖ 4 % (- 0,2 %).

Die SPÖ ist auch hier der große Verlierer, der FPÖ hat der neue Skandal mit einem zum passenden Zeitpunkt in der Steiermark entdeckten Liederbuch bei einem FPÖ-Funktionär weniger geschadet. Es ist dazu interessant, dass kein Medium die Frage stellt, woher das so zeitgenau vor der Wahl bekannt wurde, dass wieder einmal ein FPÖler ein Buch mit gestrigem Zeitgeist besitzt.

Hier drei Screenshots davon:
Antisemitisch:

Mit "Heil Hitler" – laut ORF aber ein aus katholischen Kreisen stammendes Spottlied

Bundeshymne als eine Art Satire

Der FPÖ haben die ganzen Sachen seit Ibiza natürlich deutlich geschadet. Von der Wahl 2017 bis zur obigen Umfrage hat die FPÖ 11 % verloren, die SPÖ knapp 8 %. Die SPÖ braucht keine solche Aufdeckungen wie die FPÖ, die schadet sich freihändig selber, indem sie schon seit vielen Jahren die Parteiführung in Managerhände legt, die zum ursprünglichen Zweck der Partei keinen Draht mehr haben, sie managen die Partei wie eine Firma und nicht wie die Partei, welche die Interessen der arbeitenden Menschen vertreten soll, aber seit 20 Jahren z.B. keine Reallohnerhöhungen mehr erkämpft, man probiert es gar nicht wirklich, siehe Metallerabschluss!. Die von der SPÖ deswegen frustrierten Wähler geben jetzt wahrscheinlich weniger Proteststimmen an die FPÖ ab und wählen lieber gar nicht…

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




So steht Merkel zum christlichen Glauben

MerkelDas war der Titel eines Artikels vom 17.7.2019 dem 65. Geburtstag der deutschen Kanzler Angelika Merkel auf der Homepage von PRO, dem christlichen Medienmagazin, es heißt dort einleitend:

"Bundeskanzlerin Angela Merkel ist Pfarrerstochter. Daraus, dass ihr der christliche Glaube wichtig ist, hat sie in den vergangenen Jahren kein Geheimnis gemacht. Anlässlich ihres 65. Geburtstags hat PRO einige prägnante Aussagen von ihr zum Thema zusammengestellt."

Das ist wieder eine Gelegenheit, atheistische Kommentare zu christlichen Sagern zu verfassen:

Merkel auf der Wertekonferenz der CDU im Jahr 2006: "Der Maßstab der CDU ist und bleibt das christliche Menschenbild. Das ist auch Absage an jedwede Ideologie."
Atheistische Anmerkung: Aha, das Christentum ist also keine Ideologie, weil laut Fremdwörterbuch ist "Ideologie" die Bezeichnung für politische Weltanschauungen. Da wird's aber schwierig! Ist die CDU dann eine Religionsgemeinschaft und keine politische Partei?

Merkel in einer Rede auf dem 20. Bundesparteitag der CDU im Jahr 2006: "Es ist wahr: Europa ist kein Christenklub. Aber wahr ist auch: Europa ist ein Grundwerteklub. Hier bei uns gelten Menschen- und Bürgerrechte. Diese Menschen- und Bürgerrechte beruhen bei uns ganz wesentlich auf dem Menschenbild des Christentums."
Atheistische Anmerkung: Die Menschen- und Bürgerrechte mussten gegen die Religionen durchgesetzt werden, das fing mit der französischen Revolution an und ging bis zum Recht auf Religionsfreiheit, das als selbstverständliches Menschenrecht auch in Europa erst in den letzten Jahrzehnten zur lebbaren Tatsache wurde…

Merkel im Oktober 2010 auf dem Deutschland-Tag der Jungen Union: "Lasst uns doch mal über das Christentum wieder reden. Lasst uns das doch mal mit fröhlichem Herzen verkünden. Wie oft machen wir denn das?"
Atheistische Anmerkung: Ja, wie oft hat die Frau Merkel das Christentum verkündet? Die praktische Arbeit der Christenparteien beruht auf der Bibel, aber schwergewichtlich vor allem auf der Aussage in Mt 25, 29: "Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden." Das verkündet man natürlich nicht, man handelt bloß in diese Richtung.

In einer Telefonkonferenz mit CDU-Mitgliedern rief Angela Merkel 2012 für Toleranz gegenüber dem Islam auf: "Vielleicht sollten wir als Christen uns auch wieder mehr Gedanken über unsere Religion machen und mehr über das Christentum sprechen, als Angst zu haben vor dem Islam."
Atheistische Anmerkung: Das hat 2009 der Strache mit seiner FPÖ gemacht, er verkündete als Gegenpol zum Islam ein "Abendland in Christenhand", die Folge war, dass die FPÖ unter Strache das einzige Mal eine Wahl verlor, den Islam mögen die FPÖ-Wähler und der Großteil aller Österreicher zwar nicht, aber unter die Herrschaft der Christenhand will man sicherlich auch nicht zurückfallen.

Merkel im Jahr 2012 in ihrem wöchentlichen Podcast: "Ich bin Mitglied der evangelischen Kirche, ich glaube an Gott, und die Religion ist mein ständiger Begleiter in meinem Leben gewesen."
Atheistische Anmerkung: Sowas ist heute schon recht selten geworden, speziell unter den Protestanten, dort gehen am Sonntag nur noch gut drei Prozent in die Kirche. Ob die Merkel da auch fallweise dabei ist, war nicht zu ergoogeln…

Auf dem CDU-Parteitag im Dezember 2012 sagte Merkel zu den Turbulenzen in der Koalition: "Auch mir hat eine Satiresendung schon einmal richtig aus der Seele gesprochen, als es dort hieß: Gott hat die FDP vielleicht nur erschaffen, um uns zu prüfen."
Atheistische Anmerkung: Ein Plus für die Merkel! Sie hat einen Sinn für Humor!

Merkel in einem FAZ-Interview im Januar 2015: "Mit fortschreitender Säkularisierung lassen die Kenntnisse über das Christentum immer mehr zu wünschen übrig. Jeder sollte sich selbst fragen, was er zur Stärkung der eigenen Identität, zu der bei der Mehrheit immer auch noch die christliche Religion gehört, tun kann."
Atheistische Anmerkung: Das übliche Problem bei den Politikern, sie verwechseln die noch bestehenden Mitgliedschaften in Kirchen mit gelebter Religiosität! Längst nicht alle, denen die Religion bedeutungslos geworden ist, treten aus der Kirche aus, in die sie als Baby hineingetauft wurden. Man nimmt z.B. auch Rücksicht auf die Oma oder die Erbtante, man hat im Hinterkopf vielleicht noch Reste von Gottesfurcht und hält sich an die Pascalsche Wette, man bleibt aus beruflichen Gründen vorsichtshalber in der Kirche, man meint, Kinder von konfessionslosen Eltern hätten in der Schule Nachteile, man weiß nicht, dass es längst auch säkulare Begräbnisse gibt und man nicht wegen der eigenen Bestattung das ganze Leben in der Kirche bleiben muss usw. Zur Stärkung der eigenen Identität brauchen heute wohl nur kleine Randgruppen eine Religion. Die Säkularität schreitet fort, die kann auch die CDU nimmer bremsen…

Die Frau Merkel steht jedenfalls noch auf christlichem Fuß, als eine protestantische Pfarrerstochter hat sie wohl in ihrem Haupte keine kritischen und selbstkritischen Gedanken dazu entwickelt, der ihr in früher Kindheit ins Hirn gewaschene Protestantengott klebt dort immer noch fest…

 

Entnommen bei www.atheisten-info.at ( Erwin Peterseil).




Denk-Schrift III: Deutsche Politiker

Ausreden und Entschuldigungen:

Natürlich wird dieser knappen Darstellung der feindlichen Haltung der christlichen Kirche zur überlieferten Kultur als erstes Einseitigkeit vorgeworfen. Auch die Killerphrase "Rundumschlag“ ist beliebt. Das ist die übliche Antwort, wenn man sich einer näheren Beschäftigung mit den aufgeworfenen Fragen entziehen möchte. Nun, Einseitigkeit kann der Analyse nur dann vorgeworfen werden, wenn man den Untaten eine vergleichbare Liste guter Taten entgegen stellen könnte, die den angerichteten Schäden qualitativ und quantitativ entspräche. Aber wie sollte das gelingen? Wie sollte fast zweitausend Jahre Verfolgung Andersdenkender kompensiert werden? Wie sollte die Vernichtung ganzer Kulturen vom antiken Rom bis zum enthaupteten Aztekenkult gegen die Suppenküchen der Caritas und Diakonie aufgewogen werden? Wie sollten tausend Jahre physische und verbale Gewalt, Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennung und Indices verbotener Bücher gegen irgend etwas verrechnet werden? Es gibt Vergleiche, die verbieten sich, weil alle  Vergleichsmaßstäbe gesprengt, alle Zeitdimensionen unvorstellbar werden. 1700 Jahre staatlich verordneter, kirchlich geforderter Glaubenstotalitarismus ist ein solcher Vergleich.

1700 Jahre! Wissen wir eigentlich noch, wovon wir sprechen? Dennoch werden bis heute die massenhaft betriebenen Verstöße gegen die Menschlichkeit mit überheblicher Geste fortgewischt, letztlich, im Jahre 2011, durch den katholichen Kirchenhistoriker Klueting: „Man komme mir nicht mit Religionskriegen, Schwertmission, Judenmassaker, Ketzerverfolgung oder Hexenverbrennung. Das alles ist mir als Historiker bestens vertraut. Aber das sind antichristliche Verunstaltungen des Christlichen". So einfach entledigt sich ein Theologe, Professor dazu, der Vergangenheit: Eine im Wesen „reine“ Kirche muß bedauerlicherweise eine Unmenge antichristlicher Elemente in ihren Reihen beherbergen. Dann wäre noch als Entschuldigung das „finstere Mittelalter“ zu erwähnen, das der mildtätigen Kirche seinen grausamen Stempel aufgedrückt habe. Aber das Mittelalter ist nicht „finster“ geworden, weil die Menschen die Düsternis lieben, sondern weil eine übermächtige Kirche die Jahrhunderte mit finsteren Kirchenedikten überflutet und alle Werte neu definiert. Es sind Jahrhunderte, in denen die Frage „Was sagt Gott dazu?“ die einzige Frage aller Stände wird. In denen die Pracht, die Größe und die Überzahl der Kirchen den bescheidenen Hütten der Menschen das Sonnenlicht rauben wird. In denen in kollektiver, sonntäglich vertiefter Furcht vor Gottes Strafen gelebt und wie kaum eine andere Zeit das Grausame, Vulgäre und Rohe gepflegt wird. In denen unvorstellbare Obszönitäten, das Vierteilen, Blenden, Hände-, Brüste- und Hodenabhacken, das Zunge-, Lider- und Fingernägelausreissen, das Zerpflügen eingegrabener Menschen empfohlen werden. In denen Priester dumpfe Seelenqualen schüren, verstörte Geister in der Magie Halt suchen und kosmische Zeichen, Vorhersagen vom "Jüngsten Gericht", apokalyptische Verzerrungen und Visionen grotesker Tiere die Menschen verängstigen.

Da gibt es nichts „aus der Zeit heraus“ zu entschuldigen. Das „finstere“ Mittelalter ist kein Schicksal und die Verbrechen sind keine bedauerlichen „Verfehlungen“ einer ansonsten geheiligten Kirche. Ebenso wenig wie die bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts erfolgte Entwürdigung junger Frauen in den Wäschereien katholisch-irischer Magdalenenstiften [3] oder der tausendfache Mißbrauch junger Knaben in den Händen zölibatärer Priester. Das „finstere Mittelalter“ ist kein unabwendbares Ereignis gewesen, sondern zwangsläufige Folge einer unmenschlichen Kirchenlehre.

Epilog: „Das Christentum hat unsere Kultur geprägt“

Das Christentum hat unsere Kultur geprägt, das ist wahr, wenngleich seine kulturelle und menschliche Gesamtbilanz verheerend ausfällt und die neue Weltsicht keinen Vergleich mit der bekämpften antiken, arabischen oder maurisch-spanischen Kultur aushalten kann.

