Man muss den Islam nicht mögen


MaaßenDer Bundesverfassungsschutz sieht derzeit keine Anhaltspunkte für eine Beobachtung der Hassseite PI-News. Präsident Maaßen sagt, man dürfe in Deutschland sagen, man möge den Islam nicht. Einverstanden. Der Meinung ist auch der Nachfolger von Maaßen. Aber seit wann darf man hetzen?

Die Einstellung vieler muslimischer Menschen mit Migrationshintergrund zu Deutschland ist recht paradox: Sie fühlen sich längst als ein Teil der hiesigen Gesellschaft, als zu Deutschland zugehörig, zumindest stark durch Deutschland geprägt – aber erst im Ausland. Verlässt man Deutschland über die Landesgrenze in eines der vielen Nachbarländer, oder fliegt man zum Herkunftsland, aus dem die Eltern kommen, stellen sich diese Gefühle ein. Vorher nicht. Oder sagen wir besser: Eher nicht. Und warum? Fragen wir anders: Wann ist man in Deutschland angekommen? Wann ist man vollständig integriert und ein akzeptierter, vorbildlicher Bürger? Dies sind keine einfachen Fragen. Vermutlich haben sie auch keine einfachen Antworten. Das Grundgesetz selbst mit seinen Grundrechten gegenüber dem Staat und garantierten Freiheiten für den Bürger lässt den Menschen weitgehende Freiheiten.

Vielleicht sollte man sich diesen Fragen also von der anderen Seite nähern. Wer ist in Deutschland nicht willkommen? Wer wird als problematisch gesehen? Über wen gibt es Klärungsbedarf? Stellt man diese Fragen, so dürfte eigentlich eine Behörde in Deutschland als besonders geeigneter Ansprechpartner erscheinen: Der Verfassungsschutz. Denn er wacht über die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Er macht Extremisten aus, die ein Problem mit dieser Ordnung haben und beobachtet sie. Er schreibt dann darüber Berichte und stellt sie den zuständigen Behörden und Ämtern sowie der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung. Soweit die Theorie. Sie klingt schön und plausibel. Wie aber sieht die Praxis aus? Werden da wirklich alle gefährlichen Extremisten beobachtet oder gibt es vielmehr ein Ungleichgewicht bei der Bewertung?

Islamfeindlichkeit als Randthema

Weiter bei: https://dtj-online.de/deutschland-bundesverfassungsschutz-islam-nicht-moegen-pi-2140 (Weblink aktualisiert am 03. Februar 2019)




Liebe unter dem Halbmond


Der folgende Bericht erschien zuerst bei wissenrockt.de, damals aus Sicherheitsgründen noch unter dem Pseudonym „Friedrich Norden“. Zu Zeiten der Diktatur konnte man eben nicht sicher sein, ob man sich mit einem solchen Bekenntnis nicht erhebliche Nachteile einhandelte.

Aus zwei Gründen stelle ich den Bericht hier ein. Zum einen hat mir das Bekanntwerden meines „Übertritts“ zum Islam erhebliche Beschimpfungen und Unterstellungen eingetragen – ausgerechnet in der islamkritischen Szene. Wer so etwas mache, könne nicht ernst genommen werden, er sei ein islamisches U-Boot, und dieser Schritt dokumentiere, dass zumindest indirekt der „Chip“ des Islam in meinem Kopf sei, was ja bei einem Atheisten auch nicht verwundere. Zum anderen möchte ich den neu hinzugekommenen Freunden dieser Seite die Möglichkeit geben, sich selbst ein Urteil zu bilden. So schrieb ich im Frühjahr 2010:

Da arbeitet man nun im selben Unternehmen, lernt sich kennen und scherzt im Kollegenkreis. Man albert ein wenig herum, schwatzt auch einmal allein miteinander, verabredet sich auf einen Kaffee und macht einen Einkaufsbummel, trifft sich schließlich auch abends. Und plötzlich, ohne dass man hinterher sagen könnte, wann genau es geschah, ist innerlich ein Knoten geplatzt. Man wird sich darüber klar, dass man ohne den anderen gar nicht mehr sein möchte. Und trotzdem ein ganz normaler Vorgang, den man gemeinhin als das Entstehen von Liebe bezeichnet und der sich in dieser oder abgewandelter Form millionenfach auf unserer Erde wiederholt.

Spätestens an dieser Stelle ist ein Punkt erreicht, an dem das frische Paar sich darüber Gedanken macht, ob die zwei eigenen „Wohnhöhlen“ wirklich noch Sinn machen. Oder ob es nicht besser wäre, zusammen zu ziehen. Kluge Eltern geben jedenfalls, sofern man sie fragt, eben diesen Rat an ihre Kinder. So beginnt oft der praktische Härtetest und das wirkliche Ehefähigkeitszeugnis im Gegensatz zum dem, was eine Behörde darunter versteht.

An dieses freie Spiel der Natur haben wir Menschen uns gewöhnt. Es ist, außer in stark religiös geprägtem Umfeld wie in ländlichen, vor allem katholischen Gegenden oder Teilen der USA, selbstverständlich geworden.

Aber halt, bitte nicht das Wort „geworden“ überlesen! Noch in den frühen sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts drohte einem Hotelbesitzer eine Anzeige wegen Kuppelei, wenn er ein Doppelzimmer an ein unverheiratetes Paar vermietete. Wir vergessen schnell und überheben uns daher leicht über rückständige Gesellschaften, die noch immer der Aufklärung harren.

Unglücklicherweise traf mich das im ersten Absatz beschriebene Glück ausgerechnet in dem unaufgeklärtesten Umfeld, das man sich heute nur vorstellen kann: in einem islamischen Land. Der Tag des Einzugs meiner „Auserwählten“ bei mir war also der offizielle Beginn eines Konkubinats. So heißt es hier tatsächlich noch!

Im Konkubinat

Die ersten spitzen Bemerkungen kamen natürlich aus der Familie meiner angehenden Frau. Das müsse doch nun endlich legalisiert werden, denn „was sollen denn die Nachbarn denken!“ Meine ursprüngliche hohe Meinung vom familiären Zusammenhalt in moslemischen Kulturen, die vor dem Hintergrund des Auseinanderfallens europäischer Familien gegründet wurde, bekam erste Risse. Es zeigte sich für mich mehr und mehr, dass die Hauptfunktion der Familien darin besteht, deren Mitglieder in jeder Lebenslage zu bevormunden. Eine freie Entfaltung der Persönlichkeit ist unerwünscht und wird mit allen Mitteln bekämpft.

Das Leben wurde so für meine Frau immer schwieriger. Hinzu kam die ständige Angst, von Nachbarn bei der Religionspolizei angeschwärzt zu werden. Wir zogen also in eine andere Gegend. In der Folge besuchte uns die Familie nicht mehr. Auch jeder Hotelaufenthalt wurde zur Angstpartie: „Werden die uns denn überhaupt ein Doppelzimmer geben?“ Urlaube in Europa bedeuteten ein großes Aufatmen, doch umso schlimmer wurde die Rückkehr. Es war zum Verzweifeln.

Die Lösung konnte nur Heirat heißen. Aber eine Hochzeit in Deutschland, wie von mir vorgeschlagen, verbot sich umgehend. Die Verwaltung erkennt, entgegen internationaler Abmachungen, im Ausland geschlossene Ehen tunesischer Frauen nicht an, was notabene nur für die auswärts geschlossenen Ehen der Frauen gilt. An der rechtlichen Situation hätte sich also nichts geändert.

Eine Heirat in Tunesien war die einzig verbliebene Möglichkeit. Es folgte ein Monate währender Papierkrieg mit allen Unterlagen, einer Unmenge von Übersetzungen und Beglaubigungen. Schließlich musste der alles entscheidende Punkt geregelt werden: mein Übertritt zum Islam. Da es, anders als seit 1875 in Deutschland, keine Zivilehe in unserem Sinne gibt, verbietet der Staat gemischtreligiöse Ehen. Auch die Ehen mit Atheisten fallen unter diese Regelung, wobei die weltanschauliche Haltung „atheistisch“ offiziell überhaupt nicht existiert.

„Es ist doch nur auf dem Papier, natürlich musst Du dich weder beschneiden lassen, noch später die Moschee besuchen. Kein Mensch fragt danach!“, beschwor meine Frau den berühmten Schatten, über den ich nun springen sollte. Es gab nur eine Alternative: entweder die Beziehung abbrechen, so wie es auch heute noch von fundamentalistischen Katholiken in Deutschland empfohlen wird (s. etwa Uta Horn: Wenn der Glaube trennt, kath.net vom 22/02/10), oder in den sauren Apfel beißen und ein Moslem werden. Was für ein menschenverachtendes Bild steckt wohl hinter der Forderung, einen Glauben höher als die Liebe zwischen zwei Menschen zu stellen?

Der „saure Apfel“ wurde vom Religionsministerium ausgereicht, dankenswerter Weise auch in französischer Sprache. In ihm fanden sich die Wissensanforderungen an den heiratswilligen Konversionskandidaten: die fünf Säulen dieses Glaubens, Verhaltensregeln und schließlich zwei Suren auf Arabisch mit einer Umschrift in Lautsprache. Ob man deren Inhalt versteht ist zweitrangig. Die Hauptsache ist, dass man die Suren auswendig daher plappern kann.

Beim Mufti im Religionsministerium

In Begleitung meiner Frau und von ihr bestens vorbereitet fand ich mich also im zugigen Flur des Religionsministeriums wieder. Scheinbar ewig währendes Warten auf den Mufti von Tunis folgte, welcher die Prüfung abnehmen sollte. Was machte ich hier eigentlich? Die Frage quälte und ohne die Frau an meiner Seite wäre ich wohl längst entsprungen. Wo war nur mein Mut geblieben, der mich im zarten Alter von 16 Jahren dazu brachte, der beklemmenden Enge des streng protestantischen Elternhauses durch einen Gang zum Amtsgericht zu entfliehen, um endlich guten Gewissens das damals zart aufkeimende Pflänzchen humanistischer Freiheit hegen zu können?

„Es ist ja nur auf dem Papier“, wiederholte sich meine Frau, die meine Stimmung nur zu gut einschätzen konnte, „und sag bitte bloß nicht, dass Du es nur wegen der Heirat tust. Er könnte dann das Zeugnis verweigern.“ Im wahrsten Sinne „Gott“ ergeben folgten wir der Aufforderung des Muftis, an seinem Schreibtisch Platz zu nehmen.

Natürlich kam sofort die Frage, warum ich denn konvertieren wolle. Gut vorbereitet  schwafelte ich also etwas von dem delikaten Konstrukt der Trinität, das sich mir nicht voll erschließe. Offenbar war der Einstand gut gewählt. Muftis Augen leuchteten und die nächste halbe Stunde belehrte er uns über diese schlimmste aller Sünden der Christen, für welchen er mich offensichtlich hielt, den Propheten Jesus vergöttlicht zu haben. Dann folgten spitze, scharfe Fragen zu meinem Wissensstand. Meine Suren durfte ich, dank meiner Frau wohl in recht akzeptabler Aussprache, aufsagen und nach zweieinhalb Stunden erhielt ich mein Zeugnis.

Die gewonnene Schlacht wurde gebührend mit einer Flasche guten tunesischen Weins gefeiert. Ob das wohl den Propheten erfreut hätte? Aber die Liebe hatte über den Verstand gesiegt!

Die Hochzeit und die Folgen

In einem wesentlichen Punkte widerstand ich – und meine Frau hat es letztlich akzeptiert. Zu einer „richtigen“ moslemischen Hochzeit mietet man, je nach Jahreszeit, einen Saal oder einen großen Garten, der für derlei Festivitäten überall angeboten wird: mit den Jungvermählten auf einer Art Thron, einem Orchester, das nach spätestens einer halben Stunde zur totalen Taubheit der Zuhörenden führt und davor, damit es auch alle zur Kenntnis nehmen können, mindestens 300 oder mehr geladene und ungeladene Gäste, die sich mit den Frauen voran in all ihrer verklemmten Sexualität nun vorstellen, wie die beiden „Neuen“ es denn wohl miteinander treiben werden.

Nein, nicht mit mir! Nur wir zwei und dazu unsere Trauzeugen, die übrigens auch Moslems sein müssen. Denn Ungläubigen kann man ja nicht trauen! Wir fanden uns schließlich in der Gemeindeverwaltung von Sidi Bou Said zum großen Moment ein. Natürlich hatte mir niemand gesagt, dass dabei vom Bürgermeister auch ein Gebet gesprochen wird. Ich wusste nicht einmal, wie ich die Hände zu halten hatte, was mir einen süffisanten Blick des Zeremonienmeisters einbrachte. Den überlebte ich ohne Schaden, da ich mich bereits auf ein schönes Mittagsmahl freute, welches wir auf der Terrasse eines noblen Restaurants hoch oben über der Bucht von Tunis und Karthago im Anschluss zu uns nahmen.

Was hat es also nun gebracht? Die Beziehung ist legalisiert, die Familie kehrt nach anfänglicher Verschnupfung über diese nicht regelkonforme Hochzeit langsam zurück, und wir leben unser Leben genauso wie vorher. Wir sind noch immer zusammen in großer Liebe seit vielen Jahren. Und das alles ohne den geringsten Hauch von Religion! Inzwischen liest meine Frau die französische Übersetzung von Richard Dawkins Gotteswahn: „Pour en finir avec Dieu“.

Dass ich als überzeugter Humanist, also jemand, der den Menschen im Mittelpunkt aller Überlegungen sieht und nicht irgendein transzendentes eingebildetes Wesen, vom neutralen Beobachter zum entschiedenen Gegner des Islam mutierte, kann nicht verwundern. Dass aber auch meine Frau sich angesichts der auf uns ausgeübten Zwänge diesen Gedanken mehr und mehr anschließt, erfreut mich natürlich in hohem Maße. Ohnehin hat sie nie in ihrem Leben eine Moschee besucht, oder Gebete gesprochen, ihre „Religion“ beschränkt sich auf folkloristische und (leider auch) einige abergläubische Reste. Inzwischen wissen wir, dass sich wie in Tunesien auch in Deutschland immer mehr vor allem weibliche Moslems den Zwängen dieser mittelalterlichen „Religion“ und der darin eingebetteten Familien entziehen, um endlich ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen.

Das unselige Dekret 73, das Tunesierinnen einen Moslem heiraten müssen, wurde kürzlich von Präsident Essebsi einkassiert – aus Gründen der Gleichberechtigung Mann-Frau. Uns wäre eine Menge erspart geblieben, wäre das damals bereits der Fall gwesen. Aber ich kann durchaus mit dem Makel leben, ein zwangskonvertierter Papier-Moslem zu sein. :D

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Dem Glauben Beine machen


fatima-pilger-1280x853Dieser Bericht, den ich 2011 schrieb, gelangt zu Schlussfolgerungen, die sich die weitgehend unorganisierten Glaubensfernen endlich zu eigen machen sollten, wenn sie denn nachhaltig Erfolg mit ihren Bemühungen haben wollen. Der Organisationsgrad ist bisher so gering, dass die Stimme der Vernunft weitgehend ungehört verhallt. Ich setze diesen Artikel deshalb noch einmal ein:

Mein Volkswagen-Konzessionär ist ein gemütlicher und freundlicher Mittvierziger. Ich kenne ihn seit acht Jahren und bin mit ihm, er heißt Elyes wie der Prophet, so vertraut, dass ich ihm auch auf den stetig weiter anschwellenden Leib klopfen darf, ohne dass er mir die Frage, ob seine Frau wieder zu gut gekocht hat, übel nimmt. Elyes ist ein Hadj, aber er weigert sich beharrlich, dies auch im Namen zu führen, so wie es die Orient-Experten von Hadschi Halef Omar kennen (ja, ja, Karl May bildet). Er ist normal geblieben und bildet sich nichts darauf ein, dass er – wie es eine der fünf Säulen des Islams vorschreibt – nach Mekka gepilgert ist. Er berichtet aber gern über seine Pilgerreise. Er ist dadurch sicher – nach eigener Aussage – kein besserer Moslem geworden, aber er fand es beeindruckend, dass so viele Leute dort waren, die einfach nur um den schwarzen Block kreisen wollten, dem Teufel Steine hinterherwerfen durften und schließlich auf dem Berg Arafat ein Schaf ins für sie vorgesehene Paradies verfrachtet haben. Da leuchten seine Augen!

Szenenwechsel: Während meiner Zeit als Pilot hatte ich mehrfach die Aufgabe, Pilgergruppen nach Lourdes in Frankreich und nach Fatima in Portugal zu fliegen. Schon aus reiner Neugier blieb ich nicht wie sonst üblich im Flughafenhotel, um auf die Rückkehr meiner Gäste zu warten, sondern ich begleitete sie, übernachtete mit Ihnen in einem einfachen Pilgerhotel und wanderte auch (etwas abseits – gebe ich zu) zu den Erscheinungsstätten. Glücklicherweise ist die fleißige Jungfrau ja immer zur angenehmen Jahreszeit erschienen (was auch dem Tourismus zuträglich ist). Das erleichtert die Bekleidungsfragen. Die Devotionalienläden, die die Strassen säumen, ließen mich eher kalt – obwohl ich zugeben muss, eine kitschige Kerze meiner damaligen Frau als Andenken mitgebracht zu haben. Da konnte ich nicht widerstehen! Was mich viel mehr faszinierte, waren die Pilger selbst, die dort aus aller Herren Länder zusammen kamen. Hingabe im Blick wäre zu schwach als Ausdruck, nein, in den leuchtenden Augen stand regelrechtes Entzücken, eine nicht zu bremsende Freude, der geliebten Jungfrau jetzt so nahe zu sein.

Und dieses Leuchten traf ich bei Elyes wieder: zwei Religionen, die gegensätzlicher nicht sein könnten – dasselbe Leuchten!

Die Frage muss erlaubt sein, was denn das alles mit dem Glauben zu tun habe. Erzbischof Ludwig Schick hat eine Antwort darauf:  „Katholisch von der Wiege bis zur Bahre nimmt rapide ab. Der christliche Glaube und die Kirchen prägen unsere Kultur immer weniger“, sagt er laut kath.net vom 4. Mai 2011. Eine erstaunliche Einsicht für einen Kirchenmann. Also muss etwas anderes her: „Glaube, Kirche und Volksfrömmigkeit äußern sich immer mehr im Event-Bereich, beispielsweise bei Wallfahrten, traditionellen, kulturellen und folkloristischen Festen, bei Taufen, der Erstkommunion, Firmung, Eheschließung bis hin zur Beerdigung“, so Schick. Eine regelmäßige Teilnahme an der Sonntagsmesse und der lebenslange Sakramentenempfang seien hingegen nicht mehr selbstverständlich. Ganz offensichtlich hat er richtig erkannt, was die Schäfchen wirklich bei der Stange hält, das gemeinsame Erlebnis von etwas Besonderem, mit anderen Worten: die Event-Kirche. Das sei die einzige Rettung in einer Zeit der „Säkularisation, die mit Agnostizismus und ‚schweigendem’ Atheismus oder Desinteresse für Religion“ einhergehe. Der Bamberger Erzbischof preist also „Wallfahrten als Ein-Übungen des Glaubens gegen den Säkularisierungstrend unserer Zeit“ und: „Eine der wichtigsten Ein-Übungen ist seit eh und je die Wallfahrt und der Besuch der Wallfahrtsorte. Wallfahren bedeutet dem Glauben Beine machen und den Glauben unter die Füße nehmen“, betont Schick. „Glaube muss getan werden“, so der Erzbischof. „Wir landen bei Gott, bei Jesus Christus, bei der Gottesmutter, bei den Heiligen, die an den Wallfahrtsorten verehrt werden“.