Diesen „Sieg“ des erstickenden Dogmas über freie, intellektuelle Hochspannung, diesen Triumph der unheiligen Allianz aus Kreuz und Schwert über eine beispiellose Hochkultur, deren gigantischer geistiger Fundus noch heute Philosophie, Kunst, Wissenschaft, Architektur und Poesie beflügelt, diesen Pyrrhus-Sieg der Staatskirche mit nachfolgender Analphabetisierung eines halben Kontinentes und wirtschaftlicher Verödung Europas als Ausgangspunkt einer neuen, angeblich der Antike überlegenen christlich-abendländischen Kultur feiern zu wollen, gar in Verkennung der philosophischer Werke und Ideen antiker Denker und unter Verleugnung unangenehmer biblisch-testamentarischer Texte und der historischen Tatsachen „die ursprünglichen Besitzverhältnisse“ der Kirche (H. Bielefeldt, 2011) über Würde und Menschenrechte glauben anmahnen zu müssen, kommt einer Satire auf unsere geschichtliche Kenntnis gleich und offenbart einen beschämenden Mangel an Bildung der classe politique.

Die Wahrheit ist, dass die katholische Kirchenführung mit den Menschenrechten wenig anzufangen weiß. Menschenrechte stellen sich aus kirchlicher Sicht vor allem als eine Kombination protestantischer und revolutionärer Auffassungen dar. So verwarf Leo XIII. im Jahre 1888 in der Enzyklika Libertas praestantissimum donum die Idee der Menschenrechte mit den Worten: „Die uneingeschränkte Freiheit des Denkens und die öffentliche Bekanntmachung der Gedanken eines Menschen gehören nicht zu den Rechten der Bürger“, es sei völlig ungerechtfertigt, die unbegrenzte Freiheit des Denkens, der Rede, des Schreibens oder des Gottesdienstes zu fordern.

Rund 120 Jahre später behauptet Papst Benedikt XVI. anläßlich seines Deutschlandbesuches im September 2011 in einer nebulösen, erkenntnistheoretisch wie rechtsphilosopisch [4] angreifbaren, sprachlich verschwurbelten Rede vor dem Deutschen Bundestag, die Idee der Menschenwürde und -rechte sei von der Überzeugung eines Schöpfergottes, von der „Gottesebenbildlichkeit“, abzuleiten und ordnet damit die auch von Buddhisten und Muslimen getragene UN-Menschenrechtserklärung auf die katholische Linie ein. Dieser christlich-kirchliche Gottesbezug der Menschenrechte, weder durch empirische oder wissenschaftliche Erkenntnisse nachweisbar, noch durch politische oder logische Argumente belegbar, eine Behauptung also aus dem luftleeren Raum, animierte die Konrad-Adenauer-Stiftung zum öffentlichen Nachdenken unter Leitung des CDU-Politikers Bernhard Vogel: Der Gottesbezug trage „dazu bei, dass der Mensch unreduziert wahrgenommen“ werde. Andere Menschenbilder seien „defizitär“, die „mit Sicherheit auch defizitäre ethische und politische Entscheidungen nach sich“ zögen („Menschenwürde“, 2006).

Dieser von der Bundesregierung finanzierte, zopfige Text gegen den Weltbürger, der alle bisherigen feindlichen Menschenbilder der Kirche, insbesondere die antijüdischen, antihäretischen, antireformatorischen und antimodernistischen, schlicht negiert, wurde als Handreichung für den Bundestag von einer Handvoll deutscher Theologen ausgetüftelt, die „Menschenwürde“ unter sich auszumachen versuchten. Philosophen und Kulturwissenschaftler waren unerwünscht.

Nur am Rande sei noch erwähnt, dass die ominöse Gottesebenbildlichkeits-Debatte durch die Evolutionsforschung (Darwin) als hoffnungslos antiquiert ausgewiesen ist. Denn falls die Gottesebenbildlichkeit zuträfe, hätte sich Gottes Wesen mit dem Wandel des Menschen vom lustarmen Einzeller zum erotisch-raffinierten homo sapiens ständig verändert, hätte Gott vor 100.000 Jahren körperlich wie wesenshaft dem homo erectus geglichen. Da Gott aber ewig ist, kann eine solche Veränderung ausgeschlossen werden. Im übrigen handelt es sich um eine auch theologisch unsinnige Gespensterdebatte. Denn sie unterstellt, dass Gott erkennbar ist (Spiegelbild des Menschen), was seine Göttlichkeit erneut grundsätzlich in Frage stellt. Die Ebenbildlichkeits-Debatte ist also Phraseologie in Reinstform, die wichtige Zukunftsthemen wie Praeimplantationsdiagnostik und Gen-Technologie zum Schaden der Menschen mit irrationalen Luftargumenten belastet und lediglich geeignet ist, eine ernsthafte, tiefer gehende Werte- und Würdediskussion zu umgehen und diese stattdessen in kirchlich-archaische Denkweisen einzumauern.

Gleichermaßen geheimnisvoll bleibt, was Papst Benedikt XVI. überhaupt unter „Menschenrechten“ versteht. Um die Freiheit des Denkens oder um Bürgerrechte jedenfalls kann es sich kaum handeln, da Libertas praestantissimum donum diese ausdrücklich ablehnt. Und dass die katholische Kirche Frauen den Zugang zu allen mit der Weihe verbundenen Ämtern und Funktionen verweigert und damit gegen das europäische Diskriminierungsverbot verstößt, ist ebenfalls bekannt.

Was Europa im innersten zusammenhält

Die gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung, die christliche Idee von der Gottebenbildlichkeit des Menschen habe die Menschenrechte begründet und es sei ein Verdienst des Christentums, die Formel von der Menschenwürde gefördert zu haben, ist also nachweisbar falsch. Und angesichts dessen, was die Kirche in diesem Namen getrieben hat, bemerkenswert dreist. In Wahrheit ist die Redensart von einer durch die christliche Lehre generierten „Menschenwürde“ voll bitterer Ironie. Denn was die Lehre von der Erbsünde anthropologisch bedeutet, liegt auf der Hand: Sie ist menschenverachtend. Der Mensch ist verderbt, ein Wurm und Opfer seiner Sinne. Gott macht mit ihm, was er will. Der Mensch solle zu Staube kriechen und sich blind in sein jenseitiges Schicksal ergeben. Selbst der Gottessohn wird entwürdigt. Gegeißelt und mit Dornen gekrönt wird er seit Jahrhunderten den Menschen zur Schau gestellt. Keine Mutter würde nach dem Tode ihres Sohnes derart Schauerliches und Pietätloses zulassen.

Was Europa im innersten zusammenhält, was Europa ausmacht, ist also nicht der billige Rekurs auf die Bergpredigt, ist nicht ein angeblich „liebender Gott“, der die Menschen nach Belieben tötet und foltert. Was Europa zusammenhält, ihm ein unverwechselbares Gesicht gibt, ist das griechisch-römische Erbe, die mühevoll gegen die Staatskirche errungenen Bürgerrechte, die der klerikalen und weltlichen Willkür ein Ende setzen, die Freiheit des Denkens, die Gleichberechtigung und all das, was im Grundgesetz, in den Artikeln 2-18 steht. Europas Basis ist nicht die Bibel, sondern die Petition of Rights (1628), die Habeas-Corpus-Akte (1679), die Bill of Rights (1689) und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (1789). Diese Texte ergänzen die philosophischen Schriften von David Hume bis Kant, die als Texte der Befreiung zu verstehen sind. „Liberté, Égalité, Fraternité“, das ist es, was Europa ausmacht. Die monotheistische Theologie dagegen hebt die Freiheit auf. Sie lebt vom Zwang „Du sollst“ und von der Züchtigungsrute im Falle des Ungehorsams.

Es geht nicht um Gott

Zu guter Schluß und um nicht mißverstanden zu werden: Es geht nicht um Religion oder Glauben, sondern um einen hierarchischbürokratischen Komplex namens Amtskirche mit Bischöfen, die wie Fürsten behandelt und wie Generale besoldet werden. Es geht um Priester, die in heilloser Überforderung eine verquere gottferne Dogmatik an erste Stelle setzen, Gott die Unendlichkeit rauben, mit jedem neuen Attribut die Authentizitätsprobleme steigern und die chronischen Inkompatibilitäten ins Uferlose vermehren. Es geht um eine Kirche, die ihre 1700-jährige, unerbittlich grausame Geschichte als Staatskirche hintertreibt und stattdessen von der „Religion der Liebe“ schwadroniert. Die in völliger Verkehrung der Lehre und ihrer eigenen Historizität einen „liebenden Gott“ als Kronzeugen anführt, der die Erde verwüstet, die Menschheit vernichtet, brutale Fressketten einrichtet, die abscheulichsten Strafen androht und Auschwitz und Hiroshima zuläßt. Die, kurz gesagt, Gott zur Marionette eines unsäglichen Religionsschauspieles macht.

Und: Es geht um einen Staat, der dies alles nach Kräften fördert, gar in Verfassungen zur Furcht vor dieser Religion auffordert und Juden, Muslime und Nicht-Konfessionelle zwingt, mit ihren Steuern die satten Gehälter christlich-kirchlicher Würdenträger zu bezahlen. Es geht um eine Gesellschaft, in der der Bürger sich dagegen verwahrt, bei der Gestaltung des Politischen von nicht gewählten Meistern der Wahrheit bevormundet zu werden, die nach Wahrheitsregeln, die schon vor 2000 Jahren nicht mehr auf der Höhe der Zeit waren, an Problemen wie Praeimplantationsdiagnostik und Kernenergieausstieg herumdoktern. Es geht um selbsternannte Werte-Gurus, die weder die erforderliche Expertise in existenziellen Sachfragen nachweisen können, noch demokratisch legitimiert sind, die wenig mehr als Schlagworte zum Begriff „Ethik“ beisteuern und dennoch unangemessenen Einfluß auf die Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse besitzen. Das hat es in Deutschland noch nicht gegeben: Bischöfe befinden darüber, ob Kernenergie und erhöhter CO2-Ausstoß aus konventionellen Kraftwerken gesellschaftlich vertretbar sind. Ihre Entscheidungsgrundlage ist ein Buch aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft der Juden.

Es geht auch um Würde

Und es geht auch um Würde. Als Republikaner schämt man sich, dass die Bundeskanzlerin als Gastgeberin an den Berliner Sitz der Deutschen Bischofskonferenz eilt, um dort vom Gast, einem umstrittenen Kirchenführer, empfangen zu werden. Betreten schaut man zu, dass Bundesverfassungsrichter, zu strikter religionspolitischer Neutralität verpflichtet, in ein Freiburger Priesterseminar pilgern, um einem Religionsführer ihre Aufwartung zu machen. Das soll uns mal einer nachmachen! Bundeskanzlerin, Bundestagspräsidium und oberstes Verfassungsgericht werfen sich im eigenen Land dem Repräsentanten einer Organisation zu Füßen, die im Laufe ihrer 2000jährigen Geschichte mehr Phantasie aufgewendet hat, Andersdenkende mit Streckbänken und Daumenschrauben zum Gehorsam zu zwingen, als jede andere Diktatur. Ungläubig beobachtet man, dass die Mehrheit der Volksvertreter einem Bundestagspräsidenten folgt, der auf Kosten der katholischbischöflichen Cusanus-Gesellschaft studiert und kürzlich eine Vater-Unser-Interpretation publiziert hat, der vom Papst in Privataudienz empfangen worden ist und im Gegenzug die Volksvertretung für die eigene religiöse Überzeugung strapaziert, indem er initiativ den Papst zu einer Rede vor dem Parlament, der Volkskammer aller Deutschen, einlädt. Nicht als Staatsmann hat Benedikt gesprochen, wie beschönigend behauptet wurde, sondern als Kirchenführer. Denn diesen Zahn zog der Papst den Politikern bei seiner Antrittsrede höchstpersönlich: Er sei als Papst und nicht als Staatenlenker gekommen.

Diese provokante Einladung Norbert Lammerts (samt der Fraktionsführer), die die Verfilzung von Staat und Kirche, von Politik und Religion öffentlich dokumentierte, die zum Auszug von einhundert Parlamentariern führte, deren vakanten Sitze horribile dictu mit Claqueuren gefüllt wurden, die Zehntausende auf die Berliner Straßen trieb, dieses instinktlose Unterfangen, das die 2000-jährige offene Feindschaft der Päpste gegen die Juden tatsächlich ebenso entschuldete wie die erbitterte Verfolgung von Häretikern und Ketzern durch die katholische Kirche, dieser staatskirchenpolitische Winkelzug, überflüssig wie ein Kropf, der dem innenpolitischen Frieden dauerhaft geschadet, die Diskussion um die Trennung von Staat und Kirche erst richtig angeheizt, alte Gräben vertieft und neue aufgerissen hat, ist ein böser Schlag ins Gesicht all derer gewesen, die meinen, Staatsreligionen hätten schon genug Unheil angerichtet, nun sei es genug mit heiligen Kriegen und Bush-Kreuzzügen, mit Salafisten, Pius-Brüdern und Scientologen, mit Bekehrten und Offenbarten, mit Verfluchen und Verstoßen, mit tönernen Friedensbekundungen und realer Unfriedensstiftung.

Also, wehret den Anfängen. Zum Beispiel bei der Frage, ob noch mehr Religionsunterricht an die ohnehin schon polyethnisch und multireligös überfrachteten öffentlichen Schulen gebracht werden soll. Diesmal geht es darum, dass Politiker die Schulen für islamischen Religionsunterricht öffnen wollen. Vorgeblich um fundamentalistische Auswüchse zu begrenzen. Als wäre es jemals möglich gewesen, Religionsradikalinskis durch freiwilligen, wöchentlichen Unterricht an staatlichen Einrichtungen zu bändigen. Mit solchen Maßnahmen erfährt lediglich der Zwist zwischen Konfessionsfreien, Protestanten, Katholiken, Freikirchlern und Muslimen eine neue Dimension. Statt Religion konsequent in die private Sphäre zu verschieben („Sonntagsschulen“), statt sie von den Hochschulen zu verbannen, werden die öffentlichen Schulen verstärkt in das grausame Geschacher um Glaubenswahrheiten hineingezogen.

Dabei deuten alle Daten deuten darauf hin, dass das Großkirchen-Christentum in der modernen Welt sein tatsächliches Ende bereits hinter sich hat. Denn die Welt rückt zusammen und die Kirchen sind nicht zufällig leer. Sie leeren sich, weil die Priester die Fragen des 21. Jahrhunderts unter Heranziehung 2000 Jahre alter Folianten dechiffrieren wollen, weil sie Urknall, Evolution, Apparatemedizin und Ausschwitz theologisch nicht mehr beherrschen. Wer angesichts des anthropozentrischen Größenwahns, des ungebremsten, katastrophalen Bevölkerungswachstums und in Gegenwart perverser Tier- und Ressourcenausbeutung weiterhin von „gottgewollter Herrrschaft des Menschen über die Natur“, von „Krone der Schöpfung“ und „macht Euch die Erde untertan“ meditiert, wer im Zeitalter der Globalisierung der Weltanschauungen immer noch behauptet, die ewige Wahrheit zu vertreten, der sollte von der öffentlichen Bühne abtreten. Der sollte dem grenzüberschreitendem Humanismus den Vortritt lassen.

[3] Im Irland der 60er und 70er Jahre verschwinden junge Frauen, oft mit dem Segen ihrer Familien, hinter den Mauern der Magdalenenstifte, die gefallenen Mädchen Zucht und Ordnung beibringen sollen. Vgl. dazu den preisgekrönten Film „Die unbarmherzigen Schwestern“ von Peter Mullan, 2002.

[4] Vgl. „Hier irrte der Papst“, FAZ v. 03.11.2011.

Rolf Bergmeier, M.A.

Althistoriker und Philosoph; Forschung mit Schwerpunkt im Grenzbereich von Spätantike, frühes Mittelalter und Kirchengeschichte.

Veröffentlichungen seit 2010 (Monographien):

· Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums. Die Legende vom ersten christlichen Kaiser, 2010.

· Schatten über Europa. Der Untergang der antiken Kultur, Dezember 2011

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Eine Frau allein gehört allen!

Ein provokanter Titel, ok, aber mal sehen, was dies bedeutet. Dieser Ausspruch ist im Orient gang und gäbe. In meinem Erlebnisbericht will ich die Alltagssituationen schildern, die ich mit den Frauen dort selbst erfahren habe. Wir kennen alle die Szenen auf der Straße, Frauen mit Kopftüchern oder sonstiger Verschleierung und immer in Gruppen. Für mich persönlich, man soll mich ruhig steinigen und von mir aus auch böse angiften,  kein fremdes oder ungewöhnliches Bild, da ich weiß, wie ein Großteil dieser Frauen lebt. Wer wie ich jahrelang im Ausland,  vor allem im Orient war, der weiß, was Sache ist.

Es fängt schon in der Kindheit an. Die Erziehung der Mädchen ist wesentlich restriktiver als die der Jungen. Das heißt aber nicht, dass die orientalischen Väter ihre Töchter nicht liebten. Ich habe auch im Laufe der Jahre sehr viele gute und herzliche Menschen kennen und lieben gelernt,  mit denen ich heute noch in engem Kontakt bin. So schön wie die Länder und die ganze Atmosphäre dort unten sind, so schwierig sind die Lebensbedingungen der einfachen Bevölkerung, besonders der Frauen. Die gebildete Oberschicht ist da anders und passt sich sehr der westlichen Lebensweise an und verinnerlicht sie auch. Dies hat zum Glück auch Auswirkungen auf die Erziehung der Mädchen.  Außerdem ist es in der Oberschicht nicht ungewöhnlich, dass ausländische Ehepartner gewählt werden.

Die einfache Bevölkerung hat da weniger Möglichkeiten sich zu entfalten. Der  Familienzusammenhalt ist zwar im Allgemeinen sehr stark und ausgeprägt, aber dies erfordern die schweren Lebensbedingungen zwangsläufig. Wenn kein Geld für Essen und Medikamente usw. da ist, wer springt dann in die Bresche? Die Familie, sprich die Verwandtschaft.

Die Grund- und Hauptschule dauert in den meisten Ländern des Orients nur knapp 5 Jahre. Wer dann weiterhin seine Kinder in die Schule schicken will, benötigt Geld und zwar nicht wenig, das die meisten nicht haben. Sie sind froh, wenn sie genug zum Essen auf dem Tisch haben. Da liegt natürlich auch der Hase im Pfeffer, wie man bei uns so schön sagt. Die Bildung fehlt. Es gibt auch rühmliche Ausnahmen im orientalischen Sprachraum. Das ist Tunesien und man sollte das auch erwähnen. Israel ist ebenfalls eine rühmliche Ausnahme. Ich will mich aber mehr auf den muslimisch orientierten Kulturkreis beschränken.

Wenn die Familien kein Geld haben, um alle ihre Kinder auf die Schule zu schicken, dann wird es folgendermaßen gehandhabt: Der älteste Sohn darf weiterhin auf die Schule gehen und die Töchter bleiben dann bis zu ihrer Verheiratung zuhause. Die Ehe wird natürlich von den Eltern arrangiert. Zum großen Teil wird in der eigenen Verwandtschaft nach einem passenden Partner gesucht, weil, so das Argument, man kennt sich schließlich und ist angeblich vor bösen Überraschungen sicher. Tja, was sollte ich als Ausländerin da schon sagen. Die linguistische Variante ist da schon interessanter. Wenn jemand, wie gesagt, einen Partner für seine Kinder sucht, sollte er aus der „Sulale“, also aus der Verwandtschaft kommen.

Wenn eine Frau geschieden wird oder verwitwet ist, geht sie meistens in ihre Ursprungsfamilie zurück. Eine verwitwete Frau wird bedauert, aber bei einer geschiedenen Frau hält sich das Mitleid in Grenzen. Wer weiß, wie schlecht sie war, weil der Mann sich hat scheiden lassen müssen. Es ist eine Doppelmoral, die mir oft die Haare zu Berge stehen ließen.

Ein Beispiel aus dem Türkischen: Dul Kadin = Witwe, Bosanmis Kadin = Geschiedene.

Diese beiden Frauen haben eines gemeinsam. Na klar, keinen Mann! Insofern heißen sie auf türkisch auch, man staune: Sahibsiz Kadinlar, also „Herrenlose Frauen“, ich habe mich damals weggeschmissen vor Lachen, aber nicht weil es so lustig war. Es war die pure Ironie. Ich konnte es nicht fassen. Bei dem Begriff herrenlos, denke ich automatisch an streunende Hunde und Katzen. Dass dieser Begriff auch auf allein stehende Frauen angewandt wird, war für mich einfach nicht zu verstehen.

Ein anderes Erlebnis war  auf einer Busfahrt in Istanbul mit meinen Leuten. Der Bus war wie immer rappelvoll und die Hitze und Ausdünstungen ließen die Stimmung im Bus auf den Nullpunkt sinken. Es ist tatsächlich eine komische Marotte in vollen Bussen in Istanbul, den Frauen einfach fest in den Hintern zu kneifen. Ich wurde, bevor wir in den Bus einstiegen, extra von meinen Leuten darauf aufmerksam gemacht. Dies ist halt so, wurde mir gesagt. Ok dachte ich mir, lass mal den Poppeskneifer an mich herantreten, dann gibt’s Zoffff…

Wir stiegen in den Bus und ich konnte tatsächlich beobachten, wie andere Schnurrbartträger die Weibsen vor uns in den Vollmond kniffen. Mir und meinen Leuten liefen die Tränen vor Lachen herunter und ich musste mich so zusammenreißen, um nicht laut loszuprusten. Auf einmal spürte ich ein Kneifen in meinem Sitzpolster und der Kerl grinste mich an und sagte: Hallo du schöne blonde Frau. Ich drehte mich abrupt um und packte den Schnurrbart an der Gurgel. Ich sagte dann auf Türkisch zu ihm, dass ich ihn zur Frau machen werde. Der ganze Bus tobte und alle gackerten wie Hühner wild durcheinander. Es war einfach herrlich – Satire pur. Der arme Busfahrer kam sofort und entschuldigte sich bei mir und schmiss den Mann raus. Ich sagte ihm, dass dies natürlich nicht seine Schuld war und solche Deppen überall anzutreffen sind. Aber ich denke, ich habe einiges bewirkt. Bei der Weiterfahrt kamen wir ins Gespräch mit den anderen betroffenen Frauen und die gaben mir Recht und sagten zu mir: „Sen Aslan gibi Kadinsin.“ Das bedeutet, du bist eine Frau, wie ein Löwe. Der Schnurri hat mit Sicherheit an diesem Tag keine Frau mehr in ihren Vollmond gezwickt. Aber es ist schon bezeichnend, dass die Frauen nicht gekniffen wurden, die einen männlichen Begleiter bei sich hatten.


Moderne Frauen in Tunesien

In Tunesien war das nächste lustige Erlebnis, lieber Wim*. Es war wieder zum Brüllen. Wir waren in Hammamet. Eine tolle Küsten- und Piratenstadt mit einer ummauerten Medina. Meine Freundin und ich schlenderten am Abend die Küstenstraße entlang und wollten noch einen Pfefferminztee trinken und evtl. eine Shisha rauchen. Na ja, wie es so ist in diesen Touristenstädten, eine Menge heißblütiger junger und nicht mehr ganz so taufrischer „Kobolde“ lauerten auf weibliche Beute. Etliche habe ich ganz cool und lässig abweisen können, nur 2 besonders hartnäckige, die wichen zum Henker uns nicht von der Seite. Sie bezirzten und beschleimten uns über eine Stunde. Wie sind wir doch so schön und wir wären wie die Blumen der Nacht. Das Augenrollen ging bei meiner Freundin hin und her. Dann hatte ich eine Idee und gab meiner Freundin ein Zeichen, dass ich den Burschen ein wenig Dampf machen würde.