Woran glauben Christen denn überhaupt noch, wenn sie auf diese Art und Weise  bei Laune gehalten werden müssen? Eine Antwort darauf geben die Pfarrer der Aktion „golife“ in Sachsen. Die Zeit führte ein ausführliches Interview mit Ihnen, das ich als Lektüre wärmstens empfehle. Sie erwecken dabei den Eindruck, dass „Gottes Wort“, die Bibel, so weit von den Menschen entfernt ist, dass sie nicht einmal mehr darauf rekurrieren. „Panta rhei“ – alles fließt, da gehen Fundamente flöten, auf denen diese Kirche seit 2.000  Jahren so fest gebaut schien. Mit dem, was ich als junger Mensch in der Kirche mitgeteilt bekam, hat das alles nur noch näherungsweise zu tun.

Zu diesem Schluss kommen auch wissenschaftliche Untersuchungen, die in den Vereinigten Staaten  angestrengt wurden: „Gemeinschaftsgefühl ersetzt den Glauben“.

Wenn religiöse Menschen von sich behaupten, glücklicher und zufriedener zu sein, dann liegt das nicht an ihrer Nähe zu irgendeinem Gott oder einer spirituellen Erleuchtung, sondern erst mal daran, dass Religionsgemeinschaften vor allem letzteres sind – Gemeinschaften. Mitglieder finden hier Anschluss an Freunde, und das sei vor allem, was sie glücklich mache, erklärt Chaeyoon Lim von der University of Wisconsin, gemeinsam mit Robert Putnam (Harvard University) Co-Autor des Papers über "Religion, Social Networks, and Life Satisfaction".

Sie kommen zu folgendem, bemerkenswerten Schluss:

Mit anderen Worten: Religionsgemeinschaften (zumindest die christlichen und jüdischen, von denen sich genug Teilnehmer in der Umfrage fanden – für relevante Aussagen über Muslime und Buddhisten reichten die Daten nicht aus) sind offenbar ebenso hilfreich wie ein Hobbyclub, ein Sportverein – wie jede andere Gemeinschaft, in dem man Menschen treffen und Freunde finden kann. Und die Nähe zu Gott – oder was auch immer – macht nicht wirklich zufriedener. Zumindest nicht in diesem Leben …

Dem ist wenig oder nichts hinzuzufügen.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




„ISLAMISIERUNG“ II


islam-1484535_1280Im ersten Teil wurde abgehandelt, inwieweit für eine Islamisierung im klassischen Sinne überhaupt Erfolgsaussichten bestehen (siehe „ISLAMISIERUNG“ I, Bild: bykst, pixabay). Es zeigte sich, dass die Chancen dafür außerordentlich gering sind.

In diesem zweiten Teil folgt nun eine Zusammenstellung, was gemeinhin (entfernt von der klassischen Definition) ebenfalls unter „Islamisierung“ verstanden wird.

 

ISLAMISIERUNG über die Aneignung bestehender kirchlicher Privilegien

In vielen Bundesländern streben moslemische Vereinigungen danach, als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt zu werden und nicht selten erfüllen sie auch die Voraussetzungen, die der Gesetzgeber definiert hat. Sie erringen damit eine Gleichstellung mit den christlichen Kirchen und einigen Sekten. Die Folgen sind absehbar und die ersten Schritte sind bereits getätigt worden. Herausragend sind dabei wohl die Einrichtung islamisch-theologischer Lehrstühle und die Ausbreitung von islamischem Religionsunterricht an den Schulen. Die Segregation innerhalb der Schulen wird damit auf eine neue, höhere Stufe getrieben – und alles das finanziert aus allgemeinen Steuermitteln. Fundamental-christliche Rechtspopulisten behaupten an dieser Stelle nun gern, eine Gleichbehandlung der Moslems mit Christen sei nicht erforderlich (oder verbiete sich gar), da es sich beim Islam nicht um eine Religion, sondern um eine politische Ideologie handele, die sich nur das Mäntelchen einer Religion umgelegt habe. Dieses Argument verkennt aber, dass auch die Kirchen (vor allem die RKK) eigene Rechtssysteme haben, die sie nicht nur in der Vergangenheit, sondern bis auf den heutigen Tag der Politik und der Gesellschaft aufdrücken. Aus Gründen der rechtlichen Gleichbehandlung kann dem Islam nicht verboten werden, dieselben Begehrlichkeiten zu entwickeln. Es bleibt wohl also einstweilen bei der staatlich finanzierten religiösen Indoktrination von Kindern.

Die nächsten Schritte sind bereits in Vorbereitung oder Planung: Übernahme von Trägerschaften von Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern sowie die Gründung von karitativen Organisationen vergleichbar der Diakonie oder der Caritas.

Die beiden Quasi-Staatskirchen fördern solche Bestrebungen mit großem Eifer und der Staat hat aufgrund der Rechtslage (selbst wenn er anderes im Sinn hätte, was nicht der Fall ist) keine Möglichkeiten, dies zu unterbinden. Ebenso stellt sich die Lage dar, wenn es um den Einzug von Imamen in Fernsehräte oder „Ethik“kommissionen geht. Es wird nicht aufzuhalten sein, wenn nicht endlich das Problem an der Wurzel gepackt wird. Die Trennung von Staat und Religion rückt mit solchen Erweiterungen religiösen Einflusses in immer weitere Ferne. Die Säkularisierung (von Laisierung ganz zu schweigen) hinkt nicht nur, sie geht inzwischen an Krücken. Die einzige Abhilfe hat Uwe Lehnert in aller Klarheit und Deutlichkeit zusammengestellt, weshalb ich an dieser Stelle darauf verweisen kann „Trennung von Staat und Religion“ http://www.wissenbloggt.de/?p=16244.

Man darf festhalten, dass die genannten Punkte kein Spezifikum des Islams darstellen (was den Begriff der „Islamisierung“ rechtfertigten könnte), sondern dem allgemeinen Trend zur immer stärker werdenden Religionisierung unserer Gesellschaft folgen. Dabei spielt es auch keine entscheidende Rolle, im Namen welchen Gottes nun gerade der Gesellschaft Regeln aufoktroyiert werden sollen. Den meisten ist ja nicht einmal bewusst, mit welcher Intensität der Krake Religion sich in das tägliche Leben frisst. Ein „schönes“ Beispiel findet sich hier: http://www.wissenbloggt.de/?p=27001. Beim nächsten Mal werden es dann wohl auch Qur’ane sein.

 

ISLAMISIERUNG in Ballungsräumen (Ghettobildung, Parallelgesellschaft)

Ich zitiere ein typisches Fundstück (sprachlich belassen) aus einem rechtspopulistischen Blog, aus dem das Unbehagen hervorgeht, um das es in diesem Punkt unter anderem geht: „Islamisierung bedeutet für mich, eine Stunde lang durch Hamborn/ Marxloh/ Obermarxloh/Hochfeld zu gehen und 3-5 deutschstämmige Bürger zu begegnen. Dieses Erlebnis ist nicht auf einen bestimmten Tag und/oder eine gewisse Uhrzeit reduziert, das ist reproduzierbar wiederholbar!“

Ein solches „Urteil“ bleibt natürlich völlig an der Oberfläche hängen und beschreibt allenfalls ein dumpfes Gefühl angesichts fremdartiger Gesichtszüge oder Bekleidungen. Es ist schlicht ausländerfeindlich und geht daher gar nicht auf die wirkliche Problematik ein, die sich in solchen Ballungsräumen entwickelt hat.

Doch was spielt sich nun tatsächlich in solchen Ghettos wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh ab? Wären es nur die Gesichter und die Kopftücher, würde ein Humanist wohl nicht sehr viele Worte darüber verlieren. Doch wie bereits Buschkowsky, der inzwischen zurückgetretene Bürgermeister von Neukölln feststellte, gerät hier unser Rechtsstaat aus den Fugen. Das staatliche Gewaltmonopol ist zumindest teilweise außer Kraft gesetzt, wenn sich die Polizei nur noch zur Aufklärung von Schwerstkriminalität in diese Gebiete wagt, bei Alltagsdelikten aber die Ahndung „islamischen Schiedsgerichten“ überlässt, da der Aufwand viel zu groß wäre und sie außerdem regelmäßig vor eine Schweigewand stößt.

Zu Buschkowskys Erstaunen zeigt sich in solchen Ghettos gleichzeitig eine zunehmende Hinwendung zum islamischen Glauben bis hin zur Radikalisierung. Offensichtlich kennt er sich nicht mit Diaspora-Situationen aus, in denen der Gruppendruck mit zunehmender Abschottung zunimmt. Das ist weitestgehend erforscht anhand zum Beispiel der Amish-People in Pennsylvania oder der Mennoniten in Nord-Mexiko, die archaischen Versionen ihres Glaubens anhängen und wenig Neigung zur Anpassung an ihr sonstiges Umfeld zeigen. An diesen Realitäten werden wohl auch alle gutgemeinten Versuche mit Hilfe der Sozialpädagogik scheitern.

Was aber ist zu tun um dieser unerfreulichen Situation Herr zu werden? Den Bulldozer anrücken zu lassen und die „Insassen“ des Ghettos anderweitig „verstreut“ anzusiedeln, dürfte kaum zu unserem Rechtsverständnis passen. Also Aussitzen in der Hoffnung, dass sich das Problem von allein erledigt wie man es zum Beispiel in Little Italy (New York) oder Chinatown (San Francisco) beobachten lässt? Ein zwischen beiden Extremen liegendes Allheilmittel ist offensichtlich noch nicht zur Hand. Es muss aber erarbeitet werden.

In jedem Fall trifft hier der Begriff der Islamisierung lokal begrenzt durchaus zu.

 

ISLAMISIERUNG über Forderungen an die Aufnahmegesellschaft

Googelt man den Satz „Mazyek fordert“, so erhält man auf Anhieb 30.200 Ergebnisse. Nicht zuletzt deshalb wird der Vorsitzende des ZMD (Zentralrat der Moslems in Deutschland), der einen syrischen Migrationshintergrund hat, von vielen als „Forderasiate“ bezeichnet. Er ist natürlich Deutscher – aber das muss ich hier wohl kaum erklären.