Ich habe nach dem ganzen Geschleime dann eine todernste Miene gemacht und den Kobolden sagte  ich: „Hört mal her Jungs. Ich muss euch was sagen.“ Die Kobolde waren ganz Ohr. Ich sagte zu ihnen, dass meine Freundin eine echte Frau sei, aber ich in Wirklichkeit ein Transvestit. Auf einmal trafen mich alle möglichen Beschimpfungen auf Arabisch und die Kobolde liefen schnurstracks davon. Wir lachten uns schlapp und tranken dann weiter unseren Tee und genossen die Shisha. Der Wirt fragte uns dann freundlich, warum wir so lachten. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte und versicherte ihm, dass ich aber in Wirklichkeit doch eine echte Frau sei. Der Mann lachte sich kaputt und sagte dann zu uns, dass dies eine sehr gute Idee von mir war, um diese Strolche loszuwerden. Er würde sich das merken und diesen Tipp an andere Touristen weitergeben, damit die ihre Ruhe hätten.

Ich bereiste auch Algerien und Marokko. Marokko gefiel mir sehr gut, Algerien war auch teilweise sehr schön, aber die politische Situation damals zwang mich, das Land schleunigst wieder zu verlassen. Es war einfach traurig.

Im Großen und Ganzen muss ich sagen, die Situation der Frauen ist nach der Jasmin-Revolution in Tunesien vielleicht, und dies sage ich mit leiser Hoffnung, besser geworden. Aber in den anderen orientalischen Ländern eben nicht. Die Türkei wird fundamentalistisch werden, mit einem verurteilten Volksverhetzer und Islamisten als Staatspräsident, kein Wunder. In Syrien geht der Punk ab. Im Libanon ist die Hizbollah die starke Kraft. Wenn ich an diese beiden Länder denke, bin ich betrübt. Damaskus ist eine tolle Stadt und der Libanon ein herrliches Land mit einer sehr gebildeten Französisch sprechenden meist christlichen Elite. Jordanien sitzt auf dem Pulverfass und Israel genauso. Von der arabischen Halbinsel möchte ich gar nicht erst reden.

Ägypten wird seine Muslimbrüder bekommen. In Libyen tobt der Irre immer noch umher.

Und in diesen Ländern sind die Frauen diejenigen, die die Hauptlast in der Familie tragen.

Der Ausspruch: Eine Frau allein gehört allen, existiert tatsächlich. Er besagt, dass eine Frau ohne Mann oder männlichen Schutz ein Nichts ist, mit der man machen kann, was man will.

Die Frauen dort definieren sich nur dann als vollwertige Frau, wenn sie mindestens ein Kind geboren haben, wenn möglich, einen Sohn. Im Nahen Osten wird die Frau immer mit dem Vornamen ihres ältesten Sohnes angesprochen – es ist eine Form der Ehrerbietung. Wie z. B.: Die Frau von Hassan xy hat einen Sohn mit Namen Abdul, dann heißt die Frau nicht Frau  xy sondern Umm Abdul, also Mutter des Abdul.

In der Familie hat die Frau zu dienen, auf türkisch vazife. Erst dem Ehemann, dann den Schwiegereltern vor allem der Schwiegermutter, dann den Schwestern des Mannes und den Brüdern also der ganzen Sippschaft des Ehemannes. Sie muss den ganzen Haushalt schmeißen, denn dazu ist sie da. Dafür hat sie den lebenslangen Schutz ihrer Sippe. Wehe sie verliert ihn, dann ist sie verloren und wird von der Gesellschaft geächtet. Jeder kann also mit ihr machen was er will. Viele Frauen sind deswegen in die Prostitution hineingeraten aufgrund dieser patriarchalischen Familienstruktur, die keine Gnade kennt. Nur Ehre, lebenslanger Dienst an der Familie und Gehorsam. In den Moscheen wird das immer wieder gepredigt. Die gehorsamen Frauen behaltet und beschützt sie, aber die Widerborstigen, jagt sie davon!

Ich habe viele traurige Gesichter im Nachtleben von Istanbul gesehen und konnte darin lesen wie in einem Buch. Mit vielen bin ich ins Gespräch gekommen und mit einigen bin ich noch heute eng befreundet. Ich denke, es wird noch lange dauern, bis die Türkei und auch der Orient den Humanismus und Laizismus als selbstverständlich annehmen wird. Die jetzige Entwicklung sagt nichts Gutes voraus.

Einen lieben Gruß an Kantomas-Kardesim. Istanbulu dinliyorum, Gözlerim kapali.

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

Titelillustration von Azrail

  *Wim ist die liebevolle Abkürzung meines damaligen Spitznamens "Wissen ist Macht, unter dem ich anfangs auch noch auf WB schrieb (Frank Berghaus).




Gespräch mit Moslems

MarsaAlam_Wüste_RotesMeerEin ganz normaler Abend in Ägypten mit meinen moslemischen Freunden Ahmed, Hany, Mohammed et al. – Von Edith Bettinger

Ich: Verdammt heiß ist es heute, wir haben erst Anfang Mai und es ist windig!

Ja schon. Aber der Wind kommt aus der Wüste.

Aber aus der Wüste Saudi Arabiens, der Windrichtung nach zu urteilen 😉
Nein, du hast keine Ahnung, Saudi Arabien ist dort (zeigt nach Westen)

A propos Saudi Arabien : Ahmed, hast du schon für deinen Freund gebetet?
(Anmerkung : dieser Freund wartet in Alexandria im Spital auf eine Magen-OP)

Gut, dass du mich erinnerst, ich gehe sofort hinein und bete für ihn.

Frage: Wo ist denn Mekka, nur damit du nichts falsch machst?

Na dort! (zeigt wieder nach Westen)

Habibi, muß ich als Nichtmoslem dir sagen, wo Osten ist?

Nein, man kann nichts falsch machen, mit dem Meer im Rücken liegt man da immer richtig.

Das ist aber dann blöd, wenn man an der Mittelmeerküste wohnt, da wird’s dann trickreich, außerdem sitzen wir hier an einer Lagune, da hast du theoretisch 3 Möglichkeiten dafür. Hast du auf deinem Iphone keine Mekka-App installiert?

(Anmerkung: das „Beten mit dem Meer im Rücken„ habe ich schon oft gehört, es ist daher keine Wiederholung einer etwas älteren Satire von mir, sondern wieder einmal tatsächlich so ausgesprochen)

Du hast keine Ahnung, ich gehe jetzt jedenfalls beten!

Nach 2 Minuten: Fertig! Möge Allah mein Gebet erhören und Waleed beistehen! Es wird alles gut inshallah!

Möge der Chirurg ihm beistehen, aber egal, jedenfalls alles Gute für deinen Freund. Ich werde ihn in mein Abendgebet mit einschließen.

Hhhh? Du betest? Bist du also doch gläubig!

Das war ironisch, liebe Freunde, ich bin und bleibe bei den kuffar.

Kuffar ???

Atheistin!

????? Was ist das?

Ich bin frei von Gott und froh darüber!

Du glaubst nicht an Allah? Unmöglich, jeder muss an ihn glauben.

Ich glaube zum Beispiel im Moment nur, dass es morgen noch heißer wird.

Nein, an Allah musst du glauben! Er hat alles geschaffen, auch dich!

Geschafft haben es eine Eizelle meiner Mutter und ein Spermium meines Vaters.

Betretenes Schweigen, ein durchaus gewollter Tabubruch: diese Worte in der Öffentlichkeit auszusprechen, haram und schockierend.

Aber das Spermium, wer hat das geschaffen? Das ist so perfekt ! (Mohammed und Hany zeigen unbewusst (?) auf ihren Schritt)

Abgesehen davon, dass die weibliche Eizelle mindestens genauso perfekt ist, sind Spermien ein Produkt der Evolution, nichts Besonderes, haben alle Säugetiere.

Säugetiere ???

(es folgt ein Exkurs in Biologie, Zyto- und Ontogenese, Embryonalentwicklung, Genetik bis hin zu den Menschenaffen, so weit ich das auf Englisch und Arabisch vermitteln konnte)

Du hast Schimpansen erwähnt, bist du etwa auch so ein Anhänger von diesem Darwin? (Ahmed lacht abfällig)

Wenn du so willst ja, ich bin grundsätzlich eine Anhängerin von Wissenschaft und Menschenrechten, besonders der Aspekt, dass Frauen gleichberechtigt sein sollen, was beim besten Willen nicht aus eurem „heiligen“ Buch ab zu lesen ist.
Mein ganz besonderer Liebling ist ja Sure 2, Vers 223 (Eure Frauen sind euch ein Saatfeld. …..) Frauen sind eure Äcker? Na danke, darum seid ihr auch so Machos!

Hany ganz aufgeregt: Das stimmt nicht, das steht nicht im Koran!!

Lies es nach, du hast doch sicher einen bei dir.

Nein, ich trage doch nicht den Koran spazieren!

Ahmed zückt sein Handy: ich habe es sicher gespeichert!
(sucht lange und spielt dann die Rezitation der Sure vor)

Offenbar kenne ich den Koran besser als ihr, lest es nach, wenn ihr zu Hause seid.

Mohammed ziemlich sauer: Du kennst dich da nicht aus und kannst da nicht mitreden, du bist kein Moslem!

Blödes Argument! Dann kannst du auch nicht beurteilen, wie sich eine Frau schicklich anzuziehen hat, du bist ja keine Frau.

Al hamdullillah, ich bin keine Frau, aber das ist etwas anderes, das eine ist DIE Religion, das andere ist eine Frau!

Ach ja, verstehe, leuchtet ein, tolle Erklärung 🙁

Hören wir auf über Religion zu reden, das ist zu privat.

Mabruk habibi, du hast es erfasst, Religion ist in der Tat Privatsache, das hat sich nur bei euch noch nicht so herumgesprochen.

Schon wieder, höre jetzt auf, sonst werde ich wirklich böse.

Ok, ok, will ja mit euch noch einen netten Abend verbringen, lassen wir es bleiben. Nur eins noch: Es gibt keine Götter, auch euren Allah nicht.

Ahmed beschwichtigend: ist deine Meinung. Lass uns wetten: wenn ich Recht habe, treffen wir uns nach dem Tod wieder, wenn du Recht hast, treffen wir uns nicht mehr.

Handschlag, die Wette gilt.
Treffen werden wir uns aber auf keinen Fall wieder, denn ich komme sicher in die Hölle, Frau und ungläubig noch dazu.

Zustimmendes Gelächter, der Abend dauerte auch ohne Gespräche über Religion und Gott noch lange, über Frauen lässt sich ja bekanntlich auch vortrefflich debattieren.

© by Edith Bettinger, Mai 2013

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Koran verworfen — eine Zeitenwende

Eine Nichtsatire

Es begab sich aber zu der Zeit, da das Ende des Zweiten Weltkriegs gerade mal ein paar Wochen zurücklag. Allah war ins Grübeln gekommen. Nicht dass Allah für den Zweiten Weltkrieg und die während dieses internationalen Gemetzels begangenen Greueltaten verantwortlich gewesen wäre oder dass dazu in seinem Koran eine Anleitung oder eine Anweisung zu finden gewesen wäre. Aber das Ausmaß hatte ihm doch zu denken gegeben und er überlegte sich, wie er die Welt ein Stück weit besser machen könnte, da seine bis dahin letzte Offenbarung nicht den gewünschten Erfolg nach sich gezogen hatte. Allah machte sich ans Werk.