Angesichts der Fülle der Forderungen, die Mazyek und seine Funktionärskollegen beständig an die Mehrheitsgesellschaft stellen, kann ich hier nur einige typische Beispiele herausgreifen.

Die Einführung von islamischen Feiertagen (im Tausch gegen christliche Feiertage?) ist dabei ein vordringliches Ziel, das die Anerkennung dieser Religion in der Öffentlichkeit deutlicher machen soll. Für Humanisten geht es dabei um eine generelle Fragestellung. Inwieweit sollte ein Staat überhaupt religiöse Feiertage als staatliche Feiertage anerkennen, und diese auch noch z.T. als „stille“ Feiertage deklarieren, damit eine Minderheit nicht durch das Verhalten einer Mehrheit in ihren religiösen „Gefühlen“ beeinträchtigt wird? Das ist unsinnig und gehört eh eingegrenzt. Mit Ausnahme des heidnischen Weihnacht- und Hasenfests sollte eine sukzessive Abschaffung solcher Tage erfolgen. Sie gehören dem allgemeinen Urlaubsanspruch hinzugerechnet, wobei die Inanspruchnahme dem Katholiken am Karfreitag oder dem Moslem an Aïd al-kebir freisteht. Dem Humanisten dann aber bitte gleichberechtigt am Welthumanistentag oder einem einzurichtenden Darwintag. Dann hat es jeder in der Hand, was unserer individualistischen Lebensauffassung natürlich am nächsten kommt.

Die Berücksichtigung islamischer Speisevorschriften in Kantinen wird bereits eifrig propagiert und lokal durchaus mit Erfolg umgesetzt. Und wie steht es dann mit jüdischen oder vegetarisch/veganen Vorgaben bei der Essenswahl? Die meisten zumindest der kleineren Kantinen dürften mit der Fülle solcher Forderungen recht schnell an ihre Belastungsgrenzen kommen.

Rücksichtnahmen während des Ramadan, Nichtteilnahme von Mädchen am Sportunterricht, Einführung von Badezeiten in öffentlichen Schwimmbädern für muslimische Frauen und vieles andere mehr steht in den Katalogen.

Insgesamt muss sich eine freie Gesellschaft irgendwann entscheiden, wie viel Toleranz sie solchen Wünschen gegenüber aufzubringen bereit ist. Letztlich würde ein unbegrenztes Eingehen auf die Forderungen eine selbst herbeigeführte Islamisierung der Gesellschaft bedeuten.

 

ISLAMISIERUNG durch den Bau von Gotteshäusern

Dieser Punkt wird offenbar nur von Extremisten in der Rubrik „Islamisierung“ geführt. Eine Gesellschaft, in der ganz selbstverständlich ein jeder das Recht hat, eine Religion seiner Wahl auszuüben, kann und darf den Bau von religiösen Kultstätten nicht verbieten. In diese Rubrik fällt auch das unsägliche generelle Minarettverbot in der Schweiz.

Eine ganz andere Frage ist dabei, dass sicherlich die jeweils  geltenden baurechtlichen Vorschriften eingehalten werden müssen. Eine Moschee mitten in einer historischen Altstadt verbietet sich bereits aus diesem Grunde. Ebenso gilt es (ähnlich wie beim Läuten von Kirchenglocken) darauf zu achten, dass der Lärmschutz zumindest angenähert gewahrt bleibt. So wäre in jedem Fall ein Muezzinruf morgens um 5 Uhr inakzeptabel.

Allerdings hat sich das Bild unserer Städte in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Es spricht also nichts dagegen, wenn in diesen neuen Gebieten die eine oder andere Moschee entsteht.

Dieser Punkt kann also in unserem Zusammenhang ersatzlos gestrichen werden. Er kennzeichnet keine Islamisierung.

 

ISLAMISIERUNG durch Einschüchterung

Nicht erst nach den Morden an den Charlie Hebdo Redakteuren stellt sich die Frage, welcher tiefere Sinn solchen Anschlägen zuzumessen ist. „Bestrafung“ oder Rache wegen angeblicher Beleidigung des Propheten kann es ja allein nicht sein. Außerdem böte das keine Erklärung für die Twin Towers oder Madrid und London, wo jeweils wahllos gemordet wurde.

Man will sich ganz offensichtlich „Respekt“ verschaffen. „Seht her, ihr dekadenten Westler, akzeptiert unsere andere Art zu leben und zu denken, sonst werden wir euch immer und immer wieder bestrafen“. Es sind also ganz offensichtlich Machtdemonstrationen, um Leute einzuschüchtern. Das Signal richtet sich aber auch an die eigenen (viel zu laschen) Glaubensbrüder. Doch scheint diese Botschaft nur in geringem Umfang zu wirken. Die erwünschte Radikalisierung nimmt nur am ohnehin schon vorhandenen extremen Rand zu, die große Mehrheit der Moslems wendet sich mit Schaudern ab. Mit Einschüchterung eine Islamisierung erreichen zu wollen gehört daher wohl eher in die Kategorie von 1001 Nacht.

 

Frank Berghaus

(Dieser Artikel wurde zuerst am 14.2.15 publiziert)

Link zu Islamisierung-Artikeln




„ISLAMISIERUNG“ I


islamisierung_nein_dan7tydSpätestens seit dem Aufkommen von AfD und Pegida (Alternative für Deutschland und Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) wird die angebliche Islamisierung Deutschlands (worauf ich mich hier beschränken möchte) ausgesprochen kontrovers diskutiert. Es lohnt sich also, einmal einen unvoreingenommenen Blick darauf zu werfen, was sich hinter der Begrifflichkeit verbirgt und was von verschiedenen Seiten darunter verstanden wird.

 

ISLAMISIERUNG in der historischen Betrachtung

Klassisch betrachtet versteht man unter Islamisierung die Übernahme des Islams als Staatsreligion und die Anpassung der allgemeinen Gesetze im Zivil- und Strafrecht an die Vorschriften soweit sie in der Shari’ah niedergelegt (nicht kodifiziert) sind. Dies ist in der frühen Ausdehnungsphase des Islams in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens in einer ganzen Reihe von Ländern eingetreten – in einigen (wie Spanien) auch wieder rückgängig gemacht worden.

Viele Rechtspopulisten sind nun der Meinung, dass diese Form von Islamisierung auch zwangsläufig in Deutschland eintreten werde, da ja die Moslems in Bälde die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen würden. In ihren einschlägigen Blogs liest sich das dann so: „Sobald Moslems in der Mehrheit sind, haben sie nichts anderes im Sinn, als die Shari’ah als grundlegendes Gesetz einzuführen“. Das Mittel zum Erreichen dieser Mehrheit seien der „Geburten-Jihad“ und eine zügellose Einwanderung von Moslems. In der Folge dürften die Anhänger der anderen „Buchreligionen“ nur noch ein Dasein als „Dhimmis“ fristen mit stark eingeschränkten Bürgerrechten. Was mit den echten Ungläubigen zu geschehen habe könne man sich vorstellen, wenn man sich die Aussagen des Qur’ans zum Apostatentum anschaue.

Betrachtet man allerdings die Fakten so sieht man leicht, dass diese Befürchtung gänzlich unbegründet ist – und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Rund gerechnet haben wir in Deutschland einen Moslemanteil von ca. 5% an der Gesamtbevölkerung – überwiegend mit türkischem Migrationshintergrund. Der Wanderungssaldo ist seit Jahren negativ, d.h. es wandern mehr Türken ab als neue hereinkommen. Die Geburtenrate deutsch-türkischer Frauen gleicht sich beständig an die der deutschen an und liegt nach neuesten Erhebungen nur noch bei 1.7 gegenüber 1.3. Ein (selbst relatives) Anwachsen ist also aus diesem  Teil der Bevölkerung nur in homöopathischen Dosen zu erwarten. Bleibt die Zuwanderung: Nach den Zahlen des BAMF kommt der weit überwiegende Teil der Zuwanderer aus ost- und südeuropäischen Ländern (über 77%), die zumeist orthodoxe oder katholische Christen sind. Es böte sich hier sogar an, von einer christlich geprägten Ostisierung oder Südisierung zu reden (man verzeihe mir die Neologismen). Einwanderer aus Afrika – soweit sie aus dem Bereich der Subsahara kommen – sind ebenfalls überwiegend christlich geprägt. Bleibt also ein Rest von Nordafrikanern, die in Europa versuchen, ihre Lebensumstände zu verbessern. Das sind Moslems, über deren Ansichten aber im Einzelnen noch nicht viel erhoben werden konnte (alles konzentriert sich im Wesentlichen auf die türkische Gemeinde). Gänzlich außen vor lassen muss man wohl die aus den Kriegsgebieten wie Syrien und Irak stammenden echten Asylsuchenden, die einen rechtlichen Anspruch auf Schutz und Sicherheit haben. Wie viele von ihnen nach Beendigung der Feindseligkeiten tatsächlich im Lande verbleiben werden ist noch unklar und darf unsere Überlegungen nicht beeinflussen.