Die Erstfassung seines Korans hatte Allah vor ca. 1400 Jahren einem Mann aus den Wüsten Arabiens, genauer, aus einer kleinen Stadt im gebirgigen Westen nicht weit von der Küste des Roten Meeres, herabgesandt. Er hätte sich auch jemanden aus einem anderen Land, einem anderen Kontinent, aus einer ganz anderen Weltgegend aussuchen können, z.B. jemanden von einer traumhaft schönen Insel in der Südsee, oder einen Menschen aus Grönland, aus den Weiten Sibiriens oder aus den Urwäldern des Amazonasgebiets. Dann wäre der Koran möglicherweise ganz anders und den geographischen Gegebenheiten und den Lebensumständen der jeweiligen Region entsprechend ausgefallen. Warum Allahs Wahl auf jemanden aus Arabien fiel, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Immerhin hat Allah dem Empfänger seiner damaligen Botschaft mit auf den Weg gegeben, dass dieser Koran nicht für die Ewigkeit bestimmt sein muss:

Und wenn Wir es wollten, könnten Wir gewiß das wieder fortnehmen, was Wir dir offenbart haben;

heißt es in der 17. Sure «Die Nachtreise (Al-Isra’)» aus der mittleren mekkanischen Entstehungsphase im Vers 86.

Dass diese Erstfassung des Korans in sich nicht immer ganz stimmig ist, ja von so manchen inneren Widersprüchen, Ungereimtheiten und Absurditäten durchsetzt ist, mag daran liegen, dass der seinerzeitige Empfänger der Botschaften Allahs einiges zum persönlichen Vorteil hinzugedichtet hatte — ganz abgesehen davon, dass etliches daraus für Menschen aus anderen Kulturkreisen oder aus anderen geschichtlichen Epochen weder angemessen noch zeitgemäß war und ist.

So hat sich Allah im Spätherbst 1945 also ans Werk gemacht, hat den gesamten bisherigen Koran verworfen und eine völlig neue Fassung seines heiligen Buches formuliert — diesmal nicht in arabischer Sprache, sondern, auf der Höhe der Zeit, in Englisch. Diese vollständige Neufassung sollte künftig auch manches andere heilige Buch ersetzen.

Herausgekommen ist ein Text, der ganz erstaunliche Ähnlichkeit mit der späteren Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 sowie mit einigen Artikeln aus dem Grundrechtekatalog des im Jahr 1949 in Kraft getretenen Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland hat. Nicht dass die Welt deshalb nun am deutschen Wesen genesen sollte, nein, das nicht, — im neuen Koran steht schließlich vieles, das mit der UNO-Menschenrechtserklärung deckungsgleich ist — aber die Ähnlichkeiten dessen, was Allah da formuliert hat mit dem, was in besagtem Grundrechtekatalog geschrieben steht, sind doch verblüffend.

In den Jahrzehnten nach Herabsendung des neuen Korans taten sich etliche Potentaten in Ländern, die sich dem bisherigen Koran verpflichtet fühlten, aber auch manche Menschen in Ländern, die anderen heiligen Büchern folgten, noch sehr schwer, Allahs neue Botschaft zu akzeptieren, da sie nicht nur einen persönlichen Machtverlust befürchteten, sondern auch den Zusammenbruch der Sozialgefüge ihrer Staaten und Gesellschaften als drohendes Unheil am Horizont sahen — eine Befürchtung, die sich als unzutreffend erweisen sollte.

Nun soll man die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte oder das deutsche Grundgesetz nicht als heilige Bücher auffassen oder deklarieren, aber manch einer könnte das, was darin formuliert ist, womöglich leichter akzeptieren, wenn es ihm einstweilen als ein Text seines Gottes präsentiert würde. Die Erkenntnis, dass es Gott nie gegeben hat und nicht gibt, wird sich zu gegebener Zeit durchsetzen. Erzwingen kann man sie schließlich nicht.

Eckhardt Kiwitt, Freising

_____
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Deutsch)
Grundrechtekatalog des Grundgesetzes

Beitragsbild:
The universal declaration of human rights 10 December 1948 (Ausschnitt)
en.wikipedia.org/wiki/File:The_universal_declaration_of_human_rights_10_December_1948.jpg




Toleranz und Wertschätzung

DuAToleranz ist ein vielbemühter Begriff im Umgang mit Menschen aus anderer Herren und Damen Länder, aus anderen Kulturkreisen, Menschen mit anderen Wertvorstellungen oder mit anderen Weltanschauungen als der eigenen. Toleranz ist jedoch auch ein manchmal missverstandener oder unzutreffend interpretierter Begriff, und die Grenze zur Heuchelei ist dabei bisweilen nicht weit entfernt.

Ein Erlebnis aus den 1990er Jahren ist mir in Erinnerung, welches anschaulich macht, was Toleranz nicht ist (vgl. den letzten Satz dieses Beitrags). In einem kleinen Restaurant saß ein junges Ehepaar mit seinen Kindern an einem Nachbartisch, das Rauchen war seinerzeit in Gaststätten in Bayern noch erlaubt. Der Familienvater zündete sich eine Zigarette an, was sein ca. achtjähriger Sohn unter Tränen wegen der für ihn als unerträglich empfundenen Geruchsbelästigung deutlich missbilligte und darum bat, aufs Rauchen bei Tisch und in einem geschlossenen Raum zu verzichten. Der Vater erwiderte seinem Sohn, er möge doch tolerant sein. Umgekehrt schien es dem Familienvater nicht möglich oder zumindest nicht angemessen, dem Wunsch seines Kindes zu entsprechen.

Im Umgang mit religiösen oder ethnischen Minderheiten ist der Toleranzbegriff in den letzten Jahrzehnten und bis in die Gegenwart hinein (vgl. Das selbstherrliche Gott — oder: Vom Ende absoluter Macht, letztes Drittel) oft ein wenig überstrapaziert worden. In einem satirischen Beitrag aus dem Mai 2018 wird einer Politikerin einer seit vielen Jahren im Deutschen Bundestag vertretenen Partei etwas untergeschoben, das, vergleicht man es mit anderen Aussagen, die aus dieser Partei bisweilen zu vernehmen sind (siehe den Beitrag „Gastfreundschaft, Wertschätzung und religiöse Diktate“, vierter Absatz), von der Realität nicht weit entfernt scheint: «Ein Verkaufsverbot für Alkohol während des Ramadans sei ein „wichtiges Zeichen für die Toleranz“».

Karl Raimund Popper (1902-1994), ein österreichisch-britischer Philosoph, schrieb in einem seiner Bücher: „Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ („We should therefore claim, in the name of tolerance, the right not to tolerate the intolerant.“).
Der Widerspruch in seiner Aussage ist ihm möglicherweise nicht aufgefallen, denn sobald man die Intoleranz nicht toleriert, wird man selber intolerant. Wie aber will man in dem Fall mit sich selbst umgehen?

Zutreffender und im Nachgang der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft hat es der SPD-Politiker Dr. Carlo Schmid in seiner Rede vor dem Parlamentarischen Rat am 8. September 1948 formuliert, als er vom „Mut zur Intoleranz denen gegenüber“ sprach, „die die Demokratie gebrauchen wollen, um sie umzubringen“.

Grenzen der Toleranz wurden der Weltöffentlichkeit Ende Dezember 1989 drastisch vor Augen geführt. In Rumänien hatte der Diktator Nicolae Ceaușescu die Menschen jahrzehntelang tyrannisiert, und die Rumänen, ein duldsames, also tolerantes Volk, wussten dagegen lange Zeit nichts zu unternehmen. Erst nach dem Fall der Berliner Mauer und noch vor dem sich abzeichnenden Zusammenbruch des Warschauer Pakts und dessen Schutzmacht Sowjetunion begehrten die Menschen in dem Land während einer Rede Ceaușescus auf, wenige Tage später wurde der Tyrann nach einem Prozess und Urteil hingerichtet, ermordet, ein Racheakt, den ich niemals gutheißen kann und der sich, wie jedes Todesurteil, bislang noch immer und überall als kontraproduktiv erwiesen hat.

In seinem Buch «Kritik der reinen Toleranz» schreibt Henryk M. Broder: „Tolerieren bedeutet wörtlich dulden, gewähren lassen. Wer die Güte hat, jemand zu tolerieren, hat auch die Macht, ihn zu vernichten, wenn er es sich anders überlegt hat.“

Man duldet — toleriert –, was man im Grunde nicht mag. Mit Wertschätzung hat Toleranz also nichts zu tun. Toleranz geht einher mit Geringschätzung, die bis in den Bereich der Verachtung und der Feindschaft reichen kann.

Eckhardt Kiwitt, Freising

_____
Beitragsbild:
tolerandus & acceptus — Auszug aus einem Lateinisch-Deutsch-Wörterbuch
(1979, eigenes Bild)

Weblinks:
Toleranz, Wikipedia
Trefflich: Brief an die Heuchler
Grüne Niedersachsen, „gegen […] Intoleranz“
Berliner Express, 28. Mai 2018 (eine Satire)
Das selbstherrliche Gott — oder: Vom Ende absoluter Macht, Wissenbloggt
Gastfreundschaft, Wertschätzung und religiöse Diktate, Wissenbloggt
Karl Raimund Popper, Wikipedia
Karl Raimund Popper, Wikiquote
Google Books, Karl Raimund Popper, The Open Society and Its Enemies, Band 2
Was heißt eigentlich: Grundgesetz? (PDF), von Dr. Carlo Schmid (SPD)
Nicolae Ceaușescu, Wikipedia
Fall der Berliner Mauer, Wikipedia
Tyrannenmord, Wikipedia

Weiterführend:
Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit und Fehlverhalten, Wissenbloggt
Jeder soll nach seiner Façon selig werden, Wissenbloggt




Josef Schiller: Deutschböhmischer Arbeiter und Freidenker

Schiller SeffWeimar. (fgw) Der humanistische Freidenker und Verleger Heiner Jestrabek hat erneut eine leider zu Unrecht vergessene Persönlichkeit wiederentdeckt und stellt diese – es handelt sich um den deutschböhmischen proletarischen Freigeist, Dichter und Aktiven der jungen Sozialdemokratie Österreichs Josef Schiller – in einer bemerkenswerten Publikation vor.

Josef Schiller, genannt Schiller Seff, wurde am 29. Juni 1846 in Reichenberg/Liberec als Sohn armer Weber geboren und starb in der Emigration am 17. August 1897 in den USA – im Städtchen Germany (!), Pennsylvania.

Bereits als Kind mußte er nach dem frühen Tod des Vaters seinen Lebensunterhalt selbst als Fabrikarbeiter verdienen. Schiller, der erst im Alter von zwölf Jahren Lesen und Schreiben lernte, begann aber bereits mit 18 zu dichten. Und – früh politisch engagiert – wurde er bald zum beliebtesten Redner von Arbeiterversammlungen in Reichenberg und Umgebung. 1868/69 wurde Schiller Anhänger der ersten sozialdemokratischen Organisationen in Böhmen und trug hier eigene Gedichte vor. Fortan engagierte er sich neben seinem Broterwerb bzw. in Zeiten der Arbeitslosigkeit als politischer Agitator, Organisator und Journalist.

Diese künstlerische und politische Entwicklung beschreibt Jestrabek in der Einleitung der Schiller würdigenden Publikation sehr anschaulich. Man staunt noch heute, welche Talente in diesem Arbeiterjungen gesteckt haben müssen. Jestrabek hebt zusammenfassend u.a. dies hervor:

„Er wurde [ab 1879/80; SRK] zum populärsten Arbeiterdichter seiner Zeit, geriet aber zunehmend in Widerspruch zur Parteibürokratie und ständige Querelen mit der Parteiführung blieben nicht aus. In dieser Zeit gab er auch seinen ersten Gedichtband im Selbstverlag heraus." (S. 8 )

 „Im Jahr 1890 erfolgte die Gründung des „Freigeist", dem Organ der nordböhmischen Arbeiterbewegung. Dieses Blatt wurde u.a. von Schiller herausgegeben. (…) 1896, nach einem offenen Konflikt mit der Parteiführung, blieb dem mittellosen Schiller nur noch die Möglichkeit der Auswanderung in die USA und der Versuch, dort eine neue Existenz aufzubauen. (…)

 

Josef Schiller gestaltete seine Dichtung ohne sich auf fundierte Bildung stützen zu können und nach langer kräftezehrender harter körperlicher Arbeit und langen Arbeitstagen. Sein Publikum, das einfache Volk dieser Zeit, war ebenfalls schlecht ernährt und gebildet, früh gewohnt an harte körperliche Arbeit und lange Arbeitstage, ohne hohe Lebenserwartung und Reizüberflutung.

Seine äußerst populären Gedichte waren aufrüttelnd-kämpferisch, mit kraftvoller Sprache und teilweise mit balladenhaften Zügen. Sie schilderten das Elend des Arbeiterlebens in realistischen Bildern.

Schwermütige Gedichte voll Todessehnsucht wechselten ab mit kräftig derbem Humor. Schiller trug seine Dichtungen selbst vor und bereiste damit die deutschsprachigen Gebiete Böhmens. (…)

Als Sozialist war Schiller wahrhaft libertär und blieb immer der radikale ehrliche Proletarier. Kein Funktionärsposten oder Parlamentssitz konnte ihn korrumpieren. Diese Parteibürokraten, die nicht mehr „für die Bewegung", sondern „von der Bewegung" lebten, waren für ihn ein rotes Tuch.

Er geißelte sie schonungslos schon in seinen politischen Polemiken in „Der Radikale", aber noch wirkungsvoller in seinen Satiren." (S. 8-11)

Für Jestrabek ist aber auch diese Seite Schillers von besonderer Bedeutung:

Die frühe sozialistische Arbeiterbewegung war noch selbstverständlich verbunden mit der Freidenkerbewegung und der Religions- und Kirchenkritik: „Als Freidenker kämpfte er mit seinen philosophischen Gedichten und seinen Satiren gegen den volksverdummenden Klerus." (S. 11)

Das zeigt sich vor allem in den Gedichten „Der Konfessionslose" (1870), „Die Buße" (1872), „Die Christnacht", „Der Geist der Geschichte" und „Der Kampf der Wahrheit mit Lüge und Unverstand" (alle 1880) sowie „Weihnachtsabend" (1873) wie auch im Festspiel „Selbstbefreiung" (ebenfalls 1883).

Jestrabek stellt diese Gedichte, dazu etliche Gedichte über das harte Arbeiterleben, aber auch autobiographische Texte und politische Zeitungsartikel im Wortlaut vor. Und damit erleben Schillers Werke nach genau 80 Jahren eine Neuauflage.

Zum besseren Verständnis Schillers wie auch der seinerzeitigen Verhältnisse in der Monarchie Österreich-Ungarn, insbesondere im tschechischen Landesteil (Böhmen), hat Jestrabek noch ein ausführliches Nachwort „Zum deutsch-tschechischen Verhältnis" verfaßt. Böhmen und die 1918 gegründete Tschechoslowakische Republik (CSR) waren Vielvölkerstaaten. Bis zum Ende des II. Weltkrieges lebten dort auch etwa drei Millionen Deutsche.

Der Autor beleuchtet die verschiedenen Aspekte des nicht immer friedlichen Zusammenlebens: tschechischer Nationalismus, deutsch-nationaler („sudetendeutscher") Chauvinismus, klerikale Destabilisierungspolitik (insbesondere in der Slowakei), Münchner Diktat, deutsche Okkupation, antifaschistischer Widerstandskampf, die von den Alliierten beschlossene Aussiedlung der Deutschen nach 1945, die aber zu oft in wilde, inhumane Vertreibungen ausartete, bis heute lebender sudetendeutscher Vetriebenen-Revanchismus, aber auch die deutsch-tschechische Aussöhnung.

Für die sogenannte Zwischenkriegszeit führt Jestrabek hierzulande wenig Bekanntes an, das aber für heutige religionsfreie Menschen durchaus von großem Interesse sein dürfte:

Er beginnt diesen Abschnitt mit der Wiedergabe der „Unabhängigkeitserklärung des tschechoslowakischen Volkes" vom 18. Oktober 1918, in der es bereits ganz weit vorne heißt: „Die Kirche wird vom Staate getrennt werden." Im weiteren führt er dazu in der vorliegenden Publikation im Abschnitt „Freidenkerbewegung" aus:

 „…erlebte die Freidenkerbewegung in der Tschechoslowakischen Republik einen ungeheuren Aufschwung. In den Jahren der ersten Republik 1918-1938 traten fast 1,5 Millionen Katholiken aus der Kirche aus, darunter jeder zweite tschechische Lehrer.

Schon in Zeiten der Donaumonarchie hatte seit 1887 ein Verein der Konfessionslosen bestanden, der seit 1899 das Blatt „Der Freidenker" herausgab. In Nordböhmen unterstützten Sozialdemokraten wie Ferdinand Schwarz und Josef Schiller eifrig das Freidenkertum. 1893 gründete sich in Reichenberg ein Verein der Freidenker mit dem Obmann Josef Beranek, der die Monatsschrift „Zeitschwingen" herausgab.

1906 gründete sich in Gablonz/Jablonec ein Freidenkerbund für Böhmen. Julius Reckziegel und Emil Schöler, bekannte Männer der Arbeiterbewegung, waren die Initiatoren. Im Jahr 1914 waren es die Freidenker in Böhmen, die kompromisslos gegen den imperialistischen Krieg auftraten und deshalb von den k.u.k.-Behörden verboten wurden.

In der neu entstandenen CSR wurde wiederum 1919 in Gablonz/Jablonec die Gründung des Freidenkerbundes für die Tschechoslowakische Republik und die Herausgabe des Organs „Freier Gedanke" beschlossen. Prag wurde zum Sitz des Bundes und Prof. Ludwig Wahrmund (1860-1932) zum ersten Obmann gewählt.

Durch starken Einfluss der sozialistischen Arbeiterbewegung entstand 1923 der Bund proletarischer Freidenker und der Anstoß zur Gründung der Internationale proletarischer Freidenker in Teplitz/Teplice zu Pfingsten 1925, deren erster Vorsitzender Prof. Theodor Hartwig (1872-1954) aus Brno wurde. Im tschechischsprachigen Teil der CSR bestand der mitgliederstarke Verband der Konfessionslosen/Svaz proletarskych bezvercu." (S. 160-61)

Heiner Jestrabeks Fazit lautet:

 „Die Turbulenzen im Verhältnis unserer Nachbarvölker und die Katastrophen, verursacht aus blindem Nationalismus, lassen nur die Lehre zu: Es darf nie wieder Nationalismus, Rassismus, Faschismus und Krieg geben. Gewaltverzicht, Absage an Revanchismus, dafür Völkerverständigung und friedliches Zusammenleben muss das Ziel aller sein. Gerade die böhmischen Literaten gaben hierfür ein gutes Beispiel der gegenseitigen Befruchtung. Die Politik hat für die Rahmenbedingungen zu sorgen: Soziale Gerechtigkeit und Laizismus sind unabdingbar." (S. 167-168)

 

Siegfried R. Krebs

Heiner Jestrabek (Hrsg.): Schiller Seff. Gedichte und Texte von Josef Schiller, nordböhmischer Arbeiterdichter, Freidenker und libertärer Sozialist. Mit einem Nachwort „Zum deutsch-tschechischen Verhältnis". 174 S. mit Abb. Klappenbroschur. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2018. 14,00 Euro. ISBN 978-3-922589-70-9

Bestellungen können direkt beim Verlag per eMail ed.spinoza(at)-online.de erfolgen.

25.12.2018
Von: Siegfried R. Krebs

http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/josef-schiller-deutschboehmischer-arbeiter-und-freidenker/




Warum ein Atheist den Bau einer Kirche aus Holz verfügte –Rezension von Siegfried R. Krebs

Nördlich desWEIMAR. (fgw) Arto Paasilinna (geb. 1942) gilt in seiner finnischen Heimat als Kultautor. Dem Rezensenten sagte dieser Name aber bis zum Jahreswechsel 2018/2019 nichts. Nur durch Zufall stieß er da auf seinen Roman „Nördlich des Weltuntergangs“.

Dieser Roman wurde bereits im Jahre 1992 geschrieben und erstmals 2003 ins Deutsche übersetzt. Und das ist durchaus bemerkenswert, denn in Paasilinnas Buch spielen eine globale Finanzkrise sowie eine millionenfache Flüchtlingswelle nach Mittel- und Nordeuropa eine nicht unwesentliche Rolle. Fast könnte man meinen, der Autor sei ein Hellseher, hat er doch – wenngleich mit anderen Fakten – Ereignisse zwischen 2007/2008 und 2015 bis heute „vorhergesagt".

Doch nicht um diese Thematik soll es hier gehen. Nein, hat doch Paasilinna seinem in jeder Hinsicht lesenswerten Roman vielmehr ein ganz anderes Thema zugrunde gelegt! Nur darauf soll im weiteren eingegangen werden, handelt es sich dabei um ein gar köstliches Beispiel von Kirchen- und Religionskritik voller eigenwilliger, skurriler Witzigkeit.

Und das alles beginnt anno 1991 so: Ein gewisser Asser Toropainen, der mit seinen 89 Jahren als „der alte Kirchenbrandstifter", Atheist und „eingefleischter Kommunist" vorgestellt wird, liegt im Sterben. Seine weibliche Verwandtschaft im lutherisch geprägten Finnland möchte, daß er des Seelenheils willen vor dem Ableben noch einem Geistlichen seine Sünden bekennt… Aber der alte Mann fügt sich nicht und erweist sich selbst in seinen letzten Lebenstagen als wahres Schlitzohr:

„'Kommt mir bloß nicht mit einem salbadernden Priester…, aber schafft einen Notar her. Das Testament muß ins Reine gebracht werden.' Der Notar wurde geholt, das Testament auf den letzten Stand gebracht und gleichzeitig die Asser-Toropainen-Kirchenstiftung gegründet." (S. 8 )

Diese Passage sorgt zunächst für Verblüffung beim Leser. Denn ist es nicht paradox, daß ausgerechnet ein Atheist und Kommunist zum Gründer einer Kirchenstiftung wird? Und es kommt noch paradoxer, denn besagter Toropainen ist überdies sogar Millionär mit hohem Bankkonto und relativ großem Grundbesitz… Doch gemach, der alte Mann wußte, was er tat… Es stellt sich schon bald heraus, daß er klaren Verstandes bis zuletzt auch ein strategischer Denker ist.

Im Text geht es so weiter:

„Der Karfreitag brach an. (…) Im Radio wurde der Gottesdienst übertragen. Der Priester fand harte Worte für den gewaltsamen Tod Jesu vor zweitausend Jahren, sodaß der Eindruck entstand, die Finnen wären schuld an der besagten Gräueltat. Asser befahl den Frauen, das Radio auszuschalten. (…) Gegen Mittag trat sein höchst lebendiger Enkel Eemeli Toropainen in die Stube, ein kräftiger Mann von 45 Jahren, ehemals Direktor der Nordischen Holz-Haus AG." (S. 9)

Man erfährt, daß dieses mittelgroße Unternehmen wegen der Rezession in Konkurs gegangen war und daß sämtliche Angestellten nun arbeitslos seien. Eemelis erste Worte an den Großvater sorgten sich aber nicht um dessen körperliches Befinden, sondern um dessen geistiges befinden:

„'Der Notar erzählte, daß du eine kirchliche Stiftung gegründet hast. Bist du auf einmal fromm geworden, oder was ist passiert?', fragte Eemeli.

(…Asser gibt nun seinem Enkel die notariell beglaubigten Papiere zu lesen…)

Es handelte sich um die ordnungsgemäß aufgesetzte Gründungsurkunde einer Stiftung und ein Testament, in dem der Stiftung 800 Hektar Forst-Land und gut zwei Millionen Finnmark Vermögen vermacht wurden sowie Wertpapiere von etwa einer Million. (…) Aus der Zweckbestimmung der Stiftung ging hervor, daß diese die Aufgabe hatte, mindestens eine (1) Holzkirche zu erbauen und zu unterhalten." (S. 10)

Und daß Asser seinen Enkel als Stiftungsvorsitzenden und Testamentsvollstrecker eingesetzt habe. Eemeli kam ins Grübeln:

„Die angebotene Aufgabe reizte ihn, gar keine Frage. Aber was steckte dahinter? War der Alte senil, der frühere Kirchenfeind fromm gworden? (…) Der Großvater wurde ein wenig verlegen. Noch nie hatte jemand an seinem Verstand gezweifelt. (…) Er glaube zwar nicht an Gott und Jesus Christus, aber irgendwie scheine es ihm angemessen, eine Kirche errichten zu lassen. Aus reinem Jux habe er sich die Sache ausgedacht.