Es steht also außer Frage, dass es eine solche „klassische“ Islamisierung nicht, oder jedenfalls nicht in überschaubaren Zeiträumen geben wird. Doch gehen wir einmal als Hypothese davon aus, dass irgendwann Moslems tatsächlich eine Mehrheit in Deutschland hätten. Wäre die Einführung von Islam als Staatsreligion und Etablierung der Shari’ah als Rechtssystem wirklich die unabwendbare Folge? Schon ergäbe sich die Frage, welche Version des Islams denn dann wohl eingeführt würde. Die bei uns lebenden türkischstämmigen Moslems hängen in knapper Mehrheit der Hanafiyyah an, Aleviten (immerhin 800.000 in Deutschland) haben der Shari’ah endgültig abgeschworen und setzen sich für eine Trennung von Staat und Religion ein wie wir Humanisten auch. Kurden wiederum (bei uns statistisch immer den Türken zugerechnet!) können mit beidem nichts anfangen und die Nordafrikaner ebenso. Ähnlich wie die Aleviten argumentieren auch die noch kleinen aber beständig wachsenden Gemeinden der liberalen Muslime. Es bliebe also der „harte Kern“ der von den orthodoxen muslimischen Verbänden Repräsentierten (ca. 10-15% der Moslems in D., aber sehr lautstark). Wie soll da EIN Islam als Staatsreligion überhaupt möglich sein? Das gibt es aus den genannten Gründen auch in anderen zu über 90% moslemischen Ländern nicht, wie der Irak mit dem Nebeneinander von Sunna und Shia eindrücklich zeigt. Doch selbst wenn ein homogener Islam beherrschend ist wie zum Beispiel in Tunesien (mit stark sufistischen Einschlägen), so heißt dies noch lange nicht, dass nun archaisch-religiöses Recht (wie etwa in Saudi Arabien) etabliert werden könnte. Die nach den ersten freien Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung dominierende Ennahdha hat es in Teilen versucht, zumindest Elemente der Shari’ah in der Verfassung unterzubringen. Sie sind weitestgehend gescheitert. Ein Beispiel: Ennahdha schlug vor, die Formulierung „Die Frau ist die Gefährtin des Mannes“ verbindlich zu machen und damit die bereits vor langer Zeit erkämpften Frauenrechte quasi auszuhebeln. Am nächsten Tag lernten sie dann die geballte Frauen-Power kennen, als sich ein riesiger Demonstrationszug von Frauen (und Männern) über die Ave. Habib Bourguiba zog um lauthals gegen diesen Affront zu protestieren. Der Vorschlag blieb daher kläglich stecken und markierte eine der größeren Niederlagen dieser extremistischen Partei.

Nun ist Tunesien zugegenermaßen ein absoluter Sonderfall, der aufgrund einer breiten in den letzten Jahrzehnten gewachsenen Bildungs- und Mittelschicht nicht so ohne weiteres mit anderen Ländern der Region verglichen werden darf. Aber immerhin zeigt Tunesien als „Leuchtturm“ an, wohin auch die Fahrt anderer Länder eines Tages gehen könnte. Die Ansätze dazu gab es bereits selbst im Nachbarland Libyen, wo allerdings die demokratischen Versuche von marodierenden Islamisten-Banden zusammenkartätscht wurden mit dem Erfolg, dass wir es hier im Moment mit einem „failed state“ zu tun haben. Sehr viel besser sieht es derzeit in Algerien aus, unserem westlichen Nachbarn. Seit dort die Religionsfreiheit eingeführt wurde (und Autonomie für die Rif-Kabylen) geht es beständig voran. Man zählt immerhin über 100.000 Konvertierungen zum Christentum. Man kann nur hoffen, dass nach dem absehbaren Abgang des greisen Präsidenten Bouteflika dieser Prozess fortgesetzt werden kann und nicht etwa die Terrororganisation Al Qaida du Maghreb Islamique Oberwasser bekommt. Auch in Marokko stehen die Zeichen nicht schlecht. Der junge König, dem aufgrund seiner Ausbildung in England eine konstitutionelle Monarchie vorschwebt, arbeitet beständig daran, dem konservativen Klerus winzige Zugeständnisse abzuringen. Er war extra drei Tage in Tunesien zu Besuch um sich vor Ort zu informieren, was da alles so machbar ist.

Wer nun sagt, dass noch nichts gewonnen sei, dem muss man natürlich Recht geben – alles steht noch auf sehr wackeligen Beinen. Aber immerhin ist ein Anfang gemacht und mit einigem gesunden Optimismus kann man sich eine bessere Zukunft auch für die islamischen moderaten Staaten durchaus vorstellen. Gestützt werden solche Bemühungen durch eine ganze Reibe arabischer und islamischer Philosophen und Denker, die in letzter Zeit vermehrt in diese Richtung publizieren und auch gelesen werden. Selbst von der konservativen Universität Al-Azhar kommen schon gelegentlich moderate Töne, auf die sich auch der Islam-Reformer Mouhanad Khorchide in Deutschland beruft. Es ist nicht ausgeschlossen, dass diese Bewegungen auch in Europa einen immer größeren Einfluss bekommen werden. Je mehr die fundamentalischen Versionen (wie sie sich in Saudi-Arabien oder im Islamischen Staat präsentieren) ins Blickfeld auch der (entsetzten) muslimischen Öffentlichkeit geraten, umso besser stehen die Chancen auf eine Zunahme der gemäßigten (oder weichgespülten) Varianten des Islams auch in Deutschland.

Sollte ich Unrecht haben und alles kollabiert eines Tages in Richtung Fundamentalismus, dann könnte mein Optimismus sich natürlich wie eine Fatwa Morgana in der heißen Wüstensonne erweisen.

 

Frank Berghaus

(Dieser Artikel wurde zuerst am 3.2.15 publiziert. Er stellt den Stand von 2015 dar. Diesem ersten Teil des Kapitels Islamisierung folgt morgen, 1.10., ein zweiter, in dem Frank Berghaus sich mit den anderen Facetten des Begriffs der „schleichenden Islamisierung“ beschäftigt. Zusätzlich folgt ein weiterer Islamisierungs-Artikel von Wilfried Müller, in dem die aktuellen Zahlen vorgerechnet und extrapoliert werden, und der im Ergebnis eine andere Einschätzung abliefert.)

Link zu Islamisierung-Artikeln

 




1. Schawwal 1437


islam-1299211_1280Am 28. Ramadan zeitlich angepasste Fassung:

Nach gregorianischem Kalender irgendwann am 5. oder 6. Juli 2016 stellt sich die islamische Welt wieder vom Kopf auf die Füße: Der Ramadan kommt mit einem Fest namens Aïd el fitr – in deutschsprachigen Gegenden auch Zuckerfest genannt – zu seinem Ende. Dann liegen dreißig entbehrungsreiche Tage hinter den Moslems, soweit sie der Pflicht zum Ramadan nachgekommen sind, was mitnichten durchgängig der Fall ist. Nach Befragungen durch fowid nehmen in Deutschland allenfalls 50% der Moslems die Mühsal der täglichen Tortur auf sich. Das wird auch von islam.de bestätigt. Wer übrigens glaubt, dass das in so genannten „islamischen“ Ländern (mit Ausnahme der Hardliner-Staaten) völlig anders aussähe, täuscht sich über die wachsende Zahl der von mir gern als Kulturmoslems bezeichneten weniger an Religion Interessierten (Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay).

Eines der Sprachrohre des organisierten Islams in Deutschland ist islam.de, eine Website, die darum bemüht ist, die „schönen“ und „edlen“ Seiten des Islams darzustellen. Hauptsprecher der Moslems ist FDP-Mitglied Aiman Mazyek. Durchaus lesenswert – wenn auch völlig weltfremd – ist seine Einführung in das Wesen des Ramadan http://islam.de/16161.php: „Wie einen guten Freund begrüßen Muslime den Fastenmonat Ramadan. Es ist ein Freund, der zum Innehalten anregt, zum Studium des Korans, zur Betrachtung unserer spirituellen Quellen, unserer religiösen Heimat. Es ist eine Zeit der körperlichen Entbehrung und der geistigen Erneuerung, der inneren Einkehr und der Gemeinschaft. Im Ramadan sind die Moscheen voller als gewöhnlich. Im Ramadan rücken Familien und Freunde enger zusammen, ist die Gemeinschaft der Gläubigen spürbarer als sonst. Das Fasten im Ramadan ist die dritte der fünf Säulen des Islams. Es ist ein vierwöchiger Gottesdienst, währenddessen der Mensch über die Beziehung zu seinem Schöpfer nachdenken kann und soll“.

Im Ramadan wird zudem an die Mildtätigkeit der Gläubigen appelliert. Der Zaket, eine weitere Säule des Islam, ist eine am 27. Ramadan festgelegte Summe, die jeder Moslem an Bedürftige entrichtet. Entweder man gibt dieses Geld oder auch eine Sachspende in Form von Nahrungsmitteln an einen Imam, der es an die Empfänger weiterleitet, oder man spendet direkt an eine karitative Einrichtung. Nicht selten werden Wohlhabende zu Banketten geladen, zu denen leicht 250 oder mehr Besucher zusammenkommen, die jeweils ein Iftar (das tägliche Essen zum  Fastenbrechen) zu bewusst sehr überhöhten Preisen einnehmen, damit eine stattliche Summe für die entsprechende Einrichtung zusammenkommt. Das sind – wenn man vom religiösen Hintergrund einmal absieht – sehr schöne Veranstaltungen, an denen sich zum Beispiel hier in Tunesien jeweils auch die ausländische Community lebhaft beteiligt.

Das ideale Bild des „Fastenmonats“ geht auf Mohammed selbst zurück, der angeblich während dieser Zeit seine ersten Begegnungen mit einem „Engel“ namens Gabriel hatte. Von diesem erfuhr er die Worte eines Gottes, den Moslems Allâh nennen. Gebündelt fanden diese Worte sich schließlich im Koran wieder. Erste schriftliche Aufzeichnungen der Visionen des schreibunkundigen Propheten finden sich etwa 40 Jahre nach dessen Tod. Wie viel während dieser Periode mündlicher Überlieferung von den Adepten verändert, umgestellt oder neu hinzugedichtet worden ist, entzieht sich natürlich der detaillierten Kenntnis. Viele der im Koran beobachtbaren Inkonsistenzen lassen sich aber wohl nur durch diesen Transmissionsweg erklären. Entsprechende wissenschaftliche Bemühungen um Klärung werden allerdings von nicht wenigen Moslems argwöhnisch beäugt, selbst wenn die Ergebnisse von der Universität Al Azhar in Kairo stammen, einem Forschungsort, der gemeinhin so etwas wie den Vatikan des Islam darstellt.