'Sozusagen zur Erinnerung. Und du als Fachmann für Holz und Balken kriegst zur Abwechslung mal wieder Arbeit.'

Asser führte weiter aus, daß seines Wissens für ein derartiges Bauvorhaben keine allgemeine oder offizielle Begründung notwendig sei. (…) Wenn er im Dorf eine Furnierholzfabrik errichten ließe, würde sie vermutlich bald nach seinem Tod Pleite machen. Was hätte das für eine Zweck? 'Eine Kirche aber macht nicht Pleite!' – 'Aber wenn jemand kommt und deine Kirche in Brand steckt?' – 'Dann kannst du nichts machen. Du kassierst die Versicherungssumme und baust eine neue.' (…)

Der Großvater verwies auf die Gründungsurkunde der Stiftung. (…) Eine Kirchgemeinde zu gründen, war nicht unbedingt erforderlich. Was den Pastor anging, war überhaupt nichts erwähnt. Der bloße Kirchenbau genügte." (S. 11-13)

Kurz nach diesem Gespräch verstirbt der alte Asser und Eemeli macht sich an die Arbeit, des Großvaters Vermächtnis mit Leben zu erfüllen. Auf dem ererbten Grundstück wird eine Holzkirche nach Eemelis Entwürfen errichtet und seine früheren Mitarbeiter haben damit ebenfalls für längere Zeit Arbeit und Einkommen.

Während des Baugeschehens kommt es immer wieder zu Begegnungen der besonderen Art, sind doch die etablierten lutherischen Bischöfe und Pastoren keinesfalls erfreut über diesen ketzerischen Kirchenbau. Ihnen wäre es lieber, Assers großer Nachlaß käme in ihre Verfügungsgewalt. Zumal sie ja viel besser wüßten, wie man die Gelder „anlegen" könnte… Der Klerus arbeitet ab nun mit allen Tricks gegen das Stiftungsprojekt und schaltet dabei staatliche Behörden, wie Bauausschüsse, das Finanzamt und die Polizei, ein.

Mit dem Projekt können sich aber dagegen die Grünen (Vegetarier und Veganer) anfreunden, die sich auf Stiftungsgrundstücken niederlassen und dort schließlich auch bleiben dürfen. Sie bekommen aber – als weltfremde Sektierer anderer Art – vom Autor dankenswerterweise ebenso ihr Fett weg wie die Priesterkaste. Es sind auch gerade die diesbezüglichen Passagen, die nicht nur zum Schmunzeln, sondern mehr noch zum Nachdenken anregen.

Die Handlung des Romans zieht sich im folgenden über einen Zeitraum von mehr als einem Vierteljahrhundert hin. Erfolge und Widrigkeiten paaren sich steter Regelmäßigkeit. Bis hin zur Groteske, wollen doch nicht nur die Amtskirche, sondern dazu diverse Sekten und sogar US-amerikanische Heuschreckenfonds/Organhändler das Projekt kapern und für ihre Zwecke umfunktionieren. Solche Angriffe von außen können aber abgewehrt werde, auch wenn diese Typen Eemeli für einige Jahre in ein dänisches Geefängnis stecken können. In Finnland selbst müssen und können sich aber aufgrund globaler Ereignisse alle Seiten irgendwie miteinander arrangieren und ein mehr oder weniger autarkes sselbstbestimmtes „Paradies" aufbauen, das sogar dem Weltuntergang zu widerstehen vermag…

Paasilinnas Roman liest sich von der ersten bis zur letzten Seite nicht nur spannend und zugleich amüsant. Eingebettet in das große Ganze sind gekonnt auch diverse Einzelschicksale. Humor und Satire, dazu Groteskes und Absurdes sowie Gesellschaftskritik, einschließlich der Kirchenkritik, sind hier eine gute Liaison eingegangen.

Siegfried R. Krebs

Arto Paasilinna: Nördlich des Weltuntergangs. Roman. A.d.Finn.v. Regine Pirschel. 318 S. Taschenbuch. BLT u. editionLübbe. Bergisch Gladbach 2005. 7,95 Euro. ISBN 978-3-404-92192-5

Rezension erschien hier am 16. Februar 2019: http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/warum-ein-atheist-den-bau-einer-kirche-aus-holz-verfuegte/

 




Pupsglobuli – Köstliches von Udo Endruscheit.

Linda 17-09-13Paderborner Spezialitäten oder: Wie Absurdes in Absurdem verpackt werden kann.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf der homöopathiekritischen Seite „Susannchen braucht keine Globuli“ (www.susannchen.info). Bei wissenbloggt wird er nun in erweiterter Form veröffentlicht.

Wie bekannt, balanciert die Homöopathie auf drei Grundsäulen. Die erste ist das Ähnlichkeitsprinzip, das sich in dem bekannten Satz similia similibus curentur ausdrückt, also der Annahme, ein Mittel, das beim Gesunden bestimmte Symptome auslöst, sei in der Lage, ähnliche Symptome beim Kranken zu heilen. Dies manifestiert sich in der zweiten Säule, der Arzneimittelprüfung am Gesunden. Symptome, die die Gabe einer Substanz beim Gesunden auszulösen scheint, sollen beim Kranken damit zum Verschwinden gebracht werden. Und dies mit tatkräftiger Unterstützung der dritten Säule: Dem Potenzierungsprinzip, wonach bei fortlaufender Verdünnung in Zehner- oder Hunderterschritten durch rituelles Schütteln und Schlagen der Lösungen auf einen federnden Untergrund zwar eine physikalische Verdünnung eintritt, aber angeblich eine „geistige Arzneikraft“ frei werde, die sich mit jedem Potenzierungsschritt auch noch steigere.

Nun ist nichts von alledem haltbar. Ein auf menschliche Belange bezogenes Ähnlichkeitsprinzip gibt es nicht, eine solche Annahme ist ein Relikt aus ebenso magischen wie anthropozentrischen Zeiten. Die aufgezeichneten „Ergebnisse“ von Arzneimittelprüfungen am Gesunden, von Homöopathen als therapeutischer Schatz gehütet, zeigen bei Licht nichts, was man als Kausalität von Substanzeinnahme und Symptomatikbetrachten dürfte – sie strotzen vor Unspezifität und Beliebigkeit. Und eine geistige Arzneikraft, die durch rituelles Schütteln und Schlagen aus jeder beliebigen Substanz „herauspotenziert“ wird, gibt es nicht. Zumal eine wie auch immer geartete substanzielle Zunahme von Irgendetwas (Veränderung des energetischen Zustandes) durch Schütteln nicht mit der Thermodynamik und einephysiologische Wirkung minimalster und meist gar nicht mehr vorhandener Mittelnicht mit dem Massenwirkungsgesetz vereinbar ist.

Ein nicht unbedingt aus der Luft gegriffenes Bonmot besagt, es gebe so viel Homöopathien, wie es Homöopathen gibt. In der Tat – etwas als „die Homöopathie“ Faßbares und Beschreibbares gibt es nicht. Bereits Hahnemanns Grundlehre krankte an inneren Widersprüchen, die Fantasie und Kunstfertigkeit seiner Exegeten haben daran wahrlich nichts verbessert. So ist es nicht ungewöhnlich, dass Homöopathen oft leicht mit ihren eigenen Grundannahmen widerlegt werden können.

Ein ganz besonders Beispiel hierfür soll uns heute interessieren. Der Autor schickt voraus, dass er für die Echtheit des Sachverhaltes garantiert und es sich nicht um Satire handelt.

Schon mal von "P-Globuli" gehört, den sogenannten "Pupsglobuli" oder, vollständig, "Paderborner Pupsglobuli", der „Spezialität“ einer Paderborner Apotheke, die sich viel auf ihre Homöopathie-Kompetenz zugute hält? Gibt’s schon länger, wurde vom früheren Eigentümer „entwickelt“ und heute offenbar voller Überzeugung weiter vertrieben von der Geschäftsnachfolgerin. Wie man hört, ein Präparat, das sich bei den jungen Muttis der Umgebung durchaus einer gewissen Beliebtheit erfreut. Dieses "Mittel" sogar den Weg in einen Artikel der „Neuen Westfälischen“ gefunden, der zwar eine Ahnung von Kritik spüren lässt, aber mehr eben auch nicht.

Jedoch: Ein näherer Blick lohnt sich trotz oder gerade wegen des spontanen Gefühls von Absurdität.

Es zeigt sich, dass es sich um – mäßig – homöopathisch verdünnte Stoffe wie Fenchel und Kümmel handelt, also um Stoffe, die bei Bauchschmerzproblemen von Säuglingen und Kleinkindern als Gaben von Tee oder Aufgüssen durchaus ihre Meriten haben. Ja und? Ist doch gut dann – oder?

Mitnichten. Man beachte: Mittel, die bei ihrer normalen Verabreichung die Beschwerden genauso lindern sollen wie in der homöopathischen Form!?

Wir erinnern uns: Das Simileprinzip in der Homöopathie beruht auf der Grundannahme, dass ein Stoff, der beim Gesunden eine Krankheit auslöst, diese bei einem Kranken zu heilen imstande sein soll. Nun, lösen Fenchel, Minze, Kümmel und Co. etwa Blähungen und Bauchschmerzen aus? Im Gegenteil! Und im Wissen darüber schreibt die homöopathische Logik eine klare Schlussfolgerung vor: Die Globuli mit diesen Mitteln müssen Blähungen auslösen! Gleiche Wirkung von Stoffen in allopathischer wie in homöopathischer Darreichung gibt es nicht, kann es nicht geben, denn das ist komplett unvereinbar mit der homöopathischen Lehre. Das hier ist – von der Verdünnung abgesehen – keine Homöopathie, sondern Allopathie reinsten Wassers (besser Zuckers), was Hahnemann aus tiefstem Herzen verdammte.

Hier wird die Verrücktheit Homöopathie mit einer weiteren Verrücktheit auf eine neue Stufe der Absurdität gehoben – und dazu gehört schon was. Dagegen könnten höchstens die sogenannten Placebo-Globuli ankommen, die ein Apotheker tatsächlich vertreibt. Und zwar zur Beruhigung gesunder Geschwisterkinder, die auf ihre kranken Brüderchen oder Schwesterchen wegen deren Globuli neidisch sind… (Auch das ist nicht aus den Fingern gesogen, sondern bittere Wahrheit und persönliche Erfahrung des Autors.) Aber im Grunde gehört die Trophäe des „Hohlen Globuli“ doch nach Paderborn…

Na, die Welt ist voller Absurditäten. Nicht mehr als ein Wochenendwitz zum Schmunzeln. Oder?

Was zeigt uns diese Geschichte? Sie zeigt, dass man den Menschen mit dem über Jahrzehnte geschickt aufgebauten Image der Homöopathie (sanft, natürlich, nebenwirkungsfrei, hochwirksam, der „Schulmedizin“ überlegen) jeden Mist andrehen kann und dieseMenschen sich dafür dann auch noch mit Lobeshymnen bedanken. Sie zeigt ferner, dass von gestandenem Apothekenpersonal mit wissenschaftlich-pharmazeutischer Ausbildung keineswegs erwartet werden kann, offen zutage liegende Widersprüche auszumachen. (Was die Frage nach Sinn und Unsinn homöopathischer „Beratung“ in Apotheken erneut aufwirft.) Diese Geschichte zeigt also, welche Folgen eine über Jahrzehnte mit allerlei Euphemismen, Des- und Fehlinformationen betriebene Imagekampagne pro Homöopathie in den Köpfen der Menschen anrichten kann. Man bedenke einmal, was für eine Chuzpe es von Seiten der Homöopathielobby bedeutet, erst dieses Image, diese Stimmung aufzubauen und dann -wie es derzeit allerorten geschieht – in einem klassischen Zirkelschluss eben aus diesem Image heraus die Existenz der Homöopathie rechtfertigen zu wollen. Und so sehen wir am Beispiel der P-Globuli aus Paderborn die ganze Problematik der Aufklärung über Homöopathie schlaglichtartig beleuchtet: Dem positiven Image, der "sozialen Reputation" der Homöopathie ist kaum beizukommen. Im Gegenteil. Image und Reputation reichen offenbar völlig aus, um den absurdesten Unsinn unter die Leute zu bringen, sogar solchen, der mit Homöopathie überhaupt nichts zu tun hat, Hauptsache, das Wort "Homöopathie" oder "Globuli" steht drauf und der Apothekenpflicht ist Genüge getan (übrigens teutonisch korrekt unter „P-Globuli“, „Pups-Globuli“ wäre unstatthaft, weil ein Vertrieb mit einer Indikationsangabe unzulässig ist) . Niemand aus der homöopathischen Szene wendet sich gegen diese Absurdität, weil alles, was positives Interesse weckt, unantastbar ist in Sachen Homöopathie. Das ist nicht weniger als eine Verhöhnung ernsthafter auf wissenschaftlicher Basis betriebener Medizin und ihrer Vertreter.




Ehe für alle oder eher nicht?

women-149577_640Die Ehe für alle ist ein ziemlich komplexes Problem, schreibt Siegfried R. Krebs in Freigeist Weimar am 19.6. Das wird in seiner anonymen Zuschrift Alternative L(i)ebensweisen: Das Gender- u.a. Scheinprobleme weiter ausgeführt. Es geht um das Ende der Diskriminierungsmöglichkeiten und das zukünftige Bild der Ehe im Verhältnis zu den Transgender-Leuten (Aussage: marginales Problem, Bild: OpenClipartVectors, pixabay).

Im folgenden Artikel bespricht Krebs eine weitere Äußerung dazu, einen Auszug aus der jungen Welt, Ausgabe vom 19.06.2015, Seite 10 / Feuilleton von Dusan Deak, Ehe für alle. Der Inhalt dieser Satire kurz referiert:

Eingetragene Partnerschaften gibt's nicht mehr, die Ehe für alle ist längst fällig, incl. Gleichstellung von Homo-Ehen. Also keine privilegierten Partnerschaften mehr. Lesben, Homosexuelle und was es noch an Gendervariationen gibt muss regulär und gesetzlich sanktioniert untereinander heiraten dürfen. Die Spießerlebensform Ehe soll nicht für Heterosexuelle reserviert sein, Schwule und Lesben haben das gleiche Recht auf Spießigkeit.

Der Artikel von Siegfried R. Krebs nimmt Bezug auf die o.a. Zuschrift und die Junge-Welt-Satire. Er teilt nicht die Meinung der "Gutmenschelnden" und findet die um Ehe-Freiheit Bemühten naiv, weil sie sich von den realen Problemen im Hier und Heute ablenken lassen. Da ist sicher was dran, nur wird in dem Artikel nicht klar, welchen Standpunkt Krebs in Sachen Ehe vertritt, außer Aufklärung tut not.

 

Und noch ein Pseudo-Mittelschicht-Problem: Die Ehe für alle

WEIMAR. (fgw) Gestern wurde hier ein Ausschnitt aus einem schriftlichen Gedankenaustausch mit einem guten Freund publiziert. Darin geht es um das Phänomen des Kleinbürgers resp. der ominösen Mittelschicht und ihrer Pseudo-Probleme. Passend dazu veröffentlichte die Tageszeitung "junge Welt" heute unter der Überschrift "Ehe für alle" eine Satire von Dusan Deak über ein weiteres solcher "Probleme" und Themen. Darin heißt es u.a.:

"Die Lesben, Homosexuelle und auch die restlichen 59 Facebook-Gendervariationen müssen regulär (und gesetzlich sanktioniert) untereinander heiraten können. Nur weil die homophobe Natur eine gleichgeschlechtliche Fortpflanzung in der Evolution nicht berücksichtigt hat, kann das kein Grund dafür sein, eine Spießerlebensform (Ehe) nur für Heterosexuelle zu reservieren."

Was in dieser Satire möglicherweise sehr abstrus klingt, das hat dennoch einen realen Kern. Denn genauso "argumentieren" nun mal gutmenschelnde Öko-Neoliberale, Genderer, Pseudo-Emanzen, Veganer oder Waldörfler… Und finden leider auch Gehör bei viel zu vielen naiven Zeitgenossen. Jene lassen sich somit ganz fabelhaft von den realen Problemen im Hier und Heute ablenken. Deshalb sollte man sich solch "faule Eier" nicht ins Nest legen lassen, sondern den eigenen Verstand wachhalten: Aufklärung tut not! Auch und gerade gegenüber denjenigen, die sich für besonders modern und aufgeklärt halten.

Zum Originalartikel bei der Jungen Welt geht's hier lang.

Siegfried R. Krebs

Link zu Freigeist Weimar Und noch ein Pseudo-Mittelschicht-Problem: Die Ehe für alle



Heimliche Deutschkurse für CSU-Mitglieder?

kermit-63292_640Wie gerüchtehalber verlautet, übt sich die CSU in vorauseilendem Gehorsam. Die CSU-Spitze hatte ein "Integrations"-Papier diskutiert, mit dem sie das Volk dazu anhalten will, "im öffentlichen Raum und in der Familie Deutsch zu sprechen." Bis plötzlich vielen CSU-Mitgliedern bewusst wurde, dass sie bayerisch sprechen statt Deutsch – und das verlangt Aktivität (Bild: LoggaWiggler, pixabay).

Nun wird also deutsch geübt in deutschen Landen. Vorbei ist's mit dem aus Österreich entlehnten Oachkatzlschwoaf, der den Zuagroasten und Eiwandaran als Bayerisch-Test vorgehalten wurde. Ab sofort heißt das auf gut deutsch Eichhörnchenschwanz.

Und die einsilbigen bayerischen Wirtshausgespräche sind auch vorbei. "I g." "I g a." "I a." Nein, so geht das nimmer, pardon, nicht mehr. Das muss jetzt deutsch sein: "Ich gehe." "Ich gehe auch." "Ich auch."

Und wer das Oberammergau ausspricht, als ob's die Heimat vom amerikanischen Präsidenten wäre – Obamagau -, der tut hinfort unrecht. Die CSU will es so. Nicht ganz geklärt ist die Durchsetzungsmethode dieses Willens.

Unbestätigt ist die Parole, dass die NSA für die Überwachung angeheuert werden soll. Das gleiche gilt für die Bloggwarte, die dem Vernehmen nach überall eingesetzt werden sollen, um die Korrektheit der Sprache zu überwachen. Soweit der mutmaßlich zum Supergau-Leiter zu befördernde CSU-Ministerpräsident recht verstanden wurde, kann sich die Deutsch-Überwachung nur noch geringfügig hinauszögern.

Oder haben die sich blädgsuffan? Als besonderer Service kommt hier der Link der  Boarischen Wikipedia, wo man noch viele weitere Schimpfwörter nachschauen kann. Das Motto der Boarischen Fluachsammlung: Freindlich sei ko a jeda Depp — grantln, schimpfa und fluacha ned!

 

Vernunftgestählte wissenbloggt-Leser werden unschwer erfassen, dass es sich um Satire handelt. Die CSU wird doch nicht derlei hirnverbrannte Gesetze erwirken wollen – oder etwa doch!?

speakenglish

(gesucht: jemand, der das für die CSU auf bayerisch übersetzen kann)




Solidarischer Bodensee

smiley-304294_640Dennis Riehle spricht für die Humanistische Alternative Bodensee zu aktuellen humanistischen Belangen. Diesmal geht es um die Anzeige wegen Religionsbeschimpfung gegen Dieter Nuhr. Solidarität ist nun gefragt, wie sie auch von anderer Seite kommt, siehe express.de vom 28.10.: Nach Anzeige wegen Islam-Hetze Viel Zuspruch: Kabarettisten solidarisieren sich mit Dieter Nuhr. Eine  Aussage vom Kollegen Bruno Jonas dazu: Nuhr beobachte, dass Muslime im Gegensatz etwa zu Juden und Buddhisten „gerne einmal beleidigt sind, wenn man sich über ihren Glauben lustig macht. Humor und Fanatismus scheinen einander auszuschließen“  (Bild: Nemo, pixabay). Der Kollege Andreas Rebers meint laut express.de dazu, in kaum einem Land der Welt würden die Menschen so sehr von ihrem Recht auf Nichtwissen und Nichtwissenwollen Gebrauch machen wie bei uns. Dennis Riehle geht weiter in die Tiefe:


Humanisten am Bodensee fordern Solidarität mit Dieter Nuhr
HABO-Sprecher: „Religionsfreiheit entbindet nicht von Kritikfähigkeit“
 
Die Humanisten am Bodensee haben zur Solidarität mit dem Kabarettisten Dieter Nuhr aufgerufen. Wie der Sprecher der „Humanistischen Alternative Bodensee“ (HABO), Dennis Riehle, mitteilt, sei die Anzeige gegen den Komiker „überhaupt nicht nachvollziehbar“. Nuhr war von einem Muslim vorgeworfen worden, den Islam beschimpft zu haben und als „Hassprediger“ aufzutreten. Nach Ansicht Riehles offenbare sich durch die aktuelle Diskussion erneut der Kampf zwischen zwei Grundrechten, der nicht heruntergespielt werden dürfe.
 
„Aus meiner Perspektive wird die Religionsfreiheit zunehmend weitgreifender interpretiert und drängt damit immer häufiger die Meinungsfreiheit beiseite. Dabei bin ich davon überzeugt, dass letztere den höheren Stellenwert in einer aufgeklärten Demokratie einnehmen muss. Religionsfreiheit bedeutet nämlich keinen Freifahrtsschein, sie befreit nicht von der Kritikfähigkeit, die auch eine Religion an den Tag legen muss“, fasst Riehle den Standpunkt der HABO zusammen. Im Übrigen komme im vorliegenden Kontext hinzu, dass die künstlerische Freiheit obendrein ein besonderes Schutzbedürfnis aufweise, um gerade in der Satire Pointen ausreizen und damit den Sinn und die Aussagekraft der Botschaften dieser besonderen Form der gesellschaftlichen Reflektion vermitteln zu können.
 
Und so stellt Riehle im Bezug auf den konkreten Fall von Dieter Nuhr fest: „All die im Zusammenhang mit der Anzeige vorgebrachten Äußerungen des Künstlers sind nach meinem Verständnis lupenreine Meinungsbeiträge, von einer Beschimpfung kann ich gar nichts erkennen. Es ist durchaus bezeichnend, welche Sensibilität hier im Umgang mit öffentlichen Standpunkten von einem Vertreter der Bewegung eingefordert wird, die derzeit auf Straßen und in fernen Ländern mit großen Worten und Taten gegen unsere freiheitlichen Werte wettert. Hier gilt es nun auch, diesen demokratischen Rechtsstaat zu verteidigen, in dem eben nicht mit zweierlei Maß gemessen wird“.
 
Im Übrigen verweist der HABO-Sprecher darauf, dass „getroffene Hunde eben bellen“: „Offenbar hat Nuhr in ein Wespennest gestochen, bei solcher Aufregung kann ich es mir nicht anders erklären. Würde hinter den Wahrnehmungen des Kabarettisten in Bezug auf den Islam nicht doch eine gewisse Wahrheit stecken, hätte der Anzeigensteller doch problemlos den Weg nutzen können, nicht nur Nuhr, sondern viele andere Menschen, die ähnliche Empfindungen teilen, von einem gegenteiligen Bild seiner Religion zu überzeugen. Jede Weltanschauung muss sich ihre Akzeptanz erringen, auch das Christentum steckt täglich in dieser Herausforderung. Das hat nicht zuletzt die katholische Bischofssynode in Rom gezeigt. Und dass auch der Islam anders kann, dass zeigen uns doch viele gemäßigte Strömungen, die einen Reformprozess bejahen. Die Empörten erreichen im Augenblick nur das Gegenteil – sie zementieren Eindrücke, die Nuhr zugespitzt auf den Punkt gebracht hat“.
 

Dennis Riehle, Sprecher
Humanistische Alternative Bodensee (HABO)
Säkular-humanistischer Zusammenschluss