Die genaue Anwendung der Regeln verlangt von gesunden Moslems ab der Pubertät rund 14 bis 15 Stunden täglich und trotz Temperaturen von über 40° im Schatten die totale Enthaltsamkeit: Essen, Trinken, Rauchen sind verboten – und natürlich auch Sex.

Weiterhin sind Meditationen und die vorgeschriebenen Gebete, im Ramadan sechs statt der üblichen fünf, einzuhalten. Zudem soll sich der Moslem dazu auch noch aller „unreinen“ oder feindseligen Einstellungen enthalten – soweit sich das überprüfen lässt. Theoretisch ist eine solche genaue Befolgung, wie auch Mazyek andeutet, nur in einer Gesellschaft möglich, die während dieser Zeit Ferien nimmt, oder die sich darauf beschränkt, eine Herde Schafe und Ziegen und allenfalls einige Kamele zu hüten. In der modernen Arbeitswelt, die der muslimische Gott Allâh entweder nicht voraussehen konnte oder wollte, ist dies praktisch unmöglich. Wie sieht also die Praxis aus?

Von den in Deutschland lebenden Moslems praktiziert nach Angaben von islam.de überhaupt nur in etwa die Hälfte den Ramadan, und auch wohl mehrheitlich (soweit sie im Arbeitsleben stehen) befolgen diese nur den Essens-, Trinkens- und Rauchensteil der Regeln (hier „le jeûne“ genannt), was natürlich bereits für sich allein genommen ungemein schwer fällt.

Für die geforderte Meditation dürfte am Arbeitsplatz genauso wenig Zeit verbleiben wie für die ordnungsgemäße Verrichtung der Gebete. Man stelle sich zum Beispiel einen Fliessbandarbeiter vor, der seinen Arbeitsplatz verlässt, um neben dem Band den Gebetsteppich auszurollen! Oder einen Schullehrer, der den Unterricht unterbricht, um sein Gebet zu verrichten. Das würde die Akzeptanz von Moslems in der westlichen, ergebnisorientierten Gesellschaft sicherlich nicht befördern. Also wird es unterlassen. Das ist auch hier in Tunesien so. Man mache sich da bitte keine falschen Vorstellungen. Von etlichen weiß ich, dass sie sich zwar am Arbeitsplatz selbst zurückhalten (um dem sozialen Druck zu entgehen), doch sobald sie das Firmengelände verlassen haben, wird die erste Zigarette angesteckt und zu Hause zumindest Wasser getrunken, weil es sonst nur schwer auszuhalten ist.

Wegen dieser Unmöglichkeiten verkommt der Grundgedanke des Ramadans zur Enttäuschung nicht weniger strenggläubiger Moslems zur bloßen  Einhaltung der äußeren  Regelstruktur, der eigentliche Inhalt höhlt sich zunehmend aus. Das sehen auch die moslemischen Verbände so, aber mehr als Appelle an die nicht-moslemischen Kollegen, doch bitte Rücksicht auf die Moslems zu nehmen, fällt ihnen dazu nicht ein. Die Mehrheit soll sich nach ihren Vorstellungen der Minderheit anpassen. Das gehört zu einer ganzen Serie stetiger Forderungen von moslemischer Verbandsseite: die Aufnahmegesellschaft soll sich bewegen – man selbst hat dies nicht nötig, weil man sich im Besitz der alleinigen Wahrheit glaubt. Dieses offensichtliche Integrationsproblem wird von vielen Moslems einfach dahingehend gelöst, dass sie entweder den Regeln des Ramadan nicht mehr folgen, oder die Exerzitien am Abend nach der Arbeit nachholen.

Eine adaptive Lösung der schwierigen Regel, die die Flüssigkeitsaufnahme verbietet, was nicht selten vor allem bei Älteren zu Dehydrationsbeschwerden bis hin zu echten gesundheitlichen Schäden oder gar zum Tod führt, lieferte bereits vor langer Zeit der Gründungspräsident des modernen Tunesiens, Habib Bourguiba, als er im Fernsehen die Frage, ob er den Ramadan befolge, schlicht mit „Nein, ich arbeite“ beantwortete. Ostentativ leerte er ein Glas Wasser nach seiner Antwort. Von den „Rechtgläubigen“ in der islamischen Gesellschaft wird er seither als Apostat bezeichnet. Der Koran verlangt für Menschen wie ihn die Todesstrafe. Die wird aber derzeit nur in den sehr extremen islamischen Ländern wie Saudi-Arabien oder Iran exekutiert.

Die Reduzierung des Ramadan auf die nur äußere Einhaltung der Fastenregeln unter Auslassung der meditativen Anforderungen gibt einen Hinweis darauf, in welche Richtung sich ein sogenannter moderater Islam entwickeln könnte, nicht etwa durch Selbstreform, dazu erscheint er derzeit unfähig, sondern durch den Druck moderater Moslems, die angesichts der doppelten Anforderungen zwischen Religion und Arbeitswelt praktische Lösungen suchen. So wird auch die Flüssigkeitsaufnahme tagsüber nicht auf ewig das Tabu bleiben können, das es heute vielfach noch ist. So bedienen sich zum Beispiel die 60 Näherinnen, die im Unternehmen meiner Frau arbeiten, nach anfänglichem scheuen Zögern inzwischen wie selbstverständlich an den aufgestellten Automaten, die gekühltes Wasser anbieten.

Die Adaptation an modernere Erkenntnisse und Notwendigkeiten, von Christen und Juden kulturell längst umgesetzt, wird auch den Islam nicht ausklammern, wenn er sich dauerhaft in den europäischen Kulturen etablieren will. Einen Anfang zu den erforderlichen Veränderungen hat in Deutschland der inzwischen emeritierte Göttinger Professor Bassam Tibi gemacht, dessen Vorschläge für einen „Euro-Islam“, ausgerichtet an dem von ihm eingeführten Begriff der „Leitkultur“, vieles von dem, was am Islam stört wie etwa die Scharia oder die Rolle der Frauen, als entweder zweitrangig einstufen, oder dessen völlige Abschaffung einfordern. Inzwischen gibt es auch im Netz, oft von Frauen betrieben, säkular-moslemische Seiten, auf denen Angleichungen der strengen Systematik an das moderne Leben gefordert werden. Unter „säkular-moslemisch“ wird generell ein Islam verstanden, der sich den Anforderungen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung stellt und die Trennung zwischen Religion und Staat fordert. Man kann solche Bestrebungen nur voll unterstützen, denn genauso wenig, wie es gelingen wird, zum Beispiel den Katholizismus völlig abzuschaffen, wird es möglich sein, etwa den Islam zu verbieten. Also muss er gemeinschaftsverträglicher werden, wie dies ja in Teilen zumindest selbst mit den Kirchen gelungen ist – nicht von heute auf morgen, aber immerhin in überschaubarer Zukunft.

Wenn auch nicht gerade in Saudi-Arabien, so doch in den Randländern des Islam wie zum Beispiel in Tunesien, beginnt der innere Widerstand gegen die als unangemessen empfundene Tortur auf weniger intellektuelle Weise. Man beginnt zu erkennen, in welchem Umfang  die Volkswirtschaft durch die strikte Einhaltung der Ramadan-Regeln beeinträchtigt wird. Ein vernünftiges, durchgehendes Arbeiten ist häufig gar nicht möglich, wenn man nur noch in miesepetrige und unleidliche Gesichter blickt. Die Auswirkungen von Nährstoffmangel auf das Wohlbefinden und die Denkfähigkeit sind in den fortschrittlicheren Ländern längst wissenschaftlich detailliert erforscht und gut bekannt. Selbst einfacher veranlagte Hijab-Trägerinnen trauen sich inzwischen trotz des enormen sozialen Drucks, bei anstrengenden Arbeiten in der Hitze, die Wasserflasche in Griffweite zu haben. In manchen Belegschaften finden sich die strikten Befolger bereits in der Minderheit. Dies gilt nota bene in Tunesien, in Einschränkungen auch in Algerien. In Marokko hindert der §222 des Strafgesetzbuches eine Aufweichung der religiösen Vorschriften. Öffentliches Ramadanbrechen untertags wird mit Gefängnis bestraft. Immerhin existieren bereits an den König gerichtete Initiativen, dieses Gesetz aufzuheben oder abzumildern.

Ein gesondertes Problem stellt die ständige Übermüdung dar, was sich in einer stark erhöhten Unfallrate auf den Strassen zeigt. Zum Verständnis dieses Phänomens muss man sich den Ablauf einer typischen Nacht im Ramadan vor Augen führen. Abends um ca. 19 Uhr ist Iftar, das Ramadanbrechen. Da wird dann wegen des tagsüber erlittenen Mangels gegessen was das Zeug hält (man spricht selbst hier in Tunesien respektlos von „la grande bouffe“ wie der gleichnamige Film: Das große Fressen). Anschließend geht es auf die Strasse, um sich mit Freunden und Bekannten in den Cafés zu treffen, was bis ungefähr Mitternacht dauert. Dann ab nach Hause und noch ein paar Süßigkeiten hineingestopft. Spätestens kurz nach 3 Uhr bimmelt der Wecker (in Kairo und anderen großen Städten geht eigens ein Ausrufer um, der die Leute weckt), denn spätestens gegen 4 Uhr ist es wieder vorbei mit der Nahrungsaufnahme. Dass dieser Schlafmangel nicht gerade dazu beiträgt, die Sicherheit im Verkehr zu erhöhen, liegt auf der Hand. Ich war selbst Zeuge der bizarrsten Unfälle, die unter normalen Bedingungen einfach nicht passieren. Der Grund immer wieder derselbe: am Steuer sanft entschlafen!

Das selbst auferlegte Leiden dokumentiert sich am besten in der Reaktion der Betroffenen selbst: Spätestens eine Woche vor Ablauf des „heiligen“ Monats beklagt sich die Mehrheit und zählt nur noch die Tage, bis endlich der 1. Schawwal erreicht ist. Dann beginnt das Leben wieder. Die islamische Welt steht wieder auf den Füssen.

Nachtrag: In der besonderen Situation Tunesiens sei mir eine Randbemerkung erlaubt. Nach der Revolution wurden alle einsitzenden Extremisten (soweit es nicht Schwerstkriminelle waren) aus den Gefängnissen entlassen. Sie bilden das harte Rückgrat extremistischer Parteien wie Ennahdha des Sheikhs Rachid al-Ghannouchi. An deren extremem Rand wiederum befinden sich die eingefleischten Salafisten, die bereits Kinos in Brand gesteckt haben, Frauen ohne Kopftuch gern mal an den Haaren ziehen, oder sommer-leicht bekleidete Mädchen auffordern, sich züchtig zu bekleiden. Da etliche Cafés in den größeren Städten den Nichtbefolgern weiterhin Getränke und Essen anbieten, befürchtet die Polizei nun Anschläge auf solche Orte und hat die Sicherheitsvorkehrungen entsprechend erhöht. Ich kann nur hoffen, dass diese Maßnahmen von Erfolg gekrönt sein werden, da ich keinen höhnischen Artikel zu einem evtl. Fall in bestimmten Publikationen lesen möchte.

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.

 




Allahs ungeliebte Kinder - Lesben und Schwule im Islam


Lehrer Daniel KrauseInterview zum neuen Buch von Daniel Krause

Vor einem Jahr sorgten das Buch des Lehrers Daniel Krause "Als Linker gegen Islamismus" sowie der erfolgreiche Gerichtsprozess des Autors für viel Aufmerksamkeit in den Medien. In diesem Monat wird ein weiteres Buch von Daniel Krause erscheinen, welches sich noch intensiver als das vorherige mit der Situation von Lesben und Schwulen im Islam beschäftigt. Das Buch erscheint beim neomarxistisch ausgerichteten Hintergrund-Verlag Osnabrück und trägt den Titel "Allahs ungeliebte Kinder – Lesben und Schwule im Islam". Auf einer Veranstaltung des Freidenkerbunds Österreich am 25. April in Wien wird Daniel Krause neben prominenten Islamkritikern wie Mina Ahadi und Hartmut Krauss einen Vortrag halten und dabei auch dieses Buch ausführlich vorstellen. http://lehrerkrause.wordpress.com/2014/03/18/freidenker-enquete-mit-mina-ahadi-hartmut-krauss-und-daniel-krause/.  Für Wissenbloggt gibt der promovierte Sozioge und Lehrer Daniel Krause schon jetzt Einblicke in den Inhalt und die Hintergründe zu diesem Buch. 

Auch in Ihrem letzten Buch "Als Linker gegen Islamismus" ging es um die Situation von Lesben und Schwulen im Islam. Warum haben Sie sich entschlossen, nun ein weiteres Buch zu diesem Thema zu veröffentlichen?

Eines der zehn Kapitel in meinem letzten Buch trug den Titel "Allahs ungeliebte Kinder". Darin berichtete ich von meinen Erfahrungen aus der lesbisch-schwulen Jugendarbeit mit homosexuellen Teenagern aus muslimischen Familien. Unter anderem ging es darin um reale Fälle, wo solche Jugendliche von ihren religiös-homophoben Eltern in den Selbstmord getrieben wurden. Über Inhalte aus diesem Kapitel hatte ich auch bei der Buchvorstellung im Mai 2013 in Münster berichtet. Die Resonanz und die emotionale Betroffenheit der Leserschaft bzw. des Publikums war bei diesem Kapitel heftiger als bei allen anderen. Viele wollten mehr über die Situation homosexueller Jugendlicher im Islam erfahren. Es lag auf der Hand, explizit zu diesem Thema ein weiteres Buch zu veröffentlichen. Denn ein solches Buch, dass sich schwerpunktmäßig kritisch mit der Homophobie in muslimischen Subkulturen auseinandersetzt, gibt es noch nicht auf dem deutschen Buchmarkt. 

Ist man in Deutschland überhaupt empfänglich für diese Thematik? Der Kampf gegen Homophobie scheint bislang weniger auf den radikalen Islam, sondern vielmehr Putin und Russland abzuzielen. 

Es ist tatsächlich auffällig und hoch irrational, wie sehr sich insbesondere die homosexuelle Szene einseitig auf Russland eingeschossen hat. Zwar empfinde auch ich große Verachtung gegenüber der Homophobie der russischen Gesellschaft, doch man sollte sich vor Augen halten: Nicht in Russland, sondern ausschließlich in muslimisch dominierten Staaten besteht die Todesstrafe gegen Homosexualität. Auch Ehrenmorde an Homosexuellen sind kaum für Russland, eher jedoch für muslimisch dominierte Staaten typisch. In Russland sind homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen sogar legal, lediglich die positive Darstellung von Homosexualität gegenüber Kindern ist verboten. Dieses Verbot ist reaktionär, keine Frage. Aber es ist schlichtweg inkonsequent, dass die homosexuelle Szene so dermaßen intensiv gegen Russland aufmüpft, während die viel schlimmeren Zustände in unzähligen muslimischen Ländern kaum Beachtung finden. Hier zeigt sich ein frevelhafter Kulturrelativismus: Man gesteht muslimischen Milieus deutlich mehr Homophobie zu als christlichen Kreisen. Menschenrechte sind jedoch universell.

Halten Sie den Islam im Kern für homophober als andere Religionen? Oder ist der Islam einfach in seiner Entwicklung hin zur Aufklärung noch nicht so weit wie das Christentum?

Auch die Bibel ist homophob und sexistisch. Homophobie hat in der chrstlichen Geschichte eine ähnliche Tradition wie die Hexenverbrennung. Allerdings ist durch säkulare Bewegungen weitgehend gelungen, das Christentum zu zähmen beziehungsweise es dahin zu bewegen, sich von innen heraus zu reformieren, wie es in der evangelischen Kirche schon erfreulich funktioniert hat. In Nord- und Westeuropa können Homosexuelle sogar schon mit evangelischem Segen kirchlich heiraten. Im Islam sieht das schon ganz anders aus: Alle vier großen islamischen Rechtsschulen sehen drakonische Strafen für homosexuelle Handlungen vor. Im Iran sind in den letzten Jahren tausende von Schwulen öffentlich hingerichtet worden. Und bezogen auf Deutschland zeigen repräsentative Studien: Die Mehrheit der hier lebenden Muslime halten Homosexualität für eine Krankheit. Unter den Nicht-Muslimen ist nur noch eine ganz kleine Minderheit dieser Auffassung. 

Handelt Ihr neues Buch eher von homosexuellen Muslimen in Deutschland? Oder auch von solchen in muslimisch dominierten Staaten?

Allahs ungeliebte Kinder.2.inddSowohl als auch. Ich berichte sowohl von einem lesbischen muslimischen Mädchen aus NRW, welches mit einem fremden Iraner zwangsverheiratet werden sollte und sich mit ihrer deutschen Freundin hiervor zu retten versuchte. Doch ich gebe auch in reportageähnlicher Form exklusive Einblicke in die Situation in Istanbul, wohin ich im letzten Sommer zu Recherchezwecken gereist bin. Junge Schwule fürchten sich dort vor Ehrenmorden durch ihre eigenen Familien sowie auch vor Gewalt durch Fremde auf offener Straße. Gerade in Bezug auf die Türkei thematisiere ich auch die Probleme im Zusammenhang mit der dort sehr homophoben Stimmung in der Armee.  

Bei Ihrem neuen Verleger handelt es sich um den Soziologen Hartmut Krauss, welcher für außerordentlich harte Thesen gegen den Islam bekannt ist. Er hat auch das Vorwort zu Ihrem Buch geschrieben und teilt darin kräftiger gegen den Islam aus als Sie selbst es tun. 

Hartmut Krauss hat Recht, wenn er feststellt, dass der Islam gemäß des Korans eine politische Ideologe mit totalitärem Anspruch auf Weltherrschaft ist. Darum kann ich es nachvollziehen, dass er den Mythos "guter Islam, böser Islamismus" ablehnt. Ich selbst bin allerdings nicht nur Soziologe, sondern auch Germanist. Und als solcher bin ich mir darüber bewusst, dass der Begriff "Islam" im Bewusstsein vieler Menschen einen Bedeutungswandel durchlaufen hat, den man respektieren mag. Aus diplomatischen Gründen kann eine Unterscheidung zwischen "Islam" und "Islamismus" gelegentlich durchaus sinnvoll sein, etwa dann, wenn man den Dialog mit "liberalen" Muslimen aufrechterhalten will anstatt jene durch begriffsbezogene Beharrlichkeiten zu verstoßen. Wer eine Unterscheidung zwischen "Islam" und "Islamismus" ableht, sollte zumindest zwischen den "Muslimen" als Menschen einerseits und der religiösen Ideologie andererseits unterscheiden. Denn Muslime sind letztlich die am meisten leidenden "Opfer" des Islams bzw. des Islamismus. Kritik am Islam bzw. Bekämpfung des Islamismus dient (auch in meinem Buch) insbesondere dem Schutz eben dieser Menschen, welche in ihrem jungen Leben teils gegen ihren Willen durch Beschneidung und andere Rituale zu "Muslimen" gemacht worden sind. Hartmut Krauss und ich sind uns übrigens zumeist einig in dieser schützenden Haltung gegenüber Muslimen.

Wie kommt es, dass Ihre Buchpremiere dieses Mal im Ausland stattfindet? Der Freidenkerbund Österreich hat Sie ja für einen Vortrag mit Signierstunde nach Wien eingeladen.

Der Freidenkerbund Österreich ist für Islamkritik deutlich aufgeschlossener als die entsprechenden Verbände in Deutschland. Zudem gibt es auch gerade in Wien Anlass, über das Thema meines Buches zu sprechen. Eine muslimische Religionslehrerin an einer dortigen Schule hat den Kindern nämlich erzählt, dass Homosexuelle verbrannt werden müssen. Repräsentative Studien in Österreich haben ergeben, dass ein Großteil der muslimischen Religionslehrer an den staatlichen Schulen die Demokratie ablehnen und die Scharia höherstellen. Der Freidenkerbund Österreich hat begriffen, was auch in Deutschland erkannt werden muss: Wehret den Anfängen!    

Vielen Dank für das Interview. 

Einen Teil seiner Recherchen hat der Autor in Tunesien durchgeführt, während er bei mir zu Besuch war.




Pressemitteilung der Initiative liberaler Muslime Österreich – ILMÖ


HomeWien, 7.4.2014: ILMÖ verlangt die sofortige fristlose Entlassung des islamischen Religionslehrers Hisham Al-Baba

Die Initiative Liberaler Muslime Österreich – ILMÖ verlangt vom Stadtschulrat Wien die sofortige fristlose Entlassung des islamischen Religionslehrers und  eines der Führer der Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich-IGGiÖ und Führungsmitglied der Hizb ut-Tahrir Österreich, Hisham Al-Baba, der seit vielen Jahren "Kalif von Wien" bekannt ist, worüber 2002 auch das Nachrichtenmagazin "Profil" berichtete und diese Informationen über Al-Baba daher allgemein bekannt waren.

Al-Baba war für das Programm des islamische Religionsunterrichtes verantwortlich und er bekam auch einen Posten als Religionslehrer. Auf dem You-Tube-Video vom Oktober  2013 – http://www.youtube.com/watch?v=tKP1By3iVpY    – interviewt er den Jihadisten Abu Staif, der in Syrien zum Kampf gegen die Ungläubigen, gegen Juden und Christen aufruft und für die Errichtung eines Kalifates, also eines streng islamistischen Gottesstaates eintritt. Al-Baba ist zurzeit karenziert, hat aber – wenn er wieder als Religionslehrer arbeitet – weiterhin das Recht von den von ihm gehassten Ungläubigen ein fettes Gehalt zu beziehen.

Darum verlangen die Initiative Liberalen Muslime Österreich – ILMÖ von den verantwortlichen Stellen, auch die sofortige Aberkennung seiner Staatsbürgerschaft und seine Abschiebung, weil er durch das Schüren von Feindseligkeiten für uns alle gefährlich geworden ist. Weiters machen wir die IGGiÖ mitverantwortlich, da sie schon längst Mitwisser der Aktionen der radikalen islamistischen Fundamentalisten ist.

Pressesprecher
Tel.: 0699/103 33 243

Initiative Liberaler Muslime Österreich – ILMÖ
info@initiativeliberalermuslime.org
http://www.initiativeliberalermuslime.org

 




Todenhöfers „Feindbild Islam“


Der Mensch frönt wohl am liebsten der Neigung, nur das zur Kenntnis zu nehmen, was ins festgefügte Weltbild passt – unabhängig von der Richtigkeit des Wahrgenommenen. Das erleichtert das Leben enorm und stärkt die einmal gefassten (Vor-)Urteile. Für dieses bei Ideologen besonders typische Scheuklappen-Verhalten findet sich mit der am 2. Februar 2012 beim http://hpd.de/node/12830 erschienenen „Rezension“ des Büchleins von Jürgen Todenhöfer „Feindbild Islam“ ein besonders krasses und – wie ich meine – empörendes Beispiel.

Zunächst gibt der Rezensent sich überrascht, doch hat diese Überraschung nicht zu weiterem Nachdenken geführt, und er fährt fort:

Ich gebe es zu: Aus der Feder eines CDU-nahen Mannes hätte ich die­ses Buch in die­ser Form nicht erwar­tet. Todenhöfer stellt “zehn Thesen gegen den Hass” auf, die ihn als pro­fun­den Kenner des Orients und Befürworter einer neuen Politik des Westens gegen­über der mus­li­mi­schen Welt aus­zeich­nen.

Der Rezensent stellt sich aber nicht einmal die Frage, vor welchem geistigen Hintergrund Todenhöfer zu seinen Aussagen kommt. Seit geraumer Zeit können wir beobachten, dass sowohl die RKK (durch die Bischofskonferenz) als auch die EKD ihre Arme weit ausbreiten, um diese „dynamische“, für Deutschland noch fremde Religion willkommen zu heißen. Der Hintergrund ist klar: Man sucht Verbündete im Kampf gegen die Säkularisierung, im Hass gegen alle, die nicht an irgendeinen Gott zu glauben bereit sind. Für diesen Kampf ist so ziemlich alles recht, was sie dem Ziel näher bringen könnte. Da erscheint es fast logisch zwingend, dass gerade der bekennende Christ Todenhöfer in dasselbe Horn stößt. Das stört den Rezensenten aber nicht im Geringsten. Statt diese Koalition der Religiösen, die von weniger Ideologisierten als zunehmende Gefahr für die Freiheiten des Individuums eingestuft wird, lässt er sich von den Phantastereien seines „profunden Kenners des Orients“ dahintreiben und erkennt nicht einmal, dass er damit im Grunde seinen eigenen, säkularen Prinzipien und Überzeugungen widerspricht.

Bezeichnend ist, dass die Apologeten eines „friedlichen“ Islams, immer wieder zwei grundlegende Fehler machen. Sie nehmen den Islam als eine Religion unter anderen und vergessen dabei nur zu gerne die virulente politische Dimension und Dynamik, die ihm innewohnt. Der Fehler ist sogar verständlich, wenn man bedenkt, dass dem Piranha christliche Kirche mit der Aufklärung die politischen Zähne gezogen wurden und die jetzt getragenen dritten Zähne nicht mehr ganz so scharf zubeißen können. Warum sollte es beim Islam anders sein? Nur: Eine solche Aufklärung hat der Islam (außer einigen letztlich vergeblichen Ansätzen im Hochislam) nie durchmachen müssen. Im  Gegenteil beobachten wir heute eine stark gegenläufige radikale Tendenz zurück zu den Wurzeln (zumindest in den Ländern, in denen der Islam eine Mehrheit hat). Der zweite Fehler hat gleich zwei Komponenten. Er rührt aus der völlig richtigen Beobachtung, dass die große Mehrheit der Moslems ausgesprochen friedlich ist, was zu der Annahme verleitet, das läge an den Bemühungen, einen modernen, an das Leben im 21. Jahrhundert angepassten Islam zu kreieren. Man bemüht dann gern einige arabische Philosophen der Neuzeit (wie den Tunesier Meddeb) oder die (vergeblichen) Anstrengungen eines Bassam Tibi, dieser mittelalterlichen Religion so etwas wie einen menschlichen Anstrich zu geben. Sie haben nur nicht den geringsten Einfluss auf die offizielle Interpretation des heutigen Islams. Die liegt fest in den Händen von al-Azhar in Kairo, so etwas wie der „Vatikan“ des Islams. Doch von dort ist dergleichen nie zu hören. Im Gegenteil jagt eine schlimme Fatwa die nächste – von Aufklärung weit und breit keine Spur. Nähme al-Azhar irgendwann auch nur eine einzige der Ideen moderner Philosophen auf und gösse sie in Form einer Fatwa, dann – und nur dann – könnte man dem Islam die Friedfertigkeit zuerkennen, die von Kirchenleuten und Ideologen so gern hineininterpretiert wird. Solange aber der Qu’ran als unveränderbares und für ewige Zeiten gültiges Wort Allahs verstanden wird und nicht als ein aus seiner Zeit heraus zu verstehendes historisches Machwerk, so lange wird sich am prinzipiellen Fundamentalismus des Islams nichts ändern. Erstaunlich für ideologisch Unvorbelastete ist immer wieder die Beobachtung, dass genau jene Kritik des Fundamentalismus zu recht an den Evangelikalen vorgenommen wird, doch wenn es an exakt dieselben Verhaltensphänomene bei Moslems geht, schweigt der Unwissende und zieht Belege für das Gegenteil aus jeder nur zu findenden Quelle, und sei sie auch noch so dubios.

Natürlich kann der Rezensent nicht völlig auf Kritik verzichten, das wäre ja allzu auffällig. Und so ringt er sich durch:

Todenhöfer ver­tei­digt mei­ner Meinung nach zu sehr die abra­ha­mi­ti­schen Religionen, um nach­zu­wei­sen, dass diese “an sich” fried­lich seien. Man muss nicht zwin­gend Deschners viel­bän­di­ges Werk ken­nen, um zu wis­sen, dass diese Ansicht his­to­risch nicht unbe­dingt halt­bar ist.

Er findet die Spur, aber er greift sie nicht auf, sondern schwadroniert munter mit unhaltbaren Behauptungen weiter drauf los.

Richtig aller­dings ist, dass Europa in der Zeit, als die Ibe­ri­sche Halbinsel mus­li­misch war, wie­der Kontakt zur klas­si­schen grie­chi­schen und römi­schen Kultur fan­d. Dass das medi­zi­ni­sche, mathe­ma­ti­sche und opti­sche Wissen die­ser Zeit aus dem ara­bi­schen Raum stammte.

Dass die Araber allenfalls Mittler des Wissens aus eroberten Gebieten waren, selbst aber kaum Eigenständiges beigetragen haben, wird bei solchen apologetischen Verklärungen leider nur allzu häufig von Ignoranten der arabischen Eroberungsgeschichte ausgeblendet. Wäre „Wissen“ nicht ein gar so rotes Tuch für den Rezensenten, hätte er sich unschwer in meinem Artikel „Demokratie oder Islam“ http://www.wissenbloggt.de/?p=375 informieren können.

Zu vielen Punkten dieser „Rezension“ gäbe es noch einiges zu sagen, so zum Beispiel der „schädlichen“ Geschichte der Kolonialisation, doch ich belasse es für den Moment dabei, da mir meine Gesundheit wichtiger ist als die ohnehin nicht eintretende Aufklärung bei Ideologen.

Dass eine dermaßen schlampig gearbeitete und fern jeden analytischen Bemühens angefertigte "Rezension" beim früher einmal als seriös geltenden Humanistischen Pressedienst erscheinen kann, verwundert wohl nicht nur mich.

 

 

Weitere Arbeiten desselben Autors siehe hier.